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Ivan Sergejevich Turgenev: Klara Militsch - Kapitel 4
Quellenangabe
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typenovelette
authorIwan Turgenjew
booktitleKlara Militsch/Der Duellant
titleKlara Militsch
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081113
modified20170127
projectid30cd1010
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IV

Als Aratow und Kupfer kamen, war der große Saal im Privathaus an der Ostoschenka schon zur Hälfte gefüllt. In diesem Saal fanden zuweilen Theateraufführungen statt, aber diesmal waren weder Dekorationen noch ein Vorhang zu sehen. Die Veranstalter hatten sich darauf beschränkt, an dem einen Ende des Saales ein Podium zu errichten, ein Klavier, einige Notenpulte und einen Tisch mit einer Wasserkaraffe und einem Glas hinzustellen und die Tür zu dem für die Mitwirkenden bestimmten Zimmer mit rotem Tuch zu verhängen. In der ersten Reihe saß bereits in hellgrüner Toilette die Fürstin; Aratow wechselte mit ihr kaum einen Gruß und ließ sich in einiger Entfernung von ihr nieder. Das Publikum war recht gemischt; die studierende Jugend war in der Überzahl. Kupfer, der als Veranstalter eine weiße Schleife am Fracklatz hatte, lief hin und her und tat sehr geschäftig. Die Fürstin sah sich in sichtbarer Erregung fortwährend nach allen Seiten um, lächelte und sprach die in ihrer Nähe Sitzenden an. Sie war übrigens von lauter Männern umgeben.

Als erste Nummer trat ein Flötist von schwindsüchtigem Aussehen aufs Podium und spuckte, ich wollte sagen, blies höchst gewissenhaft ein gleichfalls schwindsüchtiges Stück; zwei Zuhörer schrien »Bravo!« Dann erschien ein dicker Herr mit Brille, von solidem, sogar griesgrämigem Aussehen, und las mit Baßstimme eine Skizze von Schtschedrin. Man applaudierte, doch nur der Skizze und nicht ihm. Darauf erschien der Pianist, den Aratow schon kannte, und hämmerte die gleiche Lisztsche Fantasie herunter; der Pianist errang sogar einen Hervorruf. Er verbeugte sich, wobei er sich mit einer Hand auf die Stuhllehne stützte und nach jeder Verbeugung die Mähne schüttelte – ganz wie Liszt! Endlich, nach einer recht langen Pause, geriet das rote Tuch hinter dem Podium in Bewegung, die Tür ging weit auf, und auf dem Podium erschien Klara Militsch. Man begrüßte sie mit lebhaftem Applaus. Sie ging mit etwas unsicheren Schritten bis an den vorderen Rand des Podiums und blieb, die etwas großen, schönen unbehandschuhten Hände gekreuzt, ohne Verbeugung, ohne Kopfnicken und ohne Lächeln unbeweglich stehen.

Sie war etwa neunzehn, groß, etwas breitschultrig, doch gut gebaut. Ihr dunkles Gesicht erinnerte an eine Jüdin oder Zigeunerin; sie hatte schwarze, nicht sehr große Augen unter dichten, fast zusammengewachsenen Brauen, eine gerade, etwas aufgeworfene Nase, schöne, doch stark geschwungene Lippen, einen dicken, schwarzen, anscheinend sehr schweren Zopf, eine niedere, unbewegliche, wie aus Stein gemeißelte Stirn und winzige Ohren. Der Ausdruck war nachdenklich, beinahe streng. Alles zeugte von einer leidenschaftlichen, eigensinnigen, wohl kaum gutmütigen und klugen, aber sicher talentierten Natur.

Sie stand eine Weile mit gesenkten Lidern da, fuhr plötzlich zusammen und ließ einen durchdringenden, doch zerstreuten, gleichsam nach innen gekehrten Blick über die Reihen der Zuschauer schweifen.

