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Kleine politische Schriften

Wilhelm Liebknecht: Kleine politische Schriften - Kapitel 2
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authorWilhelm Liebknecht
titleKleine politische Schriften
publisherVerlag Philipp Reclam jun. Leipzig
editorWolfgang Schröder
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Zu Trutz und Schutz

Festrede, gehalten zum Stiftungsfest des Crimmitschauer Volksvereins am 22. Oktober 1871

Freunde! Der Altmeister der deutschen Demokratie, Johann Jacoby, hat in seiner berühmten Rede »über die Ziele der Arbeiterbewegung« gesagt: »Die Gründung des kleinsten Arbeitervereins wird für den künftigen Kulturhistoriker von größerem Wert sein als der Schlachttag von Sadowa.« Johann Jacoby, Das Ziel der Arbeiterbewegung, Berlin 1870, S. 11. – Schlachttag von Sadowa: Gemeint ist die Entscheidungsschlacht im Preußisch-Österreichischen Krieg am 3. Juli 1866. Hätte er ein Jahr später gesprochen, so würde er haben hinzufügen können: »und als alle glorreichen Siege und schönen Kavalleriegefechte des heiligen Kriegs der Herren Bonaparte und Bismarck.« Gemeint ist der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71.

Es ist zwar nicht dem Namen nach ein Arbeiterverein, dessen Stiftungsfest wir heute feinern, aber der »Volksverein« von Crimmitschau besteht fast ausschließlich aus Arbeitern und huldigt den Prinzipien der Sozialdemokratie; er ist also ein Arbeiterverein der Sache nach, und Jacobys Wort findet daher auf ihn seine Anwendung.

Ja, die Gründung des kleinsten Arbeitervereins ist eine wichtigere Kulturtat als alle »Großtaten«, welche das militärische und monarchische Europa auf dem sogenannten Feld der Ehre vollbracht hat und noch vollbringen wird; in dem kleinsten Arbeiterverein leben und treiben die Ideen der Gegenwart, wird die Lösung der gewaltigen Fragen vorbereitet, welche unsere Zeit bewegen, während die Hand des Soldaten die Mordwaffe nur führen muß, um die überlebten Schöpfungen der Vergangenheit zu verteidigen und aufrechtzuerhalten. Jeder Arbeiterverein ist ein Reis der modernen Kultur, gepflanzt in den Weinberg der Menschheit, den die »herrlichen Kriegsheere« nur verwüsten; eine Schule echter, menschenbefreiender Bildung, die von den Siegern der Schlachten beleidigt und bedroht wird; ein Stück der neuen Welt, das, wie ein Keil in die alte Welt hineingetrieben, dazu beitragen wird, sie zu zersprengen.

Zwei Welten stehen jetzt schroff einander gegenüber – die Welt der Besitzenden und die Welt der Nichtbesitzenden, die Welt des Kapitals und die Welt der Arbeit, die Welt der Unterdrücker und die Welt der Unterdrückten, die Welt der Bourgeoisie und die Welt des Sozialismus – zwei Welten mit entgegengesetzten Zielen, Bestrebungen, Anschauungen und mit verschiedener Sprache, zwei Welten, die nicht nebeneinander bestehen können, von denen die eine der andern Platz machen muß.

Im letzten Krieg zeichneten sich beim Schein der Brandkugeln und der auflodernden Städte und Dörfer die Umrisse der beiden Welten, auch dem blödsichtigsten Auge erkennbar, scharf voneinander ab: hier, die Vertreter der alten Welt, Haß und Verachtung predigend gegen das Nachbarvolk, den Menschenmord im großen als des Menschen höchstes Ziel hinstellend, mit allen Mitteln die Leidenschaften aufstachelnd, das Denken erstickend und auf dem Altar eines engherzigen fanatischen Patriotismus die Humanität opfernd – dort, abseiten stehend, die Vertreter der neuen Welt; ruhig neben dem wildtobenden Strom; nüchtern inmitten der Orgien des nationalen Deliriums; unerschüttert durch Vorwürfe, Anklagen, Verfolgung; stolz den Gegnern die Stirn bietend und ihnen zurufend: »Was Ihr zu den vornehmsten Pflichten stempelt, erscheint uns unsittlich; was Ihr als die erhabensten Güter preist, widerstreitet den Forderungen der Vernunft und Gerechtigkeit. Der Mensch, welcher jenseits unserer Grenzpfähle wohnt, ist ein Mensch so gut wie wir; die Völker sind Brüder und sollen einander lieben, statt sich gegenseitig zu erwürgen. Mord bleibt Mord, auch wenn der Mörder und der Ermordete verschiedene Sprachen sprechen und bunte Röcke tragen statt einfarbiger; der Mord aber ist ein Verbrechen, und das Verbrechen hört nicht auf, Verbrechen zu sein, wenn es in riesigem Maßstab ausgeübt wird. Der Erfolg verwandelt Unrecht nicht in Recht. Was Ihr Ruhm nennt, ist uns das Gegenteil des Ruhmes, was Ihr Ehre nennt, das Gegenteil der Ehre; die Triumphe, mit denen Ihr prahlt, sind uns nur Triumphe der Barbarei; der Krieg, und wäre er der glorreichste, ist eine Sünde wider den heiligen Geist der Menschheit – ein Unglück für den Sieger wie für den Besiegten. Das Wort ›Vaterland‹, das Ihr im Munde führt, hat keinen Zauber für uns; Vaterland in Eurem Sinne ist uns ein überwundener Standpunkt, ein reaktionärer, kulturfeindlicher Begriff; die Menschheit läßt sich nicht in nationale Grenzen einsperren; unsere Heimat ist die Welt: ubi bene ibi patria – wo es uns wohl geht, das heißt, wo wir Menschen sein können, da ist unser Vaterland; Euer Vaterland ist für uns nur eine Stätte des Elends, ein Gefängnis, ein Jagdgrund, auf dem wir das gehetzte Wild sind und mancher von uns nicht einmal einen Ort hat, wo er sein Haupt hinlegen kann. Ihr nennt uns, scheltend, ›vaterlandslos‹, und Ihr selbst habt uns vaterlandslos gemacht! Und wie könnt Ihr, die Ihr salbungsvoll Euer Christentum beteuert, uns vorwerfen, daß wir nicht ›national‹ seien? Ist es nicht etwa ein auszeichnendes Merkmal der christlichen Religion, daß sie den nationalen Gott der Hebräer zu einem allgemein menschlichen Gott erweiterte, also modern ausgedrückt, das Nationalitätsprinzip zerstörte und den nationalen Gedanken durch den internationalen Gedanken verdrängte? Aus Euch spricht nur das Vorurteil und der Eigennutz; das Interesse der Menschheit erheischt, daß falle, was Ihr vertretet! Und das Interesse der Menschheit wird Euer Sonderinteresse überwinden. Eure Triumphe beschleunigen nur Euern Sturz. In dem Glockengeläute zur Feier Eurer Siege hören wir schon das Grabgeläute Eurer Herrlichkeit.«

Mit unheimlichem Erstaunen sahen die Gegner das unerwartete Schauspiel, hörten sie die fremd klingende Sprache der neuen Welt. Wohl war es nur eine winzige Minorität, die Protest erhob im Namen der Menschheit; aber jede um die Herrschaft ringende Wahrheit ist in der Minorität – und die siegreiche Wahrheit hat stets die Majorität. Wohl bestand diese Minorität fast ausschließlich aus Arbeitern, aus den Enterbten der heutigen Gesellschaft – allein, wie wäre es auch anders denkbar? Die Unterdrückten sind es zu jeder Zeit gewesen, welche die Flamme der Freiheit und Humanität gepflegt; denn die Not ist die beste, ja die einzige Lehrmeisterin der Menschheit. Dem Schwachen lehrt sie beten, dem Starken seine Kräfte gebrauchen – zu seiner Befreiung denken und handeln. Heute sind es die Arbeiter, die, von der Not gedrängt, sich dem Emanzipationswerk gewidmet haben – wie es im Mittelalter die Bauern waren, welche das Evangelium der Freiheit und Gleichheit verkündeten; wie zu Beginn unserer Ära in den Armen und Leidenden die christliche Lehre entsprang. Es ist jetzt nicht zu erstenmal, daß sich in solcher Weise zwei Welten gegenüberstehn. Im vorigen Jahrhundert, als das Bürgertum noch politisch unterdrückt war, hatte es sich bereits eine eigene Welt der Gedanken und Anschauungen geschaffen, die mit der herrschenden Welt im schroffsten Widerspruch stand und sich dieselbe zuletzt geistig unterwarf – ein »moralischer Sieg«, dem der materielle in der Französichen Revolution auf dem Fuße folgen mußte.

Doch die Geschichte bietet eine noch schlagendere Parallele: Das alte Römerreich hat den Gipfel der Macht bestiegen: es hat nichts mehr zu erobern, weil alle Länder der Erde ihm schon tributpflichtig sind. Die Großen schwelgen in unerhörtem Luxus, die Massen darben in dumpfer Sklaverei. Da lehnt sich in der geknechteten herabwürdigten Menge das Gewissen auf gegen solch schmachvolle Zustände, und eine Bewegung hebt an, die, anfangs von den Machthabern und Großen verachtet, verlacht, allmählich ihnen Furcht einflößt und sie zu den heftigsten, grausamsten Verfolgungen gegen die Bekenner der neuen Lehre veranlaßt. Doch die Verfolgungen schaffen nur Märtyrer und kräftigen die Sache, die sie zerstören sollen. Man verbietet den gefürchteten »Feinden des Staats und der Gesellschaft« (denn das waren die Christen), man verbietet ihnen, sich zu versammeln – sie versammeln sich in den Katakomben; man erfindet die raffiniertesten Qualen, umringt den Tod mit tausend Schrecknissen – umsonst, der Tod hat keinen Stachel für die Verfolgten, und unter den ausgesuchtesten Martern haben sie nur ein mitleidiges Lächeln für die Toren, welche eine Idee töten zu können wähnen. »Ist unsere Sache Gottes, dann werdet Ihr sie nicht zugrunde richten können; ist sie aber nicht Gottes, dann wird sie auch ohne Euch zugrunde gehn!« So rufen sie ihren Henkern zu und eilen freudig, siegesgewiß auf den Richtplatz. »Ist unsere Sache Gottes« – das heißt in die moderne Sprache übersetzt: Ist das, was wir erstreben, eine Kulturforderung, ist es im Einklang mit den geistigen, sittlichen und materiellen Interessen der Menschheit, dann ist es durch keine Gewalt auszurotten; ist es aber nicht »Gottes«, das heißt: ist es im Widerspruch mit diesen Interessen, dann muß es an diesem Widerspruch zugrunde gehen – ohne daß es gewaltsamer Unterdrückungsversuche bedarf, die höchstens dem Absterbenden noch ein Scheinleben einhauchen.

Wohlan, der Löwenzwinger, die Schlangenverließe, das Kreuz, der Scheiterhaufen – was war ihre Wirkung? Die Revolution des menschlichen Gewissens schritt unaufhaltsam vorwärts, das Christentum überwand das allmächtige Heidentum, die neue Welt stürzte die alte.

Hier eine Bemerkung. Ich bin weit davon entfernt, die gewöhnlichen Traditionen über das sogenannte »Urchristentum« zu glauben; noch weiter bin ich davon entfernt, die moderne Zivilisation als eine Folge des Christentums zu betrachten. Letztere Auffassung ist entschieden unrichtig, ist sogar eine absolute Umdrehung der Wahrheit; es läßt sich mit Leichtigkeit der Beweis führen, daß jede geistige und materielle Errungenschaft der Menschheit seit der Zeit, wo das Christentum Staatsreligion geworden, im Kampf mit dem Christentum, gegen das Christentum durchgesetzt werden mußte. Was aber jene Epoche betrifft, wo das Christentum noch die Dornenkrone der Verfolgung trug, so gehören zwar die Legenden, die Mythen älteren und neueren Datums, die man uns vorerzählt, in das Bereich der Fabelwelt, und so kann zwar nicht geleugnet werden, daß Wissenschaft und Kunst den Bekennern der neuen Lehre fremd waren und selbst, weil vermeintlich untrennbar von der Sache des Heidentums, von ihnen aufs erbittertste bekämpft wurden – allein, es wäre eine ebenso große Torheit, wie die ist, deren man sich jetzt gegen uns schuldig macht, wollten wir in Abrede stellen, daß die christliche Bewegung sich mit Notwendigkeit aus den damaligen Verhältnissen entwickelt hat und daß es dieses Protestes der Sittlichkeit des in den Menschen wohnenden Gleichheitsgefühls bedurfte, um die durch und durch verfaulte, auf Sklaverei begründete heidnische Gesellschaft aufzulösen und damit der Menschheit den Pfad zu weiterem Fortschritt zu öffnen. Wohl folgte dem Sturz des klassischen Heidentums eine lange, düstere Nacht. Das Christentum, zur Staatsreligion geworden, entfernte sich von den Prinzipien, denen es seinen Sieg verdankt hatte, und wurde selber ein Werkzeug der Unterdrückung. Doch die Menschheit ließ sich in ihrem Gang nicht aufhalten. Die Ideen der Gleichheit, der Brüderlichkeit, der Freiheit wucherten fort unter der Oberfläche der Gesellschaft. Vergebens suchte die Staatskirche dem Geist Fesseln anzulegen, vergebens errichtete sie ihr Inquisitionsgericht. Sie konnte die Leiber verbrennen, aber die ewigen Gedanken erhoben sich, phönixgleich, mit unversehrten Fittichen aus der Asche. Hunderttausende von Ketzern wurden dahingeopfert, die Schergen der »Unfehlbarkeit« feierten die glänzendsten »Erfolge « – für den Augenblick. Der Enderfolg war, daß die Ketzer über die Ketzerrichter siegten. Die Reformation brach die Macht des Papsttums, und heute ist der unfehlbare Papst der Gnade seiner Feinde überliefert, ein Gegenstand des Mitleids, nicht mehr der Furcht.

Fürwahr, wer überhaupt fähig ist, zu lernen, der sollte aus der Geschichte der religiösen Verfolgungen lernen, daß es ein Wahnsinn ist, das Rad des menschlichen Fortschritts zurückdrehen zu wollen. Wie die Ketzerrichter des Mittelalters verdammt sind vor dem Richterstuhl der Menschheit, so werden auch die modernen Ketzerrichter, die sich unterfangen, die neue Lehre des Sozialismus durch politische Verfolgungen zu ersticken, verdammt dastehn vor dem Richterstuhl der Menschheit; und wie die Ketzer des Mittelalters zuletzt über die Ketzerrichter siegten, so werden auch die Ketzer der Gegenwart über die Ketzerrichter der Gegenwart den Sieg davontragen. Oder glaubt man, es sei weniger Lebenskraft in unsern Ideen als in denen der christlichen Märtyrer? Eitler Wahn!

Die gleiche Rolle, wie beim Zerfall der altrömischen Welt das Christentum, spielte jetzt der Bourgeoiswelt gegenüber der Sozialismus. Wie damals haben wir eine Auflehnung des Gewissens gegen den rohen Materialismus, der, jedes Ideals bar, den Menschen zum Vieh oder zur Ware herabwürdigt; wie damals sind es die Armen und Enterbten, in denen der Same der neuen Welt aufgegangen ist; wie damals haben wir den Bruch mit den nationalen Vorurteilen. Aber ein wesentlicher Unterschied ist da: Der Sozialismus hat nicht die Wissenschaft gegen sich, sondern er hat in ihr seine unumstoßbare Stütze, obschon die Priester der Wissenschaft zum größten Teil im Dienste des Mammons sind; er ist nicht bloß Sache des Gefühls, sondern auch des Verstandes; er beruht auf einer klaren Erkenntnis der herrschenden Gesellschaftsverhältnisse und hat ein bestimmtes, durchführbares Programm für die Reorganisation der Gesellschaft und des Staats, oder sagen wir bloß: der Gesellschaft, denn der Staat ist nichts anderes als die (mehr oder weniger gut) organisierte Gesellschaft. Als Sache des Gefühls und des Gewissens hat er die ganze Stärke des Christentums – wohlgemerkt, ich rede hier nur von der christlichen Bewegung im ersten Stadium –, als Sache des Verstandes hat er die Stärke der Wissenschaft. Wenn aber das Gefühl allein schon die ersten Christen unwiderstehlich machte, wie hoffnungslos ist dann erst der Kampf gegen den Sozialismus, dem das Gefühl die Stärke der Religion, der Verstand die Stärke der Wissenschaft gibt? Könnte das Wort Religion nicht mißdeutet werden, so würde ich sagen: Der Sozialismus ist Religion und Wissenschaft zugleich. Im Kopf und im Herzen der Arbeiter wurzelnd, ist der Sozialismus weder durch List noch durch Gewalt, weder durch sophistische Scheingründe noch durch Polizei und Zündnadelgewehr auszurotten. In jedem Arbeiter steckt bewußt oder unbewußt mehr oder weniger entwickelt der Keim des Sozialismus, und dieser Keim, der Keim der neuen Welt, läßt sich nicht ersticken. Da hilft kein Leugnen, da hilft kein Augenverschließen, kein Denunzieren, kein Dreinschlagen, kein Massakrieren. Die Bewegung vollzieht sich mit der Notwendigkeit eines Naturgesetzes, Verfolgungen kräftigen den Sozialismus bloß, wie sie das Christentum gekräftigt haben. Die Arbeiter können für ihre Überzeugung sterben, wie die Christen es getan. Der Sozialismus hat seine Märtyrer, wie das Christentum sie hat, und werden noch Zehntausende, noch Hundertausende getötet, der Sozialismus wird dadurch so wenig am endgültigen Sieg verhindert werden wie einst das Christentum. Aus dem Blute eines jeden Märtyrers werden Hunderte von neuen Märtyrern entstehen; die vermehrte Gefahr wird den Mut stählen und – um mich eines Ausspruches der Französischen Revolution zu bedienen: wer mit dem Tod einen Pakt gemacht hat, dem ist der Sieg verbürgt. »Blut und Eisen« mag Feiglingen Angst einjagen, wir spotten der Drohungen und der Gefahren.

