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Kleine politische Schriften

Wilhelm Liebknecht: Kleine politische Schriften - Kapitel 4
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authorWilhelm Liebknecht
titleKleine politische Schriften
publisherVerlag Philipp Reclam jun. Leipzig
editorWolfgang Schröder
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Eine Geschichte der Kommune

Der nachstehende Aufsatz – eine Besprechung des Lissagarayschen Werkes über die Kommune Prosper Lissagaray, Histoire de la Commune de 1871, Brüssel 1876. Ein Jahr später erschien eine von Lissagaray ergänzte deutsche Fassung unter dem Titel Geschichte der Commune von 1871 im Verlag von Wilhelm Bracke, Braunschweig. – ward im Jahre 1877 geschrieben und damals nicht vollständig veröffentlicht. Xx. (d. h. Wilhelm Liebknecht), Eine Geschichte der Commune, in: Der arme Conrad 1878, S. 121 ff. Bracke, der diesen sozialdemokratischen Volkskalender herausgab, schrieb am 22. Juli 1877 an Liebknecht: »Ihr Commune-Artikel wird der letzte im Kalender. Ich muß ihn in Petit setzen lassen, sonst findet er keinen Platz mehr ... Ich bitte, Zusätze nicht zu machen. Der Artikel wirkt mächtig und bedarf keiner Verschärfung oder Erweiterung.« (Wilhelm Liebknecht, Briefwechsel mit deutschen Sozialdemokraten, Bd. I, hrsg. von Georg Eckert, Assen 1973, S. 750). Die Besprechung wurde von Liebknecht anläßlich des 20. Jahrestages der Pariser Kommune im »Vorwärts« am 18. März 1891 und als Beigabe zu seiner Broschüre »Zum 18. März und Verwandtes«, Hamburg 1891, abgedruckt. Dieser Vorlage folgt unsere Wiedergabe. Im folgenden Jahre kam das Sozialistengesetz; Dringenderes ließ die Arbeit vergessen. Im vorigen März, beim Auspacken von Papieren, hat sich das Manuskript wiedergefunden. Von der Histoire de la Commune de 1871 par Lissagaray. Bruxelles. Henri Kistemaekers. 1876 (Geschichte der Kommune von 1871 von Lissagaray, Brüssel, bei H. Kistemaekers) erschien 1877 im Verlage von Bracke eine deutsche Übersetzung, von der Dietz in Stuttgart soeben eine neue, revidierte Auflage herausgegeben hat.

Ja, eine Geschichte der Kommune ist's, was Lissagaray uns gegeben hat. Wir hatten eine ganze Literatur über die Pariser Kommune, einen wahren Wolkenbruch von dicken und dünnen Bänden, von Broschüren, Pamphleten für und wider, von Skizzen, persönlichen Erlebnissen – alles, nur keine Geschichte. Lissagaray hat die Geschichte der Kommune von 1871 geschrieben.

Et hat mit Bezug auf die Kommune das traurige Wort Lügen gestraft: »Die Besiegten haben keine Geschichte«; und ist seine Geschichte den Besiegten zum Ehrendenkmal, den Siegern zur Schandsäule geworden – um so besser für die Besiegten, um so schlimmer für die Sieger!

Es war ein schweres Stück Arbeit. Wenn auch der Schmutz, den der Schlammvulkan der Reaktion seit sechs Jahren ohne Unterlaß ausspeit, sich noch nicht verhärtet und die Lüge noch nicht Zeit gehabt hat, mit den Tatsachen zusammenzuwachsen, wie das zum Beispiel bei den Ereignissen der Französischen Revolution von 1792, 1793 und 1794 der Fall ist, so gehörte doch großer Fleiß und durchdringender Scharfsinn dazu, das Wahre vom Falschen zu sondern, die verborgene Wahrheit zu entdecken und ans Licht zu ziehen. Und unbestechlicher Wahrheitsliebe bedurfte es, um den Kommunekämpfer und Kommuneflüchtling der Kommunetragödie gegenüber mit der für ein Geschichtswerk nötigen Objektivität (Unparteilichkeit) zu panzern.

Soweit es überhaupt heute möglich, hat Lissagaray seine Aufgabe gelöst.

Im »Vorwort« sagt er:

»Ein Geächteter ist's, der die Feder hält – kein Zweifel; aber ein Geächteter, der weder Mitglied noch Offizier noch Beamter der Kommune war; der fünf Jahre lang die Zeugenaussagen gesichtet; der sieben Beweise verlangt hat, ehe er schrieb; der den Sieger auf die geringste Ungenauigkeit lauern sieht, um alles übrige bestreiten zu können; der für die Besiegten nichts Besseres vorzubringen weiß, als die einfache und wahre Erzählung ihrer Geschichte.

Diese Geschichte ist auch den Söhnen der Besiegten geschuldet und allen Arbeitern der Erde. Das Kind hat ein Recht, die Ursachen der Niederlage des Vaters – die sozialistische Partei, die Feldzüge ihrer Fahne in allen Ländern zu kennen. Wer dem Volk falsche Revolutionsmärchen auftischt, es mit phantastischen Geschichten unterhält, ist ebenso strafbar wie der Geograph, der unrichtige, gefälschte Karten für die Seefahrer zeichnet.«

Nun – was die Vorrede verspricht, das hält das Buch. Es bietet uns Wahrheit. Wahrheit gegen Freund und Feind; alles durch Aktenstücke erhärtet. Noch nicht »die ganze Wahrheit« – hier und da finden sich Lücken, die erst spätere Forschung ausfüllen wird – aber doch »nichts als Wahrheit«, und genug, um dem Leser ein wahres Gesamtbild zu geben.

