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Kleine Porträtgalerie

Egon Friedell: Kleine Porträtgalerie - Kapitel 3
Quellenangabe
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typeessay
authorEgon Friedell
titleKleine Porträtgalerie
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
year1953
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Lord Macauley

Auf Sir John Lubbocks Liste der » one hundred books«, die jeder Gebildete lesen und besitzen müsse, stehen auch Macaulays » Essays«. Zahlreiche englische Verleger haben die »Klassiker« herausgegeben (worunter man aber in England nicht wie in Deutschland Zelebritäten versteht, denen jedermann scheu und ehrfurchtsvoll ausweicht, sondern Lieblinge, die alle Welt gierig liest), und in keiner dieser Sammlungen fehlt Macaulay: seine Schriften sind in der angelsächsischen Welt in vielen Millionen verbreitet. Das ist besonders bemerkenswert, weil er weder effektvolle Dramen und spannende Romane noch Liebesgedichte oder Humoresken produziert hat, sondern streng wissenschaftliche Literatur; obgleich er seine Untersuchungen auf unschmackhafte und schwerverdauliche Themen gerichtet hat, ist er dennoch überall zu finden: in der Bluse des Arbeiters so gut wie im Strandkorb der Lady, und er behauptet seinen Platz neben Bulwer, Dickens und Scott. Woher kommt diese seltsame Popularität? Ist sie wirklich nur, wie ihm nicht selten vorgeworfen worden ist, die Folge einer gewissen Glätte und Oberflächlichkeit, einer geschickten Anpassung an die geringen und niedrigen Bedürfnisse des Publikums?

Ein Erfolg, wie ihn Macaulay jetzt schon seit fast drei Menschenaltern genießt, kann mit einem solchen servilen Eingehen auf die Wünsche der Masse niemals erklärt werden. Eine so große und dauernde Verbreitung spricht allemal und unter allen Umständen für die Qualität eines Autors; sie kann immer nur in irgendeiner geistigen und moralischen Kraftquelle ihren Ursprung haben. Damit Millionen menschlicher Seelen antworten, muß eine menschliche Seele gesprochen haben, und zwar stark, tönend und lebendig. Und es muß eine echte Stimme gewesen sein, keine nachgemachte, und eine volle und reiche Stimme, keine nichtssagende und leere. Ein Betrug, erzielt durch schlaues Ausnützen gewisser niederer Instinkte oder platter Modebedürfnisse, kann Wochen oder Monate dauern: jedes Jahr bringt solche Erfolge; aber nicht länger. Und man muß sogar sagen, daß selbst die Bucherfolge, die scheinbar mit den billigsten und gewöhnlichsten Mitteln erreicht werden, immer einem seltenen Maß von Können, ja von innerer Aufrichtigkeit zu verdanken sind. Die Detektivromane Conan Doyles zum Beispiel, die der »literarisch« orientierte Kritiker belächelt, sind in Wahrheit kleine Meisterwerke: nicht der hohen Poesie, aber der soliden, ehrlichen und tüchtigen Technik; nicht Kunst, aber bestes Kunsthandwerk. Eine minutiöse, überaus exakte Kombinationsarbeit war nötig, um alle Teile und Teilchen, alle Schrauben und Räder so sorgfältig und genau ineinander zu passen, daß das ganze Spielwerk schließlich so glatt und beschwingt, so fehlerlos und lückenlos vor dem Leser abschnurren konnte. Ein klarer und bündiger Geist, eine treue und emsige Liebe zur Sache war nötig; und noch mehr: denn blickt man näher zu, so sind diese Detektiverzählungen ein sehr lehrreicher, sehr scharfer, sehr aufrichtiger Querschnitt durch die heutige englische Gesellschaft, der ungewollt mehr psychologische Aufschlüsse liefert als viele prätentiöse Sozialromane. Ja, selbst wenn wir die Indianergeschichten Karl Mays lesen, dessen Namen kein Literarhistoriker ohne Schaudern aussprechen wird, wenn er ihn überhaupt ausspricht: so bemerken wir, daß auch hier der Erfolg der Ausfluß einer eigentümlichen und echten Fähigkeit war. Ein kindischer, undisziplinierter, banaler Geist zweifellos: aber dahinter schlug das Herz eines ewigen Schulknaben mit seiner absurden, aber starken Einbildungskraft, seinem ohnmächtigen, aber liebenswerten Idealismus. Man hat die Anklage erhoben, daß Karl May überhaupt nie in Amerika gewesen sei: sehr leicht möglich, aus seinen Dichtungen geht jedenfalls nicht hervor, daß er dort war; aber wozu auch? Er hatte ja nicht ein Amerika zu schildern, wie es wirklich ist, sondern jenes unmögliche, wie es sich aus den heroischen und törichten Phantasieblasen zusammensetzt, die die Sehnsucht der Pubertät wirft.

