Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Peter Rosegger >

Kleine Erzählungen

Peter Rosegger: Kleine Erzählungen - Kapitel 6
Quellenangabe
titleKleine Erzählungen
authorPeter Rosegger
typenarrative
senderHarald.Aichmayr@netway.at
modified20170915
Schließen

Navigation:

Die schöne Lenerl

Ein Schattenbild aus dem Volksleben

Was ich hier erzählen will, ist so, daß mancher Leser fragen wird: Wozu? Warum erzählt er es? Was hat er damit für eine Absicht? Und ich antworten muß: Keine andere, als wieder ein Stück Wahrheit aus dem Volke zu geben. Ich habe stets lieber die erfreulichen Seiten der Leute darzustellen getrachtet, als die gegenteiligen, aber mich nie auf einen Schönfärber des Volkes hinausgespielt. Es kann mir als Schilderer nicht ganz erspart bleiben, auch das Widerwärtige zu streifen, wenn es zur Kenntnis des Volkscharakters beiträgt. Ich suche es nicht auf, wenn es mir aber in den Weg tritt, da packe ich es an.

Also trat es mir auf den Weg an jenem Mariahimmelfahrtstage. Ich ging über die grünen Almen hin, um meinen Kindern die Pracht zu zeigen. Das Mädel pflückte Blumen, der Knabe fing Schmetterlinge und Käfer und beide so hastig, als wollten sie dem lieben Gott das ganze Pflanzen- und Tierreich abjagen. Es war Leidenschaft in diesem Sammeln, und als sie die kleinen Hände voll hatten, ließen sie alles wieder fallen, fliegen und laufen. In meiner Einfalt machte ich sie aufmerksam auf die hohen Berge, die ringsum standen, auf den blauen See, der in der Tiefe lag, auf den Wasserfall, der heraufdonnerte aus der Schlucht. Das war ihnen nichts – die Kinder wollten nicht sehen, nicht hören, sie wollten haben. Und darum pflückten sie und haschten sie.

So währte es eine frohe Weile, da gesellte sich ein Mann zu uns, von dem es mir lieber gewesen, wenn er uns übersehen hätte und seines Weges gegangen wäre. Ich kannte ihn schon lange, es war der Udalrich Eschhuber, genannt der Ochsen-Udel, weil er im Sommer auf den Almen die Rinder der Bauern hütete. Er war ein großer, hagerer, breitbrüstiger Mann, mit säbelförmig gebogenen Beinen, die in einer kurzen, schlotternden Hose staken und manchmal ein bißchen wackelten, als vermöchten sie den plumpen, etwas nach links und nach vorn geneigten Oberkörper nicht recht bequem zu tragen. Auf dem langen Hals saß ein kleiner Kopf, welcher nicht in die Höhe, sondern stets nach vorwärts gestreckt wurde, so daß der verwitterte, fast krempenlose Filzhut mit der langen Rabenfeder auf dem Nacken lag, wie auf einem ebenen Brette. Haare, Schnurrbart und Augenbrauen waren lichtfalb wie Flachs und stark zerzaust. die Nase stand aus dem braunen, eingefallenen Gesicht keck hervor und ging als schmaler, langer, ruppiger Sattel bis zum Schnurrbart, in dem sich ihre Spitze völlig vergrub. Die kleinen grauen, halb blöden und halb verschmitzten Augen waren mit roten Adern durchzogen und zwinkerten, als er uns nun so von der Seite her anschielte. Über der braunen, wettergestreiften Lodenjoppe hing eine große schmierige Ledertasche, einen langen Stock hatte der Mann in der Faust, auf den er sich stützte, wie er jetzt so halb träge und nach vorn gebeugt daherging.

»Hau, do geit's ah Leut!« mit diesen Worten hatte er uns begrüßt.

»Das ist ja der Udalrich!« erwiderte ich seine Ansprache.