Mancher wird enttäuscht sein.

Die Dichtung ist bestechender als die Wirklichkeit. Wenigstens auf den ersten Blick. Schaut man tiefer, so zeigt sich, daß umgekehrt die Wirklichkeit schöner und anziehender ist als die Dichtung. Wer die Menschen nur aus Romanen kennt, wendet sich mit einem gewissen Ekel ab von den Menschen, die ihm im Leben begegnen. Es fehlt ihnen der »poetische Hauch«, sie sind »gemein«. Bei näherer Betrachtung jedoch findet – nicht jeder, aber »wer Augen hat zu sehen« –, daß das Leben der unerschöpfliche Born der Poesie ist, und der kein wahrer Dichter, der aus diesem Borne nicht schöpft.

Aus dem einfachsten, bescheidensten, hausbackensten Menschenleben läßt sich ein schönerer, ein poetischerer Roman machen, als der »genialste« Dichter, welcher der praktischen Menschenkenntnis ermangelt, zu dichten vermag. Das Wissen ist etwas sehr Nüchternes. Es entfernt den phantastischen Nebelschleier, welcher Menschen und Dinge umhüllt und der Einbildungskraft freies Spiel läßt; allein für diesen Verlust werden wir reichlich entschädigt. Wieviel phantastischen und zum Teil poetischen Dunst hat nicht die Astronomie verflüchtigt! Und doch – sind die Wunder der Wirklichkeit, welche die Astronomie uns erschließt, nicht tausendmal großartiger, erhebender als die Wunderlegenden der Astrologie? Ja erhebender – in des Wortes eigentlichster Bedeutung. Denn das Wissen erhebt, erhöht, während das Glauben, das Nachbeten erniedrigt, herabdrückt.

Die Wirklichkeit, die in dem Werke Lissagarays entrollt wird, ist weit entfernt von dem, was die meisten unter uns sich bisher vorgestellt. Die Personen, welche durch die Ereignisse in den Vordergrund der Aktion gedrängt wurden, erscheinen weit kleiner, mitunter sogar kleinlich. Nur wenige hatten ein annäherndes, keiner das volle Verständnis der Situation. Nie ist das die ganze Menschheitsgeschichte verdunkelnde Ammenmärchen von den »Führern«, den »großen Männern«, den bahnzeigenden und bahnbrechenden »Helden« schlagender widerlegt worden. Wer an Ammenmärchen Spaß hat, wird sich darüber ärgern; wer die Wahrheit will und wissenschaftlichen Geist hat, wird dem Verfasser danken.

»Führer« sind nicht vorhanden; die Bewegung des 18. März ist organisch aus den Verhältnissen hervorgewachsen; von denen, die sich selbst vielleicht für »Führer« gehalten, konnte nicht einer die kolossale Bedeutung des elementaren Ereignisses ermessen und folglich auch nicht »an der Spitze« der Bewegung marschieren, geschweige denn ihr den Weg weisen. An »großen Männern«, an »Helden« hat's freilich nicht gefehlt, aber es waren die Hunderttausende von Männern, Frauen, Kindern, in denen der Gedanke der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sich verkörpert hatte, die trotzig lächelnd dem Gebote der Pflicht folgten, trotzig lächelnd in den Tod gingen. Je kleiner die »Führer«, desto größer das Volk. Und an der Größe des Volks richten auch die Führer sich auf – in den Tagen der Entscheidung kämpfen sie unter dem Volk, bluten mit dem Volk, sterben mit dem Volk.

Ähnlich war's in der vulkanischen Eruptionszeit der ersten Revolution. Die historische Kritik tut dar, daß die »großen Männer«, denen die Vulgärgeschichtsschreibung den Glorienschein göttlicher oder teuflischer Allmacht um die Schläfen gelogen hat, an der Sturmflut, welche die alte Feudalwelt fortriß, unschuldig waren wie neugeborene Kinder; daß sie mit dem Strom schwammen, gleich der gewöhnlichen »Herde«; daß sie durchschnittlich weit schlechter schwammen als die Namenlosen der gewöhnlichen Herde; und daß auch nicht einer von ihnen des Wesens der Bewegung, des Woher und gar des Wohin sich klar bewußt war. An sämtlichen »grandes journées« – den »großen Tagwerken« – der »großen Revolution«:

am 14. Juli (1789, Erstürmung der Bastille), am 5. Oktober (1789, Marsch der Pariser nach Versailles, um den König zu »holen«), am 20. Juni (1792, Spaziergang des Volks in die Tuilerien), am 10. August (1792, Tuileriensturm), in den blutigen Septembertagen (1792, Vernichtung des inneren Feindes, um dem äußeren die Spitze bieten zu können), am 2. Juni (1793, Sturz der Girondisten) –

jedesmal, mit einer Regelmäßigkeit, die das Walten eines ehernen Gesetzes ankündigt – jedesmal dasselbe Schauspiel: das Volk ist am Platz und diejenigen, welche für seine »Führer« gelten, glänzen durch Abwesenheit oder hinken jämmerlich nach, statt kühn vorn herzuschreiten.

