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Ivan Sergejevich Turgenev: Klara Militsch - Kapitel 3
Quellenangabe
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typenovelette
authorIwan Turgenjew
booktitleKlara Militsch/Der Duellant
titleKlara Militsch
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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projectid30cd1010
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III

Kupfer aß bei ihm am nächsten Tag zu Mittag. Er verbreitete sich nicht über den gestrigen Vorfall und machte Aratow nicht einmal Vorwürfe wegen seiner plötzlichen Flucht. Er äußerte nur sein Bedauern, daß er das Souper nicht abgewartet hatte, bei dem es Champagner gab (Nischnij-Nowgoroder Provenienz, wie wir in Parenthesen bemerken). Kupfer hatte wohl eingesehen, daß jeder Versuch, den Freund aufzurütteln, vergebens war und daß Aratow in die Gesellschaft jener Menschen und zu deren Lebensart durchaus nicht paßte. Auch Aratow seinerseits vermied von der Fürstin und vom gestrigen Abend zu sprechen.

Platonida Iwanowna wußte nicht recht, ob sie diesen Mißerfolg mit Freude oder Bedauern aufnehmen sollte. Schließlich sagte sie sich, daß derlei Unternehmungen Jaschas Gesundheit schädigen könnten, und beruhigte sich damit.

Kupfer ging gleich nach dem Essen fort und ließ sich dann volle acht Tage nicht mehr blicken. Nicht etwa, weil er Aratow wegen des Mißerfolgs seiner Empfehlung schmollte – der gute Kerl war dessen gar nicht fähig. Er hatte aber wohl eine Beschäftigung gefunden, die alle seine Sinne und Gedanken gefangenhielt; denn er kam von nun an nur sehr selten zu den Aratows, zeigte einen zerstreuten Ausdruck, sprach wenig und blieb nur kurze Zeit.

Aratow lebte ebenso wie früher; aber irgend etwas hatte sich wohl in seiner Seele festgesetzt. Er wollte sich immer auf etwas besinnen; er wußte selbst nicht, was es war, aber dieses »Etwas« hing irgendwie mit dem Abend, den er bei der Fürstin verbracht hatte, zusammen. Dabei spürte er nicht den leisesten Wunsch, sie wieder zu besuchen, und die fremde Welt, von der er in ihrem Hause ein Endchen zu sehen bekommen hatte, stieß ihn mehr als je zurück. So vergingen an die sechs Wochen.

Eines Morgens erschien bei ihm wieder Kupfer, diesmal mit etwas verlegenem Gesicht.

»Ich weiß«, begann er mit gezwungenem Lächeln, »daß du an jenem Besuch wenig Gefallen gefunden hast; und doch hoffe ich, daß du meinen Vorschlag nicht zurückweisen, daß du mir meine Bitte erfüllen wirst!«

»Um was handelt es sich?« fragte Aratow.

»Siehst du«, begann Kupfer, immer lebhafter werdend, »es gibt hier einen Verein von Liebhabern, die ab und zu Rezitationsabende, Konzerte und selbst Theateraufführungen mit wohltätigem Zweck veranstalten.«

»Nimmt auch die Fürstin daran teil?«

»Die Fürstin nimmt an allen wohltätigen Unternehmungen teil, das macht aber nichts. Wir veranstalten einen literarisch-musikalischen Nachmittag, und bei dieser Gelegenheit kannst du ein junges Mädchen hören – ein ganz ungewöhnliches junges Mädchen! Wir wissen noch nicht recht, ob sie eine Rachel oder eine Viardot ist. Denn sie versteht ebenso gut zu singen wie zu rezitieren und zu spielen. Ein ganz erstklassiges Talent, mein Lieber! Ich übertreibe gar nicht. Nun also . . . willst du nicht ein Billett nehmen? In der ersten Reihe kostet es fünf Rubel.«

»Wo kommt dieses ungewöhnliche Mädchen her?« fragte Aratow.

»Das weiß ich nicht zu sagen«, erwiderte Kupfer lächelnd. »In der letzten Zeit hat sie bei der Fürstin Unterkunft gefunden. Die Fürstin protegiert ja, wie du weißt, alle solche Menschen. Du hast sie wohl auch an jenem Abend gesehen.«

Aratow fuhr zusammen – innerlich, ganz schwach –, sagte aber nichts.

»Sie hat sogar schon irgendwo in der Provinz gespielt«, fuhr Kupfer fort, »sie ist überhaupt fürs Theater geschaffen. Du wirst sie ja selbst sehen!«

»Wie heißt sie?« fragte Aratow.

»Klara.«

»Klara?« unterbrach ihn Aratow wieder: »Unmöglich!«

»Warum unmöglich? – Klara . . . Klara Militsch; das ist zwar nicht ihr wirklicher Name, aber alle nennen sie so. Sie wird ein Lied von Glinka singen, dann eines von Tschaikowskij und den Brief Tatjanas aus dem ›Eugen Onjegin‹ rezitieren. Nun, nimmst du ein Billett?«

»Wann findet es statt?«

»Morgen, morgen um halb zwei, in einem Privatsaal an der Ostoschenka. Ich werde dich abholen. Also ein Billett für fünf Rubel? Da ist es . . . Nein, es ist eines für drei. Hier. Da hast du auch das Programm. Ich gehöre zu den Veranstaltern.«

Aratow wurde nachdenklich. Platonida Iwanowna kam in diesem Augenblick ins Zimmer und wurde unruhig, als sie sein Gesicht sah.

»Jascha«, rief sie aus, »was hast du? Warum bist du so bestürzt? Fjodor Fjodorowitsch, was haben Sie ihm gesagt?«

Aratow ließ aber seinem Freund nicht Zeit, die Frage der Tante zu beantworten, entriß ihm hastig das Billett und sagte Platonida Iwanowna, daß sie Kupfer sofort fünf Rubel geben solle.

Die Tante wunderte sich und zwinkerte mit den Augen. Sie gab aber Kupfer das Geld und sagte kein Wort. Jascha hatte sie gar zu streng angefahren.

»Ich sage dir – ein Wunder aller Wunder!« sagte Kupfer und stürzte zur Tür. »Erwarte mich morgen!«

»Hat sie schwarze Augen?« rief ihm Aratow nach.

»Wie Kohle!« antwortete Kupfer, lachte vergnügt und verschwand.

Aratow zog sich in sein Zimmer zurück, Platonida Iwanowna blieb aber ganz starr stehen und flüsterte immer vor sich hin: »Gott hilf! Hilf Gott!«

 

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