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Klein-Großchen

Henny Koch: Klein-Großchen - Kapitel 6
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authorHenny Koch
titleKlein-Großchen
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
illustratorR. Gutschmidt
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Fünftes Kapitel: Der Dinge Gang

Drei Jahre später. Golden und friedsam, wie sie es von je getan hat und noch weiter tun wird, solang die Erde steht, schien die Sonne auf den Wirtschaftsgarten in Rödershof nieder. Es bekümmerte sie in ihrer goldenen Friedsamkeit wenig, was die Menschlein da drunten trieben, ob sie fröhlich und weise ihres Weges gingen und das taten, was die Stunde just forderte, oder ob sie sich bäumten und bockten gegen an sie gestellte Zumutungen.

So wie es die zwei da eben taten in voller Aufsässigkeit!

An den beiden Friedel waren die drei Jahre spurlos vorübergegangen, was das Wachsen im Geiste anlangt. Körperlich hatten sie sich ein wenig gestreckt – eine achtunggebietende Höhe war es freilich noch immer nicht – innerlich waren sie die geblieben, die sie gewesen waren: Strudelköpfe, an denen der Zuchtmeister Leben noch gar manches zu tun haben würde. Aber herzensgute und herzenswarme Mädchen waren sie, und ihren lustigen Schelmenaugen widerstand niemand. Trotzdem bockten sie eben wie die schlimmsten Dickköpfe.

»Pisacken lassen wir uns nicht!«

»Nee, das lassen mir uns nicht gefallen.«

»Wenn sie das denkt, schneidet sie sich!«

»Ja, gewaltig.«

»Mehr als eine Stunde diese albernen Johannisbeeren pflücken, das kann uns niemand zumuten.«

»Auch die Irmingard nicht, und wenn sie zehnmal ihr Haushaltsexamen gemacht hat und sich bläht wie ein Pfau, weil sie uns von ihrer Weisheit abgeben soll!«

»Du – sie ist aber so gut und sanft!«

»Ach was – allzugut ist dumm!« Das war Friedeli, die sich als Schwester dergleichen Liebenswürdigkeiten gestattete.

Friedelu, als Bäschen, vergaß diesmal das Echo.

»Nee, du, ich mag sie,« entgegnete sie.

»Ach was! Sie hat sich zu viel, weil Klein-Großchen uns ihr als Helferinnen untergestellt hat. Sonst war sie ganz leidlich.«

Da besann sich Friedelu auf etwas.

»Du, neulich hab' ich gehört, wie sie dem Gunter sagte, die Wirtschaft führen sei gar nichts gegen uns zu meistern.«

Friedeli erboste sich:

»Die – die Sanfte? Du, wir streiken!«

»Hurra, wir streiken!« Sie sprangen auf, wobei sie die Körbe mit den bereits gepflückten Beeren umstießen. Sie hatten am Boden hinter den Sträuchern gekauert, und die Glieder waren ihnen steif geworden. Da mußten sie sich erst einmal unterfassen und einen Wirbeltanz aufführen. Daß dabei auch von den verschütteten Beeren gar manche unter die Füße gerieten, tat weiter nichts.

Aber Friedelu sah es dann doch.

»O weh,« sagte sie, »wie wird Irmingard schelten!«

»Das kann sie ja gar nicht,« versetzte Friedeli, und es war fast etwas Geringschätziges in ihrem Ton) aber ein gutes Herz hatte sie doch. »Du, laß uns die Beeren wieder einraffen! Sie dauert mich.«

»Meinethalben!«

Emsig füllten sie die Früchte wieder in die Körbe.

»Und dann streiken wir,« wiederholte Friedeli.

»Hurra, dann streiken wir!«

Bald waren die Beeren in den Körben, eine Fülle glänzend roter Träublein. Friedeli hielt sich ein Büschel davon hinter die Ohren.

»Wie gefall' ich dir?«

»Putzaff',« kritisierte Friedelu, mehr kurz als höflich.

Aber sie hatte desgleichen ein Bündel in Händen, raffte nun einen langen zähen Grashalm auf, und es machte sich ganz von selbst, daß sie ein Kränzlein von den Beeren zu winden begann, eine Erinnerung aus Kindertagen, wo man dergleichen mit Gänseblümlein machte.

Friedeli tat wie Friedelu, wie es die beiden stets zu halten pflegten. Dann setzten sie sich gegenseitig die Kränze ins wirre Gelock. Die roten glänzenden Träublein sahen gar niedlich auf den Wuschelköpfen aus, und die braunen Schelmengesichter lachten sich vergnügt und wohlgefällig an.

»Du, gar nicht übel!«

»Nee, gar nicht übel!«

Die Jungmädcheneitelkeit, die sonst bei den beiden noch im festen Kinderschlaf lag, regte sich. Zwei Traubenbüschel hinter die Ohren dünkten ihr noch eine große Verbesserung des niedlichen Bildes und – waren es auch.

»Du, fein!«

»Aber nun fort, eh' sie kommt und uns aufhält!«

»Ja, fort – nur fort!«

Sie hielten sich an den Händen, und es ging im Tanzschritt den schnurgeraden Kiesweg entlang bis dorthin, wo ihn die Mauer vom Wiesengrund trennte. Für die zwei Herantanzenden mit den roten Beerenkränzlein bildete die Mauer weiter kein Hindernis. Es war gewohnter Weg und gewohntes Tun, eine Mauer zu überqueren. Da mußte schon anderes kommen, die beiden aufzuhalten.

Was dies hätte bewerkstelligen können, erschien zu spät, nämlich die blonde sanfte Irmingard, die vom Hause her nahte und noch eben die zwei bekränzten braunen Wuschelköpfe hinter der Mauer verschwinden sah. Sie wußte, daß Rufen vergeblich sein würde. Als der kluge Mensch, der sie war, unterließ sie es darum lieber ganz.

Sie sah die gefüllten Körbe und lächelte nachsichtig. Geduldig machte sie sich daran, die noch übrig gebliebenen Büsche ihrer roten reifen Last zu entleeren. Dabei dachte sie, wie wahr es doch sei, was sie neulich ihrem großen Gunterbruder geklagt hatte, daß sie lieber zehn Jahre lang die Wirtschaft auf Rödershof führen wolle, als nur drei Monate verantwortlich sein für die zwei Friedel.

»Arme Dinger, was können sie dafür?« hatte der große Bruder gesagt, und die zwei hatten sich verständnisinnig in die Augen gelacht.

Daran dachte die blonde Irmingard und auch daran, wie sie in diesem Probesommer auf Rödershof beweisen wollte, was sie gelernt habe. Ihr Wunsch, ihre Kenntnisse zu verwerten, war ja nicht unbegründet. Mutter Li war noch so frisch und tätig; eine Stütze brauchte die nicht. Und Vater hatte viele Kinder; es würde gut sein, wenn seine Älteste versuchte, es ihm leichter zu machen.

So sann die blonde Irmingard. Dabei schafften ihre Hände gar flink; als ob Heinzelmännchen am Werk seien, leerten sich die Büsche. Und es war noch früh am Tage, eine volle Stunde bis zum Frühstück!

Derweilen streiften die zwei Flüchtlinge Hand in Hand, erst durch den Wiesengrund, dann ins Waldesgrün hinein. Auch hier brauchten sie keinen begangenen Pfad; sie kannten allerwärts die Richtung und gingen eben der Nase nach.

So kamen sie nach fröhlichem, unbekümmertem Hin und Her schließlich an den steilen Grasrain, der nach der Loberger Landstraße abfiel. Rechts führte sie ins Städtchen, links nach Rödershof Sie lag in der Sonne und war wie ein Lichtband, das sich durchs Waldesdunkel hinwand. Ginstergestrüpp grenzte die Höhe des Rains gegen die Waldbäume und deckte den Blick auf den Rain. Auf dem stand das Gras, mit Blumen bunt durchsetzt, schon hoch in Halmen.

»Du, es muß Frühstückszeit sein; ich bin hungrig.«

»Ich auch; mein Magen knurrt nur so.«

»Wenn wir nicht zur Zeit heim sind, schilt Klein-Großchen.«

»Je ja, das könnten wir auch noch brauchen! Wir sitzen schon tief genug in der Tinte. Los, eins, zwei, drei!«

»Los!«

Sie hatten sich an den Händen gefaßt, brachen durch den Ginster und setzten mit Sprüngen wie junge Jagdhunde den Rain hinunter.

Da erhob sich mitten im tiefen Gras, aus den bunten Blumen heraus, ein Hindernis. Sie konnten das Unerwartete nur umgehen, indem sie die Hände fahren ließen, und jede versuchte es mit einem gewagten Seitensatz. Dabei gerieten sie aus dem Gleichgewicht und kamen ins Schwanken. Erst inmitten der Straße gab es ein Stillstehen. Sehr anmutig war diese Talfahrt nicht gewesen; es hatte rechte Mühe gemacht, Kopf und Beine an dem ihnen von der Natur angewiesenen Ort zu halten und nicht etwa Hals über Kopf unten anzulangen.

In derlei Lagen fühlt man stets ein ärgerlich Beschämendes, wie immer, wenn der Mensch nicht Herr seiner selbst bleibt, und der erste Ärger richtet sich dann gegen das, was uns diese beschämende Lage brachte, Mensch oder Gegenstand.

Als die beiden Friedel ihr Gleichgewicht wieder hatten inmitten der Landstraße, wendeten sie sich mit roten Köpfen um nach dem, was sie so ins Wanken gebracht hatte.

Das war in diesem Fall ein Herr, der offenbar längelangs im hohen Gras des Rains gelegen hatte und sich nun aufrichtete, um sich seinerseits zu betrachten, was da wie die wilde Jagd an ihm vorübergesaust war. Ein Tritt auf seinen Kopf von diesen Sylphidenfüßen, die so hörbar traben konnten, wäre nicht eben ein großes Vergnügen gewesen.

Die beiden Friedel hatten sich nun wieder aus alter Gewohnheit an den Händen. Vier finstere Augen blitzten drohend in die zwei beobachtenden, offenbar sehr vergnügten des dort im hohen Gras Hockenden.

»Was tun Sie da?« fragte Friedelu, und Grollen lag in der Stimme.

»Ja, was tun Sie da?« erkundigte sich auch Friedeli. »Sie hätten uns fast stürzen machen,«

»Verzeihung, meine jungen Damen, ist dieser Rain Privatbesitz?«

So erkundigte sich der Gemaßregelte bescheiden. Er sprach sehr gutes Deutsch, und die zwei Friedel merkten eigentlich erst jetzt, daß es kein Vagabund war, den sie so kräftig zur Rede stellten. Das machte sie ein bißchen unsicher.

»Durchaus nicht, aber – – – Keineswegs, aber – –« Da saßen beide fest.

Der Herr weidete sich an der drolligen Verlegenheit in den braunen Schelmengesichtern unter den roten Beerenkränzen. Er murmelte etwas vor sich hin, das wie Lu und Li klang, es aber doch wohl nicht sein konnte. Vielleicht war es irgendein chinesisches Wort; der Herr kam wahrscheinlich weit her.

Inzwischen hatte sich Friedelu gefaßt; sie war stets die Fixere von beiden. Sie warf den Kopf hintenüber und sagte strafend: »Kurz und gut, ich finde es kein bißchen – kein bißchen – –«

»Ritterlich,« half Friedeli ein.

»Ja, kein bißchen ritterlich, sich da ins tiefe Gras zu legen und zu warten, bis – bis wir – bis –«

»Junge Damen,« half Friedeli wiederum ein.

»Ja, bis junge Damen über Sie stolpern. Guten Morgen!« Hoheitsvoll wandte sie sich.

»Guten Morgen,« sagte auch Friedeli und drehte sich noch hoheitsvoller um.

Wie die Königinnen schritten sie die Landstraße hin, bis sie eine Biegung machte; dort kommandierte Friedelu: »Jetzt aber los, was die Beine hergeben! Dem Menschen haben wir's ordentlich gesagt!«

»Ja, dem haben wir's gesagt!«

Sie flogen dahin, daß man die Sohlen ihrer Stiefel sah.

Der »Mensch« hatte ihnen nachgesehen, bis sie um die Biegung waren. Es feuerwerkerte nur so über sein Gesicht: Überraschung, Wohlgefallen, vergnügliches Schmunzeln, unterdrücktes Lachen, Erinnerung und – ja, unverkennbar, etwas Weiches, Gerührtes wechselten in seinen Mienen, wie die ziehenden Wolken über die Erde Licht und Schatten malen. Wieder kam ihm jenes Wort vom Munde, das wie Lu und Li klang, es aber natürlich nicht sein konnte. Dann erhob er sich.

»Was tun Sie da?« fragte Friedelu.

Es war ein stattlicher, schöner Mann, nicht mehr in seiner allerersten Jugend, dafür gereift und ernst. Sein Gesicht war gebräunt, als ob es der Luft und dem Wetter viel ausgesetzt gewesen wäre. Sein Schritt war fest und federnd, wie er jetzt auf der Straße in derselben Richtung ging, in der seine zwei Widersacherinnen verschwunden waren. Und nun lag unverkennbar eine atemlose freudige Erwartung in seinem Gesichte.

Auf der Parkterrasse in Rödershof, dort, wo die Bäume ihren Schatten hinwarfen, saß die Familie beim Frühstück. Es war eine stattliche Runde. Hildegard und Gunter waren auch anwesend, erste, um sich von einem anstrengenden Winter zu erholen, der ihr den wohlklingenden Titel »Fräulein Doktor« eingetragen hatte, Gunter, um sich seinerseits der Doktorarbeit in genügender Sammlung hingeben zu können. Er beneidete die Base um den Schritt, den sie ihm voraus war, und wollte sie möglichst bald einholen.

Klein-Großchen betrachtete die beiden mit stolzem, aber etwas unbehaglichem Gefühl; sie blieb dabei, daß Studieren »eine alberne Sache« sei, »für Buben bedingungsweise, für Mädel aber allemal!«

»... denn siehst du, Klaus, was tut die Hildegard nun mit all dem gelehrten Kram, wenn sie einmal ihren eigenen Haushalt führen soll? Das überflüssige Zeug im Kopf wird ihr noch mehr zu schaffen machen als mir die Tollheiten, die in meinem steckten – was, Klaus?«

»Sie spart die Doktorrechnung, Friedelchen!«

»Ach was! Mit Lebertran, Eibisch- und Kamillentee kommt man wunderbar weit, auch wenn man nicht studiert hat – basta!«

»Du mußt es ja wissen, Friedelchen!« Mit solchem schmunzelnden Zugeständnis endete meist jede derartige Auseinandersetzung. Aber im innersten Herzen war Klein-Großchen doch unbändig stolz auf ihre beiden »Gelehrten«, und sie räumte ihnen mit liebendem Bedacht alles aus dem Wege, was sie irgend hätte stören können.

Eben trat die blonde Irmingard auf die Terrasse; sie hielt einen wundervoll gelungenen Napfkuchen hoch in den Händen. Ein Hallo begrüßte sie. Wie die Kinder haschten Hildegard und Gunter nach den gebotenen Stücken, wer das größte ergattere; Großvater und Großmutter blieben nicht dahinten.

»Base Hildegard« – Gunter lachte – »ein Tor, wer sich um die Knochen des Fischskelettes oder die Mikroben im Hühnermagen schert, wenn man auf solch billige Weise schon den Beifall der Menge erringt! Fein, Irmingard!« Er kaute mit vollen Backen.

»Diese Weisheit hätte früher kommen müssen,« tadelte Klein-Großchen.

Aber Irmingard, die Sanfte, wehrte sich bescheiden: »Du, ein Kuchen hat doch auch seine Gesetze!«

»Hat er?« Gunters Neckaugen sprühten sogleich.

Der Kuchen schien eine Gedankenverbindung in Großchen zu wecken.