Mit den politischen Ereignissen verhält es sich genau wie mit Naturereignissen. Sie sind die Betätigung, das Resultat bestimmter unter bestimmten Umständen wirkender Kräfte. Der Verlauf entspricht der Natur dieser Kräfte und Umstände. Aber auch wenn wir mit den Kräften und Umständen aufs genaueste bekannt sind, ist es trotzdem, selbst bei den alltäglichsten Witterungsphänomenen, in den meisten Fällen geradezu unmöglich, bis in alle Details hinein den Prozeß zu überschauen und den Verlauf vorher zu berechnen.

Ebenso ist's mit den politischen Phänomenen – nur in noch höherem Grade, weil wir es dabei mit den menschlichen Leidenschaften und sonstigen komplizierten Faktoren zu tun haben, die weit schwerer zu berechnen sind als die einfachen Naturkräfte. Da redet man viel von »Männern, die ihrer Zeit vorausgeeilt« – alberne Fabel! Der begabteste, umfassendste Geist reicht nicht aus, um das Gesamtgebiet des menschlichen Lebens und Strebens zu überschauen oder gar es zu durchforschen. Nicht einmal die einzelnen Zweige der Wissenschaft können von einem einzelnen Individuum erschöpfend behandelt werden. Das Höchste, was der Mensch leisten kann, ist: das Feld der Tätigkeit, welches er sich abgegrenzt hat, mit konzentriertem Fleiß zu bearbeiten, das vorhandene Kapital von Erfahrungen und Wissen sich geistig anzueignen und dem durch seine Vorgänger und Mitarbeiter Erworbenen, mit diesem alten Kapital arbeitend, den Ertrag seiner eigenen Arbeit hinzuzufügen. Das ist sehr bescheiden – trotzdem ist es sehr viel, und niemand kann mehr.

Wir sind alle an den Boden der Realität geschmiedet, und sowenig jemand über die Erdfläche emporschnellen und an seinem Zopf in den Mond klettern kann, können wir uns über die Kulturfläche unserer Zeit hinausschwingen und durch den leeren Raum ein den übrigen Menschen unsichtbares, von ihnen noch nicht geahntes Ziel erreichen. Die Kulturfläche selbst erhöht sich allmählich mit der Zunahme des angespeicherten Kapitals an Erfahrungen und Kenntnissen. Dies ist aber nicht das Verdienst einzelner Individuen – obgleich nicht bestritten werden soll, daß der eine mehr leistet als der andere –, sondern das Ergebnis der gesamten menschlichen Arbeit. Die Kultur der Menschheit ist die aufgesammelte Kollektivarbeit der Menschheit: jede Kulturtat ist Kollektivarbeit. Und die Revolutionen sind Kulturtaten par excellence – im höchsten Sinne des Wortes.

Wer hat den 18. März »gemacht«? Das Volk. War der 18. März eine Laune des Volks, eine übermütige Kaprice?

Er war Notwendigkeit! Diese Notwendigkeit erklärt uns Lissagaray und zeichnet die Lage der Dinge in meisterhaften Strichen. Die Kommune wird vor unseren Augen. Wir sehen sie entstehen. – Bonaparte stürzt kopflos in den Krieg, in die Falle. Das Pariser Proletariat protestiert, reicht die Bruderhand über den Rhein. Der Protest verhallt in dem wahnsinnigen À-Berlin!-(Nach-Berlin!-)Gebrüll der weißen Blusen und des offiziellen Frankreich.

Die Ereignisse jagen einander in rasender Eile, die Nation hat nicht Zeit genug, sich zu sammeln. Am 9. August, nach Bekanntwerden der ersten schweren Niederlagen, ertönt in Paris der Ruf: Republik! Die Kammerlinke wiegelt durch tönende Reden ab. Ein Hauch, und das Kaiserreich lag im Kot, dem es entsprungen. Doch das paßte den Helden der Phrase nicht in den Kram. Am 14. August wollten die Freunde Blanquis Nach den ersten Niederlagen im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 kam es zu spontanen politischen Unruhen. Am 14. August 1870 erlitten die Blanquisten bei dem Versuch, durch einen Handstreich eine Feuerwehrkaserne in Paris zu besetzen und damit das Signal zum Aufstand zu geben, eine Niederlage. die Lunte ins Pulverfaß werfen. – Der Versuch mißlingt: das Volk, von den Schwätzern der Linken, an die es noch glaubt, im Dunkel gehalten, bleibt gleichgültig und überläßt die »verlorene Hoffnung« der Revolution ihrem Schicksal.

Sedan! Jetzt ist das Maß voll – im Dampfkessel beginnt's zu brodeln. Die Herren der Linken setzen sich darauf, um durch ihr Gewicht eine Explosion zu verhindern. Hilft nichts: das Kaiserreich fliegt in die Luft und die Herren von der Linken – in die Regierung. Gemeint ist der Zusammenbruch des Kaiserreichs und die Proklamation der Republik am 4. September 1870. Die Bourgeoisie vermochte es, den unorganisierten Volksmassen den Sieg zu entwinden und die bürgerliche »Regierung der nationalen Verteidigung« zu bilden. Paris hat nur einen Gedanken: Rettung Frankreichs, Verteidigung. Die deutsche Armee erscheint vor der Stadt – wäre es der Bourgeoisie und ihren Agenten in Armee und Regierung nach gegangen, man hätte sofort kapituliert.

