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Klein-Großchen

Henny Koch: Klein-Großchen - Kapitel 2
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authorHenny Koch
titleKlein-Großchen
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
illustratorR. Gutschmidt
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Erstes Kapitel: Friedel Polten als Großmutter

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Zuallererst kam ein Hund gelaufen, ein junger, täppischer Jagdhund, sichtlich mit noch wenig Zucht; der breschte wie toll an dem hohen Grasrain hinunter, der vom Waldrand nach der Loberger Landstraße abfällt. Kein Wunder! Diese Straße daher flog im eiligsten Trab eine Reiterin und hetzte ihr Tier noch immer mehr mit Zuruf und Zungenschnalzen.

Der Hund umtanzte Roß und Reiterin, sprang das Pferd an und hinderte sehr.

»Tyras – he, Tyras!« klang es aus dem Wald.

Aber Tyras hörte nicht; sein jugendlicher Übermut spottete aller Dressur. Weshalb sollte er nicht eben so lustig dahinsausen wie der Renner? »Gleiches Recht für alle,« so dachte Tyras, bellte und sprang weiter.

Die Reiterin war sehr behindert. Ihr Tier hufte, machte Miene zu steigen und drehte sich um die eigene Achse.

»Bella – aber Bella, sei doch gescheit,« redete ihm die Herrin zu.

Hell klang ihre Stimme; man hörte und verstand jedes Wort. Nun wandte sie sich zum Hunde.

»Geh heim, Tyras – dein Herr ruft – es gibt sonst Wichse!«

Heller als die Stimme klang das Lachen. Tyras gefiel das; er nahm es für eine Ermunterung, sprang nur um so toller und kläffte aus vollem Halse

Die Reiterin verlor aber ihre gute Laune nicht.

»Denkst du, der Zug wartet, bis du ausgebellt hast, dummer Tyras? Da – fang!«

Sie riß sich den kleinen Filzhut herunter und warf ihn dem Tyras hin, so geschickt, daß er ihm just über den Kopf fiel. Er machte die putzigsten Sprünge, ihn loszuwerden; er schien sich im Futter verfangen zu haben.

»Ha, ha, leb wohl, Tyras!«

Die Reiterin lachte und sauste weiter. Sonderbarerweise war ein leicht ergrauter Scheitel sichtbar geworden, als der Hut vom Kopfe flog. Niemand hätte das darunter vermutet, der die Gestalt der Reiterin sah und ihre flinken Bewegungen.

Auch des Tyras Gebieter nicht, der nun oben unter den Waldbäumen stand und so entschieden pfiff, daß der Tyras es doch für geratener hielt, diesmal zu gehorchen. Er kroch auf allen vieren heran, der Hut lag unten verlassen im Staube. Der Herr nahm den Tyras nach ein paar wohlverdienten Klapsen an die Leine. Der quittierte jaulend und dankte, mit dem Stumpfschwanz wedelnd, für gütige Strafe.

Tiefsinnig sah sein Herr, der zweifellos zur Sippe der Sonntagsjäger gehörte, wenn es auch just nicht Sonntag war, erst zum Hut unten und dann hinter der Reiterin her, die gerade um die Waldecke verschwand. Er schüttelte den Kopf.

»Seltsam! Ich hätte geschworen, es müsse eine ganz Junge sein, und nun hat sie graue Haare! Schnurrig das!«

Er wandte sich zu dem Mann, der hinter ihm stand, einem Förster mit dem Gewehr über der Schulter.

»Was tun wir, Müller?« Er wies nach dem Hut. »Wer ist die Dame? Kennen Sie sie?«

»Ei, wo werd ich dann unser gnädig Frauche nit kenne!«

Der Mann lachte, stieg den Rain hinab, hob den Hut auf und besah ihn schmunzelnd.

»Is grad kein Staat mehr – unser gnädig Frauche hat nie nix drauf gewe, schon wie se noch ihr'm Bappa selig sein Jungche gewese is. Dem sein ganzer Stolz war se. Er hat kein Sohn gehabt un hat die Tochter derfir genomme. Der war kein Baum zu hoch un kein Pferd zu wild, sag' ich Ihne, un Streich' hat se gemacht, mer hätt' sich kenne dotlache. Unser alter Herr hat e Mordsfreid an er gehabt. ›Jungchen‹ hat er se noch geheiße, wie se schon ihr Kinner gehabt hat. Un wie er gestorwe is – jetz möge's bal finf Jahr sein – da hat sie de Hof geerbt in Dresdorf. Denn worum? Sie hat e Herz derfir, un die anner Dochter, die wo in England verheirat is, die hat sich nie nix drum gekimmert.«

»Geh heim Tyras – dein Herr ruft!«

»So ist die Reiterin also, wenn ich Sie recht verstehe, die Tochter des alten Herrn Polten auf Dresdorf, dessen Jagd ich vor vierzehn Tagen gepachtet habe?«

Lebhaft nickte der Mann.

»Des is se!«

»Wie kommt es, daß die Jagd erst jetzt verpachtet wurde, wenn doch der Herr schon fünf Jahre tot ist?«

»Ei, unser Herr Baron, der wo der Mann von unserm gnädig Frauche is, der Herr Baron von Rödern, hat se bis jetz gehabt; er muß awer e wing langsam dun, weil daß er die Gicht krige dät, sage se. Drum hat unser gnädig Frauche die Jagd liewer hergewe. Wann der Herr Kommerzierat jetz mitkomme wolle, dann weiß ich Ihne en feine Stand, wo des Wild am meiste wechselt. Wann dann die Jagd aufgehe duht, wisse der Herr Kommerzierat glei Bescheid. Dort enaus, bitte!«

Der so Angeredete, in nagelneuem Jagdanzug, das Gewehr an tadellosem Riemen über der Schulter, wenn auch nur zur Verzierung heute, stand und sah noch immer den Weg hinunter.

»Graue Haare,« murmelte er vor sich hin. »Das und graue Haare! Es ist wie ein Witz!«

Er lachte, der Förster lachte, und Tyras wedelte; so bogen sie in den Wald.

»Den Hut besorgen Sie der Dame zurück, Müller, ja? Sagen Sie auch meine Empfehlungen, und wie leid es mir täte; ich würde dafür sorgen, daß es nicht wieder vorkommt. Bis die Jagd aufgeht, hoffe ich, den Schlingel Mores gelehrt zu haben.«

Damit war der Tyras gemeint. Der wedelte zustimmend mit dem Schwanzstummel. Er stellte die langen Ohren gegen Luftzug und kläffte seelenvergnügt, als ob dressiert zu werden eine Wonne sei. So jung war der Tyras und so dumm noch – –

Die Dame ohne Hut und mit dem grauen Scheitel jagte unterdessen in vermehrter Eile die Landstraße hin, den von Tyras verursachten Aufenthalt einzuholen. An den Hut dachte sie wohl gar nicht mehr, denn sie hatte sich kein einziges Mal danach umgesehen. Sie trieb ihr Tier zu immer größerer Eile, nestelte an der Uhr und zog sie vor, nach der Zeit zu sehen, alles in vollem Trabe. Dann wieder tätschelte sie ihrem Tier den Hals.

»Bella, alte Dame, eil dich! Wir kommen sonst zu spät. Was sollen die Kinder denken?«

Bella schien das auch zu begreifen; sie wieherte einmal hell, und dann sauste sie dahin, als ob sie Flügel habe. Flüchtig nur berührten ihre Hufe das Pflaster, aber es klapperte doch gewaltig, und manches Fenster im Städtchen Loberg – dahin war Roß und Reiterin nun gelangt – manches Fenster öffnete sich und manch einer schaute hinterher, griesgrämig oder lachend, je nach seiner Veranlagung. Ein kleiner Gassenjunge rannte sogar nach und schrie: »Die hat kein Hut uff! Die hat kein Hut uff!« Die Reiterin kümmerte es nicht. Sie hob die Hand zum Gesicht – fast sah es aus, als drehe sie eine Nase; aber einmal ging es zu schnell, um es mit Gewißheit festzustellen, und dann – es handelte sich um die Frau Baronin von Rödern!

Denn die war die Reiterin. Friedel Polten, jetzt Frau Baronin von Rödern, ging, sich die Enkel zu den Sommerferien von der Bahn zu holen.

Dort sah man die Rauchfahne des heraneilenden Zuges schon ziemlich nahe. Jetzt stob die Reiterin nur so dahin.

Sie kam eben recht. Der Zug fuhr ein, als sie gerade um die Ecke des Bahnsteigs bog. In der Eile war sie auf ihrem Tier sitzen geblieben; eine Sperre gab es in dem kleinen Städtchen noch nicht.

»Klein-Großchen! Klein-Großchen! Unser Klein-Großchen!«

Aus einer geöffneten Tür quoll es und purzelte, kollerte, sprang, hastete und drängte: groß, klein, braun und blond.

»Klein-Großchen, da sind wir! Fein, daß du da bist!«

Es umdrängte Roß und Reiterin. Lammfromm stand Bella; sie schien an derlei gewöhnt zu sein. Die Reiterin dagegen bog sich quecksilbern nach allen Seiten, begrüßte, lachte, fragte, liebkoste und schalt, alles in einem Atem.

»Aber weshalb denn hoch zu Roß, Klein-Großchen?« erkundigte sich ein hochgewachsenes, stattliches blondes Mädchen mit einem Hauch des Verwunderns in der Stimme.

Lachend antwortete Klein-Großchen; dabei lag etwas Unsicheres in den Augen, die das große blonde Mädchen streiften: »Weiß ich's, Kinder? Es kam eben so, weil ich ein bissel spät dran war. Es blieb keine Zeit, von der Bella Rücken herunter zu kraxeln. Platz – ich springe ab!«

Da war sie auch schon unten, von unzähligen Armen umfangen. Aufs neue brach der Jubel los.

Klein-Großchen Friedel ergab sich eine Weile geduldig und küßte sich ergeben durch. Dann machte sie sich kräftig Luft.

»Platz da, Kleinzeug! Hier, nimm du die Bella, Günter! Walter kann nach dem Gepäck sehen; das versteht er besser als ich. Habt ihr all euren unnützen Kram? Hildegard und Irmingard mit Hutschachteln – natürlich! Kinder, macht ihr euch das Leben schwer! Ich –«

»Eine Hutschachtel braucht Klein-Großchen nicht – Klein-Großchen, wo ist dein Hut?« tönte es neckend zu gleicher Zeit.

Zwei fixe halbwüchsige braune Dinger, der Großmutter wie aus dem Gesicht geschnitten, hingen sich ihr von beiden Seiten an und lachten mit neckenden Koboldsaugen. Klein-Großchen griff sich nach dem Kopf.

»Mein Hut – – ja so, den hat der Tyras an den Kopf bekommen.« Wieder fuhr ein etwas unsicherer Blick über die zwei großen blonden Mädchen mit den Hutschachteln hin. »Kinder, ich hab' mir nicht anders zu helfen gewußt; der Köter war nicht wegzubringen, und ich wäre sicherlich zu spät gekommen. Was will das Kleinzeug?«

Zwei kleine blonde Mädchen und zwei braune Buben, wie die Orgelpfeifen zueinander stimmend, drängten sich an die Großmutter.

»Klein-Großchen, sind wieder weiße Zicklein da?« fragten die Mädchen.

»Habt ihr auch tüchtig Kuchen gebacken, Klein-Großchen?« erkundigten sich die Buben.

