Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Robert Reitzel >

Kleine Schriften

Robert Reitzel: Kleine Schriften - Kapitel 10
Quellenangabe
pfad/reitzel/schrift/schrift.xml
typetractate
authorRobert Reitzel
titleKleine Schriften
publisherKarin Kramer Verlag
printrunErste Auflage
editorManfred Bosch
year2004
isbn3-87956-292-X
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120801
projectid5d090ead
Schließen

Navigation:

Der unglückliche Erbprinz

Es wurde einmal ein Erbprinz geboren und der hieß Mensch. Dem war alle Macht und Herrlichkeit der Erde versprochen, und er sollte in sie eingesetzt werden an dem Tage, an dem er sich mit der gleichaltrigen Prinzessin Freiheit vermählen würde. Die Erziehung dieses Erbprinzen vertraute der liebe Gott einem Ehepaare an, das von Ewigkeit her im Himmel schon gewohnt hatte, dem Onkel Staat und der Tante Kirche.

Das waren aber ein böser Onkel und eine böse Tante. Sie haßten die arme Prinzessin Freiheit, und weil sie gern selber alle Macht und Herrlichkeit besessen hätten, so wollten sie dafür sorgen, daß der Erbprinz nie aus den Kinderschuhen herauskäme und daß er die Prinzessin Freiheit nie kennen lerne.

Das war eine ganz merkwürdige Geschichte: der Prinz war schon ein großer, starker Junge, er hätte gern Braten gegessen und Wein getrunken, aber man ernährte ihn immer noch mit Schafsmilch, er wäre gern auf Bäume geklettert und durch den Fluß geschwommen, aber man hatte ihn immer noch eingebüschelt und eingewickelt wie ein ganz kleines Kind, und wenn er strampelte und schrie, so drohte man ihm mit dem schwarzen Mann oder man steckte ihm den süßen Lutschbeutel der Geduld in den Mund.

Nun hatte Tante Kirche eine Magd angenommen, die hieß Wissenschaft und tat gar untertänig, aber eigentlich war sie auch eine Prinzessin und treu ergeben ihrer Schwester, der Freiheit. Einst fragte der Prinz: wie alt bin ich denn? da sagte ihm die Magd: schon viele, viele tausend Jahre. Das hörte die böse Tante und die arme Magd wurde hart gescholten und geschlagen und in die dunkle Kammer gesperrt; dem Knaben aber wurde alle Tage vorgesagt, obgleich er ein Erbprinz war: du bist und bleibst ein dummer kleiner Junge.

Die gute und getreue Magd aber wurde ihrer Leiden satt und entfloh aus dem Hause und ward in der frischen Luft immer größer und schöner und des Nachts schlich sie sich heimlich zu dem Prinzen ein und lehrte ihn lesen und erzählte ihm von dem weiten Himmelszelt und vielen andern schönen Dingen.

Da erkannte eines Tages Prinz Mensch seine Stärke, er zerriß die Wickelbänder, und ob sie ihn auch hart straften mit der Rute des Gesetzes, er ließ sich nicht mehr bändigen, er erzwang sich die ersten Hosen und die Erlaubnis, im Garten spazieren zu gehen.

Da sprach der böse Onkel zu der bösen Tante: er fühlt seine Kraft, wir müssen ihm etwas zur Beschäftigung geben. Da machten sie einen Streifen an seine Hosen und gaben ihm einen bunten Rock und einen Säbel. Nun konnte er nach Herzenslust anrennen gegen Bäume und Felsblöcke und Nebelgestalten. Und wenn er sich dabei traf mit dem eignen Schwert und zu Boden fiel, daß er sich arg weh tat, dann belobte ihn der Onkel Staat, denn er dachte: so kann ich ihn immer im Zaum halten. Wenn der Prinz aber die hohe Mauer erklettern wollte, welche den Garten von dem Reiche der Prinzessin Freiheit trennte, dann wurde er immer Wochen lang wieder in Wickelbänder eingeschnürt, so hart, daß sie ihm ins Fleisch schnitten, und er gelobte, er wolle es nicht wieder tun.

Die Tante Kirche aber, damit er nicht gar zu wild wurde, und da er nun doch einmal lesen gelernt hatte, gab ihm ein Zauberbuch in die Hand, das jeden, der es dreimal liest, blind macht und lahm. Nun war aber ein Blatt in dem Buche, welches einen Gegenzauber enthielt, und das hatte die böse Tante auszureißen vergessen, und dieses Blatt las der Erbprinz lieber denn alle andern Blätter des Zauberbuches, denn es handelte von der Liebe.

