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Kleine politische Schriften

Wilhelm Liebknecht: Kleine politische Schriften - Kapitel 5
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authorWilhelm Liebknecht
titleKleine politische Schriften
publisherVerlag Philipp Reclam jun. Leipzig
editorWolfgang Schröder
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Über den Normalarbeitstag

Während einer vierwöchigen Haftstrafe im Leipziger Bezirksgerichtsgefängnis im Herbst 1885 entstand offenbar die hier wiedergegebene Artikelserie. Sie erschien im illegalen Parteiorgan »Der Sozialdemokrat« Nr. 43, 22. Oktober, Nr. 44, 29. Oktober, Nr. 45, 5. November, und Nr. 46, 12. November 1885. Das resümierende »Nachwort« (»Der Sozialdemokrat«, Nr. 47, 19. November 1885) schrieb Liebknecht nach seiner Haftentlassung in Borsdorf. Die Artikel zeigen, daß Liebknecht nach einer Zeit der Schwankungen in den innerparteilichen Auseinandersetzungen nunmehr offen und eindeutig an der Seite von August Bebel Front gegen die Opportunisten bezog. »Liebknecht kommt ja auf einmal ganz tapfer in den Vordergrund«, schrieb Engels (an August Bebel, 17. November 1885, MEW, Bd. 36, S.390) unter Bezugnahme auf diese Artikelserie.

I.

Der Normalarbeitstag steht mit Recht im Vordergrunde der nächsten Ziele, welche die deutsche Arbeiterklasse zu erkämpfen entschlossen ist. Wir haben keine Gelegenheit vorübergehen lassen, um der gegenwärtigen Bewegung zugunsten eines Arbeiterschutzgesetzes, Der zehnstündige »Normalarbeitstag«, also die gesetzliche auf zehn Stunden begrenzte Arbeitszeit pro Werktag, konkretisierte die unbestimmte Forderung des Gothaer Programms nach einem »den Gesellschaftsbedürfnissen entsprechenden Normalarbeitstag« und war der Kernpunkt des von der sozialdemokratischen Fraktion 1885 im Reichstag eingebrachten Arbeiterschutz-Gesetzentwurfes. in dem der Normalarbeitstag einen hervorragenden Platz einnimmt, die vollste Anerkennung zu zollen und ihr, soweit es in unserer Macht, Vorschub zu leisten. Wer im »Kapital« von Marx den klassischen Abschnitt gelesen hat, der von dem Werden und Sein der englischen Fabrikgesetzgebung, von dem jahrelangen Ringen um die Zehnstundenbill handelt, der weiß auch, welch hohe Bedeutung der Kampf um die Arbeitszeit hat. Vgl. Karl Marx, Das Kapital, Erster Band. Achtes Kapitel, Der Arbeitstag. Fabrikgesetzgebung: Gesetzliche Festlegungen betr. die Arbeit in den Industriebetrieben.

Der Arbeiter kann sich von seiner »Ware« Arbeit nicht trennen. Er ist die personifizierte Arbeit; und wenn er seine einzige »Ware«, die Arbeit, verkauft, verkauft er sich selbst. Er verkauft sich tageweise um Tagelohn. Und für den Tagelohn verkauft er einen Tag Arbeit.

Der Tag hat vierundzwanzig Stunden. Der Mensch, um zu leben, muß essen, muß schlafen. Die ganzen vierundzwanzig Stunden kann er nicht arbeiten. Das ist eine physische Unmöglichkeit. Wir können auch sagen, eine »moralische«, doch was hat die Nationalökonomie mit der Moral zu tun? Also die ganzen vierundzwanzig Stunden, welche der Tag enthält, kann der Arbeiter nicht arbeiten. Aber wie lange? Wo die Grenzlinie ziehen?

Und da entsteht denn der Grenzkrieg – so erbittert, so hartnäckig geführt, wie das die Natur aller Grenzkriege.

Der Kapitalist besteht auf seinem Schein. Er hat einen Arbeitstag, einen Tag Arbeit gekauft, der Tag ist sein, und er will so viel Arbeit herauspressen als nur irgend möglich. Das ist sein Recht – kraft des Lohnsystems. Er hat die Arbeit gekauft und mit der Arbeit den Arbeiter; bis auf das letzte Atom Arbeit, das sich den Sehnen und Muskeln des gekauften Arbeiters entlocken läßt, ist alles sein. Um jedes Atom, das ihm vorenthalten wird, ist er betrogen.

Und da das natürliche Maß für Arbeit die Zeit ist, in welcher sie verrichtet wird, so geht sein Streben auf möglichste Verlängerung des Arbeitstages. Zwölf, vierzehn, sechzehn, achtzehn Stunden des Tages – warum nicht?

Der Arbeiter hat den Tag Arbeit verkauft, und bleiben ihm, wenn er vierzehn Stunden arbeitet, nicht zehn, wenn sechzehn nicht acht, wenn achtzehn nicht noch sechs Stunden für sich? Ist es nicht großmütig vom Kapitalisten, daß er nicht auch die zehn, die acht, die sechs Stunden nimmt?

Ja, wenn es nur ginge!