»Herrje, wo sind die Friedel? Wer weiß von den beiden?«

»Sie haben fleißig Beeren gepflückt,« sagte die Sanfte, »und sind dann – hm – ein bißchen spazieren gegangen.«

»Ja, über die Parkmauer,« ergänzte Gunter. »Ich hatte das Vergnügen, den anmutigen Vorgang bewundern zu können.

»Arme Dinger,« seufzte Klein-Großchen, und allerhand Bilder stiegen vor ihrem Geistesauge auf. »Aber wo – –?«

Als Antwort tauchten die zwei Vermißten in Person weit unten im Baumgang auf. Mit Sprüngen wie Jagdhunde setzten sie daher und hatten die Nase wie diese witternd gehoben. Der Kuchenduft lockte sie wohl.

»Hallo, was für uns übrig lassen,« zeterten sie schon von fern.

»Eine feine Witterung« – der Großvater lachte – »alle Wetter, die haben sich ja niedlich aufgetakelt! Das lob' ich mir! Ich wußte gar nicht, daß Johannisbeeren auch so zu verwenden sind. Friedelchen, die beiden scheinen dir noch über!«

»Klaus!!!« Würdevoll schaute Klein-Großchen ihn an. »Was soll das heißen? Wer erlaubte euch, so mit meinen Beeren umzugehen?«

»Es wachsen doch so viele, Klein-Großchen.«

»Und – und wir haben eine Stunde lang mit Pflücken geschanzt.«

»Wie die Sklaven, Klein-Großchen!«

»Schon vor sechs Uhr!«

»Ja, und waren noch so müde«

De- und wehmütig bettelten sie, den Schalk in den Augen. Sie sahen wirklich niedlich aus mit den wippenden roten Beeren im Wuschelgelock, und sie schauten in Klein-Großchens Augen, daß sie gewonnenes Spiel hatten, noch ehe der Mund das erlösende Wort sprach.

»Hurra, und jetzt der Kuchen!«

Aber es stand im Schicksalsbuch geschrieben, daß sie sich dessen so bald noch nicht erfreuen sollten. Die Schicksalshand zog ihnen mit festem Griff das Stück vom Munde, das sie sozusagen schon in den Zähnen hielten.

Durch den Baumgang her, in den die Sonne goldene Lichtstreifen malte, kam ein Mann geschritten, eilig, als ob er den Spuren der Wildlinge folge. Die entdeckten ihn denn auch zuerst, wie sie sich eben weniger zierlich als nachdrücklich auf ihre Stühle setzen wollten.

»Herrje, Friedelu, der Mensch aus dem Gras!«

»Je, Friedeli, da kommt er wahrhaftig!«

Sie standen dicht zusammen, hatten sich unwillkürlich an den Händen gefaßt und starrten mit sehr Ungewissen Augen dem Ankömmling entgegen.

»Was kann er wollen, Friedelu?«

»Ja, was kann er wollen, Friedeli?«

Klein-Großchens Blick glitt ahnungsvoll über die beiden hin. »Natürlich irgend eine Dummheit! Ich ahnte es! Nun, wir werden ja gleich hören, was der dort – – – Aber, wer – – –? Ist denn das nicht – – –?«

Damit flog Klein-Großchen den Baumgang hin wie in ihren jüngsten Friedeltagen, flog dahin, daß ihr die Röcke wehten und die würdevolle Anmut dahinten blieb. Und sie flog geradeswegs dem fremden Mann an die Brust.

Die am Tisch zurückgeblieben waren, starrten ihr wortlos nach, die Enkel alle, voran die Friedel. Vater Klaus erhob sich erst halb. Dann war er auf den Gichtfüßen mit nie gesehener Schnelligkeit, und ebenso rasch trugen ihn diese nun gleichfalls dahin, wo ihm Klein-Großchen vorangeeilt war, an die Brust des fremden Mannes.

Dort, just in dem allerhellsten Sonnenlichtfleck, standen nun die drei fest umschlungen, standen so regungslos, als ob irgendein unsichtbarer Knipser gebeten hätte: »Nun bitte aber: recht ruhig, die Herrschaften!«

Ob dies den beiden quecksilbernen Friedel zu lange dauerte, ob sie die Fixesten im Rätselraten waren, jedenfalls stürmten sie als die ersten auf die zärtliche Gruppe los.

Aber da waren auch schon die drei Großen hinterher, und Gunter sagte: »Onkel Lutz! Das muß Onkel Lutz sein!«

Das fuhr den zwei Friedel in die Knochen. Sie standen, als ob ein Blitz vor ihnen niedergefahren sei, huschelten sich aneinander und tuschelten: »Herrje, du, das ist 'ne schöne Bescherung!«

»War ich sehr grob, Friedeli?«

»Na, es ging noch so an!«

Sie hingen bedenklich die Ohren und sahen sich in die Augen scheu und doch zugleich mit verstecktem Lachen.

»Ach was« – Friedelu warf zuerst den Kopf zurück – »laß uns ihn ganz toll begrüßen! Das überwältigt ihn vielleicht so, daß er nicht petzt.«

»Ja, und den Kopf wird's überhaupt nicht kosten!« Da hatte auch Friedeli das Gleichgewicht wieder.

Nun sausten sie hin und dem heimgekehrten Onkel geradeswegs an die Brust.

»Onkel! Onkel Lutz! Fein, daß du da bist! Riesig fein!«

Der hielt noch immer sein Klein-Muttchen im einen Arm und lieh sich den anderen von dem schütteln, der ihn eben gefaßt hielt. Er hatte die Augen in Klein-Muttchens Augen und einstweilen keinen Blick für irgendwen sonst. Erst wie die Friedel daherbreschten und ihn anrempelten, da erwachte er wohl, ließ aber Klein-Muttchen nicht los.

So kam es, daß Irmingard, die Sanfte, ein paar Augenblicke danach entfetzt ausrief: »Um Himmels willen, wie seht ihr aus! Friedel – die Beeren – –« Es verschlug ihr die Worte.

Und so kam es, daß, als sich die Gruppe löste, Onkel Lutzens blütenweißer Westenausschnitt, Klein-Großchens frisches Leinenkleid und der Friedel weiße Blusen rotgesprenkelt aussahen. Den zwei Friedel rannen dazu Saftbächlein über die braunen Gesichter, und wo sie mit den Händen wischten, wurde es nur noch schlimmer. Auch des heimgekehrten Onkels Antlitz zeigte verdächtige Spuren dort, wo die Saftküsse der Nichten hingezielt hatten.

Klein-Großchen, die natürlich auch nicht leer ausgegangen war, zankte: »Es ist doch nicht auszuhalten mit dem Gesindel! Marsch fort!«

»So streng, Klein-Muttchen?« Der Heimgekehrte lachte. »Es mahnt mich an den Tag, an dem du deine ausgekniffenen Söhne wieder zu dem Professor zurückbrachtest. Weiht du noch, Klein-Muttchen? Aber laß die beiden! Johannisbeersoße war mir immer besonders lieb, und für den Schaden ist Wasser und Seife da. Übrigens kennen wir uns bereits, meine Damen.« Das galt den beiden Friedel.

Da war die Bescherung. Klein-Großchens Augen waren nur empörte, lauernde Frage. Das konnte schön werden! Die Friedel zogen die Köpfe ein, nicht ohne gar beweglich dem neu geschenkten Onkel in die lachenden Augen zu blicken. Der verstand sie und räusperte sich.

»Wieso?« wurde nun Klein-Großchens ahnungsvolle Frage laut.

Aber der neue Onkel wußte Bescheid; er gedachte entschwundener Tage, da er einst selbst in ähnlichem Gedränge war.

»Hm – – – ich meinte nur so – an – der Ähnlichkeit natürlich! Klein-Muttchen, die zwei sind dir ja wie aus dem Gesicht geschnitten, dir und Lu und Li.«

»Ach ja, die armen Dinger, Lutz, was können sie dafür!« Klein-Großchen war ganz Mitleid, und die Gefahr war abgewendet.

Die glühenden Dankesblicke, die unter den roten Beerenkränzchen her dem Onkel zuflogen! Er nickte verständnisinnig zurück.

Wie dann die Begrüßung auch mit Hildegard, Gunter und Irmingard vorüber war, nahmen Vater Klaus und Muttchen Friedel ihren Ältesten zwischen sich und führten ihn im Triumph dem Vaterhaus, der Terrasse und dem Frühstückstisch zu. Da saß er und dehnte sich wohlig.

»Daheim ist doch das beste, Klein-Muttchen!«

»Dummer Lutz! Das hättest du früher wissen können! Weshalb bist dann erst auf allen Erdkugeln herumgefahren, statt schön daheim zu bleiben?«

»Ich brauchte eben just das halbe Dutzend, um diese Weisheit zu lernen, Klein-Muttchen; ich war immer ein bissel schwer von Begriff!«

Ein vergnügliches, aber unterdrücktes Kichern ging in die Runde.

»Dummer Lutz! Aber red jetzt nicht lang; hier greif zu! Du mußt ja grausam hungrig sein. – Kommst du geradeswegs vom Westen?«

»Vom Osten, Klein-Muttchen, vom Osten! Asien – –«

»Weiß ich, basta! Weiter!«

Dasselbe vergnügliche Schmunzeln auf allen Gesichtern, aber kein Ton wurde laut, und Lutz gab ernsthaft Bescheid: »Heute komme ich zunächst von Loberg –«

»Und du schämst dich nicht, Junge? Weshalb –?«

»Könnt' euch doch in der Nacht nicht stören, Klein-Muttchen – wollt' auch bei Sonnenschein daheim Einzug halten. Dann war ich aber noch vor der Sonne auf; sie war gerade heute recht langsam, und da hab' ich mich davongemacht. Die Loberger Landstraße habe ich gründlich begangen; ich habe Wiedersehen mit jedem Baum gefeiert, besonders mit denen, die jeweils ein Paar von meinen Bubenhosen auf dem Gewissen hatten. Weißt du noch, Klein-Muttchen? Dann habe ich mich ein bissel in die Sonne ins Gras gelegt; da schlief sich's besser als im Gastbett zu Loberg, und – – ja dann – –«

Ein bedeutungsvolles Räuspern füllte die Pause. Der Erzählende sah auf und in vier flehende braune Schelmenaugen; zwei Hände hatten sich bittend gegen den Mund gehoben. Er lachte vergnügt, nickte vergnügt und fuhr fort: »... ja dann hat mich irgend etwas geweckt. Ich sah, daß die Sonne mir derweil zuvorgekommen war und schon die halbe Welt vergoldete. Da dachte ich, nun sei es allerhöchste Zeit, mich nach meinem Klein-Muttchen umzusehen und – da bin ich!«

»Da bist du, Junge,« sagte Vater Klaus, und sagte es aus Herzensgrund; er hielt seinem Ältesten die Hand hin, und der faßte sie fest.

»Da bist du, Junge,« sagte auch Klein-Großchen, und sie fügte streng hinzu: »Und ausgekniffen wird sobald nicht wieder, basta!«

Lutz lachte in sich hinein. Er aß ein Weilchen stumm, was ihm die blonde Irmingard, das Hausmütterchen, eifrig zuschob, und dankte ihr mit manchem wohlgefälligen Blick. Dann wandte er sich Klein-Muttchen zu, und sein Blick neckte: »Wenn sie mich aber nun von Staats wegen am Ohrläppchen genommen haben wie einst Klein-Muttchen? Was dann?«

»Das heißt, Lutz?« fragte Vater Klaus.

»Sie haben mir eine Professur in Berlin angetragen, und ich habe nicht nein sagen können, Vater.«

»Das kommt von dem albernen Studieren; ich sag's ja immer,« zankte Frau Friedel. »Und wir? Und Rödershof? Du bist doch unser Ältester?« Sie hatte Tränen in den Augen.

Lutz sah betreten aus; sein Blick suchte den Vater, wie ihn der kleine Junge einst in allerlei Nöten zu suchen gewohnt war. Irgendwie bleiben wir immer Kinder, auch mit greisen Haaren.

Vater Klaus schob Frau Friedel die Hand hin.

»Laß gut sein, Friedelchen! So lange wir zwei uns haben, brauchen wir niemand sonst, und Rödershof findet seinen Herrn. Fitz bleibt nicht immer Soldat; er liebt das Land.«

»Basta,« sagte Frau Friedel, Zürnen, Necken und Gerührtes zugleich im Ton. »Laß die Fisimatenten, Klaus!«

»Aber ein Vierteljahr lang werdet ihr mich doch daheim dulden müssen; so lange glauben sie es in Berlin noch ohne mich aushalten zu können. Darf ich bleiben, Klein-Muttchen?«

»Dummer Lutz!« Er hatte seinen Nasenstüber weg, ehe er wußte wie. »Wie kann man nur so albern fragen?«

Er lachte und rieb sich die Nase.

»Au weh, Klein-Muttchen, der erinnerte an einst.«

»Ja, ja, wir sind dieselbe geblieben, stachelig von außen und innen von Wachs. Was, Friedelchen?« neckte Vater Klaus.

Das Geschick traf da auch ihn oder vielmehr seine Nase, und er rieb sie sich lachend gleich dem Sohn.

Als das Frühstück zu Ende war, rückten sie näher zusammen. Es gab ein lustiges Geplänkel zwischen dem heimgekehrten Onkel und der neu herangewachsenen Generation, die er nur kannte, wie sie als Mägdlein im Flügelkleide oder als Hosenmätze Rödershof unsicher gemacht hatten, zum Schreck der jungen Onkel, denen die Ferien daheim nicht eben verschönert wurden durch diese Nichten- und Neffenüberschwemmung. Jetzt wußte er die jungen Verwandten besser zu bewerten und freute sich des frohen Lebens, das in der Heimat aufgeblüht war, derweilen er in der Fremde weilte.

Er ließ sich von allem berichten, was in den Zwillingshäusern Western noch an Kleinzeug kribbelte und krabbelte. Er fragte nach Frau Lu und Frau Li und nach den landesgerichtsrätlichen Schwägern. Von den Soldaten in der Familie mußten sie ihm sagen, von Bruder Fritz und dem Neffen Walter.

»In den Sommerferien kommen sie alle,« sagte Klein-Muttchen, »da feiern die Rangen – ich meine Lu und Li – ihre silberne Hochzeit. Wo sind die Jahre hingekommen, Klaus!«

»Ja, wo sind sie hingekommen!«

»Es waren gute Jahre!«

»Das waren sie, Friedelchen!«

Sie gaben sich die Hände, der Großvater und die Großmutter, und die Enkel hatten leuchtende Augen.

»Ich möchte Fee überraschen,« sagte nun Lutz und stand auf.

»Tu das, mein Junge! Grüß auch schön und sage, zum Nachmittag erwarte ich sie alle. Wir müssen doch deine Heimkehr feiern.«

»Ein Kalb schlachten, Klein-Muttchen?«

»Dummer Junge!« Diesmal bekam er einen Kuß, obwohl es die anderen alle sahen. – – –

Da, wo sich der Bach durch den Wiesengrund schlängelte, nahe bei der Dresdorfer Parkmauer, stand eine schöne alte Weide. Sie überschattete eine kleine Holzbrücke, die hier das Wasser überquerte.

Dies war der Lieblingsplatz von Gladys. Wenn sie irgend konnte, hielt sie sich hier auf. Nirgends sangen die Vögel so lieblich, wie in dem Geäst der alten Weide und nirgends sonst blühten die Blümlein so reich und farbenbunt wie in der Wiese längs des Baches. Auch die kleine Käferwelt summte und schwirrte hier in der Sonne lustiger als wo anders, und unter dem Brücklein schnellten sich muntere Fischlein der Sonne zu, daß sie blinkten wie eitel Silber.

