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Kleine Erzählungen

Peter Rosegger: Kleine Erzählungen - Kapitel 7
Quellenangabe
titleKleine Erzählungen
authorPeter Rosegger
typenarrative
senderHarald.Aichmayr@netway.at
modified20170915
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Der Pfarrersbub

Aus den Aufzeichnungen eines Landgeistlichen.

Sonntag, 7. Oktober

Heute Predigt über das Thema nach Paulus: »Wenn ich die Sprachen der Menschen und der Engel redete, hätte ich aber der Liebe nicht, so wäre ich .ein tönendes Erz«, dann Übergang: »Wie du säest, so wirst du ernten«, und von dem. »wie jedes gute Werk gute Früchte trägt und sich oftmals schon auf Erden lohnet«.

Die Kirche war so voll von Menschen, daß keiner hätte umfallen können. Der Herr Amtsbruder in der Nachbarschaft verscheucht seine Pfarrkinder, er ist in seinen Predigten zu scharf, verdammt zu sehr; mag freilich seine Gründe dazu haben. Ich hätte sie eigentlich auch, denke aber, die Kirche soll den Leuten eine Stätte der Gnade sein. Er mag die Hölle heiß machen und den Teufel so schwarz als möglich, ich will ihnen den Himmel aufputzen mit Sonnenlicht, Rosen, lieben Heiligen und schönen Engelein; so werden sie sich doch nicht lange besinnen, wohin sie sollen, in die Hölle oder in den Himmel. Der Kleingabelwirt hat am vorigen Sonntag in Spaß und Ernst gesagt: Wenn es im Himmel Scheibenschießen gäbe, so wolle er nicht hinein. »Ja; antwortete ich, »es gibt ein Scheibenschießen im Himmel trifft jeder Schuß ins Zentrum.« – »Was?« darauf der »Ich allein will treffen, die anderen sollen fehlen.« – »Der liebe Gott wird's schon so machen, wie es dir recht ist«, sagte ich., »schau nur, daß du hineinkommst.«

Nach der Predigt Trauung. Man wird nicht bald ein so schönes Brautpaar finden wie diese jungen Veitersleute. Deren Glück habe ich auf dem Gewissen. Die Alten wollten es nicht zugeben, er hat wieder ein; mal zuviel Geld und sie zuwenig. »Gut«, habe ich gesagt, »so sind sie auch in dem zweierlei Geschlechts. Zwei Reiche zusammen gibt Protzen, zwei Arme. zusammen gibt Bettler. Wollt ihr echtes Gold, so nehmt den goldenen Mittelweg.« Hierauf ist geheiratet worden. Es ist unglaublich, wie sich die zwei liebhaben. Wenn ich eine Pfarrerin hätte, wäre es vielleicht weniger unglaublich. Übrigens – es ist besser, Junggeselle zu sein, als manche Leute glauben. Mir ginge es mehr nach einem Wesen, das mich lieb hat. Die Katze ist doch nichts, schmeichelt sich an einen .her, reiht sich am Rock, reckt den Schweif kerzengerade gegen Himmel, dreht ihn dann langsam auf die rechte oder linke Seite – und das ist die ganze Liebe, die sie mir zeigen kann. Die Haushälterin soll schauen, daß sie das Tier wieder wegbringt, in der Scheune mausen, das steht ihr besser als dem Pfarrer auf der Bibel sitzen und mit dem Propheten Jeremia Händel anfangen, wie letztens: die ganze dritte Jeremiade zernagt.

Sie haben mich zum Hochzeitsmahl geladen, da. kommt gegen Abend ein Versehbote, und während sie daheim zu Tische gehen, zu Tanz und Kurzweil, muß ich fort.

9. Oktober

Ein Ereignis. Ich habe ein Kind bekommen.

»In den sieben Kesseln« heißt die Gegend. Ich haue mehrmals von ihr gehört. Tief im Gebirge. Hochwaldung. Zwischen Bergen sieben Mulden, heißen die sieben Kesseln:

Wußte gar nicht, daß es auch seßhafte Menschen dort gibt. Kommt vorgestern, wie ich eben ins Hochzeitshaus will, eine kleine alte Magd dahergetrippelt und muß sich eine Weile ausschnaufen, bis sie sprechen kann. Jetzt bittet sie mich um einen Versehgang hinein in die sieben Kesseln. Die Ringel-Schusterin wolle abmachen. Na, gute Nacht, denke ich, gibt's in den Kesseln nicht bloß Leute, sondern a Schuster.

»Wer braucht denn Schuhe in der Wildnis?« frage schier ärgerlich, als wollte ich eine Sache, die mir nicht genehm ist, wegdisputieren.

»Niemand«, antwortete die Magd. »Die Holzknechte sind nicht mehr dort, weil das Schlagen eingestellt worden ist, die Schusterin liegt im Bett, das Bübel in der Wiege und ich gehe barfuß.« Nach diesen Worten zeigt die kleine, alte Person ihre großen, staubigen Füße. »Und das Öl«, so setzte sie bei, »möcht der Herr Geistliche-Herr halt auch mitnehmen, laßt sie bitten.«

»Sollt es denn so schlimm stehen?«

»Das nicht«, antwortete die Botin, »sterben tut sie halt.«

»Was fehlt ihr denn?«

»Die Auszehrung hat sie. Und die Lungensucht hat sie auch. Ja, und ein Fieber hat sie auch noch. Und gar so viel letz (schwach) ist sie.«

Ich habe mich gleich zusammengerichtet. Während Botin im Dorfe Einkäufe macht, nehme ich einen Imbiß gehe in die Kirche um das Heiligste und lasse die dazugehörigen Sachen zusammentun in eine Ledertasche, die außen noch die Haare und Rehbockklauen hat und vielleicht selbst einmal in den sieben Kesseln umhergelaufen ist. Wie ich der Botin aufladen will, sehe ich, daß sie schon aufgeladen hat. Ein Bündel auf dem Rücken, einen Plutzer in der Hand. Da wird's viel sein, wenn sie die Laterne noch tragen kann, die Ledertasche muß ich mir schon selber umhängen. Währen auf dem Turm das Versehglöcklein tönt, klingen unten Wirtshause die Pfeifen und Geigen zum Hochzeitstag. So geht's auf der Welt.

Wir wandern talaufwärts. Neben uns rauscht das Wasser. Vor mir keucht die Alte, ich gehe hintendrein und mache mir meine Gedanken, gute und schlechte durcheinander. Mir kam der Gang sauer an. Ich erinnerte mich an einen Fall in der Nachbarspfarre. Wurde in einer stürmischen Nacht der Priester ins Gebirge geholt zu einem plötzlich schwer Erkrankten. Am Morgen; als er hinkam, war der Sterbende auf einem Fichtenbaum und hackte Aste herab zur Stallstreu. So Leute mit ihrer unregelmäßigen Lebensweise sind, aller Ordnung zuwider, auf einmal todkrank, aber ebensoschnell auch wieder gesund.

Als wir vom schreienden Wasser in ein Nebental abgezweigt sind, will ich doch mit meiner Gefährtin etwas plaudern.

»Maid«, fragte ich sie, »wie soll ich dich denn nennen?«

»Ich und die Mutter Gottes haben den gleichen Namen«, antwortete die Magd. – »Also Maria?« – »Daß es der Herr Geistliche-Herr aber gar so geschwind derraten hat!« ruft sie aus.

»So bist wohl auch recht brav und fromm, wie deine heilige Namensschwester?«

»0 Gott, nein!« lacht sie auf. »Wenn ich an nichts schwerer täte tragen als an meiner Frömmigkeit! Ich habe viele Sünden!«

Nicht einmal für einen weltlichen Menschen mag es angenehm sein, mit einer gar nicht besonders zierlichen Weibsperson über Sünden zu plaudern, geschweige für einen geistlichen. Ich wendete also das Gespräch von der Sündenlast rasch auf die andere und fragte meine Begleiterin, was sie denn in ihrem Bündel habe.