Sind auch die Grenzen nicht genau festzustellen, wo die menschliche Arbeitsfähigkeit aufhört, so ist eine solche Grenze doch vorhanden. Und das Überschreiten derselben macht sich bemerklich durch Verkümmerung, Verkrüppelung, Siechtum, Krankheit, Tod der »Überarbeiteten«.

Es versteht sich, daß der Arbeiter, sobald er einigermaßen zum Bewußtsein seiner Lage kommt, sich gegen diese Abrackerung zu schützen sucht.

Während der Kapitalist den Arbeitstag möglichst zu verlängern sucht, sucht der Arbeiter ihn möglichst zu verkürzen. Je mehr freie Zeit er hat, desto mehr Zeit der Freiheit hat er. Solange er arbeitet, ist er Sklave des Kapitalisten, dem er sich verkauft hat; solange er nicht arbeitet, gehört er sich selbst an, ist er ein freier Mann.

Und so wird denn, seit es Lohnarbeit, Arbeiter und Kapitalisten gibt, der Kampf geführt um die Länge des Arbeitstages. Hier zerrt der Kapitalist, dort der Arbeiter – jener versuchend, ein Stück anzuheften, dieser, eines abzureißen. Jede Verlängerung des Arbeitstages ist ein Sieg der Kapitalisten. Jede Verkürzung des Arbeitstages ein Sieg der Arbeiter. Gerade hier, am Arbeitstage, gewissermaßen im Mutterleibe der kapitalistischen Produktion, zeigt sich am handgreiflichsten, drastischsten der unversöhnbare Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit.

In England und in anderen Ländern ist nach Kämpfen, von denen hier nicht zu reden, ein Normalarbeitstag (in England der zehn-, in der Schweiz und Österreich der elfstündige) gesetzlich festgestellt worden; und in England, welches auf wirtschaftlichem Gebiete voranmarschiert und Versuchsland für die Welt ist, ähnlich wie Frankreich auf politischem, hat die Beschränkung der Arbeitszeit und überhaupt die Fabrikgesetzgebung sich so vortrefflich bewährt, daß Marx, die gewichtigste aller berufenen Autoritäten, ihr die »physische und moralische Wiedergeburt der Fabrikarbeiter« zuschreibt. Und ein ähnliches Urteil hat Engels gefällt, der neben Marx die Materie am besten beherrscht und in seiner »Lage der arbeitenden Klasse in England« die Vorgeschichte der Zehnstundenbill-Bewegung gibt, Vgl. MEW, Bd. 2, S.390ff. so daß dieses mustergültige Quellenwerk mit dem erwähnten Abschnitt des Marxschen »Kapital« ein organisches Ganzes bildet.

Die Bedeutung des Normalarbeitstages ist von unserer Partei also sicherlich niemals unterschätzt worden.

Sie darf aber nicht überschätzt werden. Und während der gegenwärtigen Agitation für den Normalarbeitstag und das Arbeiterschutzgesetz sind, sowohl in Reden als in Zeitungsartikeln und Broschüren, Ansichten zutage getreten, die unseres Erachtens von den Grundanschauungen unserer Partei abweichen, jedenfalls irrig sind, und darum zurückgewiesen werden müssen.

II.

In einem der verbreitetsten Schriftchen über den Normalarbeitstag lesen wir:

»Ein einfaches Rechenexempel beweist die Möglichkeit der vermehrten Arbeitsgelegenheit bei Einführung des Normalarbeitstages. Gesetzt, ein Fabrikant beschäftigt hundert Arbeiter per Tag elf Stunden. Wollte er nun im Normalarbeitstag von zehn Stunden dieselbe Masse Waren wie vorher zu elf Stunden liefern, so müßte er zehn Arbeiter mehr einstellen, das heißt, zehn ›Vagabunden‹ würden von der Landstraße in die Fabrik gezogen, sich in ›ordentliche‹ Arbeiter verwandeln.«

Derselbe Gedanke, wenn auch meist mit einigen diskreten Einschränkungen, kehrt in anderen Schriften und Aufsätzen über den Normalarbeitstag wieder und ist bei der Agitation wiederholt und mit großem Nachdruck in den Vordergrund geschoben worden.

Wäre der Gedanke richtig, das heißt, würde durch jede Stunde Arbeit, die einem Arbeiter durch das Gesetz abgenommen wird, einem Unbeschäftigten oder nicht genügend Beschäftigten eine Stunde Arbeit verschafft, dann würde der Normalarbeitstag allerdings das Mittel sein, um allen, die arbeiten können und wollen, Arbeit zu gewähren. Die soziale Frage wäre tatsächlich gelöst. Und wie einfach!

Es wäre Sache eines Rechenexempels, das jedes Schulkind ausrechnen könnte:

Die von der Gesamtheit (den Angehörigen des Staates) das Jahr hindurch zu leistende Arbeit nimmt soundso viel Millionen oder Milliarden Arbeitsstunden in Anspruch. Die Zahl der Arbeiter beträgt soundso viele Hunderttausende oder Millionen. Die Zahl der Arbeitsstunden wird mit der Zahl der Arbeiter dividiert – der Quotient ergibt die Zahl der Arbeitsstunden, die jährlich auf jeden Arbeiter kommen, und ihrerseits wieder mit dreihundert der Zahl der Arbeitstage dividiert werden. Dann haben wir die tägliche Arbeitszeit eines jeden – den richtigen Normalarbeitstag.

