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Ivan Sergejevich Turgenev: Klara Militsch - Kapitel 13
Quellenangabe
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typenovelette
authorIwan Turgenjew
booktitleKlara Militsch/Der Duellant
titleKlara Militsch
translatorAlexander Eliasberg
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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XIII

Aratow kam am Nachmittag zu den Milowidows und unterhielt sich volle drei Stunden mit Anna Ssemjonowna. Frau Milowidow pflegte sich jeden Nachmittag um zwei hinzulegen und bis zum Abendtee, der um sieben Uhr eingenommen wurde, »auszuruhen«. Die Unterhaltung Aratows mit Klaras Schwester war eigentlich keine Unterhaltung: Sie sprach fast die ganze Zeit allein, anfangs etwas unsicher und verlegen, dann aber mit großem Feuer. Sie vergötterte offenbar ihre Schwester. Das Vertrauen, das ihr Aratow einflößte, wurde immer stärker; sie gab jede Zurückhaltung auf und fing sogar zweimal in seiner Gegenwart zu weinen an. Sie hielt ihn für würdig, ihre Offenherzigkeiten und Herzensergüsse hinzunehmen. In ihrem eigenen freudlosen Leben hatte es nichts dergleichen gegeben!

Er aber sog jedes ihrer Worte gierig ein und erfuhr folgendes: Vieles nur aus Andeutungen. Vieles ergänzte er selbst.

Klara war in ihrer Kindheit zweifellos ein höchst unangenehmes Geschöpf gewesen; auch als junges Mädchen war sie schwierig: eigensinnig, aufbrausend und selbstsüchtig. Sie vertrug sich am allerwenigsten mit dem Vater, den sie wegen seiner Trunksucht und Talentlosigkeit verachtete. Sie zeigte schon sehr früh Veranlagung für Musik; der Vater aber tat nichts für die Entwicklung dieses Talents, da er nur die Malerei allein, in der er zwar wenig erreicht hatte, die aber ihn und seine Familie ernährte, für echte Kunst hielt. An ihrer Mutter hing sie mit einer etwas lässigen Liebe, wie ein Kind oft an seiner Wärterin hängt; die Schwester vergötterte sie, obwohl sie sich mit ihr oft herumschlug und sie biß. Dann wieder kniete sie vor ihr nieder und küßte die gebissenen Stellen. Sie war ganz Feuer, ganz Leidenschaft, ganz Widerspruch: rachsüchtig und gutmütig, großmütig und nachtragend; sie glaubte an das Schicksal und glaubte nicht an Gott (Anna flüsterte diese Worte mit Entsetzen); sie liebte alles Schöne, kümmerte sich aber nicht um ihre eigene Schönheit und kleidete sich nachlässig; sie ärgerte sich, wenn junge Leute ihr den Hof machten, las aber in den Büchern nur solche Seiten, die von Liebe handelten; sie wollte niemand gefallen, mochte keine Zärtlichkeiten, vergaß aber keine ihr erwiesene Zärtlichkeit, aber auch keine Beleidigung; sie fürchtete den Tod und tötete sich selbst!

Manchmal sagte sie: »Den, den ich will, werde ich nie finden, einen andern will ich aber nicht!«

»Und wenn du ihn doch findest?« fragte Anna.

»Wenn ich ihn finde, so nehme ich ihn mir.«

»Und wenn er sich nicht hergibt?«

»Dann . . . dann nehme ich mir das Leben. Dann tauge ich also nicht.«

Klaras Vater (der seine Frau zuweilen im Rausche fragte: »Von wem hast du diese schwarze Hexe? Von mir ist sie sicher nicht!«) wollte sie möglichst schnell loswerden und verlobte sie mit einem reichen jungen, furchtbar dummen Kaufmann, einem von den »Gebildeten«. Zwei Wochen vor der Hochzeit (sie war erst sechzehn) ging sie mit gekreuzten Armen, mit den Fingern auf den Ellenbogen spielend (das war ihre liebste Stellung), auf ihren Bräutigam zu und versetzte ihm plötzlich mit ihrer großen kräftigen Hand einen Schlag auf seine rosige Wange! Er sprang auf und riß nur das Maul auf – es ist zu bemerken, daß er maßlos in sie verliebt war.

Er fragte sie: »Wofür?«

Sie lachte nur auf und ging.