»Wenn wir oben sind !« antwortete sie kurzatmig, denn unser Weg ging bergwärts.

Eine Weile durch Wald bergan, der Weg steinig, von Wildwasser zerrissen. Endlich eine Hochblöße. Weite Aussicht, aber es dunkelte schon, und die Berge waren vom Grau der Nacht kaum mehr zu unterscheiden. Wir setzten uns auf einen Baumstrunk, um zu rasten. Die Maria stellte ihren Plutzer behutsam neben sich.

»Hast du Wein drinnen?« fragte ich.

»Es wundert mich, daß der Herr so viel reden darf, wenn er das heilige Sakrament bei sich hat. Ich habe gemeint, da müßte man wie in einer Kirchen dahergehen und beten.« So die Magd.

»Der beschwerliche Gang selber schon ist ein Gebet«, sagte ich und kam in Gedanken wieder darauf, daß das Volk den Priester immer noch frömmer und asketischer haben will, als er nach strengster Satzung ist und sein kann.

»Da drinnen«, antwortete sie auf meine Frage und legte die Hand auf den Plutzer, »da ist schon was Besseres als Wein!«

»Dann könnte es Honig sein.«

Die Magd schüttelte verneinend das ins Tuch gebundene Köpfl und sagte: »Es wäre nicht schwer zu erraten. – Weihwasser ist im Plutzer.«

»Wozu so viel Weihwasser?« ist meine Frage.

»Für die Totenbahr«, antwortete sie. »Ich habe ja schon gesagt, daß die Schusterin stirbt, und da hat sie mir aufgetragen, wenn ich den Geistlichen holen gehe, daß ich gleich von der Kirche auch Weihwasser für die Totenbahr mitbringen sollt!«

Es ist zu verwundern, wie mancher Kranke gleich an alles denkt.

Wir rückten wieder an. Als ich sah, wie die kleine Magd ihr großes Rückenbündel kaum zu heben vermochte und ihr dabei nachgeholfen werden mußte, wollte ich ihr fast Vorwürfe machen, daß sie so schwer aufgeladen.

»Was denn«, sagte sie, »wir brauchen's ja. Ein Sackel Mehl und ein Töpfel Schmalz fürs Totenmahl. Viel Leut werden eh nicht kommen. Nachher hat sie angeschafft, daß ich auch ein Stück Leinwand mit heimbringen soll – für ein Bahrtuch. Wir haben ja frei nichts im Vorrat. Eins hab ich eh dummerweis vergessen. Mit dem Totengräber, hat sie gesagt, sollt ich reden; und ist mir richtig vor lauter Einkaufen der Totengräber aus dem Kopf gefallen.«

»Es wird ja mit Gottes Willen noch nicht darauf ankommen«, tröste ich, »und wenn es wäre, so wurden ja andere Leute sein, die das besorgen.«

»Sie will halt alles selber anordnen«, sagt die Magd, »und laßt sich was kosten auf ein ehrsames Begräbnis.«

»Hat sie denn Geld?«

»Freilich. Ins Mieder eingenäht. Zum kleinen Frauentag hat sie ganze neun Gulden gehabt; seither hat sie zwar einmal aufgetrennt, aber viel kann nicht fehlen. Ich weiß es nicht.«

So erzählte die Magd, und dann geht's voran. Es wird finster, der Weg abwärts, aufwärts, abwärts, und sie mit dem Laternenlicht vor mir her. Endlich kann sie nicht mehr, will rasten und rasten, und bleibt mir nichts übrig, ich nehme ihr das Bündel ab. Vor mir das Allerheiligste, hinter mir Mehl und Schmalz und Bahrtuch, so gehe ich einher.

Gegen Mitternacht kommen wir zu einem kleinen Hause, das am Bache steht, daneben ein paar Felder oder Wiesen, sonst allenthalben Wald. Im Häuslein ist alles ordentlich und sauber. Auf dem weißgedeckten Stubentische eine Talgkerze und ein Kruzifix. Im Bette die noch junge, kranke Frau, daneben in der Wiege ein kleines Kind. Wie die Kranke meiner ansichtig wird, hebt sie die Hände auf – recht mager sind sie – und ruft in freudevollem Tone: »Gott sei Lob und Dank! So habe ich doch das Glück!«

Nachdem ich ein wenig gerastet habe, sage ich zur Magd, sie solle hinausgehen in die Küche und beten. Dann legt die Kranke ihre Beichte ab, empfängt das Sakrament des Altars und die Letzte Ölung.

Ich muß einen Imbiß nehmen, er tut mir auch not. Wie ich damit fertig bin, mich zum Fortgehen anschicke und der Kranken noch Worte des Trostes und der Aufmunterung sage, nimmt sie mich an der Hand und vertraut mir, daß sie noch ein schweres Anliegen habe. Bevor sie damit hervorkommt, beginnt sie zu weinen. Ich setze mich zu ihr und warte, bis sie sich fassen kann. Dann hat sie mir folgendes gesagt:

Sterben wollte sie gerne, wenn nur das Kind nicht wäre. Der Vater habe im Mai zu den Soldaten müssen und sei in der Schlacht bei Sadowa gefallen. Sie selber sei aus Bayern, habe keine Verwandten mehr, das Haus, in dem sie sterbe, gehöre auch nicht ihr. Die kleine Maria sei die einzige, die bei ihr ausgehalten habe, obwohl sie keinen Lohn bekomme, aber die Magd sei auch arm, und jetzt, wenn sie – die Kranke – gestorben: was wäre mit dem Kinde?

Das Kind schläft mit seinem runden, blassen Gesichtlein in der Wiege, ich schaue es an und denke: Ahnst es nicht, armes Wesen, was jetzt um dich vorgeht.

Ich muß wohl sagen: So scharf ist mich der ewig Gott noch nie angegangen um Nächstenliebe als in dieser Stunde. Lange und heftig hat's gesträubt in mir; allerlei Einwände und Ausflüchte, aber endlich habe ich sagen müssen: »Liebe Frau! Eures Kindes wegen sollt Ihr im Frieden ruhen. Das Kind soll zu braven Leuten kommen, die es liebhaben und erziehen wie ihr eigenes und einen gesunden, rechtschaffenen Menschen aus ihm machen. Und wenn sich niemand dafür finden sollte, so nehme ich es selbst zu mir.«

Jetzt hascht sie nach meiner Hand, reißt sie an sich, bedeckt sie mit Küssen und schluchzt: »Vergelt's Gott! Vergelt's Gott, hochwürdiger Herr! Wenn mich Gott zu sich nimmt, ich will unablässig für Euch beten. Eine solche Wohltat! Ein solches Glück!«

Ja freilich, ein Glück, auch für mich. Noch nie bin ich mir so gut und christlich und groß vorgekommen als in dieser Nacht. Eine edle Tat vollbringen, es ist doch das beste, was man auf dieser Welt haben kann. Ich habe noch nie ein Opfer für die Mitmenschen bereut, oft aber die Unterlassung eines solchen. Daran merke ich am deutlichsten, daß Gott in uns ist.

Noch das weiche, kühle Händchen des Kleinen habe ich angerührt, dann der Abschied von dem Weibe. »Auf Wiedersehen in der Ewigkeit!« hat sie gesagt, und war mir, als hätte sie in Gedanken noch dazugesetzt: Dort werde ich mein Kind wieder von dir zurückfordern.

Um acht Uhr morgens, als ich erschöpft nach Hause komme, stehen an der Kirchtür Leute. Wollen ihre Messe haben.

Den ganzen Tag komme ich nicht zur Rast, so will ich am Abende früher ins Bett. Kaum lege ich mich in die Federn und preise mich glücklich – klopft es an die Tür.

