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Klein-Großchen

Henny Koch: Klein-Großchen - Kapitel 8
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authorHenny Koch
titleKlein-Großchen
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
illustratorR. Gutschmidt
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Siebentes Kapitel: Dem Leben das Seine

Zweimal hatte die Oktobersonne wieder über den Oktoberwald geschienen, seit sie den Herrn von Rödershof in ihrem Schein hinaustrugen. Dann war der Winter noch einmal über die vertraute Stätte gegangen, und nun hatte der Frühling wieder seinen Einzug gehalten. Seine leuchtende Sonne überstrahlte den grünen Wald- und Wiesenwinkel, der in allen Farben prangte. Es war hier alles beim alten geblieben, wie es von je gewesen war.

Nein, ein Neues gab es doch zu bestaunen!

Dort, am hintersten Ende des Dresdorfer Parkes, wo er an den Wiesengrund stieß, der ihn von Rödershof trennte, leuchtete ein rotes Ziegeldach aus dem zartgrünen Baumgeäst auf. Das war früher nicht dagewesen. Es deckte einen niederen länglichen Neubau, der aus zahlreichen blinkenden Fensterscheiben auf Wald und Wiesen schaute. Von seinem First wehte lustig eine Fahne; um seine Tür schlang sich grünes Gewinde. Festlich sah alles aus und froh!

Es sollte auch ein Fest gefeiert werden, und zwar das der Einweihung des Kinderheims, das sich Tante Fee hier geschaffen hatte. Seit man ihr das Kind ihres Herzens entführt hatte, war Tante Fee sehr einsam in sich gewesen, wenngleich Tante Lisas und Klein-Muttchens Liebe sie mit warmem Sorgen umgab. Die reiche Liebesfülle in ihr selbst hatte zu einer weiteren Betätigung gedrängt, und so war allgemach zwischen den dreien der Plan ausgereift, der dann hier in dem freundlichen Neubau zur Vollendung gelangte.

Ja, Tante Lisa und Klein-Muttchen hatten mit denken und planen helfen, wie Fee ihr Leben nun ausfüllen könne, daß es ihr lebenswert erschiene, und Klein-Muttchen zumeist hatte den regsten Anteil daran genommen. Klein-Muttchen wußte ja nur zu gut und hatte es an sich erfahren, daß nichts über den eigenen Schmerz, die eigene Seelennot hinaushilft als ein Aufgehen in anderen.

Frau Friedel trug ihren großen Schmerz, den Schmerz ihres Lebens so, wie der tote Gatte ihn zu tragen auferlegt hatte. Sie lebte für die Ihren, war ihnen Glück und Freude. Nachdem sie den ersten herbsten Ansturm niedergerungen hatte, der ihr nur Sinn für sich und ihre große Not ließ, war aus dem großen Leid eine andere hervorgegangen, die das Leid und die Nöte, auch die Freuden und die Wonnen ihrer Lieben auf ihre starken, schmerzgestählten Schultern nahm. Wen des Schmerzes Feuer so schmiedet, der ist aus dem rechten Stoff.

In dem langen Winter, der auf jene leidvollen Oktobertage folgte, hatten die drei gesessen, gedacht und geplant. Da war es ein Segen gewesen, daß Klein-Muttchen schon so bald nach Dresdorf übersiedelte, obgleich die Ihren diesen raschen Schritt zuerst weder verstanden noch billigten. Aber Klein-Muttchen wußte, was für alle das Beste sei.

»... denn, seht ihr, Kinder, Rödershof ohne meinen Klaus ist Rödershof nicht mehr. Laßt mich gewähren! Dann hat auch der Fritzel Zeit, sich nach seinem Geschmack da einzurichten, bis er im Frühjahr seine Änne bringt.«

Sie hatten sie also gewähren lassen, und eines Abends, da es eben dämmern wollte, war aus der Tür des großen Eßsaals in Rödershof – der Tür, die auf den Wiesengrund führte, der Tür, durch die sie nicht gar lange zuvor jenen Sarg getragen hatten, der Frau Friedels Glück barg – war aus jener Tür eine schmale schwarze Gestalt getreten. Als sie ein paar Meter weit war, hatte sie sich gewendet und mit tiefem Blick nochmals das Haus umfaßt, darinnen ihr Glück gewohnt hatte? sie hatte den Kopf geneigt und die Hände gefaltet. Ein warmes Danken war ihr aus dem Herzen gequollen.

»Dürfte ich klagen, nachdem ich über sechzig Jahre nur Sonne und Glück gekannt habe? Erst bei Papa daheim und dann bei meinem Klaus? Sollte ich jetzt nicht meinen Schmerz auf mich nehmen ohne Murren? Du hast recht, mein Klaus; ich will nach deiner Weisung tun – so helfe mir Gott!«

Dann war sie still gegangen und still bei den Ihren in Dresdorf eingetreten.

»Da bin ich; nun gehöre ich zu euch.«

Lang und einsam war der Winter gewesen, oft trübe und grau. Aber sie hatten zusammen getragen, und da war alles leichter geworden. Dann hatten sie zusammen geplant, beredet und ausgedacht, und nun stand das Ergebnis als freundlicher Neubau dort hinten im Dresdorfer Park. Die Fahne wehte vom First, und grünes Gewinde zierte die Tür.

Eine Frau in mittleren Jahren stand unter der Tür; eine blütenweiße Schürze und Haube schmückten sie, und aus guten, mütterlichen Augen sah sie über den Weg, wo eine kleine schüchterne Schar sich nahte: sechs Mägdlein und zwei kleine Buben.

Für so viele hatte Fee ihr Kinderheim eingerichtet; acht weiße Betten standen da in den drei Schlafzimmern verteilt. Seit der Plan feste Umrisse gewann, hatte Fee gesucht und gesichtet, und diese acht Waislein sollten nun Einzug halten.

»Eilt euch, Kinder! Ich höre die Herrschaften schon durch den Park herankommen. Putz dir das Näschen, Peterchen; dein guter Kittel paßt nicht dazu.«

Der kleine Missetäter hing den roten Kopf, und ein kleines Mädchen beeilte sich, dem Kerlchen zu helfen.

Ein: »So recht, Mariechen, immer hübsch beispringen,« lohnte ihr.

Die mütterliche Frau in der blütenweißen Schürze und der blütenweißen Haube war zu der kleinen Schar getreten und faßte die zwei Bübchen rechts und links bei den Händen. Sie standen alle und warteten. Eine große Erregung war unter den Kleinen; die Frau hatte Mühe, sie in Ordnung zu halten.

Aber da ging das Pförtchen auf, das in den Park führte, und der gute alte Herr Pfarrer kam herbei, den alle kannten. Zugleich näherten sich durch den Baumgang die Herrschaften, Tante Fees Fahrstuhl voran, von Konz und Dieter geschoben, die nun schon zu großen, kräftigen Buben herangewachsen waren. Sie taten sich auf das ihnen erwiesene Vertrauen nicht wenig zugute und versahen ihr Amt mit unbeschreiblicher Wichtigkeit. Die Basen, Leni und List, die nun auch schon Backfische werden wollten, ließen es nicht an Stichelreden und Neckereien fehlen.

Da waren auch die zwei Friedel, denen die Jahre noch wenig von der sittigen Jungfrau hatten geben können, wenigstens dem Äußeren nach zu urteilen. Sie sahen noch ebenso übermütig drein, und die braunen Zigeunergesichter hatten noch genau denselben Spitzbubenausdruck, den sie von je zeigten. Auch wie sie jetzt auf die Kinderschar losstürmten, war alles andere eher als würdevoll oder gesetzt. Die eine, Friedeli, stolperte beim Wettlauf und konnte nur so Friedelu am Vorkommen hindern, daß sie sie an den Röcken faßte und schier zu Boden riß. Anmutig war das Bild nicht, lustig wohl.

Klein-Großchen seufzte denn auch hörbar und bedeutsam, was zur Folge hatte, daß die zwei, rot, aber lachend zu ihr sich wandten und sich ihr rechts und links in die Arme hängten.