Dieser ideale Normalarbeitstag paßt sich allen Bedürfnissen der Gesellschaft und den Fortschritten der Technik elastisch an. Und da durch Erfindungen und Vervollkommnung von Maschinen den Menschen immer mehr Arbeit abgenommen wird, so kann der Normalarbeitstag immer mehr herabgesetzt werden. Welche Länge er aber auch haben möge, er wird derartig berechnet, daß jeder Arbeiter seine Arbeit hat und gleichmäßig beschäftigt wird.

Merkt man, daß in irgendeinem Industriezweig Arbeiter überflüssig werden – ein Ruck an der Schraube ohne Ende dieses wundervollen Normalarbeitstages: die Arbeitszeit wird auf Grund eines neuen Rechenexempels neu reguliert, und zwar derart, daß wieder ein jeder für seinen Normalarbeitstag volle Arbeit hat.

Schade nur, daß die Rechnung verschiedene Löcher hat und auf ganz falschen Voraussetzungen beruht.

Zunächst ist es ein Irrtum, daß ein Fabrikant, der jetzt hundert Arbeiter bei elfstündiger Arbeit beschäftigt, nach Einführung des zehnstündigen Normalarbeitstages – falls er sein Geschäft nicht einschränken will – genötigt sein würde, zehn neue Arbeiter zu engagieren.

Diese Annahme geht von der irrigen Voraussetzung aus, daß die Arbeit ein fester Stoff sei, etwa ähnlich wie eine Eisenstange, und genau nach der Zeit gemessen werden könne wie die Eisenstange nach dem Metermaß. Der Arbeit geht diese Festigkeit jedoch ab, und sie hat, um in dem Gleichnisse zu bleiben, eher Ähnlichkeit mit den gasartigen Stoffen, die sich fast unbeschränkt ausdehnen und zusammendrängen und mitunter in den winzigsten Raum gepreßt werden können.

Eine Stunde ist eine Stunde – das heißt ein Zeitraum von sechzig Minuten und sechzigmal sechzig Sekunden, der mit der Uhr in der Hand auf die Sekunde gemessen werden kann. Die Summe von Arbeit, welche in einer Stunde verrichtet wird, läßt sich aber nicht mit der Uhr messen. Sie ist sehr verschieden. Jeder einigermaßen aufmerksame Beobachter wird dies schon finden, wenn er zwei nebeneinander arbeitenden Arbeitern eine Stunde lang mit zusieht.

Der Arbeiter kann täglich nur eine bestimmte Summe von Kraft, in Gestalt von Arbeit, ausgeben. Die Folge hiervon ist, daß er, mag die tägliche Arbeitszeit sein, wie sie will, mit seiner Arbeitsleistung nicht über ein gewisses Maß hinauskommt und daß er, wird die Arbeitszeit übermäßig ausgedehnt, keine größere Summe von Arbeit leistet, als er bei kürzerer Zeit geleistet hatte oder leisten könnte.

Übermäßig verlängerte Arbeitszeit bringt es mit sich, daß weniger intensiv gearbeitet wird. Die Intensivität der Arbeit steht im umgekehrten Verhältnis zu der Länge der Arbeitszeit. Es ist dies ein Satz, dessen Richtigkeit durch die Erfahrung bewiesen und von der Wissenschaft anerkannt ist, so daß wir uns nicht weiter dabei aufzuhalten brauchen.

Die Herren Arbeitgeber kennen diese Wahrheit sehr wohl. Und der Fabrikant mit den hundert Arbeitern bei elfstündigem Arbeitstag wird nach Einführung des Normalarbeitstages von zehn Stunden nicht daran denken, zehn neue Arbeiter einzustellen, sondern von seinen hundert Arbeitern die Summe der bisher in elf Stunden täglich geleisteten Arbeit in zehn Stunden hineinpressen zu lassen.

Und vermittelst einigen moralischen und nichtmoralischen Drucks, einiger Verbesserungen an der Maschinerie, geschickterer Arbeitseinteilung wird das Kunststück auch in den meisten Fällen ganz oder annähernd gelingen.

Wir müssen hier auf das »Kapital« von Marx, auf die Berichte der schweizerischen Fabrikinspektoren usw. verweisen: da finden sich Zeugnisse für diese Tatsache in Hülle und Fülle.

In der Schweiz, wo der elfstündige Normalarbeitstag erst seit wenigen Jahren eingeführt ist, wird jetzt schon konstatiert, daß die in der verkürzten Arbeitszeit geleistete Arbeit ebenso oder ziemlich ebenso groß ist wie die vor Einführung des Normalarbeitstages geleistete.

Und in England, wo der Übergang vom zwölfstündigen zum zehnstündigen Normalarbeitstag stattgefunden hat, ist der Beweis noch handgreiflicher geliefert.