»Ich war im gleichen Zimmer«, erzählte Anna, »und war Zeugin. Ich lief ihr nach und fragte: ›Katja, was fällt dir ein?‹ Sie aber antwortete: ›Wenn er ein Mann wäre, so hätte er mich verprügelt, er ist aber eine nasse Henne! Und er fragt noch: Wofür? Wenn du mich liebst und mich nicht strafen willst, so mußt du eben dulden und darfst nicht fragen, wofür! Er kriegt mich nicht, solange er lebt!‹ Sie nahm ihn auch wirklich nicht. Bald darauf lernte sie jene Schauspielerin kennen und verließ unser Haus. Mütterchen weinte, Vater aber sagte: ›Die widerspenstige Ziege muß aus der Herde hinaus!‹ Und er tat nichts, um sie zur Rückkehr zu bewegen. Der Vater verstand Klara nicht. Am Tag vor ihrer Flucht erwürgte sie mich beinahe in ihren Armen«, fügte Anna hinzu, »und sagte dabei immer: ›Ich kann nicht anders! Das Herz bricht mir entzwei, ich kann aber nicht anders! Zu eng ist mir euer Käfig . . . meine Flügel finden keinen Platz darin! Niemand kann seinem Schicksal entgehen.‹«

»Später sahen wir uns nur sehr selten«, bemerkte Anna. »Als der Vater starb, kam sie für zwei Tage nach Hause, wollte nichts von der Erbschaft nehmen und verschwand wieder. Es war ihr schwer, bei uns zu leben. Ich sah es. Dann kam sie als Schauspielerin nach Kasan.«

Aratow begann Anna über das Theater auszufragen, über die Rollen, in denen Klara auftrat, und über ihre Erfolge.

Anna antwortete ausführlich mit dem gleichen traurigen Ausdruck, wenn auch mit großem Feuer. Sie zeigte Aratow sogar eine Photographie, auf der Klara in einer ihrer Rollen dargestellt war. Auf dem Bild blickte sie zur Seite, wie wenn sie sich von den Zuschauern abwenden wollte; der mit einem Band durchflochtene dicke Zopf fiel wie eine Schlange auf den entblößten Arm herab. Aratow betrachtete die Photographie lange, fand sie ähnlich, erkundigte sich, ob Klara auch in Rezitationsabenden aufgetreten sei, und erfuhr von Anna, daß sie nur in Bühnenrollen aufgetreten war, weil sie die Aufregung des Theaters und der Bühne brauchte . . . Aber eine andere Frage brannte ihm auf den Lippen.

»Anna Ssemjonowna!« rief er schließlich aus, nicht laut, doch mit besonderer Kraft: »Sagen Sie mir, ich flehe Sie an, sagen Sie mir, warum sie . . . warum sie sich zu dieser schrecklichen Tat entschlossen hat!«

Anna senkte die Augen. »Ich weiß es nicht!« sagte sie nach einer Weile. »Bei Gott, ich weiß es nicht!« fuhr sie in fieberhafter Hast fort, als sie sah, daß Aratow ungläubig die Arme spreizte. »Vom Tag ihrer Ankunft an war sie nachdenklich und finster. Sie hatte in Moskau zweifellos irgend etwas erlebt, was ich unmöglich erraten kann. Aber an jenem verhängnisvollen Tag schien sie, ich will nicht sagen, lustiger, doch ruhiger als sonst. Ich hatte sogar keine Vorahnung«, fügte Anna mit bitterem Lächeln hinzu, als ob sie sich etwas vorzuwerfen hätte.

»Sehen Sie«, fing sie wieder an, »es war ihr wohl schon vom Schicksal beschieden, unglücklich zu sein. Von ihrer frühesten Kindheit an war sie davon überzeugt. Zuweilen stützte sie den Kopf in die Hand und sagte nachdenklich: ›Ich werde nicht lange leben!‹ Sie hatte Vorahnungen. Denken Sie sich nur: Sie sah schon vorher im Traume und manchmal auch im Wachen, was ihr bevorstand. ›Wenn ich nicht so leben kann, wie ich will, so will ich gar nicht leben‹,pflegte sie oft zu sagen. ›Unser Leben ist ja in unserer Hand!‹ Und sie bewies es auch!«

Anna bedeckte das Gesicht mit den Händen und verstummte.

»Anna Ssemjonowna«, begann Aratow nach einer Pause. »Sie haben vielleicht gehört, was in den Zeitungen stand . . .«

»Das von der unglücklichen Liebe?« unterbrach ihn Anna, und nahm die Hände vom Gesicht. »Das ist eine Verleumdung, eine Verleumdung, eine Erfindung! Meine unberührte, meine unzugängliche Katja . . . Katja! . . . Und sie sollte eine unglückliche, eine unerwiderte Liebe haben?! Und ich habe nichts davon gewußt? Alle, alle verliebten sich in sie und sie . . . Wen hätte sie hier auch lieben können? Wer von allen Menschen war ihrer wert? Wer hatte jenes Ideal der Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit, Reinheit, ja, vor allem Reinheit, das ihr trotz aller ihrer Fehler immer vorschwebte, erreicht? Wer hat ihre Liebe zurückweisen können, ihre Liebe . . .«

Annas Stimme versagte. Ihre Finger zitterten. Sie war plötzlich über und über rot geworden, rot vor Empörung, und in diesem Augenblick, in diesem einen Augenblick sah sie der Schwester ähnlich.