Tausendmal lieber die »Preußen« in der Stadt als die Arbeiter auf dem Stadthaus! Die Bourgeoisie, die das Wort Patriotismus so gern im Mund führt, ist zu keiner Zeit und in keinem Lande patriotisch gewesen, während das Proletariat, dem sie pharisäerhaft unpatriotische Gesinnung vorwirft, stets mit Freunden sein Blut für das bedrohte Vaterland geopfert hat. Wäre das »À Berlin« geglückt und Paul Cassagnac mit den Prätorianern der imperialistischen Räuberbande statt als Kriegsgefangener als »Sieger« an die Spree gekommen, unsere nationalliberalen Bourgeois hätten ihm mit Kratzfüßen die Schlüssel der künftigen Reichshauptstadt überbracht – falls sie nicht von dem »vaterlandslosen Gesindel« daran verhindert worden wären. Wir wissen ja, wie die Bourgeoisie es 1866 in Wien trieb, als die Vorposten der Preußen sich an der Donau zeigten. Wien, Berlin, Paris – Bourgeoisie ist Bourgeoisie. Wohl oder übel muß man sich zur Verteidigung entschließen und das Proletariat bewaffnen. Unermeßlich sind die Hilfsquellen der Verteidigung; das vorhandene lebende und tote Kriegsmaterial braucht bloß organisiert zu werden, und der eiserne Ring ist gesprengt, welcher die Stadt umspannt. Wohlan – Trochu hat »seinen Plan«. Er fürchtet den revolutionären Krieg – nach den Regeln des fachmilitärischen Kriegs sind die Belagerer nicht zu schlagen, die Pariser, die keinen Spaß verstehen, haben aber »die fixe Idee«, den eisernen Ring sprengen zu wollen, gleichviel, ob fachmilitärisch oder revolutionär – ergo muß man ihnen den Gefallen tun, eine Scheinverteidigung mit obligaten wirklichen Aderlässen für die heißblütigen Pariser in Szene setzen. Das ist der famose »Plan«.

Und er wurde bis zu Ende durchgeführt.

Daß die Verteidigung von Paris für die Regierung der nationalen Verteidigung eine blutige Farce war, kann nach der dokumentarischen Beweisführung Lissagarays nicht mehr bezweifelt werden.

Das Proletariat ahnt den Verrat. Am 31. Oktober hebt es die Hand gegen die Verräter. Am 31. Oktober 1870 mißlang der Versuch von Pariser Arbeitern und Demokraten, in der von preußisch-deutschen Truppen eingeschlossenen Hauptstadt die bourgeoise Regierung zu stürzen. Die revolutionäre Aktion scheiterte vor allem an der Programmlosigkeit und Unentschlossenheit der Führer. Doch die Hand wird aufgehalten durch die lähmende Frage: »Wird's nicht den Belagerern nützen?« Aber das Wort »Kommune« wird ausgesprochen. »Die Kommune von 1792, 1793, 1794!« In der Kommune Marats, Heberts, Ronsons, Chaumettes war das Herz, war das Hirn des Frankreich der großen Revolution. Die Kommune war die Revolution, war die Republik. – –

Paris blutet, friert, hungert vier Monate lang; am 27. Januar ist es so auf den Hund gebracht, daß die Operation stattfinden kann, die schon für den September beabsichtigt war – es wird kapituliert. Am 28. Januar 1871 wurden die drückenden Waffenstillstandsbedingungen, die auch die Kapitulation von Paris verlangten, unterzeichnet.

Paris knirscht in ohnmächtiger Verzweiflung.

Nach der Kapitulation die Amputation. Unter dem Waffengeklirr des heimischen Belagerungszustandes und der fremden Invasionsarmee fegt Frankreich – denn von einer Wahl kann da nicht die Rede sein – den Kehricht aller früheren verrotteten, verfaulten Regierungssysteme zusammen, schickt ihn nach Bordeaux und nennt's Nationalversammlung. Das legitimistisch-orleanistisch-bonapartistische Sammelsurium will Friede um jeden Preis und »Ordnung« um jeden Preis. Friede – das heißt Bewilligung der Milliarden, Abtretung von Elsaß-Lothringen. Fort mit Schaden! Ordnung – das heißt Vernichtung der Republik, zunächst ihres Wesens, bis man auch die Form und den Namen beseitigen kann; Ordnung – das heißt in erster Linie »Ordnung in Paris!«, »Ordnung«, wie weiland in Warschau. 1861 wurden Manifestationen für ein selbständiges Polen in Warschau durch zaristische Polizei blutig unterdrückt. Das unverbesserliche »Nest der Revolution« muß ausgenommen werden!

Und die »Chambre rurale«, die reaktionäre, reaktionswütige Krautjunker-, Pfaffen- und Bourgeoiskammer geht methodisch ans Werk. Es regnet Demütigungen, Insulten auf Paris. Versailles wird zur Hauptstadt gemacht, die Pariser Nationalgarde unter den brutalen, stupiden Gamaschenknopf d'Aurelles gestellt, die republikanischen Pariser Zeitungen unterdrückt oder geknebelt – der Staatsstreich schwebt in der Luft. Nur eins ist noch nötig: Paris zu entwaffnen. Am 18. März wird's versucht. Die Versailler greifen an. Paris verteidigt sich. Paris erhebt sich – spontan, ohne Vorbereitung –, gleich dem Garottierten, der die ihm um den Hals geworfene Schlinge packt und zerreißt.

