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Ivan Sergejevich Turgenev: Klara Militsch - Kapitel 15
Quellenangabe
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typenovelette
authorIwan Turgenjew
booktitleKlara Militsch/Der Duellant
titleKlara Militsch
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081113
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projectid30cd1010
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XV

Aratow ging früh zu Bett; er wollte eigentlich noch nicht schlafen, hoffte aber im Bett Ruhe zu finden. Die Spannung der Nerven ermüdete ihn viel mehr als die physische Abspannung der Reise. Wie groß auch seine Müdigkeit war, einschlafen konnte er doch nicht. Er versuchte zu lesen, doch die Zeilen verschwammen vor seinen Augen. Er blies die Kerze aus, und in seinem Zimmer wurde es dunkel. Er lag aber noch immer schlaflos mit geschlossenen Augen da.

Plötzlich kam es ihm vor, als ob ihm jemand etwas ins Ohr flüstere . . . Es ist das Herzklopfen, das Rauschen des Blutes, dachte er sich. Das Geflüster ging aber in zusammenhängende Rede über. Jemand sprach russisch, hastig, klagend, doch unverständlich. Er konnte kein einziges Wort verstehen. Es war aber Klaras Stimme!

Aratow öffnete die Augen, setzte sich auf und stützte sich in die Ellenbogen. Die Stimme klang etwas leiser, fuhr aber in ihrer klagenden, hastigen, noch immer unverständlichen Rede fort.

Es war zweifellos Klaras Stimme!

Unsichtbare Finger liefen über die Tasten des Pianinos. Dann erklang wieder die Stimme. Zuerst gedehnte Töne, wie Seufzer – immer die gleichen. Und dann einzelne verständliche Worte: »Rosen . . . Rosen . . . Rosen . . .«

»Rosen«, flüsterte Aratow nach. »Ach ja! Das sind ja die Rosen, die ich im Traume auf dem Kopfe jenes Wesens gesehen habe.«

»Rosen . . .« klang es wieder.

»Bist du es?« fragte Aratow im gleichen Flüsterton.

Die Stimme war plötzlich verstummt.

Aratow wartete, wartete und ließ den Kopf auf das Kissen sinken.

Eine Gehörhalluzination, sagte er sich. Wenn sie aber wirklich hier in der Nähe ist? Wenn ich sie erblicke, werde ich da erschrecken? Oder mich freuen? Warum sollte ich erschrecken? Und worüber sollte ich mich freuen? Höchstens darüber, daß es ein Beweis für die Existenz einer anderen Welt, der Unsterblichkeit der Seele wäre. Und wenn ich auch etwas sehe, so kann es übrigens auch nur eine Gesichtshalluzination sein.

Er zündete aber dennoch die Kerze an und ließ den Blick schnell, nicht ohne eine gewisse Angst, über das ganze Zimmer schweifen, entdeckte aber darin nichts Außergewöhnliches. Er stand auf, ging zum Stereoskop und sah wieder die gleiche graue Puppe mit den auf die Seite gerichteten Augen. Die Angst machte einem Gefühl von Ärger Platz. Es war, wie wenn er sich in seinen Erwartungen getäuscht hätte; auch die Erwartungen selbst kamen ihm jetzt lächerlich vor.

»Das ist ja schließlich dumm!« murmelte er. Er legte sich wieder hin und blies die Kerze aus. Und wieder wurde es im Zimmer stockfinster.

Aratow beschloß diesmal einzuschlafen. Aber eine neue Empfindung bemächtigte sich seiner. Es schien ihm, als ob jemand in der Mitte des Zimmers nicht weit von ihm stehe und kaum wahrnehmbar atme. Er wandte sich rasch um und schlug die Augen auf. Was konnte er aber in der undurchdringlichen Finsternis sehen? Er begann nach einem Zündholz auf dem Nachttisch zu suchen, und plötzlich war es ihm, als ziehe ein weicher, lautloser Wirbelwind durch das ganze Zimmer, über ihn, durch ihn hindurch, und das Wort »Ich!« klang deutlich in seinen Ohren.