Die kleine Magd ist da, berichtet, daß die Ringel-Schusterin gestorben ist, und bringt mir das Kind.

Nun ist mir freilich wohl aller Schlaf vergangen. Die alte Haushälterin rufen und ihr Rechenschaft ablegen, denn sie macht unheimliche Mienen! Dann ein Bett für das Kleine; die Haushälterin verweigert mir in ihrer Stube dafür den Platz. Ich habe eine Lade, wo altes Meßgewand aufbewahrt ist, die wird ausgeleert, in die Küche getragen, zu einem Bettlein gemacht, und die kleine Magd dazu. – Das ist für die erste Nacht.

Ein Knabe ist es und heißt Theodor. Der von Gott Gesandte. – Aber heute morgens nach der Messe, und wie ich bei meinem Kaffee sitze, nimmt mich die Wirtschafterin ins Verhör: Die kann's! Gott gnade dem Schuldigen! Ich hab's leicht. Muß aber versprechen, daß ich alsogleich Mittel und Wege finden will, den kleinen Schreihals wieder aus dem Hause zu bringen.

11. Oktober

Die Mutter wäre geborgen. Vier Mannsleute haben sie herausgebracht und hintendrein die Ziege, Theodors Erbstück. Das Häusel in den sieben Kesseln zugesperrt. Aus und ab. Ist eigentlich doch schade, daß nach dem Strich wieder ein neues Kapitel anfangen muß. Wenn ich bedenke, was das arme Weib für Mühsal gehabt hat in ihrem Leben, so tut es mir ordentlich selber wohl, daß ich sie da unten in der kühlen Ruhe weiß. – Lieber Gott, wenn die Toten wüßten, wie gut das Totsein ist!

Nun wollen wir halt sehen, wohin wir den Jungen tun. Ein schönes, herzliebes Kind. Hat ein paarmal nach der Mutter umgeschaut und sich dann mit der kleinen Magd zufriedengegeben. Denn die Maria bleibt einstweilen bei ihm. Er kann schon einzelne Worte sprechen, sagt »Mugudel« und meint Milch, kann auch laut lachen, hat kohlschwarze Augen, Lockerln und alles – und trotzdem sagt der Peinterbauer, er nähme ihn nicht. Der Stöckel in Gruth sagt auch so und der Bauer in der Ramsau auch. Die Schulmeisterin möcht den Buben haben, aber ihr Mann empfiehlt ihr Geduld. Mit der ist dem Theodor nicht gedient. Morgen gehe ich hausieren. Wird doch für so ein Kind noch Platz sein auf der Welt.

15. Oktober

Scheint doch keiner mehr zu sein. Voll ist's und auch schon der Gupf drauf. Die meisten Leute wollen nur den Spaß haben und kein Kind; hier ist ein Kind und kein Spaß. Sein Vater hat sich fürs Vaterland erschießen lassen müssen. Man sollte den Wurm eigentlich gut einschachteln und dem Grafen Bismarck schicken und schreiben: Du hast den Großen auf dem Gewissen, nimm auch den Kleinen. Lieber die Preußen als meine Haushälterin. Nie hätte ich geglaubt, daß ein altes Weib so giftig sein könnte. Drei Schierlinge und sieben Fliegenpilze und neun Einbeeren und eine Kupfernatter dazu machen zusammen eines Pfarrers Haushälterin, wenn der Pfarrer ein kleines Kind ins Haus gebracht hat. Die Suppe versalzen, der Braten verbrannt. Und ich möchte darauf wetten, daß sie in den Tischwein Essig tut, er war nie so sauer als in dieser Woche. Mit dem ausgesprungenen Hemdknopf schickt sie mich zur Kindsmagd. Ich konnte mir nicht denken, warum im Kinderzimmer neben der Küche der Ofen so sehr raucht; finde ich nicht den Schlauch, der in den Schornstein führt, mit Lappen verstopft?

Jungfer Ottilie! Es tut mir leid. Wir leiden alle an deinem Gift und du selber noch am meisten. – Wenn du wußtest, wie grün dein Gesicht geworden ist! Der Neid und Ärger macht recht garstig. Was kann denn ich machen? Wenn ich ihn halt nicht anbringe!

Wenn wir hierzulande nur einen Nil hätten und eine pharaonitische Prinzessin, es wäre leicht geholfen. Mein kleiner Moses – Ach, lieber Gott, er krächzt schon wieder.

19. Oktober

Es ist ganz umsonst.

Wie war ich in den Häusern meiner Seelsorge immer willkommen! Und jetzt finde .ich die Türen verschlossen, und so eine Hütte stellt sich, als wäre niemand drin. Vor dem Theodor haben sie Furcht.

Der junge Veiter wollte ihn einstweilen nehmen; er wäre zu nichts weiter verpflichtet worden, nur einstweilen. Da kommt er mir heute nach der Messe und sagt, es wäre nichts, es hätte sich etwas Überraschendes ereignet, bei seinem Weibchen wäre ein eigener Wille zum Vorschein gekommen. Und was die Leute dazu sagen wurden, wenn ein junges Ehepaar, das kaum erst drei Wochen verheiratet ist, ein kleines Kind hätte?

Lieber Himmel, wenn man das so nehmen will, ist ja das Kind im Pfarrhause weit schlimmer.

Übrigens – wenn nicht bald etwas vorkommt, so ist's zu spät. Das Knäblein wächst mir an den Leib. Brevier beten und mit dem Theodor schäkern, ich tue es jeden Tag, und – es ist ganz heidnisch – fällt's mir gestern ein: Während ich bete, steht der liebe Gott ernst und strenge dort oben, und wenn ich mit dem Kind herze, steigt er einige Stufen herab und schaut uns lächelnd zu.

24. Oktober

Endlich fort!

Aber nicht das Kind, sondern die Haushälterin.

Es war mir schon die große Ordnung und Säuberlichkeit aufgefallen, womit sie mir heute den Mittagstisch bereitet hatte. Hirnbrühe, Dunstbraten mit frischem Salat, der gar nicht mehr leicht zu bekommen ist, Eierkuchen mit Himbeertunke, sogar der Wein ist nicht mehr sauer. Mir wollen die Lieblingsgerichte heute aber nicht mehr munden, steckt was dahinter, denke ich, und richtig! Wie sie den Tisch abräumt, wendet sie sich gegen die Wand und fängt an, kläglich zu flennen.

»Ottilie !« rufe ich, »was ist dir?«

»Ach«, sagt sie, »wird wohl das letztemal sein, daß ich heute gekocht habe für den Herrn Pfarrer. Ich sehe es schon, ich bin überflüssig in diesem Hause.« – Und marschiert das Kind auf, mitsamt der Kindsmagd. Ich will sie beruhigen, da wird sie arg, gibt dem Kleinen und der Magd Namen, auf die sie eigentlich nicht getauft sind, und drischt mit den Fäusten auf die Wand ein, daß der Kalk losbröckelt.

- Da ist nichts zu machen, denke ich und sage: »Ja, lieber Himmel, Ottilie, wenn dir die Sache so schrecklich ist, so wäre es eine Ungerechtigkeit, dich länger in diesem Hause festhalten zu wollen.«

»Alsdann will ich meinen Dienstlohn!« schreit sie. »Habe seit einundzwanzig Monaten nichts mehr bekommen.«

Es ist wahr. Jetzt, wo soll ich 105 Gulden auftreiben? Die Kasse ist im Stift, und das Stift ist in der Elmau. Unser Kaufmann hört von meiner Not. Ich verschreibe ihm die Einnahmen der nächsten Monate, er borgt mir das Geld. Die Ottilie wirft alles, was ihr gehört, in ihren Kleiderschrank zusammen, sperrt ab, und ohne allen Abschied geht sie davon. Nur ins Kinderzimmer hat sie in ihrer Giftigkeit noch hineingeschrien: »Adieu, Hausherr! Höllischer Balg!« und schlägt die Türe so heftig hinter sich zu, daß der ganze Pfarrhof zittert und der Theodor vor Schreck ein Geschrei erhebt.