Der gute alte Herr Pfarrer kam herbei, den alle kannten.

»Nimm uns unter deine Fittiche, Klein-Großchen! Nur dann sind wir brauchbare Glieder der menschlichen Gesellschaft.« Friedeli verdrehte die Augen in schelmischer Heuchelei.

»Ja, nur dann, Klein-Großchen,« versicherte auch Friedelu und verdrehte die Spitzbubenaugen noch schlimmer.

»Daß Gott erbarm,« seufzte Klein-Großchen, hielt aber die braunen Arme fest, die sich unter die ihren schoben.

Mutter Lu und Tante Lisa kamen zuletzt. Sonst war von der Familie weiter noch niemand anwesend; die anderen, soweit sie überhaupt zu kommen beabsichtigten, würden erst ganz kurz vor der Hochzeit eintreffen.

Es sollte nämlich wieder einmal Hochzeit gefeiert werden. Die blonde Irmingard, die an jenem Oktobermorgen, als Professor Lutz seine junge Frau so ohne weiteres mit sich fortführte, am Wege neben dem Oberleutnant Hemsen gestanden und dem Paare nachgewinkt hatte, diese selbe blonde Irmingard hatte sich entschlossen, neben jenem selben Oberleutnant Hemsen, Klein-Großchens einstigem Quartiersmann, ferner fürs Leben stehen zu bleiben oder auch in gleichem Schritt und Tritt als sein guter Kamerad seine Wege mit ihm zu gehen. Und dieser Entschluß sollte in diesen Tagen hier am Ort, wo sich die beiden kennen gelernt hatten, verbrieft und besiegelt werden.

Heute aber feierte man erst die Eröffnung von Tante Fees Kinderheim, und alle die Nichten und Neffen waren erfüllt von der Bedeutung des Tages.

Unter der Tür des neuen Hauses stand der Geistliche. Er sprach warme Worte und redete von der Liebesfülle eines treuen Herzens, das geben und geben und geben könne und doch nicht arm, nur um so reicher würde.

»Da meint er dich, Tante Fee,« flüsterte Konz im Bühnenflüsterton.

»Ja, da meint er dich,« bekräftigte Dieter in derselben Tonlage.

Da dies eben in einer Pause der Rede des alten Herrn kam, hörten es alle. Die einen, die ernsten Erwachsenen, nickten und waren gerührt; die anderen, die zwei Friedel und die angehenden Backfische, hatten rote Köpfe vor unterdrücktem Lachen, weil die Buben sich so erschreckten über ihr verunglücktes Flüstern. Aber auch sie gaben den Buben recht.

Ja, Tante Fee war gemeint, wenn man von einem Herzen sprach, dessen reiche Liebesfülle sich nicht genug tun konnte im Spenden und Hingeben.

Sie saß mit gefalteten Händen und leuchtenden Augen, und es war ein großes Freuen in ihr – ein heiliges Freuen, wenn sie die kleine Schar überschaute, deren Wohl und Wehe sie an ihr Herz nehmen durfte.

Der Geistliche sprach eben zu den Kleinen: »So tretet ein in die Stätte, die eine große Liebe euch bereitete. Danket es dadurch, daß ihr gute Menschen werdet! Der Herr segne euren Eingang – Amen.«

Tante Fee war neben den Geistlichen unter die Tür getreten; sie streckte den Kleinen die Hände entgegen.

»Kommt, Kinder, das neue Haus ansehen!«

Vor ihrem Blick, dem Ton ihrer Stimme schmolz alle Scheu. Die Kleinen umdrängten sie und haschten nach ihren Händen. Große Liebe wirbt ohne viele Worte nur dadurch, daß sie ist.

Nun ging es an ein frohes Besichtigen der Räume. Sie waren hell und luftig, aber sehr einfach gehalten.

»Kommt, Kinder, ich zeige euch mal die Küche,« sagte Klein-Großchen und meinte die zwei Friedel.

»Kennen wir, Klein-Großchen – kennen wir lange!« Sie lachten beide.

»Wieso? Ihr seid doch gestern erst gekommen, und der Schlüssel wurde von mir selber verwahrt. Ich – –«

»Wozu wären denn Fenster da, Klein-Großchen?« tönte es zweistimmig.

Da wandte sich Klein-Großchen, aber um ihren Mund zuckte ein Etwas, das jegliches Schelten ausschloß. Das Erinnern an frühere Zeiten war es.

»Nette Sprößlinge,« sagte Frau Lu, die dicht dabeigestanden hatte.

»Das kommt davon,« erwiderte Klein-Muttchen sehr würdevoll und maß Frau Lu mit einem langen sprechenden Blick.

Die nickte und seufzte; dabei lag doch etwas Schelmisches in ihren Augen.

»Je ja, Klein-Muttchen, das kommt davon!«

Dann lachten sich beide ins Gesicht. Die zwei Friedel aber umfaßten sie jubelnd und drehten sich mit ihnen im Kreise mitten in dem großen weiten Wohn-, Spiel- und Eßzimmer von Tante Fees neuem Kinderheim. Und Tante Fees Kinderschar nahm dies als eine Aufforderung mitzutun; sie tat es mit viel Geschrei und Lachen, wobei die Buben und die Backfische, Leni und Lisi, weidlich halfen.

Es ging nicht sehr leise und nicht sehr gesittet her in dieser ersten Stunde in Tante Fees neuem Kinderheim. Die saß und schaute und hatte leuchtende Augen. Dann fiel ihr ein, was wohl der gute alte Geistliche von solchem tollen Treiben denken würde, und sie sagte ein paar entschuldigende Worte.

Freundlich erwiderte der alte Herr: »Harmloses Freuen und Lachen sind Gottesgaben. Möchten sie in diesen Räumen allzeit herrschen! Besseres kann ich nicht wünschen. Ich empfehle mich den Herrschaften; mich rufen andere Amtsgeschäfte.«

Er ging, von Tante Lisa höflich geleitet. Dann besann sich auch Klein-Großchen, daß die Herrin von Dresdorf noch allerhand Tagespflichten zu erledigen habe. Sie hatte dem Inspektor versprochen, an die Wiesenhalde zu kommen, einem ziemlich abgelegenen Gutsgelände. Dort war allerhand frische Einteilung in der Aussaat zu bestimmen, wozu der alte Merten durchaus des »gnädigen Frauchens« Rat haben wollte.

So sollten die Buben eilen, Klein-Großchens Wägelchen anspannen zu lassen, mit dem sie nun alltäglich dahin fuhr im Gutsbereich, wo ihre Gegenwart nötig war. Auf Tante Lisas und Fees dringendste Bitten hatte sie das Reiten aufgegeben, seit sie einmal bei Glatteis mit dem Pferd stürzte. Es war ihr ein großes Entbehren gewesen.

»Aber ich tu's, Kinder, einmal weil ich eben leider in die Jahre komme, obgleich – na, Schwamm drüber! Und dann darf meiner Meinung nach niemand auf seinen Körper und seine Gesundheit hinein hausen, denn, seht ihr, wenn die auch unser eigenstes Eigentum sind, so bin ich doch anderen verantwortlich dafür, weil die mir helfen müssen, wenn ich krank bin. Nur darum gebe ich nach – basta!«

Man rief nach den Buben. Sie waren verduftet? auch die beiden Friedel waren nicht mehr da. Nur die Backfische Leni und Lisi waren tugendhaft zur Stelle geblieben und gingen, der Großmutter Befehl ausrichten, freilich nicht, ohne sich zuvor versichert zu haben, daß sie als Lohn würden mitfahren dürfen. Klein-Großchen nickte Gewährung.