»Mog scha sei«, entgegnete er. »Und dos do«, er tippte mit dem Stock gegen die Kinder bin, »dos is gewiß schan die Bruat, gelt?«

»Meine Kinder, ja.«

Sein Auge strammte sich auf das zehnjährige Mädchen. Er schnupperte mit der Nase, und plötzlich murmelte er: »Saggera-Housnzwickel! Dais wird amol a Mentsch zan Holsn! Du verdrackt, dos war a Gusta!« Solche Würdigung meiner Kinder war ich nicht gewohnt. Es hatte mir sonst geschmeichelt, wenn die Kleinen an Bauernmundart Gefallen zeigten, heute war ich sehr froh, daß sie nichts davon verstanden.

»Ja, Kinder«, sagte ich, sie aus ihrem Sammeleifer rufend »wir werden jetzt zu Tale steigen.«

»Do gehn mar eh mitanond«, sagte der Ochsen-Udel, während er sich eine Pfeife stopfte, »ih muaß ah a wenk schaun geh, wos de Hegerlschiaba mochn int in Tol«. Da rief ich aufgebracht: »Kommt Kinder, wir drei geben nach dieser Seite hinab!«

»Zan Olmwirtshaus?« fragt der Udel, »Teuxel, do kunt i ah mitgehn, hon a weni wos z'doan unt.«

Und er schloß sich uns ohne weiteres an.

»Was hat denn ein Halter im Wirtshaus zu tun?« fragte ich ärgerlich.

»Muaß a bresl nochschaun ha mein Lenerl, daß ma dena wul neambt drüba kimbt. In der Wirtsluckn do int gehts furt on, de Bererei!«

Wir wurden seiner nicht los.

»Kinder!« rief ich, »geht nur voraus und pflückt Enzian.«

Als ich soweit mit dem Burschen allein war, konnte ein Gespräch mit ihm gewagt werden.

»Die Lenerl«, sagte ich, »ist das eine Tochter von Dir?«

»Wa nit alls!« begehrte er auf, »'s Mentsch is's.« Dabei schnupperte er mit der Nase in den Schnurrbart.

»Wie alt magst Du denn schon sein?« war meine Frage. »Wir müssen ja miteinander in die Schule gegangen sein.«

»Oha, Helm«, lachte er heiser auf> »ih bin mei lebta nia in ‘d Schul' gonga. Fressn, saufn, ouchsntreibn und mentschastriegeln bringt oaner ah ohne schulgehn zwegn, Goud sei Donk oder wos beißt mih! A storka Vierzga bin ih, und kloa Buabn, sa viel ‘st hobn willst, saggera-kotzenbeudl, nochamol!« Dabei tat der zynische Kerl die Knie auseinander, als ob er auf ein Pferd springen wollte.

»Mei Jetzige hots ah«, setzte er schnuppernd bei und blies ins Rohr, daß durch den messingenen Pfeiffendeckel Rauch und Funken stoben. »'s Robnbradl! Muaßt as jo eh kenna, die schön Lenerl!«

Die schöne Lenerl! Ich erschrak. Das war ja das hübsche, kaum neunzehnjährige Mädchen, welches in der Gegend für die Schönste und Sittsamste galt. Eines armen Holzschlägers Kind war es schon als Schulmädchen musterhaft in der Aufführung gewesen und der Liebling der Dorfleute, die sie oft lange Zeit in ihren Häusern behielten und mit Nahrung und Kleidern versorgten. Schon damals nannte man sie die schöne Lenerl, womit freilich der Lehrer und der Katechet nicht einverstanden waren, weil sie fürchteten, daß durch solche Aufweckung der Eitelkeit das Kind Schaden nehmen könnte. Aber das Mädchen schien die schmeichelhafte Bezeichnung ganz und gar zu überhören, es war noch durchaus Kind, und die muntere Einfalt, in der es spielte und sprang und lachte, manchmal knabenhaft herlebig und doch wieder zart und züchtig war, machte es nur noch schöner. Denn schön war sie wie ein gemalter Engel! Als die Lenerl von der Schule ausgetreten war, nahm sie der Pfarrer in den Dienst und stellte sie unter die Obhut der braven Wirtschafterin. Das Mädchen gedieh, war fleißig und munter.