»Ohne allen Zweifel«, so berichteten die englischen Fabrikinspektoren im Jahre 1858, »gab die Verkürzung des Arbeitstages den Stachel zu diesen Verbesserungen (der Maschinerie usw.). Letztere und die intensivere Anstrengung des Arbeiters bewirkten, daß wenigstens ebensoviel Arbeit (Machwerk) in dem verkürzten Arbeitstag als früher während des längeren geliefert wird.«

Der längere Arbeitstag, wie gesagt, war zwölf Stunden lang, die Verkürzung betrug also bei Einführung der Zehnstundenbill ein Sechstel – was noch beträchtlich mehr ist als das Zehntel, um welches es sich in dem von dem Verfasser der angezogenen Broschüre gesetzten Fall handelt.

Das englische Parlamentsmitglied Ferrand erklärte am 27. April 1863 im Unterhaus: »Arbeiterdelegierte von sechzehn Distrikten Lancashires und Cheshires, in deren Auftrag ich spreche, haben mir mitgeteilt, daß die Arbeit in den Fabriken beständig wachse. Statt daß wie früher eine Person mit Gehilfen zwei Webstühle bediente, bedient sie jetzt drei ohne Gehilfen, und es ist gar nichts Ungewöhnliches, daß eine Person vier bedient. Zwölf Stunden Arbeit werden jetzt in weniger als zehn Arbeitsstunden gepreßt.«

Das ist das eine Loch, welches die Rechnung der optimistischen Anwälte des Normalarbeitstages hat. Es ist nicht das einzige.

Nicht nur hat die kapitalistische Produktion die Tendenz und Kraft, eine gleiche Summe von Arbeit in immer kürzerer Arbeitszeit zusammenzupressen, sie hat auch die weitere Tendenz, immer mehr Arbeiter überflüssig zu machen, so daß sich uns das scheinbar widerspruchsvolle Schauspiel darbietet: Bei gesteigerter Produktion Überflüssigwerden von Arbeitern.

Mit diesem Gesetz, welches die Übervölkerung als eine notwendige Erscheinung der bürgerlichen Produktionsweise erscheinen läßt, ebenso wie die Überproduktion, werden wir uns im nächsten Artikel beschäftigen.

III.

»Bei gesteigerter Produktion Überflüssigwerden von Arbeitern!« – das ist das scheinbar widerspruchsvolle Schauspiel, welches die bürgerliche Gesellschaft uns bietet. Nur scheinbar widerspruchsvoll, denn es ist im innersten Wesen der kapitalistischen Produktion begründet. Auf den Massenabsatz, bei kleinem Profit an den Einzelprodukten, angewiesen, hat die Großindustrie auf möglichste Produktivität der Arbeit zu sehen. Die Produktivität der Arbeit beständig zu steigern, ist ihr durch die Konkurrenz zur Lebensfrage gemacht.

Diese Steigerung findet einerseits durch größere Intensivität der Arbeit selbst statt. Andererseits durch vervollkommnete Maschinerie, bessere Arbeitsteilung usw. Mit ersterem Moment haben wir uns schon beschäftigt. Das zweite ist von noch größerer Bedeutung, denn während die Leistungsfähigkeit der menschlichen Arbeit eine, wenn auch sehr elastische Grenze hat, hat die Leistungsfähigkeit der Maschinen keine. Nicht einer bestimmten Maschine, sondern der Maschinen überhaupt. Die Hilfsquellen der Technik sind unerschöpflich, keine Aufgabe ist ihr zu schwer, jeder Fortschritt ist nur der Schritt zu einem neuen Fortschritt. Der Fortschritt von heute ist morgen ein überwundener Standpunkt.

Betrachte man doch die fieberhafte Tätigkeit der Technik auf militärischem Gebiet: Das beste Gewehr wird nach wenigen Wochen oder Monaten durch ein besseres aus dem Feld geschlagen, dem in wenigen Wochen dasselbe Schicksal erblüht. Der gestern undurchdringliche Panzer wird morgen durchschossen; die unwiderstehliche Kanone von heute muß morgen zum alten Eisen geworfen werden.

Und auf dem unendlich weiteren und unendlich dankbareren Gebiete der Industrie entwickelt die Technik noch eine tausendmal umfassendere, nicht minder revolutionierende Tätigkeit.

Der Konkurrenzkampf gestaltet sich mehr und mehr zu einem Kampf der Maschinen. Wer die besten Maschinen hat, schlägt seine Konkurrenten. Und die beste Maschine ist jeden Augenblick in Gefahr, durch eine bessere entthront zu werden. Die beste Maschine hat aber, wer das meiste Geld hat.

In den Berichten der schweizerischen Fabrikinspektoren wird auf die Mangelhaftigkeit der schweizerischen Maschinen im Vergleich mit den englischen hingewiesen.

Gleichzeitig wird dort gezeigt, daß die Einführung des Normalarbeitstages zu einer Verbesserung der Maschinen führt. Den Grund haben wir angegeben. Die Produktivität der Arbeit muß gesteigert werden, und das geschieht in hervorragendem Maße durch verbesserte Maschinerie, welche die doppelte Eigenschaft hat, nicht bloß selbst mehr Arbeit zu liefern, sondern auch dem Arbeiter eine größere Arbeitsleistung zu ermöglichen.