Ich will eine Geliebte, ich will heiraten, sprach eines Tages der Prinz zu dem alten bösen Ehepaar. Darüber erschraken sie gewaltig, denn sie wußten wohl, daß ihrer Herrschaft Gefahr drohe. Da sandten sie dem Prinzen, der schon lang ein großer, starker Jüngling geworden war, gleich drei Jungfrauen auf einmal ins Gemach, die hießen Glaube, Liebe, Hoffnung. Aber wenn sie auch gar schön gen Himmel schauen konnten, so hatten sie doch weder Fleisch noch Knochen, und unser Prinz wandte sich traurig von ihnen ab.

Zur selben Zeit begab es sich, daß die beiden Alten oft greulichen Streit hatten über die Abgaben und das Edelgestein, das dem Erbprinzen von Rechtswegen gehörte, und als sie sich wieder einmal arg in den Haaren hatten, da erklomm der Prinz geschwind einen hohen Baum und schaute über die Mauer. – Ach, was sah er da! Sonnen und Monde leuchteten und funkelten zu gleicher Zeit, die Vögel sangen Jubellieder von allen Bäumen, riesengroße Blüten hauchten wundersüßen Duft aus, und in all der Herrlichkeit wandelte Prinzessin Freiheit, nackt, von Goldhaar umflossen, aus ihren großen, stolzen Augen ging ein leuchtender Flammenstrom in das Herz des Erbprinzen. Schwester Wissenschaft berührte mit ihrem Zauberstabe die trennende Mauer, die stürzte mit Gekrache, über die Trümmer hin schwang sich der Jüngling mit kühnem Satz und umschlang die Prinzessin und küßte sie und hielt sie so fest ans Herz gepreßt, daß er schier meinte, sie seien für immer eins geworden.

Aber schon waren auch Onkel Staat und Tante Kirche in höchster Wut herangerast, und, die Luft verfinsternd, umgab sie das kolossale Heer der Mönche und Ritter und Beamten und Büttel und Professoren und Soldaten, kurz alle häßlichen dämonischen Geister, welche das böse Ehepaar zum Schutz seiner unrechtmäßigen Herrschaft im Solde hielt.

Wehe! Wehe! welch ein heilloses Kämpfen! Was halfen dem Prinzen Mensch seine kräftigen Fäuste, was half der Freiheit ihr flammendes Schwert! Von hinten hockten sie ihnen auf den Nacken, mit Stricken umschlangen sie die edlen Leiber, mit Weihrauchdämpfen betäubten sie ihnen die Sinne, mit Szeptern zerschlugen sie ihnen die edeln Glieder.

Nun warf man den Prinzen ins dunkelste Verließ, und wenn ihn Onkel Staat nicht mit spitzen Ruten schlug, so predigte ihm, und das war noch viel schlimmer, Tante Kirche. Die Wissenschaft, auf einmal klein und erbärmlich geworden, verdingte sich wieder als Magd, und die Freiheit war blutend, mit dem Schmutze des Hohnes besudelt, weit ab in die Verbannung geflohen, verdorben, gestorben.

Gestorben? Nein, zuweilen in stillen Nachtstunden, wenn der Erbprinz in bittern Schmerzen lag und über sein Elend nachdachte, dann sang ihm Nachtigall das Lied von der verratenen und verkauften Prinzessin Freiheit, und bei dem süßgewaltigen Tone schmolz ihm das Herz in Tränen sehnsüchtiger Liebe. Und manchmal drang ein freudiger Sonnenstrahl durch des Gefängnisses Gitter und verkündete ihm: die Freiheit lebt und wird gesunden, und du sollst sie doch noch dein eigen nennen; dann jubelte sein Herz, und in Fesseln sang er ein stolzes Lied von der Zukunft.

*

Das ist ein trauriges Märchen, sagte das Kind, dem ich es erzählt, da ist ja nicht einmal eine Hochzeit drin.

Ja mein Kind, und viel trauriger ist es noch, daß es ein wahres Märchen ist und daß es schon mehr als einmal passierte und immer wieder passiert.

Hat es gar kein Ende? fragte das Kind.

O ja, für dich und mich. Wenn wir im Grabe liegen, dann ist das Märchen aus.

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.