Von einem jungen Bürger des Ortes, der ans Heiraten dachte, wußte ich, daß er sie lieb hatte, aber zu viele Achtung vor ihr empfand, um ein Verhältnis mit ihr anzubahnen, denn sie war noch gar so jung. Da waren aber Leute in der Gegend. die zum Holzschläger, dem Vater des Mädchens, gingen und ihm rieten, das Töchterlein aus dem Pfarrdorfe wegzunehmen und in die Bauernschaft zu bringen. Unter dem leichtsinnigen Mannsvolke des großen Dorfes könnte sie verdorben werden, in einem ehrsamen Waldbauernhofe wäre sie weit sicherer. Der Vater nahm die Lenerl also aus dem Pfarrhof weg und brachte sie in das Almwirtshaus hinauf, wo er seine Groschen zu vertrinken pflegte und bei dieser Gelegenheit auf das Dirndl achtgeben konnte. Das Achtgeben des Alten wäre nun zwar kein allzugroßes Hindernis gewesen, das Mädchen wußte sich aber in seiner Schneidigkeit und natürlichen Sittsamkeit schon selber zu hüten. Die Knaben und Jungen und Männer kamen nur so dahergeflogen und gesprungen und geschlichen und umflatterten sie, wie Mücken ein Kerzenlicht. Mancher Schelm versengte sich den Flügel, das Licht aber brannte ruhig und klar weiter. Einer Freundin harte sie es vertraut, daß wohl einer dabei sei, den sie herzen möchte – ein schöner, bescheidener Junge, ein Nachbarsohn, der freilich wohl nahe zu ihrem Fenster habe, aber vor dem sie sich doppelt und dreifach hören müsse, eben weil sie ihn gern habe.

Soviel wußte ich von der schönen Lenerl, die – ich gestehe es – manches Jahr in meinem Sinne war. Ich sah sie, wenn sie in ihrem einfachen und doch herzigen Kleide zur Kirche kam, ich sprach sie manchmal an und fragte, wie es ihr ergehe; sie gab freundliche Antwort, sie war immer zufrieden, und aus ihren großen, runden, braunen Augen schaute die helle Lebensfreude und Unschuld. Ich segnete sie heimlich, und ich segnete den Mann, den sie erwählen würde.

Als ich nun die Auslassungen des Almhalters Udel vernahm, glaubte ich ihnen nicht, sondern sagte; »Ja, mein Lieber! Da mögen zehn solche Udalrichs kommen, wie Du bist, so seid Ihr alle zehn der Lenerl ihrer kleinen Zehe nicht wert!«

Zwei-, dreimal paffte er und pusterte Rauch aus, mir zuckenden Äugelein sagte er dann grinsend: , »Di kloa Zehn wurd ma schier wul zweng gwen sei. Wann oaner amol ongreifft, pockt er nahm schar a gressers Bröckel, saggeraspotznschmolz nohamol!«

»Geh, Prahler!« rief ich.

Er blieb stehen, hielt auch mich zurück, nahm die Pfeife aus dem Munde und sagte ganz glatt und weich, als wäre seine Stimme mit Schweinsspeck eingefettet: »Daweil sein mas noh, der Udalrikl! Dem hots noch kani verlaugnt, Goud sei Donk, und a Schwommsuppn drauf!«

Mir ward unheimlich, denn nun erinnerte ich mich an die geradezu dämonische Macht, die dieser häßliche Mensch über das Weibervolk von jeher ausgeübt hatte. Boshafte Leute hatten ihn mit einer Bezeichnung aus dem Tierreich belegt, die der Udel aber durchaus nicht für Schimpf nahm, weit eher für eine Auszeichnung, auf die nicht jeder Anspruch machen konnte.

»Hau Kristi leisson«, lachte er, »do müassn's a weng ehanter aufstehn, d'Olmbuabn-Jodln, wans in Udalrikl oani noasn! Seit ‘an erschten Advent-Sunter is s her. Saggera-Schuastapech!