Der Normalarbeitstag befördert also die Entwicklung der Großindustrie, weil er die Fabrikanten zur profitableren Geschäfteinrichtung und zur Anwendung neuer oder vervollkommneter Maschinerie zwingt und dadurch zu Ausgaben, die der Kleinkapitalist nicht bestreiten kann. Es ist dies beiläufig unter den Vorteilen des Normalarbeitstages nicht der geringste – je mehr der Entwicklungsprozeß des Kapitalismus beschleunigt wird, desto kürzere Zeit dauert er, und desto eher ist der Boden für die sozialistische Arbeitsorganisation gebahnt.

Die Vervollkommnung der Maschinerie und die Intensivierung und Ausnutzung der menschlichen Arbeit nimmt aber rascher zu als die Konsumtion, und so finden wir in der Großindustrie neben sich steigernder Produktion eine Abnahme der Arbeiterzahl.

Es ist kapitalistisches Bevölkerungsgesetz, daß, mag die Bevölkerung noch so sehr sich vermehren, die Zahl der Arbeiter mit den Fortschritten der Maschinerie und des technischen Geschäftsbetriebes sich vermindert.

Betrachten wir zum Beispiel die »Stubborn Facts«, die »Halsstarrigen Tatsachen aus den Fabriken«, welche ein englischer Fabrikarbeiter, John Olivier von Manchester, im Jahre 1844 veröffentlichte:

»35 große Fabriken beschäftigten 1829 eintausend Spinner mit 674 074 Spindeln; 1841 arbeiteten in denselben Fabriken 487 Spinner mit 736 128 Spindeln – binnen zwölf Jahren die Zahl der Spinner um mehr als die Hälfte gesunken, die Zahl der Spindeln um fast 52 000 vermehrt.«

»36 Grobspinnereien beschäftigten 1829 1088 Spinner; 1841 nur 448 – mit einer Vermehrung von 53 353 Spindeln.«

»Zwischen 1835 und 1843 verminderte sich die Zahl der Spinner in Stockport von 800 auf 140. Ein Glücklicher, der in Arbeit geblieben war, erzählte 1843: ›Im Jahre 1840 arbeitete ich mit 674 Spindeln und konnte 22 Shillings (1 Sh. = 1 Reichsmark) die Woche verdienen; jetzt arbeite ich mit 2 040 Spindeln und verdiene die Woche 13 Shillings.‹«

»Vielleicht«, so fährt Olivier fort, »vielleicht, lieber Leser, könntest du in den Wahn verfallen, daß die Maschinenbauer den Vorteil davon gehabt hätten? Hier ist die Rechnung: zwischen 1835 und 1844 wurden in einer Maschinenfabrik in Manchester folgende Maschinen eingeführt: eine Hobelmaschine – verrichtet die Arbeit von 14 Mann und wird von einem Jungen geleitet. Fünf kleinere, je gleich 3 Mann, brauchen einen Mann, um zu ›arbeiten‹. Eine Durchschlagmaschine, gleich 12 Mann, braucht 1 Person zum Dirigieren. Eine Drehmaschine, gleich 3 Mann, braucht 1 Person. Eine Schraubenmutter-Schneidemaschine, gleich 3 Mann, braucht einen Jungen. Eine Radschneidemaschine, gleich 20 Mann, braucht 1 Mann. Eine Bohrmaschine, gleich 10 Mann, braucht 1 Person. In einer anderen Fabrik sind 20 Drechselmaschinen, gleich 100 Mann, sie brauchen zusammen 10 Personen. 8 Hobelmaschinen, gleich 96 Mann, brauchen 8 Personen zusammen. Eine weiter verbesserte Schraubenmutter-Schneidemaschine, gleich 20 Mann, braucht einen Jungen. Eine Stoßmaschine, gleich 20 Mann, braucht einen Jungen. Die Maschinen werden also selbst mit Maschinen gemacht.«

Zur Erläuterung sei bemerkt, daß »Person« im Gegensatz zu »Mann« ein unerwachsener Arbeiter ist.

Die Berichte der englischen Fabrik- und Mineninspektoren – bei dem erbärmlichen Stand der Arbeitsstatistik in Deutschland müssen wir das Material meist in England suchen – geben Material in Hülle und Fülle. Im Distrikt des Fabrikinspektors R. Baker (Lancashire, Cheshire, Yorkshire) enthielten die gleichen 570 Textilfabriken:

  1860 1865
Dampfwebstühle 85 622 95 163
Spindeln 6 819 146 7 025 031
Pferdekraft in Dampfmaschinen 27 439 28 925
Pferdekraft in Wasserrädern 1 390 1 445
Beschäftigte Personen 94 119 88 913

Binnen fünf Jahren nahmen also zu: die Dampfwebstühle um elf Prozent, die Spindeln um drei, die Dampfpferdekräfte um fünf Prozent.

Dagegen nahm in derselben Zeit die Zahl der beschäftigten Personen um fünfeinhalb Prozent ab.

Ferner zählte man in den englischen Seidenfabriken:

  1856 1862
Spindeln 1 093 799 1 388 544
Webstühle 9 260 10 709
Arbeiter 56 131 52 429

Binnen sechs Jahren Zunahme der Spindeln um 26,9, der Webstühle um 15,6 Prozent.

Abnahme der Arbeiter um sieben Prozent.