Da konnte Gladys sitzen und nicht müde werden, sich an Gottes Wunderwelt zu erfreuen. Alles, was in ihr finster gewesen war, trotzig und verstockt, das hatte sich gelöst in dieser Sonne, in dieser Wärme. Früher hatte der Waldesschatten nicht dicht genug sein können, durch den sie ihren Weg nahm. Tante Fees Liebe, die nimmermüde, hatte sie herausgelockt ins Licht, so daß sie sich dessen freuen konnte und ihr dies Sonnen- und Lichtplätzchen hier am plätschernden Bach unter der alten Weide auf der Sonnenwiese so lieb wurde.

Als sie damals vor drei Jahren in jener Maiennacht wieder in den Hafen kehrte, an Tante Fees Herz zurück, als bedauernswertes Schifflein, dessen Segel der Sturm zerfetzt, dessen Steuer er zerbrochen hatte, als sie dann nach langer Krankheit dem Leben wiedergeschenkt war, sich erholte und zu Kräften kam, da hatte ihr Tante Fee, die Selbstlose, angeboten, ihr ein Dasein als Künstlerin möglich zu machen, wenn ihr Herz daran hinge.

Dem Gedanken hatte Gladys zuerst zugejauchzt. Alles Künstlerblut in ihr regte sich und wallte auf. Singen dürfen – singen! Menschen froh machen, ihnen mitteilen von dem Überfluß, den man in sich fühlt! Und ja – auch Beifall ernten! Vor anderen berufen sein, nicht immer nur eine von vielen! Berauschendes lag in solchen Gedanken.

Aber schließlich merkte Gladys doch, wie selbstlos Tante Fee bei diesem Anerbieten war. Es bedeutete ja Trennung von ihr! Der gute alte Lehrer in Loberg, der zugleich ein sehr guter Musiker war, konnte seiner Schülerin nur bis zu einem gewissen Punkte helfen; dann hatte er ihr nichts mehr zu geben.

Tante Fee war sehr tapfer. Sie brachte ihr Kind in die große Stadt zu einem der ersten Musiker. Gladys war nun allein mit ihrer Kunst. Die gab ihr viel, aber sie ließ sie auch im Herzen darben. Wie sie gar einmal zur Ferienzeit heimkam, Tante Fee sehr elend fand und zugleich gewahrte, daß auch die im Herzen darbte und dies Entbehren an ihr, der Zarten, Schwachen, mächtig zehrte, da war Gladys entschlossen, die zu sein, die das schwere Opfer brachte, wenn schon eines gebracht werden mußte.

Als der erste Musiker in jener Stadt fand, daß Gladys nun zu einem noch größeren Meister müsse, das Letzte zu erwerben, das ihr noch mangelte, da legte sie still ihre Kunst beiseite und ging heim, nur noch Tante Fees Kind zu sein. Die wollte nicht dulden. Aber Gladys blieb fest, und was erst ein Opfer schien, war bei Lichte gesehen gar keines, denn nie war Gladys glücklicher, in sich selbst froher und zufriedener gewesen als jetzt, da sie sah, was ihre Gegenwart für Tante Fee bedeutete.

Angstvoll forschte diese zuweilen: »Und deine Kunst, Gladys?«

»Als ob mir die nicht bliebe! Ich trage sie doch in mir.«

»Und der Beifall, der Menge?«

»Wer sagt, daß es Beifall gewesen wäre? Quäle dich nicht, Tantchen; ich bin glücklich.«

Sie war es wirklich. Längst zählte sie sich selbst und zählten alle anderen sie als ein liebes Glied der Familie, als Tante Fees Kind. Der Vater blieb jenseits des Meeres verschollen; das Gedenken jener schrecklichen Zeit bei ihm verblaßte mehr und mehr. Gladys war von Grund aus eine andere geworden. Auch ihre Sprache erinnerte nur selten noch an die Fremde von einst.

So saß sie auch heute auf dem Geländer der Holzbrücke oberhalb des stinken Wassers, dicht geborgen im grünen Weidengehänge, das sich bis zum Bach niederspann. Sie hatte den Rücken bequem an den Stamm gelehnt, hielt die Hände hinter dem Kopf verschränkt und blinzelte ins Himmelsblau. Ein Buch war ihrer achtlosen Hand entglitten und lag unweit des Brückleins im Grase; ein neckischer Wind blätterte darin und wehte die Seiten bald nach rechts, bald nach links. Ein Buchfink sah auf dem anderen Brückengeländer und äugte sehr mißbilligend nach diesem übermütigen Tun; er schmetterte sein Lied, das ein Weck- und Warnungsruf sein sollte, und äugte nach dem Menschenkind gegenüber im Weidengehänge.

Das aber regte sich nicht; es hatte das Auge am Himmel, und jetzt öffnete es den Mund. Der Fink wußte, was folgen würde; er setzte sich zurecht, plusterte sich auf, legte den Kopf auf die Seite und lauschte.

Ja, solche Töne, wie sie dort aus Menschenmund quollen, so weich, so süß und schmelzend, so rein und klar, die konnte seine kleinwinzige Vogelkehle nicht vorbringen. Die dort im grünen Gehänge geborgen saß, war Meisterin. Der Vogel lauschte, bis das Lied verklungen war; dann trällerte er seinen gewohnten Schnörkel gar bescheiden und kleinlaut. Es sollte Beifall bedeuten, aber das Menschenkind dort unter dem Baum verstand das nicht.

Da warf sich der Fink in die Brust; er fand sein Selbstbewußtsein wieder. Jeder gibt es eben so gut, als er kann. Lustig schmetterte er seinen Triller und heidi, hoch schwang er sich zum Himmelsblau. Das konnte ihm die da drunten nicht nachmachen!

Sie sah dem kleinen Gesellen nach, und ihre Töne schwangen sich hinterher, heller noch, klingender als zuvor.

Währenddessen war ein Wanderer durch den Wiesengrund gekommen auf dem Pfade, der zur Brücke führte. Er hatte den Kopf gehoben, als das erste Lied erklang, und war unwillkürlich langsamer gegangen, um besser lauschen zu können. »Aha, Schwester Fees Findling,« sagte er vor sich hin.

Sein Blick forschte nach der Brücke hin, aber er konnte nichts entdecken. Dann war das Lied zu Ende, und nur der Vogellaut füllte den Raum. Der kleine Sänger stieg himmelwärts; des Wanderers scharfes Auge folgte ihm.

Da war er am Brücklein. Sein Schritt war unhörbar, denn er ging auf der Grasnarbe am Wegrand. Nun stand er dicht am alten Weidenstamm, wo dieser der Wiese zugekehrt war. Erinnerungen wurden wach. Die alte Weide war ja der erste Baum gewesen, den sein Jungenstolz im Erklettern bezwungen hatte. Es waren später schwierigere gefolgt, aber der Stolz war nicht derselbe geblieben. Wie oft hatte er hier im Geäst gesessen, Vogelmütterchen im Neste zu belauschen oder die Fischlein unten schnellen zu sehen! Manch liebesmal hatte er auch gewegelagert hier und, wer nahte, mit Indianergeheul überfallen. Einmal hatte ihm dies eine recht entschlossene Backpfeife Klein-Muttchens eingetragen; er fühlte im Gedenken noch die Wange brennen. Leise lachte er vor sich hin und sah zugleich forschend nach der Stelle, wo es, vom Baumstamm nicht ganz verdeckt, wie rotgoldenes Gespinst aufleuchtete. Dort griff just die Sonne ins Gründunkel des Laubes und übergoldete alles, was sie traf.

Gladys und der Buchfink auf dem Brückchen.

Jetzt eben setzte wiederum ein Lied ein, mit demselben wundervoll weichen, vollen Klang von zuvor. Er stand und lauschte. Und da er Klein-Muttchens Sohn war, deren Geige ihm in der Wiege schon Musik ins Herz gesungen hatte, so verstand er, wie über die Maßen köstlich die jugendliche Menschenstimme war, die da so meisterlich sang.

Als das Lied zu Ende war, atmete er tief auf. Die Töne hatten ihn zuinnerst gepackt.

»Eine Gottesgabe ist eine solche Stimme,« sagte er dann, und bückte sich zugleich nach dem entfallenen Buche, das der neckische Wind just im Begriff war, ins Wasser zu treiben.

»Ich denke dasselbe,« antwortete die Mädchenstimme aus dem Blättergewirr, »und ich bin sehr glücklich, sie zu haben. Ich bitte, das Buch gehört nämlich auch mir.« Er hatte es in Gedanken in die Tasche schieben wollen.

Bei der unverkennbar fremdartigen Aussprache der Sängerin nickte er vor, sich hin; seine Vermutung von vorher war also richtig gewesen. Als ob er sich daran verbrenne, so eilig reichte er das Buch zurück.

»Verzeihen Sie – hier ist Ihr Eigentum!«

Eine schmale, nicht kleine Mädchenhand streckte sich aus den Weidenzweigen und griff danach. »Ich danke sehr.« Buch und Hand verschwanden hinter der grünen Wand, und nichts weiter erfolgte.

Er stand und wartete, ein Lachen im Gesicht.

»Dürfte ich nun nicht sehen, wie die Besitzerin der Gottesgabe und des Buches ausschaut?«

»Ich sehe die Notwendigkeit nicht ein,« sagte die Stimme, der man das neckende Lachen anhörte, das im unsichtbar bleibenden Gesicht zu sehen sein mußte.

Er wartete geduldig, aber der Weidenvorhang hob sich nicht. Da gewann die Necklust in ihm die Oberhand; er war ja Klein» Muttchens Sohn.

»Ich kann warten,« sagte er und schwang ein Bein über das gegenüberliegende Brückengeländer, so daß er dort rittlings saß. »Wundervoller Sonnenschein heute, nicht?«

Keine Antwort folgte aus dem Baum, auch kein leises Kichern. Der Fink war wieder herzugeflogen, saß auf demselben Geländer wie der Fremde und beäugte den mißbilligend. Was hatte der hier zu tun, wo dies doch sozusagen der Konzertsaal war, den er, der Fink, und das singende Menschenkind dort gepachtet hatten! Dieses ärgerte sich sichtlich auch über den Eindringling; weshalb wäre es denn so stumm gewesen, während es doch sonst nicht müde wurde zu singen, mehr als dem Vogel lieb war, denn der hörte sich doch auch gerne selber! Er schmetterte darum sehr bedeutsam und mißbilligend seinen Schnörkel dem Fremden in das Gesicht, einmal, zweimal.

Der nickte ihm lächelnd zu.

»Brav gemacht, kleiner Geselle! Aber da drüben« – er winkte nach dem Baume – »ist man dir doch über!«

Der Fink nahm es als unbedingte Zustimmung und trillerte weiter, eine Kette von Schnörkeln, einer immer kunstvoller als der andere. Aber dann sah er ein Mücklein tanzen, das erreichbar schien, und fort war er.

Der fremde Mann saß noch immer und wartete. Hinter dem Weidengehänge regte sich nichts. Er konnte die Mädchenaugen nicht sehen, die ihn gespannt, halb in Ärger, halb lachend beobachteten.

Auch die Sonne da oben lachte auf die beiden nieder und wartete, wie sich die Dinge entwickeln würden.

Wie immer – so behaupten die Herren der Schöpfung wenigstens – war der Mann schließlich der Klügere; das heißt, er gab nach.

»Ich hätte gerne gesehen, wie Schwester Fees Findling aussieht,« sagte er dann, ohne die Stimme zu heben, vor sich hin.

Das hatte Zauberwirkung. Der dichte grüne Weidenvorhang drüben schob sich blitzschnell auseinander, und vor dem Manne stand eine schlanke, hohe Mädchengestalt.

»Ah,« tönte es unwillkürlich von den Lippen des Mannes auf dem Brückengeländer; er sprang auf die Füße und neigte sich über die Mädchenhand, die sich ihm entgegenstreckte.

»Ich weiß, wer Sie sind. Oh, Tante Fee wird sich unendlich freuen.«

»Auch ich weiß, wer Sie sind, und freue mich nicht weniger.«

Ein leichtes Rot lief ihr über das Gesicht.

»Ich bin so froh – oh, so froh,« sagte sie ernst. »Kommen Sie schnell! Wir dürfen keine Minute säumen, ihr die Freude zu bringen; sie hat so wenige im Leben.«

Wen sie meinte, war unverkennbar.

»Ihre größte habe ich wohl eben kennen gelernt, und ich begreife sie,« sagte er sinnend.

Gladys hatte ihn nicht verstanden oder nicht auf das gehört, was er sagte; sie lachte ihn an.

»Muß ich Onkel sagen, da doch Tante Fee Ihre Schwester ist?«

Er lachte zurück. »Ich bitte, nein! Ich bin so überreich mit Neffen und Nichten gesegnet, daß es eine Unbescheidenheit wäre, noch mehr besitzen zu wollen.«

»Dann also nicht,« sagte sie sachlich und ernsthaft.

Er sah sie von der Seite an. »Legen Sie Wert darauf?«

Sie hatte den Schelm in den Augen. »Höchstens weil Onkel einfacher für mich wäre als Herr von Uödern. Sie hören, ich kann den Namen noch immer nicht recht aussprechen!«

»Mir ist diese Aussprache vertraut. Übrigens, es lernt sich alles mit der Zeit, auch das deutsche R.«

»Ich fürchte, meine Zunge ist sehr störrisch.«

»Besser als ein störrischer Sinn! Und den haben Sie doch nicht?«

Sie war sehr ernst geworden. »Tante Fee hat viel leiden müssen; ich war böse, sehr böse.«

Das Gedenken der vergangenen Zeit ließ sie unwillkürlich in trübes Sinnen zurückfallen. Die gefalteten Hände und der Kopf sanken; sie stand vor ihm wie ein reuiges Kind.

Ihm war ungemütlich heiß. Er wußte nicht, was er sagen sollte.

»Aber Tante Fee ist ein Engel; sie hat aus mir einen Menschen gemacht, der anderen ins Gesicht sehen kann, ohne sich zu schämen. Ich danke ihr mehr als das Leben; darum liebe ich sie auch mehr als mein Leben.«

Wie ernst die Stimme klang und die Augen blickten! Fast beklommen sah er hinein.

»Ja, Schwester Fee ist ein ungewöhnlicher Mensch; sie hat ihr Schicksal bezwungen durch Dulden und Beugen.«

»Sie gibt Liebe, nur Liebe, und erntet daher nur Liebe.«

Sie waren an der Parkmauer von Dresdorf und schritten dieser entlang bis zum Wiesenpförtchen. Dort stand hinter der Mauer der alte Nußbaum, um den die runde Bank lief, von der man den Wiesengrund bis nach Rödershof überschaute. Da klang eine weiche Frauenstimme von oben: »Mit wem redet mein Kind?«, und ein liebes Gesicht zeigte sich über dem Mauerrand.

»Rate, wen ich bringe, Tante Fee!« Gladys jauchzte es; nun war sie wieder in der Gegenwart.

Ungewiß schaute das liebe Gesicht auf den gebräunten Mann an des Kindes Seite; dann ging ein Freudenrot darüber hin.

»Bruder Lutz! Willkommen daheim! Wie wird Klein-Muttchen sich gefreut haben! Tante Lisa, sieh doch, unser Lutz ist da! Und was für ein stattlicher Mann er geworden ist! Schnell, hilf mir, daß ich ihm entgegeneile.«

Aber da waren sie schon, Fees Kind und Bruder Lutz. Sie flogen um die Wette, und mit leuchtenden Augen sah Gladys, wie Bruder und Schwester sich umarmten. Dann bekam Tante Lisa ihr Teil an der Begrüßung, und dann mußten die zwei berichten, wo und wie sie sich gefunden hatten.

Lutz schilderte anschaulich sein vergebliches Harren vor dem Weidenvorhang. »... bis ich dann reichlich belohnt wurde, Schwester Fee,« schloß er mit vergnüglichem Schmunzeln.

»Hast du sie singen hören?« fragte Fee.