»Leni, Lisi, zwei schneeweiße sind da; eins hat ein blaues und eins ein rosa Band,« beschied Klein-Großchen, und weiter: »Einen Berg Kuchen hat die Kathrine gebacken; Konz, Dieter, sie kennt ihre Leute.«

Vier Paar leuchtende Augen hingen an Klein-Großchen; acht Hände faßten nicht eben sanft zu in dem Bestreben, einen Zipfel von Klein-Großchens Rock zu erwischen. Dem Schubsen und Drängeln wollte standgehalten sein.

Mit einem kräftigen Ruck befreite sich Klein-Großchen. »Uff, Kleinzeug, Luft!«

Die braunen Buben ließen von ihr ab; die kleinen blonden Mädchen wußten nicht, wie ihnen geschah. Klein-Großchen aber stand inmitten der Schar und überflog sie mit leuchtenden Augen.

»Seid ihr auch alle beisammen, Kinder? Kommt – Großvater wartet! Dort hält Johann mit dem Wagen. Die Karre für das Gepäck ist auch schon da. Fix, Kinder!«

»Hast was vergessen, Klein-Großchen – hast doch was vergessen!« mahnten die Kleinen, und die Großen lachten.

»Je ja, die Parade! Euer Großchen wird alt, Kinder. Seht bloß die grauen Haare! Antreten also! Lus Kinder rechts, Lis Kinder links!«

Eilig stellten sie sich in zwei Reihen, die sich genau das Gleichgewicht hielten, dem Alter nach, fünf hüben, fünf drüben. Sie reckten sich kerzengerade und lachten die Großmutter aus übermütigen Augen an. Die stand inmitten, und ihre Augen sprühten. »Erst die Lus,« befahl sie. »Achtung! Hildegard! Walter! Friedel! Leni! Lisi!«

Jedem aufgerufenen Namen folgte ein fröhliches Hier.

»Gut, und nun die Lis! Gunter! Irmingard! Friedel! Konz! Dieter!«

Fünf schallende »Hier« antworteten auch da.

»So können wir also losziehen, Kinder! Ist das Gepäck besorgt, Walter?«

»Alles in Ordnung, Klein-Großchen. Nur auf dich muß ich noch aufpassen.«

Sie gab dem großen braunen Jungen einen Nasenstüber, wobei sie sich zu ihrer höchsten Höhe recken mußte, hing sich aber lachend in den gebotenen Arm. Den Mann mit der roten Mütze, der schmunzelnd dabeistand, grüßte sie freundlich.

»Guten Morgen, Herr Vorsteher! Sie haben nun schon manch liebes Mal die Parade mit mir abgenommen über das kleine Gesindel, was?«

»War mir stets eine Ehre und ein großes Vergnügen, Frau Baronin! Ein herzerfrischender Anblick.«

»Wie das einem über den Kopf wächst, was? Ja, man wird alt, Herr Vorsteher.«

»Frau Baronin sind doch allen über – Frau Baronin werden nicht alt!«

»Und der graue Schopf?«

»Das ist nur äußerlich. Hab' die Ehre, Frau Baronin – guten Morgen, die jungen Herrschaften!«

Sie dankten ihm alle freundlich. Der Mann mit der roten Mütze und dem grauen Bart war mit ihren ältesten Kindheitserinnerungen verwoben; er hatte allemal dabeigestanden, wenn Klein-Großchen Heerschau hielt über die heranwachsende Enkelschar. Bei den Kleinsten waren damals die betreffenden Kindermädchen mit angetreten, zur höchsten Belustigung aller, die es sahen. Das war nun schon lange nicht mehr nötig. Dieter und Lisi, die Jüngsten von hüben und drüben, waren mittlerweile zu dem ehrfurchtgebietenden Alter von acht und sieben Jahren herangereift.

Von den Großen war Hildegard bereits neunzehn Jahre alt; die beiden ältesten Buben zählten achtzehn, die blonde sanfte Irmingard gerade siebzehn. Dann kamen zwei braune Mädel, die beide Friedel hießen; zum Unterschied nannte man sie auch nach den Müttern Friedelu und Friedeli. Sie waren eben vierzehn geworden. Endlich gab es noch zwei blonde Mädel bei Mutter Lu, die schon genannten Leni und Lisi, während die beiden kleinen braunen Buben Mutter Li gehörten. Also war die stattliche Schar beschaffen und zusammengestellt, in deren Mitte Klein-Großchen nun Rödershof zufuhr.

»Und die Mütter wollten diesmal nicht mitkommen? Ich bin eigentlich recht böse darüber. Der Sommer gehört mir von alters her,« zankte Klein-Großchen.

Die vier Großen überboten sich: »Nicht böse sein, Klein-Großchen! Die Väter sind schuld. Die Mütter sollten mit nach der Schweiz; die Väter taten es nicht anders.«

Bei den Familien Western waren Väter und Mütter immer in der Mehrzahl. Sie bildeten eine Familie sozusagen, denn die Brüder Western waren nach ihrer Hochzeit mit den Schwestern Lu und Li so einig geblieben, wie sie es Zeit ihres Lebens gewesen waren, und die beiderseitigen Kinder traten in die Fußtapfen der Eltern.

Beim Besteigen des Wagens hatten Friedelu und Friedeli rechts und links von Klein-Großchen sich eingenistet; sie verteidigten die Plätze erfolgreich gegen Konz und Dieter.

»Wir wollen zu Klein-Großchen, wir sind die Jüngsten,« plärrten Leni und Lisi.

Großchen Friedel sah sich die sechse, die sich um sie stritten, mit lachenden Augen an und war dann wie der Wind drüben auf der anderen Seite zwischen den zwei großen blonden Enkelinnen.

»So, hier sitz' ich zwischen meinen zwei Gardedamen,« erklärte sie und lachte.

Frau Friedel nannte Hildegard und Irmingard oft scherzend ihre Gardedamen, und doch war ein tieferer Sinn in dieser Bezeichnung. Die zwei hatten die Korrektheit von den Vätern geerbt. Großchen Friedel sah ihnen zuweilen nach den Augen, wenn das eigene quecksilberne Wesen ihr die Zügel entriß.

»Ruhe jetzt, Kleinzeug!«

Unter diesem Namen gingen die vier Jüngsten. Die Friedel wehrten sich dagegen, nicht oft mit Erfolg. Jetzt rückten sie dicht zusammen und taten ein bißchen beleidigt, aber nicht lange. Konz und Dieter kletterten auf den Bock zu Johann und bettelten dem die Zügel ab. Leni und Lisi setzten sich zu Klein-Großchens Füßen. So waren alle zufrieden.

»Ist Tante Fee daheim, Klein-Großchen?« fragte Gunter, und Walter reckte dazu den Hals; die beiden großen Neffen weihten der schönen blonden Tante ihren jugendlichen Schwarm.

»Ach, Kinder, nein, und das ist der einzige Schatten – das heißt, Großvaters Gicht ist ja wohl auch einer.«

»Zwei Schatten, Klein-Großchen? Viel zu viel für dich!« Die blonde Irmingard umschlang sie zärtlich.

»Es muß ja wohl so sein,« seufzte Großchen Friedel. »Wenn nur die Nachrichten von Onkel Werner besser lauteten! In die Trennung von Fee würde ich mich schon finden; aber er scheint sehr krank zu sein.«

»Wie traurig wird Tante Lisa sein, Klein-Großchen!«

»Das wird sie, Irmingard! Er ist ihr ein guter Kamerad gewesen, seit jenem Frühlingstag, da sie Hochzeit hielten im alten Dresdorfer Herrenhaus. Kinder, wo sind die Zeiten hin!« Ein Schatten flog über Großchen Friedels Gesicht.

»An jenem Tag, wo eine gewisse Friedel Polten auf dem Treppengeländer herunterfuhr?«

Neckend fragte es der große braune Gunter und zupfte sich an der Stelle, wo der Bart sprossen sollte, den er schon im Kommen wähnte, den ihm aber Geschwister, Vettern und Basen entschieden bestritten.

»Um Himmels willen, Gunter, wer –? Wo bliebe der Respekt?« Klein-Großchens Blicke streiften fast verlegen das Kleinzeug und die zwei Friedel.

Die hatten natürlich alle große fragende Augen.

»Friedel Polten? Das warst doch du, Klein-Großchen, ja?«

»Dumme Frage! Natürlich war ich das – wer sonst? Und hier ist Rödershof. Da humpelt der Großvater uns schon entgegen. Klaus, wie kann man so unvernünftig sein? Du weißt doch, welch übelnehmerisches Frauenzimmer Madam Gicht ist! Was sollen bloß die Kinder denken?«

Daß diese Strafrede zumeist der Verlegenheit entsprang, sich gegen forschende Kinderfragen zu decken, ahnte Großvater Klaus nicht; er war sehr erstaunt, lachte aber nur belustigt in sich hinein, humpelte dicht an den Wagen heran und sah seiner Frau neckend in die Augen.

Der Chor der Enkel lachte, die Großen mit Verständnis, die Kleinen dem Beispiel folgend.

»Klaus,« mahnte Frau Friedel würdevoll, »willst du nicht lieber die Kinder begrüßen?«

Der Wagen war schon übergequollen. Zuerst waren die Friedel draußen gewesen; sie hingen wie Wildkatzen an dem Großvater. Die zwei kleinen blonden Mädchen hoben sich flehend auf die Zehenspitzen; die zwei großen Blonden legten ihm von rechts und links die Arme um den Hals. Die stattlichen Enkelsöhne hatten je einen seiner Arme und schüttelten daran herum. Konz und Dieter aber riefen tröstend: »Gleich sind wir da, Großvater! Wir helfen nur dem Johann, den Wagen in den Hof fahren.«

»Laßt euch nicht stören,« antwortete lachend Herr von Rödern er hatte genug zu tun, die Vorhandenen zu begrüßen. »Tag ihr; Blonden groß und klein! Donner, Mädel, werdet ihr stattlich!«

Das galt den beiden Großen, seinem besonderen Stolz. Er sah sie mit leuchtenden Augen an und hatte auch alle Ursache dazu; sie konnten sich sehen lassen.

»Leni, Lisi, kommt – gebt Großvater einen Kuß. So! Was das Kroppzeug wächst! Und die beiden Friedel! Immer lustig, was? Nach berühmten Mustern!« Er zwinkerte seiner Frau zu, die lachend und doch ein bissel ungeduldig daneben stand.

»Klaus, Anspielungen sind unfein. Immer sich selber an der Nase zupfen! Wer lacht da?«

Sie fuhr herum, und ehe sie wußten, wie ihnen geschah, hatten die großen Enkelsöhne, die hinter Klein-Großchen standen, ihre Nasenstüber weg. Klein-Großchen faßte die beiden Friedel rechts und links an den Händen und sauste mit ihnen dem Hause zu, als gälte es einen Wettlauf, wer am eiligsten bei Kaffee und Kuchen sei.

Die anderen setzten sich hinterher mit Hussa und Hallo; es war eine wilde Jagd. Großvater Klaus stand und lachte, schaute leuchtenden Auges hinterher und dann die zwei großen blonden Mädchen an, die bei ihm zurückgeblieben waren.

»Kinder, der Himmel erhalt' ihr das Quecksilber! Es macht jung, das nur zu sehen. Und wie geht es meinen Blonden?« Große Zärtlichkeit lag in dem Ton.