»Was für tragische Augen sie hat!« bemerkte hinter Aratows Rücken ein grauhaariger Geck mit dem Gesicht einer Revaler Kokotte, ein in Moskau allen bekannter Journalist und Kundschafter. Der Geck war dumm und wollte eine Dummheit sagen, sagte aber die Wahrheit!

Aratow, der von Klara keinen Blick wenden konnte, erinnerte sich jetzt, daß er sie tatsächlich schon bei der Fürstin gesehen hatte; er hatte sie nicht bloß gesehen, sondern auch bemerkt, daß sie ihre dunklen, starren Augen einigemal mit besonderem Ausdruck auf ihn richtete. Und auch jetzt – oder kam es ihm bloß so vor –, als sie ihn in der ersten Reihe erblickte, errötete sie vor Freude und sah ihn wieder durchdringend an. Dann trat sie, ohne sich umzuwenden, einige Schritte in der Richtung zum Klavier zurück, an dem schon der langhaarige Ausländer saß. Sie sollte Glinkas Lied »Kaum hab' ich dich erkannt . . .« singen. Sie sang es, ohne die Haltung der Hände zu verändern und ohne in die Noten zu blicken. Sie hatte eine melodische, weiche Altstimme, sprach die Worte deutlich, mit starker Betonung aus und sang etwas eintönig, ohne Nuancierung, aber mit starkem Ausdruck.

»Das Mädel singt mit Überzeugung!« sagte der gleiche Geck hinter Aratows Rücken und hatte wieder recht.

Man rief von allen Seiten: »Bravo! Bis!« sie aber warf nur einen schnellen Blick auf Aratow, der weder schrie noch klatschte – ihr Gesang hatte ihm nicht gefallen –, machte eine leichte Verbeugung und ging, ohne den ihr vom langhaarigen Pianisten angebotenen Arm zu nehmen. Man rief sie heraus. Sie kam nach einer längeren Weile, näherte sich mit den gleichen unsicheren Schritten dem Klavier, flüsterte dem Pianisten einige Worte zu, der an Stelle der bereitgelegten Noten andere heraussuchen mußte, und begann das Tschaikowskijsche Lied: »Nur wer die Sehnsucht kennt . . .« Dieses Lied sang sie etwas anders als das erste: mit gedämpfter Stimme, gleichsam müde. Aber in der vorletzten Zeile: »Begreift, wie sehr ich litt« ließ sie einen heißen, gellenden Schrei erklingen. Die Schlußworte aber: »Und wie ich leide . . .« flüsterte sie, das letzte Wort schmerzvoll dehnend. Das Lied gefiel dem Publikum weniger als das von Glinka, aber man klatschte ebensoviel.

Kupfer zeichnete sich darin besonders aus: Er legte die Hände nach besonderem System zu einem Art Fäßchen zusammen und erzeugte ungewöhnlich laute, hallende Töne. Die Fürstin gab ihm einen großen, zerzausten Blumenstrauß, damit er ihn der Sängerin überreiche. Die schien aber Kupfers gebeugte Gestalt und seine mit dem Blumenstrauß ausgestreckte Hand gar nicht zu sehen; sie wandte sich um und ging wieder allein, ohne den Pianisten, der noch schneller als das erste Mal aufgesprungen war, um sie hinauszubegleiten. Als ihm das nicht gelang, schüttelte er seine Locken so, wie Liszt die seinigen wohl niemals schüttelte!

Solange Klara sang, beobachtete Aratow aufmerksam ihr Gesicht. Es schien ihm, daß ihre Blicke durch die gesenkten Wimpern auf ihn allein gerichtet waren; den größten Eindruck auf ihn aber machte die Unbeweglichkeit dieses Gesichts, der Stirn und Brauen. Bei ihrem letzten leidenschaftlichen Aufschrei bemerkte er, wie zwischen den halbgeöffneten Lippen eine weiße, enge Zahnreihe warm aufleuchtete. Kupfer ging auf ihn zu.

»Nun, wie findest du sie, mein Lieber?« fragte er, vor Vergnügen strahlend.