»Ich! . . . Ich! . . .«

Es vergingen einige Augenblicke, ehe er die Kerze anzünden konnte.

Im Zimmer war wieder nichts zu sehen, und er hörte auch nichts mehr außer dem schnellen Pochen seines eigenen Herzens. Er trank ein Glas Wasser und blieb regungslos, den Kopf in eine Hand gestützt, liegen. Er wartete.

Er dachte: Ich will warten. Entweder ist alles Unsinn oder sie ist hier. Sie wird doch nicht mit mir wie die Katze mit der Maus spielen! Er wartete, er wartete lange, so lange, daß die Hand, in die er den Kopf stützte, einschlief. Doch keine der früheren Empfindungen wollte sich wiederholen. Zweimal fielen ihm die Augen zu. Er schlug sie jedesmal wieder auf; es schien ihm wenigstens, daß er sie aufschlug. Allmählich richteten sie sich auf die Tür und blieben an ihr haften. Die Kerze war heruntergebrannt, und das Zimmer verdunkelte sich wieder. Die Tür hob sich als länglicher weißer Fleck im Halbdunkel ab. Dieser Fleck regte sich, wurde kleiner, verschwand, und an seiner Statt erschien an der Schwelle eine weibliche Gestalt. Aratow sah gespannt hin: Es war Klara! Diesmal blickte sie ihm gerade ins Gesicht und bewegte sich auf ihn zu. Sie hatte auf dem Kopf einen Kranz roter Rosen.

Er zuckte zusammen und setzte sich auf.

Vor ihm stand seine Tante in weißer Nachtjacke und einer Nachthaube mit großer roter Schleife.

»Platoscha!« brachte er mit Mühe hervor. »Sind Sie es?«

»Ja, ich«, antwortete Platonida Iwanowna. »Ich bin es, Jascha.« – »Warum sind Sie hergekommen?«

»Du hast mich ja geweckt. Anfangs hast du lange gestöhnt, dann plötzlich aufgeschrien: ›Zur Hilfe!‹«

»Habe ich geschrien?«

»Ja, und mit so heiserer Stimme: ›Zur Hilfe!‹ Ich dachte mir: Mein Gott! Ist er am Ende krank? Also kam ich her. Fühlst du dich wohl?«

»Ja, vollkommen.«

»Dann hast du wohl einen bösen Traum gehabt. Willst du, daß ich ein wenig mit Weihrauch räuchere?«

Aratow blickte die Tante noch einmal aufmerksam an und lachte plötzlich laut auf. Die gute Alte in Haube und Nachtjacke, mit dem erschrockenen langgezogenen Gesicht war tatsächlich recht komisch anzuschauen. Alles Geheimnisvolle, was ihn soeben umschwebt und bedrückt hatte, der ganze Zauber war mit einem Male verflogen.

»Nein, liebste Platoscha, bitte, nicht!« sagte er. »Entschuldigen Sie bitte, daß ich Sie, ohne es zu wollen, geweckt habe. Schlafen Sie wohl, auch ich werde einschlafen.«

Platonida Iwanowna blieb noch eine Weile stehen, zeigte auf die Kerze, brummte: »Warum löschst du sie nicht aus? Wie leicht kann ein Unglück geschehen!« und konnte sich nicht enthalten, ihn beim Weggehen zu bekreuzigen.

Aratow versank sofort in Schlaf und schlief bis zum Morgen durch. Er stand in recht guter Stimmung auf, obwohl ihm irgend etwas leid tat. Er fühlte sich leicht und frei.

Das sind romantische Einfälle! sagte er sich mit einem Lächeln.

Er warf weder einen Blick ins Stereoskop noch auf das von ihm herausgerissene Tagebuchblatt. Doch gleich nach dem Frühstück begab er sich zu Kupfer.

Er fühlte dunkel, was ihn zu ihm hinzog.

 

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