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Ivan Sergejevich Turgenev: Klara Militsch - Kapitel 17
Quellenangabe
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typenovelette
authorIwan Turgenjew
booktitleKlara Militsch/Der Duellant
titleKlara Militsch
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081113
modified20170127
projectid30cd1010
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XVII

Es hatte noch nicht Mitternacht geschlagen, als er einen ungewöhnlichen, unheildrohenden Traum hatte.

Es träumte ihm, daß er sich in einem reichen Gutshaus befinde, dessen Besitzer er sei. Er hat erst vor kurzem das Haus und das dazugehörige Gut gekauft. Und er denkt sich immer: Jetzt ist es gut, sehr gut, es wird aber ein schlechtes Ende nehmen! Vor ihm scharwenzelt ein kleines Männchen, sein Gutsverwalter; er lacht immer, verbeugt sich und will Aratow zeigen, wie schön alles im Haus und auf dem Gut eingerichtet sei.

»Bitte schön, bitte schön«, sagte er, bei jedem Worte kichernd, »schauen Sie nur, wie gut alles eingerichtet ist! Da sind die Pferde – was für herrliche Pferde!«

Aratow sieht eine Reihe riesengroßer Pferde. Sie stehen im Stall mit dem Rücken zu ihm; sie haben wunderbare Mähnen und Schweife. Als Aratow an ihnen vorbeigeht, wenden sie ihre Köpfe nach ihm um und fletschen unangenehm die Zähne.

Es ist wohl schön, wird aber ein schlechtes Ende nehmen!, denkt sich Aratow.

»Bitte schön, bitte schön!« sagt wieder der Verwalter. »Kommen Sie in den Garten, schauen Sie nur, was für herrliche Äpfel Sie haben!«

Die Äpfel sind wirklich herrlich, rot und rund; wie Aratow sie aber genauer anschaut, werden sie runzlig und fallen zu Boden.

Das wird ein schlechtes Ende nehmen!, denkt er sich.

»Da ist der See«, lallt der Verwalter, »schauen Sie nur, wie blau und wie glatt er ist! Da ist auch der goldene Nachen. Wollen Sie nicht ein wenig spazierenfahren? Er fährt ganz von selbst.«

Nein, ich setze mich nicht hinein!, denkt sich Aratow, es wird ein schlechtes Ende nehmen! Und er setzt sich doch in den Nachen. Auf dem Boden des Nachens liegt zusammengekauert ein kleines Geschöpf, einem Affen ähnlich; es hält ein Fläschchen mit einer dunklen Flüssigkeit in den Pfoten.

»Haben Sie nur keine Angst«, ruft ihm der Verwalter vom Ufer nach. »Es ist nichts! Es ist der Tod! Glückliche Reise!«

Der Nachen fährt schnell dahin. Plötzlich aber kommt ein Wirbelwind, nicht wie der gestrige lautlose, weiche – nein, ein schwarzer, schrecklicher, heulender Wirbelwind! Alles dreht sich, und Aratow sieht mitten in der wirbelnden Finsternis Klara in ihrem Theaterkostüm: Sie führt ein Fläschchen an die Lippen, aus der Ferne klingen Bravorufe, und eine rohe Stimme schreit Aratow ins Ohr: »Du glaubtest wohl, daß es mit einer Komödie enden wird? Nein, es ist eine Tragödie! Eine Tragödie!«

Aratow erwacht, am ganzen Leibe zitternd. Im Zimmer ist es gar nicht finster. Von irgendwo kommt ein schwacher Schimmer, der alle Gegenstände mit traurigem, unbeweglichem Licht übergießt. Aratow gibt sich keine Rechenschaft darüber, woher das Licht kommt. Er fühlt nur das eine: Klara ist hier, in diesem Zimmer. Er fühlt ihre Nähe. Er ist wieder und für immer in ihrer Gewalt!

Aus seinen Lippen dringt der Schrei: »Klara, bist du hier?«

»Ja!« ertönt es deutlich mitten im unbeweglich erleuchteten Zimmer.

Aratow wiederholt lautlos seine Frage. – »Ja!« tönt es wieder.

»Also will ich dich sehen!« schreit er auf und springt aus dem Bett.

Einige Augenblicke stand er unbeweglich mit den bloßen Füßen auf dem kalten Fußboden. Seine Blicke schweiften umher, seine Lippen flüsterten: »Wo denn? Wo?«

Nichts zu sehen und nichts zu hören.

Er sah sich um und merkte, daß das schwache Licht, das das Zimmer erfüllte, von einem Nachtlicht kam, das, mit einem Blatt Papier verdeckt, in der Ecke stand: Platoscha hatte es wohl, als er schlief, hingestellt. Er spürte auch den Geruch von Weihrauch; auch das war wohl ihr Werk.

Er zog sich schnell an. Noch länger im Bett zu bleiben und einzuschlafen war undenkbar. Er blieb mitten im Zimmer stehen und kreuzte die Arme.

Er fühlte die Anwesenheit Klaras stärker als je.