Blicken wir hin auf Frankreich, das große politische und soziale Versuchsfeld, wo sich jüngst die furchtbar großartige Tragödie der Kommune abspielte. Das sozialistische Proletariat, das durch die brandenden Wogen der Ereignisse in Paris auf den Gipfel der politischen Gewalt erhoben worden war, es erlag nach heroischem Riesenkampf den vereinigten Anstrengungen der preußischen und der französischen Armee; vierzigtausend Arbeiter wurden im Kampf und nach dem Kampf niedergemetzelt, ebenso viele wurden gefangen, um in ungesunden Kerkern, in mephitischen Schiffsräumen, in den giftigen Sümpfen von Cayenne der »trockenen Guillotine« zum Opfer zu fallen. Welcher Jubel unter den Vertretern der alten Welt! Die soziale Frage war aus der Welt geschafft, der Sozialismus in der Person von achtzigtausend Sozialisten getötet oder dem Tod geweiht!

Der Sozialismus getötet? Die Herren haben ein kurzes Gedächtnis. Dreiundzwanzig Jahre vor dieser Katastrophe war Paris der Schauplatz einer ähnlichen Tragödie, nicht minder großartig, wenn auch nicht von ebenso großen Dimensionen. Die französische Februarrevolution ist Ihnen, den Umrissen nach, bekannt. Das Pariser Proletariat hatte den Julithron gestürzt. Es hatte die Entrüstungsphrasen des liberalen Bürgertums über die Verderbtheit des Bürgerkönigtums ernst genommen und das Übel an der Wurzel angepackt. Aber die Revolution war ihm keine bloße Phrase; es wollte nicht die Ausbeutung und Korruption in einer Gestalt beseitigen, um sie in der anderen wieder auf den Thron zu heben.

Eine provisorische Regierung wurde geschaffen – der Mehrzahl nach aus honetten Republikanern bestehend, mit einigen Vertretern des Sozialismus als Zugabe. Die Arbeiter, vertrauensvoll und großmütiger als klug, erklärten der Regierung: »Wir wissen, daß die Majorität von Euch unseren Bestrebungen nicht freundlich ist, aber wir wollen womöglich weiteres Blutvergießen vermeiden – wir geben Euch drei Monate des Elends; drei Monate werden wir in Geduld alle Entbehrungen ertragen; diese drei Monate sind Eure Probezeit. Sehen wir nach Ablauf der Frist, daß Ihr ehrlich seid, daß Ihr den guten Willen habt, etwas für das hungernde Proletariat zu tun, gut, so wird die soziale Frage sich in Frieden lösen. Sehen wir aber, daß wir wieder betrogen sind, nun dann müssen wir uns selbst helfen.« Die Regierung versprach alles und – brach alles. Die Nationalwerkstätten, Nach dem Sieg der Februarrevolution 1848 richtete die französische Regierung für etwa 100 000 Arbeitslose Nationalwerkstätten ein, um die Arbeiter dem Einfluß radikaler Ideen zu entziehen, Kleinbürger und Bauern durch diese »Konkurrenz«-Betriebe gegen die Arbeiter aufzubringen und – durch schlechte Leitung bzw. bewußt niedrig gehaltene Produktivität der Nationalwerkstätten – die sozialistischen Auffassungen zu diskreditieren. die unsere unwissende Bourgeoispresse zu Schöpfungen des Sozialismus gemacht hat, wurden eingerichtet, um eine Arbeiterarmee gegen den Sozialismus zu gewinnen, ein Versuch, der jedoch an dem regen Klassenbewußtsein der französischen Arbeiter scheiterte. Man konnte das Proletariat nicht nasführen, man mußte es niederkartätschen. Die erforderlichen Maßregeln wurden getroffen, und als die (in der provisorischen Regierung und der unterdessen zusammengekommenen Nationalversammlung vertretene) Bourgeoisie sich des Erfolges sicher glaubte, warf sie die dreißigtausend Arbeiter der Nationalwerkstätten auf die Straße und zwang sie, Hungers zu sterben oder zu kämpfen. Der dreimonatige »Hungerwechsel«, ausgestellt am 17. März, war gerade abgelaufen. Den 21. und 22. Juni bereitete das Proletariat sich zum Kampf vor – den folgenden Tag entbrannte die Schlacht. Es kann hier nicht meine Aufgabe sein, die Einzelheiten der Juni-Insurrektion zu entrollen. Genug – nach viertägigem heldenmütigem Kampf erlagen vierzigtausend Arbeiter dem langgeplanten Angriff einer Armee von achtzigtausend regulären Soldaten und vierzigtausend National- und Mobilgarden. Entsetzliche Greuel wurden von den Siegern verübt – Tausende von Gefangenen ermordet; man schätzt die Zahl der Arbeiter, die im Kampf blieben und nachher massakriert wurden, auf zwölftausend; und ungefähr ebensoviel Gefangene, die man sich scheute, sofort zu töten, wurden nach Lambessa und Cayenne deportiert, wo die meisten von ihnen den Mißhandlungen und dem Klima erlegen sind.

Namenlos war der Jubel der Bourgeoisie über die Niederlage der Junikämpfer. Der Sozialismus war vernichtet, die »Gesellschaft gerettet«, samt allem, was drum und dran hängt: »Familie«, »Eigentum«, und der Himmel weiß, was für schönen Dinge, welche die Bourgeoisie in Worten verehrt und in der Wirklichkeit mit Füßen tritt und schändet. Der Sozialismus war tot! Zwölftausend »Banditen«, »Mordbrenner«, »moderne Barbaren« – doch ich kann die Schimpfwörter nicht alle aufzählen, die damals im Schwange waren; lesen Sie die Artikel der heutigen Presse über die Pariser Kommune, und Sie haben das ganze Verzeichnis; die journalistischen Handlanger der Bourgeoisie haben sich nicht die Mühe genommen, neue Schimpfwörter zu erfinden – zwölftausend Sozialisten tot, zwölftausend auf dem Weg zur »trockenen Guillotine« Trockene Guillotine: Deportation von Tausenden gefangener Junikämpfer in meist unwirtschaftliche, ungesunde außereuropäische Gebiete, wo sie oft schwere Zwangsarbeit verrichten mußten. In noch größerem Umfang wurden gefangene Kommunarden 1871 nach dem 1853 von Frankreich annektierten Archipel Neukaledonien im Stillen Ozean (östlich von Australien) deportiert. – wer konnte da noch an Gefahr denken für die Zukunft? Der Sozialismus war tot und begraben; über der Leiche wurde die Erde festgestampft – wie konnte der Sozialismus wieder auferstehen? Die Zeit verstrich – die Republik mußte bald ins Grab gelegt werden neben den Sozialismus. Und oben auf das Grab stelle Bonaparte seinen Thron – wie konnte der tote Sozialismus wieder auferstehen? »Blut und Eisen« regierte; die Presse wurde geknebelt und gekauft; nichts unversucht gelassen, um die Arbeiterklasse für das Empire zu gewinnen; das Gemüt der Massen systematisch vergiftet; die öffentliche und geheime Polizei in beispielloser Ausdehnung organisiert und zur obersten Staatsinstitution erhoben; die Armee, was ihre wahre Bestimmung im heutigen Staate ist, zu einer Prätorianergarde gemacht, wie eine Bulldogge auf den Mann – aufs Volk dressiert; kurz, alle Hilfsmittel der reaktionären Staatskunst wurden aufgeboten, um einem neuen Ausbruche vorzubeugen. Mehr konnte keine Regierung tun, als Bonaparte getan hat, und ich glaube nicht, daß es eine zweite Regierung gibt, die gleich viel zu tun imstande ist. Was Bismarck und Stieber jetzt in dieser Richtung leisten, ist nur dem Empire abgelernt. Kein Wunder, daß Bonaparte der Abgott der Bourgeoisie wurde; nicht bloß der französischen, nein, der Bourgeoisie aller Länder, insbesondere auch der deutschen. Jeder von Ihnen, meine Freunde, dessen Gedächtnis einige Jahre zurückreicht, wird sich der byzantinischen Verehrung erinnern, die unsere liberale Presse: »Kladderadatsch«, »Volkszeitung«, »Nationalzeitung« – je »liberaler«, desto inbrünstiger – dem Mann des zweiten Dezember Gemeint ist Louis Napoleon, ein Neffe Napoleons I. Er wurde am 10./11. Dezember 1848 vor allem durch die Bourgeoisie zum Präsidenten der französischen Republik gewählt. Am 2. Dezember 1852 rief sich Louis Napoleon als Napoleon III. zum Kaiser aus. angedeihen ließ. » Er« war die menschgewordene Vorsehung, ausgestattet mit den göttlichen Attributen der Allweisheit und Allmacht. Und das Ende vom Lied? Nachdem er zweiundzwanzig Jahre lang in der Erde gelegen, begann der totgeglaubte Riese die Glieder zu recken, und am 4. September 1870 erhob er sich und stieg hervor aus seinem Grab – der Thron Bonapartes fiel, und der Sozialismus lebte.

Ein halbes Jahr später erstand die Pariser Kommune. Der Sozialismus, der 1848 sich nur vier Tage behauptet hatte, trotzte jetzt länger als zwei Monate den vereinigten Anstrengungen der von den Preußen unterstützten französischen Ordnungssoldateska und konnte erst nach achttägigem Straßenkampf überwältigt werden. Die Metzelei war größer als 1848, die Zahl derer, die deportiert werden sollen, ist doppelt so groß. Die französische Bourgeoisie wollte diesmal reinen Tisch machen, und die Bourgeoisie der übrigen Länder klatschte ihr begeisterten Beifall. Allein schon heute, kaum vier Monate nach dem Sieg, fängt die Bourgeoisie an einzusehen, daß sie nur einen Pyrrhussieg erfochten, daß sie sich ins eigene Fleisch geschnitten hat. Sie hat so gründlich aufgeräumt, daß es ihr an Arbeitern mangelt für ihre Werkstätten, für ihre Fabriken. Und – der Sozialismus ist nicht tot. Er lebt in Paris, in Frankreich, in Deutschland, in allen Kulturländern – er lebt in der Brust eines jeden Arbeiters, der ein Herz hat, zu fühlen, und einen Kopf, zu denken. Die Bourgeoisie kann doch nicht jeden Arbeiter töten, und gelänge es ihr, was hätte sie erreicht? Sie hätte Selbstmord begangen. – Die Bourgeoisie existiert durch die Arbeiter; ohne Arbeiter hört sie auf zu existieren, und durch die Arbeiter wird sie gestürzt – aus diesem unerbittlichen Dilemma kommt sie nicht heraus. Die Entfaltung der Bourgeoisie bedingt ein wachsendes Massenproletariat, und das Proletariat wird durch die ökonomischen Verhältnisse zum Sozialismus gedrängt. Je mächtiger die Bourgeoisie, desto massenhafter das Proletariat, desto stärker die sozialistische Bewegung, desto mächtiger die Gegner der Bourgeoisie. Will die Bourgeoisie Bourgeoisie bleiben, so muß sie das Proletariat und damit den Sozialismus stärken, der sie vernichten wird. Bekämpft sie das Proletariat und den Sozialismus, so zerstört sie die Grundlagen ihrer eignen Macht, ihrer Existenz. In diesem vicieux, diesem »schlimmen Zirkel« muß sie zugrunde gehen.

Mit »Blut und Eisen« ist die sozialistische Bewegung nicht aus der Welt zu schaffen. Im Juni 1848 ist es umsonst versucht worden; und nicht besseren Erfolg hat die Pariser Bluthochzeit vom Mai 1871 gehabt. Wie die Juni-Insurrektion in der Kommune ihre Auferstehung feierte, so wird auch die Kommune einst ihre Auferstehung feiern; und die Ausbrüche werden sich mit wachsender Macht wiederholen, bis die alte Welt ihre Hilfsmittel erschöpft hat und in Trümmer sinkt – es sei denn, daß ein friedlicher Ausweg gefunden werde. Doch davon später.

Rohe Gewalt ist unfähig, den Sozialismus zu ersticken. Wer vom Bewußtsein seines Rechts durchdrungen ist, kennt keine Furcht. Man werfe uns ins Gefängnis, man töte uns – unsere Sache wird darunter nicht leiden. Der unbezwingliche Geist, der die alten Christen lächelnd das Martyrium ertragen ließ, er beseelt auch die Sozialdemokraten. Wir schreiten fort auf dem Pfad, den die Überzeugung uns zu wandeln gebietet, und ob er sich auch mit Leichen bedecke, wir marschieren vorwärts wie eine Sturmkolonne, deren Reihen die feindlichen Kugeln lichten – bis wir das Ziel erreicht.

Daß Gewalt allein ohnmächtig ist gegen die Sozialdemokratie, das begreifen nachgerade auch unsere Gegner; sie wollen uns mit »geistigen« Waffen bekämpfen. Sie gründen Arbeitervereine, in denen den Arbeitern gelehrt wird, zwischen Kapital und Arbeit herrsche die vollständigste »Harmonie«, das wahre Interesse des Arbeiters erheische, daß er mit dem Arbeitgeber zusammengehe, der Zankapfel der sozialen Frage sei nur von einer Handvoll ehrgeiziger, gewissenloser oder toll überspannter Leute zwischen die beiden Klassen geworfen worden. Nun mögen die Gegner fortfahren, Arbeitervereine zu gründen; sie gründen dieselben für uns! Die Falschheit der Harmonielehre wird dem Arbeiter in empfindlichster Weise durch die tägliche Praxis bewiesen, und ist er anfangs unter dem Einfluß der Bourgeoisiepresse auch noch so sehr gegen die Sozialdemokratie eingenommen, bald wird er, um einen populären Ausdruck zu gebrauchen, mit der Nase auf den Klassengegensatz und mit Leib und Seele in den sozialen Konflikt gestoßen und durch die Erfahrung belehrt, daß bei der heutigen kapitalistischen Produktion die Interessen des Arbeiters und Arbeitgebers einander schnurstracks gegenüberstehen: daß es zum Beispiel das Interesse des Arbeiters ist, einen möglichst hohen Lohn zu fordern, das des Arbeitgebers, einen möglichst niedrigen Lohn zu geben. In dieser Differenz – von der allgemeinen politischen und sozialen Stellung der zwei Klassen gar nicht zu reden – liegt allein schon die Quelle endloser, unaufhörlicher Reibungen und Streitigkeiten, mit einem Worte, der Klassenkampf in mehr oder weniger akuter Form. Und so haben wir denn in neuerer Zeit die sonderbare Ironie der Geschichte erlebt, daß die erbittertsten und ausgedehntesten Streiks – und der Streik, die Arbeitseinstellung, ist nach der Straßenschlacht die heftigste Form des Klassenkampfes –, daß die größten und hartnäckigsten Streiks in Deutschland, die von Waldenburg, Forst Gemeint sind der Streik von etwa 4000 Textilarbeitern in Forst (Lausitz) und von rund 8000 Bergarbeitern in Waldenburg (1. 12. 1869 bis Ende Januar 1870). usw., von Arbeitern ausgegangen sind, die in den Hirsch-Dunckerschen Gewerkschaften Die Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine (benannt nach Max Hirsch und Franz Duncker) wurden 1868 auf bürgerlichen Positionen und unter bürgerlicher (linksliberaler) Führung gegründet. Als Gegengründung gegen die sozialistischen Arbeiterorganisationen sollten sie einen antisozialistischen Damm innerhalb der Arbeiterklasse bilden. Ihre Parole von der »Harmonie der Interessen von Arbeit und Kapital« wurde schlagend durch den Waldenburger Bergarbeiterstreik 1869 widerlegt. das Evangelium der Harmonielehre studiert hatten, denen sich aber die theoretische Milch der frommen Denkungsart infolge der praktischen Behandlung seitens der Arbeitgeber in gärendes Drachengift verwandelt hatte. Bei dieser Gelegenheit ist zu erwähnen, daß der ärgste »Arbeiterexzeß« der Neuzeit auf einem preußischen Staatsbergwerk (Königshütte) Spontane Arbeitsniederlegungen und Emeute der unorganisierten, unter klerikalem Einfluß befindlichen Bergarbeiter in Königshütte am 26. Juni 1871. Die spontane Erhebung wurde durch Ulanen und mehrere Kompanien Infanterie niedergeschlagen. Die Bergarbeiter hatten sieben Tote und viele Verwundete zu beklagen. Über Königshütte wurde der Belagerungszustand verhängt; die Klassenjustiz fällte drakonische Urteile. vorgekommen ist, von dem jedes Atom »sozialistischen Gifts« ferngehalten worden war.