»Das habe ich!«

»Und – –?«

»– war zum voraus entschädigt für alles, was nachkam.«

»Oh,« rief Gladys lachend, »war das so schlimm? Wie höflich, mein Herr!«

»Sei mal ganz still, Kind,« wehrte Tante Fee, »ich möchte hören, was er denkt. Ist es nicht eine Sünde, Lutz, solche Begabung zu vergraben?«

»Vergraben? Weil es nur wenige freut statt der Menge?«

»Tue ich nicht unrecht, es für mich zu behalten?«

»Möchte nie ein größeres Unrecht in der Welt begangen werden!«

»Ich danke – oh, wie sehr danke ich Ihnen!« Gladys hatte seine beiden Hände gefaßt, und er sah in zwei leuchtende Augen. »Sie sind ihr Bruder!« Lutz verabschiedete sich bald und nahm das Versprechen mit, daß die Dresdorfer Damen sich am Nachmittag zur Willkommenfeier einfinden würden.

»Ich halte dich nicht, Lutz,« sagte Fee, »denn ich weiß, daß Klein-Muttchen die Sekunden zählt, bis sie ihren Ältesten wieder bei sich hat. Grüße mir alle!«

Er ging, und lange schauten ihm die drei nach, wie er durch den blumenbunten Wiesengrund hinschritt im Sonnengold der Mittagstunde, ein stattlicher aufrechter Mann auf der Höhe seiner Kraft.

Der Herbst war ins Land gerückt, aber noch zeigte er sich nur von seiner allerliebenswürdigsten Seite. Er hatte die sengende Sommerglut gescheucht, hatte Baum und Strauch dazu verholfen, sich noch einmal so recht des Lebens zu erfreuen; lind koste sein Hauch. Die kleinen Blumen hoben die Köpfe, blühten sorglos in den Tag hinein und vergaßen ganz, daß ihre Tage gezählt waren. Klarblau dehnte sich der Himmel; die Sonne lachte nur und sengte nicht. Es war so ein Ausgeglichenes, solch ein Friede in der Natur, wie ihn die Tage des Alters, des Lebens Herbsttage auch über den Menschen bringen, diese vornehmste Pflanze im großen Gottesgarten. So geruhig aber die Natur aufatmete nach des Jahres Sturm und Drang, so wild brandete der Ereignisse Strudel in Rödershof und Dresdorf.

Ein liebes Gesicht zeigte sich über dem Mauerrand.

Und warum?

»... denn siehst du, Klaus, was als Range geboren und gewachsen ist, wird meintag kein vernünftiges Frauenzimmer. Und nun gar zwei von der Sorte! Müssen sich die zwei Madammen in den Kopf setzen, daß es nötig sei, den denkwürdigen Tag zu feiern, an dem sie vor fünfundzwanzig Jahren mit Hopphei und Hallo aus dem Elternhaus davongezogen sind! Als ob sie damit was ganz Besonderes fertiggekriegt hätten – als ob nicht jeden Tag des Jahres unzählige Greten unzählige Hänse freiten! Ist auch was Rechtes! Aber nein, die Frau Li und die Frau Lu müssen für diese Großtat ausdrücklich gefeiert werden – ausgesucht hier bei uns muß das geschehen, und die Rangen wissen nicht, sollen sie mir das Haus auf den Kopf stellen oder sich selber. Bald hab' ich's satt, basta!«

Lächelnd langte sich Vater Klaus Frau Friedel heran; lächelnd sah er ihr in die Augen.

»Ist es nicht wirklich eine Großtat, Friedelchen, einen guten Mann glücklich zu machen fünfundzwanzig Jahre lang und brave Kinder zu erziehen, die sich sehen lassen können?«

»Na, was haben die Lu und die Li dabei getan?! Es waren eben Prachtkinder, von der Wiege an und – –«

»Deine Enkel, Friedelchen – natürlich –«

Sie sah ihn mit blitzenden Augen an, hob die Hand, und hätte er nicht, aus langer Erfahrung vorahnend, die Nase geschützt, so hätte diese, wie schon so oft, büßen müssen. So ging der Stüber in die Luft, und Frau Friedel rauschte hoheitsvoll zur Tür hinaus. Er lachte hinterher, aber seine Augen glänzten.

Frau Friedels Standrede war in der Tat gerechtfertigt, denn es war in diesen Tagen wirklich ein tolles Treiben in Haus und Hof, in Küche und Keller. Klein-Großchen hier und Klein-Großchen da, hieß es ohne Ende, denn das Regiment mit Schlüsselbund und Beutel behielt sich Frau Friedel vor, nach guter alter Hausfrauenart. Schwer Errungenes hält man um so fester. Es war Friedel Polten nicht leicht geworden, sich zu einer guten Hausfrau auszuwachsen; aber es war ihr restlos gelungen.

Auch in Dresdorf war man sehr geschäftig, nur alles in gemäßigterer Gangart. Dort im alten Festsaal sollte wie üblich auch diese Familienfeier abgehalten werden. Es war aber nur für Ausschmückung des Raumes zu sorgen; die Bewirtung kam von Rödershof.

Gladys hatte mit Tante Lisas Hilfe den Schmuck des Festraumes übernommen. Als Dritter half dort Professor Lutz mit, der noch immer auf Rödershof weilte, aber behauptete, dort bloß im Weg zu sein. Die zwei, die Gegenstand und Mittelpunkt all dieser Vorbereitungen waren, die beiden Silberbräute mit ihren landgerichtsrätlichen Eheherren, wurden für den Abend, als am Vorabend des Festes, erwartet. So war das Wirrsal der Geschäftigkeit hüben und drüben auf den höchsten Punkt gestiegen.

Die Mütter Lu und Li hatten in richtiger Würdigung der Lage die vier Kleinsten daheim zurückgehalten, und Klein-Großchen hatte dazu, trotz flehentlicher Bitten der vier, nicht nein gesagt. Aber beim Sinken der Herbstsonne sollte die Familie vollzählig beisammen sein. Das heißt, nein: es kam noch ein Telegramm von Onkel Fritz, daß er erst am nächsten Morgen, dafür aber um so zeitiger eintreffen werde. Den Grund werde man dann schon hören. Auch Leutnant Walter war noch nicht zur Stelle. Ja, von ihm wußte man überhaupt nur, daß er komme; das Wann hatte er frei gelassen.

Der Beamte auf dem Loberger Bahnhof durfte also wieder einmal einer Familienbegrüßung der Rödershofer Herrschaften beiwohnen und tat es schmunzelnd wie immer.

Wie stets, war auch die Frau Baronin der Mittelpunkt, auf den zunächst alles zustrebte. Diesmal hatten zwei noch jugendliche Frauen die Arme von rechts und links um sie gelegt; es sah aus, als habe sie sich urplötzlich verdreifacht. Und Frau Friedels Hand hielt je ein großer blonder Mann gefaßt und schüttelte sie herzhaft.

»Mutter! Klein-Muttchen! Da sind wir!«

»Und herzlich willkommen, Kinder! Lu, Li, ihr erwürgt mich ja beinahe! Paul, Heinz, ich brauche meine Arme noch länger, zumal in diesen Tagen; reißt sie mir also, bitte, nicht aus!«

»War es schlimm, Klein-Muttchen?«

»Waren wir sehr unverschämt mit der Bitte, hier feiern zu dürfen?«

»Na, es geht,« sagte Frau Friedel, und die beiden mochten es zugleich als Antwort nehmen.

Dann ging jedes Einzelbild in einem Strudel von Begrüßenden, alt und jung, klein und groß, blond und braun, unter.

Der Herr Bahnhofvorsteher hätte fast vergessen, sein Abfahrtszeichen zu geben. Der Zug stand noch immer, und die Begrüßungsszene hatte darum viele lachende Zuschauer.

Doch jetzt besann er sich auf sein Amt. Ein Wink mit dem Arm, ein Ruck, ein Rollen, und dahin dampfte der Zug, der all die Festgäste hierhergebracht hatte.

Aber die auf dem Bahnsteig Zurückbleibenden waren noch lange nicht mit ihrer Begrüßung fertig. Selbst dem Herrn Bahnhofvorsteher dauerte es schließlich zu lange; er ging in sein Arbeitszimmer.

Endlich waren auch die Rödershofer zum Heimweg bereit.

»Wir gehen zu Fuß,« sagte Klein-Großchen. »Zusammen wollen wir doch bleiben, und ein Wagen, der uns alle faßt, müßte erst gebaut werden.«

»Ich erfinde ihn, Klein-Großchen,« schrie Dieter. »Ich will doch Maschinenbauer werden. Wart nur, bis ich groß bin, dann holst du uns alle ab, auch wenn wir dann verheiratet sind und Kinder haben – Hurra!«

»Du, das muß aber dann mindestens eine Arche Noah werden,« versetzte der bedächtigere Konz. Leni und Lisi hatten sich an die Großmutter herangedrängt und verteidigten hartnäckig ihren Platz gegen alle anderen, selbst gegen Mutter Lu und Tante Li. Letztere wurde nun von ihren Großen, Gunter und Irmingard, mit Beschlag belegt, während Frau Lu sich von der großen Tochter Hildegard berichten ließ. Die Herren, Schwager Lutz und die beiden Landgerichtsräte, hielten sich zusammen, und der Heimgekehrte mußte viel berichten. Die zwei Friedel und die beiden Buben stellten die jeweilige Verbindung zwischen den einzelnen Gruppen her. So durchschritten sie das Städtchen, von vielen freundlichen Grüßen begleitet.

Dann kam der Wald! Da war allen, als setze man den Fuß in die Heimat. Vater Klaus und die Dresdorfer Damen kamen ihnen bis über den Wiesengrund entgegen, selbst Tante Fee, die einen besonders guten Tag hatte. Da gab es ein frohes Begrüßen, und nun hielten Frau Lu und Frau Li je einen Arm des Vaters. Auch sonst hatte sich das Bild verschoben. Die beiden Landgerichtsräte und Schwiegersöhne hatten Frau Friedel in ihrer Mitte und sagten ihr, daß sie ihr im voraus dankten für alle Mühe, die ihr diese Festfeier bereitet hatte und noch bereiten werde. Sie sagten ihr auch, daß es fünfundzwanzig schöne friedvolle frohe Jahre gewesen seien, die sie mit Frau Lu und Frau Li verlebten, und daß sie dies der Mutter zumeist zu danken hätten, die ihre Töchter herangebildet und erzogen habe.

»Daß Gott erbarm,« flog es Frau Friedel vom Munde, ohne daß sie es wollte, und drollig verlegen sah sie sich die Schwiegersöhne von der Seite an, ob die sie nicht etwas zum besten hätten.

Die aber zeigten todernste – ja, ganz gerührte Mienen. Nun war Klein-Muttchen erst recht verlegen und wußte nicht, wohin mit dem Lob, das ihr so wenig gerechtfertigt vorkam. Waren nicht Lu und Li herangewachsen wie Unkraut, das jeder Zucht spottet? An Vermahnungen hatte sie es ja freilich nicht fehlen lassen, aber – – was konnten die armen Dinger dafür, daß sie eine Friedel Polten zur Mutter haben mußten? Eitel und sich ihres Wertes über die Gebühr bewußt, war Klein-Großchen nicht.

So etwas sagten die Schwiegersöhne denn auch und sagten es mit einem Herzenston, der überzeugen mußte. Klein-Großchen wurde rot wie ein Backfisch und sah sich ganz hilflos nach Vater Klaus um, den seine Töchter Lu und Li soeben mit ähnlicher Kost fütterten. Der ließ es sich aber sichtlich sehr behaglich gefallen und fand es ganz in der Ordnung. Die Menschen gehen eben gar verschieden aus unseres Herrgotts Bildnerhand hervor.

Aber da war das liebe alte Herrenhaus von Rödershof, das allen die Heimat bedeutete, Großeltern, Kindern, Schwiegerkindern und der ganzen Enkelschar. Auf der breiten Terrasse unter den Kastanien stand der lange Tisch gedeckt; mit Freudengeheul stürmten die Jüngsten, mit denselben Gefühlen, nur etwas weniger laut, traten die Älteren heran.

Es gab ein kleines Geplänkel wegen der Tischordnung, da zuvörderst Klein-Großchen und dann die zwei Silberbräute sehr begehrte Tischgenossen waren. Bei den Jüngsten, bis zu den zwei Friedel herauf, schien es sogar in Zwist ausarten zu wollen. Dem machte Klein-Großchen ein rasches Ende.

»Wenn ich in die Hände klatsche, muß jeder an seinem Platz sein. Wer es dann nicht ist, der bekommt nichts zu essen und muß sofort ins Bett – basta!«

Das war ein Wirrwarr! Wie Klein-Großchen dann aufhörte, in die Hände zu schlagen, da saßen richtig ein paar neben den Stühlen und ein paar den anderen auf dem Schoß. Aber jeder fand schließlich doch seinen Sitz. Nur der Großvater stand ganz wo anders als der letzte freie Stuhl. So gab es nochmals großes Geschrei und Jubeln bei den Jüngsten.

»Gilt dein Wort, Klein-Großchen?«

»Auch für den Großvater?«

»Muß er ins Bett?« Lisi hatte Tränen in den Augen.

»Ich gehe für ihn,« erbot sich Leni und wurde dabei blaß. »Wir wollen ihm noch einmal verzeihen, weil er doch nicht so flink auf den Beinen ist wie wir Jungen,« sagte Klein-Großchen großmütig.

»Bravo, bravo!« jubelte der Chor.

Großvater Klaus aber neigte sich tief vor der Gebieterin des Hauses.

»Ich danke von Herzen für den milden Spruch. Los, Kinder, ich habe einen Bärenhunger.«

»Wir auch – wir auch,« jubelten alle.

Mamsell hatte sich danach nicht zu beklagen, daß man ihrem Mahl nicht die nötige Ehre angetan hätte. Auch die blonde Irmingard war sehr zufrieden.

Als alle satt waren, lärmte die Jugend noch ein Weilchen unter den alten Bäumen herum. Auch der Wiesengrund widerhallte von frohen, hellen Stimmen.

Frau Lu und Frau Li hatten sich zu ihren Eheherren herangefunden. Eben stieg der Mond hinter dem Walde auf; der weckte Erinnerungen.

»Weißt du noch, Heinz – weißt du noch, Paul? Mondschein war es damals auch, und dann – –«

»Dann kam der Fackelzug –«

»War das fein, Lu!«

»Ja, war das fein, Li!«

»Sie hielten Reden auf uns.«

»Ja, und ließen uns leben.«

Lachend hörten die Eheherren diesem Erguß zu und wähnten sich fünfundzwanzig Jahre zurückversetzt.

Noch einer hatte es gehört, oder vielmehr zwei, Konz und Dieter. Sie schlichen davon und berieten eifrig, konnten aber zu keinem Ergebnis kommen. Da sahen sie sich nach Hilfe um.

Dort der lange Mann, das mußte Onkel Lutz sein; Bruder Gunter war noch dünner. Der Onkel sprach mit jemand, der noch im Schatten der Bäume stand, die den Wiesengrund säumten. Sollte man ihn ins Vertrauen ziehen? Aber nein, er schien sehr in Anspruch genommen; wenn man ihn störte, gab er doch kein Gehör.

Mit wem er wohl so eifrig sprach? Der Baumschatten barg die andere Person noch immer. Aber jetzt trat sie ins Mondenlicht. Es war ein Mädchen, und der Mondenschein fuhr über des Mädchens Scheitel, daß der aufleuchtete wie gesponnenes Gold.

»Die Irmgard?« fragte Konz seinen Bruder.