»Die Maschine schlägt die Arbeiter tot.«

In der Kammgarnindustrie nahmen in der gleichen Zeit die Arbeiter um mehr als 1 700 ab (die Zahl fiel von 87 794 auf 86 063), während die Dampfwebstühle um mehr als 4000 (von 38 956 auf 43 048) zunahmen. In den Baumwollfabriken stieg von 1861 bis 1875 die Zahl der Webstühle von 339 992 auf 463 118; die Zahl der Arbeiter fiel von 166 209 auf 163 632. In den englischen Kohlenbergwerken betrug nach den Berichten der Mineninspektoren:

  Die Förderung in Tonnen (Outpout) Die Zahl der Beschäftigten Arbeiter
1874 140 713 832 538 829
1875 147 700 313 535 845
1876 148 989 385 514 532
1877 148 846 260 494 391
1878 145 798 138 475 329
1879 145 366 369 476 810
1880 161 466 739 484 933

In den sieben Jahren zwischen 1874 und 1880 hat die Produktion um mehr als 20 Millionen zugenommen; die Zahl der Arbeiter um 53 896, genau zehn Prozent oder ein Zehntel, abgenommen! Ein Zehntel in sieben Jahren, bei steigender Produktion!

In Deutschland natürlich die gleiche Erscheinung, nur daß das Material nicht so vorliegt wie in England. Aber es fehlt wenigstens nicht an Belegen aus nächster Nähe. In den Flachsspinnereien des Reichenberger Handelskammerbezirks in Nordböhmen vermehrte sich zwischen 1866 und 1878 die Zahl der Spindeln um 1 300 (von 212 572 auf 225 562) und verminderte sich die Zahl der Arbeiter um 1 158 (von 12 693 auf 11 535).

Wer sich die Bedeutung dieser Ziffern klarmacht, muß einsehen, daß die Hoffnung, der Normalarbeitstag werde einer namhaft größeren Zahl von Arbeitern Beschäftigung geben, ein Wahn ist. Der Tendenz des Normalarbeitstages, die Zahl der beschäftigten Arbeiter zu vermehren, steht gegenüber einesteils die Komprimierbarkeit der menschlichen Arbeit und andernteils die Tendenz des Kapitalismus, Arbeiter überschüssig zu machen.

Und das ist nur die reguläre, gewissermaßen normale, Überschüssigmachung, die unablässig vor sich geht, wenn auch infolge der Ausdehnung der Industrie und namentlich bei jungen Industriezweigen die Tatsache nicht immer greifbar zutage liegt.

Zu dieser permanenten kommt die periodische Überschüssigmachung durch Krisen und Geschäftsstockungen. Davon im nächsten und letzten Artikel.

IV.

Was die Unregelmäßigkeit in der Beschäftigung der Arbeiter herbeiführt, das ist die Unregelmäßigkeit und Ungeregeltheit der kapitalistischen Produktion. Um jener Unregelmäßigkeit der Beschäftigung ein Ziel zu setzen, muß also dieser Unregelmäßigkeit und Ungeregeltheit ein Ende gemacht werden. Der Normalarbeitstag tut das aber nicht. Er bringt zwar, indem er der zeitlich unbegrenzten Ausbeutung des Arbeiters eine Grenze zieht, unzweifelhaft eine größere Stetigkeit in die Produktion und hat unzweifelhaft die Tendenz, einer größeren Zahl von Arbeitern Beschäftigung zu bieten; allein die größere Stetigkeit kann nur in normalen Zeiten, nicht in Zeiten der Krise und des schlechten Geschäftsganges sich manifestieren, das heißt, gerade dann, wenn sie am nötigsten wäre; und was die Tendenz zur Beschäftigung einer größeren Zahl von Arbeitern betrifft, so haben wir gesehen, daß ihr die Tendenz des Kapitalismus gegenübersteht, durch intensivere Ausbeutung sich für die zeitlich beschränkte Ausbeutung zu entschädigen und aus der beschränkten Arbeitszeit dasselbe Quantum Arbeit herauszupressen, wie vorher aus der unbeschränkten ja noch mehr.

Die Summe der Arbeit, welche in die beschränkte Arbeitszeit zusammengepreßt wird, kann so groß werden, daß ähnliche Wirkungen auf das Nervensystem und die Gesundheit des Arbeiters eintreten wie die, welche zur Einführung des Normalarbeitstages geführt haben.

Die englischen Fabrikinspektoren »gestehen, daß die Verkürzung der Arbeitszeit bereits eine die Gesundheit der Arbeiter, also die Arbeitskraft selbst zerstörende Intensität der Arbeit hervorgerufen hat. In den meisten Baumwoll-, Kammgarn- und Seidenfabriken scheint der erschöpfende Zustand von Aufregung eine der Ursachen des Überschusses der Sterblichkeit an Lungenkrankheiten« (Marx, »Kapital«, Seite 436f., II. Aufl.).

Auf diese Weise macht sich eine fortwährende Verkürzung des Normalarbeitstages notwendig.