»Die Stimme ist gut«, antwortete Aratow, »sie versteht aber nicht zu singen und hat noch keine richtige Schule.« (Gott allein weiß, warum er das sagte und was er von »Schule« verstand.)

Kupfer war erstaunt. »Keine Schule!« wiederholte er gedehnt: »Nun, das kann sie ja noch lernen. Aber die Seele! Wart, du wirst ja gleich hören, wie sie den Brief Tatjanas rezitiert.«

Er lief fort und ließ Aratow stehen. Der aber dachte: Eine Seele! Bei diesem unbeweglichen Gesicht! Er fand, daß sie wie eine Magnetisierte, wie eine Somnambule stand und sich bewegte. Und dabei sah sie ihn immer an . . . Ja, sie sah ihn an, daran war nicht zu zweifeln.

Der »Nachmittag« nahm indessen seinen Fortgang. Der dicke Herr mit der Brille trat wieder auf; trotz seines ernsten Aussehens, bildete er sich ein, Komiker zu sein, und las eine Szene von Gogol. Diesmal erntete er aber nicht die geringste Anerkennung. Der Flötist huschte noch einmal vorbei; der Pianist ließ wieder das Klavier erdröhnen; ein zwölfjähriger Junge, mit pomadisiertem und gebranntem Haar, doch Spuren von Tränen auf den Wangen, geigte irgendwelche Variationen. Es fiel auf, daß man in den Pausen aus dem Künstlerzimmer die Töne eines Waldhorns hörte, während dieses Instrument im Laufe der Veranstaltung kein einziges Mal auf dem Podium erschien. Wie es sich später herausstellte, hatte der Liebhaber, der Waldhorn spielen sollte, im letzten Augenblick vor dem öffentlichen Auftreten Angst bekommen.

Endlich erschien wieder Klara Militsch. Sie hielt ein Bändchen Puschkin in der Hand, in das sie aber während des Vortrags kein einziges Mal hineinblickte. Sie war offenbar etwas befangen; das kleine Buch zitterte leise in ihren Fingern. Aratow merkte auch einen Ausdruck von Trauer, der jetzt auf ihren strengen Zügen lag. Den ersten Vers: »Ich schreibe Ihnen . . . und was weiter?« sprach sie außerordentlich einfach, fast naiv, beide Arme mit aufrichtig naiver, hilfloser Gebärde vor sich ausstreckend. Dann schlug sie ein etwas zu schnelles Tempo ein. Aber bei den Versen: »Ein and'rer? Nein! Mein Herz soll niemand haben . . .« beherrschte sie sich schon wieder und als sie zu der Stelle kam: »Mein ganzes Leben war Verheißung, daß ich dich treffe . . .«, erklang ihre bis dahin etwas dumpfe Stimme begeistert und kühn, während sie ihre Augen ebenso kühn und gerade auf Aratow richtete. Mit dieser Begeisterung fuhr sie fort, und nur ganz am Schluß klang ihre Stimme wieder gedämpft und drückte, ebenso wie ihr Gesicht, die frühere Trauer aus. Die letzten vier Zeilen leierte sie schnell herunter, das Bändchen Puschkin entglitt ihrer Hand, und sie verließ rasch das Podium.

Das Publikum raste. Das Klatschen und Hervorrufen wollte kein Ende nehmen. Ein Seminarist kleinrussischer Abstammung brüllte so laut »Mylytsch! Mylytsch!«, daß ihn ein neben ihm sitzender Herr höflich und teilnahmsvoll ersuchte, »den künftigen Protodiakon in sich zu schonen«. Aratow aber erhob sich sofort von seinem Platz und eilte dem Ausgang zu. Kupfer holte ihn ein.

»Was fällt dir ein? Wo willst du hin?« schrie er ihn an. »Willst du nicht, daß ich dich der Klara vorstelle?«

»Nein, danke«, erwiderte Aratow eilig und lief nach Hause.

 

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