Kaum ist die Haushälterin davon, tritt die Marie in mein Zimmer und sagt, sie wolle auch gehen. Sie sei die Ursache des Unfriedens geworden, zwar ganz unschuldigerweise, aber sie lasse sich da nichts nachsagen.

Hierauf entgegnete ich: »Habe die Haushälterin nicht angebunden und binde dich auch nicht an. Wenn du glaubst, daß du das arme Kind jetzt verlassen kannst, wo es deiner gerade am dringendsten bedarf, wo ich mir mit ihm nicht zu helfen weiß und es doch nicht auf die Gasse werfen kann, nun so gehe.«

Sie ist nicht gegangen. Sie pflegt das Kind und hat mir am Abend die Suppe gekocht.

Noch spätabends kommen zwei Männer aus Unterdorf und führen Ottiliens Kleiderschrank davon. – Ich hätte es doch nicht geglaubt, daß ihr die Sache ernst ist. Nun ich erfahren, wie hart sie sein kann, bin ich froh, daß sie fort ist.

27. November

Ich glaube, das Würmel geht endlich.

In Sachsenberg draußen lebt ein alleinstehendes älteres und – wie es heißt – vermögendes Fräulein, das oft schon den Ausspruch getan haben soll: Wenn, ohne ihre frauliche Würde zu verletzen, ein Kind zu haben wäre, so nehme sie eines. Bei diesem alten Jungfräulein will ich mein Glück noch einmal versuchen.

28. November

Dem Fräulein Peselka liegt der Revolutionsschrecken noch in den Gliedern. Sie mag seit Anno achtundvierzig keine Stadt mehr. Jeden Tag erzählt sie es seit achtzehn Jahren, wie damals ein »roter Krowat« in ihre Wohnung gedrungen, um sie mit dem Bajonett aufzuspießen. Vor der Ehrwürdigkeit des alten Adels, den sie, auf das Diplom deutend, sofort angegeben – auch das Fräulein selbst war damals schon reichlich betagt –, hatte er aber zurückgeschreckt und dafür den Jonathan aufgespießt. Vor ihren Augen! Vor ihren leiblichen Augen, den Jonathan! Ihren einzigen Freund, den schwarzen Pinscher! Bloß, weil er gebellt hat! – Sie verhüllt sich noch immer schaudernd das Gesicht, sooft sie die Greueltat erzählt. Kaum der Windischgrätz in Wien so weit Ordnung gemacht, daß man hinaus konnte, verließ sie die Stadt und zog aufs Land, um hier in stiller Trauer ihr Leben zu beschließen. Fräulein Peselke ist jetzt alt; es soll ihm manchmal die Zeit lang werden. Einen Hund hat es sich aber nicht mehr angeschafft, so dachte ich gleich, vielleicht wäre ihm der Theodor willkommen.

Das Fräulein hat mich sehr höflich in allen Züchten empfangen. Es ist nicht größer als ein siebenjähriges Mädchen, hat ein blasses, scharfgeschnittenes Gesicht mit schwarzen Augen, trägt ein schwarzseidenes Schleppkleid mit weißen Spitzen, ein weißes Häubchen und am Halse eine Brosche mit dem Bilde Jonathans. – Die Wohnung ist so überaus ordentlich und reinlich, daß ich nur wenig Hoffnung hatte, hier ein kleines Kind unterbringen zu können. Doch hielt ich mit meinem Anliegen nicht lange hinter dem Berge, und sie sagte auf der Stelle zu. Sie wolle doch auch noch was leisten, bevor sie fortgehe. Sie möchte auch gern wen haben, der sie ein wenig lieb hätte in ihren alten Tagen. Nur das eine Bedenken äußerte sie, ob ihre zwei Mädchen, die sie habe, mit dem Kinde wohl auch wurden umgehen können? Das eine sei zwar schon etwas vernünftiger, aber das jüngere sei flatterhaft, und mit Kindern habe weder Nannerl noch Veferl je etwas zu schaffen gehabt.

»Ach Gott«, sagte ich, »so gut wird es das Kind unter allen Umständen haben als bei mir, und sollten die Mädchen in der Tat noch zu unerfahren sein, um ein kleines Kind zu pflegen, so könnte ja die bisherige Pflegerin mit dabeibleiben.«

Das Fräulein rauschte zum braunglänzenden Schubladkasten, auf welchem eine zierlich geschnitzte Stockuhr mit Glassturz stand – daneben war ein Glöckchen, mit dem es schellte.

Jetzt kam aus der Küche eine alte, hagere Person herein. Diese hatte ihre weißen Haare säuberlich gescheitelt und war auch im übrigen sorgfältig angezogen, daß ich an ihr keinen Dienstboten vermutet haben wurde, wenn sie nicht gar bescheiden vor das Fräulein hingetreten wäre und »Was befehlen Euer Gnaden?« gefragt hätte.

»Geh, Nannerl«, sagte das Fräulein, »rufe mir auch die Veferl herein.«

Also die »Nannerl« war das. Der Jugendlichkeit wegen, dachte ich, könnte man diese schon zu einem kleinen Kind stellen. Das Fräulein schien meine Gedanken zu erraten, denn sie sagte: »Die Nannerl ist wohl recht, ist jetzt einundvierzig Jahre bei mir in Diensten, und man kann sich auf sie verlassen. Die Veferl kenne ich noch zuwenig.«

Da kamen die beiden schon herein. Die »Veferl« war nicht gar viel jünger als ihre Genossin, hatte aber ein ganz hübsches Gesicht und an der Oberlippe etwas wie einen Schnurrbart. Das war also die Flatterhafte.

»Die ist halt noch nicht lange bei mir«, bemerkte das Fräulein. »Sage mir einmal, Veferl, wie lange bist du schon bei mir?«

»Fünfzehn Jahre, Euer Gnaden«, antwortete die Person mit einem artigen Knicks.

»Na, sehen Sie, Herr Pfarrer«, sagte das Fräulein zu mir, »läßt sich zwar auch gut an, mein Veferl«, dabei tätschelte sie die Genannte an der Wange, »nur manchmal ein bißchen munter! Nun, das wird sich mit der Zeit schon geben.

Jetzt will ich euch etwas sagen, Mädeln. Wollt ihr ein kleines Kind haben?«

Die Mägde erröteten, eine wie die andere, und Veferl getraute sich vor lauter Schämen gar nicht mehr aufzugucken.

Fräulein Peselka setzte den beiden Dienstmägden die Sache nun auseinander, und ich ließ von »Stufen in den Himmel bauen« etwas verlauten, da falteten die beiden ihre Hände und flehten: »Bitt, Euer Gnaden, bitt! Nehmen Euer Gnaden das Kindel auf, wir wollen es schon recht warten und gern haben. Bitt, Euer Gnaden !«

Es ist soviel als abgemacht. Ich eile nach Hause.

Es gibt doch noch gute Menschen auf der Welt. Theodor, du machst dein Glück. Vielleicht adoptiert sie dich ganz, du kommst zu einem Vermögen und kannst etwas Tüchtiges lernen. Gottlob, mit dem heutigen Tag bin ich zufrieden.

30. November

Heute habe ich vom Herrn Pfarrer in Sachsenberg das beiliegende Schreiben erhalten:

»Lieber Amtsbruder!