»Ne du, der Rotkopf doch! Siehst du nicht das Hexengold?«

»Du, Klein-Großchen hat verboten, das zu sagen.«

»Ich mag Gladys gern, und rote Haare sind schön.«

»Du sagst aber doch Hexengold.«

»Einerlei! Das hat damit gar nichts zu tun.« Konz war der Ältere und gern belehrend. »Dem Onkel Lutz gefallen rote Haare auch, sonst ging er nicht dort mit dem Rotkopf spazieren.«

»Aber wen fragen wir denn jetzt?«

»Wir wollen Gunter suchen.«

Sie taten es und hatten eine lange Beratung.

Das Ergebnis war eifriges Flüstern und Tuscheln, Kopfzusammenstecken und Raunen, das sich schließlich auf alle Glieder der Gesellschaft ausdehnte. Nur die beiden Silberpaare umging es, wie die Brandung den ragenden Felsen, der geruhig inmitten steht.

Geruhig waren nun Frau Lu und Frau Li allerdings nicht. Im Gegenteil, sie wurden immer quecksilberner im Gedenken der verflossenen Zeit. Die beiden Eheherren mußten ihnen überallhin folgen, denn der liebe alte Park barg viele Stellen der Erinnerung, und die beiden Silberbräute schienen es für ihre Pflicht zu halten, diese heute, am Vorabend des großen Tages, getreulich aufzusuchen. Den zwei Landgerichtsräten wäre freilich beschauliches Ruhen nach dem Mahle dort auf den Stühlen am Tisch unter den alten Kastanien weit lieber gewesen; aber sie fanden sich mit Anstand in die Rolle der in Erinnerung schwelgenden Silberbräutigame. Eben kamen die beiden Paare, von einer weit hinten im Park stehenden Bank, die auch hatte aufgesucht werden müssen, weil sich irgend etwas Wichtiges an sie knüpfte, und die Vier gingen im dichtesten Baumschatten, wohin kein Mondenstrahl sich verirren konnte.

Auf einmal sagte Frau Lu: »Sieh doch mal, Li, die Kette von Glühwürmchen, die dort heranzieht! Ist das nicht spaßig?«

»Glühwürmchen im September, Kind? Naturgeschichte schwach,« neckte der Herr Landgerichtsrat Heinz, und der Herr Landgerichtsrat Paul lachte Beifall.

»Aber seht doch – Lu hat ganz recht – was wäre denn das sonst?« rief nun auch Frau Li.

Sie blickten alle in der angedeuteten Richtung, und alle sahen, daß sich im dichtesten Baumschatten dort allerdings eine Menge winziger Flämmchen vorwärts bewegte, und zwar merkwürdigerweise ziemlich wohlgeordnet in einer langen Reihe, je zwei und zwei.

»Was ist denn das? Sieht wahrhaftig aus wie Glühwürmchen in Prozession! Was kann es sein? Laßt uns flink mal nachschauen!«

Der Herr Landgerichtsrat Paul, der mit den Jahren zu einer kleinen leiblichen Fülle neigte und sich sonst nur langsam bewegte, setzte sich in Trab; der Herr Landgerichtsrat Heinz, der in denselben körperlichen Verhältnissen lebte wie der Bruder, folgte ihm in gleichem Schritt. Frau Lu und Frau Li aber, denen die Jahre an Schlankheit keinen Abbruch getan hatten und auch nicht an Flinkheit und Beweglichkeit, flogen dahin, die Eheherren weit überholend.

Jetzt mußten sie mit der Glühwürmchenprozession zusammengestoßen sein, die sich ihrerseits nur würdevoll und feierlich vorwärtsbewegte. Helles Lachen erklang.

»Was habt ihr denn vor? Um Himmels willen, was treibt ihr denn hier mit all den Streichhölzchen? Was soll denn das heißen?« So hörte man Frau Lu und Frau Li rufen. Zwei frische Bubenstimmen antworteten hell und etwas gekränkt: »Wie kann man nur so fragen? Siehst du nicht, daß wir euch einen Fackelzug bringen?«

»Ich hab' den Gedanken zuerst gehabt, Mutter!«

»Nein, ich!«

Zwei der »Fackeln« erloschen; dafür wälzte sich am Boden ein dunkler Knäuel, und zwei Kleinmädchenstimmen jammerten: »Sie hauen sich! Sie tun sich weh.«

Zwei andere Stimmen – Mütterstimmen – zeterten: »Wollt ihr aufhören! Wartet, was ihr kriegt!« Und feste Hände griffen in den Knäuel am Boden.

Ein Wehren und Scharren, dann stand der Knäuel auf den Füßen.

Derweilen waren Frau Lu und Frau Li von Fackelträgern umringt worden. Immer mehr Flämmchen sprühten auf. Man sah in deren Schein alle Gesichter der Lieben; selbst Vater Klaus und Tante Fee hatten sich bei diesem Huldigungszug nicht ausgeschlossen.

Vater Klaus redete sogar; er sagte: »Sintemalen und alldieweil ein Fackelzug, wie ich höre und mich auch nun dunkel erinnere, den Überlieferungen entspricht, die von jenem himmelfernen Festtage dazumal noch vorhanden sind, so haben ich und mein Haus beschlossen – –«

»Aber ich hab' doch den Gedanken gehabt, Großvater!«

»Nein, ich!«

Wieder wälzte sich der innig umschlungene Knäuel wortlos am Boden. Diesmal ließ man ihn liegen und ging über ihn weg zur Tagesordnung über; das heißt, Vater Klaus fuhr in feiner vielversprechenden, leider unterbrochenen Rede fort.

»Also, wie ich sagte, ehe dieser junge Mann, mein Enkel, mich unterbrach – der übrigens recht hat, was ich hiermit bestätigen will; der erleuchtende Gedanke ging allerdings von ihm aus – also wir haben allesamt beschlossen, den Überlieferungen von Anno dazumal getreu – –« »Vater tut, als seien wir Mummelgreise,« murrte eine Stimme, man wußte nicht, war es die von Frau Lu oder von Frau Li.

»Wenn ich wieder unterbrochen werde, dann – trete ich das Wort an einen anderen ab; also Silentium! Wie ich mir schon einigemal zu bemerken erlaubte: ich und mein Haus haben beschlossen, einen Fackelzug zu bringen, um den weltbewegenden morgigen Tag so feierlich als möglich einzuleiten. Zu unserem größten Bedauern war uns dieser Gedanke – –«

»Mir!«

»Nein – mir!«

Eine hoheitsvolle Bewegung, als ob er Mücken scheuche, hatte diesmal der Redner einzig für die Unterbrechung und fuhr fort: »... zu spät gekommen, als daß wir noch das richtige Material hätten beschaffen können. Ich muß auch gestehen, daß mir Pechfackeln bei solcher Gelegenheit allzu anzüglich vorgekommen waren. So wählten wir nach reiflicher Erwägung unaufdringliche bescheidene kleine Zündhölzer. Wir hoffen, dem Geschmack der also Gefeierten entsprochen zu haben und wünschen, daß jeder fernere Tag ihres Lebens und ihrer Ehe von gleichen kleinen, aber hellen Freudenflämmchen durchsetzt sein möge, wie wir sie eben in Händen trugen. Es leben die zwei Silberpaare! Hoch! Hoch! Hoch!«

Jubelnd fielen die andern ein, und Frau Lu und Frau Li mußten sich für ein paar Minuten nicht zu retten vor aller Liebe, die sie überflutete.

Sie lachten und bedankten sich sehr und fanden die Feier wundervoll. Dann haschte sich Frau Li ihre zwei Jungen vom Boden; Frau Lu nahm ihre beiden müden Mägdlein, und die vier mußten zu Bett, trotz Widerspruch und Sträuben.

»Morgen ist auch noch ein Tag,« sagte Klein-Großchen, die sie zur Hilfe aufriefen, »und was für einer! Da müssen wir alle frisch sein. Drum zu Bett, Kinder!« Da gingen sie ohne Murren.

Die anderen saßen noch lange im Mondenschein auf der Terrasse, als die Mütter Lu und Li zurückkamen. Der Mond stand so voll und klar am Himmel, wie er es vor so viel Jahren getan hatte. Ob er auf angegraute Scheitel sah, die einst braun gewesen waren; ob er auf Glück oder Leid niederschaute, ob er noch alle sah, die einst gewesen waren, ob manche fehlten in der Reihe – was kümmerte dies den Mond?

Es litt Klein-Großchen am nächsten Morgen nicht im Bett. So sehr, sie sich bemühte, jede weichere Regung abzuleugnen: der heraufziehende Tag rief dennoch allerhand Erinnerungen wach, die bewältigt sein wollten. Fünfundzwanzig lange Jahre, seit Muttchen Friedel damals die Rangen Lu und Li hatte hinausziehen lassen in das Leben, dessen Ernst sie auch nicht ahnten! Fünfundzwanzig Jahre, worin eben dieses selbe ernste Leben den beiden eigentlich nur seine hellste Seite gezeigt, sie vor Sorgen und jeglichen Schmerzen bewahrt hatte! Viel will das heißen bei Müttern mit solch reichem Kindersegen, wie er Lu und Li beschert worden war.

Und solche Kinder! Klein-Großchens Herz schwoll. Ei, Lu und Li, die Rangen von einst, verdienten sie ja gar nicht. Wußten sie denn wirklich das Glück zu würdigen, das ihnen in diesen Kindern beschert war? Nahmen sie es nicht hin als ganz natürlich ihnen zukommend?

»Diese Rangen!« Klein-Großchen sagte es laut; aber dabei stand ein Glanz in ihren Augen und ein zärtlicher Schein, was gar nicht nach Mißbilligen aussah.

Sie ging auf die Terrasse unter den alten Kastanien, und ihr Blick schweifte nun sinnend über den noch morgenstillen Park. Sinnend schritt sie dann über den Rasen bis zur Mauer, die den Park vom Wiesengrund trennte, und ihr Auge wanderte über die weite grüne Fläche, die von der ersten Morgensonne vergoldet war. Hierauf trat sie durch das kleine Pförtchen, das hinausführte in das goldene Grün.

Wie sie sich nun eben dem Bächlein zuwandte, dem kleinen Pfad unter den Obstbäumen, der da entlang führte, sah sie zwei Gestalten Arm in Arm diesen Pfad daherkommen. Die hatten desgleichen helle Augen und einen Schein darin, wie ihn der Alltag nicht mit sich zu bringen pflegt.

Wie diese zwei die einsam Daherkommende erblickten, lösten sich ihre Arme, und sie flogen unter den Bäumen daher wie ganz junge ungestüme Mägdlein.

»Klein-Muttchen! – Unser Klein-Muttchen! – Hat es dich auch nicht da drinnen gelitten? – Hat dich der Tag auch aus den Federn getrieben?«

»Tut doch nicht, als ob ihr die einzigen wäret, die je ihre Silberhochzeit gefeiert haben! Ist auch was Rechtes! Ihr kommt euch wohl über die Maßen wichtig vor?«

So zankte Klein-Muttchen; es war aber ein Schein dabei in den Augen, der nicht mißzuverstehen war.

»Klein-Muttchen, wir danken dir! Oh, wie wir dir danken! Daß wir da sind, Klein-Muttchen, daß das Leben so schön war und noch ist, Klein-Muttchen! Daß wir dich haben! Und Paul! Und Heinz! Und die Kinder und – –«

»Das wollt' ich euch auch geraten haben! Ihr seid sie ja gar nicht wert!«

»Ho, ho! Wir haben sie doch fein erzogen – haben was aus ihnen gemacht! Oder, Klein-Muttchen!«

»Ihr? Daß ich nicht lache! Was die sind, das sind sie aus sich selber geworden!«

»Wie wir, Klein-Muttchen? Ja, wie wir!«

»Rangen, ihr!«

Längst hatten sie die Mutter von zwei Seiten umfaßt, daß sie sich kaum rühren konnte. Aber sie ließ es sich gefallen, sagte kein Wort dagegen, und ihre Augen glänzten; sie wehrte sich kein bißchen.

Eine Weile gingen so die drei stumm dahin, aber in ihnen war es um so lauter. Da klang und sang und jubelte es, und hätte es laut werden können, es hätte merkwürdig übereinstimmend geklungen: »Wie schön – wie wunderschön ist die Gotteswelt! Dank, daß ich leben darf!« Mit einem Male kam ein Seufzen; die zwei Mütter Lu und Li hingen den Kopf. »Was ist nun wieder los?« fragte Klein-Muttchen und riß die Augen auf.

»Ach, Klein-Muttchen, uns ist bange. – Ja, uns ist recht bange.«

Verständnislos sah Klein-Muttchen drein.

»Müssen wir sehr würdevoll und gesetzt sein heute? Jeder Zoll Würde und Silberbraut?«

Die Gefragte blieb stehen und hielt mit jedem Arm eine der Fragenden von sich, so das sie deren Mienen genau beobachten konnte. Dann lachte sie laut hinaus, so recht von Herzen schaden froh.

»Aha! Geschieht den Madamen recht! Ja, Festmittelpunkt sein will auch gelernt werden! Aber Klimbim und Hallo mußte ja sein – natürlich – möglichst viel und möglichst laut – und Gäste konnten wir auch nicht genug bitten, um die außergewöhnliche Feier zu verherrlichen! Nun wird euch angst in eurer Haut, weil euch das Talent zu der erforderlichen Würde abgeht? Es ist zum Totlachen! Sehe einer die verdutzten Gesichter! Schade, daß ich allein dieses erlebe und genieße!«

»Klein-Muttchen, du bist abscheulich!«

»Ja, Klein-Muttchen, ganz abscheulich bist du!« Sie schmollten ernstlich, die zwei Mütter Lu und Li. Aber nicht lange, dann packte auch sie das Komische der Sache, und sie lachten mit Klein-Muttchen um die Wette.

Da kam etwas, das alle drei aufhorchen lieh. Peitschenknallen, Räderrollen, erst noch zwischen den Waldbäumen weiter weg, dann näher und näher. In schlankem Trab nahte irgendein Gefährt. Man hörte am Klang der Hufe und am Rollen der Räder, daß es kein alltäglicher Karren oder eine Holzfuhre sein konnte.

»Ein Herrschaftswagen! Die ersten Gäste,« jubelte Klein-Muttchen, und tausend Neckteufelein sprühten aus ihren Augen; gleich aber wurde sie ernst: »Ich wüßte nicht, wer – –«, und wieder kam der Schalk zum Durchbruch: »Es sei denn, daß euer Landesvater eine Abordnung schickt, den großen Tag zu verherrlichen. Vielleicht hat er einen Orden für Silberbräute gestiftet und läßt Frau Lu und Frau Li als besonders verdienstvolle Vertreterinnen der Kaste die ersten Exemplare überreichen! Macht doch keine solch dummen Gesichter, Lu und Li! Ein Glück, daß die Kinder euch nicht sehen!«

»Klein-Muttchen, du – –«

»– – bist ganz abscheulich und – –«

»Fritzel! Mein Fritzel!«

Ein sonnverbranntes lustiges Gesicht hatte sich aus dem Wagen gebeugt, der eben unter den Waldbäumen vorkam, und hatte Klein-Muttchen den Ausruf entlockt. Dort klomm sie schon am grünen Rain hinauf, wo er just am steilsten war.

Der Wagen hielt. Hauptmann Fritzel stand daneben und hatte Klein-Muttchen in den Armen, die zuerst von den dreien an Ort und Stelle war. Aber nicht lange, dann standen auch Frau Lu und Frau Li daneben, und dem Kutscher erging es, wie es dem Herrn Bahnvorsteher ergangen war: er vermeinte ebenfalls eine dreifache Wiederholung desselben Bildes zu sehen.

Und noch jemand sah es mit neugierigen jungen Augen, barg sich aber, von allen unbemerkt, einstweilen im Wageninnern, bis die rechte Zeit käme!

Da war sie schon!