»Plan« war bloß auf der anderen Seite; hier war es der Instinkt der Selbsterhaltung.

Das Volk ist siegreich und großmütig im Sieg. Paris hat seinen Platz in Frankreich, seinen Platz in der Welt zurückerobert. Die Kommune soll Frankreich regenerieren, der Welt ein leuchtendes Vorbild sein.

»– – Das preußische Regiment«, schreibt Lissagaray, »hatte die täuschende Hülle durchlöchert und offenbart, was achtzig Jahre der Bourgeoisherrschaft aus Frankreich gemacht haben: ein Goliath, von einem Zwerg genasführt. Paris kam, zerschnitt die tausend Fäden, die Gulliver an den Boden hefteten, stellte den Blutumlauf in den verkümmerten Gliedern wieder her und sagte: ›Möge ein jeder Bruchteil der Nation im Keim das Leben der ganzen Nation besitzen. Die Einheit des Bienenstocks, nicht die der Kaserne! Die Urzelle der Republik ist die Gemeinde, die Kommune.‹

Der Lazarus des Kaiserreichs, der Belagerung stand von den Toten auf. Der Reif um die Schläfen war gebrochen, die Fesseln zerrissen, abgestreift – er wollte ein neues Leben beginnen, mit seinem Hirn frei denken, mit seinen Lungen frei atmen, die neugeborenen französischen Kommunen allesamt durch sein Beispiel nach sich ziehen. Jeder verjüngte sich in diesem neuen Leben.

Die Verzweifelten des vorigen Monats strahlten vor Begeisterung. Man redete einander an, drückte einander die Hand, ohne sich zu kennen. Damals gab's keine Fremdlinge, bloß Brüder, beseelt von dem nämlichen Willen, dem nämlichen Glauben, der nämlichen Liebe.

Sonntag der 26. März (Proklamierung der Kommune) ist ein Tag der Freude, der Sonne, Paris fühlt sich glücklich, als wäre es aus nächtiger Finsternis oder aus einer großen Gefahr gerettet.«


Bald zerstreute der Versailler Kanonendonner die Illusionen. Die »Partei der Ordnung« hatte sich von dem ersten Schreck erholt. Mit freundlicher Erlaubnis des Fürsten Bismarck zog sie Truppen aus Deutschland heran, die kriegsgefangenen Soldaten, die, ununterrichtet über die Vorgänge in Frankreich, fern von der ansteckenden Pariser Luft, leicht zu bestialischer Wut gegen die rebellischen, »landesverräterischen« Pariser sich aufstacheln ließen.

Und die Kommune war nicht vorbereitet. Sie entfaltete ein reges Leben, eine gewaltige Schöpfungskraft. – Aber es fehlte die politische und militärische Leitung. Das Volk begeistert, opferwillig, bereit, den letzten Blutstropfen zu vergießen, eine Summe von Kräften, die, zusammengefaßt, richtig gelenkt, immer auf den entscheidenden Punkt konzentriert, die Macht der Feinde zermalmt hätten – aber sie wurden nicht zusammengefaßt, nicht gelenkt, nicht konzentriert. Kein Überblick, keine Organisation. Versäumte man es doch, den Mont Valerien, der Paris beherrscht und den die Versailler am 18. März geräumt hatten, zu besetzen!

Und dieser Mangel an politisch-militärischer Organisation zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Kommune. Er besiegelte von vornherein ihr Schicksal.

Den 2. April eröffnet Versailles den Angriff; am 3. April geht die Kommune ihrerseits zum Angriff über, der am Mont Valerien scheitert und der Kommune zwei ihrer edelsten und fähigsten Vorkämpfer kostet – den genial-schwärmerischen Flourens und den zum Feldherrn geborenen Duval, den stahlharten Metallarbeiter, welcher das Zeug hatte, der Hoche der neuen Revolution zu werden. Beide gemetzelt, gemordet. Die Versailler – das Kompliment müssen wir ihnen machen – verleugneten keinen Moment ihre wahre Natur.

Der Tiger hat Blut geleckt – und je mehr Blut er trinkt, desto größer sein Blutdurst. Er mordet, mordet, mordet. Und Paris? Keine Repressalien! Jeder Gedanke, Mord mit Mord zu vergelten, zur Bestialität der Ordnungsbanditen herabzusteigen, wird mit Abscheu zurückgewiesen. Paris kämpft, blutet.

Doch wer immer kämpft, immer blutet, muß sich zuletzt verbluten.

Der Tiger läßt nicht ab. Wird er von der Kommune nicht getötet, so mordet er die Kommune. Die Kommune hat in sich selbst nicht die nötige Kraft. Kräfte in Überfluß, doch keine Kraft, wie die Gelegenheit sie erheischt – nicht die Zeit zur Organisation. Und die Kommune verliert täglich an Kräften, während das Heer der Versailler durch Zuzüge aus Deutschland anschwillt. – –

Wird Frankreich nicht helfen, für welches Paris das Martyrium der Belagerung ausgehalten, am 18. März sich erhoben hat? Dank der Vorsichtsmaßregeln der Versailler ist Paris von dem übrigen Frankreich isoliert. In Lyon, Marseille, Toulouse, St-Etienne, Narbonne, im Creuzot wetterleuchtet's; auch ein paar Donnerschläge, doch nur »kalte Schläge« – kein zündender Blitzstrahl. Sympathie, Putsche – nirgends planvolles Handeln. Von den Keulenhieben des Krieges ist das französische Volk noch betäubt.