Ich dächte: dies allein genügte, um das Alberne der Behauptung, die soziale Bewegung sei von einzelnen »gemacht«, in das gehörige Licht zu stellen. Doch gehen wir etwas tiefer in diese Frage ein. Also ein paar Männer sollen die Urheber einer Bewegung sein, welche gleichförmig alle Kulturländer ergriffen hat und welche seit fast einem Menschenalter direkt die Geschicke Europas bestimmt, eine Bewegung, ohne die wir uns u. a. das zweite französische Empire nicht denken können, ohne das wiederum die Bismarcksche Wirtschaft undenkbar wäre. Welche Beleidigung für die Arbeiter liegt in jener Annahme! Hunderttausende, Millionen von Arbeitern sollen sich durch ein paar Leute die Köpfe haben verdrehen lassen und blind hinter ihnen herlaufen, wie Schafherden hinter den Leithammeln! Oh, Ihr Herren Bourgeois und sonstigen Reaktionäre! Wenn die Arbeiter so unselbständig wären, wie Ihr von ihnen voraussetzt oder doch zu glauben vorgebt, dann würden sie in Euren Netzen zappeln, denn Ihr laßt es wahrlich nicht an Anstrengungen fehlen, um sie zu fangen, und Ihr verfügt doch wahrhaftig über tausendmal mehr Mittel der moralischen und materiellen Beeinflussung als die Sozialdemokratie! Überdies ist es ein wesentliches Merkmal unserer Partei, daß sie den Autoritätsglauben prinzipiell bekämpft und jeden Gedanken persönlicher Führerschaft grundsätzlich zurückweist. Doch die Annahme ist nicht bloß eine Beleidigung für die Arbeiter, nicht bloß unrichtig im vorliegenden Fall, sondern sie ist auch an sich durch und durch unwissenschaftlich, der Ausfluß einer Anschauung, die auf vollkommener Unkenntnis des geschichtlichen Entwicklungsprozesses beruht.

Das Kind mit seiner regen Phantasie und seinem unentwickelten Verstand bevölkert die Welt mit Prinzen, Riesen und Zauberern. Es sieht überall nur Außerordentliches, Wunderbares, wittert überall das Walten geheimer Kräfte. Auf demselben kindlichen oder sagen wir lieber kindischen Standpunkt stehen alle diejenigen, welche die menschliche Geschichte als das Produkt einiger außerordentlicher, über das gemeine menschliche Maß vorragender Männer, bald guter, bald schlechter, betrachten und in jedem Ereignis, in jeder Bewegung die Laune, die Willkür dieses oder jenes Individuums erblicken, das, um für die ihm zugedachte Rolle tauglich zu sein, mit allen möglichen übernatürlichen Eigenschaften ausstaffiert wird. Von diesem Standpunkt ging bis in die jüngste Zeit mehr oder weniger unsere ganze Geschichtsschreibung aus, die nichts anderes war und leider auch für die große Masse, der die neueren Werke der Wissenschaft nicht zugänglich sind, noch ist – als eine Aneinanderreihung von Namen berühmter Fürsten, Feldherren und sonstiger Heroen mit eingestreuten Berichten von Schlachten, Mordgeschichten, Haupt- und Staatsaktionen, Verschwörungen – kurz ein Sensationsroman niedrigster Gattung, halb Ritter-, halb Räubergeschichte, halb Kindermärchen. Die wissenschaftliche Geschichtsschreibung (wohl zu unterscheiden von der gelehrten), die noch sehr jungen Datums ist und in dem Engländer Buckle ihren Hauptvertreter hat, faßt die menschliche Entwicklung als das notwendige Resultat der Wechselwirkung zwischen Mensch und Natur auf. Sie kennt, wie überhaupt die Wissenschaft, keine Willkür, nur Notwendigkeit, keine Laune, nur Mannigfaltigkeit, nichts Wunderbares und Außerordentliches, nur Natürliches und allgemeinen Gesetzen Folgendes. Die Wundergestalten der altmodischen Märchengeschichten oder Geschichtsmärchen verschwinden vor der Kritik wie ungeheuerliche Nebelgebilde vor den Strahlen der Morgensonne; der Heroenkultus wird in die Rumpelkammer des Aberglaubens geworfen – die »großen Männer« werden erniedrigt und die Menschheit erhöht.

Der Gang der Geschichte ist ein unaufhörliches Ringen des Menschen mit der Natur, ein ununterbrochener Kampf um das Dasein – erst Kampf, um nicht von der Natur überwältigt zu werden, dann Kampf, um die Natur zu überwältigen. Die Errungenschaft dieses hunderttausendjährigen Kampfes ist unsere heutige Kultur. Meine Freunde, Sie alle wissen unzweifelhaft, daß die biblische Schöpfungstheorie durch die Wissenschaft umgestoßen worden ist. Der Mensch ist nicht vollendet aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen und dann allmählich entartet, so daß Gott Propheten, Heilande und sonstige Wunderwesen auf die Welt schicken mußte, um seine »Ebenbilder« vor gänzlicher Verkommenheit zu retten; das Alter des Menschengeschlechts beträgt auch nicht bloß fünf oder sechs Jahrtausende. Die geologischen Forschungen haben zur Gewißheit erhoben, daß die Erde in ihrer festen Gestalt – vom Alter der Materie, aus der die Erde besteht, können wir nicht reden, da die Materie weder Anfang noch Ende hat –, daß die Erde in ihrer festen Gestalt Millionen von Jahren alt ist und daß der Mensch in einer seiner heutigen schon annähernd ähnlichen Gestalt seit Hunderttausenden von Jahren existiert. Schon vor Myriaden von Jahren, zur Zeit des Mammuts, hatte der Mensch, wie wir aus den aufgefundenen Steinwerkzeugen erfahren, eine Kultur erreicht, die ihn hoch über die anderen Tiere stellt und die auf die vorhergegangene Arbeit zahlloser Generationen schließen läßt. Nach dem Geschwindschritt der Gegenwart dürfen wir nicht die Fortschritte der Urzeit berechnen. Heute, wo wir auf den Schultern aller früheren Geschlechter stehn und deren aufgesammelte Kulturarbeit in und um uns haben, sind die Faktoren des Fortschritts kolossal potenziert (gesteigert), während der geringste Fortschritt der Urzeit das Werk von Jahrtausenden war, wie aus dem geringen Unterschied der ausgegrabenen Werkzeuge und Gerätschaften zeitlich weit auseinanderliegender Epochen gefolgert werden muß. Der Urmensch war nicht jenes aufrecht einherschreitende, stolz gen Himmel schauende, auf der gewölbten Stirn einen Adelsbrief als Herr der Schöpfung tragende Wesen, von dem die Mythe des Alten Testaments erzählt. Sein Stammbaum stellt ihn entschieden in die Reihe der anderen Tiere – gleich ihnen hat er die Eintwicklungsphasen aus der einfachen Zelle heraus durchgemacht; dank einem Zusammentreffen günstiger Bedingungen gelang es ihm aber, seinen Verwandten den Rang abzulaufen. Welch kolossale Zeiträume verstrichen sind, bis der Mensch in das historische Zeitalter eintrat, das läßt sich nur ahnen, nicht berechnen. Jedenfalls erfüllt letzteres nur einen winzigen Zeitraum, verglichen mit der vorgeschichtlichen Zeit, daß heißt der dunklen Periode, in welcher der Mensch keine bleibenden Denkmäler seiner Existenz schaffen konnte. Die geschichtliche Zeit dämmert erst auf mit der sich bekundenden Fähigkeit des Menschen, Gesellschaften zu gründen. Solange der Mensch für sich allein stand, höchstens zur Herdenbildung gelangte, wie das bei vielen Tieren der Fall ist, hatte er keine Geschichte. Erst von dem Moment an, wo er Gesellschaftstier, »politisches Tier«, zoon politikon wird, beginnt seine Geschichte. Als einzelner konnte er sich nicht über die Tierheit erheben, das konnte er nur in der Gesellschaft, in der Gemeinschaft mit seinesgleichen. Erst durch die Gesellschaft wird der Mensch Mensch. Aller Fortschritt, alle Kultur ist Gesellschaftswerk. Und je weiter der Gesellschaftskreis sich erweitert, desto rascher der Fortschritt, desto intensiver die Kultur. Von vereinzelten Individuen ausgehend zum Stamm, zur Nation und schließlich zum Weltbürgertum sich erweiternd – das ist der Gang der Menschenentwicklung.

Erst in der Gesellschaft liegt auch der Keim der Sittlichkeit. Der Mensch mußte erst begreifen, daß es vorteilhafter für ihn ist, sich mit seinen Mitmenschen zu verbinden, als im Krieg mit ihnen und damit in beständiger Furcht und Gefahr zu leben. Der Fundamentalsatz aller Moral: Tue deinem Nächsten, was du willst, daß er dir tue, ist das Produkt der Not, welche die Erkenntnis hervorrief, daß die Menschen solidarische Interessen haben. Freilich, diese Solidarität galt anfangs nur für den engsten Kreis der Angehörigen und wurde nur in einer langen Schule unangenehmer Erfahrungen allmählich erweitert, bis wir jetzt endlich so weit gelangt sind, daß die letzten Schranken der Solidarität bloß noch durch die Gewalt der Bajonette aufrechterhalten werden können. Der Begriff der allgemeinen menschlichen Solidarität ist der höchste Kultur- und Moralbegriff; ihn voll zu verwirklichen, das ist die Aufgabe des Sozialismus.

Also Gesellschaftswerk ist die Kultur. Ein jeder Mensch, der jemals gelebt, hat den Kampf um das Dasein kämpfen müssen und in diesem Kampf die Herrschaft des Menschen über die übrigen Geschöpfe und die Natur begründen helfen. Jeder einzelne hat seinen Teil beigetragen zu der Summe der aufgespeicherten Kulturerrungenschaften. Die »großen Männer«, von denen die Geschichtsmythe uns meldet, haben, insoweit sie wirklich gelebt, ebenfalls ihr Scherflein dazu gegeben – begünstigt durch die Umstände möglicherweise ein etwas größeres als ihre unbekannt gebliebenen Mitmenschen –, in jedem Fall aber wurden sie zu dieser Mehrleistung nur durch die Gesellschaft befähigt. Während die Geschichtsmythe die Völker durch die wunderbaren Taten einiger großer Männer zu dem werden läßt, was sie sind, läßt umgekehrt die kritische Geschichte diese sogenannten großen Männer als das Produkt der Völker erscheinen. Vor den Augen der Wissenschaft finden die politischen Götzen so wenig Gnade wie die religiösen. Wie die Christen weiland die Götzenbilder der Heiden von ihrem Piedestal herabwarfen und dem erschreckt zuschauenden Volk zeigten, daß der gefürchtete wunderkräftige Gott nichts anderes war als morsches Holz oder ein Steinhaufen, so reißt die Wissenschaft die »großen Männer« von ihrem Sockel herunter und beweist, daß die Völker in ihnen nichts anderes angestaunt haben als ihre eigenen Hirngespinste. Betrachten wir, um den in der Geschichtsmythe vielleicht Gewaltigsten herauszugreifen: Napoleon – den Napoleon. Welche Legenden knüpfen sich nicht an seinen Namen! Welche übermenschlichen Taten werden ihm nicht zugeschrieben! Wohlan, die historische Kritik hat ihm den Glorienschein abgestreift und den Wundermann zu einem einfachen Abenteurer degradiert, der mit dem Geschicke eines routinierten Spielers den Rückschlag der Revolutionsbrandung benutzte und sich in eine Stellung hineinschwang, die durch die Verhältnisse dargeboten war: Seine militärischen und gesetzgeberischen Leistungen sind ihres erborgten, gestohlenen Glanzes beraubt und der Nachweis geliefert worden, daß er auf allen Gebieten seinen Ruhm den Schöpfungen der Französischen Revolution – also nicht denen eines großen Einzelmenschen, sondern einer großen Menschengemeinschaft verdankt. Im Einklang mit dem Verdikt der Geschichte und in der richtigen Einsicht, daß die Menschen nicht frei sein können, solange sie sich nicht von jedem Aberglauben und namentlich von dem Personenkultus befreit haben, welcher der schlimmste ist von allen Götzendiensten, weil die auf der Erde wohnenden Götzen uns näher und darum gefährlicher sind als die in den Himmel verbannten – in Erkenntnis dieser Wahrheit hat die Pariser Kommune die Vendômesäule Die 54 m hohe Vendômesäule wurde als Symbol des Chauvinismus und Militarismus auf Anordnung der Pariser Kommune 1871 gestürzt. zerbrochen: und wir wollen nur hoffen, daß bald alle derartigen Götzen, die lebendigen wie die toten, die von Fleisch und Bein so gut wie die von Eisen und Marmor, in Trümmer zerschlagen werden.

Die wissenschaftliche Geschichte ist die gründlichste Lehrerin der Demokratie, weil sie die Prätensionen der Aristokratie in ihrer Nichtigkeit darstellt. Sie läßt die Heroen, die Hexenmeister verschwinden und bringt dafür den Menschen zur Geltung und Ideen zur Geltung. Nicht der Wunderkraft einiger Auserlesenen danken wir unsere Kultur – nein, die Menschheit ist emporgestiegen, wie die Koralleninseln der Südsee emporsteigen durch die Kollektivarbeit der Millionen und Milliarden von Individuen zahlloser Generationen. Oder, um ein anderes Gleichnis zu gebrauchen: Sie haben gewiß, meine Freunde, von dem Infusionstierchen gehört, die, winzig klein, nur durch das Vergrößerungsglas sichtbar, doch vermittelst ihrer Massenarbeit die Erdoberfläche verändert haben. Sie haben wohl auch gehört, daß Berlin zum Teil auf einer Schicht von Infusionstierchen steht. Nun, wie diese Infusionstierchen durch Tausende und aber Tausende von Jahren wirken und schaffen mußten, um das Fundament für die Prachtbauten der »neuen Kaiserstadt« zu bilden, so mußten Tausende und aber Tausende von Menschengenerationen wirken und schaffen, um das Fundament unserer modernen Kultur zu bilden. Nicht dieser und jener Mensch hat uns auf die gegenwärtige Höhe gebracht – nein, es ist die Kollektivarbeit aller; und angenommen, die sämtlichen Wundermenschen, gute und böse, hätten nicht gelebt, so würden wir genauso weit sein, als wir sind.

Unsere Gegner erkennen dies unbewußt an, indem sie – den Wilden gleich, welche ihre Götzen durchprügeln oder in Stücke schlagen, wenn sie ihnen nicht die verlangten Wunder tun – ihre menschlichen Abgötter in den Kot werfen, sobald sie ihnen nicht mehr die erwarteten Dienste leisten. Bonaparte, der falsche Neffe des Onkels, gestern noch der größte Staatsmann der Welt, heute liegt er, verachtet von seinen ehemaligen Anbetern, im Staub, und an seiner Stelle wird Bismarck als Abgott verehrt. Auf wie lange? Das wissen wir nicht; aber was wir wissen, ist, daß auch dieser Götze gestürzt werden wird und daß ihn die am heftigsten verdammen werden, die ihm heute den sklavischsten Weihrauch spenden. Unser Urteil wird dann gerechter und maßvoller sein, denn wir werden keine Enttäuschung erlebt haben und nach seinem Fall nicht besser und nicht schlechter von ihm denken als jetzt.

Freunde! Verzeihen Sie mir diese kurze Abschweifung! Ich wollte nur dartun, auf welch unbegründeten Voraussetzungen die Annahme beruht, die menschliche Entwicklung sei das Werk einzelner, im Guten oder Schlimmen ausgezeichneten Individuen. Was von der Vergangenheit gilt, gilt auch von der Gegenwart. Die Behauptung, die jetzige soziale Bewegung sei durch eine Handvoll Leute künstlich nach Willkür, aus strafbarer Laune erzeugt, ist durch und durch unwissenschaftlich und kann nur von Kindern, Ignoranten oder Polizeiseelen ausgehen, nur von Kindern, Ignoranten oder Polizeiseelen geglaubt werden.

Doch unser Streben ist ein »revolutionäres«! Revolution! Furchtbares Schreckbild für alte Weiber beider Geschlechter! Ja, wir sind Revolutionäre! Wir wollen eine Umgestaltung der heutigen Gesellschaft an Haupt und Gliedern. Aber blicken wir dem Schreckbild fest ins Auge, und es verliert seine Schrecknis. Wir leben inmitten der Revolution, und wir leben durch die Revolution. Die ganze menschliche Geschichte ist eine fortwährende Revolution. Die Geschichte ist die Revolution in Permanenz – sie ist Werden, Wachsen, Wechsel, Fortschritt – beständige Umänderung, weil beständig schaffendes Leben. Solange der Mensch lebt, ist er Revolutionär. Daß er unzufrieden ist mit dem, was er ist, was er hat, stets nach Höherem strebt – darin liegt gerade sein menschliches Wesen. Hört der Mensch, hört die Menschheit auf, revolutionär zu sein, so hört der Mensch, so hört die Menschheit auf zu existieren: Die Revolution, die Bewegung ist Leben – die Nichtrevolution, der Stillstand ist Tod.