Es ist mir zu Ohren gekommen, daß Du willens bist, ein kleines Kind, welches Du aus christlicher Barmherzigkeit einer Sterbenden abgenommen,, in die Hände eines Fräuleins Wilhelmine Peselka, in hiesigem Orte wohnhaft, zu legen. Ich achte hierin die beiderseitige gute Absicht, fühle mich aber verpflichtet, Dir eine Mitteilung zu machen, da Dir die Verhältnisse genannter Person gänzlich unbekannt zu sein scheinen. – Das Fräulein gehört nämlich, wie Du in den im Gemeindeamte erliegenden Dokumenten allzeit ersehen kannst, der protestantischen Konfession an. Ich überlasse es nun Deinem eigenen Gutdünken, ob Du ein der römisch-katholischen Kirche angehöriges Kind der Erziehung einer andersgläubigen Person überlassen willst. Es tut mir leid, daß Dein Besuch mich verfehlt hat, glaube aber mit diesen Zeilen das Wichtigste nachgetragen zu haben. Mit kollegialem Gruße Dein Dir wohlergebener Isidor Limasch,

Pfarrer.«

Hätten wir den Teufel wieder glücklich herum.

Natürlich darf ich das Kind nun nicht zu dem Fräulein schicken. Der arme Theodor! Ist ein Glaubensmärtyrer, ohne daß er's weiß.

1. Mai 1867

Heute war Kircheninspektion hier; auch Seine Hochwürden, der Prälat, dabei. Gottlob, alles in bester Ordnung befunden, nur der »Heilige Geist« im Kirchenschiff, welcher zu Allerheiligen hätte eingezogen werden sollen, ist damals vom Mesner übersehen worden und hing den ganzen Winter über den Häuptern der Gläubigen.

Mir ist das gar nicht aufgefallen, hoffe nur, es wird nicht geschadet haben.

Ich hätte die Herren gerne zum Mittagessen eingeladen, und soll der Herr Prälat sogar darauf angespielt haben; allein, mit der Kochkunst der Maria kann man meine ehrwürdigen Brüder, die Stiftsgeistlichen, nicht regalieren. Noch ein Jährchen, dann hoffe ich, die Kindsmagd entbehren zu können, und soll's dann wieder besser werden.

14. Mai

In Elmau geht über mich ein Gerücht um. Der Prälat hätte letzthin bei dem Pfarrer zu Sankt Anna speisen wollen, sei aber nicht geladen worden. Der Pfarrer habe Ursache, seinen Pfarrhof vor dem gestrengen Prälaten abzuschließen, denn er habe ein kleines Kind drin und was dazu gehöre.

Sonst nichts.

Ich glaube, die Leute müßten es recht gut wissen, was es mit diesem kleinen Kinde für eine Bewandtnis hat; ich habe wahrlich nicht wenig herumgesucht und geredet, daß für den armen Waisen Zieheltern gesucht wurden. Das wird verschwiegen. Der tratschende Tratsch ist noch lange nicht das schlimmste, der vertuschende Tratsch ist weit schlimmer.

Schrieb mir da ein guter, boshafter Freund – die besten Freunde sind immer auch die boshaftesten –, es wäre einerseits nicht so streng, als ich glaube, andererseits aber wäre es strenger! Wer versteht denn das? – Ja, setzte der gute Freund bei, mancher dürfe wohl ein kleines Kind kriegen, aber er dürfe keines haben. – Bei mir ist das freilich umgekehrt, ich kriegte keins, habe aber eins.

Der kleine Theodor lugt mich öfters so ernsthaft und fragend an: Ob ich nicht etwa doch endlich den Anfechtungen Gehör geben und ihn aussetzen wolle? Nein, Junge. Das, was ,ich an dir tun will, ist gut; das Gerede der Leute mag schlecht sein, der Braten deiner braven Marie mag verbrannt sein – es sei drum. Ich halte aus. Du wirst mich schon einmal verteidigen, wenn du groß bist und an anderen gute Werke übest, wie ich sie jetzt an dir zu üben suche.

7. Juli 1868

Es ist eine saubere Bescherung – das Kind hat den Scharlach. In der dritten Nacht habe ich heute bei ihm gewacht. Jetzt scheint die größte Gefahr vorüber zu sein, denn der Knabe ist mürrisch und störrisch, und das soll bei Kranken ein gutes Zeichen sein.

Im unteren Dorfe ist heute eine Dienstmagd ohne die heiligen Sterbesakramente verschieden. Man weiß, daß im Pfarrhofe der Scharlach ist, und so fürchten sich sogar die Sterbenden vor Ansteckung. Muß ich seit ein paar Tagen doch auch die Messe vor leeren Kirchenbänken lesen, und es sind unwillige Stimmen laut geworden, daß es eine schlimme Sache sei, wenn vom Pfarrhofe Kinderkrankheiten ausgingen. Der alte Pegelbrunner hat mir über die Gartenplanke zugerufen: Einen Hund oder ein Rößl sollte ich mir anschaffen, das würde mir mehr Vergnügen und weniger Unannehmlichkeiten machen als ein Menschenknäbel.

Vergnügen, Unannehmlichkeiten! Sonst fällt ihnen nichts ein. Lieber Gott im Himmel, beschlage mich fester in der Nächtstenliebe, denn manchmal will mich bedünken, die Leute im ganzen und großen wären dir nicht sonderlich geraten. Oft mag wohl auch an mir der Fehler sein. Jetzt bitte ich dich nur, daß du mir den Theodor wieder gesund werden lassest.

17. November

Das rechte Auge ist hin. Der Arzt drängte seit Wochen zur Operation. Jetzt ist sie vollführt. Jetzt soll der arme Mensch einäugig durchs Leben gehen.

Gott, ich bekenne meine Hinterhältigkeit. Ich hatte wirklich gehofft, daß du mein Werk, welches ich dir und den armen Menschen zuliebe getan, doch ein wenig segnen würdest. Ich will ja freilich nichts für mich, nur das Kind lasse gedeihen und mache es zu einem braven, glücklichen Menschen. Was an mir ist, soll geschehen; meine Augen sollen über dem Halbblinden wachen, meine Kraft für seinen halbsiechen Leib ein Stab sein.

1. Juni 1870

Heute kamen zwei Fremde gegangen, und als sie den Theodor auf dem Rasen spielen sahen, fragten sie ihn, wie er heiße und wer sein Vater sei. Das letztere wußte der Kleine nicht zu beantworten. So fragte einer der Fremden: »Hast du wohl noch einen Vater?« – Knabe: »Ja.« – Fremder:

»Nun, was treibt er denn?« – Knabe: »Messe lesen.«

Man kann sich das Gelächter vorstellen und den Spott, der bald in der Gegend umgehen wird. Ich habe dem Kinde schon oft eingeschärft, daß es mich den geistlichen Herrn Vetter heißen solle. Aber weil es sieht, daß andere Kinder ihren Vater haben, nun, so will es auch einen haben. Man kann es ihm nicht verdenken. Von einer Mutter kann ohnehin nicht die Rede sein, denn die Wirtschafterin, die ich seit der Entlassung der Maria ins Haus genommen habe, stellt sich so zu dem Kleinen, daß er gar nicht in Versuchung kommt, sie Mutter zu nennen.

Als ich die Mamsell Klara – sonst eine brave Person – in das Haus nahm, bat ich sie. Ein Witwer, der eine Frau nimmt, kann sie nicht herzlicher bitten, mit dem Kinde seiner ersten gut zu sein, als ich es für den Theodor getan. Ja, antwortete sie, das eben stelle mich so hoch in ihren Augen, daß ich an diesem Waisenknaben so viele Barmherzigkeit übe. Heute spricht sie schon anders, und meine schwerste Arbeit an manchen Tagen ist das Schweigen, wenn sie losfährt. Ich weiß dem Knaben nichts Besseres zu tun, als zu schweigen, denn jedes Wort, das ich zu seinen Gunsten rede, muß er von ihrer Seite büßen. Es wird wohl so sein müssen; manchem Menschen scheint es in der Tat angeboren zu sein, daß er nichts Gutes erleben soll in der Welt, dann ist es kein Wunder, wenn er spröde und mißtrauisch wird und seine besonderen Wege geht. Ich hätte auch gemeint, der Knabe würde mir wärmer anhängen, als es der Fall ist.