Paris steht allein, bleibt allein; es kämpft, blutet und verblutet. Der Tod ist nur eine Frage der Zeit. Die Versailler Henkersknechte beobachten mit der Uhr in der Hand das dem Tode geweihte Opfer, dem aus tausend Wunden das Blut entquillt. Sterben muß es! Die neue Welt der Kommune wäre ein Pfahl im Fleisch der alten Pfaffen-, Junker- und Bourgeoiswelt von Versailles gewesen. Entweder – oder!

Das Verbluten dauert zu lang. Il faut en finir – es muß ein Ende gemacht werden.

Den 21. Mai dringen die Versailler in Paris ein – und metzeln acht Tage lang, die blutige Maiwoche hindurch wird gemetzelt, gemetzelt. Paris verkauft sein Leben teuer. Der todwunde Löwe kämpft, solang noch ein Blutstropfen in ihm. Jeder tut seine Schuldigkeit – Männer, Frauen, Kinder – Volk, Führer. Paris stirbt glorreich, wie es gekämpft hat. – – –

Betrachten wir an der Hand Lissagarays einige Schlußszenen des Schlußakts. Die oft wunderbar schönen, nie schönfärbenden, nie falsch pathetischen Schilderungen sind von fast photographischer Treue und entfernen sich nie von der Realität.

Hier die erste Mordszene en gros; die Einleitung zu den Massenschlächtereien:

Am 23. haben die Angreifer ohne erheblichen Widerstand den fast unverteidigten Montmartre besetzt. Der Schlüssel von Paris ist in ihren Händen, sie brauchen ihrer – Humanität keinen Zwang mehr anzutun. »Kaum in Montmartre installiert, bietet der Versailler Generalstab den Manen Lecomtes und Clement Thomas' ein Totenopfer dar. Zweiundvierzig Männer, drei Frauen und vier Kinder werden nach Nr. 6 Rosiersstraße geführt und dort genötigt, barhäuptig vor der Mauer niederzuknien, an welcher die Generale des 18. März – als Opfer ihrer Schuld und ehe die Kommune bestand – hingerichtet worden. Dann tötet man sie. Eine Frau, die ihr Kind auf dem Arm hat, weigert sich, niederzuknien, und ruft ihren Gefährten zu: ›Zeigt diesen Elenden, daß ihr aufrecht sterben könnt!‹« – – –

Ein paar Tage später ging's tausendweis! Der Chassepot arbeitete nicht rasch genug, die Mitrailleuse mußte aushelfen! –

Ein Blick ins Stadthaus und dann auf den Père Lachaise! Es gilt einem Toten, den wir alle kennen! Der 23. Mai ist's, spätabends. Ein echtes Nachtstück!

»– – In den unteren Gängen des Stadthauses liegen Nationalgarden in ihre Decken gerollt; Verwundete stöhnen auf ihren blutigen Matratzen; von längs der Wand stehenden Bahren rinnen Blutstropfen. Man bringt einen Bataillonskommandanten, der kein menschliches Gesicht mehr hat – eine Kugel hat ihm die Wange durchbohrt, die Lippen weggerissen, die Zähne zerschmettert –; unfähig, einen artikulierten Laut hervorzubringen, schwenkt dieser Tapfere eine rote Fahne und fordert mit stummer Beredsamkeit die Ruhenden auf, dahin zu eilen, wo gekämpft wird, ihn im Kampf zu ersetzen. In einer Kammer (der Chambre de Valentine) begrüßen wir den Leichnam Dombrowskis, auf einem blauen Atlasbett ruhend. Eine einzige Kerze wirft ihr trauriges Halblicht auf den heldenmütigen Krieger. Ruhig, heiter ist das schneeweiße Gesicht mit der feinen Nase, dem zarten Mund, dem blonden, aufwärts gedrehten Bärtchen! Zwei in den dunklen Ecken sitzende Adjutanten halten schweigend die Totenwache. Ein anderer skizziert in der Eile die letzten Züge seines Generals.« – –

Noch in der Nacht wird der Leichnam nach dem Père-Lachaise-Friedhof geschafft und am Morgen des 24. begraben.