AAA Also selbst in diesen »Niederungen« spricht jeder Erfolg für sich selbst. Das Publikum hat nämlich immer recht. Wenn eine bestimmte Anzahl von Menschen, und je mehr, desto besser, sich vereinigen, um sich von irgend einem Erlebnis gemeinsam ergreifen zu lassen, so hören sie plötzlich auf, Privatmenschen zu sein, und aus ihnen tritt siegreich der Wille der Gattung hervor, jene fortschrittlichste, instinktsichere und unendlich weise Kraft, die unsern Planeten regiert. Als Chamfort eines Tages ein Buch lobte und man ihm die gegenteilige Meinung des Publikums entgegenhielt, rief er entrüstet aus: »Das Publikum! Das Publikum! Wieviel Dummköpfe müssen denn zusammenkommen, damit ein Publikum entsteht?« Diese Frage ließe sich vielleicht folgendermaßen beantworten: man kann natürlich nicht genau feststellen, wieviel Dummköpfe nötig sind, um ein Publikum zu bilden; aber wenn genug von ihnen beisammen sind, so entsteht etwas, das viel gescheiter ist als sie. »Die Natur«, sagt Emerson, »läutert ununterbrochen ihr Wasser und ihren Wein: kein Filter kann so vollkommen sein. Was für eine furchtbare Überprüfung muß ein Werk durchgemacht haben, damit es nach zwanzig Jahren wieder erscheinen darf; und wenn es gar nach einem Jahrhundert wieder gedruckt wird! Dann ist es, als ob Minos und Rhadamanthys ihr Imprimatur gegeben hätten.« Die Menschheit pflegt ihre Ehrungen nicht zu verschenken. Ex nihilo nihil fit: wo Rauch ist, muß Feuer sein oder doch gewesen sein.