Mei Lebtog is ma nia so worm gwen, wie in selben Schneehaufn afn Kirchweg ba da Nocht – in d'Oraati! Jo, immeramol kon eahms der Olmjodl besser onschickn, wia die gstudierschten Stodleut. Moan wul jo. Mitn Frogn riebst ban Weibaleuten nix aus. An jadi is froh – an jadi – Vageltsgad, Vageltsgad gmegazt immer oani. Da Lenerl hat's n Atn vaschlogn, hat mi ah seither ba neamand vaklogg.«

War das wirklich nur Aufschneiderei? Oder war es mehr? Mir wurde angst und bang.

Wir kamen nun in eine Talung, wo braungefleckte Kühe grasten und zwischen ihnen ein schwarzer Stier umherschnürfelte, der seine schlotternde Halsfahne einmal auf den Rücken der einen und wieder auf den Rücken der anderen legte.

»Kinder«, rief ich den vorauseilenden Kleinen nach, »dort drüben am Waldrande gibst weiße Schmetterlinge, fanget ihrer!«

Es war aber nicht vonnöten, ihre Aufmerksamkeit von der lebenslustigen Herde abzulenken, die Kinder hatten keinen Sinn dafür. »Hau, Schworza!« redete der Ochsen-Udel den Büffel an. »Schbring auf! Reit's das zaunmarterdin Robnviach! Hots scho ban Krogn! Firigehn loss ‘s saggeraschnopftabakdusn. Hiaz zindt er eihi!«

Tiefsten Abscheues voll wandte ich mich rasch ab von diesem wüsten Gesellen und eilte mit den Kindern waldabwärts bis zum Bergsattel, wo das Almwirtshaus steht.

Als wir an die Hausrainung kamen, bemerkte ich, wie in dem Wagenschoppen ein Mann Bretter hobelte. Er nahm nun eines davon in die Hand, hob es zum Auge und schaute am glattgehobelten Rande so hinaus, wie der Schütze am Gewehrlauf.

Mich wunderte die knechtliche Arbeit an diesem Feiertage. »Ihr seid ja auch am Frauentage recht fleißig«, redete ich ihn zum Gruße an. »Immeramol muaß's holt ah sein«, gab er zur Antwort und hobelte weiter.

»So Kinder«, sagte ich zu den Meinen, »nun sind wir da und wollen es uns ein wenig gut sein lassen. Wollt Ihr Milch oder eine Eierspeise?«

»Milch, Vater, Milch!«

So traten wir ins Haus, da schreckten wir aber auch schon zurück. Im Vorgelasse auf schmalem Laden lag eine Leiche. Sie war wie dies in Bauernhäusern Sitte ist, mit einem weißen Tuch zugedeckt, und daneben auf einem Lehnstuhle stand ein Kruzifix und ein Wasserglas, in welchem kümmerlich zum Verlöschen ein Öllicht brannte. Die Kinder wußten nicht, was das war. Ich fragte die Wirtin, wem das gelte?

»Die Lenerl is's«, antwortete sie und setzte leise bei: »In Kindlbäitn, heint ba da Nocht! Die Lenerl ist's, das schöne, gute, sittsame Kind.«

»Was schaffens?« fragte die Wirtin.

»Ich weiß nicht, ich hab' keinen Hunger« wird meine Entgegnung gewesen sein.

Drinnen in der Gaststube standen die Tische still und öde da. Ein paar leere Trinkgläser darauf wurden von Fliegenschwärmen umsummt. Am Tische, der bei der Ofenmauer stand, saß ein kleiner alter Mann, schmauchte sein Pfeiflein und schaute vor sich hin. Ich erkannte in ihm ihren Vater, den Holzhauer.

»Poldl, grüß Gott!« sagte ich und reichte ihm die Hand.

»Griass Goud ah«, antwortete er.

»Wie gehts? Nicht recht gut?«

»Hiaz is's amol a wenk lonkweili, a poor Tog!« sagte er und blinzelte mit den blöden Augen.