So fuhren die drei denn kurz danach durch den Wald, der sich eben mit dem ersten grünen Schein schmückte. Neugierig lugten die Blättlein allüberall am Buchengeäste vor, ein kleinwinzig Ding das einzelne, eine wundergrüne Lenzesglorie allesamt. Zu Füßen im dürren Raschellaub regte sich gleichfalls das junge Leben. Grüne Hälmlein reckten sich inmitten; kleine Anemonen breiteten ihr Laub über das tote Gewesene. Das Wintermoos besann sich auf sein junges Recht; vollsaftig begrünte es sich aufs neue. Käferlein huschten drüber hin und streckten die winterstarren Füße; Spinnlein krochen emsig entlang. Zu Häupten übten die Vöglein noch zag und verträumt ihren Lenzessang. Herr Fink wetzte das Schnäbelein, sperrte es dann erwartungsvoll auf und räusperte sich. Wahrhaftig, es ging noch! Nur der kunstvolle Schnörkel zuletzt war noch nicht ganz das rechte; er würde aber noch werden, Herr Fink hatte dies schon manch liebes Mal erlebt. Auch die kleine Meise zirpte ihr Sprüchlein. Das ging schon besser, es war nicht so verwickelt wie das des Finken.

In königlicher Ruhe aber saß die Drossel. Sie flötete weich und voll in den Lenz hinein. Ihr kam keiner der gefiederten Vettern gleich, nicht einmal jene, die die Menschen in vergoldete Bauer stecken. Nur eine übertraf sie, aber die war noch fern. Die Tage der Nachtigall waren noch nicht gekommen. Drum saß die Drossel in solch königlicher Ruhe dort in der höchsten Spitze der uralten Fichte und überschaute ihr Reich als Herrscherin; sie öffnete den Schnabel und füllte die Lenzluft mit unendlichem Wohllaut.

Klein-Großchen, Leni und Lisi fuhren mitten durch diesen Lenzwald. Klein-Großchen mit der Freude derer, die zu sehen und zu lauschen verstehen, der Freude, die ein Wehmütiges hat, weil sie den Wechsel kennt und ein Ende weiß. Die Backfische Leni und List mit dem dumpfen Wohlbehagen der Ganzjungen, denen Augen und Ohren noch verschlossen sind für anderes als für Bild und Ton des Augenblicks, die nur mit den Augen und Ohren sehen und hören. Die Jahre, in denen das bemühte Freuen dabei hilft und vertieft, waren für sie noch nicht da.

Sie kamen an eine kleine Lichtung. Inmitten stand eine Buche, deren Laub schon besonders weit vor war. Das kam, weil sie so vorgeschoben stand und die Sonne besonders freien Zutritt zu ihr hatte.

»Sieh doch die sonderbaren Klumpen, Klein-Großchen!« Leni und Lisi riefen es zugleich und wiesen ins Geäst des Baumes.

Klein-Großchen spähte scharf; dann rief sie, daß es schallte: »Konz, Dieter, hierher!«

Die zwei Klumpen blieben dennoch unbeweglich.

»Wollt ihr wohl?« Es klang, als ob nun nicht zu spähen wäre.

In die Klumpen kam Bewegung; sie schoben sich durch das Geäst, und gar nicht lange, da kamen zwei Bubenbeine in Sicht die den Stamm fest umklammerten.

»Hierher!«

Es war ein grollender Ruf; was Wunder, daß die, denen es galt, es nicht eben eilig hatten. Aber in alle Ewigkeit war das Zögern nicht zu dehnen. So standen denn die zwei großen Jungen vor Klein-Großchen, hingen die Köpfe wie kleine Schulbuben und wußten nicht, wohin schauen. Es war auch Ursache dazu da.

»Vogelnester plündern ist geradezu niedrig!«

Alle Verachtung lag in Klein-Großchens Ton. Der traf wie ein Peitschenhieb. Die zwei zuckten zusammen, als ob sie einen solchen wirklich spürten.

»Klein-Großchen, wir haben keine Eier genommen – wir haben nur hineingesehen.«

»Weshalb?«

»Weil – weil wir's als kleine Buben so machten und –«

»Ja, und weil das so nett ist!«

Sie sprachen die Wahrheit, das sah man. Klein-Großchen verbiß ein Lachen. Sie mußte denken, wieviel man in späteren Tagen tut, weil es in der Kinderzeit einmal »so nett« war.

Sie beschaute sich die großen Jungen genauer. Plötzlich lachte sie laut auf und wies nach der beiden Beinen. Dort klaffte je ein Winkelhaken, der jedem kleinen Schulbuben Ehre gemacht hätte.

»Das da geschah wohl auch, weil es früher so nett war?«

Sprach's, knallte mit der Peitsche und fuhr lachend weiter. Leni und Lisi schauten noch lange nach den Vettern, die sichtlich sehr betreten den Schaden beaugenscheinigten. Die Sache war ihnen gar nicht einerlei; das sah man.

»Daß ihr mir die zwei nun nicht etwa hänselt, Mädchen; das will ich mir ausgebeten haben. Mutter Li wird ihnen den Lohn schon besorgen, wenn sie die Hosen sieht, fürchte ich.«

»Arme Kerlchen, wo werden wir die necken, Klein-Großchen!«

»Lämmer!« sagte Klein-Großchen, und es war nicht zu unterscheiden, ob sie Lob oder Tadel meinte.

Sie fuhren eine Weile stumm dahin. Die Bäume standen lichter. Man sah es hell durchschimmern; der Waldrand war nicht weit.

Sonderbare Töne drangen von den Wiesen dort. Es klang wie Hundegebell und war doch durchaus kein waschechtes Kläffen. Aber es machte viel Lärm und wechselte mit großer Geschwindigkeit den Ort. Schafe blökten dazwischen wie in Angst, und das waren unverkennbar echte Töne.

»Was wohl bei dem Jakob los ist, und weshalb der Phylax so sonderbar bellt? Da ist irgend etwas nicht in Ordnung.«

Klein-Großchen faßte die Zügel fester, schnalzte ermunternd, und das Pferdchen flog nur so dahin. Da waren sie aus dem Wald.

Ein sonderbares Schauspiel bot sich auf der Wiese. Hier weideten die Schafe. Der Schäferkarren stand dicht am Waldrand, aber es war kein Schäfer zu sehen. Die Tiere schienen in großer Erregung. Sie stürzten bald hier- bald dahin und drängten sich zusammen. Einzelne waren weit versprengt; ihnen nach, rechts und links weit ausgreifend, setzten die beiden Friedel in unwahrscheinlichen Sätzen, daß man meinte, sie müßten jeden Augenblick zu Boden stürzen. Und die Töne, die wie Hundekläffen klangen und es doch nicht waren, kamen auch von ihnen; sie wurden immer unmelodischer und heiserer.

Klein-Großchen sah es zuerst und staunte wortlos. Dann lachte sie hellauf, schüttelte dabei aber doch den Kopf recht energisch. Was um Himmels willen war in die zwei gefahren? Sie suchte in Gedanken in dem Sündenregister ihrer tollen Tage von einst. Nein, auf den Schäferhund hatte sie sich doch niemals eingeübt. Es gab also noch Neues unter der Sonne, worauf Friedel Polten dermalen nicht verfallen war!

Klein-Großchen hob die Hand zum Mund. Ein gellender Pfiff ertönte, auch ein Anklang aus vergangenen Tagen. Ganz wohl war Klein-Großchen nicht dabei; sie schielte nach den Backfischen und hatte einen heißen Kopf. Aber die saßen mit frommen Mienen und hatten nur Augen für die zwei sonderbaren Schäferhunde.

»Lämmer,« sagte Klein-Großchen noch einmal, aber innerlich, und sie pfiff wieder, geller als zuvor. Wie hätte sie sich anders helfen sollen, so fragte sie sich desgleichen innerlich.

Die Friedel-Schäferhunde hörten und gingen auf den Pfiff, wie gute Hunde tun müssen. Sie kamen vor Klein-Großchen, jappten wie ihre Vorbilder, hatten hängende, zur Hälfte gelöste Zöpfe und Gesichter wie gesottene Krebse.

»Wir müssen weiter, Klein-Großchen – sie verlaufen sich sonst.«

»Ja, sie verlaufen sich sonst, Klein-Großchen – wir müssen weiter.« Sprachen's und machten Miene, wieder davonzustürzen.