Die fortwirkende Beliebtheit Macaulays erklärt sich zunächst daraus, daß in ihm zwei Eigenschaften zusammenkamen, deren Vereinigung bei einem antiken Autor selbstverständlich, bei einem modernen aber äußerst selten ist: er besaß bedeutende Kenntnisse und zugleich die Kunst, sie mitzuteilen. Wenn man unter einem Schriftsteller einen Menschen verstehen darf, der über die Gabe verfügt, seine Beobachtungen und Empfindungen leicht und sicher auf andere zu übertragen, der imstande ist, alles, was in ihm ist, so aus sich herauszuprojizieren, daß es für jedermann ins Licht tritt, Umriß und Gestalt annimmt, kurz einen Menschen, der in der vollkommensten Weise befähigt ist, seine Eindrücke auszudrücken: dann müssen wir in Macaulay das Muster eines Schriftstellers erblicken. Seine Sprache besitzt das Geheimnis, Anmut mit deutlicher Bestimmtheit, Farbigkeit mit Durchsichtigkeit und Fülle mit Klarheit zu verbinden. Es herrscht bei ihm ein gediegener Prunk; Glanz, Reichtum und Kolorit leben nicht auf Kosten der Solidität, Gründlichkeit und Wohldurchdachtheit: seine Belehrung ist ebenso nahrhaft wie wohlschmeckend. Macaulays Essays sind Unterhaltungsliteratur im edelsten Sinne des Wortes. Alles, auch das Sprödeste und Trockenste, wird unter seinen Händen anziehend und genießbar; und er vergibt sich dabei nie das geringste. So erstaunlich die Vielfältigkeit seiner Bildung und die Treffsicherheit seiner Menschenkenntnis ist, so tritt sie doch niemals aufdringlich hervor. Seine Untersuchungsweise ist allseitig, tief dringend, ruhig und vornehm; es gibt wenige so kluge Denker wie Macaulay. Und fast gar keine, die so ausgezeichnete Manieren hätten, Er bleibt stets der Lord, er ist gleichsam immer in » dress«: soigniert, verbindlich, voll Takt und Form, vermutlich der eleganteste Schriftsteller, der je in englischer Sprache geschrieben hat, vor allem durch seine noble Einfachheit. Alles »sitzt« bei ihm, hat Tenue und Tournure, jedes Wort ist an seinem richtigen Platz, nie sagt er zu viel, nie zu wenig, und das Ganze schwimmt in einer wohltuenden Atmosphäre schöner Sachlichkeit, einer Sachlichkeit, die allerdings weniger aus einem weiten und vollen Herzen entspringt als aus einem feinen und wohlgeordneten Verstand und daher auch nur eine scheinbare und angenommene ist; denn wie gerade in den besten Salons oft die giftigsten Sottisen zu hören sind, so verbirgt sich hinter der schriftstellerischen Wohlerzogenheit Macaulays oft genug die Malice und Einseitigkeit eines fanatischen Whigs.

In der Tat hat Macaulays Art, die Zusammenhänge zu sehen, bei aller Weite der Einsicht etwas Juristisches: er verschmäht es zwar meistens (nicht immer), den Menschen und Ereignissen als Parteienvertreter, als Advokat oder Staatsanwalt gegenüberzutreten: vielmehr ist er bemüht, die objektive Rolle des Gerichtspräsidenten zu spielen; aber bekanntlich kann auch dieser, da er ja immer den Ausdruck einer bestimmten Staatsanschauung darstellt, niemals gänzlich objektiv sein, er ist und bleibt eben Jurist, Verteidiger bestimmter, höchst einseitiger Gesetze. Und überhaupt kann diese ganze Einstellung Macaulays, die ihn überall (freilich oft unbewußt) leitet: daß nämlich die Weltgeschichte ein Prozeß sei, der vor dem erleuchteten Urteil der »Jetztzeit« ausgetragen werde, weder die Bedürfnisse einer künstlerischen Weltanschauung noch die Forderungen einer wirklich hohen Moral befriedigen. Künstlerisch nennen wir eine Welt- und Menschenansicht, die in ihrem Gegenstande möglichst vollständig zu verschwinden sucht, die ihr Objekt nicht von außen her, durch fremdes Licht erhellt, sondern von innen heraus, aus seinem eigenen Kern erleuchtet. Eine Beleuchtungsweise von der Art Macaulays wirft ihr Licht bloß auf die Dinge und kann daher naturgemäß nur deren Oberfläche treffen, die sie dann freilich scharf und glänzend zu beleuchten versteht: sie macht ihre Gegenstände bloß sichtbar. Eine Betrachtung künstlerischer Art jedoch wirft ihr Licht in die Dinge, stellt sich erhellend ins Zentrum der Dinge: sie macht ihre Gegenstände selbstleuchtend. Und ebensowenig ist Macaulays Verhältnis zu seinen Objekten im höchsten Sinne moralisch, vielmehr spricht aus ihm jene selbstzufriedene, engstirnige, rechthaberische Moralität zweiten Ranges, die das Merkmal und Stigma aller bürgerlicher Zeitalter bildet. Hier steht er, der aufgeklärte, rechtliche, zivilisationsstolze Liberale, im erhebenden Besitz von Kunstdünger, Dampfmaschine, Preßfreiheit und allgemeinem Wahlrecht und teilt Sittennoten aus: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft entrollen sich vor seinem Auge nicht als gottgewollte Mysterien, sondern als menschengeschaffene Rationalitäten.