Hauptmann Fritzel sagte nämlich, und es war ein Klang in seiner Stimme, der an Posaunen und Schalmeien erinnerte: »Klein-Muttchen, wie ist das mit den Schwiegertöchtern? Wünschest du dir noch so sehr eine, als wie ich das letztemal hier war?«

»Mein Fritzel, heute morgen noch hab' ich zum Vater gesagt: wenn doch die Buben endlich voranmachen wollten! Es täte der Lu und der Li himmelsgut; die wissen sich sonst vor Überhebung nicht zu lassen, weil wir Alten ihnen die Enkel zu danken haben, und – –«

»Klein-Muttchen, du bist abscheulich – ganz abscheulich bist du,« riefen lachend die beiden Getadelten; dazwischen tönte Hauptmann Fritzels Stimme weiter: »Zuweilen erfüllt sich uns ein Wunsch im Schlaf. Sieh hier, Klein-Muttchen, was ich dir mitgebracht habe!«

Er streckte zugleich den Arm in den Wagen und zog eine schlanke Mädchengestalt vollends heraus, biegsam wie ein Lilienstengel, Haare wie reifes Ährengold, Augen wie Veilchen, still und tief, gläubig und kinderfromm, ein Gesicht wie Milch und Blut, anmutig, wenn auch keine strahlende Schönheit. Alles in allem, ein liebes, frisches, freundliches Jungmädchengesicht, das man lieb haben mußte auf den ersten Blick.

Klein-Muttchen hielt das ihr also unerwartet geschenkte Schwiegertöchterlein in Mutterarmen und sah wohlgefällig an der schlanken Gestalt in die Höhe, die sie um einiges überragte. Sie lächelte ihrem Fritzel zu.

»Gut, daß sie blond ist, mein Fritzel! Dazu habe ich mehr Zutrauen.«

»Ist bloß aus Versehen geschehen, Klein-Muttchen! Ich hatte mich für eine Braune eingeschworen; aber wer kann für sein Geschick! Was, Änne?«

So hieß die junge Braut, und sie lachte lustig; zur Schwiegermutter aber fügte sie warm: »Hab' mich ein bissel lieb, Klein-Muttchen – so nennt dich der Fritzel, und ich kenne dich schon so gut, als ob ich bei dir groß geworden wäre. Er hat mir viel erzählen müssen, und ich weiß von euch allen.«

»Der Heimtücker,« zankte Klein-Muttchen, »uns so im Dunkeln zu lassen,« und sie sah immer wohlgefälliger in das liebe Gesicht.

»Es ging zu fix, Klein-Muttchen. Ehe ich mich umsah, war ich schon verlobt.«

»Tut er nicht, als ob ich ihn wider Willen gezwungen hätte?« schmollte die junge Braut. »Er ist abscheulich!«

»Das liegt so in der Familie,« versicherten Lu und Li lustig »Er ist der richtige Sohn seiner Mutter.«

»Schämt euch, Rangen – was soll das Kind denken! Komm her, Töchterchen! Wir gehen zusammen; sollst sehen, ganz so schlimm ist die Alte nicht!«

»Die Alte?« entgegnete die Braut und sah schelmisch in die Sonnenaugen, die unter dem leicht ergrauten Scheitel so jung und spitzbübisch in die Welt schauten.

Sie ging an der Seite der neuen Mutter in die Welt, die ihres Fritzels Kinderwelt gewesen war, und lauschte den Berichten aus Fritzels Kindertagen. Sie gab Bescheid auf gestellte Fragen, und sie erzählte, daß sie als Waislein bei der Großmutter aufgewachsen sei, weder Eltern noch Geschwister habe und sich sehne, Glied einer Familie zu werden.

Da legte Frau Friedel den Arm um dies entwurzelte Pfänzlein und gelobte, daß es Wurzel fassen solle in ihrem Mutterherzen. Schlicht sprach sie es aus, und die junge Braut wußte, sie hatte eine Heimat gefunden. Ihre Augen leuchteten; sie sprachen beredter als ihr Mund, der nur ein Stammeln fand.

Derweilen hatte Hauptmann Fritzel dem Kutscher Weisung gegeben, das Gepäck nach Rödershof weiterzufahren. Er selbst ging zwischen den Schwestern und erzählte, daß sie vor Tau und Tag aufgebrochen seien aus der Garnisonstadt, um beizeiten den festlichen Tag verherrlichen zu helfen, daß Annes Großmutter durch plötzliches Unwohlsein am Mitkommen verhindert worden sei, und auch davon, wie Anne und er sich kennen gelernt hatten. Dabei hatte er helle Augen, die an Klein-Muttchens Augen gemahnten, und sie strahlten noch heller, da sie sahen, wie die zwei da vorn, Klein-Muttchen und Anne, so sichtlich Gefallen aneinander fanden.

Jetzt kam Rödershof in Sicht. Von der Terrasse her stürmte es den Nahenden mit lautem Hallo entgegen, ein Knäuel junger blühender Menschenkinder, voran die zwei wilden Buben, Konz und Dieter, von den nicht minder wilden beiden Friedel verfolgt und überholt. Die zwei Mägdlein, Leni und Lisi, suchten durch jämmerliches Greinen der Vorausstürmenden Mitleid zu erwecken und deren Hast zu mindern, was aber mißlang. Auch die vier Großen – Walter hatte sich irgendwie eingefunden – vergaßen ihrer Würde und stürmten den Müttern Lu und Li entgegen, die sich so unerwarteter- und unberechtigterweise dem geplanten Frühüberfall ihrer Herde zu entziehen gewußt hatten.

Im Eifer der Begrüßung übersah man zuerst die Neuhinzugekommenen, den Hauptmann Fritzel und seine Braut. Dann aber ging es an ein Staunen, Begrüßen und Glückwünschen, das kein Ende nehmen wollte.

Der Lärm trieb auch Vater Klaus, die zwei Landgerichtsräte und Professor Lutz zur Stelle. Wenn die junge Braut Änne sich nach einer Familie gesehnt hatte, wie sie sagte: ihr Sehnen war mit dem heutigen Tage reichlich gestillt!

Wie eine Sturmflut wälzte es sich über sie hin, und wenn Klein-Schwiegermuttchen sich nicht in richtigem, lachendem Verstehen ihrer erbarmt und sie auf einen Stuhl am Frühstückstisch an des Hauptmanns Fritzel Seite gerettet und verankert hätte, wer weiß, die arme Änne hätte sich vielleicht erschreckt ob des unerwartet reichen Erfüllens ihrer Wünsche. So aber saß sie wohl geborgen und konnte sich mit Muße und ganz allmählich des unerwartet reichen Besitzes erfreuen lernen.

Einstweilen suchte Änne sich mit frohen, lachenden Augen zurechtzufinden. Sie erklärte: mit Bestimmtheit zu wissen, welche Nichten und Neffen zu welcher Schwägerin und welchem Schwager gehörten, das sei eine Aufgabe, an der sie sicher ihr halbes Leben zu lernen haben werde. Sie verspreche aber, nicht zu verzweifeln, und hoffe, wenn auch erst mit weißen Haaren, sicherlich einstmals so weit zu gelangen.

In all dem lustigen Durcheinander wurde nicht bemerkt, daß Gunter sich mit den vier Kleinsten entfernt hatte. Dort erschienen sie eben wieder vom Hause her unter den alten Kastanien des Baumgangs. Vorsichtig trugen sie je zwei und zwei etwas, das noch nicht zu erkennen war.

Beim Näherkommen erwies es sich als je ein Kissen, und wie sie ganz nahe heran waren, sah man, daß auf dem einen Kissen zwei Silberkränze, auf dem anderen zwei silberne Myrtensträußchen lagen.

Die kleinen Mädchen gingen behutsam und sehr vorsichtig; das Kissen zwischen ihnen geriet nicht ins Wanken, und die silbernen Kränze lagen wie festgenagelt. Anders bei den zwei Buben. Sie zerrten das, was sie trugen, hin und her; einmal entrutschte ihnen eines der Sträußchen nach vorn und einmal nach hinten.

Gunter mit de» vier Kleinsten brachte die Silberkränze und Myrtensträuße.

Unermüdlich
rafften sie, und
ihren lustigen
Schalksgesichtern
war keine
Spur von
Scham anzusehen.
»Hoppla!«
sagten sie
das eine Mal
und »Uijeh!«
das andere
Mal, immer
abwechselnd.

Da standen nun die kleinen Mädchen vor Mutter Lu und Mutter Li. Verschämt hingen sie die Köpfe und lispelten ihr gereimtes Sprüchlein, von Vetter Gunter verfaßt, der mit allen Zeichen des stolzen Dichters danebenstand. »Lauter!« mahnte er streng. Es sollte den Versammelten doch kein Wort seines Werkes verlorengehen. Aber die Dirnlein senkten nur die Köpfe noch tiefer und säuselten bedenklicher. Da stellte er das Mahnen ein, und glücklich war auch schon das Ende da:

»So nehmt denn hin – schmückt euch mit dieser Zier!
Mög's künftig eine goldne sein, so hoffen wir.«

Die zwei Großen, Hildegard und Irmingard, nahmen nun die Kränze und setzten sie den Silberbräuten auf. Wie junge, schämige Mägdlein erröteten diese; sie wollten sich erst entsetzt wehren, hielten aber dann doch still, da sie die enttäuschten Mienen rings sahen. Von ungefähr traf sie Klein-Muttchens lächelnder schadenfroher Blick; da rückten sie sich zurecht: »Jetzt gerade!« Klein-Muttchen sollte denn doch sehen, daß sie auch solche Würde mit Anstand zu tragen wußten.

Derweil standen die Buben Konz und Dieter vor den landgerichträtlichen Vätern, und war es den Jungen nicht wohl in ihrer Haut, so war es dies den Alten noch weniger.

»Her mit dem Zeug!« knurrte Landgerichtsrat Heinz.

»Ja, her damit!« bestätigte im selben Ton sein Bruder und Gesinnungsgenosse; beide haßten es, eine Rolle zu spielen.

Schon hatten sie die zwei Sträußchen gefaßt und wollten sie wie auf Verabredung in die Rocktaschen schieben. Leni und Lisi quiekten in hellem Entsetzen, und auch die Buben waren verdutzt.

»Nee, so rasch geht das nicht,« sagte Konz entschlossen und riß an der Vaterfaust.

»Nee, Onkel, erst die Verse,« mahnte auch Dieter, und denn stecken es euch die zwei Großen an. Alles, was recht ist!«

»Gunter hat doch die Verse gemacht, Vater,« mahnte Konz wiederum, »und so einfach ist das gar nicht, sagt er.« Für Konz war der große Bruder ein Vorbild, dem nachzueifern er mit Macht strebte.

Vater Paul, also gemahnt, brachte denn auch zögernd daß Sträußlein wieder zum Vorschein, und der Bruder folgte seinem Beispiel.

»Na, also – denn los!« knurrten sie.

Nun gab es aber nochmals ein Hindernis. Das war, daß die zwei Buben über diesem programmwidrigen Zwischenspiel ihre Verse vergessen hatten, die ohnehin nur sehr notdürftig saßen. Sie hingen die Köpfe, scharrten mit den Füßen, stotterten etwas und verstummten bald gänzlich. Konz stieß den Dieter an und dieser den Konz; sie hatten rote Köpfe und ließen dazu bedenklich die Ohren hängen.

Vater Paul und Onkel Heinz verkniffen nur schwer das Lachen. Gunter, der Dichter, sah verärgert drein und suchte ein paarmal auszuhelfen. Die Buben stotterten nach, verwirrten sich aber immer heilloser. Die Sache endete damit, daß sie sich gegenseitig in die Haare fielen und alsbald auf dem Boden wälzten, niemand wußte wie. Kaum wurden die Sträuße aus der Prügelei gerettet. Die aber hatte Hildegard in Händen und schmückte Vater und Onkel damit; ihr freundliches Gesicht mußte Gunters Verse ersetzen und tat es auch.

Die beiden Landgerichtsräte atmeten auf. Dieser erste Teil des Festtags war glücklich überstanden; mit Hilfe eines günstigen Sternes würde auch alles andere zu ertragen sein. Frau Lu und Frau Li waren unter ihrer eheherrlichen Leitung sonst so vernünftige Menschen geworden. Daß sie sich auf diese Feier versteifen mußten! Unbegreiflich, aber nicht zu ändern, und einmal würde es ja Abend werden. Nur gut, daß Schwager Fritz auf den guten Gedanken gekommen war, gerade heute seine Braut zu bringen! Da verteilte sich doch das Interesse, und man war nicht allein der Gefeierte. Wohlwollend, fast zärtlich sahen die zwei Landgerichtsräte nach der jungen Anne hin.

Die fühlte sich durch die Festrolle wenig bedrückt. Sie lachte und plauderte und hatte für jeden ein liebes, lustiges Wort, von Schwiegermutter und Schwiegervater an, über Schwäger und Schwägerinnen bis hinunter zu den jungen und jüngsten Nichten und Neffen. Namentlich Leni und Lisi hingen begeistert an der jungen Tante; sie sahen gar nicht ein, weshalb Onkel Fritzel sie so entschieden beiseite schob, wenn sie versuchten, sich zwischen seinen und der jungen Tante Stuhl zu drängen. Kein bißchen nett war das von dem Fritzelonkel, der doch sonst immer so lieb und lustig gewesen war...

Die Dresdorfer Kirchenglocken klangen über den Wiesengrund. Wie schön, daß dieser Festtag gerade auf einen Sonntag fiel! Frau Lu und Frau Li rechneten sich dies als ganz besonderes Verdienst; niemand ersah freilich, weshalb.

Der Kirchgang war natürlich als zweite Nummer der Festordnung vorgesehen; so beeilte man sich mit dem Frühstück. Die Glocken in Dresdorf pflegten eine Stunde vor Beginn des Gottesdienstes zum erstenmal zu mahnen. Man hatte demnach noch reichlich Zeit.

»Aber die Kranze?« fragte Frau Lu und nestelte an dem ihren.

»Ja, die Kränze,« sagte auch Frau Li und tat wie die Schwester.

Ein Jammerlaut von Leni und Lisi ließ sie einhalten.

»Nicht, nicht – bitte nicht! Ihr seht so wundervoll aus. Bitte, geht so in die Kirche – bitte!«

Ungewiß sahen Frau Lu und Frau Li in die Runde und auf die jammernden kleinen Mädchen; sie sahen auch in Klein-Muttchens schadenfrohe Spottmiene.

Frau Friedel redete denn auch zuerst, und in der Stimme klang an, was in der Miene zu lesen war: »Natürlich müssen sie mit den Kränzen in die Kirche gehen! Das wäre noch schöner! Wer A sagt, muß B sagen. Will ich durchaus und mit Gewalt gefeiert werden, so muß ich mich auch in die Rolle finden, und Kränze gehören nun einmal dazu. Was, Leni, Lisi?«

»Klein-Großchen! Unser goldiges Klein-Großchen!« Begeistert waren die Kleinen.

Auch die landgerichträtlichen Eheherren zollten der Schwiegermutter Beifall, da sie den Schalk in ihr durchhauten.

»Natürlich die Kränze! – Selbstverständlich müssen die Kränze mit zur Kirche!«

Hätten sie gewußt, was sie sich einbrockten! Nun sprühte der Schalk in Frau Lus und Frau Lis Augen.

»Wenn die Kränze mitkommen, müssen die Sträußchen auch mit!«

Da war die Bescherung! Alle stimmten zu, die Kinder mit Freudengeschrei, und die zwei Landgerichtsräte waren in ihrer eigenen Schlinge gefangen.

Wie die Dresdorfer Glocken sich anschickten, die dritte Mahnung hinauszurufen zu denen, die sie hören wollten, da schritt durch den grüngoldnen Wiesengrund auf dem schmalen Schlängelpfad ein kleiner Festzug, der es rechtfertigte, daß die Baumkronen, unter denen er herging, gar vergnüglich und beifällig raunten und rauschten, daß die Vöglein näher heranhüpften und die Köpfe neugierig drehten, daß Mäuslein und Maulwurf aus ihren Löchern spähten und die kleinen Herbstblumen sich reckten, um auch einen Blick zu erhaschen.

