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Ivan Sergejevich Turgenev: Klara Militsch - Kapitel 8
Quellenangabe
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typenovelette
authorIwan Turgenjew
booktitleKlara Militsch/Der Duellant
titleKlara Militsch
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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projectid30cd1010
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VIII

Aratow war den ganzen folgenden Tag mißgestimmt.

»Was hast du, Jascha?« fragte ihn Platonida Iwanowna: »Du kommst mir heute so zerzaust vor!«

Dieser eigentümliche Ausdruck der Alten kennzeichnete ziemlich richtig den Seelenzustand Aratows. Er konnte nicht arbeiten und wußte selbst nicht, was er eigentlich wollte. Bald wartete er wieder auf Kupfer (er war überzeugt, daß Klara seine Adresse von Kupfer bekommen hatte; von wem sonst hätte sie auch »so viel über ihn hören« können?); bald fragte er sich erstaunt, ob seine Bekanntschaft mit ihr schon zu Ende sei; bald bildete er sich ein, daß sie ihm wieder schreiben würde; bald fragte er sich, ob er ihr nicht schreiben und alles erklären sollte: Er wollte ja immerhin keinen schlechten Eindruck zurücklassen . . . Was sollte er ihr aber erklären? – Bald weckte er in sich eine Abscheu vor ihr und ihrer frechen Zudringlichkeit; bald sah er wieder jenes unsagbar rührende Gesicht vor sich und hörte ihre überzeugende, bezaubernde Stimme; bald rief er in sich die Erinnerung an ihren Gesang und ihre Rezitation wach und zweifelte, ob sein ablehnendes Urteil auch gerecht war. Mit einem Worte: Er war zerzaust! Endlich hatte er genug davon und beschloß, sich, wie man sagt, in die Hand zu nehmen und diese ganze Geschichte zu vergessen, da sie ihm bei seinen Arbeiten zweifellos hinderlich war und seine Ruhe störte. Es fiel ihm aber gar nicht so leicht, diesen Entschluß durchzuführen. Es dauerte länger als eine Woche, ehe er wieder ins gewohnte Geleis kam. Kupfer ließ sich glücklicherweise nicht blicken: er schien aus Moskau verschwunden zu sein. Kurz vor dieser Geschichte hatte Aratow angefangen, sich mit Malerei, die er bei seinen photographischen Arbeiten brauchte, zu beschäftigen; nun widmete er sich ihr mit doppeltem Eifer.

So vergingen unbemerkt – wenn auch mit »Rückfällen«, die zum Beispiel darin bestanden, daß er einmal beinahe einen Besuch bei der Fürstin abstattete – zwei und drei Monate, und Aratow war wieder der alte. Aber tief unter der Oberfläche des Lebens regte sich etwas Dunkles und Schweres, das ihn auf allen Wegen begleitete. So schwimmt ein großer, eben am Angelhaken hängengebliebener, aber noch nicht aus dem Wasser gezogener Fisch am tiefen Grunde des Flusses unter dem Kahn, in dem der Fischer mit der festen Angelschnur in der Hand sitzt.

Eines Tages aber stieß Aratow beim Lesen einer nicht mehr neuen Nummer der »Moskauer Nachrichten« auf folgende Notiz: »Mit tiefstem Bedauern«, schrieb irgendein Mitarbeiter aus Kasan, »tragen wir in unserer Theaterchronik die Nachricht vom plötzlichen Hinscheiden unserer begabten Schauspielerin Klara Militsch ein, die während ihres kurzen Engagements zum Liebling unseres recht wählerischen Publikums geworden ist. Unsere Trauer ist um so größer, als Fräulein Militsch ihrem jungen, so vielversprechenden Leben mit Gift ein freiwilliges Ende gemacht hat. Der Fall ist um so schrecklicher, als die Künstlerin das Gift im Theater selbst eingenommen hat. Kaum hatte man sie in ihre Wohnung gebracht, als sie zum allgemeinen Bedauern den Geist aufgab. Es wird behauptet, daß es eine unerwiderte Liebe war, die sie in den Tod getrieben hat.«

Aratow legte die Zeitungsnummer ganz langsam wieder auf den Tisch. Äußerlich schien er ruhig, aber etwas hatte ihm plötzlich einen Stoß vor die Brust und vor den Kopf versetzt und sich dann langsam durch alle seine Glieder verbreitet. Er stand auf, blieb eine Weile auf einem Fleck stehen, setzte sich wieder hin und las die Zeitungsnotiz noch einmal. Dann stand er wieder auf, legte sich aufs Bett, verschränkte die Hände im Nacken und starrte, wie benebelt, lange auf die Wand. Die Wand floß allmählich auseinander und verschwand – und er sah den Boulevard unter dem grauen Himmel und sie im schwarzen Umhang – dann sah er sie auf dem Podium und sich selbst an ihrer Seite. Das, was ihn im ersten Augenblick so stark vor die Brust gestoßen hatte, stieg jetzt allmählich zur Kehle hinauf. Er wollte husten, er wollte jemand rufen, aber seine Stimme versagte, und aus seinen Augen flossen zu seinem eigenen Erstaunen unaufhaltsam die Tränen . . . Was hatte diese Tränen hervorgerufen? Mitleid? Reue? Oder hatten seine Nerven der plötzlichen Erschütterung einfach nicht standhalten können? Sie hatte ihm doch nichts bedeutet. Oder doch?

Vielleicht ist das Ganze gar nicht wahr? ging es ihm plötzlich durch den Sinn. Ich muß mich erkundigen. Doch bei wem? Bei der Fürstin? Nein, bei Kupfer . . . bei Kupfer? Es heißt ja, daß er gar nicht in Moskau ist? Es ist ganz gleich! Zuerst muß ich zu ihm!

Mit diesen Gedanken beschäftigt, zog sich Aratow schnell an, nahm eine Droschke und fuhr zu Kupfer.

 

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