Allerdings hat das Wort Revolution noch eine andere, engere Bedeutung. Man versteht darunter den »gewaltsamen« Bruch mit den vorhandenen Staats- und Gesellschaftsformen. Wohlan, dieser gewaltsame Bruch – wodurch, durch wen wird er hervorgebracht? Wer trägt die Verantwortlichkeit für alle bisherigen »Revolutionen«? Nicht diejenigen, welche nach den Gesetzen der menschlichen Entwicklung neue Formen für den neuen Inhalt, neuen Ausdruck für die neuen Ideen erstreben – nein. Die haben die Schuld, welche den naturgemäßen, notwendigen Gang der menschlichen Entwicklung aus Kurzsichtigkeit oder Egoismus zu stören suchten. Wie der Strom – es ist das ein oft angewandtes, aber sehr treffendes Gleichnis – ruhig dahinfließt, wenn kein Hindernis seinen Lauf aufhält, aber, durch Fesseln gehemmt, wild tobende Wasserfälle bildet oder sich verheerend über die Ufer ergießt – so der Verlauf der Weltgeschichte. Nur wo sich ihm Hindernisse entgegentürmen, entstehen Stromschnellen, Wasserfälle, Überschwemmungen – Aufruhr, Rebellion, Revolution. Alle Revolutionen in diesem engeren Sinne des Worts, von denen die Geschichte uns Kunde gibt, sind nicht das Werk der sogenannten Revolutionäre gewesen, sondern derer, die dem natürlichen Gang der Entwicklung Hindernisse in den Weg warfen. Alle Revolutionen tragen darum nicht einen aggressiven, sondern einen defensiven Charakter. Defensiv war der Bauernkrieg – er wurde geführt in Verteidigung der heiligsten Menschenrechte, denen der Feudalstaat seine Anerkennung verweigerte; defensiv war die Erstürmung der Bastille – sie war notwendig gemacht durch die drohenden Bewegungen der Hoftruppen; defensiv war der Tuileriensturm des 10. August 1792 Durch den Volksaufstand vom 10. August 1792 wurde die Beseitigung der Monarchie und die Verhaftung Ludwigs XVI. erzwungen. Tuilerien: Residenzschloß der französischen Könige in Paris. und die Schreckensherrschaft Gemeint ist die revolutionär-demokratische Jakobinerdiktatur 1893/94. – notwendig, um Frankreich vor den Verschwörungen im Innern und den Angriffen von außen zu schützen, defensiv war die Julirevolution – gegen die Angriffe des Bourbonenkönigs auf die bürgerlichen Freiheiten; defensiv die Februarrevolution – gegen die korrupten Einflüsse der bürgerköniglichen Wirtschaft; defensiv die deutsche Märzrevolution – gegen das volksfeindliche Treiben der Kamarillen; defensiv war die Junischlacht – dem Proletariat aufgezwungen durch die Bourgeoisie, welche den Sozialismus um jeden Preis erdrosseln wollte; defensiv die Septemberrevolution Durch Massenaktionen des werktätigen Volkes wurde nach der Niederlage und Gefangennahme Napoleons III. durch preußisch-deutsche Truppen in der Schlacht von Sedan am 4. September 1870 das Kaisertum gestürzt und die Republik ausgerufen. – um Frankreich vor den Folgen des schmachvollen Staatsstreichs von Sedan zu bewahren; defensiv endlich war die Kommune, dieser tragische Versuch zur Rettung der Französischen Republik, nachdem Frankreich zum zweitenmal binnen Jahresfrist von seiner Regierung verraten worden war.

Und so wird es auch in Zukunft keine Revolution geben, außer zur Verteidigung. Wir sind revolutionär, aber die revolutionäre Bewegung, in der und für die wir tätig sind, wird nur dann zu Gewalttätigkeiten und Blutvergießen führen, wenn unsere Gegner es wollen, das heißt die Regierung und die Bourgeoisie.

Freunde! Nachdem ich nun im allgemeinen den Beweis geführt habe, daß unsere Bewegung nicht künstlich gemacht, sondern organisch aus den Verhältnissen hervorgewachsen ist und folgerichtig nicht eher aufhören kann, als bis die Ursachen entfernt sind, will ich jetzt im einzelnen die hauptsächlichsten Vorwürfe, Einwendungen und Anklagen besprechen, welche die feindliche Presse gegen uns erhebt und durch welche man unsere Partei teils in der öffentlichen Achtung herabzusetzen, teils in sich selber zu spalten sucht.

Zunächst ist man systematisch bemüht, die sogenannten »Führer« anzuschwärzen, um sie des Vertrauens der übrigen Parteigenossen zu berauben. »Die Führer«, sagt man – und wir können es täglich in den großen und kleinen Amts- und Bourgeoisieblättern lesen –, »die Führer nähren sich vom Schweiß der Arbeiter«, »sie leben in Saus und Braus auf Kosten der Arbeiter«, »sie betrachten ihre politische Tätigkeit bloß als einträgliches Geschäft« usw. – Nun, ich kenne allerdings Leute, die vom Schweiß der Arbeiter sich mästen, auf Kosten der Arbeiter in Saus und Braus leben – und das sind die Herren Bourgeois, welche durch die nicht vollbezahlte Arbeit ihrer Lohnsklaven reich werden; und was die Herren Beamten angeht, wenigstens die oberen – denn der Subalternbeamte ist ein Proletarier trotz einem und hat ein Interesse, gemeinschaftliche Sache mit uns zu machen –, so frage ich: Woher kommt denn das Geld für die Beamtengehälter? Etwa nicht aus den Steuern? Und wer zahlt denn die Steuern! Niemand anders als der Arbeiter: der Industrie- und Landarbeiter, der alle Steuern zu entrichten hat, auch die, welche er nicht direkt in der Form von Steuern entrichtet. So mögen sich denn die Herren an der eignen Nase zupfen! »Vom Schweiß der Arbeiter leben!« Fürwahr, die Herren Bourgeois betreiben das selber so gründlich, daß keine Nachlese mehr möglich ist. Was ist denn bei dem Arbeiter zu holen! Er hat ja, dank dem heutigen Ausbeutungssystem, nicht so viel, um sich und seine Familie in einer annähernd menschlichen Existenz zu erhalten.

Wären die sogenannten »Führer« Männer, die nicht aus Überzeugung, sondern aus Eigennutz handeln, wohlan – so würden sie sich an die richtige Schmiede wenden, dahin, wo etwas zu holen ist: an die Herren Bourgeois und an die Regierungen, die so heidenmäßig viel Geld haben. Wer sich verkaufen will, verkauft sich dem, der ihm das meiste Geld geben kann. Ich will den betreffenden Journalisten, welche uns im Auftrage ihrer Brotherren diese Beschuldigung ins Gesicht schleudern, den ehrlichen Glauben an das, was sie sagen, nicht abstreiten, aber jedenfalls haben sie das – Glück, einer Sache zu dienen, die das meiste Geld, ja die alles Geld hat und die sie gut, sehr gut, und wenn sie Talent haben, sogar glänzend bezahlen kann. Die Millionen des Preußischen Preßfonds, Gemeint ist der »Reptilienfonds« Bismarcks, der – aus Zinsen des beschlagnahmten Vermögens des hannoverschen Königs gebildet – Bismarck die Möglichkeit gab, Journalisten und Presseorgane zu bestechen. die wohlhonorierten Pfründen in Staat und Gesellschaft, sie sind nicht für uns.

Und, ganz abgesehen von pekuniären Rücksichten, welche »Vorteile« haben denn die »Führer«? Daß sie, im Vorderkampf stehend, den Angriffen der Gegner, den Verfolgungen der Behörden zur Zielscheibe dienen? Und was schlimmer: daß sie aus dem regelmäßigen Erwerb, den gewohnten Bahnen des Lebens, herausgerissen werden? Der Kampf selbst – mit so unehrlichen Waffen er gegen uns geführt wird, denn wir sind nicht bloß politisch vogelfrei, sondern auch moralisch, und man befolgt auch gegen uns das contra haereticos nulla fides: den Ketzern nicht Treu und Glauben! –, der Kampf selbst hat seine Aufregungen und seinen Genuß; aber das gestörte, oft zerstörte Familienglück, die Ungewißheit der Existenz, die Nahrungssorgen, die sich in nicht seltenen Fällen zur absoluten Not steigern – ist das ein beneidenswertes Los? Wer sich verkauft, verkauft sich, um ein Leben des Luxus führen zu können, nicht um zu darben, nicht um zu hungern. Unter den sogenannten »Führern« unserer Partei ist mir kein einziger bekannt, der nicht durch seine Stellung in der Partei materiellen Schaden erlitten hätte. Hierin liegt aber der sicherste Beweis der Ehrlichkeit, der Selbstlosigkeit. Freilich, für unsere Gegner, die den Egoismus in der Praxis zu ihrem einzigen Leitstern erhoben, in der Theorie zum Eckstein ihrer angeblichen Volks-, das heißt, Bourgeoisie-Wirtschaftslehre gemacht haben, ist solche Selbstlosigkeit ein Buch, verschlossen mit sieben Siegeln: sie sind unfähig, zu begreifen, daß es Prinzipien, daß es Ideale gibt, die den, der sie erfaßt hat, unempfindlich machen für Not und Gefahr. Könnten sie es begreifen, sie wären nicht unsere Gegner. Der Ehrgeiz, der Wetteifer sind mächtige Hebel, allein ein tausendmal mächtigerer Hebel ist das Gefühl der Pflicht, das Bewußtsein des Rechts. Mit diesem Hebel werden wir die Welt aus den Angeln heben!

Meine Freunde! Ich komme jetzt zu den verschiedenen Vorwürfen, die man der Sozialdemokratie überhaupt macht, und zwar in der doppelten Absicht: die öffentliche Meinung gegen uns aufzuhetzen und die schwachmütigen, nicht völlig prinzipienfesten Mitglieder unserer Partei ins Wanken zu bringen. Ob und wieweit ersteres gelungen ist, haben wir hier nicht zu untersuchen; was letzteres angeht, so ist das Bemühen zwar ein eitles, allein es läßt sich doch nicht leugnen – und in meiner Stellung am Parteiorgan habe ich mannigfache Gelegenheit gehabt, es zu erfahren –, daß Parteigenossen sehr häufig durch derlei Beschuldigungen in den Lokalblättern momentan verwirrt worden sind. Betrachten wir nun die wichtigsten Anschuldigungen der Reihe nach.

Erstens – und damit beginne ich, weil es für die Gegner in vorderster Linie steht – wirft man uns vor, wir wollten das Eigentum abschaffen. Nun, meine Freunde! Eine bodenlosere Lüge ist nie ausgesprochen worden! Was ist Eigentum? Wie die Vernunft und die Wissenschaft lehren, gibt es nur eine Quelle der Wertproduktion im ökonomischen Sinn, die Arbeit. Nur die Arbeit schafft ökonomische Werte. Das Kapital, das die im Sold der Bourgeoisie befindlichen Volkswirtschaftler als zweiten Faktor der Wertproduktion hinstellen, ist selbst nur ein Produkt der Arbeit. Wenn aber die Arbeit den Wert schafft, dann hat auch die Arbeit ein Recht auf den von ihr geschaffenen Wert, und zwar ein Eigentumsrecht. Dieses Eigentumsrecht ist der Fundamentalsatz der Sozialdemokratie. Jeder Arbeiter soll den vollen Ertrag seiner Arbeit haben – in anderen Worten: Jeder Arbeiter hat das Eigentumsrecht auf den vollen Ertrag seiner Arbeit. Mein Eigentum soll sein das Produkt meiner eigenen Arbeit; und da den Satz: Jeder hat das Recht auf den Ertrag seiner Arbeit, der andere Satz ergänzt: Niemand hat ein Recht auf den Ertrag fremder Arbeit, so läuft der Sozialismus darauf hinaus, jeden zum Eigentümer zu machen, der arbeitet, und jeden hungern (ich sage nicht: verhungern) zu lassen, der arbeitsfähig ist und nicht arbeitet. Ich dächte, entschiedener könnte man doch nicht für das Eigentum eintreten, wie wir es tun! Schon in der heutigen Welt, in der Müßiggang höher geschätzt wird als die Arbeit und die materielle Stellung der Menschen im umgekehrten Verhältnis zur Produktivität ihrer Arbeit und zur Nützlichkeit ihrer Beschäftigung steht, muß die ungeheure Mehrzahl der Menschen arbeiten, ich meine wirklich arbeiten, nicht zum Vergnügen oder »geistig«, wie die Herren Bourgeois das mitunter in scherzhaftem Humor von sich behaupten – also nach unseren Eigentumsbegriffen müßte schon in der heutigen Welt die ungeheure Mehrzahl des Volks aus Eigentümern bestehen. Wie ist es aber nach dem herrschenden Eigentumsbegriffe, nach dem Eigentumsbegriffe unserer Gegner? Nur eine winzige Minorität der Bevölkerung hat Eigentum; das Eigentum ist das Monopol einer Klasse, der Rest der Bevölkerung, die ungeheure Majorität, muß für sich selbst auf Eigentum verzichten und für die Minorität Eigentum schaffen. Gerade deshalb bekämpfen wir die Bourgeoisie, weil sie dem Proletariat den Besitz von Eigentum unmöglich macht, weil sie den Arbeiter um sein rechtmäßiges Eigentum bestiehlt. Man mißverstehe mich nicht. Ich will nicht jeden einzelnen Bourgeois zum Dieb stempeln. Wir haben es überhaupt nicht mit Personen zu tun, sondern mit dem System – umgekehrt wie unsere Gegner, die sich hüten, unser System zu kritisieren, uns dagegen persönlich zu beschmutzen suchen – das sichere Zeichen, daß sie nicht an die Rechtmäßigkeit und Stärke ihrer eigenen Sache glauben. Ich rede hier nicht von den einzelnen Bourgeois, es sei ferne von mir, sie persönlich verantwortlich machen zu wollen für die Übel der heutigen Gesellschaft. Unsere Auffassung der geschichtlichen und ökonomischen Entwicklung schließt dies von vornherein aus. Die bürgerliche Welt ist mit Naturnotwendigkeit aus der feudalen Welt hervorgewachsen wie die feudale Welt ihrerseits aus der antiken Welt. Wir fassen die Geschichte organisch auf, nicht mechanisch; wir wissen, daß jedes Ding seine Ursache, seinen zureichenden Grund haben muß und daß nur die krasseste Ignoranz in den Erscheinungen der Welt Willkür, sei es im guten oder im schlimmen, erblicken kann. Wir unterfangen uns nicht zu sagen: »Die Menschheit ist bisher auf falschen Bahnen gegangen; wir wollen ihr den einzig richtigen Weg weisen, und wer nicht so denkt wie wir, ist ein Dummkopf oder ein Schurke!« Das wäre die Sprache von unreifen Knaben oder Scharlatanen. Die Wissenschaft kennt keinen Irrtum in den Dingen, sie kennt bloß einen Irrtum in der Auffassung der Dinge. Die heutige Produktion hat sich organisch aus den früheren Produktionssystemen entwickelt, sie ist ein höheres Produktionssystem als alle früheren und hat also ihre volle Berechtigung. Aber jetzt tritt ihr ein neues Produktionssystem gegenüber – das sozialistische –, dem sie ebenso gewiß wird weichen müssen, als vor ihr selbst die mittelalterliche und kleinbürgerliche Produktion weichen mußte.

Genug, nicht das Eigentum überhaupt greifen wir an, sondern nur das Eigentum in seiner heutigen Form – das Eigentum, welches durch die Ausbeutung anderer Menschen erworben wird, die selber zur Eigentumslosigkeit verurteilt sind.