An diesem Worte hatte ich lange zu tragen. Er ist ein alter Mann, den das Weib und die anderen Kinder längst verlassen hatten. Nun liegt sein letztes Kind, sein Liebling, auf der Bahre und er steht in kummervollem, mühseligen Alter allein auf der Welt. – Jetzt ist's einmal ein bißchen langweilig auf ein paar Tage! Das ist sein ganzes Klagen. Auf ein paar Tage, bis die Bestattung vorbei ist, dann beginnt es ja wieder, das lustige Leben des armen, einsamen Greises. Ist es Stumpfsinn? Ist es Unbeholfenheit im Ausdruck oder ist's weltüberlegene Philosophie? – Auf jeden Fall trachtete ich ihm auch über die paar langweiligen Tage hinauszuhelfen und ließ ihm ein Glas Wein bringen. Dabei blieb er sitzen, ließ sich's schmecken und rauchte gemütlich seine Pfeife.

Die Kinder verzehrten ihre Milch mit vollem Behagen, darauf schlich das Mädchen, ohne daß ich es merkte, hinaus und beredete die Wirtin, von dem Ding, das auf dem Laden lag, das Tuch wegzutun. Ich kam gerade zurecht hinaus, wie sie der Toten in das wachsblasse Antlitz schaute. – Es war das schlafende Lenerl. Wie ein Kind von zwölf Jahren, so war es anzusehen mit dem kleinen schmalen Gesichtlein und dem schlichtgescheitelten Haar. Ihr sanft gewölbter Busen war bedeckt mit papierenen Heiligenbildchen, die schmalen Hände waren gefaltet und mit einer Rosenkranzschnur umwunden.

Ich warf auf die Wirtin einen fragenden Blick, den sie sofort verstand und beantwortete: »In Muadaleib hots Kloani müassn zschnittn wem.«

In diesem Augenblick poltert zur Tür der Udalneh herein und schrie üherlaut: »Gehts aussi in d'Sunn, da Schinda ziacht enk d'Haut oh!« Aber der liebliche Gruß blieb ihm doch zur Hälfte im Munde stecken, als er die Leiche sah.

»Geh na her, Udalrikel«, redete ihm die Wirtin mit erzwungenem freundlichem Tone entgegen. »Do leit oani, dai wirst guad kena.«

Mit lang vorgestrecktem Halse starrte er hin und knurrte:

»Höillsaggera, wos is dos!«

»Dai host du umglegt, Holder«, sprach die Wirtin.

»Guat is s, hot a as Hinwern ibaschdont.« So er, dann drehte er sich ein paarmal unentschlossen herum, ging zur Tür hinaus und stopfte sich eine Pfeife.

Der alte Holzschläger Poldl, der drinnen im Gastzimmer saß, hatte den Mann wahrgenommen, er schaute zum Fenster hinaus und sagte.. »Wans mih nit truigt, er is's.«

Hernach ließ er den Udel durch die Wirtin auffordern, er möchte ein wenig in die Stube kommen. Der ließ zurücksagen: »Hirschouchs, schäibiga! Du host nit weider heraus, wie ih hinei.«

»Däs is ah wohr«, meinte der alte Holzschläger, nahm sein Weinglas und ging mit einiger Umständlichkeit in das Freie.

»Udel«, sagte er und hielt ihm das Glas hin, »do drink amol!«

Der andere tat einen einzigen Zug, da war das Glas leer.

»Host an Schdorkn, heind!« knurrte er pustend und fing mit der Unterlippe den Schnurrbart, daß er die daranhängenden Tropfen auch noch bekomme. »Von der Olmwirdin ihr Sauschwem is däs koana. Wa nit zwida, der Saggera!«

»Ja, mei Mensch«, entgegnete der Poldl, »mir trogts as holt, daß ih an guadn Wei trink, hiazt. Trink aus goa, Udel, weilst Dih so brav aufgführt host.«

»Gilt scha! Aftn zohl ih ah oan, Voda«, sagte der Halter, denn es lag ihm daran, diese Stunde auf etwas Unterhaltliches hinauszuspielen. Er warf die Ledertasche weg, sie setzten sich zusammen an den Tisch, der unter dem Ahorn stand und plauderten miteinander gemütlich eine Weile. Da hörte ich, wie der alte Holzschläger sagte: »Hiazt zohl ih nouh a Holbi. Wirst Dei Geld eh ban Pforer und ban Totengrober brauchn.