Und nun begann er nicht laut, aber langsam und feierlich, wie man Beschwörungsformeln spricht: »Klara, wenn du wirklich hier bist, wenn du mich siehst, wenn du mich hörst, so erscheine! Wenn du verstehst, wie bitter ich es bereue, daß ich dich nicht verstanden und dich zurückgewiesen habe, so erscheine! Wenn das, was ich hörte, wirklich deine Stimme war, wenn das Gefühl, das mich ergriffen, Liebe ist; wenn du jetzt überzeugt bist, daß ich, der ich bisher noch kein einziges Weib geliebt und erkannt habe, dich liebe; wenn du weißt, daß ich nach deinem Tode in leidenschaftlicher, unüberwindlicher Liebe zu dir entflammt bin; wenn du nicht willst, daß ich wahnsinnig werde – so erscheine, Klara!«

Aratow hatte das letzte Wort noch nicht gesprochen, als er plötzlich fühlte, wie jemand von rückwärts schnell auf ihn zuging – wie damals auf dem Boulevard – und ihm eine Hand auf die Schulter legte. Er wandte sich um und sah niemand. Aber das Gefühl ihrer Nähe wurde so deutlich, so zweifellos, daß er sich noch einmal umsah.

Was ist das?! In seinem Sessel, zwei Schritte vor ihm, sitzt ein weibliches Wesen, ganz in Schwarz. Der Kopf ist zur Seite geneigt, wie im Stereoskop. Das ist sie! Das ist Klara! Doch welch ein strenges, trauriges Gesicht!

Aratow sank langsam in die Knie. Ja, er hatte damals recht gehabt: Er empfand jetzt weder Entsetzen noch Freude, nicht einmal Erstaunen. Sein Herz begann sogar langsamer zu schlagen. Er hatte nur ein Gefühl, nur ein Bewußtsein: Endlich! Endlich!

»Klara«, begann er mit schwacher, doch gleichmäßiger Stimme, »warum siehst du mich nicht an? Ich weiß ja, daß du es bist. Ich könnte mir aber auch denken, daß meine Einbildungskraft ein Bild geschaffen hat, das jenem (er zeigte mit der Hand auf das Stereoskop) ähnlich ist. Beweise mir, daß du es bist. Wende dich zu mir um, sieh mich an, Klara!«

Klara hob langsam die Hand und ließ sie wieder sinken.

»Klara, Klara, wende dich zu mir um!«

Und Klara wandte langsam den Kopf zu ihm, die gesenkten Lider hoben sich, und die dunklen Pupillen hefteten sich auf Aratow.

Er wich etwas zurück und hauchte gedehnt und zitternd: »Ah!«

Klara sah ihn unverwandt an, aber ihre Augen, ihre Züge bewahrten den früheren nachdenklich strengen, beinahe unzufriedenen Ausdruck. Diesen Ausdruck hatte sie damals bei der literarischen Matinee auf dem Podium, ehe sie Aratow erblickte. Und ebenso wie damals errötete sie plötzlich, ihr Gesicht belebte sich, der Blick leuchtete auf, und die Lippen öffneten sich in einem freudigen, sieghaften Lächeln.

»Du hast mir vergeben!« rief Aratow aus. »Du hast gesiegt. Nimm mich hin! Ich bin dein, und du bist mein!«

Er stürzte zu ihr hin, er wollte sie auf die lächelnden sieghaften Lippen küssen – und er küßte sie auch, er fühlte ihre heiße Berührung, er fühlte sogar die feuchte Kühle ihrer Zähne – und im halbdunklen Zimmer erklang ein Schrei der Verzückung.

Platonida Iwanowna, die sofort herbeistürzte, fand ihn in einer Ohnmacht. Er kniete auf dem Boden, sein Kopf ruhte auf dem Sessel, die ausgestreckten Arme hingen kraftlos herab, das bleiche Gesicht atmete unendliches berauschendes Glück.

Platonida Iwanowna sank neben ihm hin, umarmte ihn und begann zu stammeln: »Jascha, Jascha!« Sie versuchte ihn mit ihren knochigen Armen aufzuheben. Er rührte sich nicht. Platonida Iwanowna begann nun mit unmenschlicher Stimme zu schreien, und die Dienstmagd lief herbei. Sie hoben ihn mit vereinten Kräften auf, setzten ihn in den Sessel und begannen ihn mit geweihtem Wasser zu besprengen.

Er kam zu sich. Alle Fragen der Tante beantwortete er nur mit einem Lächeln. Er sah so selig und glücksvergessen aus, daß sie noch mehr erschrak und bald ihn, bald sich bekreuzigte.

Aratow schob schließlich ihre Hand zur Seite und fragte mit dem gleichen seligen Gesichtsausdruck: »Platoscha, was ist mit Ihnen los?«

»Was ist mit dir los, Jascha?«

»Was mit mir los ist? Ich bin glücklich – Ich bin glücklich, Platoscha, das ist mit mir los. Und jetzt will ich mich hinlegen und schlafen.«

Er wollte aufstehen, fühlte aber eine solche Schwäche in den Beinen und im ganzen Körper, daß er ohne Hilfe der Tante und der Magd gar nicht imstande war, sich auszuziehen und hinzulegen. Dafür schlief er sehr schnell ein. Sein Gesicht behielt den gleichen seligen und verzückten Ausdruck, war aber sehr bleich.

 

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