Werfen wir einen flüchtigen Blick auf die Art, wie das Eigentum heute entsteht. Ich sagte schon: der Satz, daß die Arbeit die Quelle allen Reichtums ist, wird von der wissenschaftlichen Nationalökonomie einstimmig zugestanden. Daraus folgt, daß niemand ein Anrecht auf Werte hat, die nicht das Produkt seiner eigenen Arbeit sind. Nun ist aber erwiesenermaßen die Arbeitskraft und Produktionsfähigkeit der Menschen so ziemlich gleich – der eine schafft etwas mehr, der andere etwas weniger, aber das Mehr wie das Weniger entfernen sich nicht weit von der Durchschnittslinie. Hieraus folgt weiter, daß der Ertrag der Arbeit aller Menschen bei Benutzung gleicher Produktionsinstrumente – wie dies doch innerhalb eines und desselben Volkes der Fall – so ziemlich gleich ist und daß also, wenn jeder Mensch den Ertrag seiner individuellen Arbeit empfinge, eine ziemliche Gleichheit des Eigentums herrschen würde. Diese herrscht nun aber bekanntermaßen nicht, sondern im Gegenteil die größte Ungleichheit. Woher das? Sie, meine Freunde, die Sie in einer Fabrikstadt wohnen, haben die beste Gelegenheit, zu beobachten, wie die gesellschaftliche Ungleichheit entsteht. Jeder von Ihnen kennt gewiß irgendeinen Fabrikanten, den er hat reich werden sehen. Nehmen wir zum Beispiel den Herrn Zimmermann aus Chemnitz, einen richtigen Musterbourgeois, von dem Sie alle wenigstens gehört haben – in Crimmitschau fehlt es mir an Bekanntschaften unter den Fabrikanten –: Derselbe kam vor zwanzig oder dreißig Jahren nach Chemnitz, so arm wie der Ärmste unter uns. Es gelang ihm, ein kleines Kapital zusammenzubekommen – damals ließ sich noch, weil die Großindustrie noch nicht so entwickelt, das Kapital noch nicht so konzentriert war wie jetzt, mit Hunderten von Talern etwas ausrichten, wozu heute Tausende nicht genügen. »Er hatte Glück«, das heißt, er bekam Aufträge auf Arbeit, die er durch das von ihm gemietete Arbeiterpersonal tun ließ, mit Ausnahme des auf seine eigene Person entfallenden Anteils, der indes nicht größer war als der seiner einzelnen Arbeiter; denn es ist notorisch – und das macht das Beispiel so besonders lehrreich –, daß die Fähigkeiten des Herrn Zimmermann in keiner Hinsicht sich über den Durchschnitt erheben. Wohlan, anfangs beschäftigte Herr Zimmermann ein Dutzend Arbeiter, dann hundert, zuletzt über tausend, und Herr Zimmermann ist heute Millionär, also Eigentümer comme il faut, während seine Arbeiter Habenichtse sind, eigentumslose Proletarier. Woher der Unterschied? Aus der Qualität der Arbeit läßt er sich nicht erklären, da die persönliche Arbeit des Herrn Zimmermann der Qualität nach gewöhnliche Durchschnittsarbeit ist. Er hat gewiß nicht besser und obendrein gewiß nicht so viel gearbeitet als die Mehrheit seiner Arbeiter. Und doch ist er Millionär geworden, und sie sind Proletarier geblieben. Der Ertrag seiner eigenen Arbeit konnte ihn nicht zum Millionär machen; denn wäre die Arbeit in seiner Fabrik so einträglich, daß sie den einzelnen Arbeiter zum Millionär machen könnte, dann hätten alle, wenigstens die Mehrzahl seiner Arbeiter, Millionäre werden müssen. Sie sind aber Proletarier geblieben, und da, meine Freunde, liegt der Hase im Pfeffer. Herr Zimmermann hat mehr, und seine Arbeiter haben weniger bekommen als jeder den Ertrag seiner eigenen Arbeit. Die Arbeiter des Herrn Zimmermann mußten Proletarier bleiben, damit er Millionär werden konnte. Und wenn auch nicht jeder Arbeitgeber ein Zimmermann wird, so ist doch jeder, der es ist, im wesentlichen auf die nämliche Weise Großkapitalist geworden wie Herr Zimmermann – das heißt durch die Arbeit seiner Arbeiter. Das Resultat springt in die Augen, nicht so klar treten die Ursachen zutage.

Ich gebrauchte eben das Wort Arbeitgeber; eigentlich sollte es heißen Arbeitnehmer. Die alte Welt liebt Ausdrücke, durch welche die Begriffe entstellt, oft geradezu auf den Kopf gestellt werden. Sie nennt Arbeitgeber den, welcher die Arbeit anderer nimmt, und Arbeitnehmer den, welcher seine Arbeit einem andern gibt. Die heutige Großproduktion erlaubt es dem einzelnen nicht, auf eigne Faust, für sich allein produktiv zu arbeiten; sie macht das Zusammenarbeiten vieler zur Notwendigkeit; sie bedingt ferner komplizierte Arbeitsinstrumente, deren Anschaffung die Kräfte eines jeden übersteigt, der nur über den Ertrag seiner eigenen Arbeit verfügt insoweit sie ihm bei der heutigen Produktion Ertrag liefert. Die Folge davon ist, daß alle diejenigen, die nicht über ein genügendes Kapital verfügen – und bei der heutigen Produktionsweise kann keiner es durch seine eigne Arbeit erwerben –, dazu gezwungen sind, ihre Arbeit einem Dritten zu verkaufen, der das nötige Kapital besitzt. Der Kaufpreis, den dieser für die Arbeit zahlt, ist der Lohn. Und – beiläufig bemerkt – für den Lohn kauft er nicht bloß die Arbeit, sondern zugleich den Arbeiter, der sich ja von seiner Arbeit nicht trennen kann, mit seiner Arbeit sich selber verkaufen muß. Wie Sie wissen, behauptet der Käufer, der »Wohltäter« des Gekauften zu sein – er »gibt« ihm ja Arbeit und damit Brot, das er sonst nicht haben würde. So nach der Theorie des sogenannten Arbeitgebers. In Wirklichkeit gestaltet sich die Sache aber anders. Bezahlte der »Wohltäter« dem Arbeiter den vollen Wert dessen, was derselbe für ihn schafft, so würde er am Ende des Jahres – und beschäftigte er tausend und zehntausend Arbeiter – um keinen Pfennig reicher sein als am Anfang des Jahres. Das liegt aber nicht im Plan des »Wohltäters« – er will reicher werden, sein Kapital vermehren; und um das zu können, muß er seinem Arbeiter weniger bezahlen, als derselbe für ihn schafft. Mit anderen Worten: der Lohn, den er gibt, ist nicht ein volles Äquivalent der geleisteten Arbeit, der Arbeiter schafft über den bezahlten Wert hinaus einen Mehrwert, der ihm nicht bezahlt wird; und dieser Mehrwert ist es, der das heutige Bourgeoiskapital erzeugt. Tiefer kann ich in die Geheimnisse dieses Erzeugungsprozesses hier nicht eingehen. Ich verweise Sie auf »Das Kapital« von Karl Marx, der auf ökonomischem Gebiet ist, was Buckle für die Geschichtsschreibung, Darwin für die Naturwissenschaften. Genug – nicht der sogenannte Arbeitgeber ist der Wohltäter des Arbeiters, sondern der Arbeiter ist der Wohltäter des sogenannten Arbeitgebers. Allerdings ein unfreiwilliger Wohltäter. Denn seine Wohltätigkeit macht ihn zum Proletarier, zum Lohnsklaven dessen, den er bereichert. Ist das in der Ordnung? Ist das Recht? Nur wer seinen persönlichen Vorteil dabei findet, kann es bejahen. Die Arbeiter aber müßten Freude haben am Elend, an der Knechtschaft, wenn sie nicht alles aufbieten wollten, um einem solchen Zustand ein Ziel zu setzen.

Das Lohnverhältnis ist der Eckstein der heutigen Klassenherrschaft und all der Übel, welche sie mit sich bringt. Das Lohnverhältnis abzuschaffen, ist darum vornehmstes Ziel der sozialdemokratischen Bewegung. Der Arbeiter soll den vollen Ertrag seiner Arbeit und seine Arbeit soll die durch die moderne Wissenschaft gesteigerte Produktivität der kollektiven Arbeit haben: das ist unser Ziel. Damit beabsichtigen wir keinen Angriff auf das Eigentum, keine Zerstörung des Eigentums. Was wir wollen, ist: jeden in den Stand setzen, Eigentum zu haben; das Eigentum des Arbeiters vor den Klauen des Kapitals schützen. Und dies wollen wir erreichen durch die Assoziation. Statt daß die Arbeiter für Rechnung eines Dritten arbeiten, der sie ausbeutet und sie zu seinen Sklaven macht, sollen sie auf eigne Rechnung, gleichgeordnet nebeneinander arbeiten und als freie Männer den vollen Ertrag ihrer Arbeit empfangen.

Wir verkennen nicht die Vorteile der konzentrierten Produktion, wir wissen, wie die Zusammenarbeit den Ertrag der Arbeit steigert. Wir wollen deshalb die Vorteile der heutigen Großproduktion erhalten, ja durch freie Entfaltung des Individuums noch mächtig steigern, aber wir wollen diese Vorteile auf alle gleichmäßig ausgedehnt haben, nicht Monopol einiger weniger bleiben lassen.

Besteht die heutige Produktionsweise in der bisherigen Gestalt fort, so eilen wir den Zuständen des alten Rom entgegen, wo zuletzt aller Besitz in den Händen von einigen Dutzend Menschen konzentriert und die übrige Bevölkerung der grauenhaftesten Armut und Verkommenheit überliefert war. Ganz Nordafrika zum Beispiel gehörte zwei oder drei Grundeigentümern, die Nero in der naturwüchsigsten Weise expropriierte, indem er ihnen den Kopf abschlagen ließ. Würden die Dinge jetzt ähnlich auf die Spitze getrieben, so wäre es vermutlich das Volk, nicht der Kaiser, das die Expropriation vornehmen würde. Die Expropriation aber wäre unvermeidlich. Ins Unendliche können diese Zustände nicht fortdauern, weil sie den Interessen der Gesamtheit zuwiderlaufen, weil sie sich auf die Länge mit der Existenz der Gesellschaft nicht vertragen, trotz der »Harmonie«, von der man uns vorredet und die wir bösen Sozialdemokraten durch unsere »Wühlereien« zu stören suchen. Wo ist denn diese Harmonie? Sie ist eine Erfindung der Herren Bourgeois, ein Ammenmärchen für kindische Philister und für Arbeiter, die noch nicht zu denken gelernt haben. Die Streiks, von denen ich schon vorhin gesprochen und die überall in Deutschland, in Belgien, in England, Amerika – kurz in allen Staaten mit moderner Produktion, ohne Zutun der »Führer«, ja meist gegen deren Wunsch losbrechen und trotz der empfindlichsten Niederlagen sich immer wieder erneuern –, sie sind die beste Antwort auf diese Harmoniephrasen, die beste Illustration dieser Harmonielehre.

Wir sollen die »Harmonie« zu stören suchen? Alberne Lüge. Wir wollen die Harmonie schaffen, wir wollen den jetzigen Gesellschaftszustand reformieren, weil er die Interessen der Menschen in feindlichen Konflikt gebracht hat, weil er Unterdrücker und Unterdrückte, Ausbeuter und Ausgebeutete einander gegenüberstellt. Die Harmonie, die wir anstreben, sie liegt in der Genossenschaft. Nicht Herren und Knechte soll es mehr geben, sondern Genossen, Menschen mit gleichen Rechten und gleichen Pflichten.

Nur in der Genossenschaft, die auf dem Prinzip der Gleichheit beruht, ist die Harmonie möglich. Das ist kein Traum – die Idee ist eine tausendjährig erprobte. Seit Tausenden von Jahren haben wir bereits eine Genossenschaft, in der die ganze menschliche Kultur wurzelt – die Ehe. Mann und Frau haben gemeinschaftliche Interessen. Ich will hier bloß vom wirtschaftlichen Gesichtspunkt aus sprechen. Der eine oder andere von Ihnen, meine Freunde, ist vielleicht in der Lage gewesen, sich eine Wirtschafterin halten zu müssen. Er wird dann die Erfahrung gemacht haben, daß, von sonstigen Unannehmlichkeiten nicht zu reden, die Kosten der Haushaltung unverhältnismäßig hoch waren. Warum? Die Wirtschafterin hat ihr eigenes Sonderinteresse, das dem des Hausherrn schnurstracks entgegenläuft. Sie sieht zunächst auf ihren eigenen Vorteil. Anders die Frau. »Mann und Weib sind ein Leib«, sagt das Sprichwort. Die Frau hat das gleiche wirtschaftliche Interesse mit dem Mann, sein Vorteil ist ihr Vorteil und sein Schaden ihr Schaden. Betrügt die Frau den Mann, so betrügt sie sich selbst. Kurz, es besteht Harmonie der Interessen, und in dieser Harmonie finden beide Teile ihren wirtschaftlichen Vorteil. Und das ist der Grund, warum man mit einer Frau billiger haushält als mit einer Wirtschafterin. Genau dasselbe gilt von der heutigen Bourgeoisproduktion. Der sogenannte Arbeitgeber hat andere Interessen als der Arbeiter. Die Interessen beider sind einander feindlich. Der Arbeiter hat ein Interesse, für seinen Lohn möglichst wenig zu arbeiten, der sogenannte Arbeitgeber hat ein Interesse, möglichst viel Arbeit für den Lohn, den er zahlt, herauszuschinden. (Verzeihen Sie das etwas unparlamentarische Wort – es fällt mir im Moment kein anderes gleichbezeichnendes ein.) der Arbeiter hat ferner ein Interesse, seine Arbeit auf möglichst kurze Zeit zu verkaufen; der sogenannte Arbeitgeber, sie auf möglichst lange Zeit zu kaufen, also die Arbeitszeit möglichst auszudehnen, unbekümmert darum, ob der Arbeiter körperlich und geistig dabei zugrunde geht. Kurz: feindliche Interessen und die grellste Disharmonie statt der angeblichen »Harmonie«!

Wie gut die Bourgeoisie – das darf ich nicht zu erwähnen vergessen – die wirtschaftlichen Vorteile der Assoziation, das heißt, der wirklichen Harmonie der Interessen begriffen hat, erhellt aus dem Partnership-Humbug, den sie neuerdings aufgebracht hat und der zum einzigen Zweck hat, die Produktivkraft des genossenschaftlichen Prinzips in die Dienste des Kapitals zu pressen. Der Arbeiter wird durch den als Köder dienenden »Anteil am Gewinn« zu einer intensiveren Tätigkeit, als sie beim einfachen Lohnverhältnis stattfindet, angespornt, erarbeitet, und indem er für sich selbst zu arbeiten vermeint, sich zuschanden, um dem »menschenfreundlichen« Kapitalisten, der mit der Wurst nach der Speckseite wirft, den Löwenanteil des durch diese intensivere Tätigkeit erlangten Mehrprofits zu erschanzen. Die Zahl der Arbeiter, die auf den Köder angebissen haben, ist übrigens eine sehr geringe – ein Zeichen, daß dieser Mißbrauch des Assoziationsprinzips durch und für die Feinde des Assoziationsprinzips von der Masse unserer Arbeiter durchschaut wird.

Ich komme nun zu dem Vorwurf zurück, wir wollten das Eigentum zerstören, jedoch zu einer anderen Ausdrucksform dieses Vorwurfs: wir wollten »teilen« oder, wie die Gegner in ihrer »gebildeten« Weise meist sagen: wir wollten »teelen«! Natürlich mit denen, die etwas haben, also mit den besitzenden Klassen. Nun, es hat sich in neuerer Zeit wiederholt ereignet, daß das Proletariat die besitzenden Klassen in der Gewalt und folglich die beste Gelegenheit hatte, mit ihnen zu »teilen« oder, ohne Beschönigung, sie auszuplündern. Ich erinnere an die Februarrevolution, an die Märztage in Wien, Unter dem Einfluß der französischen Februarrevolution kam es am 13. März 1848 in Wien zu Demonstrationen und bewaffneten Kämpfen, die zum Sturz Metternichs führten. Berlin und anderwärts, an die Kommune. Trotz mancherlei Lügen, die geflissentlich verbreitet worden sind, ist es aber eine Tatsache, daß zu keiner Zeit das Eigentum mehr respektiert und, ganz abgesehen vom »Teilen« im Großen, weniger »Verbrechen gegen das Eigentum« begangen wurden als während dieser Krisen. Es hat dies seinen zwiefachen Grund: Erstens macht das Proletariat einen Unterschied zwischen Menschen und Zuständen und weiß, daß die Zustände nicht zu ändern sind durch einfachen Händewechsel des Eigentums. Zweitens sind in revolutionären Perioden die Gemüter exaltiert und drückt sich den verdorbensten Naturen ein idealer Stempel auf. Letzteres zeigt sich in der (beiläufig statistisch nachgewiesenen) Abnahme nicht bloß von Eigentums-, sondern auch von allen sonstigen gemeinen Vergehen in revolutionären Zeiten. In Paris nach der Februarrevolution trieben die Arbeiter den Respekt vor dem Eigentum so weit, daß sie, um ihre heilige Sache rein zu halten, die Diebe erschossen. Ich selbst fand noch Ende Februar 1848 an den Tuilerien die mit Kreide geschriebenen Worte: Les voleurs sont mis à mort. »Die Diebe werden getötet.« Dies erinnert mich an einen köstlichen Witz Heinrich Heines, des größten deutschen Dichters seit Goethes Tod. »Die Bourgeois«, so ungefähr schrieb er – ich glaube in einem Brief an die »Augsburger Allgemeine Zeitung« –, »sahen dem Sturz des Julithrons Durch die französische Julirevolution (27.–29. Juli 1830) wurde Karl X., der Bruder Ludwigs XVI., gestürzt. Die Unorganisiertheit der siegreichen Volksmassen wurde von der Bourgeoisie ausgenutzt, um Louis Philippe als König einzusetzen. mit großer Gelassenheit zu; als sie aber erfuhren, daß die Diebe erschossen wurden, ergriff sie ein panischer Schrecken, und die Herren Rothschild und sonstige Großkapitalisten entflohen aus Paris, wo sie sich nicht mehr sicher fühlten.« – Ja, die – ich will nicht sagen Diebe, aber die »Teiler«, die wirklichen Teiler, denen die summarische Volksjustiz damals in die Glieder fuhr, es sind nicht die Arbeiter, nicht die Sozialisten, es sind die Herren Kapitalisten. Und auch diesen Vorwurf geben wir also unseren Gegnern zurück. Wie die Arbeitgeber mit ihren Arbeitern »teilen«, habe ich schon auseinandergesetzt. Noch krasser und augenfälliger wird das »Teilen« an der Börse betrieben, nur daß hier nicht der Arbeiter, sondern der Kleinbürger, der Mittelstand im weiteren Sinne des Worts das Wild abgibt. Worauf läuft der Gründungsschwindel In der »Gründerzeit«, der kapitalistischen Hochkonjunktur von 1871 bis 1873, erfolgte durch die Umwandlung bestehender oder fiktiver Firmen in Aktiengesellschaften, Börsenspekulationen, Überwertung von emittierten Aktien usw. in großem Maßstab (»Gründerschwindel«) eine Umverteilung und Konzentration von Kapital zugunsten der Großbourgeoisie. hinaus, dem jetzt fast die gesamte Presse dient? Auf Plünderung des Publikums durch geschickte Spekulanten. Lesen Sie nur die Börsenberichte des »Leipziger Tageblatts«, das im übrigen unseren Anschauungen sehr, sehr fernsteht. In diesen wirklich vortrefflichen Aufsätzen wird die Börsenspekulation als das reinste, nur modernisierte Raubrittertum charakterisiert. Der Börsenspekulant spannt seine Netze aus, und die unglücklichen Grünlinge, die hineinfliegen, sind seine Beute. – Jeder von Ihnen hat von Strousberg gehört. Wie hat er sich seine Millionen erworben? Nicht durch Arbeit, sondern durch sein Talent, das Geld anderer Leute in seine Taschen zu eskamotieren. Doch Strousberg ist nach den herrschenden Eigentumsbegriffen ein ehrenwerter Mann; ein königlich-preußischer Staatsbeamter Anspielung auf Hermann Wagener, Geheimer Oberregierungsrat und vertrauter Mitarbeiter von Bismarck. hilft ihm bei seinen Operationen, denen so das königlich-preußische Staatssiegel aufgedrückt wird; und die Blüte des preußischen Adels macht Kompanie mit ihm, damit ja kein Zweifel darüber obwaltet, daß diese Jagd auf das Eigentum im Geiste der heutigen Gesellschaft und des heutigen Staates ist.