»Sou dum wir ih nit sei!« pfauchte der Udel.

»Host as umbrocht, wirst as ah miassn eingrobn lossn«, sagte der Alte.

«Schick um an Schinda, tuats wulfeila, wia da Pfora.«

Der Holzschläger zuckte zusammen bei diesem unerhörten Wort des Halters.

Dann sprang er auf und kreischte: »Hänkn loss ih Dih, Du Höilloos!«

»Mit dein Mostdorm leicht?« gab der andere ruhig zurück.

»Olls hots ausgsogt in da letztn Schdund«, sprudelte der alte Poldl jetzt hervor, »wiast sie mit Gwolt bist ongongen afn Kirchweg, Du höillasch Robenbond, Du vafluachts!« Mit bebendem Arm faßte er das Weinglas, um es dem Verderber seines Kindes an den Schädel zu schleudern. Aber der Udel packte ihn und leicht, wie man ein Kind niedertaucht, so drückte er den Greis an den Ahornbaum, setzte ihm das Knie an die Brust und sagte mit süßlicher Stimme: »Jetzt, mei liaba Hulzknecht Puldl, jetzt tuas sogn, willst derwürgt sein oder daschdouchn!«

Zur rechten Zeit noch kamen die Leute herbei, um den Alten zu befreien.

Der Halter hob langsam Pfeife, Tasche und Hut von der Erde auf und trollte pusternd davon. Der alte Holzhauer schoß im Hofe umher nach einer Waffe suchend, da sah er eine Futtersichel, die an der Stallwand hing, diese erhaschte er, lief damit flink wie ein Knabe dem Udel nach. Der ging eben zur Angerschranke hinaus, als die Sichel durch die Luft sauste und ihm an der linken Seite in den Bauch schlug. Einen Augenblick stand er da, starr wie ein Strunk. »Saggera!« knirschte er. »Wos hob er ma hiaz einikitzelt?« Die halbe Länge des krummen Messers stak in seinem Körper, er zerrte und riß daran, bis sie unter strömendem Blute endlich herausgezogen war. Ohne auch nur eine Bewegung des Angriffes zu machen, ließ er die Sichel fallen und wankte wegshin über die Matte.

Das alles hatte ich mitansehen, mit anhören müssen an jenem Frauentage. Meine Kinder klammerten sich vor Angst wimmernd an mich. – Der alte Holzknecht Poldl saß wieder auf der Ofenbank und schmauchte seine Pfeife. Man merkte es nicht in seinem gleichgültigen Angesichte, daß draußen seine Tochter auf der Bahre lag, und man merkte es nicht, daß er sie eben gerächt hatte mit dem scharfen Wurfe. Man wußte kaum, ob der Alte weiter einen Unterschied machte zwischen dem gestrigen Tage und dem heutigen.

Ich machte mich mit meinen Kindern und mit einer neuen Erfahrung auf den Weg ins heimatliche Tal.

Am nächsten Morgen hörte man es schon. Oben auf der Alm zwischen Wacholdersträuchern war der Halter Udalrich gefunden worden, im Blute liegend, mit aufgeschlitztem Bauche und hervorgequollenem Eingeweide. Der Kopf im Geäste, hatten seine Zähne sich verbissen und verhackt in einem Wacholderaste, den er vor Schmerz halb durchgenagt. Also lag er mit gräßlich verzerrten Zügen hingekrümmt und erstarrt; selbst sein Tod war einer jener abscheulichen Zynismen, von denen sein Leben erfüllt gewesen.

Das Empörendste für mich aber, was mir heute noch das Herz umdreht, war, daß die beiden Toten, die engelsliebliche Lenerl und der Unhold, in ein gemeinsames Grab gelegt hatten.

Es wäre anders zu kostspielig gewesen, und der alte Holzschläger konnte nicht zahlen, er war von Gendarmen fortgeführt worden in den Arrest.

 


 

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.