Die beiden Mädchen reichten dem Großvater über Schulterhöhe. Sie hatten jede einen Arm unter den seinen geschoben und schmiegten sich an ihn.

»Die Eltern lassen grüßen. Uns geht's fein, Großvater!«

Als die drei ins Zimmer kamen, saß bereits eine lärmende Runde um den Tisch. »Hui, riecht's hier fein nach Kaffee und Kuchen! Laßt uns auch was übrig!« Damit saßen die zwei Blonden mitten unter den anderen.

Solange das Schmausen dauerte – und das war nicht kurz – gab es nur abgerissene Fragen und Antworten. Großvater und Großmutter hatten schnell die Waffen gestreckt; sie schauten vergnügt zu, bis endlich selbst Konz und Dieter aufhören mußten, weil die Grenze des Möglichen erreicht war.

Großvater lehnte sich im Stuhl zurück.

»Nun berichtet, Kinder! Ihr wißt, ich höre gern von euren Fortschritten. Wie war die Zensur, Konz und Dieter?«

»Fein, Großvater,« jubelten die, »lauter Ziemlich gut! Das ist doch besser als ungenügend, was? Muttchen Li sagt's auch.«

»Vater denkt anders,« schob Friedeli ein.

»Aber Muttchen hat immer recht,« trumpften die beiden auf.

»Ihr seid ja bescheiden in euren Ansprüchen, eure Mütter und ihr,« entschied der Großvater trocken. »Und die kleinen Blonden?«

Die wurden rot bis in die Haarwurzeln.

»Muttchen war zufrieden,« sagte Leni, und: »Ja, Muttchen war zufrieden,« echote Lisi.

»Nun, wenn sie dieselben Ansprüche macht wie ihre Schwester, dann waren ja die Zeugnisse glänzend.« Großvater lachte in sich hinein.

»Klaus, verschimpfiere den Kindern doch nicht gleich den ersten Tag,« zankte Klein-Großchen.

»Jede Pille schluckt man besser schnell, Klein-Großchen,« fiel der braune Gunter ein, der Mediziner werden wollte. »Weißt du das nicht?«

»Ich schlucke nie welche – könnte mir passen!«

»Möge es so bleiben,« antwortete Gunter lachend.

»Und nun die zwei Friedel!« Großvater Klaus sah in die Runde. »Wo sind sie denn?«

Ja, wo waren die? Im Zimmer nicht.

»Verduftet« – Klein-Großchen lachte – »das haben sie von mir, Klaus.«

Aber kaum war es heraus, sah Klein-Großchen aus wie roter Mohn. Ein Seitenblick streifte die großen Enkel. Die verbissen das Lachen und taten, als hatten sie nichts gehört. Klein-Großchen konnte in dem Punkt empfindlich sein.

»Und meine Großen?« Der Großvater sah sie fragend an.

»Wir schanzen, Großvater; das Maturum rückt bedenklich nahe,« sagten Gunter und Hildegard; letztere seufzte noch: »Wenn es nur in der Welt keine Mathematik gäbe! Der Mann, der die erfunden hat, sollte sich im Grabe umdrehen müssen, so oft ein armes Gymnasiastenhirn einen Fehler macht!«

Klein-Großchen war nahe herangerückt.

»Hänge doch lieber den ganzen Kram an den Nagel, Kind,« riet sie behaglich. »Lerne Kochen und Nähen; das ist besser.«

»So wie Klein-Großchen es tat?« fragten Gunter und Walter spitzbübisch, verstummten aber schnell vor Klein-Großchens hoheitsvollem Blick.

»Ich will mir mal die Lu und die Li vornehmen,« sagte sie von oben herab. »Sie scheinen da allerhand Gerüchte unter dem Jungvolk auszustreuen, die höchst überflüssig sind.«

»Bist du nicht fürs Studieren, Klein-Großchen?« Die blonde Hildegard legte den Arm um die Großmutter und sah ihr tief in die Augen.

»Nein, mein Mädchen!« Es kam sehr entschieden; sie lenkte aber ein, als sie den Schatten in des großen Mädchens Auge sah. »Jeder muß tun, was er nicht lassen kann. Einen Beruf zu haben, liegt ja wohl heutzutage in der Luft. Zu meiner Zeit – mein Papa, euer Urgroßvater – Kinder, ihr hättet ihn kennen lernen sollen; einen Besseren gab es nicht – der nahm mich eben, wie ich war, und meinen Klaus hab' ich auch nicht unglücklich gemacht –, studiert oder nicht studiert – was, Alter?«

»Ich will mir's überlegen!«

Sie faßte ihn am Schopf und schüttelte ihn grimmig. Dann war sie aus der Tür, die zuknallte, streckte aber noch einmal den Kopf herein.

»Ich muß nach dem Kleinzeug sehen; die stellen mir sonst das Haus gleich am ersten Tag auf den Kopf. Ich höre ein verdächtiges Johlen.«

Klatsch, schloß sich die Tür zum zweitenmal; Großvater sah ihr nach und lachte in sich hinein.

»Werdet wie sie, Kinder! Ich kann euch keinen besseren Rat mit ins Leben geben. Vielleicht, daß ihr die Türen ein bissel sanfter zumachen könntet – aber sonst wüßte ich nichts auszusetzen.«

Und die viere, die noch im Zimmer waren, die großen blonden Mädchen, die aufgeschossenen braunen Jünglinge, nickten dem Großvater zu, hatten ein Lachen um den Mund, aber ein Leuchten in den Augen – – – – –

»Klein-Großchen, bist du allein?«

Walter streckte den Kopf durch die Tür, die Großchen Friedels Allerheiligstes abschloß, das kleine Eckzimmer, wohin sie sich rettete vor den Enkeln, wenn sie einen Brief zu schreiben oder das Haushaltsbuch zu ordnen hatte. Das kleine Zimmer hörte dann manchen Seufzer, sah aber auch, wie fester Wille über alles Herr wird.

»Setz dich mal daher, Walter, und zähle rasch die Posten zusammen! Ich tu' es nun schon gewiß zum zehntenmal, und es will immer nicht stimmen.« Ein tiefer Seufzer.

»Das wollen wir sofort haben! Aber eine Hand wäscht die andere; ich hab' dann auch eine Bitte.«

»Du hast doch nichts angestellt?« Großchen sah mißtrauisch aus.

»Behüte,« beruhigte der große Junge gönnerhaft. »Wart mal einen Augenblick! – So, da haben wir's! Zwanzig Mark und fünfzig Pfennige.«

»Was – schon wieder? Ich weiß nicht, wo mein Haushaltsgeld hinkommt) es hat Flügel. Klaus wird sich freuen! Haushalten ist schwer; lieber reite ich das wildeste Pferd ein. Aber was gibt's, Junge?«

»Du bist nicht fürs Studieren, Klein-Großchen? Sieh mal, ich auch nicht.«

»Wo will das hinaus, Walter?« Mißtrauisch sah sie ihn an.

»Du sollst mir helfen, Klein-Großchen. Ich habe Heidenangst vor dem Maturum. Wozu brauche ich es als Offizier? Es ist bloß Vaters Schrulle.«

»So redet man nicht von seinem Vater! Außerdem – gegen die Eltern habe ich euch nie geholfen.« Großchen schien plötzlich um einen Kopf gewachsen.

»Also nicht!« Trotzig schob sich der große Junge nach der Tür.

Da war sie zwischen ihm und der Tür, so flink wie eine Eidechse.

»Walter, alter Junge, ist es denn so schlimm?«

»Gräßlich, Klein-Großchen!«

»Und Hildegard scheut sich nicht?«

»Die ist klug!«

»Mein Walter auch! Aufraffen, Junge! Mut und tapfer los!«

»Du hast gut reden, Klein-Großchen!«

Da hielt sie den großen Jungen umfaßt, der am Tische sah und den Kopf mit beiden Armen stützte.

»Mir zuliebe tu, was der Vater will! Glaube mir, es lohnt, und du kannst's auch, ich weiß es. Versuche es wenigstens, ja?«

Er sah in die braunen stehenden Augen, die noch so jung waren unter dem grauen Scheitel; er sah eine Welt von Liebe drin und von froher Zuversicht. Das ging warm durch ihn hin, und sein Mut hob sich dran.

»Ich will, Klein-Großchen! Wenn ich aber durchplumpse –«

»Ich fang' dich auf, alter Junge! Niemand soll dir dann an den Kragen – vertrau deinem Großchen! Mehr als sein Bestes kann niemand tun, und das tust du – dein Wort drauf?«

»Mein Wort, Klein-Großchen!«

»Basta also! Schieb dich hinaus, Junge; ich hab' zu arbeiten.«

Von Gefühlsergüssen war Großchen nie ein Freund gewesen. Des seligen Papa »Basta«, das sie sich angewöhnt hatte, schob allem Überflüssigen stets einen Riegel vor. Die Enkel wußten und achteten es.

Ein leuchtender Blick flog hinter dem Abgehenden her. »Bist ein ganzer Bursch,« sagte der, und Großchen saß wieder bei den Zahlen.

Nicht lange ungestört! Von neuem klaffte die Tür. Diesmal sah ein blonder Kopf herein. Hildegard war's.

»Darf ich, Klein-Großchen?« fragte die Enkelin.

»Setz dich, mein Mädchen!«

»Danke! Klein-Großchen, was hast du gegen das Studieren von uns Mädchen?«

Die Gefragte machte große Augen.

»Nichts im besonderen – alles im allgemeinen.« Sie lachte. »Wenn es eine von innen heraus treibt wie dich, die soll es beileibe nicht lassen. Wenn es aber die Menge tut der Mode wegen – Kind, das kann mir nicht gefallen. Wie viel Zeit- und Geldverschwendung, wie viel zugrunde gerichtete Gesundheit! Und dann – ich bin altmodisch; ich meine, ein eigenes Heim, dem Mann und den Kindern leben, ist für die Frau das Höchste und Schönste – ihr eigenster Beruf, wenn es sich so trifft, daß sie es haben kann, ohne sich was zu vergeben, natürlich. Wozu dann alle die Plage vorher?«

»Klein-Großchen, man kann nie genug wissen.«

»Ja, Kind, ich kann da nicht mit; ihr müßt mich schon so nehmen, wie ich bin.«

»Ich möchte aber doch nicht gern etwas tun, was dir nicht gefällt.«

»Jeder lebt sein Leben für sich, Mädchen, und macht draus, was ihm unser Herrgott in Kopf und Herz gelegt hat. Daß bei dir was Rechtes herauskommt, weiß ich, und wenn es etwas mir Fremdes ist, will ich es zu verstehen suchen. Recht so?«

»Klein-Großchen, wie dich gibt's keine zweite.« Das große blonde Mädchen glühte.

Großchen rückte lachend ab. »Uff, versenge mich nicht! Diese verflixten Zahlen machen mir warm genug. Basta, ich hab' zu tun!«

Aber einen Kuß mußte sich Großchen doch gefallen lassen, ehe Hildegard verschwand. Hätte sie den stolz strahlenden Blick gesehen, der ihr folgte!

»Nun wird es ja doch Ruhe geben,« seufzte Großchen und widmete sich wieder den Zahlen.

Da gab es mit einem Male ein Gezeter. Zwei Buben- und zwei Mädchenstimmen ertönten, und da die Mädchen jammervoll weinten, die Buben triumphierten, war Großchen Friede! sofort zur Stelle.