Er ist für sich und hält nicht viel frohe Gemeinschaft. Lieber tut er mit den Haustieren um, aber die Hunde und Katzen fliehen vor ihm, denn – des bin ich schon dahintergekommen – während er sie mit der einen Hand streichelt, fügt er ihnen mit der anderen etwas Böses zu.

Meine Vorstellungen – sie mögen herzlich oder ernst sein – fruchten nicht. Die Fasttage, die ich ihm zur Strafe auferlege, nimmt er gleichgültig hin, verschafft sich mitunter Nahrung auf eigene Hand.

10. August l874

Jeden Tag neue Klagen. Man sollte ihn gar nicht aus dem Hause lassen. Sooft bei den Kindern auf der Gasse etwas geschieht – sei es ein Schimpfwort, ein blaues Auge, ein zerrissener Ast: des Pfarrers Bub hat's getan! Ich bin überzeugt, er ist in zehn Fällen neunmal unschuldig. Aber weil es überall heißt, von mir würde er verzärtelt und verzogen, so strafe ich ihn weit öfter und empfindlicher, als ich's vor mir verantworten kann. Was der Mensch der öffentlichen Meinung zuliebe tut! Mehr als seinem besten Freunde, mehr als seinem liebsten Menschen. Und die öffentliche Meinung ist doch nichts anderes als eine Bestie.

Mein Trost ist die Zufriedenheit seiner Lehrer. Der Knabe ist begabt und fleißig. Allerdings scheint es manchmal, als wollte er sich an seinen Mitschülern, die ihn sooft in die Patsche reiten und wovon die meisten in weit besseren Verhältnissen leben als er, dadurch rächen, daß er der Erste in der Schule ist.

28. August

Nun, ich habe es mir gedacht. Man hat mir die Zurückweisung des Gesuches um die bessere Pfründe Schauenstein nicht begründet, weiß es aber aus guter Quelle, daß mein Theodor daran Ursache ist. Läppische Welt! Ist es denn wirklich ein Ärgernis, daß ich den Waisenknaben im Pfarrhofe nähre, pflege und erziehen will? Gut, so sollen sie es mir befehlen, daß ich ihn fortschicke; sie könnten es ja, machen sie doch bei viel Geringerem Gebrauch von ihrer Macht. Und ist das, was an dem Kinde getan wird, kein Ärgernis, sondern vielleicht wohl gar eher ein gutes Vorbild, so sollten sie mir's nicht verübeln. Auf Schauenstein sitzt ein Pfarrer, der um siebzehn Jahre jünger ist als ich – es wird ihm taugen. Mir hätte es wohlgetan, einmal, auch nur ein einzigmal von meinen Vorgesetzten ein Zeichen zu erlangen, daß sie mit meinem einfachen, doch – ich darf es sagen – pflichtgetreuen Wirken nicht ganz unzufrieden sind. Der Prälat soll übrigens mein Gesuch befürwortet haben. Aber andere...

Nun, in Gottes Namen!

15. September 1875

Durchgefallen. Fast alle anderen haben Prämienstücke – Bücher, Bildchen, Schreibzeug – erhalten bei der Jahresabschlußprüfung; der Theodor ist leer ausgegangen. An Fortgang gut, an sittlichem Betragen nicht befriedigend!

Der Junge stellt sich, als mache er sich nichts daraus, aber ich sehe sein vergrämtes Gesicht recht gut. Mamsell Klara hat ordentlich aufgekreischt vor Vergnügen, als der Theodor mit diesem Zeugnisse nach Hause gekommen ist. Nun hat sie wieder Stoff und wirft mir heftig vor, daß ich ihn zuwenig schlage. Ob das eine Erziehung wäre? Ob sich das Früchtel nicht auf einen Galgenstrick hinauswachse? – Es sind törichte Reden; ich schweige. Ohne Strafe soll er mir nicht ausgehen, aber diesmal hebe ich die Rute nicht den Leuten, sondern ihm selbst zulieb. Es ist ein zäheres Holz, als ich gedacht! Bis er nur erst mit der Schule fertig ist, dann soll er in den Bauerndienst. Die harte Arbeit wird ihn schon mürbe machen. Ich hätte höhere Wünsche gehabt mit dem Theodor, seine schwächliche Natur hätte sich besser beim Buche befunden als hinter dem Pflug. Nun, unter gegenwärtigen Umständen handelt es sich darum, ihn überhaupt auf gute Art loszukriegen. Daß weder viel Freude noch viel Ehre an ihm zu erleben ist, weist sich schon. Die jetzige Zurücksetzung wird nichts besser machen. Wenn mir der Junge nur vertrauen wollte! Was fange ich an mit einem siebenfach versiegelten Wesen? Unbeachtet des Beichtsiegels muß ich gestehen, daß der Theodor bei seiner ersten Beichte, die er in der vorigen Osterzeit abgelegt hat, mir nur noch rätselhafter geworden ist.

3. Dezember

Ein neues Kapitel.

Einer seiner Schulkameraden soll geäußert haben, er möchte sich gerne einen Rodelschlitten kaufen, aber habe kein Geld dazu.

Soll ihm der Theodor den Rat erteilt haben: »Geh zu deinem Großvater, der soll dir Geld geben.«

»Er gibt keins her«, sagte der andere.

»So mußt du ihn erstechen und es selber nehmen.«

Gott im Himmel, dieses Wort soll er ausgesprochen haben, ein neunjähriges Kind!

3. Mai 1876

Ich bin beinahe fassungslos. Nie hätte ich gedacht, daß eine Auszeichnung von Menschen so wirken könnte, wo doch das eigene Gewissen klar richtet und lohnt. Es kam nach der Zurücksetzung vor zwei Jahren auch zu unerwartet. Geistlicher Rat. Es klingt ganz fürtrefflich. Aber solche Auszeichnungen haben nicht sowohl einen eingebildeten, vielmehr einen wirklichen Wert. Wie stehe ich jetzt da! Geistlicher Rat!

Einen Fackelzug will man mir bringen, was in Sankt Anna noch gar nicht dagewesen ist. Und der Gemeindevorstand, sonst ein trutziger Mann, der sich gerne auf den Liberalen hinausspielt: der »Geistliche Rat« hat ihm gewaltig in den Nacken geschlagen; er war der erste Gratulant heute morgen, der Mann kann ganz grauenhaft devot sein.

Weniger ernst nahm es der Junge. »Geistlicher Rat«, sagte er und zog die Nase auf, »was ist denn daran?« Es hat mir weh getan.

24. Juni

Heute, am späten Nachmittage, kommt der Gemeindediener, tut verlegen eine Weile so herum und fragt mich endlich, ob er ihn mit ins Haus bringen oder noch im Gemeindekotter belassen sollte? – Ich weiß anfangs nicht, wen er meint. Den Theodor meint er.

Schon gestern ist das Gerede ausgegangen, daß während der Schulstunden dem Oberlehrer aus seiner Wohnung die silberne Sackuhr verschwunden sei. Auf etlichen Schülern war Verdacht, die während der Schule einer nach dem anderen »hinausgebeten« hatten und die an der unverschlossenen Türe der Wohnung vorbei gemußt.

