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Ivan Sergejevich Turgenev: Klara Militsch - Kapitel 6
Quellenangabe
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typenovelette
authorIwan Turgenjew
booktitleKlara Militsch/Der Duellant
titleKlara Militsch
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081113
modified20170127
projectid30cd1010
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VI

Abends brachte ihm ein Dienstmann einen Zettel, in dem in unregelmäßigen, großen, weiblichen Schriftzügen folgendes stand: »Wenn Sie erraten können, wer das schreibt, und wenn es Sie nicht langweilt, so kommen Sie morgen nachmittag auf den Twerskoi-Boulevard – gegen fünf Uhr – und warten Sie dort. Man wird Sie nicht lange aufhalten. Es ist aber sehr wichtig. Kommen Sie.«

Eine Unterschrift fehlte.

Aratow erriet sofort, von wem der Zettel war, und das empörte ihn. »Was für Unsinn!« sagte er sich beinahe laut. »Das fehlte mir noch gerade. Natürlich gehe ich nicht hin.«

Er ließ dennoch den Dienstmann zurückrufen, erfuhr aber von ihm nur, daß ihm der Brief auf der Straße von einem Dienstmädchen übergeben worden war. Aratow entließ den Dienstmann, las den Brief noch einmal durch und warf ihn auf den Boden . . . Etwas später hob er ihn wieder auf, las ihn noch einmal durch, sagte wieder: »Unsinn!«, warf ihn aber diesmal nicht auf den Boden, sondern steckte ihn in eine Schublade. Er versuchte, an seine gewohnten Arbeiten zu gehen, bald an die eine, bald an die andere, es wollte ihm aber diesmal nichts gelingen. Plötzlich merkte er, daß er eigentlich auf Kupfer wartete! Er wollte ihn wohl ausfragen, oder es ihm vielleicht sogar mitteilen – Kupfer kam aber nicht. Aratow nahm seinen Puschkin vor, las den Brief Tatjanas durch und überzeugte sich von neuem, daß die »Zigeunerin« den tieferen Sinn des Briefes gar nicht verstanden hatte. Und dieser dumme Kupfer spricht von einer Viardot und Rachel! Er trat vor sein Pianino, hob fast unbewußt den Deckel und versuchte die Melodie des Tschaikowskijschen Liedes aus dem Gedächtnis zu reproduzieren. Er klappte aber den Deckel geärgert gleich wieder zu und ging zur Tante. In ihrem überheizten Zimmer roch es ewig nach Minze, Salbei und andern Heilkräutern und standen und lagen so viele kleine Teppiche, Etageren, Fußbänkchen, Kissen und weiche Möbel herum, daß ein Fremder sich darin kaum rühren und fast nicht atmen konnte. Platonida Iwanowna saß mit ihrem Strickzeug am Fenster – sie strickte für Jaschenjka ein warmes Halstuch, und zwar das achtunddreißigste in seinem Leben – und war über sein Erscheinen sehr erstaunt. Aratow besuchte sie äußerst selten; wenn er von ihr etwas wollte, rief er sonst immer mit seiner hohen Stimme aus dem Arbeitszimmer: »Tante Platoscha!« – Sie forderte ihn aber zum Sitzen auf, richtete ein Auge durch die Brille auf ihn, das andere über die Brille und war, in Erwartung seiner Worte, ganz Ohr. Sie erkundigte sich nicht nach seinem Befinden und bot ihm auch keinen Tee an, denn sie sah, daß er nicht deswegen zu ihr gekommen war.

Aratow rückte zuerst verlegen hin und her und begann dann von seiner Mutter zu sprechen: wie sie mit seinem Vater gelebt und wie der Vater sie kennengelernt habe. Er wußte das alles sehr genau, wollte aber unbedingt darüber sprechen. Zu seinem Unglück hatte Tante Platoscha gar kein Konversationstalent und beantwortete seine Fragen sehr kurz, als hätte sie ihn im Verdacht, daß er gar nicht deswegen zu ihr gekommen sei.

»Gewiß«, wiederholte sie immer wieder, die Stricknadeln sehr schnell, vielleicht mit einer gewissen Gereiztheit bewegend. »Gewiß, deine Mutter war eine Taube, eine sanfte Taube. Und dein Vater liebte sie, wie ein Mann seine Frau lieben muß: ehrlich und treu bis in den Tod. Er hat auch keine andere Frau geliebt«, fügte sie hinzu, wobei sie die Stimme hob und die Brille von der Nase nahm.

»War sie von Natur schüchtern?« fragte Aratow nach einer Pause.

»Gewiß, sehr schüchtern. Wie es eben dem weiblichen Geschlecht geziemt. Dreiste Frauenzimmer sind ja erst in der letzten Zeit aufgekommen.«

»Hat es denn zu Ihren Zeiten keine dreisten gegeben?«

»Es gab auch in unserer Zeit welche – wann hat es solche nicht gegeben?! Aber wer waren sie? Irgendwelche schamlose Herumtreiberinnen, die mit gerafften Röcken wie besessen durch die Straßen rannten . . . Was riskierten sie auch? Wenn sie auf einen Dummen stießen, so hatten sie eben Glück. Anständige Menschen wollten aber von ihnen nichts wissen. Kannst du dich denn erinnern, bei uns im Hause so ein Frauenzimmer gesehen zu haben?«

Aratow antwortete nichts und ging wieder in sein Arbeitszimmer. Platonida Iwanowna blickte ihm nach, schüttelte den Kopf, setzte sich die Brille auf und machte sich wieder an das Halstuch. Jetzt war sie aber nicht mehr ganz bei der Sache und ließ die Stricknadeln mehr als einmal auf den Schoß fallen.

Aratow aber dachte den ganzen Tag bis zum späten Abend immer wieder mit dem gleichen Ärger, mit der gleichen Erbosung an den Zettel, an die Zigeunerin und an das Stelldichein, zu dem er natürlich nicht gehen würde. Die Zigeunerin hielt auch nachts alle seine Sinne gefangen. Er sah immer ihre bald zusammengekniffenen, bald weitgeöffneten Augen mit dem durchdringenden, gerade auf ihn gerichteten Blick und ihre unbeweglichen Züge mit dem zwingenden Ausdruck.

Am nächsten Morgen wartete er wieder, er wußte selbst nicht warum, auf Kupfer; beinahe hätte er ihm sogar einen Brief geschrieben. Im übrigen tat er nichts und ging in seinem Arbeitszimmer auf und ab. Er ließ den Gedanken gar nicht in sich aufkommen, daß er zu dem dummen Rendezvous gehen würde. Aber um halb vier, nach dem Mittagessen, das er in aller Eile hinuntergestürzt hatte, zog er plötzlich den Mantel an, stülpte sich die Mütze auf, verließ, ohne der Tante auch nur ein Wort zu sagen, das Haus und begab sich auf den Twerskoi-Boulevard.

 

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