»Konz, Dieter, was habt ihr angestellt?«

»Hu – hu – hu – hu, meine Aurora! – Hu – hu – hu – hu – hu, der Adalrich!« Leni und Lisi zeigten Mienen, als hätten sie sieben Schwerter im Herzen.

»Wir haben Hinrichtung gespielt! – Fein war's, Klein« Großchen! – Ich hab' den Gedanken gehabt –«

»Nein, ich! Ich hab' gesagt, das Transchiermesser – –«

Konz und Dieter lagen sich in den Haaren. Sie waren noch in den Jahren, wo man einen Streit um Entdecker- oder Erfinderrechte auf diese Art ausfechten kann.

Die Mädel jammerten indessen weiter: »Die Aurora! Der Adalrich! So zwei Feine, wie die waren! Eben sollte Hochzeit sein.«

Wie die Unglückswürmer standen sie? Ströme von Tränen flossen. Jede hielt in einer Hand den Rumpf, in der anderen das abgetrennte Haupt einer Puppe. Großchen Friedel hatte Not, ihren Ernst zu bewahren. An jedem Ohr hielt sie einen der Schlingel gepackt.

»Was fang' ich nun mit euch an? Auch noch mein bestes Transchiermesser haben sie zu der Geschichte stibitzt! Tante Lisa brachte es erst letztes Jähr aus Köln mit! Leni, Lisi, was soll ich mit ihnen tun? Die Ohren abschneiden?«

Die kleinen Mädchen machten womöglich noch entsetztere Augen, als die der Aurora und dem Adalrich galten. Beängstigend strömten die Tränen.

»Los – los –«

»Also 'runter damit!« Bedrohlich fuchtelte Klein-Großchen mit dem Messer. Die Missetäter duckten und wehrten sich doch etwas ungewiß; Klein-Großchens Miene war wie die des Werwolfs.

»Los–los–los–lassen! Loslassen!« zeterten nun die kleinen Blonden.

Da atmeten alle vier auf. Das Messer lag unbeachtet auf dem nächsten Tisch. Wie die armen Sünder umstanden die vier die Richterin.

Die hatte mit plötzlichem Schnupfen zu tun und konnte vorerst nicht reden; dann sagte sie: »Konz, Dieter, wie viel habt ihr in euren Sparbüchsen? Denn ersetzen werdet ihr den Schaden doch wollen? Ehrenmänner tun das immer!«

Das fuhr den vieren nun in die Glieder, den einen freudig, den anderen mit Grausen.

Ehe sie Worte fanden, war Klein-Großchen schon aus ihrem Bereich. Aber nicht zurück zu den Zahlen, behüte! Dazu schien die Sonne denn doch zu golden und lockte zu sehr. Wie sie ging und stand, war Großchen draußen, so flink, daß die vier, die noch nicht zu sich selbst gekommen waren, sie aus den Augen verloren und nicht wußten wie.

Großchen eilte durch den Wiesengrund dem Walde zu, und es war ein erlösendes Freuen in ihr wie seinerzeit etwa, da sie aus der Nähstunde durchbrannte, weil sie es zwischen vier Wänden nicht länger aushielt.

Dann mäßigte sie ihre Eile, ging still und sinnend dahin. Allerhand Bilder tauchten vor ihr auf: des Vaters, Tante Lenchens, die bald nacheinander heimgegangen waren – Tante Lenchen zuerst; es mochten jetzt sechs Jahre sein. Wie hatte der alte Mann die Schwester und ihr zurechtweisendes »Konrad – erbarm dich« vermißt! Selbst »Jungchen«, Großchen Friedel, konnte sie ihm mit aller Liebe nicht ersetzen.

»Denn siehst du, Jungchen, die alte Lene war nun mal mein

Großchen Friedel hatte Not, ihren Ernst zu bewahren.

Gewissen. Wie soll der Mensch ohne das leben? Besser, er drückt sich mit Ehren und beizeiten, basta!«

Großchen Friedel, sein geliebtes Jungchen, hatte den alten Mann nicht halten können. Sie mußte aber, der Tod kam ihm als Freund, und das sänftigte jede Trauer, auch die schwerste.

Dann flogen ihre Gedanken dahin, wo die geliebte einzige Schwester am Krankenbett ihres Mannes so qualvolle Zeiten durchlebte, wo Fee, Großchen Friedels älteste Tochter, der Tante helfend zur Seite stand.

Fee! Großchen Friedels Augen zeigten den wärmsten Schein, wenn sie ihrer dachte. Durch ihre Stimme ging es wie Kosen, wenn sie den Namen nur aussprach. Sie wußten es alle, ihre anderen Lieben und – sie begriffen es alle.

»Denn seht ihr,« sagte Großchen Friedel wohl auf ein neckendes diesbezügliches Wort, »wir alle – ich nehme keinen von uns aus – laufen als unseres Herrgotts Alltagsware unter der Sonne herum; Fee aber, die ist an einem Feiertag geschaffen worden. Wie sie damals nach dem Brande ihr großes Unglück getragen hat, sanft und ergeben, geduldig wie ein Engel, so trägt sie es noch. Sie hat ein Meisterwerk aus ihrem Leben gemacht, das ihr das Schicksal so grausam verpfuschen wollte – Fee ist ein Engel.« Das war der einzige Überschwang, den Großchen Friedel sich je gestattete, und – keiner der Ihren lachte drüber.

Mitten in die Gedanken an Schwester Lisa und die ferne, schwer vermißte Fee – sie war nun schon seit Monaten in London bei der Tante – kamen unbestimmbare Töne, die wie Lachen und doch nach Angst klangen. Kein Hilferufen, aber ein unbestimmbares Schreien, das mit Lachen untermischt war.

»Die Friedel – natürlich,« sagte das Großchen desselben Namens und setzte sich in Trab; sie war sachkundig und hatte nicht nur den Namen mit den beiden gemein. »Hinter welcher Dummheit mögen die nun wieder her sein?«

Lange hatte Klein-Großchen nicht zu warten, bis sie alles sah. Natürlich, die zwei Friedel! Eine davon stand im Bach auf einem Stein und konnte sich offenbar nicht im Gleichgewicht halten, da das Wasser, wenn auch nicht reißend, so doch recht lebendig war. Sie fuchtelte wild mit den Armen und stieß die unbestimmbaren Töne aus. Die andere hockte oben in einem Baum auf dem untersten Ast, beugte den Kopf nach unten, als wolle sie eben abstürzen, lachte schrill und abgerissen und klammerte sich fest; aber wenig fehlte, und der Ast brach.

Das Sonderbarste war eine schwingende Linie, die sich von der einen zur anderen zog, einmal straffer, einmal im flachen Bogen herabhängend. Sie änderte sich bei jeder Bewegung der beiden. Was es aber war, konnte Klein-Großchen noch nicht erkennen.

Wie der Wind war sie nun zur Stelle.

»Quiekt nicht so! Ihr gröhlt ja den Flurschütz herbei, und daß es auf die Pflaumen abgesehen war, das sieht ein Blinder. Schämt ihr euch –«

»Klein-Großchen, ich falle ins Wasser!«

»Klein-Großchen, ich stürze vom Baum!«

»Geschieht euch recht, Gesindel! Aber was – so laßt doch los!«

Nun kam etwas Unerwartetes. Klein-Großchen hatte nach dem gefaßt, was die beiden offenbar verband und die Ursache all des Übels war. Sie bekam einen armdicken Zopf zu fassen, wo sonst vier baumelten. Die Unglückswürmer hatten die Zöpfe ineinandergeflochten) dann war die eine ausgeglitten und drohte die andere mitzureißen.

Ach, das Verhängnis forderte noch ein Opfer! Bei Großchens sehr festem Griff löste sich die Friedel im Baum und saß im Handumdrehen neben der Friedel im Bach. Da aber aller guten Dinge bekanntlich drei sind, so saß auch hier eine dritte Friedel bei den zwei anderen, ehe eine von ihnen sich dessen versah. Linde umspülte sie das Wässerlein, und weh hatten sie sich allem Anschein nach nicht getan, sonst hätten sie nicht so lachen können, wie sie es taten.

Großchen faßte sich zuerst, wie es auch eigentlich das Richtige war, und besann sich auf ihre Würde.

»Ja, schämt ihr euch denn nicht in euer Herz hinein? Pflau – hab' ich's nicht gesagt!? Das kommt von dem Gröhlen! Nun haben wir die Bescherung. Guten Tag, Meier! Ihr seht wohl wieder mal zum Rechten, was? Schönes Wetter heute?«

Der Mann, wirklich der Flurschütz, mit einem derben Stecken ausgerüstet, stand sehr ungewiß, grinste ein bißchen und wußte offenbar nicht, was er aus den dreien im Wasser machen sollte, die taten, als ob sie dahin gehörten.

»Ich – jawoll, gnädig Frauche, ich – – hä – ich – –« Zu mehr brachte er es nicht.

Die drei hatten sich mittlerweile sehr schnell aus dem Wasser heraus gemacht. Sie schwenkten die Röcke und traten die Schuhe auf dem Grase ab, Großchen sehr würdevoll, die Friedel mit verhaltenem Kichern. Sie hatten auch eiligst die Zöpfe wieder zurechtgeschüttelt, so daß jede zu dem ihr angewachsenen Eigentum kam.

»Seid ihr so weit?« Nie hatten sie Klein-Großchen so hoheitsvoll reden hören; es fuhr ihnen ordentlich in die Glieder.

»Wir sind fertig.« Nie hatte auch Großchen solch de- und wehmütige Antwort von den zwei Friedel bekommen.

»Guten Tag, Meier! Eine Freude, bei solch schönem Wetter durch die Fluren zu wandeln.«

Großchen sprach es in schier poetischem Anflug, raffte den triefenden Rock auf und ging ab mit dem Stolz einer Königin, die beiden Friedel hinterher wie begossene Pudel, die sie ja auch waren.

Der Mann hatte wortlos seine Mütze vom Kopf gerissen und glotzte hinter den dreien her.

»Wann des kein Schnuppe git! Aber was die nor im Wasser Zu duhn gehabt hawe? Mer kennt sich nit aus bei dene Vornehme! Wann des gnädig Frauche nit selwer derbei gewese wär', deht ich als sage, die zwei Rackercher hätte Plaume stripse wolle. So gestrenzte von 'em gemeinheitliche Baum schmecke besser als wie die, wo uff em Großvatter seine Beim wachse duhn. Mer war doch auch emal e Kinn!« Er schlenderte weiter.

»Was habt ihr nun zu sagen?« Großchen besann sich auf ihr Richteramt.

»Du hast dir doch nicht weh getan, Klein-Großchen?«

»Wenn du nur keinen Schnupfen bekommst, Klein-Großchen!«

»Sonst nichts? Und das siebente Gebot, ihr Racker?«

Sie hatten große runde Augen und zählten in Hast an den Fingern. Dann blitzte ihnen der Schelm über das Gesicht.

»Gestohlen haben wir nicht.«

»Wir haben nicht stibitzen wollen.«

»Wir haben von dir gesprochen, Klein-Großchen – wie du so alt warst wie wir.«

»Und da waren wir gerade an dem Baum dicht beim Bach – –« »Und der Ast war bequem zu erreichen und –«

»Und wie du können wir's noch lange nicht, Klein-Großchen!«

»Und dann haben wir die Zöpfe zusammengeflochten – –«

»Wir wollten siamesische Zwillinge spielen, weißt du, und – –«

»Ja, und dann ist Friedeli geplumpst –«

»Weil Friedelu mich gepufft hat – –«

»Ist nicht wahr!«

»Ist doch wahr!«

Sie standen wie Kampfhähne. Großchen aber waltete des Richteramts.