»Ha–a–a–a–lt!« tönte es hinter ihnen her.

Dem war nicht zu widerstehen. Sie standen wie die Mauern, aber alles fieberte; die Füße waren sprungbereit.

»Wo ist Jakob, der Schäfer?«

»Dem Phylax nach. Der war so sonderbar und ist ihm ausgekniffen.«

»Ja, und da haben wir – – holla, willst du wohl?«

Mit einem erschreckend heiseren Gebell setzte Friedelu hinter ein paar Ausreißern her. Der Boden dröhnte förmlich. Friedeli war auch schon unterwegs und nicht zu halten.

Klein-Großchen schaute hinterher, und es stand ein Lachen in ihren Augen, das sich aber nicht vortraute. Gleich darauf blickten sie gewaltig ernst, da sie den Backfischen an ihrer Seite zuherrschte: »Ihr bleibt! Ihr wollt euch wohl auch eine Lungenentzündung an den Hals rasen wie die zwei – – na, die zwei Schäferhunde da?«

Gehorsam zogen Leni und Lisi die schon erhobenen Füße wieder ein und saßen bocksteif.

»Lämmer,« sagte Klein-Großchen ein drittes Mal, und jetzt war entschieden etwas Geringschätzung beigemischt.

Aber gleich danach strich sie den beiden reuig über den Blondscheitel. Bequemer waren die zwei schon als – – nun, als gewisse andere Leute.

Beim Schäferkarren saß ein kleiner Junge, vielleicht vier Jahre alt, des Schäferjakob Sohn. Er hielt ein gestrichenes Brot in den Händen, das schier so groß war wie er selber, biß hinein und kaute mit vollen Backen. Er war sehr beschäftigt und sehr befriedigt. Nur die Äuglein drehte er, den Hundestellvertreterinnen zu folgen, und sie glitzerten vor Lust.

Aber da kam etwas, das sie in Schreck erstarren machte. Nicht weit von dem kleinen Mann brach es durch das Unterholz, daß die Zweige knackten. Der Phylax!

Aber wie schaute denn der aus? Blutunterlaufene Augen, lang heraushängende Zunge, gesträubte Haare und eingekniffener Schwanz! So hatte der Phylax noch nie ausgesehen, hatte auch noch nie so geschnauft und gekeucht. Was hatte er?

Gerade auf den kleinen Jakob kam er zu, und nun machte der große Jakob, der Vater, der hinterher kam, so sonderbare Zeichen; er hieb mit den Armen durch die Luft, als ob er dreschen wolle, und keuchte fast so heftig wie der Phylax.

Der kleine Jakob rührte sich nicht, aber in seinen eben noch glitzernden Äuglein stand starrer Schreck geschrieben. Unwillkürlich hielt er sein Riesenbrot zum Schutze vor sich hin, streckte es dem Phylax entgegen, der mit wilden Sätzen auf ihn zurannte.

Das schien ein Glück, denn da war der Phylax auch schon und schnupperte an dem Brot; er vergaß darüber für einen Augenblick den kleinen Jakob. Derweilen hatte der Vater etwas gerufen, das wie: »Doll – er is doll« klang.

Der kleine Jakob aber verstand das nicht. Es hätte ihm auch wenig geholfen, denn nun schleuderte der Phylax das Brot zur Seite, schnappte nach dem Arm des Knaben und biß zu.

Der Junge schrie laut auf vor Schreck und Schmerz. Der Phylax ließ ihn einen Augenblick frei; dann hatte er ihn gleich wieder an den Höslein, worauf das Geschrei des Kleinen noch erbärmlicher wurde.

Es war alles so schnell gegangen, daß niemand ihm hatte rechtzeitig zu Hilfe kommen können. Der große Jakob zitterte so, daß ihm die Füße versagten. Klein-Großchen kam nicht so schnell vom Wagen; die zwei Friedel waren zu weit weg, und die Backfische konnten erst recht nicht beispringen, weil sie sich selber fürchteten und schier erbärmlicher schrien als der kleine Jakob.

Aber ehe der Phylax ein drittes Mal zufassen konnte, fuhr aus fester Hand ein derber Prügel auf den Kopf des Tieres nieder, daß es zusammenbrach. Das war Klein-Großchens Hand. Und Klein-Großchen hob auch den kleinen Jakob auf den Arm und tröstete an dem Bübchen herum. Das schrie einstweilen jammervoll und kümmerte sich wenig um Trostworte, wenn sie auch noch so sanft klangen und von dem »gnädige Frauche« selbst kamen. Vor dem hatte der kleine Jakob nämlich sonst großen Respekt.

Da stand also Klein-Großchen, den wunden kleinen Mann auf den Armen. Der Vater stand daneben, konnte aber nicht reden, da ihm der Schreck noch zu sehr in der Kehle saß. Die zwei stellvertretenden Schäferhunde jagten herzu und besichtigten erst einmal ihren hingestreckten Genossen.

Der lag und rührte sich nicht. Er hatte sich lang gestreckt; die Zunge hing ihm zum Maul heraus.

»Der ist tot,« sagte Friedeli und Friedelu, bekräftigte es.

»Doll – der war doll, gnädig Frauche,« klagte der große Jakob und zitterte dabei, daß ihm die Zähne aufeinanderstießen. »Mein Bub! Mein Bub!«

»Sei Er kein altes Weib –« Klein-Großchens Stimme schallte – »woher will Er wissen, daß das Tier toll war? Es ist ja gar nicht die Zeit dazu, jetzt im Frühling. Flink den Wagen! Ich bringe den Buben nach Loberg zu meiner Enkelin; die wird am besten Rat wissen. Rasch!«

»Net zum Dokter – net zum Dokter,« zeterte der kleine Gebissene, heftig strampelnd.

Der kleine Jakob bäumte sich, daß Klein-Großchen Mühe hatte, ihn festzuhalten. Der Vater gab ihm einen Puff aus lauter Respekt vor der Gnädigen. Dann wandte er sich Klein-Großchen zu.

»Nix for ungut, gnädig Frauche, awer e Mannsdokter war mir doch liewer for mein Bub ze kuriere un – –«

»Das versteht Er nicht, Jakob. Die Frauenzimmer sind heutzutage gleich tüchtig. Die Hildegard kennt ihr Fach; ich würde ihr den Buben sonst nicht anvertrauen, glaub Er mir. Und nun zum Wagen! Raus, ihr Lämmer, und trocknet die Augen; es geht dem Jaköble noch nicht ans Leben. Ihr könnt den Schäferhunden helfen; die stehen wie verdonnert. Daß ihr mir die Schafe gut bewacht, ihr zwei Friedel; nun wird's Ernst. Der Jakob fährt mit mir; er soll sich überzeugen, daß sein Bub in die rechten Hände kommt. Junge, ums Himmels willen, plärre nicht so! Mach Er kein so dummes Gesicht, Jakob! Leg Er das Tier hinten auf den Wagen; dann kann die Hildegard sich das auch gleich mal beschauen. Flink, angepackt! Los!«

An Willens- und Triebkraft hatte Klein-Großchen noch nichts eingebüßt. Wie ein Feldherr erteilte sie ihre Befehle, und ihre Stimme schallte. Der große und der kleine Jakob wurden in den Wagen verstaut; der tote Phylax kam hinten in einen Behälter, der jeweilig barg, was Klein-Großchen gerade auf ihren Fahrten benötigte. Klein-Großchen schwang die Peitsche und schnalzte mit der Zunge; ihr Rößlein setzte sich in Trab.

»Klein-Großchen, nimm uns mit,« bettelten die »Lämmer« mit Jammermienen.

Auch die zwei Friedel standen und hingen die Köpfe; das Schäferhundspiel lockte gar nicht mehr. Ein anderes ist es, freiwillig im Scherz ein Amt übernehmen, als dieses selbe Amt als Pflicht übertragen bekommen. Ja, zwischen Scherz und Ernst ist ein Graben, den man oft nur mit zusammengebissenen Zähnen überspringt.