Voran schritten zwei stattliche Paare. Jugendlich und mädchenhaft schlank die beiden Silberbräute, die Kränze auf den nur gerade von einem leichten Silberschein überhauchten Wuschelköpfen. Denn von außen waren sie das geblieben, wie viel sich auch innerlich geglättet haben mochte. Ihnen zur Seite die mit den Jahren leidlich gerundeten Eheherren, deren Stirnen sich um ein beträchtliches gehöht hatten. Diesen Paaren folgte ein drittes: Vater Klaus und Frau Friedel, an der sichtlich alles fieberte, denn sie hatte zeit ihres Lebens immer gern den Weg vor sich frei gehabt und sich ungern in irgendwelchen Zwang gefügt. Vater Klaus hatte seine Not, ihren Schritt zu hemmen, damit die Füße der Voranschreitenden nicht zu Schaden kämen. Hinter diesem Paar schlossen sich alle anderen in beliebiger Ordnung an.

Auf der Dresdorfer Gasse gesellten sich die drei Damen vom Herrenhaus zum Festzuge, was gut war, denn nun hatte der arme Onkel Lutz doch auch jemand, mit dem er gehen konnte, wie Konz wohlwollend bemerkte, da er diesen an Gladys Seite treten sah. Im Dorf wurde die Festgesellschaft von allen Seiten mit großer Freundlichkeit begrüßt. Das alte gute Einvernehmen zwischen den Bewohnern des Dorfes und denen des Herrenhauses war immer dasselbe geblieben, das es schon in Friedel Poltens, des jetzigen »gnädigen Frauchens«, Jugendtagen gewesen war.

Unter der Kirchentür preßte Vater Klaus Frau Friedels Arm fester. »Weißt du noch, Friedelchen?«

»Wo werd' ich nicht, Klaus! Wer weiß, wenn ich noch einmal – –«

Die Orgel hatte eingesetzt und schnitt Frau Friedel das Wort ab. Nur ein neckender Schelmenblick konnte die Rede vollenden; dann trat die Weihestunde in ihr Recht.

Im wunderschön geschmückten Saal im alten Dresdorfer Familienhause saß später die Festgesellschaft. Außer der Familie waren von alten Freunden nur die anwesend, die noch in Loberg und sonst in der Nachbarschaft wohnten. Viele hatte das Leben wo anders hin verschlagen; Beamte haben keine dauernde Stätte. So kam es, daß die Gesellschaft außer der Familie nur zehn oder zwölf geladene Gäste zählte. Das tat aber der Lust weiter keinen Eintrag, auch nicht dem Lärm und Hopphei. Das besorgte die Familie zur Not allein im gehörigen Maße.

Es schallte laut und fröhlich durch die geöffneten Saaltüren über den Garten mit seinen alten Bäumen hin, laut und fröhlich wie zu allen Zeiten, seit die Polten hier gesessen und Feste gefeiert hatten.

Vater Klaus hatte sich die Tischordnung ausgedacht; er war dabei in seiner besten Necklaune gewesen.

Frau Friedel hatte ihm dies Amt etwas unwirsch zugeschoben: »Denn siehst du, Klaus, alles kann ich nicht besorgen. Ein wenig wirst du dich schon bemühen müssen!«

»Gern, Friedelchen, aber dann muß ich auch alles allein bestimmen.«

»Meinethalben! Weshalb ihr Männer nur solche Rechthaber seid?«

»Sind wir das, Friedelchen?«

»Erschreckliche! Aber hör mal: Lu und Li setzt du zum Herrn Pfarrer, so recht würdig – die sollen das Feiern satt bekommen – und ihre zwei Männer –«

»Ich denke, ich soll allein –«

Da knallte die Türe zu, um sich gleich wieder zu öffnen.

»Ich denke, Fee setzt du am besten neben – –« Er hob nur abwehrend die Hand, aber in seinem Gesicht war viel zu lesen, und er lachte dazu; fast ein bißchen hämisch sah's aus. Wieder knallte die Tür. Etwas wie »Dickkopf« war dabei zu hören gewesen, und diesmal tat die Tür sich auch nicht wieder auf.

So war es gekommen, daß Vater Klaus wirklich ganz allein die Tischordnung bestimmt und dies, wie gesagt, in seiner allerneckischsten Laune getan hatte.

Gleich als sie sich setzten, ging ein unterdrücktes Lachen durch den Saal. Frau Friedel sah mißtrauisch auf. Im Augenblick war sie nur Hausfrau und fühlte sich verantwortlich für alles, was etwa unrechtmäßigerweise Heiterkeit erwecken konnte.

Was war das? Alle schauten nach ihr; alle lachten vergnügt, sogar ein bißchen spöttisch. Sie fuhr sich erst nach dem Kopf. Nein, soviel sie fühlen konnte, war da alles in Ordnung, obgleich die »grauen Borsten« diesen Morgen widerspenstiger als sonst gewesen waren. Nun glitten die Hände am Anzug hin. Tadellos, soviel sie merken konnte. Weshalb also diese heiteren Mienen?

Sie schaute neben sich. Da saßen ja wahrhaftig die zwei Madamen mit den Silberkränzen rechts und links von ihr! Nein, die Männer! Nicht einmal das hatte der Klaus richtig besorgen können! Das war denn doch zu toll! Und – – konnte sie ihren Augen trauen? Neben Frau Lu und Frau Li lachten ihr die braunen Bubengesichter der zwei Friedel entgegen!!!

Der Klaus! Diesen Schabernack hatte er ihr spielen müssen! Friedel Polten verfünffacht und so recht zur allgemeinen gütigen Beachtung wie auf einem Stänglein aufgereiht! Das war ja lächerlich! Nein ärgerlich – schändlich! Und dabei lachte dieser Missetäter ihr noch von seinem Platz gerade gegenüber so recht herausfordernd ins Gesicht.

»Wie gefällt dir meine Tischordnung, Friedelchen? Ich mußte mir den Genuß gönnen, mein Friedrichen in fünffacher – –«

Bums, hatte er die Serviette am Kopf als Antwort, und allgemeines Hallo begrüßte den Racheakt. »Du denkst wohl wunder was von deinem Witz?« Frau Friedels Augen blitzten; aber dann mußte sie doch über die verdutzte Miene lachen, die sich dort unter der sie beim Wurf umhüllenden Serviette vorschob. Sie drohte mit der Hand. »Einmal und nicht wieder, Klaus,« dann ganz kläglich: »Daß Gott erbarm, Klaus! Brauchst auch noch Witze drüber zu reißen, daß Friedel Polten in vierfacher Auflage – –«

Was sie hatte sagen wollen, ging in einem endlosen Hallo unter, aus dem nichts einzelnes herauszulösen war. Sie lachten, schrien Bravo, fuchtelten mit den Händen, hoben die mittlerweile gefüllten Gläser Frau Friedel zu, tranken, lachten wieder, redeten alle zumal, kurz, benahmen sich ganz so unvernünftig und ungereimt, wie dies gemeiniglich eine lustige Gesellschaft zu tun pflegt, die zusammengekommen ist, die Stunde zu feiern.

Frau Friedel hielt sich zuerst die Ohren zu; sie winkte abwehrend mit den Händen, tat sehr erhaben, rümpfte die Nase, warf den Kopf hintenüber und zeigte in jeder Weise, daß sie nicht gern als Erheiterungsgegenstand diene. Dann aber riß es sie mit sich fort. Sie hätte nicht Friedel Polten von einst sein müssen! Die war stets bei den Lachern zu finden gewesen, und auch Frau von Rödern hielt sich nie lange weit davon.

So hatte Vater Klaus die Klippe umschifft, und wie er jetzt die Hand über den Tisch herüberstreckte, schlug Frau Friedel herzhaft ein. Ihre Augen tanzten, glänzten und lachten, wie es nur die von Friedel Polten hatten tun können. Und wer heute auf die Frau Baronin von Rödern und ihre frauliche Würde gezählt hätte, der hätte sich verrechnet gehabt; nur Friedel Polten war zugegen, und zwar Friedel Polten aus ihren lebendigsten Sprudeltagen. Sie stellte ihre vier Abbilder, die mit den Silberkränzen und die mit den Backfischgesichtern, durchaus in Schatten. Wenn Vater Klaus gewußt hätte, was er entfesselte, er würde sich bei der Tischordnung doch mehr besonnen haben.

Der gute alte Pfarrer sprach von den Silberbräuten, die er schon getauft und eingesegnet hatte. Laut klang danach das Hoch, klangen die Gläser zusammen.

Nun erhoben sich Landgerichtsrat Heinz und Landgerichtsrat Paul, gleichzeitig wie auf Kommando; sie setzten sich ebenso übereinstimmend dann wieder nieder, um mit erneuter Hast aufzuschnellen und sich wieder fallen zu lassen.

»Nanu –« Frau Friedel lachte – »wollt ihr euch zu Stehaufmännchen ausbilden?«

Nun hatten es die beiden mit der Höflichkeit.

»Nach dir! – Bitte, nein, nach dir!«

»Um Himmels willen!« riefen Lu und Li; sie hatten rote Köpfe und ängstliche Augen.

»Aha, die Rangen fürchten das Sündenregister,« neckte Muttchen Friedel »Paul hat das Wort als der Ältere.«

Der stand und wischte erst einmal über die gehöhte Stirn. Man feiert nicht jeden Tag Silberhochzeit. Dann fand er gute warme Worte, die Frau Lu und Frau Li immer heißer machten und ihnen das Wasser in die Augen trieben, ob sie wollten oder nicht. Auch Klein-Muttchen wischte jetzt und schämte sich dessen nicht. Die Augen von Frau Lus und Frau Lis Kindern aber glänzten und suchten voll Liebe die Mütter. Und so endete die Rede von Landgerichtsrat Paul:

»Es ist ein Großes, fünfundzwanzig Jahre lang sich gegenseitig zu Dank und zu Liebe zu leben. Ich bekenne – und weiß, daß ich damit auch im Sinne meines Bruders rede, denn wir waren wie eine Familie – ich bekenne, daß wir dieses Leben in Glück und Frieden zumeist unseren Frauen zu danken haben.

»Unsere guten Eltern, die leider diesen Tag nicht mit uns erleben durften, pflegten zu sagen: ›Jungen, ihr seid Glückspilze. Nicht jedem bekommt solch ein Griff ins Blaue, wie er euch bekommen ist. Haltet die Lu und die Li in Ehren!‹ Mein Bruder Heinz und ich, wir haben uns befleißigt, das Elternwort wahr zu machen, und ich hoffe, es ist uns gelungen. Und wenn wir unseren lieben Frauen bei diesem Abrechnungstag ein Eins A ausstellen, so hoffen wir, daß deren Zeugnis für uns nicht minder günstig ausfallen möge.«

»Amen,« sagte Landgerichtsrat Heinz und atmete hörbar erleichtert auf, denn Bruder Paul hatte ja für ihn mitgeredet.

Frau Lu und Frau Li wußten nicht, wohin schauen bei solcher Ehrung. Sie zerflossen in Tränen, und es war drollig, wie sie sich dieser Tranen schämten, die doch so wundervoll wohlig strömten. Im Überschwang der Gefühle quetschten sie jede Klein-Muttchens Hand, die irgendwie in die ihren geraten war, bis diese sich sehr hörbar wehrte.

»Jetzt mal Schluß, ihr zwei! Ich hab's euch ja gesagt, Festmittelpunkt sein ist nicht so leicht. Daß es aber meine Hände so büßen sollen, sehe ich doch nicht ein. Loslassen, oder ich werde ungemütlich! Kinder, Gott segne euch den Tag!«

Es schien nahe daran, als ob nun auch Klein-Muttchens »Wasserwerke« zu spielen anfangen wollten. Da war es ein Glück, daß etwas kam, das ablenkte.

Professor Lutz stand da in seiner ganzen Länge und wollte sichtlich auch einen Spruch tun. Er hob schon das Messer, womit er aus Glas klopfen wollte.

»Guter Himmel,« seufzten Lu und Li aus ihren Tränen und ihrer Scham darüber heraus, »nun könnte es aber genug sein!«

Muttchen Friedel lachte.

»Ja, Festmittelpunkt sein ist mitunter beschwerlich. Feiere du einmal keine Silberhochzeit, Kind, wenn ich dir raten darf!«

Sie hob ihr Glas der jungen Anne zu, die glückstrahlend an ihres Fritzel Seite saß.

Die konnte nur schütteln und nicken und wieder schütteln; man wußte nicht, welcher Ansicht sie zuneige, denn der Lärm war zu groß für Worte. Und immer noch stand Professor Lutz, würdevoll und lang, ohne Ruhe für seine Rede zu finden.

»Erbarm dich, Bruder,« flehten Frau Lu und Frau Li – es war, als ob Tante Lenchens Geist plötzlich durch den Festsaal husche – »erbarm dich – laß es genug sein!« »So laßt ihn doch reden,« riefen Konz und Dieter, die zu dem weitgereisten Onkel erwartungsvoll aufschauten, »der kann's!«

»Danke für die ehrende Anerkennung, meine Herren Neffen.« Professor Lutz neigte sich würdevoll vor den Buben, die sich mit roten Köpfen kichernd in die Rippen stießen. »Ich hätte nun allerdings etwas zu sagen, das – meine gefeierten Schwestern mögen mir verzeihen – nicht unmittelbar Bezug auf sie und den heutigen Tag hat.«

»Gott sei Dank! – Na, denn los!« So riefen die Silberbräute und atmeten auf.

»Ich wollte nämlich unserem Klein-Muttchen eine zweite Gabe bringen zum heutigen Tag, nach dem Beispiel von Bruder Fritz, und –«

»Lutz, du wirst doch nicht! Am Ende irgend eine Wilde aus Afrika oder – ? Schwarz darf sie nicht sein, Lutz,» da widerspreche ich!« Frau Friedel war von ihrem Sitz aufgefahren und stand kampfbereit.

»Ich mag rote Haare,« bemerkte Konz fachlich in die Stille hinein.

»Hexengold,« ergänzte Dieter und bekam dafür einen Rippenstoß, daß er beinahe vom Stuhl fiel.

Da wäre ja nun die Lösung des Rätsels und alles sehr einfach gewesen. Wenn aber einer entschlossen ist, eine Rede zu halten, so läßt er sich daran nicht so leicht hindern.

Um des Professor Lutz Lippen zuckte der Schalk; er drohte den zwei Buben: »So hell waren wir zu unserer Zeit noch nicht! Woher – –?«

»Das war kein Kunststück,« grinste Konz.

»Kein Kunststück,« bestätigte auch Dieter. »Gladys – –«

Da hatte er einen zweiten Rippenstoß weg, der ihn diesmal richtig zu Boden beförderte. Er brüllte aber nicht wie sonst; dafür war die Sache zu aufregend.

Professor Lutz war ein bißchen rot geworden; man sah es ganz deutlich trotz seiner braun gebrannten Haut. Er lachte erst einmal verlegen und blickte in die Runde. Aller Augen hingen an ihm. Nun wollte er eben den Mund auftun zu seiner gesetzten wohlüberlegten Rede; aber es stand im Schicksalsbuch geschrieben, daß sie ungehalten bleiben sollte.

Klein-Muttchen hatte sich von ihrem Erstaunen erholt, in das sie durch der hellen Buben Anspielung versetzt worden war. Diese Rangen! Und daß ihr auch niemand eine Andeutung gemacht hatte! Aber die anderen waren sicherlich ebenso blind gewesen wie sie. Nein, der Lutz! Etwas in ihr bäumte sich auf; das war ein Erinnern aus alter Zeit. Aber es schwand, wie es gekommen war, und eine heiße Freudenwelle ging durch sie hin. Ihr Ältester! Ihr Lutz! Wen der wählte, der war dessen nicht unwert.