»Schämt ihr euch nicht – auch noch Streit zu allen anderen Missetaten? Ich an eurer Stelle – –«

Sie standen mit Augen, in denen der Schalk lauerte. Da riß daß Drollige der Lage – waren die zwei doch eingestandenermaßen sozusagen in Großchens Gedächtnis auf den Baum gestiegen – Frau Friedel mit sich fort. Sie rettete ihre Würde nur dadurch, daß sie den beiden die Köpfe mit den großen runden Schalksaugen leicht gegeneinanderstieß.

»Macht, daß ihr heim und in trockene Kleider kommt!«

Sie eilte voran und die zwei hinterher; es war wie die wilde Jagd.

»Hallo, ihr drei Friedel, woher? Wohin?« Großvater suchte umsonst Einhalt zu tun. Er humpelte wieder einmal durch seinen Wiesengrund.

»Hab' keine Zeit, Klaus! Ich habe die zwei Racker mit Lebensgefahr aus den Klauen des Gesetzes gerettet; der Meier war uns auf der Fährte. Ich muß die Kleider wechseln. Hazzi! Hazzi!«

Die Beweisführung war schlagend. Großvater sah kopfschüttelnd den drei Nassen nach.

»Woher sie die Jugend nur nimmt – wer das doch auch könnte! Es hält frisch, es nur zu sehen!« – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

»Sie kommen, Klein-Großchen – Klein-Großchen, sie kommen!« Die zwei großen Blonden, Hildegard und Irmingard, Klein-Großchens »Gardedamen«, wie sie mit Vorliebe sie nannte, streckten die Köpfe ins Allerheiligste. Großchen war wieder einmal bei den Zahlen, also unwirsch, sogar spitz.

»Rätsel hab' ich immer gehaßt. Macht, daß ihr fortkommt! Meine Rechnung stimmt mal wieder nicht. Abschwirren– basta!«

»Muttchen Lu kommt! Muttchen Li auch!«

»Lohnt sich, solchen Lärm drum zumachen! Also die Rangen geruhen allergnädigst – – hm, ja so – wollt' sagen: Zeit, daß sie sich endlich auf ihre Pflicht besinnen! Setzen die ganze junge Brut hier ab und flitschen durch die Welt. Paßt mir nicht – basta!«

Wenn der Papa selig sein »Jungchen« hätte hören können! Er hätte seine Freude dran gehabt, wie unvergessen er war, selbst in Miene und Ton. Großchen hatte gewaltig die Brauen gerunzelt und polterte beträchtlich.

Die zwei Blonden ließen sich nicht abschrecken? sie kannten Großchen.

»Sie depeschieren, daß sie am Nachmittag kommen. Dürfen wir anspannen lassen, Klein-Großchen?«

»Meinthalben baut Triumphpforten. Ich habe zu rechnen. Abtreten!«

Dann war Großchen aber doch als erste zur Stelle, als der Wagen abfahren sollte. Mißbilligend rügte sie die anderen, die etwas später erschienen. Konz und Dieter waren nicht aufzutreiben; man mußte ohne sie fahren.

»Muttchen Li wird untröstlich sein,« sagte Gunter. »Die zwei sind ihr Verzug.«

»Sieht ihr ähnlich,« antwortete Großchen trocken.

Der Zug brauste heran. Schon von fern sah man zwei braune Köpfe so weit wie irgend möglich sich aus dem Fenster lehnen. Zwei Tücher wurden mit Macht geschwenkt, und allerlei unbestimmbare Töne wurden laut.

Die erwiesen sich dann, da sie zur Klarheit kamen, als: »Klein-Muttchen! Klein-Muttchen, da sind wir! Nein, wie wundervoll, wieder bei dir zu sein!«

Die so riefen, waren zwei noch jugendliche Frauen. Als der Zug nun hielt, sprangen sie aus dem Abteil und hielten Großchen umfangen, daß sie beinahe erstickte. Sie machte sich denn auch sehr entschieden los.

»Platz da, Lu, Li! Denkt ihr, nun schöntun zu müssen, um alle die mir unterschlagene Zeit einzubringen? Danke ergebenst. Basta!«

»Klein-Muttchen, der Heinz – –«

»Klein-Muttchen, der Paul – –«

»Papperlapapp! Paul – Heinz – jawohl. Lu und Li, sage ich, wollten mal in der Welt 'rumflitschen; sie wußten die Kinder ja wohl geborgen, und die alte Mutter konnte – – aber Kinder, prächtig seht ihr aus! Euer Muttchen ist glückselig, eure Zigeunergesichter wiederzusehen.«

Da gab's ein Hallo, bis alle reihum begrüßt waren – ein frohes, lautes Durcheinander, an dem alle ihre Freude hatten, die es sahen.

Dann hatten Mutter Lu und Mutter Li ihre zwei großen Söhne am Arm. Die zwei »Gardedamen« begleiteten Klein-Großchen. Die Friedel und die zwei kleinen Blonden umschwirrten alle, und da war es, wo Mutter Li ihre beiden Buben vermißte. »Konz und Dieter? Es wird ihnen doch nichts geschehen sein?« Mutter Li hatte sehr erschreckte Augen.

»Papperlapapp!« Klein-Großchen war seelenruhig. »Wie wär's, wenn wir gingen, Kinder? Ich habe meinen Spaziergang heute noch nicht gemacht; die verflixten Zahlen wollten es nicht erlauben.«

»Ach, Klein-Muttchen, wenn's nur die nicht gäbe!« Mutter Lu und Mutter Li waren es, die also verständnisinnig stöhnten.

Alle waren mit Großchen Friedels Vorschlag einverstanden, Mutter Lu und Mutter Li zumeist. Beim Gang durch das Städtchen erinnerte sie fast jeder Pflasterstein an irgend einen jugendlichen Streich. Sie nickten sich zu, kniffen die Augen ein und hatten dieselben Schalksgesichter wie einst. Das Leben war augenscheinlich glimpflich mit ihnen verfahren. Wenn aber einer oder eine von der jungen Schar wissen wollte, weshalb die beiden sich so anlachten, da gab es keine Auskunft als: »Man wird doch noch ungefragt lachen dürfen hierzuland! Es liegt eben in der Luft.«

»Sie beschauen sich wohl mal innerlich die Urbilder der Musterexemplare, die jetzt hier wandeln,« bemerkte Großchen trocken. »Ja, ja, was alles aus den Menschen werden kann!«

Da waren sie vor dem Städtchen und gingen den Waldweg hin zwischen den hohen Bäumen, die einstmals schon Friedel Polten zu Pferd oder zu Rad hatten vorüberstitzen sehen. Die Kinder Lu und Li hatten sie auf ihrem Schulweg geschaut, und nun wandelte bereits die dritte Generation hochaufgeschossen unter ihnen hin. Und die Bäume schüttelten wohlgefällig die Wipfel; ein vergnügliches Raunen ging durch ihre Reihen. So helle, frohe Menschen, wie die da unten vorüberzogen, die sahen sie gern.

Daß aber diese dritte Generation den vorhergehenden nicht nachstand auch in unüberlegten Streichen, das sollten sie ebenfalls gleich erfahren.

Der Weg war hier enger; die begrenzten Raine rechts und links waren niedriger und mit Unterholz bestanden. Aus diesem brach es mit Hallo und Hussa.

»Hoch, Mutter Li! Tante Lu, hoch!« Zugleich knallte es beträchtlich viermal hintereinander, und Wasserstrahlen ergossen sich von rechts und links auf die Vorüberwandelnden, daß die im Schreck auseinanderfuhren.

»Herrje, das gilt nicht! So war's nicht gemeint!« riefen zwei Knabenstimmen, und beiderseits den Rain herunter kollerte je eine kleine Gestalt, in jeder Hand eine Flasche.

»Konz, Dieter – was soll das heißen? Seht mal, Klein-Großchen ist das Wasser gerade ins Gesicht gespritzt!« Mutter Li tat sehr würdig, aber der Schalk wollte ihr nicht aus den Augen.

»Freudenschüsse, Muttchen! Weil ihr gekommen seid, du und Tante Lu! Eine Pistole hatten wir doch nicht, und die Flaschen knallen grad so laut! Großvater sagte es neulich selbst. Und – –«

»Da habt ihr mir wohl aus dem Keller von Großvaters Gießhübler genommen? Was fang' ich nur mit euch an, ihr Schlingel?«

»Es war doch so wundervoll, Klein-Großchen! Gerade wie eine Pistole! Klein-Großchen, es war doch so gelungen.«

»Besonders das Wasser,« sagte Großchen und wischte an sich herum, wobei ihr die blonde Irmingard getreulich half.

Den strahlenden treuherzigen Gesichtern gegenüber vergaß sie das Zanken. Mutter Li aber hatte längst ihre beiden Jüngsten im Arm. Ja, der große braune Gunter behauptete dann, sie habe zugegeben, daß der Empfang wundervoll festlich gewesen sei, und sich mit Schokolade dafür erkenntlich gezeigt. Sie gestand es nicht ein und bestritt es auch nicht.

»Sollten die Bürschchen etwa das nächste Mal an eine wirkliche Pistole denken, Gunter? Nein, da ist mir das Wasser doch noch lieber!«

»Weise Mutter Li,« sagte der lange Gunter und lachte.

*

Das war ein Festtag, Großvaters Geburtstag! Die Sonne wollte feiern helfen und war am frühesten von allen zur Stelle.

Aber noch früher als sie mußte der frische junge Mann aufgestanden sein, der da durch den Wiesengrund auf Rödershof zuschritt. Er hatte den Hut in der Hand, und seine Stirn stach seltsam weiß gegen sein Gesicht ab, wie man es bei Soldaten sieht, denen der Schirm der Mütze sie schützt. Seine Haltung und sein Schritt wiesen ebenfalls auf diesen Stand hin.

»Fritzel mein Fritzel,« tönte da eine Stimme aus einem Fenster des Herrenhauses. »Sscht, daß niemand was hört! Gleich bin ich da.« Es war, als ob die am Fenster Miene mache, den allerkürzesten Weg, nämlich durch dieses, zu wählen, sich aber dann eines Besseren besänne. Im Handumdrehen stand sie danach neben dem Ankömmling, stellte erst sorgfältig, was sie trug, zu Boden und legte dann die Arme dem jungen Mann um den Hals, wozu ihre Höhe nur knapp reichte.

»Fritzel, warum hast nicht geschrieben?«

»Ich wollte Klein-Muttchen überraschen! Aber weshalb den Umweg? Ich hätte dich nicht verraten!« Er zwinkerte nach Fenster und Tür.

»Wo werd' ich, Fritzel! Da hast du dich gründlich versehen.« Großchen tat sehr würdevoll, war aber rot, als sie ihrem Jüngsten – das war der Oberleutnant von Rödern – ins Gesicht sah.

Er lachte sie an.

»Laß gut sein, Klein-Muttchen! Wir kennen uns.«

»Schweig mal jetzt ganz still, Junge! Ich muß die Geige stimmen, sonst macht mir der Vater auf, ehe ich spiele, und das darf nicht sein. Alle die Jahre daher – laß mich mal zählen, Fritzel: vierzig sind's ja nun wohl und nie ein böses Wort, Fritzel! – alle die Jahre daher Hab' ich den Vater so geweckt an diesem Tag.«

Süßer Geigenton erklang. »Glücks genug« von Schubert hob sich in inniger Beseelung in den feierlich stillen Morgen. Goldklar stiegen Töne in die sonnenhelle Luft. Aus Großchen Friedels Augen fielen die Tränen – Glückstränen.