Gegen die Krisen und Arbeitslosigkeit ist der Normalarbeitstag ohnmächtig. Diese Hauptschrecknisse des Arbeiters haben mit der Länge des Arbeitstages gar nichts zu tun. Sie entspringen aus dem innersten Wesen der Privatproduktion und des Kapitalismus und werden bestehen, solange diese bestehen. Sie entspringen aus der Unfähigkeit der Privatproduktion, den Markt zu überschauen und Konsumtion und Produktion in Harmonie zu bringen. Selbst bei staatlicher Überwachung, wie sie Rodbertus vorschwebte, würde diese Unfähigkeit fortdauern, denn die Überwachung kann unmöglich so weit gehen, daß jedem Kapitalist vorgeschrieben wird, was und wieviel er zu produzieren hat. Eine solche Kontrolle verträgt sich nicht mit dem Bestand der Privatproduktion und wäre gleichbedeutend mit deren Vernichtung.

In England haben wir den zehnstündigen Normalarbeitstag seit beinahe vierzig Jahren. Haben etwa dort die Krisen und Geschäftsfluktuationen aufgehört? Nein – sie sind im Gegenteil weit schlimmer, seit einem Jahrzehnt chronisch und beinahe permanent geworden. Natürlich nicht infolge des Normalarbeitstages, sondern infolge der dem Kapitalismus innewohnenden Eigenschaft, die Konkurrenz immer mehr auf die Spitze zu treiben und auf der einen Seite die Produktion maßlos zu steigern, auf der anderen die Konsumtionsfähigkeit des Volkes zu vermindern. Und das sind wirtschaftliche Erscheinungen, deren Ursachen durch den Normalarbeitstag gar nicht berührt werden.

Das Beispiel Englands zeigt uns weiter, daß unter der Herrschaft des Normalarbeitstages auch in Zeiten normalen Geschäftsganges die »Reservearmee« der Arbeiter nicht vollständig vom Arbeitsmarkt »aufgesogen« wird. Man betrachte sich nur die englische Armenstatistik. Zwischen 1855 und 1879 betrugen in dem Vereinigten Königreich (England mit Irland und Schottland) die höchsten Gesamtzahlen der unterstützten Armen: 1 269 385 im Jahre 1863; 1 225 171 im Jahre 1869; 1 235 006 im Jahre 1870; 1 237 353 im Jahre 1871; und die niedersten Gesamtzahlen: 929 128 im Jahre 1876, 897 052 im Jahre 1877 und 90 9197 im Jahre 1878. Seitdem geht's wieder aufwärts.

Nahezu eine Million »überschüssiger« Bevölkerung, unter der sich Hunderttausende Arbeitsfähiger befinden, in den günstigsten Jahren! –

Wir glauben, diese skizzenhaften und auf Vollständigkeit keinen Anspruch machenden Darlegungen werden genügen, um das Unbegründete gewisser Erwartungen, die sich an den Normalarbeitstag knüpfen, zu klarem Bewußtsein zu bringen.

Der Normalarbeitstag ist eine auf dem Boden der heutigen Produktionsweise sich bewegende Forderung; er kann darum unmöglich Übel beseitigen, welche im Wesen dieser Produktionsweise begründet sind und folglich erst aufhören können, wenn diese beseitigt ist.

Aber der Normalarbeitstag ist eine wichtige Etappe auf dem Marsche der Arbeiterbewegung. Er emanzipiert den Arbeiter für einen Teil des Tages von der Lohnsklaverei, gibt ihm einen Rechtsboden, auf dem fußend er seinen Emanzipationskampf mit gesteigertem Nachdruck und wirksameren Waffen fortführen kann, er erzieht zum Klassenbewußtsein und verschärft den Klassenkampf und stachelt den Arbeiter, indem er ihn wenigstens für einige Stunden des Tages zum Menschen macht, unwiderstehlich dazu an, sich seine volle Freiheit zu erkämpfen, sich zum vollen Menschentum emporzuringen und das Joch der Lohnsklaverei zu zertrümmern.

V. (Nachwort)

Durch den in Nr. 45 des Parteiorgans schon behandelten Angriff des zu München erscheinenden »Recht auf Arbeit« Louis Viereck gebrauchte das von Bismarck demagogisch verwandte Wort vom »Recht auf Arbeit« als Titel einer legalen Arbeiterzeitung, deren erste Nummer am 28. Mai 1885 in München erschien. Sie wollte die ökonomisch-sozialen Bestrebungen der Arbeiterklasse als Machtbasis für die Durchsetzung einer opportunistischen Konzeption ausnutzen. Unter diesem Aspekt griff das »Recht auf Arbeit« Liebknechts Argumentation an. Dem trat der »Sozialdemokrat« entgegen: Nr. 45, 5. November 1885 – »Sind wir noch Sozialdemokraten?« hat sich ein kurzes persönliches Nachwort der unter dem Titel »Über den Normalarbeitstag« veröffentlichten Artikel notwendig gemacht.

Meine der Redaktion des »Recht auf Arbeit« eingesandte Erklärung finden die Leser des Parteiorgans an anderer Stelle (vgl. Nr. 46, Sozialpolitische Rundschau) abgedruckt. Erklärung der Redaktion in »Der Sozialdemokrat« Nr. 46, 12. November 1885.

Ursprünglich hatte ich die Absicht, in dem Parteiorgan noch eine ausführliche Antwort zu bringen, allein da die Redaktion bereits eingehend geantwortet hat und ich in meiner Broschüre mich ohnehin mit den gegen mich gerichteten Angriffen und Vorwürfen beschäftigen muß, so stehe ich ab und begnüge mich damit, die obige Erklärung in einigen Punkten zu ergänzen.