Mein Theodor kann die »W« nicht machen, und so war es denn heute bei der Schreibstunde, daß der Lehrer sich zu dem Knaben niederbeugte und ihm, die Hand führend, den Buchstaben vorschrieb. Da hört er im Westel des Knaben das Ticken einer Sackuhr. Sie war die des Lehrers. Der Theodor soll es anfangs geleugnet haben, er hätte die Uhr von dem und dem Schulkameraden ausgeborgt bekommen. Als der betreffende Abwesende später befragt wurde, stellte sich freilich sofort die Unwahrheit meines Knaben heraus. Dieser wollte sie nun auf der Gasse gefunden haben, es half ihm aber nichts; er mußte in den Kotter, und nun soll er gestraft werden. Ich habe den Gemeindediener ersucht, daß der Junge die Nacht über im Kotter verbleiben könne. Ich muß mich erst sammeln. Das ist der größte Schlag, der mich bisher getroffen hat.

25. Juni

Heute hatte ich vorgehabt, über das Evangelium von dem verlorenen Schafe und dem Sünder, der Buße tut, zu predigen. Ich konnte es aber nicht tun, weil die Leute gemeint haben würden, ich wollte meinem Diebe damit eine Verteidigungsrede halten. Ich las nur das Evangelium, und es wollte mir dabei die Stimme versagen vor lauter Verzagtheit. Anstatt der Predigt ließ ich einen Rosenkranz beten.

Am Nachmittag nach dem Segen war die Exekution. Ich hatte dem Gemeindevorsteher sagen lassen, er solle mit dem Knaben machen, was er wolle, ich möchte nicht dabeisein. War mir doch schon während des Gottesdienstes zumute gewesen, als müsse ich Spießruten laufen vor den Augen der Gemeinde. Der Vorsteher bestand aber darauf, daß ich dabei sei. Jetzt war mir plötzlich, als müsse ich Gott und das Schicksal anklagen. Ist das der Lohn für das gute Werk, welches ich an jener Sterbenden und dem Waisenkinde getan habe? Wäre es nicht besser gewesen, den Wurm umkommen zu lassen, als daß wir diesen Tag erleben? So wenig Freude an diesem Kinde und so viel Kummer!

Ich hatte verhofft, den Theodor zerknirscht zu finden. Als er mich sah, wendete er sein unstet zuckendes Auge rasch ab, er biß die Lippen zusammen, aber von einer Zerknirschung keine Spur. Der Gemeindediener gab ihm scharfe fünfundzwanzig, der Junge schrie grauenhaft, aber sein Auge blieb trocken.

Wieder zu Hause, ließ ich ihn in meine Stube kommen und beschwor ihn mit gerungenen Händen, brav und ehrlich zu sein, er sei noch jung, noch könne er es; der Weg, den er jetzt betreten, führe schnurgerade dem Galgen zu.

»Gut«, rief er unwillig aus, »hättet ihr mich nur gleich heute schon aufgehänkt!

Ein Messer mitten ins Herz war mir dieser Ausspruch.

Sollte manchem Menschen das Unheil doch angeboren sein? Ich habe es nie mögen glauben, es wäre all meine Zuversicht an Gott und sein heiliges Werk dahin.

26. Juni

Heute früh, als ich den Knaben wecken wollte, war das Bett leer. Er war nicht im Hause, nicht im Dorfe. Ein Knecht will ihn früh in der Morgendämmerung eilig über die nassen Wiesen gegen den Wald laufen gesehen haben.

»Er weiß recht gut, wohin er gehört«, höhnte mir meine treue Haushälterin zu.

30. September

Der Theodor bleibt verschollen.

Im August soll er ein paar Tage lang sich bei einem Häus1er in Sachsenberg aufgehalten haben, und hat ihm ein gutes Weib die zerfahrenen Kleider ausgebessert. Dafür hat er der Wohltäterin einen Silbergulden entführt. Seither weiß niemand etwas von ihm.

Wenn irgendwo etwas entwendet wird, da erinnern sich die Leute seiner und sagen: »Vielleicht hat's der Pfarrersbub getan.« So kommen alle Ehren auf mich.

Es wäre mir schon am liebsten, von diesem unglückseligen Wesen nichts mehr zu sehen und zu hören. Aber wenn der Schnee kommt, wird's ihn sicherlich wieder zu den Leuten treiben. Dann wird es ihm auch einfallen, daß im Pfarrhofe zu Sankt Anna ein warmes Bett und eine warme Suppe ist.

31. Dezember 1876

... Und sohin könnte ich das verflossene Jahr zu den guten rechnen, wenn das mit dem Theodor nicht gewesen wäre.

Er hat sich nicht mehr eingestellt. Ich glaube auch nicht, daß er irgendwo im Arreste sitzt, denn seiner Jugend wegen hätten sie ihn doch wohl lieber in seine Heimatgemeinde abgeschoben, wenn er sie nicht etwa aus Schamgefühl verleugnet hat. Am wahrscheinlichsten ist es mir, daß ihn sein Geschick schon erreicht hat. Am heiligen Christtage die zweite Messe opferte ich auf für dieses Menschenkind.

(Hier fehlt in dem Tagebuch für eine längere Reihe von Jahren jede Bemerkung, die sich auf den Knaben bezöge. Nur in einer Note vom Pfingstsonntage 1881 findet sich folgende Stelle: »Heute früh habe ich die alte, kleine Maria ins Grab gesegnet. Somit wäre auch dieses unschuldige Denkmal an eine harte Zeit vergangen. Möge sie in Frieden ruhen!« – Es mag wohl auch das vorgeschrittene Alter des Pfarrers die Ursache sein, Tatsache ist, daß dem weiteren Tagebuch fast ganz jene Mitteilsamkeit und Seelenheiterkeit mangelt, die in früheren Zeiten vorherrschend gewesen.)

Der Herausgeber

19. Mai 1885

Heute ist unser hochwürdiger Abt gestorben, nach neununddreißigjähriger Würde im Stift zu Elmau, von aller Welt geachtet, von uns Ordensmitgliedern geliebt.

Auf dem Krankenbette soll er wiederholt von mir gesprochen und gesagt haben: »Einer unserer würdigsten Brüder ist der Pfarrer zu Sankt Anna. Am höchsten achte ich seinen Freimut – Freimut muß man's nennen –, mit welchem er das Waisenkind angenommen hat. Er hat manches darum zu leiden gehabt, auch in seinem Ansehen, doch er hat die christliche Liebe obenangestellt.«

Dieser Ausspruch tut mir wohl. Es ist eigen, daß man sich so schwer begnügt mit dem Lohne des guten Gewissens, daß man auch menschliche Anerkennung will, wenn man glaubt, etwas Gutes geleistet zu haben. Und weiß man doch anderseits recht gut, wie wandelbar und hinfällig menschliche Urteile sind.

Elmau, am 22. Mai

Der Prälat ist beigesetzt. Das Stift hat seine ganze Herrlichkeit der Trauer entwickelt, und von weitem kam soviel Volk geströmt, daß die große Kirche es nicht zur Hälfte fassen konnte. Ein König kann kaum großartiger und würdiger bestattet werden. Der hochselige Abt war der Sohn eines Schuhmachers, der sich dann als Bettelstudent fortbringen mußte. Man hatte sich – wie das schon so geht – nicht viel um den armen Jungen gekümmert, aus eigener Kraft hat er sich emporgearbeitet bis zur Priesterweihe und dann von Rang zu Rang bis zu hoher Würde. Andere sind von gutem Hause, haben die beste Erziehung, die schönsten Vorbilder, haben Mittel, werden von allen Seiten gehoben und getragen, und es wird doch nichts aus ihnen. Fast käme man auf den Gedanken, die Anlage und Entfaltung des Menschen wäre Bestimmung, man könne nichts Wesentliches dazu beitragen und auch nichts davon hinwegnehmen. So hat jeder sein Geleise.