Ihr Jüngster sah sie falle; er wußte, welch köstlich seltene Tropfen es waren, und hütete sich wohl, daran zu rühren. Solche Augenblicke sind heilig. Ihm selber waren die Augen feucht.

Und oben am Fenster hinter dem Vorhang lehnte noch einer, der hörte und – sah, und auch er verhielt sich schweigsam. Er hatte die Hände gefaltet, und in seinem Herzen weckten die Töne den innigsten Widerhall.

»Meine Friedel – mein gutes, treues Weib!« so hallte es wider. »Dank dir für jede Stunde des Glücks!«

Im Hause war es lebendig geworden; es quoll über. Um Großchen und ihre Geige wimmelte es plötzlich. Aber lautlos kamen sie alle. Wenn Großchen die Geige in Händen hielt, war sie eine andere für alle, die sie liebten. Da lag eine Weihe über ihr, die des Alltags Vertraulichkeit bannte.

Die Geige war mittlerweile zu dem Andante von Beethoven übergegangen. Weihevoll stiegen die hehren Töne himmelwärts, und die Sonne übergoldete zum Dank den Scheitel der Spielenden, und alle die leise ergrauenden Haare leuchteten auf wie ein Glorienschein.

Jetzt stimmte die Geige an: »Die Himmel rühmen des Mächtigen Ehre.«

Da setzten sie alle im Chor ein. Sie hatten ein Ohr für Musik, wenn auch keines die Begabung der Großmutter geerbt hatte. Frohlockend mischten sich die Stimmen, die hellen der Mädchen und die der jungen Leute, der Kinder, der Mütter Lu und Li. Andächtig stiegen sie zum Preis des allmächtigen Himmelsgestirns auf und verklangen dann fromm und sanft.

Nun nahte der Großvater. Sonst hatte ihn das Jungvolk mit Geschrei überfallen; jetzt waren sie noch im Bann der eben verklungenen Töne. Ungehindert durfte er Klein-Großchen ans Herz nehmen; sie sahen mit Andacht zu, und es gefiel ihnen sehr.

Wenn Großchen die Geige in den Händen hielt, kamen sie alle lautlos herbei.

Dann trat der Festjubel in sein Recht. Nach dem Großvater kam auch der Onkel Fritz auf seine Kosten, dem noch wenig von Begrüßung zugefallen war.

»Fein, daß du da bist, Onkel!« Konz und Dieter strahlten geheimnisvoll. »Wirft schon sehen! Verraten wird aber nichts! Die lebenden Bilder – – «

Da hatten sie ihre Püffe weg von den Großen. Sie heulten und wehrten sich, und es hätte beinahe eine regelrechte Balgerei gegeben. Da legte sich der Großvater ins Mittel und verlangte nach dem Frühstück. Das brachte auf andere Gedanken. Konz und Dieter hatten den Festkuchen bereits gesehen und – gerochen. Mamsell hatte sie bei dem Umweg durch die Speisekammer an den Ohrläppchen hinausbefördern müssen, was sie aber weiter nicht übelnahmen. –

Es war der Nachmittag von Großvaters Geburtstag. Großvater und Großmutter schritten Arm in Arm durch den Wiesengrund von Rödershof Dresdorf zu. Alte Erinnerungsbilder drängten sich vor ihrem Geiste.

Da war die Stelle, wo Friedel Polten dereinst der scheidenden Schwester nachgeweint hatte. Schalkhaft sah Großmutter dem Großvater ins Gesicht.

»Dort fing's eigentlich an, Klaus, ja!«

Er begriff nicht gleich. »Was fing da an, Friedelchen?«

»Dein Kreuz, Alter! Und du warst so lieb und geduldig mit dem Unband, Klaus! Wie soll ich dir dies ganze reiche Leben danken?«

Großchens Stimme war seltsam bewegt. Die Augen wollten lachen, flössen aber über) Großchen war rot und heiß, ganz verschämt wie ein junges Mädchen.

Großvater Klaus legte den Arm um sie. So gingen sie durch den Wiesengrund und dachten an das, was gewesen war, und an die Gegenwart, und alles war hell und froh.

Dort kam das alte Herrenhaus von Dresdorf in Sicht. Heute hatte es alte seine Augen aufgeschlagen, die sonst gewöhnlich verschlossen waren. Heute aber war ein Festtag. Im alten Saal sollte gefeiert werden, wie es von alters her der Brauch gewesen war.

Das Gut war noch im Betrieb. Frau Friedel verwaltete treulich ihr Erbe; ein bewährter Inspektor stand ihr zur Seite. Im Gedanken an den verstorbenen Vater hatte Dresdorf bei ihr noch stets den Vorzug vor Rödershof, war ihre ureigenste Heimat geblieben.

»Denn siehst du, Klaus, dort bist du Alleinherrscher; hier ist ›Papas Junge‹ Herr.«

»Als ob Frau Friedel dort nicht ebenfalls Gewalthaber wäre!«

»Schäm dich Klaus! Du tust, als wäre ich mindestens der Nero. Ich verbitte mir's!«

So oder doch ähnlich endete die Verhandlung jedesmal.

Jetzt standen Großvater und Großmutter im Hof. Freundlich kamen die dort befindlichen Leute, dem Herrn ihren Glückwunsch darzubringen. Er stellte einen Festtrunk für den Abend in Aussicht, und alle waren zufrieden.

Nun stürzte die Enkelschar in den Hof.

»Willkommen! Willkommen! Eilt euch, bitte, – wir müssen zum Kaffee!«

»Die haben's ja eilig,« zankte Großchen, »tun, als ob sie in Rödershof verhungern müßten! Undankbare Gesellschaft!«

Mutter Lu und Mutter Li, die für den wirtschaftlichen Teil hier aufkamen, vermittelten.

»Nicht brummen, Klein-Muttchen! Bedenke, es ist der Enkelkaffee; der war immer wichtig.«

Denn die Enkel bewirteten an dem Tag die Großeltern; das war so Brauch, seit die zwei großen Blonden zuerst darauf verfallen waren. Die blonde Irmingard, das Hausmütterchen, hatte den Gedanken gefaßt; dann war er Gemeingut geworden, ein eifersüchtig gewahrtes Recht.

So saßen sie um den langen Tisch im großen alten Saal. Es war ein frohes Schmausen.

Der Großeltern Stühle waren bekränzt; sie standen dicht beisammen. Großvater hatte vergnüglich den Arm um Großmutter gelegt, und die ließ es sich etwas unbehaglich, mit Seitenblicken auf das Jungvolk, gefallen.

Diesem schien es aber ganz in der Ordnung. Das beruhigte Großchen, wenn sie gleich keine Freundin von derlei »Zuckerwasser« war.

»Hier hat's eigentlich angefangen, Friedelchen, was? Weißt du noch – bei Lisas Hochzeit! Jawohl, das Treppengeländer war der Anfang? da hab' ich dich zum ersten Male gesehen.«

»Erzählen, Großvater, erzählen!« Was von dem Jungvolk zur Stelle war, umdrängte ihn; ein Teil davon war nämlich verschwunden.

»Klaus, wenn du den Mund auftust, brenne ich durch,« drohte Großchen.

»Seine Majestät Nero der Zweite gestatten es mir nicht, Kinder.«

»Großvater! Bitte, Großvater!«

»Klaus, ich brenne durch!« wiederholte Großchen.

Da sah er nun in der Patsche. »Szylla und Charybdis,« seufzte er.

»Ist mir ganz einerlei, Klaus, und wenn du alle die alten heidnischen Frauenzimmer anrufst! Ich brenne durch!«

Das sagte Großchen sozusagen großgedruckt, und alle wußten, was das bedeutete.

Dem Großvater blieb die Antwort erspart, denn gerade öffneten sich die Flügeltüren zur Eingangshalle weit und feierlich.

Man sah nur auf einen Vorhang, was einstweilen enttäuschte, aber davor stand Gunter. Er hatte eine entschieden verlegene Miene, was man an ihm gar nicht gewohnt war, und zwirbelte krampfhaft an dem herum, was er seinen Schnurrbart nannte. Er schluckte und druckte – umsonst.

Dafür kam Bewegung in den Vorhang; es regnete Püffe auf Gunters Rücken. »Los! Vorwärts! Anfangen! Spielverderber,« und was dergleichen geschwisterliche Liebenswürdigkeiten mehr waren.

»Du willst wohl warten, bis dir der Schnurrbart gewachsen ist?« Das war die Stimme der einen Friedel; welche, blieb unbestimmt.

»Drum reiht er so dran,« fügten Konz und Dieter hinzu.

Gunter ermannte sich, trat erst ein paarmal nach hinten aus, dann lachte er so recht frank und frei seinen Zuhörern ins Gesicht.

»Entschuldigen die Herrschaften – es sind eigentlich Verse gewesen, die ich hersagen sollte. Schwesterlein Irmingard, die Holde, hat sie äußerst poetisch und zart verfaßt; es kommt darin viel von Herz und Schmerz, von Mondschein und Nachtigallen, von Blütenduft und Lenzhauch vor. Für manche Leute mag's ja wunderschön sein; ich mag mal Zuckerwasser nicht – ich – – «

»Bravo, Junge – bravo!« Großchen warf sich mächtig ins Zeug.

Gunter machte eine tiefe Verbeugung.

»Der Beifall ehrt mich, woher er kommt. Ich habe also nur sagen wollen: Statt der vier Bogen Verse – es waren wirklich so viele –«

Stimme von hinten: »Übertreiber! Dreieinhalb, bitte.«

»Ich überlasse es den Herrschaften zu entscheiden, ob nicht dreieinhalb immer noch mindestens um drei Bogen zuviel sind.«

Stimme von vorn: »Bravo! Brav-o–o!«

Stimme von hinten, etwas weinerlich und gekränkt: »Sie waren gar nicht übel; Hildegard sagte es auch.«

Chor, tumultuarisch: »Wundervoll waren sie! Der Gunter ist ein Scheusal.«

Der verneigte sich nach hinten. »Danke verbindlichst!« Er wendete sich wieder. »Also ich hab' die dreieinhalb Bogen Verse dreieinhalb Tage in meine Brusttasche gesteckt; ich habe sie des Nachts unter mein Kopfkissen gelegt – es hat alles nichts helfen wollen; ich bin noch ebenso unpoetisch, wie ich es vorher war. So sage ich denn kurz und in Prosa, was der Kern der dreieinhalb Bogen Reime war: Wir beabsichtigen, dem heute Gefeierten, unserem geliebten Großvater, allerhand aus seinem Leben als lebende Bilder vorzuführen und bitten deshalb um geneigte Aufmerksamkeit.«

Großchen fuhr auf: »Junge, ihr werdet doch nicht? Ich – –«

Es half ihr diesmal nichts; Großvater zog sie lachend auf ihren Stuhl zurück. »Du wirst den Kindern doch die Freude nicht stören, Friedelchen! Flink setzen!« Zur Vorsicht hatte sich Mutter Lu dicht zu Großchen und fest auf einen Zipfel von deren Rock gesetzt. Dasselbe tat Großvater Klaus mit einem Schalksgesicht. Großchen mußte sich gefangen geben.