»Wenn sie uns aber durchgehen, Klein-Großchen?« wehrte sich der Scherz gegen den Ernst.

»Ich vertraue euch vollkommen!«

Klein-Großchens Wägelein war schon ein paar Meter weit, und Klein-Großchens Lachen klang recht schadenfroh. Die Friedel seufzten, aber sie gingen zu ihrem Amt zurück. Die Schafe fanden ihre Hüter von nun an viel gesetzter, waren mit dem Wechsel aber einverstanden; es graste sich so behaglicher. Nur die Waldbäume schüttelten die Wipfel und vermißten das hallende Echo, das ihr Reich zuvor belebt hatte.

Es sei gleich hier gesagt, daß die Friedel treu ihres Amtes walteten, so daß der große Jakob alle seine Lämmer unversehrt vorfand, als er ein paar Stunden später zurückkehrte.

Aber das ist vorgegriffen. Einstweilen fuhr er noch auf der Loberger Landstraße, mit großen verstörten Augen, scheu in die Ecke des Wagensitzes geduckt. Er hielt seinen Sprößling auf den Knien, der nur zuweilen leise wimmerte und dieselben großen verstörten Augen hatte wie sein Vater. Es war auch keine Kleinigkeit, so neben dem gnädigen Frauchen herzukutschieren, als ob man dazu gehöre. Der große Jakob sorgte für einen höflichen Abstand auf dem Sitz und zog seine Glieder bis zur Unmöglichkeit zusammen. Fast hätte er über dieser Sorge vergessen, weshalb ihm und seinem Jungen solche Ehre widerfuhr.

Das gnädige Frauchen aber schwang die Peitsche sehr lebendig, schnalzte und redete dem Rößlein in jeder Weise zu, in Güte und Ernst. Das Rößlein verstand seiner Herrin Sprache, und weil es sie lieb hatte, tat es, wie sie wollte, ja noch mehr. Im Fluge waren sie in Loberg.

»Dr. med. Hildegard Western. Sprechstunden von 8–10 Uhr vorm.« So stand auf einem blitzblanken Messingschild an einem verwitterten Tor, von dem ein Weg durch einen alten Garten zu einem behaglichen Hause führte. In diesem hatte das Fräulein Doktor Hildegard Western das Erdgeschoß gemietet und hauste hier mit einer Perle von Wirtschafterin, deren Wert Frau Lu schon seit Jahren hoch anschlug; nur die Mutterliebe und der Stolz auf die gelehrte Tochter hatten sie bewegen können, sich von besagter Helferin zu trennen.

Hildegard war soeben von Krankenbesuchen heimgekehrt. Sie hatte noch nicht übermäßig zu tun; aber dafür, daß sie erst wenig über ein halbes Jahr im Städtchen weilte, waren es doch schon erstaunlich viele, die von Fräulein Doktor Erlösung von ihren Übeln erhofften – und meist auch fanden!

Man hatte anfangs die neue junge Doktorin mit einem gewissen Mißtrauen betrachtet. Man war gewohnt, mit dem Begriff »Doktor« einen alten, bebrillten Knasterbart zu verbinden, der gutmütig polternd, gelegentlich auch grob seine Vorschriften gab. Seit die Jungen denken konnten, war es so gewesen. Nun wollte sich mit einem Male so ein junges Blut, eine in Röcken, und gar eine, die sie von den Windeln auf kannten, unterfangen, ihnen in allerhand Nöten des Leibes Rat zu erteilen? Das war denn doch eine kitzliche Sache. Wenn man auch wußte und gehört hatte, daß sie grausam gelehrt sei: es war doch schnurrig, am Krankenbett eine von den jungen Damen vom Herrenhof stehen zu haben, die nach frischem Wasser und feiner Seife roch, statt nach Tabak, wie der gute alte Doktor. Man mußte sich daran erst gewöhnen.

Aber das Fräulein Doktor kümmerte sich wenig um alle diese Bedenken. Es stand an den verschiedenen Krankenbetten mit einem teilnehmenden ernsten und so guten hellen jungen Gesicht. Es fand für die verschiedensten Gebresten bei alt und jung zumeist das rechte; es hatte gute oder kräftige Worte je nach Bedarf. Wie nun ein paar Monate über das Städtchen hingegangen waren, da reihte es auch die junge Doktorin in seinen Bestand ein wie die Kirche und das Rathaus etwa, um das die Nachbargemeinden das Städtchen beneideten, denn es war eine bauliche Seltenheit. Und wie man stolz war auf das Rathaus und sich dessen rühmte, so fing man an, sich der anderen Seltenheit, des jungen Fräulein Doktor, bisweilen zu rühmen. Fräulein Dr. med. Hildegard Western aber ging den Pflichten des Tages nach und sah nicht rechts noch links. Für Zurückhaltung wie für Bewunderung hatte sie dasselbe gleichmütige Lächeln. Sie wußte, daß ihr Weg keiner von den leichtesten war, aber sie wollte ihn gehen.

Nur eines schmerzte sie, ohne daß sie ihm Ausdruck gab, und das war Klein-Großchens Abseitsstehen von ihrem Wege. Als der alte Arzt in Loberg starb und alle die Ihren dies für einen Fingerzeig des Schicksals hielten, blieb Klein-Großchen stumm, und wie sie in das alte Haus einzog, hatte Klein-Großchens Liebe wohl das Nest warm bereitet, aber Klein-Großchens innerste Anteilnahme war fern geblieben. »... denn seht ihr, Kinder, das ist mir nun einmal zu neumodisch. Ihr könnt nicht verlangen, daß ich mich innerlich zu einem anderen Menschen mache.«

Die junge Doktorin war still ihren Weg gegangen. Erst hatte man sie hier gerühmt und dann dort; der hatte das gewußt und jener dies, was zu loben war. Die Herrin von Dresdorf hatte selbst Gelegenheit gefunden, sich von Hildegards Tun zu unterrichten, denn sie lebte mit ihren Leuten. Da war aus Klein-Großchens Ablehnung allmählich ein Staunen geworden, dann ein Schwanken und Schwenken, endlich ein Übergang mit fliegenden Fahnen. Die Fahrt mit dem großen und dem kleinen Jakob war dafür ein Beweis.

Das Fräulein Doktor saß eben über einer medizinischen Wochenschrift. Wenn man in dem kleinen Ort nicht versauern wollte, galt es, sich auf dem Laufenden zu erhalten mit allem, was die medizinische Welt bewegte.

Hielt da nicht ein Wagen? Wie im Traum horchte die eifrig Lesende.

Richtig: Stimmen. War das nicht – ?

»So, nun hilf du weiter, Hildegard!«

Aber wie sollte Klein-Großchen heute daher kommen? Die hatte genügend zu tun mit Vorbereitungen für die Hochzeit von Irmingard, der Blonden.

Und doch, es war Klein-Großchens Stimme! Keine sonst hatte diesen tiefen, metallischen Klang. Und da schlug auch schon die Tür hinten wider, wie sie es bei Klein-Großchens Eintritt gemeiniglich zu tun pflegte.

Richtig, Klein-Großchen! Sie hielt ein wimmerndes, nein, ungebärdig schreiendes Menschlein in den Armen, das sie nun vor der Enkelin zu Boden setzte mit den kurzen Worten: »So, nun hilf du weiter, Hildegard!«

Unter der Tür stand der Schäferjakob – Hildegard kannte ihn wohl – und der schleifte den Phylax nach.

»Do is er,« erklärte er, »un wann der nit doll war, dann laß ich mich henke!«

»Will Er wohl warten, was das Fräulein Doktor sagt, he?«

»Und du kommst zu mir, Klein-Großchen – bringst mir den Buben?«

Mühsam verhaltener Jubel klang in der Stimme, aber in den Augen sah gleichwohl der Schalk.

Klein-Großchen zuckte die Achseln und tat sehr gleichgültig.