All das war mit Blitzgeschwindigkeit durch Klein-Muttchens Hirn geschossen. Nun war sie selber redebereit und schnitt ihrem Ältesten das Wort ab.

»Lutz, mein Lutz, wie freue ich mich! Duckmäuser, wie kannst du aber! Deine Mutter so im Dunkeln tappen zu lassen! Ich sollte sehr gekränkt – –«

»Hm, das war doch leicht zu merken, wenn man nur die Augen aufmachte,« bemerkte wieder Konz, ein bißchen von oben herab.

»Ja, Herrje, das konnte ein Blinder sehen,« echote Dieter.

»Recht haben die Buben,« bestätigten die zwei Friedel aus einem Munde, und ihre Spitzbubengesichter strahlten. »Wir – –«

»Kinder, ich muß wohl sehr dumm sein,« bemerkte Klein-Großchen etwas spitz. »Ein Glück, daß die nächste Generation dies nicht geerbt hat!«

»Macht nichts, Klein-Großchen – wir haben dich doch lieb,« trösteten Leni und Lisi, die sich bei dieser erregenden Begebenheit dichter zu dem Mittelpunkt der Gesellschaft herangeschlichen hatten. »Macht gar nichts – wir haben dich doch sehr lieb.«

»Danke,« sagte Klein-Großchen erstaunlich spitz und mußte doch lachen.

Leni und Lisi wunderten sich, aber die Dinge nahmen ihren Lauf. Klein-Muttchen hielt Gladys in den Armen, die ihr Professor Lutz nun ohne weitere Worte zuführte. Er hatte die verunglückte Rede gründlich und ohne weitere Folgen verschluckt.

Und Klein-Muttchen schloß Gladys auch zugleich ins Herz.

»Wir wollen ihn lieb haben, Kind, du und ich!«

Gladys nickte unter Tränen und schmiegte sich enger an Klein-Muttchen. Tante Fee war sehr ergriffen, da man ihr nun als der »Nächsten dortau« Glück wünschte.

»Du und Lisa, ihr habt doch nichts von der Sache gewußt?« fragte Klein-Muttchen, als der erste Sturm verebbt war.

Fee zögerte, und Tante Lisa gestand: »Wir haben es geahnt, Friedelchen.«

Da wandte sich Frau Friedel Vater Klaus zu, halb lachend, halb ärgerlich, halb im Scherz und halb im Ernst.

»Klaus,« sagte sie, »es tut mir leid, daß du dich nun alle die Jahre mit solch einem Dummbartel, wie ich einer bin, hast durchs Leben schleppen müssen. Es tut mir aufrichtig leid, Klaus.«

»Macht gar nichts, Friedelchen! Ich trage mein Teil in Geduld.«

»Für etwas höflicher hätte ich dich denn doch gehalten.« Frau Friedel sah sehr strafend drein.

»Das zu tragen kommt auf dein Teil, Friedelchen.«

»Danke,« sagte Frau Friedel kurz und lachte dann: »Aber nun nehmt mal die zwei Silberbräute da weg; sie sind entthront – basta! Eine grüne Braut geht über eine Silberbraut, und nun gar zwei! Wechselt mal die Plätze; ich möchte meine beiden Schwiegertöchter neben mir haben. Und jagt mir das braune Gesindel, die Friedel, auch davon; da mögen mein Lutz und der Fritzel sitzen. So, nun hab' ich doch noch meinen Willen und eine Tischordnung nach meinem Wunsch, Klaus – ätsch!«

»Mir war, als habe jemand irgendwo Dickkopf gerufen; ich muß mich wohl verhört haben,« versetzte Vater Klaus und wandte sich um, nach dem Rufer zu spähen.

»Schäm dich, Klaus,« entgegnete Frau Friedel würdevoll.

War es vorher lustig gewesen, so wurde es jetzt fast toll; der Lärm schwoll bedenklich. Von draußen drängten die Hofleute und Leute aus dem Dorf herzu. Sie hatten von den zwei neugebackenen Brautpaaren gehört; da mußten sie auch ihren Glückwunsch anbringen. Frau Lu und Frau Li waren aus dem Brennpunkt gerückt und wußten nicht wie; aber sie waren es zufrieden.

Sie hatten sich auch Aufführungen jeglicher Art verbeten gehabt.

»... denn siehst du, Li, es könnte gefährlich werden; man weiß nicht, wie die Bande aus der Schule plaudern würde.«

»Ja Lu, es könnte genierlich werden.«

»Drum stopfen wir ihnen von vornherein die Schnäbel.«

Sie waren noch ganz so einig, die zwei, wie sie es in ihren Strudeltagen gewesen waren.

So waren also Aufführungen jeder Art mit ihrer Gefährlichkeit verboten, und die junge Welt war das auch zufrieden gewesen, denn nun ließ es sich feiern ohne jeden Hinterhalt. Ein noch ungesprochenes Gedicht oder dergleichen, das erst in die Erscheinung treten soll, liegt gemeiniglich schwer im Magen. Heute war man frei von derlei Bürden. Ein Glück, daß man so kluge Mütter hatte!

Die Lust stieg noch immer. Von Frau Friedels Platz aus sprühten die Neckbomben, trafen rechts und links ohne Wahl. Endlich sprang sie auf.

»Ein Tänzchen, Kinder! Als der Großvater die Großmutter nahm! Ich muß mit meinem Alten tanzen. Mach mal kein so dummes Gesicht, Klaus! So viel werden die Gichtbeine noch hergeben. Wir wollen unseren Kindern zeigen, wie man jung bleibt, und daß die Jahre nicht das Alter zu bestimmen brauchen. Hurra unsere Jugend, Klaus!«

»Hurra! Hurra! Hurra!« Sie umdrängten sie alle, die Enkel, groß und klein, und jeder wollte in der Begeisterung möglichst dicht zu Klein-Großchen heran.

»Luft, Luft, oder ich werde handgreiflich. Jetzt bin ich nur für meinen Alten da – basta!«

Da standen die zwei Alten, ein noch schönes, ansehnliches Paar. Tante Lisa spielte einen altväterischen Biedermeierwalzer, und sie drehten sich in Anmut und Würde. Vater Klaus vergaß die Gichtbeine und die Jahre. Er sah nur den leicht übergrauten Scheitel vor sich und ihre schalkischen Augen zärtlich auf sich gerichtet; er sah in der Runde all die blühenden jungen Menschen, die zu ihm und zu ihr gehörten, und er wußte, sein Leben war köstlich gewesen. Es füllte ihn mit heißem Danke...

Das »Tänzchen« dauerte lange. Tante Lisa und die blonde Irmingard hatten ihre Not als Musikanten. Großvater und Großmutter aber waren längst unter den Zuschauern; sie erlabten sich an der jungen Lust.

Draußen wollte schon die Dämmerung sinken und der Mond über die Berge steigen, da hatten Leni und Lisi, als die sinnigen Mägdlein, die sie waren, auch einen sinnigen Einfall.

Man vermißte sie nicht in dem allgemeinen Durcheinander; selbst Mutter Lu entdeckte das Fehlen ihrer Kleinen nicht. Mutter Lis Buben waren noch die ersten gewesen, die Basen zu vermissen, aber die waren zu beschäftigt. Ein Stück Kuchen war der Störenfried; um dessen Besitz rangen sie innig umschlungen am Boden. Auch dies ging im allgemeinen Lärm unter.

Aber dann standen die zwei Mädchen plötzlich im Saal. Sie hielten einen länglichen schwarzen Kasten zwischen sich, brachten den zu Klein-Großchen und stellten ihn stillschweigend vor sie hin.

Tante Lisa spielte einen altväterischen Biedermeierwalzer; Klein-Großchen und Papa Klaus drehten sich in Anmut und Würde.

Klein-Großchens Geige!

»Die guten klugen kleinen Mädchen!« Das war Mutter Lu.

»Spielen, Klein-Großchen – bitte, spielen,« flehten die Enkel.

»Wir wären glücklich, wenn wir etwas hören dürften; gnädige Frau sollen ja Meisterin sein,« sagten die Gäste.

Vater Klaus bat nur mit den Augen, aber das war das Bestimmende.

Frau Friedel nickte ihm mit warmem Blick zu, und sie nahm die Geige unter das Kinn. Da sang diese so süß, wie sie nie gesungen hatte; wenigstens kam es denen so vor, die sie zu hören gewohnt waren.

Vielleicht war es, weil mehr als je ein tiefer Ton mit anklang, wie ihn nur des Lebens Reife in die Herzen und so in Saite und Bogen zu legen versteht. Je länger wir durchs Leben schreiten, desto tiefer klingt er an; der Ton leuchtet aus den Augen, tönt aus der Stimme, durchtränkt jedes Wort und jegliches Tun. Es ist der Ton des Wissens, der zugleich härtet und weich macht.

Atemlos lauschten sie alle Klein-Großchens Geige; wie heute hatte sie noch nie gesungen. Immer fand sie neue Töne und wollte nicht verstummen. Es war, als ob in ihren Tönen heute eines ganzen Lebens Glück hinausgejubelt, eines ganzen Lebens Wissen hinausgeschluchzt werden solle. Selbst die Kinder verstummten und lauschten; Klein-Großchens Geige jubelte, schluchzte und sang sie in Schlaf. Das fanden danach die Mütter Lu und Li.

Nun war es Zeit zum Aufbruch. Die fremden Gäste verabschiedeten sich. Die Schlafkinder wurden in die Dresdorfer alte Familienkutsche verstaut. Die Silberbräute Lu und Li schafften ihre Kleinodien heim.

Die Kutsche rumpelte und stieß; Worten war das nicht günstig. Aber Frau Lu sah, daß Frau Li vor sich hin lachte, wie einmal der Mond in die Kutsche blinzelte.

»Was lachst du?«

»Je, weil wir nun so alt geworden sind und doch alles geblieben ist, wie es war.«

»Wieso?«

»Ja, sagten wir nicht immer: vor Klein-Muttchen kommen wir nicht auf?«

»Je ja, aber was hat dies mit heute zu tun?«

»Sag mal ehrlich: wenn wir nicht die Kränze gehabt hätten, würde uns jemand als Hauptperson angesehen haben?«

»Wozu auch? Festmittelpunkt sein, ist gräßlich, wie Klein-Muttchen sagt.«

»Und ist doch immer und überall Festmittelpunkt vor anderen gewesen – sozusagen ihr ganzes Leben lang, unser Klein-Muttchen.«

»Das macht, weil sie wie die Sonne ist und wie ein erquickendes Lüftchen zugleich, so warm und so frisch.«

»Du wirst ja ganz poetisch, Li!«

»Werd' ich auch, Lu! Gott segne unser Klein-Muttchen!«

»Und gebe ihr noch viele Jahre, uns allen zur Herzensfreude,« fügte Lu hinzu.

»Amen,« schloß Li.

Derweil die alte Kutsche Rödershof zu holperte, hatten die anderen beschlossen, noch einen Mondengang zu machen und auf einein Umweg heimzukehren. Selbst Vater Klaus hatte keinen Einspruch und vergaß die Gichtbeine. Rechts hatte er Tante Lisa, links Frau Friedel den Arm geboten.

»Ihr seid doch die einzigen, mit denen ich jung war; das bindet.«

Die Brautpaare waren weit voraus. So ergab es sich, daß Tante Fee ganz allein geblieben wäre, hätte nicht Hildegard sich erboten, bei ihr zu bleiben.

»Wenn du wüßtest, wie gern ich es tue, Tante Fee,« sagte sie auf deren wehrenden Widerspruch so warm, daß die Tante keine Gegenrede fand.

Denn just an diesem Tage hatte sie das Herz so voll, daß es ihr ein Entbehren gewesen wäre, dies volle Herz allein mit sich herumzutragen. Hatte ihr dieser Tag doch die Erfüllung ihres Herzenswunsches für das geliebte Kind gebracht! Das war nun geborgen an der Seite eines solchen Mannes; sie brauchte sich nicht mehr zu sorgen, was werden sollte, wenn sie, Fee, einmal nicht mehr würde sorgen können. Vor Gladys lag ein glatter, behüteter Weg. Dem Herrn sei Dank!

Dieser eine Gedanke, diese eine große, überwältigende Freude füllte Tante Fees Herz zum Rande, und sie mußte Hildegard davon mitteilen, diesem ernsten, klugen Mädchen, das ihr von allen Nichten die liebste war.

Sinnend nickte Hildegard zu Tante Fees Ergüssen.

»Ich begreife nur das eine nicht ganz, Tante Fee: wie du so für die Heirat sprechen magst, die du doch sicher ohne allzu großes Vermissen allein durchs Leben gegangen bist.«

»Wir Einsamen vermissen alle, Hildegard, ob wir es uns klar machen oder nicht. Gewissermaßen gehören wir zu den Enterbten, denn das Höchste und Tiefste haben wir nicht erleben dürfen. Wir stehen einsam; das Mühen um die Allgemeinheit kann uns das Walten und Schalten im eigenen kleinen Kreise nicht ersetzen. Heirat um jeden Preis ist entwürdigend; aber einem braven Mann und Kindern das Leben leicht machen, das ist die Krone in der Frauen Leben. Wem sie geboten wird, wer ohne Bedenken danach greifen kann, der sollte nicht zögern. Denke daran, meine Hildegard, daß dir das eine sagte, die davon wissen kann.«

Hildegard nahm es sich zu Herzen; sie dachte noch daran, als sie später an des Onkel Lutzens Seite durch den Wiesengrund ging. Er hatte Tante Lisa und seine Braut vom Mondenspaziergang wieder heimgebracht und nahm jetzt die Nichte mit zurück.

Sie sprachen nicht viel, die beiden. Jeder hatte mit den eigenen Gedanken zu tun; die waren gute Gesellschaft.

Nur einmal sagte Hildegard: »Ich glaube, du hast gut gewählt, Onkel Lutz. Gladys hat ihren Kampf in jungen Jahren kämpfen müssen. Das macht stark.«

»Ich danke dir, Hildegard,« antwortete Professor Lutz ernst, und dann hingen sie wieder ihren Gedanken nach.

Frau Friedel aber stand vor Vater Klaus, der in seinem Sessel saß und seine letzte Trostzigarre rauchte, wie er an jedem Abend sagte; sie sprach: »Klaus, ich danke dir, daß du mir das Leben so leicht und schön gemacht hast! Ich habe heute immerzu dran denken müssen, was ich dir zu danken habe, daß du es mit solchem Strudelkopf hast wagen wollen. Du bist tapfer gewesen, Klaus!«

Ein kleines Lachen wollte ihr um die Mundwinkel huschen, verflatterte aber gleich. Die großen grauen Augen blickten ernst.

»Es war keine Kleinigkeit, Klaus, und hätte dir übel bekommen können!«

»Und ist meines Lebens Glück gewesen, Friedelchen!«

»Ich danke dir, daß du das sagst, Klaus; es macht mich froher, als ich sagen kann. Es macht mich stolz.«

»Mein Friedelchen, hast du nicht auch mit mir Geduld haben müssen?«

Sie senkte den Kopf und sah sinnend vor sich hin. Dann blickten ihn die grauen Augen ehrlich und klar an.

»Nein, Klaus! Ich wüßte nichts an dir zu tadeln oder zu ändern. So wie du bist, ein ganzer Mann, Klaus, bist du gerade das gewesen, was für mich not tat. Nur Freude und Glück habe ich bei dir gehabt; nicht einen Schmerz hast du mir bereitet – nicht einen, Klaus – und ich danke dir!«

Er war rot geworden wie ein Mädchen. Wortlos zog er sie, die mit gefalteten Händen vor ihm stand, neben sich. Lange noch sah der Mond, wie er ins Zimmer lugte, die beiden so wortlos sitzen und die klare reine Summe ihres vereinten Lebens ziehen.

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