Sie feuerte noch einmal auf: »Wenn sie zu sehr übertreiben, Klaus, geh' ich auf und davon – daß du's nur weißt! Ich finde es überhaupt respektlos – –«

»Es sollen ja Bilder aus meinem Leben sein, Friedelchen,« schmunzelte Großvater.

»Hältst du mich für ein Wiegenkind, Klaus, daß ich nicht wüßte, wo dies hinaus soll? Da seid ihr aber schief gewickelt! Ich – da – hab' ich's nicht gesagt!«

Der Vorhang hatte sich lautlos geteilt. Man sah in die alte Halle, sah die Treppe, die zum Obergeschoß führte. Auf deren Geländer sauste ein blitzäugiges Mädel nieder, schwang ein Tuch und sprang ab mit der Anmut eines jungen Jagdhunds. Es war eine der Friedel. Sie hatten ihr die Zöpfe dicht um den Kopf gewickelt und eine kurzhaarige Perücke übergestülpt. Sie wäre gestürzt, hätte sie nicht ein junger Herr (Gunter) sehr würdevoll und steif aufgefangen. Danach zog er ihren Arm unter den seinen, was sie sich nur mit geziert-scheuem Wehren gefallen ließ. Eben wollten sich die beiden dem im Hintergrund harrenden Brautpaar (Walter und die blonde Irmingard) anschließen, da feuerte Großchen auf: »Hört mal, ich verbitt' mir's! Erstens bin ich flotter heruntergerutscht und abgesprungen – könnt's heut noch besser, jawohl – und dann hat er mich gar nicht aufgefangen! Und so alberne Gesichter hab ich dann auch nicht geschnitten! Wenn eure Großmutter denn schon herhalten soll, dann bitte ich, wenigstens historisch treu zu sein. Wehr dich doch, Alter! So 'ne Zierliese hättest du gewiß nicht genommen.«

»Behüte!« Großvater lachte, daß ihm die Tränen nur so über die Backen liefen. »Es gibt eben nur eine Friedel Polten.«

»Gott sei Dank, Klaus! Das ist's ja eben! Ich dachte, wie Lu und Li glücklich verheiratet waren, nun wachse Gras über die Dummheiten von damals. Ja, Essig! Die Madamen hatten nichts eiliger zu tun, als ihre Kinder mit dem alten Schnickschnack groß zu füttern. Hier das Ergebnis! Wo sollen denn endlich vernünftige Frauenzimmer in der Familie herkommen, wenn – –«

»Das eben ist der Fluch – –«

»Red' mal keinen Unsinn, Klaus; ich – –«

»Schiller – Braut von Messina, Friedelchen!« Großvater sagte es mit förmlich hohler Stimme.

»Ist mir ganz gleichgültig! Und wenn's der Kaiser von China gesagt hat! Ich – da, nun geht's schon wieder los! Bin neugierig, was sie wieder ausgeheckt haben!«

Diesmal trabte Miß Miller daher, von Hildegard mit viel Geschick dargestellt: Szenen aus Großchens Unterrichtszeit bei der englischen Miß.

Großchen sah stumm zu und nickte nur zuweilen trübselig: »Ja, so hat man denn seine schöne Zeit verloren! Arme Miß – war so gut!«

»Ich dachte, es sollten Bilder aus meinem Leben sein?« sagte der Großvater, als der Vorhang sich diesmal schloß. »Was hab' ich ernster Mann mit derlei Allotria zu tun?«

»Alles hat doch seine Entwicklung, bis es zur Reife kommt, Großvater.« Hildegard sagte das hinter dem Vorhang. »Dich sieht man einstweilen nicht; du warst doch auf Reisen.«

Onkel Fritzel lachte. »Aha, nach dem Bilderrätsel, wo nur geschrieben steht: ›ins Maul!‹ Die Lösung heißt dann: Dem geschenkten Gaul sieht man nicht – – ins Maul.«

»Laß die schlechten Witze, Fritzel! Du machst ja die Kinder irre.«

War das Großchen, die so für die erst Geschmähten eintrat?

»Hurra, Klein-Großchen! Unser Klein-Großchen!« schrie es denn auch begeistert hinter dem Vorhang, und alles, was folgte, zeigte besonderen Schwung.

Da kamen nun Näh- und Tanzstunde dran, dann Kochproben. Die dicke Babette wurde wiederum von Hildegard vorgestellt; sie hatte entschieden Begabung. Die Friedel übernahmen abwechselnd die Rollen der jugendlichen Großmutter, taten es mit mehr oder weniger Geschick.

Großchens Kritik war scharf; die Friedel störte das wenig. Sie mimten lustig und mit viel Humor drauflos.

»Achtung, Großvater – nun kommst du endlich wieder dran!« Leni und Lisi hingen rechts und links an seinem Stuhl und strahlten in Wonne.

»Es ist auch wirklich Zeit, wenn ich doch der Gefeierte sein soll!« Großvater tat beleidigt.

Die Mädel standen ungewiß. »Aber Klein-Großchen gehört doch zu dir!«

»Ja, Klein-Großchen oder du ist einerlei – ihr gehört doch zusammen.«

»Was die Kinder alles wissen!« Aus Großvaters Augen brach ein warmer Strahl; Großchen aber zog die beiden dicht heran und legte um jede einen Arm.

Als der Vorhang sich teilte, sah man vom Treppengeländer aus ein Brett quer durch den Raum zu einem Schrank gelegt. Drunterher lagen Steinbrocken Und grüne Zweige. Ein weißes großes Laken schlängelte sich zwischendurch, und dies war in unheimlich sprungweiser Bewegung.

»Wir sind das Wasser,« klangen zwei selige Stimmen, Konz' und Dieters; sie steckten unter dem Laken und machten es lebendig.

Auf dem Steg oben saß eine von den Friedel. Sie hielt eine Geige im Arm. »Um Himmels willen, sie wird doch nicht!« Großchens Augen waren weit geworden; ungewiß schielte sie nach Großvater hin. Der lachte in sich hinein.

»Hieher gehört eine Komposition von Bach, Friedelchen – was?«

»Klaus, wenn du –«

»Wo werd' ich!«

»Das wollt' ich dir auch geraten haben!«

Mittlerweile nahte eine Männergestalt dem Steg. (Wieder Gunter.)

Er ließ sich sachte neben der bereits Sitzenden nieder. Die wendete den Kopf und tat, als fiedle sie wie toll drauflos.

»Wie gut, daß es stumme Bilder sind!« seufzte Großchen.

»Auf der Geige sind dir die Friedel leider nicht ähnlich, Klein-Muttchen,« sagte Mutter Lu sehr bedauernd.

»Etwas muß ich doch für mich haben,« brummte Großchen. »Genug, daß Gestalt und Übermut abgefärbt haben.«

Inzwischen hatte der junge Mann auf dem Steg sich wieder erhoben und mit allerlei Gebärden das Mädchen aufgefordert, mit ans Ufer zu kommen. Es schüttelte den Kopf, als ob er von den Schultern solle, und hantierte noch eifriger mit dem Bogen. Der Mann ging ans Ufer zurück und winkte von da, ihm zu folgen.

Das Mädchen erhob sich nun, ließ sich aber alsbald wieder fallen, mit allerhand Bewegungen, die sein Unvermögen, ihm zu folgen, andeuten sollten.

Der Mann kam zurück und wollte helfen. Stolz wies ihn das Mädchen ab. Er entfernte sich wieder und wandte ihm den Rücken. Da – kroch das Mädchen auf allen vieren den Steg entlang. Es war urdrollig anzusehen.

Großchen dünkte das nicht so. Sie war aufgefahren, hatte den Großvater am Bart und zauste nicht sanft.

»Klaus, das hast du verraten! Wer hätte es sonst wissen sollen? Schämst du dich nicht, Klaus?«

»Also ist's wahr, Friedelchen? Du hast dich nie dazu bekennen wollen, daß du so de- und wehmütig zu Ufer krochst. Ich hab' ja bloß ein bissel über die Schulter schielen können; meine Ritterehre verbot mir, mich umzuwenden.«

»Hätt' auch gerade gefehlt,« brummte Großchen und sah ein bißchen ungewiß in die Runde. »Das Stück wird ja nun hoffentlich bald zu Ende sein.«

»Und sie haben sich doch solche Mühe gegeben,« sagte Mutter Lu im Tone des Bedauerns.

»Hm – hm –« Großchen räusperte sich. »Es ist ja wirklich sehr nett gewesen, bloß – na ja, wer sich mal in die Tinte gesetzt hat, bleibt schwarz.«

Droben erschien hinter dem geteilten Vorhang diesmal nur ein Paar, eine der Friedel und Gunter. Stumm und steif standen sie. Ein Riesenplakat war dahinter angebracht: »Als Verlobte empfehlen sich Friedel Polten und Klaus von Rudern.« Friedel hing den Kopf und tat sehr verlegen. Es war wirklich lustig zu sehen.

Sie lachten alle. Großchen aber rief ihrem Urbild mit gutmütigem Spott zu: »Kopf hoch, Mädel! Gar so gräßlich ist nicht, was nun kommt. Mit ein bissel gutem Willen überlebt man es. Aber für meinen guten Alten hat sein Kreuz so angefangen, und er ist immer geduldig gewesen und immer gut, Kinder! Nehmt euch mal ein Beispiel an ihm! Euer Großchen kann ihm nicht genug danken. Schwamm drüber! Basta! Drei Schritt vom Leibe! Ihr wißt ja, daß ich Zuckerwasser hasse! Ich ersticke!«

Alle hatten sich um sie gedrängt, die Kinder, die Enkel. Sie wehrte sich kräftig, aber dem Großvater ließ sie die Hand, und als er den Arm um sie legte; hatte sie das Wehren vergessen. Dafür war sie scheu und rot wie die Jüngste.

Und dann war die Vorstellung zu Ende, sehr bald danach der ganze festliche Tag.

*

In unbegreiflicher Hast rollte die Zeit ab, und auch die Ferien waren zu Ende. Diesmal brachten Großvater und Großmutter die Töchter samt der Enkelschar zur Bahn.

Mutter Lu und Mutter Li hatten sich beim Vater eingehängt. Die Enkel alle umdrängten Großchen; jeder wollte die letzten Augenblicke noch nutzen.

Sie hatten alle helle Augen. Großchen hatte ihnen von früh eingeprägt: »Kinder, ein für allemal: ihr kommt mit Lachen und geht mit Lachen! Es ist schlechter Dank für eine frohe Zeit, wenn man ihr nachweint. Alles hübsch der Reihe nach! Nach den Ferien die Schule, nach dem Kuchen das Brot, nach der Verwöhnung die Strippe, nach eurem Großchen Mutter Lu und Li!«

»Stellst uns als Zuchtmeister hin, Klein-Muttchen?« Lu und Li begehrten auf.

»Nur als die rechtmäßigen Gewalthaber! Eine Großmutter darf verwöhnen; wozu wäre sie sonst da?«

So schieden sie auch alle diesmal mit den hellsten Gesichtern. Nur Walter hing ein bissel den Kopf. Oder versah sich Klein-Großchen?

Beim Einsteigen legte sie den Arm um seinen Hals. »Alter Junge, ich hab' dein Wort! Du tust dein Bestes?«

»Ist nicht viel, Klein-Großchen,« sagte er trübselig.

»Mehr kann auch der Kaiser von China nicht,« erwiderte Klein-Großchen, ein bißchen laut, so daß die andern es hörten.