»Vorwärts, mach deinen Hokuspokus bei dem Häuflein Menschenelend da; der kleine Bursch hat Schmerzen. Mit dem Hund wird es ja wohl weiter keine schlimme Bewandtnis haben, denke ich. Mir kommt es eher vor, als ob er sich irgendwie vergiftet habe. Aber ich will deiner Weisheit nicht vorgreifen! Wie gesagt, versuche deine Kunst; ich drücke mich. Er kann den Buben mit dem Wagen heimbringen, Jakob, wenn das Fräulein Doktor mit ihm fertig ist. Ich sorge auch für Ersatz; die beiden zweibeinigen Schäferhunde draußen dürften auf die Dauer doch nicht genügen.«

»Ich dank' auch vielmals, gnädig Frauche,« grinste der große Jakob.

Der kleine aber heulte lauter, und nun war er die Hauptperson. Fräulein Doktor Hildegard versorgte seine Wunden nach allen Regeln ihrer Kunst. Zur Vorsicht brannte sie diese auch aus, was dem kleinen Jakob viel Geheul, dem großen aber mehr Schweißtropfen entlockte, als wenn er hinter einem Dutzend verlaufener Schafe hätte hersteigen müssen.

Es sei hier eingefügt, daß die Vorsicht des Ausbrennens sich später als unnötig erwies. Klein-Großchens Erklärung war richtig; der Phylax hatte irgendwo Gift aufgelesen.

Fräulein Doktor Hildegard hatte der Großmutter einen leuchtenden Blick nachgeworfen, als sie etwas überstürzt Abschied nahm, und in dem »Auf Wiedersehen, Klein-Großchen!« hatte eine warme Freude durchgeklungen. Daran dachte Klein-Großchen eben, als sie sinnend durch den alten Garten dem verwitterten Tor zuschritt.

»Ein tüchtiges Frauenzimmer,« brummte sie vor sich hin, und das mußte wohl dem Fräulein Doktor gelten. »In der hast du dich mal gründlich versehen, wie überhaupt in der ganzen Frauenkuriererei. Je, ja, was man nicht alles erlebt! Aber Kopf hoch, Friedel Polten: irren ist menschlich. Doch wen haben wir denn da? Wahrhaftig, die Herrschaften von Rödershof! Alle Wetter, wie vornehm!«

Dort stand sie an dem alten Gartentor und sah mit hellen, lustsprühenden Augen einem sehr feinen Gefährt entgegen, das eben weiter unten um die Straßenecke bog. Pferde, Geschirr, Wagen, alles war von erlesenem Geschmack, und so war der Anzug des Rosselenkers, der voll Würde und Hochmut auf seinem Sitz thronte, jeder Zoll der feine Herrschaftskutscher.

Klein-Großchen besah sich das daherkommende Gefährt und lachte in sich hinein.

»Feiner Aufzug – was, mein Klaus? Du und ich, wir sind nie so fein gewesen. Ja, ja, der Fritzel und die Änne! Da muß alles eine Art haben. Putzige Welt!«

Im Wagen saß eine Dame, sehr elegant, dem Wagen entsprechend; die sah nun die kleine Gestalt dort am alten Gartentor und jubelte: »Klein-Muttchen, wie fein, daß ich dich treffe! Komm, das Brautpaar holen!«

Aber die Angerufene winkte ab.

»Wo werd' ich! Das würde dir nur die Wirkung verderben. Mein Alltagsfrack sticht zu sehr ab von deiner Auftakelung.«

»Was liegt daran! Sei nicht eigensinnig, Klein-Muttchen!«

»Laß mich in Frieden, basta!«

Damit war es abgemacht. Lachend sah Frau Änne der flinken Gestalt nach, die geschmeidig um die nächste Ecke huschte. Lachend winkte diese noch einmal, ehe sie verschwand.

Ein Mißverstehen gab es nur selten zwischen Frau Friedel und den Ihren.

Daheim in Dresdorf war schon alles zum Empfang der Braut bereit. Irmingard sollte mit Mutter Li dort wohnen, während der Bräutigam auf Rödershof bei seinem Freund, dem gewesenen Hauptmann Fritzel, abzusteigen gedachte.

Als er nach jener denkwürdigen Manöverzeit vor nunmehr zweieinhalb Jahren von seinem Quartier in Rödershof auszog, da wußte Oberleutnant Hemsen, daß er nicht als derselbe ging. Das Schicksal hatte ihn neben die blonde Irmingard gestellt, und die Anwartschaft auf das dauernde Recht für diesen Platz erbat er sich dann sehr bald im Winter in Irmingards Elternhaus.

Die Blonde hatte sich nicht geweigert, hatte aber die eine Bedingung gestellt, daß sie erst für mindestens ein Jahr die Stellung als Haushaltslehrerin ausfüllen dürfe, zu der sie sich vor jener Begegnung mit dem Oberleutnant Hemsen verpflichtet hatte. Eltern und Bräutigam waren sehr dagegen gewesen, doch die Blonde hatte fest auf ihrer Forderung bestanden. Und eine war dabei ganz auf ihrer Seite: Klein-Großchen.

»... denn seht ihr, Kinder: mir gefällt's, daß die Blonde zuerst an die Pflicht denkt. Ich, zu meiner Zeit – – na, Gott sei Dank, daß sie blond ist!«

So ließ man der Blonden denn den Willen, und die Zeit ging mit Siebenmeilenstiefeln. Ehe man es sich versah, stand der Lenztag in Sicht, an dem die Hochzeit stattfinden sollte. Und ehe man wußte wie, war er schon vor der Tür.

Sie hatten in Rödershof Polterabend gefeiert. Die blonde sanfte Braut war von Geschwistern, Vettern und Basen weidlich geneckt worden.

Die stürmischste Freude hatte es bei alt und jung erregt, als Klein-Großchen, ohne daß jemand sie dazu aufforderte, mit der Geige erschien, diesem Freund, Tröster und Freudespender ihres reichen Lebens. Kein lautes Hallo hatte sie diesmal empfangen. Sie wußten und ahnten, daß dem Entschluß zu spielen viel inneres Widerstreben vorangegangen sein mußte. Denn es war das erstemal seit jenem ersten Schmerz ihres Lebens, daß Klein-Großchen die Geige wieder vorsuchte. Und dies war nur der blonden Enkelin zuliebe geschehen. Klein-Großchen wußte, welchen Herzenswunsch sie der Blonden damit erfülle, die zu bescheiden gewesen war, ihn laut werden zu lassen.

Da stand sie denn mit ihrer Geige, und diese fand Töne, so warm und so tief, wie sie sie nie zuvor gefunden hatte. Eines Lebens Erleben klang darin. Und das schmale Gesicht, das sich darüber neigte, zeigte nicht viele Altersfältchen und Furchen, aber in den hellen grauen Augen stand, was in Friedel Poltens Augen einst nicht gestanden hatte: auch eines Lebens Erleben. Ungebeugt trug die schmale Gestalt den seinen Kopf; aber über dem lag des Alters Schnee, leicht angedeutet, doch unverkennbar.

»Klein-Großchen wird immer schöner,« sagten die Ihren. »Wie das wohl kommt?«

Hildegard, die Besinnlichste unter der Enkelschar, fand die Antwort: »Weil ihr innerer Mensch allmählich herauswächst.«

Und dies ist das Geheimnis bei vielen Gesichtern, von denen die Jugend längst gewichen ist, die aber dennoch zu fesseln verstehen, wie sie es einst mit glatter Haut und roten Wangen kaum taten.

Als die Geige ausgesungen hatte, legte Klein-Großchen sie still in den Kasten. Es war ein Zärtlichkeit dabei, als ob sie ein Lebendes zur Ruhe bette.

Die Ihren umstanden sie. Ungewiß schaute sie sich im Kreise um; ihre Augen brannten. Und rings sah sie viel mühsam eingedämmte Rührung. Da wurde mit einem Male die ganz junge Friedel Polten von einstens wach.