Wenden wir uns von den großen »Teilern« zu einer Gattung von kleinen, die Ihnen zum Teil aus eigner Erfahrung bekannt sind: ich meine die Verleger oder Faktoren. Der Weber im Erzgebirge arbeitet an sich schon für einen Hungerlohn, aber dieser wird ihm noch verkürzt durch jene Menschenart, die sich zwischen ihn und den Kaufmann oder Fabrikant gedrängt hat. Der Weber, der den Tag über zwölf, vierzehn, sechzehn Stunden arbeitet, wird von Jahr zu Jahr ärmer, die Faktoren dagegen, deren einzige »Arbeit« ist, vom Kaufmann zum Weber das Rohmaterial und vom Weber zum Kaufmann die fertige Ware zu bringen, werden mit seltenen Ausnahmen reich. Warum? Weil sie das »Teilen« verstehen. Nehmen wir ein anderes Beispiel: Sie erinnern sich der Volksversammlung, die wir vor einigen Monaten in Leipzig zur Besprechung der städtischen Verwaltung hatten. Unser Freund Bebel führte damals aus, wie die städtischen Steuern von den besitzenden Klassen, die das Heft in den Händen haben, hauptsächlich aus den Beuteln der Armen gezogen und wesentlich zum Vorteil der Wohlhabenden verwandt werden. Für Crimmitschau ist ähnliches nachgewiesen worden, und wenn wir genau untersuchen, werden wir die Erscheinung überall finden, wo Klassenherrschaft existiert, im Staat sowohl als in der Gemeinde. Es liegt eben, in der Natur der Klassenherrschaft, daß die herrschende Klasse ihre Macht zu ihrem privaten und Klassenvorteil ausnutzt. Darum bekämpfen wir die Klassenherrschaft als die Wurzel aller sozialen Übel und der durch sie bedingten politischen Mißstände.

Kurz – nicht wir sind es, die »teilen« wollen, wir schleudern auch diesen Vorwurf auf seine Urheber zurück. Wir sind die prinzipiellen Gegner des »Teilens« in jeder Gestalt. Die Sozialdemokratie will den »Teilern« das Handwerk legen; den »Teilern«, welche dem Arbeiter einen Teil des Ertrags seiner Arbeit vorenthalten; den »Teilern«, welche das kleine Eigentum verschlingen; den »Teilern«, welche durch Steuern das Volk aussaugen. Gegen diese Horde von »Teilern«, die wie ein Heuschreckenschwarm im Staat und in der Gemeinde, auf der Börse, in der Industrie und im Handel – denn auch der Handel gehört hierher – die Früchte des Fleißes verzehren, wollen wir die Gesellschaft, wollen wir die Arbeit, wollen wir das Eigentum schützen.

Noch eins: Wie stellen sich unsere Gegner denn eigentlich das »Teilen« vor, das sie uns so hartnäckig in die Schuhe schieben suchen? Trauen sie dem Arbeiter denn wirklich die Einfalt zu, er glaube eine Verbesserung seiner Lage dadurch herbeizuführen, daß von Staats wegen eine Vermögensteilung nach der Kopfzahl vorgenommen wird? Ich bin seit fünfundzwanzig Jahren in der sozialistischen Bewegung, allein bis auf den heutigen Tag ist mir noch kein Parteigenosse vorgekommen, der eine so klägliche Ignoranz bekundet hätte. Jeder Arbeiter weiß: Wenn wir, bei Fortdauer des heutigen Produktionssystems, alle vorhandenen Werte – Grundeigentum und bewegliches Kapital – in gleiche Teile zerlegen und nach der Kopfzahl verteilen, so ist damit absolut nichts am Wesen der Gesellschaft geändert; die Symptome sind momentan beseitigt, die Ursachen aber bestehen fort und müssen die früheren Wirkungen wieder hervorbringen; den Moment, nachdem die Verteilung erfolgt und die Gleichheit mechanisch hergestellt ist, muß unter dem Einfluß der jetzt waltenden ökonomischen Gesetze die Gleichheit organisch wieder verschwinden, und es wird nicht lange dauern, so ist die Ungleichheit in ihrer früheren Schroffheit zurückgekehrt; wir stünden auf dem alten Fuß und müßten von neuem »teilen«. Nein, solche Albernheiten können nicht in dem Kopf eines Sozialdemokraten entspringen; die Sozialdemokratie betrachtet die Gesellschaft als einen lebendigen Organismus, nicht als toten Mechanismus, als einen Organismus, der, wie jeder individuelle Tier- oder Pflanzenorganismus, beständigem Wechsel unterworfen ist und sich aus dem Niederen zum Höheren entwickelt – nur mit dem Unterschied, daß der Kollektivorganismus, den wir Gesellschaft nennen, unsterblich, unvergänglich ist und aus allen Krisen, die ihm nach Ansicht der Kleingeister und Kleinmütigen tödlich sein sollen, verjüngt, mit frischen Kräften hervorgeht. Nicht mechanische, sondern organische Veränderungen sind es, was wir erstreben. Das System der Lohnarbeit, auf dem die heutige Gesellschaft mit ihren Ungerechtigkeiten beruht, soll abgeschafft und durch das System der genossenschaftlichen Arbeit ersetzt werden, die jedem den Ertrag seiner Arbeit gewährleistet und damit der Ausbeutung der Arbeit durch das Kapital einen Riegel vorschiebt. Nur vermittelst dieser Ausbeutung ist aber die Ansammlung großer Privatkapitalien möglich. Wir haben deshalb gar nicht nötig, die vorhandenen Privatkapitalien prinzipiell zu expropriieren: die Produktivassoziationen – mit denen selbstredend das ganze Gebiet des Handels umfassende Konsumvereine Hand in Hand zu gehen haben, werden allmählich, ohne daß es einer gewaltsamen Massenexpropriation bedarf, das Privatkapital aufsaugen. Die Herren Kapitalisten haben dann entweder in die Assoziationen einzutreten, oder ihr Kapital liegt tot da und ist für sie wie für die Gesellschaft verloren, so daß es in diesem Fall freilich in ihrem eigenen und der Gesellschaft Interesse wäre, wenn die Gesetzgebung gegen solch törichte Auflehnung Maßregeln anordnete, Maßregeln, wie sie schon der heutige Staat Verschwendern, Geistesschwachen, kurz unzurechnungsfähigen Personen gegenüber trifft. Doch, wie dem auch sei, ist einmal die Gesellschaft in bezug auf Produktion sowohl als Konsumtion, also in Industrie und Handel, genossenschaftlich organisiert, so ist dem Privatkapital der Lebensnerv abgeschnitten, und es muß absterben wie ein gegürtelter Baum, während die allschöpferische Arbeit unaufhörlich neue Werte erzeugt und für das Abgestorbene doppelten und zehnfachen Ersatz schafft.

Da redet man uns allerdings vor – und die deutschen Volkswirtschaftler, darunter sogar gelehrte Leute wie Professor Roscher in Leipzig, behaupten es –, die Arbeit sei nicht der einzige wertschaffende Faktor; es gebe noch zwei weitere Faktoren: die Naturkräfte und – das Kapital. Diese Theorie bildet einen schlagenden Beleg dafür, wie beschränkt oder unredlich das Klassenvorurteil machen kann und wie wenig Gelehrsamkeit und Denken identisch sind. Daß wir ohne die Naturkräfte nicht arbeiten können, versteht sich von selbst, die Arbeit ist ja nichts anderes als eine Benutzung der Naturkräfte. Ohne den Boden, auf dem ich stehe, ohne die Luft, die ich atme, kann ich keinen Finger erheben: die Naturkräfte sind unerläßliche Voraussetzungen der Arbeit, aber ohne die Arbeit vermögen sie keine gesellschaftlichen Werte hervorzubringen, erst durch die Arbeit werden sie der Produktion dienstbar. Es ist also durchaus ungerechtfertigt, sie als Produktionsfaktor neben die Arbeit zu stellen. Doch hier haben wir es mehr mit einem unpräzisen Ausdruck zu tun als mit einer tendenziellen Unrichtigkeit, wie eine solche unzweifelhaft bezüglich des angeblichen dritten Faktors, des Kapitals, vorliegt. Das Kapital hilft allerdings bei der Produktion, fördert und steigert sie auch, aber da das Kapital nur aufgespeicherte Arbeit oder genauer: aufgespeichertes Produkt der Arbeit ist, so kann es nicht als selbständiger Faktor neben die Arbeit gestellt werden, sondern es fällt mit dem Faktor Arbeit zusammen, bildet einen Teil desselben. In der einfachsten Arbeit des simpelsten Tagelöhners steckt beiläufig die aufgespeicherte Kulturarbeit von Jahrtausenden, und dieses Kapital, das die Herren Volkswirtschaftler, weil es ihnen nicht in den Kram paßt, den Produktionsfaktoren nicht beigezählt haben, ist für die Produktion unendlich wichtiger als das gewöhnliche Kapital.

Um uns recht anschaulich zu machen, daß die Arbeit es ist, welche das Kapital schafft, und daß das Kapital ohne die Arbeit nichts ist, der Arbeit alles verdankt, brauchen wir uns bloß vorzustellen, es käme eine gewaltige Sintflut, welche sämtliche Arbeiter, namentlich die bösen Sozialdemokraten, von der Welt wegfegte, dagegen die Herren Bourgeois mit all ihren Kapitalien, ihren Fabrikgebäuden, ihren Maschinen, ihren glänzenden Palästen, ihrem Schmucke verschonte. Was würde geschehen? Entweder müßten die Kapitalisten selber arbeiten, oder inmitten ihres Goldes würden sie Hungers sterben, gleich jenem König der griechischen Fabel (Midas), der, nebenbei und ohne Anspielung bemerkt, auch Eselsohren hatte. Setzen wir aber den umgekehrten Fall: die Sintflut fegt alle Kapitalisten weg – ich will ihnen, selbst in der bloßen Annahme, nicht wünschen, daß sie zu Schaden kommen, sie könnten ja auf irgendeinen der Sterne – etwa auf die Venus – versetzt werden, wo Dante seine Seligen wohnen läßt –, also setzen wir den Fall, die Kapitalisten mit all ihren Kapitalien verschwinden von der Erde, die Arbeiter aber bleiben zurück, ohne Fabriken, ohne Maschinen, ohne Kapitalien irgendwelcher Art, nur mit Nahrungsmitteln bis zur nächsten Ernte. Was wäre die Folge? Die Arbeiter würden sich Werkzeuge schmieden, Häuser bauen, die Erde pflügen, Schächte graben, und binnen weniger Jahre wäre das vernichtete Kapital wiederhergestellt und die letzte Spur der Sintflut verwischt; die Arbeiter aber würden ungleich glücklicher leben als zuvor, sie wären ihre ehemaligen Herren los, sie hätten das Kapital ohne die Kapitalistenklasse. Denn das halte ich für ausgemacht, daß, wenn durch irgendein Natur- oder sonstiges Ereignis die Bourgeoisie samt allem, was drum und dran hängt, vernichtet würde, keiner der Zurückgebliebenen so naiv wäre, sie wieder künstlich ins Leben zu rufen. Genug, das angeführte hypothetische Exempel sollte bloß zeigen, daß der Arbeiter den Kapitalisten nicht braucht und sich ohne ihn weit besser befinden würde, daß aber der Kapitalist den Arbeiter braucht und ohne ihn einfach nicht existieren kann, wenigstens nicht als Kapitalist. Nochmals – wir wollen nicht »teilen«, und wir sind sogar so große Feinde des »Teilens«, daß wir, weit entfernt, mit den Kapitalisten teilen zu wollen, entschlossen sind, die Kapitalisten daran zu verhindern, daß sie mit den Arbeitern teilen; und zwar wollen wir dies erreichen durch allgemeine Einführung der genossenschaftlichen Arbeit. Und ist dies etwa ein utopistisches Bestreben? Ist die praktische Durchführbarkeit des genossenschaftlichen Prinzips in Industrie und Handel nicht tausendfach durch die Erfahrung bewiesen? Die allgemeine Einführung ist eine Geldfrage, nichts weiter. Und die Geldfrage löst sich auf in eine Frage des guten Willens. Lassalle forderte bekanntlich 100 Millionen Taler Staatsunterstützung für Produktivassoziationen und erregte damit das Wutgeschrei der Bourgeoisie, die den Generalbankrott in Aussicht stellte, wenn dem Verlangen willfahrt würde. Ob die von Lassalle angegebene Summe genügt, will ich jetzt nicht erörtern – jedenfalls ist es eine elende Bagatelle, verglichen mit den Milliarden, die heutzutage für unproduktive, kulturfeindliche, Wohlstand zerstörende Zwecke zum Fenster hinausgeworfen werden. Man nehme nur die kolossalen Budgets für stehende Heere, welche doch bloß zur Erhaltung der herrschenden staatlichen und gesellschaftlichen Mißbräuche dienen, und man vergegenwärtige sich die Tausende von Millionen, welche der letzte, durch die Furcht vor dem Sozialismus hervorgerufene Krieg verschlungen hat! Fürwahr, was auch die gesellschaftliche Regeneration kosten mag, so viel wird die Einführung besserer Zustände nicht kosten als die Erhaltung unserer schlechten Zustände. Doch weiter.

Den Vorwurf des Kommunismus, der mit den früheren zusammenhängt, kann ich kurz abtun. Was stellen sich die Gegner unter Kommunismus vor? Daß die Faulenzer, die Nichtarbeiter auf Kosten der Gesamtheit leben wollen. Nun, meine Freunde, dieser Kommunismus besteht heutzutage, er ist das Grundprinzip von Staat und Gesellschaft, und gegen ihn richtet sich ja die ganze sozialdemokratische Bewegung. In Wirklichkeit hat aber das Wort Kommunismus eine sehr verschiedene, ja entgegengesetzte Bedeutung – ich sage: in Wirklichkeit, weil die Kommunisten selbst es in diesem Sinne nehmen. Nicht Ausbeutung der Fleißigen durch die Faulenzer, der Arbeiter durch die Nichtarbeiter bedeutet Kommunismus, sondern Unterordnung der Sonderinteressen unter die allgemeinen Interessen, Rettung der Individualität in der Gemeinschaft und speziell auf das Eigentum angewandt: Erhebung des Eigentums zum Gemeingut; also nicht Abschaffung des Eigentums – solange es Menschen gibt, wird es Eigentum geben –, sondern Verallgemeinerung des Eigentums, das jedem zugänglich gemacht werden soll, während es jetzt bloß das Vorrecht eines winzigen Bruchteils der Bevölkerung ist. Und in diesem Sinn den Begriff richtig aufgefaßt, wollen wir allerdings den Kommunismus.