»Ist das dein höchster Gerichtsherr, Klein-Großchen?« Gunter lachte sie an. »Du zitierst ihn so oft!«

»Nimm meinethalben den Großmogul oder den Brahmaputra dafür oder wie die Herrschaften alle heißen. Ich – –«

»Brahmaputra ist ja ein Fluß, Klein-Großchen – ein Fluß in Asien!« Konz und Dieter taten sich erschrecklich viel zugut auf ihre Weisheit.

»Mir auch recht – kommt nicht so genau drauf an! Einsteigen! Denkt ihr, der Zug steht still, bis der Herr Konz und der Herr Dieter Western – – Lu, Li, es war schön, eure lieben Gesichter wieder zu sehen! Leni, Lisi, gebt Klein-Großchen noch ein Küßchen! Meine Gardedamen – daß ihr mir nicht noch länger werdet! Gunter, alter Junge – mein Walter, lebt wohl! Zerrt nicht so, Kinder – jeder kommt dran. Friedeli, nicht zu toll! Friede!«, nur immer vernünftig! Euer Großchen fühlt gewissermaßen gerade für euch Verantwortung – – Da, sie pfeifen! Ja, ich gebe schon acht, Herr Vorsteher – muß nur noch einmal jedem eine Hand – – «

Und Klein-Großchen lief eine Strecke weit neben dem Zug her und schüttelte alle Hände, die sich ihr aus dem Fenster noch entgegenreckten. Dann besann sich der Zug auf seine Pflicht; er griff fauchend aus. Klein-Großchen blieb weit dahinten, stand und winkte. Und wie schon lange nichts mehr zu sehen war, stand sie und winkte immer noch.

Großvater lachte, als sie dann zu ihm zurückkam: aber er neckte nicht. An ihren Augen sah er, weshalb sie gar so lange gewinkt hatte.

Er zog ihren Arm unter den seinen. »Wir zwei Alten müssen eben jetzt sehen, wie wir allein fertig werden, Friedelchen, was?«

»Du denkst doch nicht, daß ich die Gesellschaft vermisse?« Dazu lachte sie mit einem kleinen, sonderbaren Schnörkel und wischte an einem Tropfen, der ihr über das Gesicht rollte.

Großvater und Großmutter gingen dann einträchtig unter den Waldbäumen hin in ihr stilles Haus.

Am andern Morgen lagen zwei Briefe auf dem Frühstückstisch.

»Von Fee und von Lutz, Klaus! Wie schön, daß sie gerade an dem ersten Tag kommen, wo wir allein sind!« Eilig riß sie den Umschlag von Fees Brief auf.

»Klaus, es steht sehr schlimm mit dem armen Werner; sie warten auf das Ende. Meine arme Schwester! Ein Glück, daß sie Fee hat! Wir wollen uns gern behelfen, was, Klaus? Und wer weiß! Solange der Mensch lebt, hofft man. Was sagst du, Klaus?«

»Mir tut es leid um deinen Schwager und um Lisa. Es muß ein schweres Trennen sein nach solch jahrelanger guter Kameradschaft. Aber lies, was Lutz schreibt!«

»Natürlich, der Erstgeborene! Da, lies du vor – dann hören wir zugleich.«

Herr von Rödern las: »Geliebte Eltern! Unsere Forschungsreise hier im Innern Asiens naht ihrem Abschluß. Damit rückt für mich die Zeit des Wiedersehens mit Euch Lieben heran. Ich meine, es ist wenigstens Aussicht dazu vorhanden, denn uns trennen immerhin noch einige Meilen. Klein-Muttchen, wie viele wohl?«

Klein-Großchen stand und winkte.

»Der dumme Junge! Klaus, vorwärts!« Er hatte innegehalten und sie lachend angesehen; nun las er weiter.

»Ich weiß das Opfer zu schätzen, liebe Eltern, das Ihr mir brachtet, indem Ihr meiner Neigung, mich dieser Expedition anzuschließen, nichts in den Weg legtet. Ich hoffe, meinen Dank dadurch zu beweisen, daß ich dies Nomadenleben – Herumzigeunern nennt es ja wohl Klein-Muttchen – –«

»Ist es auch, Klaus! Was braucht der Junge in diese greulichen Wüsten zu gehen, während er so glänzende Aussichten an der Universität hatte! Und hierher auf Rödershof, Klaus, dahin gehört doch von Rechts wegen der Älteste! Verdrehte Anstalt! Woher der Junge das hat?«

»Ich besinn' mich auch, Friedelchen, da doch seine Mutter –«

»Lies weiter, Klaus! Denkst du, ich bin nicht neugierig?«

»Also: – – – – daß ich dies Nomadenleben – Herumzigeunern nennt es ja wohl Klein-Muttchen – tunlichst bald aufgebe und den Stab heimwärts setze. Meine Gefährten reden freilich von einer weiteren Forschungsreise in Südtibet, die sie nach einer Ruhepause dieser Expedition angliedern wollen; ich kann mich, offen gestanden, noch nicht entschließen, zu dem Plan Stellung zu nehmen. Ich lasse die ganze Sache erst noch ein wenig reifen. Eurer Zustimmung so oder so bin ich ja gewiß. Mir klingen Vaters Worte noch im Ohre nach, wie es sich um die Erlaubnis zu dieser Reise handelte: ›Ich bin der Freund meiner Söhne, der ihr Bestes will, nicht ihr Tyrann. Da sie kleine Buben waren, mußte ich ihnen helfen, den rechten Weg finden; die Männer müssen ihre Wege selber gehen.‹ Und Klein-Muttchen denkt ebenso, das weiß ich. Erinnerst Du Dich noch, Klein-Muttchen, wie Du uns erbarmungslos zu unserem Professor zurückbrachtest, als wir ausgekniffen waren? Damals fandest Du den rechten Weg für uns, so weh es Dir tat, Klein-Muttchen! Ich sehe Dein liebes, kummervolles Gesicht noch, das Sorgenfalten sonst gar nicht kannte, nur Sonnenschein und Lachen. Klein-Muttchen, der Fritzel und ich sind Dir viel Sonne schuldig, um jene Zeit wettzumachen. Und ehrliche Männer zahlen ihre Schulden! Das nächste Mal hört Ihr also, ob Ihr mich in sechs Wochen etwa oder erst in einem Jahr oder so erwarten könnt. Mach kein trübseliges Gesicht, Klein-Muttchen! Erstens ist es noch nicht gewiß, und wenn es so wäre, dann kommt Euch auch ein Mensch zurück, der seiner Lust nach unseres Herrgotts weiter Welt Genüge getan hat und zufrieden ist, für den Rest seines Lebens in deutschen Landen bei Muttern hinterm Ofen zu sitzen. Dies bitte aber nur bildlich zu nehmen. Grüßt mir alle Lieben, die Geschwister, Neffen und Nichten groß und klein! Ist Schwester Fee noch immer in England, und wie geht es wohl dem Onkel dort? Ich umarme Euch! Klein-Muttchen, ich lege im Geist die Arme um Dich. Mach kein trauriges Gesicht; es steht Dir nicht. Euer treuer Sohn Lutz von Rödern.«

Es gab eine Pause; dann sagte Vater Klaus: »Ja, das ist denn nicht anders, Friedelchen; man hat die Kinder, daß man im Alter allein ist.«

»Danke sehr, Klaus; ich zähle also nicht.« Klein-Muttchen versuchte zu lachen, es glückte nur halb ...

Es war Herbst geworden, ein früher und kühler. Im Oktober wüteten kalte Stürme; man flüchtete hinter die Mauern und richtete sich winterlich ein.

Auf Rödershof war ein unangenehmer Gast eingekehrt. Madame Gicht, wie Großchen sie nannte, suchte den Hausherrn wieder einmal heim und schien sich da bedrohlich wohl zu fühlen. Großvater Klaus ächzte und stöhnte, aber die Laune ließ er sich nicht verderben; er war ein geduldiger Kranker.

Frau Friedel war eine treue Pflegerin. Ihre quecksilberne Natur rang sich sogar stundenlanges Stillsitzen und Vorlesen ab. Großvater Klaus mußte sie mit Strenge ins Freie und zu ihrem täglichen Gang treiben.

Johann brachte die Abendpost. Diese Stunde war vom Hausherrn stets ersehnt; da kamen die Zeitungen.

Aber heute ließ er sie unbeachtet neben sich liegen. Frau Friede! hatte in der Dämmerstunde die Geige vorgeholt und spielte noch, wenn auch längst die Lampen brannten. Darüber vergaß Großvater Zeit, Welt und Politik.

Frau Friedel spielte ein Notturno von Chopin. Es war voll dunkelster Schwermut; todesbang zitterten die Töne. Großvater hatte das Gesicht in die Hand gestützt; seine Gedanken zogen mit den Tönen in unbekannte Fernen. Da fiel sein Auge auf den Posteingang, der vor ihm auf dem Tische lag. Etwas ließ ihn aufschrecken, und seine Hand faßte danach. Ein Telegramm!

Erdentrückt ließ Frau Friedel ihre Zaubertöne weiter klingen. Großvater entfaltete das Papier. Las es. Ein tiefer Schatten lag ihm nun über dem Gesicht; mitleidig streiften seine Augen die Spielerin.

Eben verzitterten die letzten dumpfbangen Töne. Frau Friedel ließ Bogen und Geige sinken. Sie atmete tief auf.

»Man sollte gar nicht so traurige Sachen spielen, Klaus; man denkt dann nur an Not und Tod, und das Leben – – was hast du, Klaus?«

Geige und Bogen lagen auf dem Boden; Frau Friedel kniete neben Großvaters Stuhl. »Klaus, du erschreckst mich – was gibt's?«

»Werner ist tot, Friedel. Die arme Lisa hat ihren treuen Kameraden verloren.«

Frau Friedel weinte still und heiß. Großvater legte die Arme um sie und zog sie dicht heran. So blieben sie lange.

»Ich muß hin, Klaus; ich muß zu Lisa und Fee.«

Er sah sie betrübt an, sagte aber nur: »Wenn du mußt, Friedelchen!«

Kräftig war sie aufgeschnellt. »Ich muß; Klaus! So denkst du doch auch?«

»Ich? – – Friedelchen – –« Ein stechender Schmerz ließ ihn ächzend nach dem Bein fahre».

Frau Friedel sah ihn erschreckt an. »Ja so, Klaus – die Gicht – du – –«

»Laß du mich nur, Friedelchen! Kümmere dich nicht um mich und Madam Gicht; mir werden schon allein miteinander fertig.«

Frau Friedel stand lange und sann; man sah, sie erwog und kämpfte mit sich. Er ließ es still geschehen und verbiß auch den Schmerz, der ihn gewaltig zwickte; er wollte ihr freies Entschließen.

»Was tu' ich bloß, Klaus?« Wie ein verängstigtes Kind sah sie ihn an.

»Das, was du für das Rechte hältst. Es gibt Fälle, wo man nur für sich allein entscheiden kann. Wie ich dir sagte, Madam Gicht und ich – –«

Über ihr verweintes Gesicht flog der Schatten eines Lachens. »Das ist's ja eben, Klaus, das verflixte Frauenzimmer! Ich bleibe da! Sag' gar nichts, Klaus; ich bin fest entschlossen,« sprach sie vollkommen ruhig.

Er war froh über diese Entscheidung. Seine Frau war seine Sonne; je älter er wurde, desto weniger konnte er sie entbehren.

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