»Kinder, Fisimatenten und Zuckerwasser sind mir greulich – das wißt ihr. Man kann sehr viel fühlen und braucht doch wenig zu sagen. So wollen wir's auch weiter zusammen halten, ja? Ihr Friedel, Eulenaugen stehen euch kein bißchen – tut doch nicht so!«

Die zwei hatten ihren Nasenstüber weg, ehe sie wußten wie. Damit war das Gleichgewicht in der allgemeinen Stimmung wieder hergestellt.

Beim Heimweg durch den Wiesengrund winkte sich Klein-Großchen die Braut an ihre Seite.

»Dies halbe Stündchen magst du mir opfern, Kind; ein langes Leben liegt vor euch.«

»Aber wie gerne, Klein-Großchen!«

Die blonde Braut schmiegte sich an die Großmutter, und sie hat danach diesen Abendweg durch den Wiesengrund nie vergessen! An manchem Kreuzweg ihres Lebens gab ihr ein Wort die Richtung, das Klein-Großchens Mund damals für die junge bräutliche Enkelin fand. Das Leben hatte allmählich gar weise Worte in Klein-Großchens Mund zu legen gewußt, in den Mund, der einst Friedel Poltens froher unbekümmerter Plappermund gewesen war. Ein gar erstaunlicher Lehrmeister ist das Leben; keiner entgeht seinem Zausen, dafür auch die wenigsten seinem Lohnen.

»Glücklich sein wollen,« sagte Klein-Großchen zu der jungen Braut, »heißt glücklich machen. Das merke dir, und dann das: wer nichts ins Leben hineinträgt, der holt auch nichts heraus. Ich kann mich nicht hinsetzen und sagen: ›So, nun mache mich gefälligst glücklich!‹ Selbst muß ich das Beste dazu tun. Geben, geben, geben, Kind – das Ernten kommt dann von selbst. Und lachen, Kind, wenn einem auch einmal nicht danach ist! Lachen hilft Berge versetzen. Lachen macht stark; es überbrückt Abgründe. Du weißt, daß ich damit nicht das leichtsinnige, gedankenlose Lachen meine, sondern jenes, das aus dem Herzen kommt, wo es am tiefsten ist. Und nun wären wir ja in dem alten Dresdorf angelangt. Gute Nacht, mein lieber Enkelsohn, und nimm's nicht krumm, daß ich der da den Blondkopf noch ein bissel gewaschen habe; es geschah auch in deinem Interesse. Sie ist aber ein gutes Kind – mach sie glücklich, hörst du?«

Der also Gemahnte klappte die Hacken zusammen und küßte Klein-Großchens Hand, was die sonst nicht mochte; heute aber ließ sie es ungerügt geschehen. Die Blonde tat wie er...

Im Dresdorfer Herrenhaus waren zwei Fenster noch hell die Klein-Großchens. Es klopfte an die Tür.

»Herein, meine Lisa! Ich weiß doch, daß du es bist.«

»Es zog mich zu dir; ich wußte, daß du noch wach bist.«

»Erinnern hält wach, und in unseren Jahren summiert sich das Erinnern zu einem kaum zu bewältigenden Schatze,«

»Einem Schatze, Friedelchen? Bedingungslos?«

»Bedingungslos, Lisa! Wolltest du ein Glied in der Kette missen, und wenn es Schmerz bedeutete?«

»Nicht eines!«

»Und wenn wir beide die Summe ziehen, Lisa: unser Leben ist köstlich gewesen.«

»Ja, köstlich – jedes in seiner Art.«

»Nur mit dem Unterschied, daß du es verdientest, weil du immer ein Mustermensch warst, und ich – na, Schwamm drüber! Ich möchte wissen, wohin ich ohne meinen Klaus gekommen wäre.«

»Du hast ihn sehr glücklich gemacht.«

»Hab' ich? Daß ich nicht lache! Er hat sein Kreuz eben geduldig auf sich genommen und hat trotzdem glücklich sein wollen. Das war's, Lisa!«

»Meinst du? Und wir anderen alle? Ich – deine Kinder – die Enkel? Bist du auch für uns ein ›trotzdem‹? Hast du das Gefühl? Mach mir nichts vor! Aufrichtig warst du immer, Friedelchen.«

»Ihr habt mich eben lieb, wie ich bin, weil ihr's nicht anders wißt und es auch nicht ändern könnt.«

»Gott sei Dank dafür! Bleib, was du bist, bis zum Ende, und du bist unser aller Glück.«

Frau Friedel hatte aufbegehren wollen, wie sie es stets tat, wenn sie sich weich werden fühlte; aber statt dessen legte sie die Arme um die Schwester.

»Ich danke dir, meine Lisa,« und sie lachte dazu wie ein verschämtes junges Mädchen, wobei ihr die Tränen über die Backen liefen, die sie unwillig wie je wischte.

Dann schob sie die Schwester mit einem Ruck gegen die Tür, hinaus.

»Du, Fisimatenten hasse ich; das weiht du. Werd' mich auf meine alten Tage noch weich machen lassen! Fort mit dir, basta!«

So zankte Frau Friedel, und es war, als ob man Friedel Polten von einstens poltern höre. Danach aber sah sie noch lange in ihrem Zimmer, starrte ins Licht, hatte die Hände gefaltet und ein Verträumtes, Weiches um Mund und Augen, das niemand je da geschaut hatte, vielleicht Vater Klaus ausgenommen, der sein Weib ja am besten kannte von allen Menschen auf der Welt, sein Friedelchen mit all ihren Vorzügen und – Schattenseiten. Nicht einmal Papa Polten hatte »Jungchen« so gekannt.

An Frau Friedels Augen zog ihr Leben vorüber von jenen tollen Kinder- und Mädchentagen an, hinein in die Ehezeit, wo ihr Klaus als Hüter neben ihr ging und er und die Kinder ihr allmählich zu dem nötigen Ernst verhalfen, ohne den ein richtiges Leben, wie es sein soll, nun einmal nicht vollständig ist. Und dann kamen die Enkel! Immer mehr Sonne, immer mehr Glück! Bis dann der große, der eine Schmerz kam. Aber in lastende Nacht hatte auch er ihr Leben nicht zu tauchen vermocht. Sie hatte noch so viel zu lieben, so vielen viel zu sein; das war Glück genug. Sie hatte Unsagbares verloren, aber sie war nicht arm geworden. Noch konnte sie geben, geben, geben. Und wer das kann, der empfängt – nein der hat!

*

Der große Saal war zur Feier geschmückt. Soeben hatte Frau Friedel sich noch einmal überzeugt, daß alles in Ordnung war; sie hatte auch im Untergeschoß zum Rechten gesehen und die letzten Befehle für die Festtafel gegeben. Da war ihr das Erinnern an ihre Mädchenküchenlehrzeit unter der alten Babette Herrschaft gekommen, und sie mußte vor sich hin lachen.

Was hätte die gute alte Gestrenge gesagt, wenn sie heute ihre Friedel hätte sehen können, als würdige Herrscherin Befehle erteilen! Mit welchem Stolz hätten sie diese nachträglichen Ergebnisse ihres damals fruchtlosen Mühens erfüllt! Und Tante Lenchen erst, die Treue, Gute! Nun, sie hatte ja noch die Gutsherrin von Rödershof erlebt, wenngleich auch diese noch immer nicht ihrem Ideal von einer Frau, wie sie sein sollte, von Mutter und Gattin entsprach.

Das Lachen lag noch um Klein-Großchens Mund, als sie nun an Fees Zimmertür klopfte und bei der Tochter eintrat.