Nachdem ich im Artikel I die Bedeutung und außerordentlichen Vorteile des Normalarbeitstages skizziert hatte, wandte ich mich in meinem zweiten Artikel gegen eine bestimmte irrige Auffassung des Normalarbeitstages. Und zwar gegen die in der Schrift: »200 000 Vagabunden« Gemeint ist die Broschüre von Alois Kiefer, 200 000 Vagabunden, München 1884. wie folgt zum Ausdruck gelangte:

»Ein einfaches Rechenexempel beweist die Möglichkeit der vermehrten Arbeitsgelegenheit bei Einführung des Normalarbeitstages. Gesetzt ein Fabrikant beschäftigt hundert Arbeiter per Tag elf Stunden. Wollte er nun im Normalarbeitstage von zehn Stunden dieselbe Masse von Arbeit wie vorher zu elf Stunden liefern, so müßte er zehn Arbeiter mehr einstellen, das heißt, zehn ›Vagabunden‹ würden von der Landstraße in die Fabrik gezogen, sich in ›ordentliche‹ Arbeiter verwandeln.«

Diese Auffassung mit den ihr zugrunde liegenden und anhängenden Irrtümern habe ich bekämpft. Und ich frage den Verfasser der Notiz im »Recht auf Arbeit«, ob er die in jenem Passus ausgedrückte Auffassung für richtig hält oder nicht? Ja oder nein!

Ist sie richtig, ja nun, dann muß ich mich allerdings schuldig bekennen, und mit mir zugleich die ganze Sozialdemokratie, denn unsere gesamte Lehre und unser gesamtes Lehren war von A bis Z ein großer Irrtum, eine große Irrlehre. Oder ist's etwa möglich, zwischen den Hörnern des Dilemmas hindurchzuschlüpfen?

Kann es ernsthaft bestritten werden, daß, wenn der Normalarbeitstag die ihm in jenem Zitat zugeschriebene Eigenschaft besäße, die Lösung der sozialen Frage durch den Normalarbeitstag auf dem Boden der kapitalistischen Produktion gegeben wäre?

Wenn aber die in jenem Zitat enthaltene Auffassung falsch und die in meinen Artikeln zum Ausdruck gelangte sozialdemokratische Auffassung die richtige ist, dann hatte ich auch nicht bloß das Recht, sondern die Pflicht, solchen Irrtümern entgegenzutreten.

Glaubt man, die deutschen Arbeiter würden sich für den wirklichen Normalarbeitstag weniger eifrig ins Zeug legen als für ein Phantom von Normalarbeitstag? Das hieße ihnen ein schlechtes Zeugnis ausstellen. Die englischen Arbeiter kämpften ein Menschenalter für die Zehnstundenbill, sie dachten nicht daran, daß durch dieselbe allen Unbeschäftigten Arbeit geschafft würde. Sie kämpften für den Normalarbeitstag, weil sie sich regenerieren, als Menschen und als Klasse sich retten wollten. Ich dächte, das wäre genug. Und ein tausendmal mächtigerer Stachel, als jenes Phantom ihn hat. Ein Kampf ums Sein.

Und wie dem sei – unsere Partei muß vor allem wahr sein. Wir dürfen die Massen nicht durch falsche Vorspiegelungen zu ködern suchen.

Bauern- und Arbeiterfängerei sind Kunststückchen, welche die Sozialdemokratie ihren Feinden überlassen muß.

Noblesse oblige. Wir sind stolz auf die Wahrheit, welche wir vertreten. Und in dem Vertreten der Wahrheit liegt unsere Stärke. Die Wahrheit aber ist nur eine: nur die volle, ganze, ungeteilte, unverwässerte Wahrheit ist Wahrheit.

Wodurch haben die deutschen Arbeiter zu dem Glauben Anlaß gegeben, sie könnten die Wahrheit nicht vertragen? Ich habe im Gegenteil gefunden, daß wir die Massen um so leichter gewinnen, je rückhaltloser wir die Wahrheit sagen und je klarer und schärfer wir unsere Anschauungen darlegen, je unverhüllter wir unsere Ziele hinstellen.

Daß ich praktischem Handeln nicht abgeneigt bin, habe ich bei hundert Gelegenheiten bewiesen. Aber zwischen praktischer und opportunistischer Politik ist ein himmelweiter Unterschied – der nämliche wie zwischen Klugheit und Pfiffigkeit. Die Klugheit siegt durch Benützung der Umstände. Die Pfiffigkeit überlistet in letzter Instanz stets sich selbst. Wir müssen praktisch sein, und ich denke, wir sind es. Vor dem Opportunismus wird der gesunde Sinn der Partei uns bewahren. Das Schicksal der opportunistischen Parteien in Frankreich und Deutschland ist ein Memento, das an uns nicht verloren sein soll.

Kurz – seien wir wahr, wie in allem, so auch in der Frage des Normalarbeitstages; und muten wir den deutschen Arbeitern kein Opfer des Intellekts, der deutschen Sozialdemokratie kein Opfer des Prinzips zu!

Borsdorf, 10. November 1885                         W. Liebknecht

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