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Ivan Sergejevich Turgenev: Klara Militsch - Kapitel 18
Quellenangabe
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typenovelette
authorIwan Turgenjew
booktitleKlara Militsch/Der Duellant
titleKlara Militsch
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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XVIII

Als Platonida Iwanowna am nächsten Morgen zu ihm hereinkam, war er noch immer im gleichen Zustand. Seine Schwäche war nicht vergangen, und er zog es vor, im Bett zu bleiben. Seine Blässe machte Platonida Iwanowna besondere Angst.

Gott, was ist denn das? fragte sie sich. Er hat keinen Tropfen Blut im Gesicht, will die Bouillon nicht mal versuchen, liegt da und lächelt und behauptet dabei, daß ihm nichts fehle!

Er wies auch das Frühstück zurück.

»Was hast du denn, Jascha?« fragte sie ihn. »Willst du denn den ganzen Tag so liegen?«

»Warum auch nicht?« antwortete Aratow freundlich.

Auch dieser freundliche Ton gefiel Platonida Iwanowna nicht. Aratow hatte das Aussehen eines Menschen, der ein großes, für ihn sehr angenehmes Geheimnis erfahren hat, das er eifersüchtig für sich bewahrt. Er wartete auf die Nacht weniger mit Ungeduld als mit Neugier.

Was kommt nun weiter? fragte er sich. Was kann noch kommen?

Er staunte nicht mehr. Er zweifelte nicht mehr, daß er mit Klara verkehrte; er zweifelte auch nicht mehr, daß sie einander liebten. Was kann aber aus einer solchen Liebe herauskommen? Er erinnerte sich jenes Kusses, und ein wunderbarer Wonneschauer durchlief alle seine Glieder.

Einen solchen Kuß tauschten wohl Romeo und Julia aus! dachte er sich. Das nächste Mal werde ich mich aber besser beherrschen. Ich werde sie besitzen. Sie wird mit einem Kranz kleiner Rosen auf den schwarzen Locken kommen . . .

Und weiter? Wir können doch nicht zusammenleben! Also muß ich wohl sterben, um mit ihr zusammen zu sein? Kam sie vielleicht deswegen her, um mich so zu nehmen?

»Was ist denn dabei? Warum soll ich auch nicht sterben? Den Tod fürchte ich jetzt gar nicht. Er kann mich doch nicht vernichten! Im Gegenteil, nur so und dort werde ich glücklich sein – wie ich im Leben niemals glücklich war und wie sie es auch niemals war. Wir sind ja beide unberührt! Oh, dieser Kuß!«

*

Platonida Iwanowna kam jeden Augenblick zu ihm herein; sie quälte ihn nicht mit Fragen, sondern sah ihn nur an, flüsterte, seufzte und ging wieder hinaus. Nun wies er auch das Mittagessen zurück. Das war schon höchst bedenklich. Die Alte wandte sich daher an ihren Bekannten, den Revierarzt, dem sie nur aus dem Grunde vertraute, weil er nicht trank und eine Deutsche zur Frau hatte. Aratow wunderte sich, als sie ihn zu ihm brachte; Platonida Iwanowna bat aber ihren Jascha so inständig, Paramon Paramonytsch (so hieß der Arzt) zu erlauben, ihn zu untersuchen – und wenn auch nur ihr zuliebe! –, daß Aratow einwilligte. Paramon Paramonytsch befühlte seinen Puls, ließ sich die Zunge zeigen, stellte einige Fragen und erklärte schließlich, daß er ihn auskultieren müsse. Aratow war so friedfertig gestimmt, daß er auch dies erlaubte. Der Arzt entblößte behutsam seine Brust, beklopfte sie vorsichtig, behorchte sie, murmelte etwas, verschrieb Tropfen und eine Mixtur und riet ihm, vor allen Dingen möglichst Ruhe zu bewahren und alle Aufregungen von sich fernzuhalten.

Warum nicht gar! dachte sich Aratow, Du kommst zu spät damit, mein Bester!

»Was fehlt Jascha?« fragte Platonida Iwanowna, Paramon Paramonytsch an der Schwelle einen Dreirubelschein in die Hand drückend.

Der Revierarzt, der wie alle modernen Ärzte, besonders aber diejenigen, die eine Uniform tragen, gerne mit wissenschaftlichen Fachausdrücken paradierte, erklärte ihr, daß ihr Neffe alle dioptrischen Symptome einer nervösen Kardialgie und auch etwas Febris habe.

»Sprich doch verständlicher, Väterchen«, unterbrach ihn Platonida Iwanowna. »Mach mir mit deinem Latein keine Angst. Du bist ja nicht in der Apotheke!«

»Das Herz ist nicht in Ordnung«, erklärte der Arzt, »auch ist ein kleines Fieber da.« Und er wiederholte seinen Rat bezüglich der Ruhe und der Vermeidung von Aufregungen.

»Es ist doch nicht gefährlich?« fragte Platonida Iwanowna streng. (Paß auf: Komm mir nicht wieder mit deinem Latein!)

»Vorläufig nicht!«

Der Arzt ging, und Platonida Iwanowna wurde sehr trübsinnig. Sie ließ die Arznei aus der Apotheke holen, die Aratow aber nicht einnahm. Er wies auch den Brusttee zurück.

»Warum beunruhigen Sie sich so?« fragte er sie. »Ich versichere Sie, ich bin jetzt der glücklichste und gesündeste Mensch auf Gottes Erden!«

Platonida Iwanowna schüttelte nur den Kopf.

Gegen Abend hatte er etwas stärkeres Fieber, bestand aber darauf, daß sie nicht bei ihm blieb, sondern in ihr Zimmer schlafen ging. Platonida Iwanowna fügte sich, zog sich aber nicht aus und legte sich auch nicht hin; sie saß in einem Sessel, horchte hinaus und flüsterte ihr Gebet.

Sie begann gerade einzunicken, als ein entsetzlicher, durchdringender Schrei sie plötzlich weckte. Sie sprang auf, stürzte zu Aratow ins Kabinett und fand ihn wie gestern auf dem Boden liegen.

Diesmal kam er aber nicht zu sich, wie sehr sie sich auch um ihn bemühte. In derselben Nacht bekam er ein heftiges Fieber, zu dem sich eine Herzentzündung gesellte.

Nach einigen Tagen starb er.

Ein seltsamer Umstand begleitete seinen zweiten Ohnmachtsanfall. Als man ihn aufhob und ins Bett legte, fand man in seiner zusammengeballten Rechten eine Strähne schwarzer Frauenhaare. Wo kamen diese Haare her? Anna Ssemjonowna besaß wohl eine solche Strähne von Klaras Haaren; sie würde aber doch ein so kostbares Andenken nicht Aratow schenken! Oder hatte sie die Haare ins Tagebuch gelegt und damit aus Versehen Aratow gegeben?

In seinem Delirium vor dem Tode hielt er sich für Romeo nach dem Selbstmord. Er sprach von einer geschlossenen, einer vollzogenen Ehe; daß er jetzt wisse, was Wonne sei.

Am schrecklichsten war für Platoscha der Augenblick, als Aratow kurz zur Besinnung kam, sie vor seinem Bette stehen sah und sagte: »Tante, was weinst du? Weil ich sterben muß? Weißt du denn nicht, daß die Liebe stärker ist als der Tod? . . . Tod! Tod, wo ist dein Stachel? Du sollst nicht weinen, du sollst dich freuen, wie ich mich freue . . .«

Und das Gesicht des Sterbenden erstrahlte wieder in jenem seligen Lächeln, vor dem sich die Alte so sehr fürchtete.

 


 

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