»Klein-Muttchen, daß du jetzt eben Zeit für mich findest! Ich bin so froh, denn gerade wollte mich das Heimweh nach meinem Kinde beschleichen, von dem ich heute nur dies Stückchen Papier in Händen halte, statt ihr liebes Selbst samt dem kleinen Kroppzeug. Klein-Friedelchen kenne ich ja noch gar nicht, und sie soll noch süßer sein als der kleine Klaus, sagt die stolze Mutter. Es ist jammerschade, daß die Kleine den Husten – –«

»Ja, da ist denn leider nichts zu machen, Fee. Ich hab's ja gleich gesagt: wie konnte Gladys das Schicksal so herausfordern und noch einmal eine Friedel Rödern unter die Sonne stellen wollen! Ein Glück noch, daß sie wenigstens einen Klaus daneben hat; das macht mich etwas zuversichtlicher. Daß wir nun den Lutz heute auch nicht sehen, tut mir leid, aber natürlich kommt er nicht allein; er ist solch ein Haushammel geworden, der alte Junge. Dein Findling hat ihn glücklich gemacht. Gott segne das Kind!«

»Und mein Leben reich, Klein-Muttchen! Das Kinderheim allein hätt' es nicht getan.«

»Das hat sie, Fee, und drum ist sie uns allen lieb und wert geworden. Wer hätte das von dem Kuckucksei von einst gedacht! Wie war ich blind, Fee!«

»Mein Klein-Muttchen!«

»Man lebt, um gutzumachen, basta. Daß du mir liegen bleibst, solange du kannst, Fee! Es gibt einen anstrengenden Tag. Du brauchst dich auch nicht so lange schön zu machen, du stichst sie doch alle aus. Was ist denn nun wieder los?«

Das galt einem bescheidenen Pochen an der Tür, und »Herein« rief Klein-Großchen, nicht eben liebenswürdig.

Ein Kopf wurde sichtbar und eine Hand, die ein Papier hielt.

»Ewe hat der Müller des gebracht, und er secht, der jung Herr – –«

»Her damit! Ich werde schon selber sehen – brauche den Müller nicht dazu! Übrigens werde ich mir dies Geschnüffel mal verbitten müssen; solche Depesche scheint ja Gemeingut zu sein für alle Welt.«

»Es war doch immer so, Klein-Muttchen; man nimmt eben mehr Anteil auf dem Land.«

»Man könnte es auch Langeweile und Neugier nennen, wenn man nicht Fee Rödern heißt. Was wartest du, Grete? Rasch wieder an die Arbeit!«

Beschämt zog das Mädchen den Kopf zurück und puffte im Schreck die Tür nachdrücklicher zu als einem guten Dienstboten erlaubt ist.

»Aus der wird nie was,« brummte Frau Friedel; es erwies sich aber, daß ihre üble Laune mehr dem Inhalt der Depesche als der Grete Sünde galt.

»Ich sag's ja! Das kommt davon, wenn man die Nase in anderer Leute Händel stecken muß! Da, der Gunter drahtet hier, daß er nicht kommen kann, weil er einen Termin überraschend auf heute hat ansetzen müssen. Der alberne Junge! Am Hochzeitstag seiner Schwester! Das alberne Studieren, ich sag's ja! Ich muß nur gleich der Irmingard – – –«

Damit war Klein-Großchen zur Tür hinaus, und die knallte zu, daß es dröhnte. Der Grete Vorstoß von zuvor war dagegen ein sanftes Tippen gewesen.

über Fees Gesicht lief ein Lachen und ein warmer Schein.

»Mein Klein-Muttchen! Immer dieselbe – Gott sei Dank!«

Ein paar Türen weiter sprudelte Klein-Großchen schon ihre Entrüstung über Studieren im allgemeinen und Rechtsgelehrte im besonderen in die Ohren der blonden Braut. Sie fand aber nicht das Echo, das sie erhoffte. Wer hätte auch solches von der blonden Irmingard an ihrem Hochzeitsmorgen erwarten können?

*

Weit war die Tür des Dresdorfer Herrenhauses geöffnet. Beide Flügel waren zurückgeschlagen. Die Sonne hatte ungehinderten Zutritt bis zu der breiten Treppe hinten in der Halle. Festgewinde zogen sich um die Tür; Maien waren zu beiden Seiten angebracht.

Auf der obersten Stufe der Freitreppe stand schon das Brautpaar, zum Kirchgang bereit. Die Sonne liebkoste den blonden Scheitel der Braut und umzauberte ihn mit einem Glorienschein.

Am Fuß der Treppe hielten sich Leni und Lisi bereit, Blumen auf den Weg der blonden Braut zu streuen. Sie kamen sich so wichtig vor wie die Braut selber, ja wichtiger; ohne sie wäre es doch entschieden nicht gegangen.

Hinter dem Brautpaar drängten sich die Ihren und die geladenen Gäste alle, eine stattliche Zahl. Die große Dresdorfer Halle hatte Mühe, sie zu fassen.

Alles war bereit und in Erwartung. Gleich würden die Glocken einsetzen, das bräutliche Paar auf seinem Gang zu geleiten. Man sah die Dorfleute neugierig spähen, die Kinder sich in Haufen drängen.

»Weshalb geht es denn nicht vorwärts?« fragte eine Stimme im Hintergrund der Halle, Klein-Großchens Stimme, und leichtes Grollen lag drin.

Niemand antwortete. Mutter Lu und Mutter Li steckten die Köpfe zusammen, die sehr rot aussahen. Ein Raunen wie »die Friedel« ging durch die Versammlung.

Durch Klein-Großchen zuckte es wie ein elektrischer Schlag. Sie preßte den Arm der neben ihr stehenden Schwester.

»Um Himmels willen, nicht rufen, Lisa, oder es gibt ein Unglück!«

Frau Lisa lachte in sich hinein. Sie wußte, was Klein-Großchen durch den Kopf ging. Und ihr Sinnen lief zurück zu jenem Tage, da sie selbst als blonde Braut dort unter der Tür gestanden hatte. Damals war auch eine Friedel Ursache der Verzögerung gewesen; damals – –

Fast hatte sie aufgeschrien, so schmerzhaft preßte die Schwester ihren Arm. Zugleich schallten die Stimmen von Frau Lu und Frau Li nach ihren beiden Friedel durch das Haus, und zwar mit einem Nachdruck, der jeden zur Eile getrieben hätte.

»Da, die Unglückswürmer, die Li und die Lu! Nun haben wir die Bescherung.«

Atemlos flüsterte es Klein-Großchen, und drückte Frau Lisas Arm noch heftiger.

Oben an der breiten Eichentreppe waren zwei weiße zierliche Gestalten erschienen.

»Gleich – gleich! Da sind wir ja schon,« riefen zwei helle klingende Stimmen, und – – – – in Sprüngen wie junge Jagdhunde setzten die zwei Gesuchten die Treppe herunter, immer ein paar Stufen zugleich nehmend.

Schön war es nicht, auch nicht anmutig; aber schnell ging es. Unten prallten sie gegen zwei junge Herren, die bereit standen, den beiden den Arm zu bieten und sie zur Kirche zu geleiten. Die kamen sehr aus dem Gleichgewicht; es hatte einige Schwierigkeit, bis die zwei Paare sich zurechtfanden, und alle vier waren rot und heiß, die Friedel vor unterdrücktem Lachen, ihre Ritter vor unterdrücktem Ärger. Sie waren noch in dem Alter, in dem man jeden Verstoß gegen die Würde übel aufnimmt.

»Du, ich hab's fixer und flotter besorgt – damals, Lisa – weißt du noch?«

Klein-Großchens Augen blitzten so voll Schelmerei und Necken, wie nur die von Friedel Polten einst geblitzt hatten.

Doch jetzt setzten die Glocken ein, und bei ihren Klängen trat alles Irdische weit zurück. Das Brautpaar schritt über den Hof. Leni und Lisi streuten ihre Blumen. Die Sonne schien golden, und die Vögel jubelten. Alles, wie es an einem richtigen Hochzeitstage sein muß.

Paarweise schloß sich das Geleite dem Brautpaare an. Unsichtbar zogen warme Wünsche mit. Neben Tante Lisa aber und Klein-Großchen schritt die Erinnerung an einen Tag, weit, weit dahinten, der just so golden gewesen war. Und die Erinnerung wußte so freundlich und lind zu erzählen, daß dem »es war« der Stachel fehlte.

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