»– – Auf dem Père Lachaise empfängt der Körper Dombrowskis die letzten Ehren. Man hatte ihn während der Nacht hingebracht. Unterwegs, an der Bastille, hatte sich ein rührender Zwischenfall ereignet. Die Föderierten der dortigen Barrikaden hielten den Zug an und legten den Leichnam am Fuß der Julisäule nieder. Männer mit Fackeln stellten sich auf beiden Seiten auf, die Krieger defilierten, einer hinter dem anderen, und jeder drückt einen Kuß auf die Stirne des Generals. Während sie vorüberzogen, wirbelten die Trommeln zum Angriff. – Der Körper, in eine rote Fahne gehüllt, wird dem Sarg anvertraut. Vermorel, der Bruder Dombrowskis, seine Offiziere und ungefähr zweihundert Gardisten stehen, das Haupt entblößt, um den Sarg. ›Das ist der Mann‹, rief Vermorel aus, ›den man des Verrats beschuldigte! Als einer der ersten hat er sein Leben für die Kommune gegeben. Und wir, was tun wir, anstatt ihm nachzuahmen?‹ Er mahnt zum Ausharren, geißelt die Feigheit und Kleinmütigkeit. Seine Rede, sonst ungelenk, strömt, durch die Leidenschaft erhitzt, wie geschmolzenes Erz: ›Schwören wir, von hier nur wegzugehen um zu sterben!‹ Das war sein letztes Wort. Er« hat es gehalten. Die Kanonen, die ein paar Schritte vom Grabe aufgepflanzt waren, übertäubten von Zeit zu Zeit die Stimme des Redners. Wenige der Anwesenden konnten sich der Tränen erwehren.

Glücklich, wer ein solches Leichenbegängnis hat! Glücklich, wer in der Schlacht das Grab findet, begrüßt von seinen Kanonen, beweint von seinen Freunden!« – – –

Folgen wir Delescluze auf seinem Todesgange. Lissagaray ist Augenzeuge. Es ist der 25. Mai. Keine Hoffnung mehr. »– – Abends um dreiviertel auf sieben ungefähr bemerkten wir in der Nähe der Mairie Delescluze, Jourde und etwa hundert Föderierte, die nach dem Chateau d'Eau zu marschierten. Delescluze in seiner gewöhnlichen Kleidung: Hut, Rock, Beinkleider – alles schwarz, die rote Schärpe um die Hüfte geschlungen, wenig auffällig, wie er sie zu tragen pflegte –, ohne Waffen, auf einen Stock gestützt. Wir befürchteten eine Panik (plötzlichen Schrecken) am Chateau d'Eau und gingen dem Delegierten nach. Einige von uns machten bei der Kirche Saint-Ambroise halt, um sich mit Waffen zu versehen. Wir begegneten dort einem Elsässer Kaufmann, der vor fünf Tagen nach Paris gekommen war, und nun, nachdem er ›einmal auf die Versailler gezielt‹, mit durchschossenem Schenkel zurückhumpelte; dann trafen wir Lisbonne, der den Tod nicht zuviel herausgefordert hatte und nun am Chateau d'Eau gefallen war – gleich Brunei; man trug ihn weg, er atmete nicht mehr; endlich Vermorel, der an Lisbonnes Seite verwundet worden und den seine Kollegen Theiß und Avrial auf einer Bahre trugen; dicke Blutstropfen bezeichneten seinen Weg. So kam es, daß wir etwas hinter Delescluze zurückblieben. Fünfzig Meter von der Barrikade zerstreuten sich die ihn begleitenden Gardisten, denn die Kugeln verdunkelten den Eingang des Boulevards.

Delescluze ging weiter. Wir sahen zu – das Bild ist uns unvergeßlich, möge es auf ewig sich dem Gedächtnis einprägen. Die Sonne sank nieder. Der alte Geächtete, ohne umzuschauen, ob jemand ihm folge, schritt ruhig voran – nicht langsamer, nicht schneller als gewöhnlich – das einzige lebende Wesen auf dem Boulevard. An der Barrikade angekommen, wandte er sich links und erkletterte die Pflastersteine. Zum letzten Male erschien uns dieses streng-ernste Gesicht, umrahmt von dem weißen Bart, dem Tode zugekehrt. Plötzlich verschwand Delescluze. Wie vom Blitz getroffen war er auf den Platz des Chateau gefallen.

Einige Männer wollten ihn aufheben. Drei von vieren fielen, auf dem Fleck tot. Man konnte nur noch an die Barrikade denken, ihre spärlichen Verteidiger zusammenhalten.

Das Kommunemitglied Johannard schwenkte, fast in der Mitte der Chaussee, seine Flinte und rief, vor Zorn weinend, den Zaudernden zu: ›Nein, ihr seid nicht wert, die Kommune zu verteidigen!‹ Die Nacht brach an. Wir kehrten, das Herz zerrissen, zurück, den Leichnam unseres Freundes den Beschimpfungen eines Gegners überlassend, der selbst den Tod nicht achtet.

Er hatte niemand von seinem Entschluß in Kenntnis gesetzt, selbst nicht seine vertrautesten Freunde. Schweigend, allein mit seinem Gewissen, ging Delescluze zur Barrikade, wie die alten Montagnards zum Schafott.

Das lange Tagewerk seines Lebens hatte seine Kräfte erschöpft. Es blieb ihm nichts mehr als ein Hauch; er gab ihn. Die Versailler haben seinen Körper beiseite geschafft, aber das Andenken Delescluzes wird im Herzen des Volkes leben, solange Frankreich das Mutterland der Revolution sein wird. Er atmete nur für die Gerechtigkeit. Das war sein Talent, seine Wissenschaft, der Polarstern seines Denkens und Handelns. Die Gerechtigkeit forderte er, die Gerechtigkeit bekannte er dreißig Jahre hindurch in Verbannung, im Kerker, unter Beschimpfungen, der Verfolgungen spottend, die seine Knochen zerbrachen. Jakobiner, fiel er mit Männern des Volkes, um die Gerechtigkeit zu verteidigen. Für die Gerechtigkeit zu sterben war seine Belohnung – für sie zu sterben, die Hände frei, im Angesicht der Sonne, in seiner Stunde, nicht beleidigt durch den Anblick des Henkers.« – –

