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Ivan Sergejevich Turgenev: Klara Militsch - Kapitel 5
Quellenangabe
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typenovelette
authorIwan Turgenjew
booktitleKlara Militsch/Der Duellant
titleKlara Militsch
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081113
modified20170127
projectid30cd1010
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V

Seltsame, ihm selbst noch unklare Empfindungen brachten seine ganze Seele in Aufruhr. Klaras Rezitation hatte ihm eigentlich ebenso wenig gefallen wie ihr Gesang; obwohl er sich keine Rechenschaft darüber geben konnte, warum. Die Rezitation hatte ihn irgendwie beunruhigt; sie erschien ihm allzu scharf und unharmonisch. Sie störte irgendein Gleichgewicht in ihm und kam ihm wie eine Vergewaltigung vor. Und dann diese unverwandten, hartnäckigen, beinahe zudringlichen Blicke – wozu diese Blicke? Was hatten sie zu bedeuten?

Die angeborene Bescheidenheit ließ in Aratow auch nicht den leisesten Gedanken aufkommen, daß er diesem seltsamen jungen Mädchen gefallen und ein Gefühl eingeflößt haben könne, das der Liebe, der Leidenschaft gliche. Er stellte sich jenes noch unbekannte weibliche Wesen, jenes Mädchen, dem er dereinst seine Seele hingeben, das ihn lieben und seine Braut, seine Gattin werden würde, ganz anders vor . . . Er gab sich aber nur sehr selten solchen Träumen hin: Er war an Leib und Seele keusch, und das keusche Bild, das in seiner Phantasie manchmal auftauchte, war von einem andern Bild – vom Bilde seiner Mutter gezeugt, an die er sich kaum erinnern konnte, deren Bildnis er aber wie ein Heiligtum bewahrte. Es war ein Aquarellbild, das eine Freundin der Verstorbenen ohne besondere Kunst gemalt hatte, das ihr aber, wie alle behaupteten, erstaunlich ähnlich war. Das gleiche zarte Profil, die gleichen gütigen, hellen Augen, die gleichen seidenweichen Haare, das gleiche Lächeln und den gleichen heiteren Ausdruck mußte auch jene Frau oder jenes Mädchen haben, an die er noch nicht einmal zu denken wagte.

Aber diese Schwarze, mit der dunklen Hautfarbe und den struppigen Haaren, mit dem Anflug von Schnurrbart ist sicher verdreht und nicht gut . . . Eine »Zigeunerin« – Aratow konnte keine verächtlichere Bezeichnung erfinden –, was soll er mit ihr?

Aratow hatte aber nicht die Kraft, die schwarze Zigeunerin, deren Gesang und Deklamation und selbst deren Äußeres ihm gar nicht gefielen, aus seinem Hirn zu verdrängen. Er war ganz durcheinander und machte sich selbst Vorwürfe. Kurz vorher hatte er den Walter-Scott-Roman »Die Wasser von St. Ronan« gelesen (die vollständige Ausgabe der Werke Walter Scotts befand sich in der Bibliothek seines Vaters, der in diesem englischen Dichter einen ernsten, beinahe wissenschaftlichen Schriftsteller achtete). Die Heldin dieses Romans hieß Klara Mowbray. Ein russischer Dichter der vierziger Jahre, Krassow, hatte ihr ein Gedicht gewidmet, das mit den Worten endete:

Unselige Klara! Wahnsinnige Klara!
Unselige Klara Mowbray!

Aratow kannte auch dieses Gedicht. Und nun kamen ihm diese Worte immer wieder in den Sinn: »Unselige Klara, wahnsinnige Klara! . . .« – Darum war er auch so erstaunt, als Kupfer ihm sagte, das junge Mädchen heiße mit dem Vornamen Klara.

Selbst Platoscha fiel an ihm etwas auf: nicht etwa eine Veränderung in Jakows Stimmung – es war ja in ihm gar keine Veränderung eingetreten, aber etwas Seltsames in seinen Blicken und Reden. Sie erkundigte sich vorsichtig nach dem literarischen Nachmittag, den er besucht hatte, flüsterte, seufzte, sah ihn aufmerksam von vorne, von der Seite und von rückwärts an, schlug sich plötzlich mit den Händen auf die Schenkel und rief aus: »Jascha, jetzt weiß ich, was es ist!«

»Was ist denn los?« fragte Aratow.

»Du bist dort sicher auf eine von den Schweifschlepperinnen gestoßen« – so pflegte Platonida Iwanowna alle Damen in modernen Toiletten zu nennen. »Sie hat wohl eine hübsche Fratze, dreht sich hin und dreht sich her, schneidet Gesichter« – Platoscha stellte das alles mimisch dar – »läßt die Blicke schweifen« – sie zeigte auch das, indem sie mit dem Zeigefinger einige große Kreise in der Luft beschrieb. »Und du hast dir vor lauter Ungewohnheit irgend etwas eingebildet . . . Es macht aber nichts, Jascha, es macht gar nichts! Trink vor dem Schlafengehen eine Tasse Tee, und fertig! Hilf Gott!«

Platoscha verstummte und zog sich zurück. Es war wohl die erste längere, lebhafte Rede, die sie in ihrem Leben gehalten hatte.

Aratow aber sagte sich: Die Tante hat wohl recht. Das kommt alles von der Ungewohntheit . . . Er hatte ja tatsächlich zum ersten Mal im Leben die Aufmerksamkeit eines weiblichen Wesens erregt; er hatte wenigstens bisher nichts dergleichen gemerkt. – Man darf sich nicht so gehenlassen!

Und er vertiefte sich in seine Bücher, trank abends eine Tasse Lindenblütentee und schlief die Nacht sogar sehr gut und ohne Träume. Am nächsten Morgen machte er sich wieder, als ob nichts geschehen wäre, an die Photographie.

Abends aber wurde seine Seelenruhe wieder getrübt.

 

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