Folgt man Macaulays gescheiten, sorgfältigen und wohlunterrichteten Deduktionen, so kann man sich schwer dem Eindruck entziehen, einen wohlwollenden, seine geistige Überlegenheit jedoch ziemlich merklich und bisweilen nicht ohne Suffisance zur Geltung bringenden Lehrer sprechen zu hören. Will man sich Macaulays Grenzen deutlich machen, so braucht man ihn nur mit seinem großen Zeitgenossen und Antipoden Carlyle zu vergleichen: Carlyle, dem die Form nichts, das Gefühl alles ist, dessen Sätze dahinschießen wie die Wasser eines Gebirgsbachs über Steine und Gestrüpp, dessen Gedanken sich gewaltsam nach außen entladen wie die glühenden Eruptionen eines Vulkans. Macaulay war ein unübertrefflicher Kenner und Schilderer des Wirklichen; aber die Gabe des zweiten Gesichts, die Carlyle in so seltenem Maße eigen war, besaß er nicht.

Aber gerade wenn wir Macaulays Schranken betrachten, gelangen wir zu dem zweiten Grund, dem er seine außerordentliche Popularität verdankt. Damit ein Autor in die Gunst des großen Publikums eindringe, muß er irgend einen wichtigen Lebensnerv dieses Publikums berührt haben, eine der Hauptadern, durch die sich der Blutkreislauf des öffentlichen Lebens bewegt. Und es war eben gerade Macaulays Betrachtungsart, in der die Menschen seiner Zeit sich wiedererkannten. Er sprach mit starker und wohlklingender Stimme aus, was Millionen stumm dachten. Er war der klare, glänzende Spiegel, in dem der Mensch des viktorianischen Zeitalters, ja überhaupt der englische Mensch voll Vergnügen sein Porträt erblicken durfte: der kühle, wohlinformierte, weitblickende Engländer mit seinem leidenschaftlichen Positivismus, seinem praktischen Genie, seiner gesunden Mischung aus Konsequenz und Anpassungsfähigkeit, seinem welterobernden Tatsachensinn, Gentleman, Gelehrter und Weltreisender in einer Person, in der einen Hand den Kompaß, in der andern die Times. Und auch die wichtige Ingredienz des cant findet sich in Macaulays Seelenmixtur, jene Eigenschaft, für die kein anderes Volk der Welt ein Wort besitzt und die man vielleicht am ehesten als »ehrliche Verlogenheit« bezeichnen könnte.

Macaulay liebt es bisweilen, Dichter und Dichtungen wie in der Schule zu lozieren, indem er zum Beispiel von der englischen Literatur des achtzehnten Jahrhunderts sagt, sie enthalte » no poetry of the very highest class, and little which could be placed very high in ihe second class«, oder von den lateinischen Gedichten, die die Neuzeit hervorgebracht hat: » none of those poems can be ranked in ihe first class of art, or even very high in the second«. Wollte man versuchen, zu einem resümierenden Urteil über Macaulay zu gelangen, so würde man vielleicht sagen müssen, indem man sich seiner eigenen Redeweise bedient, jedoch mit einer für ihn vorteilhaften Variation: er gehört nicht in die erste Klasse der Menschen, die die Feder zu ihrem Ausdrucksmittel gewählt haben; aber in der zweiten Klasse sitzt er sehr hoch oben.

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