Und noch eines anderen, keines schlechteren Mannes Todesgang müssen wir uns ins Gedächtnis eingraben. – –

»Varlin, ach! sollte nicht entkommen. Sonntag, den 28. (Mai) wurde er in der Straße Lafayette erkannt und an den Fuß der Montmartre-Höhen (buttes Montmartre) vor den kommandierenden General gebracht, richtiger geschleift. Der Versailler schickte ihn nach der Rosiersstraße, um dort erschossen zu werden. Durch die Straßen des Montmartre führte man Varlin eine Stunde ›spazieren‹, eine volle Stunde lang – die Hände auf den Rücken gebunden, unter einem Hagel von Schlägen und Beschimpfungen. Sein schöner junger Kopf mit der Denkerstirn, die nie einen grausamen Gedanken beherbergt, war, von Säbeln zerhackt, ein ungestalter Fleischklumpen – das eine Auge, ausgeschlagen, hing vor der Höhle! In der Rosiersstraße konnte er nicht mehr gehen – man trug ihn. Man setzte ihn hin, um ihn zu erschießen. Die Elenden mißhandelten noch den Leichnam mit Kolbenschlägen.

Das Heer der Märtyrer hat keinen Glorreicheren. Möge auch er in dem großen Herzen der Arbeiterklasse seine ewige Ruhestätte finden. Varlins ganzes Leben ist ein Vorbild. Er hatte durch seine unerschütterliche Willenskraft sich selbst zu dem gemacht, was er war, indem er am Abend die spärliche Zeit, welche die Werkstätte übrigläßt, auf die Pflege seines Geistes verwandte und lernte, nicht wie andere, um sich zur Bourgeoisie emporzuschwingen, sondern um das Volk zu unterrichten und zu befreien. Er war die Seele der Arbeiterverbindungen zu Ende des Kaiserreichs. Unermüdlich, bescheiden, sehr wenig redend, aber das wenige gut, treffend, stets zur rechten Zeit und die verwickeltste Diskussion entwirrend – hatte er den revolutionären Sinn bewahrt, der sich häufig bei gebildeten Arbeitern verliert. Einer der ersten am 18. März, unermüdlich arbeitend während der Dauer der Kommune, war er auf den Barrikaden bis zum Ende. Der Tote gehört ganz den Arbeitern. Varlin und Delescluze wäre von Lissagaray die Geschichte der Kommune gewidmet worden, wenn auf dem Titelblatt für einen anderen Namen Platz gewesen wäre als für das große Paris.«


Wir lassen den Vorhang fallen.

»Fünfundzwanzigtausend Männer, Frauen und Kinder im Kampf getötet oder nach dem Kampf geschlachtet; dreitausend, niedrigst geschätzt, in den Gefängnissen, auf den Pontons, in den Forts oder an Krankheiten, die das Gefängnis erzeugte, gestorben; dreizehntausendsiebenhundert verurteilt, die meisten auf Lebenszeit; siebzigtausend Frauen, Kinder, Greise ihrer natürlichen Stützen beraubt oder aus Frankreich geworfen: hundertelftausend Opfer, niedrigst geschätzt – das ist die Bilanz der Bourgeoisrache für die Revolution des 18. März. Und im Augenblick, wo ich das schreibe, im November 1876, sind noch fünfzehntausend Männer, Frauen, Kinder in Caledonien oder im Exil.« – – –

In Frankreich hat inzwischen das Walten der Nemesis begonnen. Gleich den Wölfen, die ein Wild niedergejagt, sind die Mörder der Kommune über der Leiche in Streit geraten – die Monarchisten rüsten zum Staatsstreich und die Bourgeoisrepublikaner, die – von dem boshaften Zwerg Thiers an bis hinunter zu dem lächerlichen Zwerg Louis Blanc – die Hetzjagd auf die Kommune als Führer, Jäger oder Treiber mitgemacht, spähen vergeblich nach den braven Bewohnern der Vorstädte, die noch jeder Ruf zur Verteidigung der Republik bereit fand. Sie sind gemordet – und die Mörder hören den Flügelschlag der Erinnyen (Rachegöttinnen).

Dank dem Mann, der die Gräber der Gemordeten mit Blumen geschmückt, ihre Großtaten und die Verbrechen der Feinde mit unverlöschlichen Lettern in das Buch der Geschichte eingetragen hat!

Das Volk vergißt seine Toten nicht. Es vergißt aber auch nicht die lebenden Besiegten.

Geschrieben am Johannistag 1877.


Vorstehende Abhandlung, die ich im »Vorwärts« vom 18. März 1891 zum Abdruck brachte, versah ich mit folgender Nachschrift:

»Seitdem sind dreizehn Jahre vergangen. In Frankreich, in der Welt ist manches anders geworden. Ein Plan, den Lissagaray, kurz nachdem Vorstehendes geschrieben, mit dem Schreiber dieses zur Befreiung der auf die ›trockene Guillotine‹ – nach Caledonien – geschickten Kommunarden entworfen hatte, brauchte nicht mehr ausgeführt zu werden, weil die Amnestie kam – und damit der Anfang der Sühne. Nur der Anfang. Doch die Logik der Tatsachen wird für das Weitere sorgen!«

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