Mit wenig Sätzen eile ich hinweg über den sich mir nun zunächst darbietenden Vorwurf, wir seien »die Barbaren des 19. Jahrhunderts«, wir wollten »die Kultur zerstören«, der Sieg der Sozialdemokratie sei der »Untergang der Zivilisation«. Eine Partei, welche den unentgeltlichen Volksunterricht und überhaupt die Unentgeltlichkeit aller Erziehungs- und Bildungsanstalten auf ihrem Programm hat, kann sich durch diese Anklage nicht getroffen fühlen. In gewisser Beziehung freilich müssen wir schuldig plädieren. Ja, wir wollen zerstören, was unsere Gegner »Kultur«, »Zivilisation« nennen. Wir wollen zerstören Knechtschaft und Unterdrückung, wir wollen zerstören die Saat des Hasses und der Zwietracht, die zwischen die Menschen gesät ist; wir wollen zerstören die Unwissenheit, die geistige Nacht, in welche die ungeheure Mehrzahl unserer Brüder gestürzt ist. – Ja, Ihr Herren Bourgeois, die Unwissenheit wollen wir zerstören, wir Feinde Eurer Kultur! Eure Kultur ist eben das Gegenteil der Kultur: sie kann sich nur dadurch retten, daß sie das Volk zur Dummheit verdammt, ihm die Schätze der wahren Kultur schnöde vorenthält, den Tempel der Bildung ihm verschließt. Diesen Tempel dem Volk zu öffnen, das ist unser Bestreben; die Wissenschaft, die Ihr zum Monopol einiger Auserwählter gemacht und für die Ihr kein Stück Brot habt, wenn sie nicht Euren Launen schmeichelt, Eurem Eigennutz frönt – die Wissenschaft wollen wir zum Gemeingut aller machen. Und dies soll geschehen durch ein System echter Volksschulen – nicht Dressuranstalten wie die Volksschulen von heute, die ein Hohn sind auf den Namen; nicht Volksschulen, deren Lehrer körperlich und deren Schüler geistig verhungern müssen und die den Kindern der Armen ein paar kümmerliche Brosamen hinwerfen, welche zur Nahrung des Geistes auch nicht entfernt ausreichen, nicht Volksschulen, in denen das niederste Maß der Kenntnisse gelehrt wird – nein, Volksschulen in des Wortes ausgedehntester Bedeutung, Schulen für das Volk, die allen Kindern das höchste Maß der Bildung mitteilen, die in jedem Kind alle Anlagen wecken und entfalten und nicht wie heute, mit einem Lebensalter abschließen, wo die eigentliche Bildung erst beginnt. Der Sozialismus »kulturfeindlich«! Weil er jedem Talent die Möglichkeit bietet, sich zu entwickeln? Welch ein gewaltiger Hebel des Kulturfortschritts liegt nicht in dieser bloßen Tatsache einer wahrhaften Volkserziehung! Die Talente sind gleichmäßig unter die Menschen ausgestreut – es ist dies eine Wahrheit, die durch die Wissenschaft über jeden Zweifel erhoben wird und an der wir festhalten müssen, weil sie die Basis der sozialistischen und demokratischen Weltanschauung bildet –; aber die heutige Gesellschaft erlaubt es nur den wenigsten, ihre Anlagen auszubilden, und auch diesen wenigen, mit seltenen Ausnahmen, nur eine einseitige, verkrüppelte Ausbildung. Die ungeheure Mehrzahl der Talente wird jetzt vollständig erstickt. Man wundert sich oft, warum in gewissen Epochen so viel bedeutende Männer erstehen. Das sind eben Epochen, in welchen den schlummernden Talenten Gelegenheit geboten wird, sich zu äußern und zu betätigen. Namentlich ist das der Fall in revolutionären Epochen, die neue Kräfte zur Verteidigung der neuen Ideen und Einrichtungen erheischen. Man nehme zum Beispiel die Masse großer Staatsmänner, Redner und Feldherrn, welche die Französische Revolution auszeichnen. In solchen Zeiten gibt es nicht mehr Talente als in gewöhnlichen Zeiten, aber um mich eines volkswirtschaftlichen Ausdruckes zu bedienen – es ist mehr Nachfrage nach Talenten. Gelegenheit macht nicht bloß Diebe, sie macht auch »große Männer«. Ein »großer Mann« ist ein gewöhnlicher Mann, der die Gelegenheit gehabt hat, »groß« zu werden. Dies nur zur Erläuterung, um zu zeigen, wie unendlich unsere Kultur gefördert werden muß, wenn die Gesellschaft es einst als ihre höchste Aufgabe betrachtet, die Talente aller zur möglichsten Entwicklung zu bringen. Also, die höchstmögliche Summe der Bildung für alle! Allen zugänglich und frei machen wollen wir die Wissenschaft, sie soll nicht länger in Fesseln geschlagen werden, ihr Dienst nicht länger zur materiellen Armut oder zur geistigen Prostitution verurteilen. Ja, zerstören wollen wir Eure Kultur, zerstören wollen wir sie, weil sie der wahren Kultur feindlich ist, weil sie mit der wahren Zivilisation sich nicht verträgt; weil sie die Wissenschaft zwingt, sich dem Reichtum und der Macht zu prostituieren; weil sie, auf Ungerechtigkeit beruhend, durch und durch unsittlich ist und der Prostitution der Wissenschaft die Prostitution des Weibes hinzugefügt hat – die Prostitution des Weibes, den häßlichsten Schandfleck unserer Afterkultur.

Und die Vertreter dieser Gesellschaft der Prostitution haben die Stirn, uns vorzuwerfen – es ist das ein weiterer Trumpf, den man gegen uns ausspielt –, wir wollten die Familie vernichten, die Weibergemeinschaft, die »freie Liebe« einführen! Nun – die freie Liebe, ja, wir wollen sie; wir wollen die Liebe befreien von den Fesseln, welche die heutige Gesellschaft ihr angelegt hat. Aber wenn die Gegner von Weibergemeinschaft, von Vernichtung der Familie reden, so erblicken sie nur sich selbst im Spiegel. Sie klagen uns ihrer eigenen Sünden an. Weit entfernt, die Weibergemeinschaft zu erstreben, wollen wir die jetzt herrschende Weibergemeinschaft abschaffen; weit entfernt, die Familie vernichten zu wollen, ist es unser Ziel, die Familie, welche jetzt degradiert und in ihrer Reinheit der großen Masse ein unerreichbares Ideal ist, zu adeln und zu bewirken, daß sie ihre Segnungen über alle ergieße. Zu meiner lebhaftesten Freude sehe ich, es sind viele Frauen anwesend in dieser Versammlung; es liefert dies einen Beweis, daß die Frauen begriffen haben, wie nahe die soziale Bewegung sie angeht, welch hohes Interesse sie an dem Sieg unserer Prinzipien haben. Man redet heutzutage viel von einer sogenannten Frauenfrage. Für uns gibt es keine besondere Frauenfrage und kann es keine geben, weil die Interessen der Menschen solidarisch sind. Die Frauenfrage ist ein Teil der großen sozialen Frage; mit ihr wird sie gelöst, ohne sie nimmermehr. Wer die Emanzipation des Weibes will, ohne für die allgemeine soziale Emanzipation zu kämpfen, unternimmt eine hoffnungslose Pfuscharbeit. Wer aber für die allgemeine soziale Emanzipation kämpft, kämpft dann zugleich auch für die Emanzipation des Weibes. Und fürwahr, die Lage der Frauen in der heutigen Gesellschaft würde für sich allein schon genügen, die sozialistische Bewegung zu rechtfertigen und der Gesellschaft, die solche Zustände erzeugt, das Todesurteil zu sprechen. Wo ist denn »die Heiligkeit der Familie«, von der unsere Gegner fabeln? Ist sie zu finden bei den Hunderttausenden von Prostituierten, welche die Straßen der Städte, und zwar der kleinen so gut wie der großen, durchstreifen und ihren Leib an den Meistbietenden verkaufen? Bloß in Berlin rechnet man zwanzigtausend prostituierte Dirnen, und Berlin ist nicht »unmoralischer« als andere Städte. Überall in Deutschland, England, Frankreich, Amerika – überall, wo der Klassengegensatz besteht, wo eine breite Kluft gähnt zwischen arm und reich, wo die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen Regel und Gesetz ist, haben wir das Übel der Prostitution. Die Prostitution, sie ist nicht lokal, sie ist nicht national – keine Nation hat das Recht, pharisäerhaft ihre Hände in Unschuld zu waschen und zu sagen: »Ich danke Gott, daß ich nicht so schlecht bin wie die anderen Nationen.« Die Prostitution ist die notwendige Folge der herrschenden Zustände, sie ist die unvermeidliche Ergänzung der Bourgeoise, ihre widerliche Doppelgängerin; sie ist eine allgemeine gesellschaftliche Institution und spottet daher aller Versuche, sie innerhalb der heutigen Gesellschaft auszurotten. Höchstens läßt sie sich durch eine heuchlerische Sittenpolizei von dem Markt in die abgelegenen Gassen treiben. Solange Hunderttausende von Mädchen die Wahl haben, Hungers zu sterben oder für Geld sich hinzugeben, wird die Prostitution fortdauern. Verschwinden kann sie nur dann, wenn jedem Menschen die Möglichkeit geboten wird, ehrlich zu leben; und dazu bedarf es einer Umwälzung der heutigen Gesellschaft, der heutigen Produktionsweise. Die tiefstgesunkene Dirne ist unseres Mitleids, unserer Sympathie wert; ihre Geschichte ist eine gesellschaftliche Tragödie von erschütternder Wirkung für den, der ein menschliches Herz in der Brust trägt und im menschlichen Herzen zu lesen weiß. Schlechte Erziehung, schlechtes Beispiel, Familienlosigkeit, Hunger – das sind die treibenden Ursachen: Wer wagt es, einen Stein zu werfen auf die Gefallenen, auf die unglücklichen Opfer der Gesellschaft? Was aber ist die Prostitution anders als Weibergemeinschaft? Weibergemeinschaft in der unmoralischsten, rohesten Form? Und uns bezichtigt man, die Weibergemeinschaft zu wollen? Wenn wir sie wollten, so würden wir der heutigen Gesellschaft nicht den Krieg erklärt haben. – Ich sagte vorhin: die Prostitution ist die widerliche Doppelgängerin der Bourgeoise. Betrachten wir doch die Ehe der heutigen Gesellschaft! Ist nicht die Ehe zur Prostitution gemacht durch das Kapital? Beruht sie etwa der Regel nach auf Liebe, auf freier Neigung? Entscheidet nicht wesentlich der Besitz? Ist die Ehe nicht eine Spekulation, nicht ein Geschäft statt eines Bundes der Herzen? Verkauft sich das Weib nicht auch in der Ehe? Wird es nicht verkauft wie eine Ware? Sind in den höheren Klassen nicht Ehen aus Liebe geradezu verpönt? Wird nicht das gegenseitige Vermögen genau abgewogen? Gilt es nicht für eine Torheit, »unter dem Stand« zu heiraten? Gilt es nicht für »klug«, für »praktisch«, daß arme Eltern ihre Tochter nötigen, einem reichen abgelebten Lüstling die Hand zu reichen? Würde der Fabrikant, der seine Tochter einem sie liebenden und von ihr geliebten Arbeiter zur Frau gibt, nicht bei seinen Standesgenossen als Tollhauskandidat gelten? Dagegen, wenn er sie zwingt, sich einem ungeliebten und nur aus »Vernunft« heiratenden Mitbourgeois zu überliefern, wird er nicht auf allgemeine Billigung zu rechnen haben? Ist das aber nicht Prostitution? Ist die Frau nicht Handelsartikel? Und wohlgemerkt, nicht bloß »auf der Höhe« der Gesellschaft geht es so zu – diese Profanation der Ehe, diese Prostituierung der Liebe finden wir in allen Schichten der Gesellschaft, wo der Mammonkultus herrscht.

Es fällt mir da ein Bild aus den »Fliegenden Blättern« ein: Zwei Bauern sitzen zusammen, der Sohn des einen wünscht die Tochter des anderen zu heiraten. »Mein Sohn bekommt soundso viele Morgen Land, soundso viel Ochsen, Kühe und Pferde. Wieviel bekommt deine Tochter?« Ich kann ihr nur soundso viel geben. »Das ist zuwenig, du mußt noch ein paar Ochsen und Kühe zulegen.« Ich kann nicht. »Gut, dann wird aus der Sache nichts.« Das ist ein Bild aus dem Leben, und kein Juvenal könnte eine brennendere Satire schreiben. Wir sind stolz auf unsere Kultur und dünken uns wunderbar erhaben über die Wilden, und doch verschachert man bei uns die Mädchen für Ochsen und Kühe, ganz wie es die Kaffern in Südafrika tun. Und warum auch nicht? Unsere Gesellschaft basiert auf der Degradation des Menschen, den sie zur Ware gemacht hat, und daß die Frau ihren Körper verkaufen muß, ist nur ein Teil jenes Systems, welches den Arbeiter zwingt, seine Arbeit, das heißt sich selbst, Leib und Seele, zu verkaufen. Freilich, ein wesentlicher Unterschied besteht hier: das, wozu der Lohnsklave sich verkauft, ist eine gesellschaftlich notwendige Leistung, die bloß durch die Bedingungen, unter welchen sie stattzufinden hat, zu einem Fluch für den Arbeiter wird, während das, wozu die prostituierte Dirne sich verkauft, die schmachvollste Entweihung der Liebe und damit der Menschennatur ist. Die Liebe gibt sich, sie kann sich nicht verkaufen. Verkauft, sei es mit Ehe, sei es ohne Ehe, ist sie Prostitution. Jede Ehe, die Mammon geschlossen hat, wenn auch vom Priester gesegnet, ist Prostitution; jede Vereinigung von Mann und Weib, die Liebe geschlossen hat, auch wenn vom Priester nicht gesegnet, ist eine wahrhafte Ehe.

Doch auch die andere Form der menschlichen Ware ist dem Weib in der heutigen Gesellschaft nicht erspart. Hat das heißhungrige Kapital, dessen Appetit durch die verschlungenen Opfer nur gesteigert wird, nicht der Frau, so gut wie dem Mann, die Ketten der Lohnsklaverei angelegt, ja sie in die Arbeiterbastillen, genannt Fabriken, hineingerissen? Und hat es damit nicht die »Familie« für das arbeitende Volk tatsächlich zerstört? Doch das ist nicht alles. Selbst die Kinder schleift das Kapital in seiner Unersättlichkeit auf den Altar seines menschenfressenden Witzliputzli. Mann, Frau, Kinder – alles Lohnsklaven! Wo bleibt da das »daheim«, ohne welches Familienleben nicht denkbar? Und trotzdem schlägt sich das fromme Kapital auf die Brust und bittet den Himmel, er möge es vor den bösen Sozialdemokraten bewahren, welche die Familie vernichten wollen! Oh, Ihr Heuchler! Der Arbeiter, er hat keine Familie! Ihr habt sie ihm geraubt! Und weil er eine Familie haben will, um Mensch sein zu können, darum ist er Sozialdemokrat!

Die Arbeit ist die Grundlage allen menschlichen Fortschritts, durch die Arbeit allein ist es der Menschheit gelungen, sich über das Tier zu erheben, sich von der Sklaverei der Natur zu befreien. Aber das Mittel der Befreiung ist zum Mittel der Unterdrückung geworden. Statt frei zu sein durch die Arbeit, ist der Arbeiter Sklave der Arbeit. Von dieser Sklaverei der Arbeit muß der Arbeiter befreit werden. Er soll nicht eine lebende Maschine sein, die – aus einem Menschen zu einem Ding gemacht, oft nur das Anhängsel einer toten Maschine – Weber, Zimmermann, Maschinenbauer heißt; sondern er soll ein Mensch sein, der webt, der zimmert, der Maschinen baut, um seine gesellschaftlichen Pflichten zu erfüllen. Der Arbeiter, welcher zwölf, vierzehn, sechzehn Stunden täglich in der Werkstätte, in der Fabrik zubringt, oft noch einen langen Weg von und nach der Stätte der Arbeit zurücklegen muß, hat keine Zeit, Mensch zu sein. Er kommt todmüde nach Haus, schläft und eilt des anderen Morgens, noch müde vom vorhergehenden Tag, wieder an die Arbeit. Das ist keine menschliche Existenz, kaum eine tierische. Kein Bauer wird seine Pferde, sein Zugvieh so abzurackern für gut finden. Doch der Mensch ist duldsamer als das Tier und zum Glück auch zäher. Wohlan, gerade durch die Zerstörung der Familie, gerade durch die Herabwürdigung des Weibes hat die heutige Gesellschaft, weit mehr als durch ihre sonstigen Verbrechen, sich die moralische Berechtigung auf Fortexistenz entzogen, sich ihr Todesurteil gesprochen. Eine Gesellschaft, welche die Prostitution zur offiziellen Gesellschaftseinrichtung gemacht hat, darf das Wort Sittlichkeit nicht in den Mund nehmen, ohne zu erröten, sie ist gerichtet, und sie muß an der Empörung des menschlichen Sittlichkeitsgefühls zugrunde gehen, das in der Brust der Unterdrückten lebt. – Das Weib, mit feineren Nerven, mit feineren Empfindungen ausgestattet als der Mann, fühlt seine Entwürdigung tiefer als der Mann. Darum der begeisterte Anteil der Frauen an der sozialistischen Bewegung, die ihnen die Freiheit, die Würde verheißt. Darum die hervorragende Stellung, welche die Frauen neuerdings in dem Heldenkampf der Kommune eingenommen haben. Junge Mütter, mit dem Säugling an der Brust, trotzten den Chassepotkugeln und ermunterten die Männer zur Tapferkeit; Mädchen ergriffen die Fahne, welche der Hand eines sterbenden Blusenmannes entfallen war, und trugen sie todverachtend dem Feind entgegen, bis sie, den Busen vom Blei der schnapstrunkenen Ordnungssoldateska durchbohrt, leblos dahinsanken; Hunderte von gefangenen Frauen und Mädchen empfingen stolz, trotzig die Todeswunde mit dem Ruf: »Es lebe die Kommune!« und aus dem brechenden Auge noch den Siegern die Verachtung zuschleudernd. »Niederträchtige Petroleusen!« »Prostituierte Dirnen!« »Verworfene, die nur Abscheu einflößen können!« brüllt im Chorus die reaktionäre Bourgeoispresse!