Mein eigenes Leben ist weder im Guten noch im Schlimmen außergewöhnlich, und ich danke Gott, daß das Alter naht mit seiner Leidenschaftslosigkeit und Anspruchslosigkeit. Das Alter ist der beste Hort. Ich will nichts mehr, als meiner kleinen Gemeinde leben und Frieden haben.

Nach drei Tagen wird sich im Stifte ein anderer Pomp entfalten. Die Wahl des neuen Abtes. Ich möchte schon wieder am liebsten in meiner stillen Sankt Anna sitzen.

25. Mai

O unerhörte Pfingsten!

Am Morgen, eine Stunde vor der Wahl, ist große Aufregung. In dieser vergangenen Nacht ist in der Stiftskirche das Tabernakel erbrochen und daraus die goldene Monstranz entwendet worden. Der Verbrecher mußte tags zuvor in der Kirche zurückgeblieben sein. Dem Schließer war während der Vesper ein verkommener einäugiger Bursche aufgefallen, der unweit des Hochaltars gestanden und mit einer gewissen Versunkenheit darauf hingestarrt haben soll. Beim Zusperren war nirgends etwas Verdächtiges zu bemerken. Die Flucht hat der Verbrecher mit seinem Raube durch ein Kirchenfenster auf das Dach der Sakristei hinaus vollzogen.

Alles ist auf, um zu fahnden. Ein einäugiger Bursche!

Um 12 Uhr mittags. Aus einstimmiger Wahl hervorgegangen, Prälat! – Ich, der arme, unwürdige Mensch.

Voll der inneren Pein, die mir das Herz zerreißt – des Kirchenraubes wegen –, erklärte ich, die Wahl nicht annehmen zu können. Es half mir nichts, der Konvent sah den Grund der Ablehnung nicht.

30. Mai

Die Wahl ist bestätigt. Ich bin Abt des Stiftes Elmau. Das goldene Kreuz, das ich an der Brust trage, ist mir schwerer, als sie glauben. Und manchen würde es glücklich machen, wie es auch mich unter anderen Umständen glücklich gemacht hätte. Ich fühle daran nicht das Gold, ich fühle das Kreuz.

10. Juni

Meine guten Pfarrkinder wollten mich kaum fortlassen. Es war rührend, wie sie mich noch bei dem Wagen festzuhalten suchten an meinem Kleide.

Mamsell Klara war die einzige, die in Wonne und Würden schwamm. Sie sah sich schon als Stiftsbeschließerin. Die Arme! Als ich ihren Hoffnungen dahinterkam, klärte ich sie auf, daß es im Kloster weder Beschließerinnen noch Köchinnen noch Haushälterinnen gäbe und daß solches dort die Fratres besorgten. Da ward sie fast wütend und nannte mich einen Undankbaren, der eine Person, welche ihm die armselige Dorfpfarrerwirtschaft treu besorgt habe, nun verstoße.

Sie hat ja nicht ganz unrecht. Aber es geschieht ihr auch nicht ganz unrecht. Sie hat mich manchmal gequält.

Es sei vergessen. Ich will sie meinem Nachfolger empfehlen, der ist aus kernigerem Holze als ich.

14. Juni

Das also soll der größte Tag meines Lebens gewesen sein.

Im Ornat stand ich unter dem Baldachin und gab den Segen. Das Volk lag vor mir in Demut, und viele kamen heran, um den Saum meines Kleides zu küssen. Der Sang und Klang und der berückende Glanz, die Liebe der Brüder, die Andacht der Versammelten – man schätzt sie auf zwölftausend Seelen stark –, die Würde, zu der ich so unerwartet und unverdient erhoben worden, das alles rührte mich bis zu Tränen.

Zum Gegenstand der Festpredigt hatte ich die christliche Demut gewählt mit dem Ausgangspunkt: »Und wenn ich, den Fischerring an der Hand, die Tiara auf dem Haupte, hier stünde, die Sprachen der Menschen und der Engel redete, hätte aber der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz.«

15. Juni

Der Kirchenräuber und Heiligtumschänder ist bis heute nicht gefunden.

Vor einigen Tagen soll in der Kreisstadt ein einäugiger Mensch in eine Trödlerei getreten sein, um Goldplättchen zu verkaufen. Die Plättchen stammten, gab er auf Befragen an, von einem alten Familienschmucke und müßten aus Not verkauft werden. Allen Angaben nach bestätigt sich meine Vermutung.

Er wird eingeliefert werden, und da wird's heißen: »Der Pfarrersbub!« Zwanzig Jahre schweren Kerker.

Wenn ich ihm plötzlich irgendwo begegnete, dem Unglücksmenschen – ich wüßte nicht, was geschähe.

Ewiger, gib mir Weisheit und Kraft, die Herde, die mir anvertraut worden, auf deinen Wegen zu leiten. Gib mir Demut, auch wenn es mir gelingt, für meine Mitmenschen ein Opfer zu vollbringen. Ich bin ein schwacher Sämann, dein ist das Gedeihen.

Aus dem Kreisblatte vom 30. Juni 1885

Original-Telegramm: Gestern ist der hochwürdige Abt des Stiftes Elmau durch verruchte Mörderhand gefallen. Der Prälat begab sich um fünf Uhr nachmittags auf seinen gewohnten Spaziergang durch das sogenannte Mühlhölzel (eine halbe Stunde vom Stift entfernt). Um acht Uhr wurde er in der Nähe eines Teiches entseelt gefunden, von mehreren Messerstichen an Brust und Hals getroffen. Allem Anscheine nach rang der Abt mit dem Mörder. Da weder Barschaft noch Uhr bei der Leiche vorgefunden wurde und auch die goldene Kette mit dem Kreuze fehlt, so liegt unzweifelhaft ein Raubmord vor. Die Bevölkerung ist in unbeschreiblicher Aufregung, alles fahndet nach dem Mörder, der zur Stunde noch nicht eingebracht ist.

Aus demselben Blatte vom 1. Juli

Der Mörder des hochwürdigen Abtes von Elmau ist den Armen der Gerechtigkeit überliefert. Derselbe wurde noch in der gestrigen Nacht im Mühlhölzel unter einer Moosschicht aufgegriffen. Er ist ein verkommener neunzehnjähriger Bursche namens Theodor Ringel, der schon wiederholt wegen Diebstahls abgestraft wurde. Es wird behauptet, daß der Mörder zu dem Abte in verwandtschaftlicher Beziehung stand. Nachdem die geraubten Gegenstände bei ihm vorgefunden worden, gestand er die Tat und wurde dann dem Kreisgerichte eingeliefert.

Nachschrift

Zur Beisetzung des ermordeten Abtes, bei welcher der Andrang und die Trauer der Bevölkerung eine noch größere war als bei den Begräbnisfeierlichkeiten im Mai desselben Jahres, hielt Pater Benedikt eine Trauerrede, in welcher er das Leben des nun Bestatteten schilderte und der hier einige Sätze entnommen sind:

»Wir stehen, Geliebte im Herrn, vor einem unerforschlichen Ratschlüsse Gottes. Ein Werk der Nächstenliebe, welches der Hochselige in wahrer Christlichkeit vollbrachte, ist ihm zur Quelle zahlloser Widerwärtigkeiten und Leiden geworden. Jenes gute Werk hat ihn gleich einer Untat verfolgt, bis es ihn endlich das Leben kostete. Der Kleingläubige verzweifelt an dem Segen des Guten. Aber es ist nichts Neues, daß Gutes mit Bösem vergolten wird, unser Heiland selber hat das erfahren. Darum wird der Christ doch eingedenk bleiben der göttlichen Gerechtigkeit, welche das, was in dieser Welt ungeschlichtet bleibt, in jener Welt ausgleicht. Wenn der Verlorene gleichwohl auf dem Hochgerichte sterben wird, die Tat, wie das unschuldige Kind dem Verderben entrissen worden, wird im Buche des Lebens stehen.«

 


 

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