»Niederträchtige Petroleusen«? Niederträchtige Bourgeoislüge! Elendes Märchen, erfunden von Schurken, geglaubt von Dummköpfen – schon heute durch das Zeugnis ehrlicher Gegner widerlegte Verleumdung! »Prostituierte Dirnen«? Kein Zweifel, es waren zum Teil, freilich zum kleinsten Teil »prostituierte Dirnen«. Aber war es die Kommune, die sie dazu gemacht? Nein, Ihr Herren Bourgeois, es war Eure Gesellschaft, Eure »beste der möglichen Welten«, die ihnen das Mal der Infamie eingebrannt, die sie entweiht hatte. Die Kommune dagegen hatte ihnen die Möglichkeit geboten, sich wieder aus dem Schlamme zu erheben und von dem Schmutz Eurer Gesellschaft zu reinigen. Und Ihr wollt Euch wundern, daß glühende Begeisterung für die Kommune, wütender, dämonischer Haß gegen die alte Gesellschaft, die Gesellschaft der Prostitution, sie in den Kampf trieb, daß sie, halb Engel, halb Furien, das erlittene Unrecht zu rächen, ihr Leben der Schmach durch den Tod für eine heilige Sache zu sühnen suchten? Ach, das »ewig Weibliche« in diesen entweihten Verstoßenen ist gleich dem getretenen Wurm emporgeschnellt und hat Eure Gesellschaft in die Ferse gebissen. Ihr nennt Euch Christen – habt Ihr vergessen, wie Euer Jesus die scheinheiligen Heuchler beschämte, welche die Ehebrecherin steinigen wollten? Und Ihr wagt es, sie noch im Tod zu beschimpfen, diese Opfer Eurer Gesellschaft, diese Märtyrerinnen der neuen Lehre, die dem Sklaven das Ende seiner Knechtschaft, dem Weib das Ende seiner Prostitution zeigt?

Sie, meine Freunde, haben es wohl begriffen, daß die »Frauenfrage« untrennbar ist von der allgemeinen sozialen Frage und das es von größter Wichtigkeit für uns ist, die Frauen in unsere Bewegung hineinzuziehen: die Gewerksgenossenschaft der Fabrik- und Handarbeiter, Die Internationale Gewerksgenossenschaft der Manufaktur-, Fabrik- und Handarbeiter beiderlei Geschlechts, 1869 gegründet, war die erste Gewerkschaft, die Arbeiterinnen statutenmäßig als gleichberechtigte Mitglieder aufnahm, sie auch im Vorstand der Gewerkschaft vertreten hatte und gleichen Lohn für gleiche Leistung forderte. die hier in Crimmitschau ihren Vorort hat, macht keinen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Arbeitern und hat durch diese tatsächliche Anerkennung der Gleichberechtigung beider Geschlechter mehr für die Frauenemanzipation getan als alle unsere Frauenvereine zusammengenommen, welche die »Frauenfrage« gepachtet zu haben vermeinen.

Die Frau ist die notwendige Ergänzung des Mannes – ohne die Frau kann der Mann nicht Mensch sein, ohne Teilnahme der Frau kann der Mann kein menschliches Ideal verwirklichen. Wir bedürfen deshalb der Hilfe der Frauen in unserer Bewegung. Und Pflicht wie Interesse gebieten es ihnen, uns im Kampf zur Seite zu stehen. Die Frauen, sie fühlen am meisten die Misere der heutigen Gesellschaft, sie werden auch am meisten die Vorteile der sozialen Emanzipation fühlen. Möge drum jedes Weib, jedes Mädchen, statt den Mann, statt den Geliebten von der Bewegung zurückzuhalten, ihn anfeuern, ihm Mut einflößen, wenn er erlahmt; und jede Mutter, möge sie ihren Kindern das Evangelium der Freiheit und Gleichheit predigen, damit ein Geschlecht heranwachse, das im stolzen Bewußtsein der Menschenwürde nicht will, daß es noch Herren und Knechte gebe auf Erden! – Freundinnen und Freunde! Noch einen Vorwurf habe ich zurückzuweisen, und ich bin mit diesem Teil meines Vortrags zu Ende. Man sagt, wir wollten die Bourgeoisie stürzen, um auf ihren Trümmern die Herrschaft der Arbeiterklasse zu errichten. Unser Programm widerlegt diese Anklage. Es ist wahr, wir wollen die Herrschaft der Bourgeoisie brechen, aber nur um jede Klassenherrschaft zu brechen. Die Bourgeoisie beurteilt uns nach sich selbst; sie beseitigte den Feudalstaat bloß, um den Bourgeoisstaat an seine Stelle zu setzen. Sie verdrängte eine Klassenherrschaft durch die andere. Das Proletariat hat ein höheres Ziel. Es hat zu sehr unter der Klassenherrschaft gelitten, um nicht prinzipiell der Klassenherrschaft feind zu sein. Und welche Klasse soll es denn beherrschen wollen? Es ist ja die »unterste Klasse« und hat folglich keine Klasse, die es beherrschen und ausbeuten könnte. Was wir erstreben, ist die genossenschaftliche Organisation der Gesellschaft, die Gleichheit der Rechte und Pflichten. Wie die Solidarität die Schranken des Stamms, der Nation (letztere wenigstens geistig und ökonomisch, wenn auch noch nicht politisch) niedergeworfen hat, so muß sie auch die Schranken der Klassen und Stände zu Boden werfen, damit der Menschheitsbegriff zu freier Entfaltung gelange. Keine Ausbeuter und keine Ausgebeuteten! Keine Herren und keine Knechte! Keine Herrschaft und keine Knechtschaft! Ordnung in der Gleichordnung anstatt der Unordnung in der Unterordnung! Das ist es, was wir wollen. Und welcher ehrliche Mann kann dies ungerecht finden? –

Ich habe nun der Reihe nach die Hauptverleumdungen, die man gegen uns vorzubringen pflegt, durchgenommen und die Haltlosigkeit derselben nachgewiesen. Ich habe gezeigt, daß diese Verleumdungen nur das Zerrbild der Bourgeoisgesellschaft selbst sind, die unter dem Einfluß des bösen Gewissens im Nebel ihrer erhitzten Phantasie das eigene häßliche Konterfei sieht. Ich habe gezeigt, daß, was die Vertreter und Lobredner der alten Gesellschaft uns vorwerfen, die Laster, die Gebrechen, die Verbrechen der alten Gesellschaft sind. Ich habe gezeigt, daß das »Teilen«, die »Weibergemeinschaft«, systematisch in der alten Gesellschaft geübt wird. Ich habe gezeigt, daß es die alte Gesellschaft ist, welche das Eigentum mit Füßen tritt, die Familie zerstört, die Segnungen der Zivilisation dem Volke entzieht, die Kultur mißbraucht und gefährdet. Ich habe gezeigt, daß wir, die Sozialdemokraten, der Bourgeoisie gegenüber die Vorkämpfer des Eigentums, der Familie, der Zivilisation, die Bekämpfer des »Teilens« und der Weibergemeinschaft sind. Ich habe gezeigt, daß wir es sind, die in die Welt des Zwiespalts und der Unordnung Harmonie und Ordnung bringen wollen. Kurz, ich habe gezeigt, daß wir alle Vorwürfe unserer Gegner umdrehen und ihnen zurückschleudern können: nicht gegen, sondern für das Eigentum kämpfen wir; nicht gegen, sondern für die Familie; nicht gegen, sondern für die Kultur; nicht gegen, sondern für die Ordnung; nicht gegen, sondern für die »Harmonie«.

Ich habe gezeigt, daß die Arbeiterbewegung eine Kulturbewegung ist, die nicht der Laune, der Willkür, dem Zufall ihren Ursprung verdankt, sondern mit Naturnotwendigkeit entstanden ist, mit Naturnotwendigkeit sich erfüllen muß. Ich habe gezeigt, daß nur Gedankenlosigkeit und Ignoranz die Berechtigung der sozialdemokratischen Bewegung in Zweifel ziehen können und daß jeder Versuch, diese Bewegung zu hemmen, ebenso hoffnungslos und unsinnig ist wie der Versuch des Stiers, eine heranbrausende Lokomotive aufzuhalten. Wie die Lokomotive zermalmend über ihn hinweggeht, so wird die Arbeiterbewegung über alle Hindernisse hinweggehen.

Das sollten die Gegner begreifen. Sie sollten begreifen, daß es in ihrem Interesse ist, eine Katastrophe zu verhüten. Die heutige Welt kann nicht zur Ruhe kommen. Die Interessen sind in Konflikt miteinander, und Klassenkampf und Krieg sind die notwendige Folge. Verdient ein solcher Zustand die Mühe, welche man sich gibt, ihn zu erhalten? Man kann unsere Gegner in zwei Rubriken einteilen: die, welche uns aus Unwissenheit, und die, welche uns aus bösem Willen bekämpfen. An erstere richte ich die Mahnung: Lernt unsere Bewegung kennen! Ihr werdet aufhören, sie zu fürchten, sobald Ihr sie kennt. Die Furcht ist der schlechteste Ratgeber. Das rote Gespenst, das Euch entsetzt, ist gleich allen Gespenstern ein Produkt der Unwissenheit und verschwindet vor dem prüfenden Blick des Verstandes. Die Erkenntnis der ökonomischen Verhältnisse beseitigt aber nicht bloß die Furcht, die beseitigt auch den Fanatismus. Die Wissenschaft kennt keinen Fanatismus. Die Wissenschaft appelliert nicht an die Leidenschaften, sie denunziert nicht, sie studiert. Sie weiß, daß alle Erscheinungen ihren zureichenden Grund haben; sie sucht diesen Grund zu erforschen, aber hadert nicht mit den Erscheinungen. Man zeige mir eine frühere Kulturbewegung, die es gelungen wäre zu unterdrücken, die nicht schließlich die Widersacher besiegt hätte. Wozu das tausendmal Mißlungene uns gegenüber versuchen? Hat denn das heutige Geschlecht nichts aus der Geschichte gelernt? Müssen wir denn jede schon längst gemachte Erfahrung noch einmal selber auf unsere Kosten machen? Das hieße ja jede Wissenschaft, jeden menschlichen Fortschritt leugnen.

Und Ihr, die Ihr uns aus bösem Willen bekämpft, die Ihr wißt, daß wir recht haben, und nur aus Eigennutz uns entgegentretet – bedenkt, daß es ein sehr kurzsichtiger Egoismus ist, der Euch leitet. Die heutige Gesellschaft bietet Euch große Vorteile, allein durch keine Macht der Erde werdet Ihr Eure privilegierte Stellung behaupten. Euer Reich neigt sich dem Ende zu. Ihr müßt fallen: versteht Ihr Euer wahres Interesse, so werdet Ihr den Fall zu dämpfen suchen. Ihr habt die Geschichte von den Sibyllinischen Büchern gelesen: je länger Ihr zaudert, gerecht zu werden – gerecht zu werden aus Interesse, desto mehr wird sich Eure Lage verschlimmern, unter desto ungünstigeren Bedingungen werdet Ihr Eure Unterwerfung unter die neue Welt zu vollziehen haben. Uns bekämpfen hat keine andere Wirkung, als die Geburtswehen zu erschweren und vielleicht – die Geburt zu beschleunigen. Jedenfalls habt Ihr nur zu verlieren, wenn Ihr der Krisis durch gewaltsame Störungsversuche einen gewaltsamen Charakter aufdrängt.

Eine Katastrophe zu vermeiden, liegt im Interesse aller, in dem Eurigen so gut als in dem Unsrigen. In dem Interesse aller liegt es, daß eine Brücke gebaut werde, die aus der alten Welt hinüberführt in die neue. Ein englischer Staatsmann hat den Ausspruch getan, die Geschichte der Parteien sei eine Geschichte von Kompromissen. Bis zu einem gewissen Punkt ganz richtig! Schade nur, daß die an der Herrschaft befindlichen Parteien sich meist erst dann zu Kompromissen entschließen, nachdem sie alle Mittel des Widerstands erschöpft haben und oft schon so geschwächt sind, daß der Kompromiß den absoluten Bankrott bedeutet.

Wenn eine herrschende Partei Scharfblick und Klugheit hat, wird sie mit jeder andringenden Volksbewegung einen Kompromiß abschließen.

Nur durch eine Reihe von solchen Kompromissen – man mißverstehe das Wort nicht, Kompromiß heißt, daß statt des abrupten Bruchs mit der Vergangenheit durch Abkommen der Parteien ein Übergangszustand geschaffen wird –, nur durch eine Reihe von Kompromissen, also durch Reformen, kann der sozialen Bewegung ein friedlicher Verlauf gesichert und der Übergang aus der alten in die neue Welt mit möglichster Schonung für die Interessen der jetzt herrschenden Klassen bewerkstelligt werden.

Im Interesse der jetzt herrschenden Klassen ist ein Kompromiß deshalb noch weit mehr als in dem unsrigen, denn wir werden auch ohne Kompromiß das Ziel erreichen, wahrscheinlich sogar früher. Was uns einen Kompromiß empfehlen könnte, sind Rücksichten der Humanität, während er unseren Gegnern durch das persönliche Interesse empfohlen wird. Ob wir einen Kompromiß wünschen oder nicht, ist übrigens sehr gleichgültig: es hängt ausschließlich von unseren Gegnern ab, ob einer zustande kommt oder nicht. Will die Bourgeoisie einen Kompromiß, so wird der Kompromiß zustande kommen, ob wir wollen oder nicht. Die Bourgeoisie verfügt direkt oder durch den Staat über das Heer, über das Kapital, über die Schule und über die Presse, kurz über alle materiellen und geistigen Machtmittel. Sie hat folglich die Macht, die Lösung der sozialen Frage auf dem Wege der Kompromisse und Reformen anzubahnen. Sie braucht bloß zu wollen. Um zu wollen, muß sie freilich zuvor begriffen haben, daß die heutigen Zustände auf Unrecht beruhen und unhaltbar sind. Den ehrlichen Gegnern rufe ich darum nochmals zu: Studiert die soziale Frage! Die soziale Frage verstehen heißt sie lösen. Unverstanden muß sie die furchtbarsten politischen und gesellschaftlichen Erdbeben hervorrufen. Die soziale Frage ist die Sphinx, welche den tötet, der ihr Rätsel nicht lösen kann, die aber sich selbst tötet, sobald ihr Rätsel gelöst ist. Das Rätsel der Sphinx war der Mensch. Und es ist auch das der sozialen Frage. Ehe das Rätsel Mensch nicht gelöst ist, wird die Welt nicht zur Ruhe kommen und die Sphinx der sozialen Frage fortfahren, der Gesellschaft ihr dräuendes Antlitz zu zeigen, sie aus einem Schreck in den anderen, aus einem Blutbad ins andere werfen.

Zwei Welten stehen sich gegenüber: die alte und die neue – die absterbende Welt der heutigen Gesellschaft und die ideale Welt der Zukunft; ein breiter, tiefer Schlund gähnt zwischen ihnen. Die heutige Gesellschaft treibt und stürmt dem Abgrunde zu, ein blinder Schreck hat sich ihrer bemächtigt, sie gleicht einer Büffelherde, die, um dem Präriebrand zu entrinnen, geschlossenen Auges in wahnsinniger Angst voranstürzt, nicht achtend des breiten Felsspalts, der sich vor ihr öffnet; ihn zu überspringen, ist unmöglich und der Anprall zu groß, um noch kehrtzumachen; die Vordersten versinken zuerst, und erst wenn der Abgrund mit Leichen gefüllt ist, können die Überlebenden das rettende Jenseits erreichen. – Soll der Schlund zwischen der alten und neuen Welt mit Leichen ausgefüllt werden? Und der Präriebrand, dem die heutige Gesellschaft zu entrinnen sucht, besteht obendrein nur in ihrer Einbildung, kann nur durch ihre Furcht zur Wirklichkeit werden. Läßt sich denn keine Brücke erbauen, die uns sicher hinüberträgt in die neue Welt! Wir können es nicht. Unsere Gegner können es, und wenn sie es tun, erwerben sie sich ein unauslöschliches Verdienst um die Menschheit.

Ich komme nun zum Schluß. Was wir zu tun haben, ist uns klar vorgezeichnet. Wir marschieren voran auf dem Pfade der Pflicht. Verzichte man darauf, uns abzulenken oder uns einzuschüchtern. In Paris hat die Sozialdemokratie gezeigt, daß sie, wenn es sein muß, für ihre Prinzipien sterben kann. Eingedenk des Wahlspruchs: Noblesse oblige [Adel verpflichtet], werden wir nie vergessen, daß unsere Sache die Sache der Menschheit ist. Die Gegner haben zu entscheiden, ob das Ziel in Frieden erreicht wird oder nach blutigem Kampf. Wie die Entscheidung ausfalle, wir akzeptieren sie. Von persönlichem Haß wissen wir uns frei. Selbst im Feind achten wir den Menschen. Die Polen trugen während des letzten Aufstandes auf ihren Fahnen die Inschrift: Für uns und für Euch! So kämpfen auch wir für uns und für unsere Feinde; denn auch ihnen gilt das Befreiungswerk, denn auch sie bedürfen der Emanzipation. An Sie aber, meine Freunde, richte ich die Mahnung: arbeiten Sie in Ihrem Verein ruhig, unverdrossen fort; erlahmen Sie nicht in Ihrer Tätigkeit, verbreiten Sie unsere Ideen – und sollte Sie je einmal Mutlosigkeit erfassen, dann richten Sie sich auf an dem Beispiel des edlen Jacoby, der nie gewankt, wo alles um ihn wankte, und erinnern Sie sich seines Wortes: »Die Gründung des kleinsten Arbeitervereins wird für den künftigen Kulturhistoriker von größerem Wert sein als der Schlachttag von Sadowa.«

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