Aratow stammelte irgendeine Entschuldigung.

»Hören Sie einmal«, unterbrach ihn Anna wieder. »Ich will, daß Sie an diese Verleumdung nicht glauben, daß Sie sie nach Möglichkeit zerstreuen! Sie wollen ja einen Aufsatz schreiben: Da haben Sie also die Gelegenheit, ihr Andenken zu verteidigen! Darum spreche ich auch mit Ihnen so aufrichtig. Hören Sie einmal: Katja hat ein Tagebuch hinterlassen.«

Aratow zuckte zusammen. »Ein Tagebuch«, flüsterte er.

»Ja, ein Tagebuch, das heißt nur einige Seiten. Katja mochte das Schreiben nicht und trug monatelang nichts ein; auch ihre Briefe waren kurz. Sie war aber immer aufrichtig und log niemals. Wie sollte sie auch bei ihrem Stolz lügen! Ich . . . ich will Ihnen das Tagebuch zeigen. Sie werden sich selbst überzeugen, daß darin nicht einmal eine Andeutung von unglücklicher Liebe zu finden ist!«

Anna holte aus der Schublade hastig ein dünnes Heftchen von höchstens zehn Seiten und reichte es Aratow. Er ergriff es mit Gier, erkannte sofort die unregelmäßige, weitläufige Schrift jenes anonymen Briefes und schlug es aufs Geratewohl auf. Sein Blick fiel auf folgende Zeilen: »Moskau. Dienstag, den *. Juni. Ich rezitierte und sang in einer literarischen Matinee. Heute war für mich ein bedeutsamer Tag. Er muß mein Schicksal entscheiden. (Dieser Satz war zweimal unterstrichen.) Ich sah wieder«, hier folgten einige sorgfältig durchgestrichene Zeilen. Weiter hieß es: »Nein, nein, nein! Ich muß wieder von vorne anfangen, wenn nur . . .«

Aratow ließ die Hand mit dem Heft sinken, und sein Kopf fiel langsam auf die Brust herab.

»Lesen Sie doch!« rief Anna aus. »Warum lesen Sie nicht? Lesen Sie von Anfang an! Sie sind damit in fünf Minuten fertig, obwohl das Tagebuch ganze zwei Jahre umfaßt. In Kasan trug sie nichts mehr ein.«

Aratow erhob sich langsam von seinem Stuhl und stürzte vor Anna in die Knie.

Sie war vor Erstaunen und Schreck ganz starr.

»Geben Sie, geben Sie mir dieses Tagebuch«, begann Aratow mit ersterbender Stimme und hob beide Hände zu ihr empor. »Geben Sie es mir . . . auch die Photographie. Sie haben sicher eine andere. Das Tagebuch werde ich Ihnen zurückgeben. Ich brauche es, ich brauche es . . .«

In seinem Flehen, in seinen verzerrten Zügen lag eine solche Verzweiflung; man konnte diesen Ausdruck für Haß oder Schmerz halten. Er litt tatsächlich. Es war, als ob ein unerwartetes Unglück über ihn hereingebrochen wäre und er gereizt um Erbarmen und Hilfe flehte.

»Geben Sie es mir!« sagte er wieder.

»Waren Sie vielleicht in meine Schwester verliebt?« fragte Anna endlich.

Aratow kniete noch immer.

»Ich habe sie nur zweimal gesehen, glauben Sie es mir! Und wenn ich nicht meine Gründe hätte, die ich selbst weder richtig begreifen noch darlegen kann – wenn über mir nicht eine Gewalt wäre, die stärker ist als ich, so hätte ich Sie darum nicht gebeten. Ich wäre gar nicht hergekommen. Ich brauche . . . ich muß . . . Sie haben mir ja selbst gesagt, daß ich ihr Bild in seiner Reinheit wiederherstellen soll!«

»Und Sie waren in meine Schwester nicht verliebt?« fragte Anna wieder.

Aratow wußte im ersten Augenblick nicht, was zu antworten, und wandte sich, wie von Schmerz überwältigt, von ihr weg.

»Nun ja! Ich war verliebt! Ich bin es auch jetzt!« rief er mit derselben Verzweiflung aus.

Im Nebenzimmer ertönten Schritte.

»Stehen Sie auf, stehen Sie auf«, sagte Anna schnell: »Mütterchen kommt!«

Aratow erhob sich von den Knien.

»Nehmen Sie meinetwegen das Tagebuch und die Photographie mit. Die arme, arme Katja! . . . Das Tagebuch müssen Sie mir aber wiedergeben«, fügte sie lebhaft hinzu. »Und wenn Sie etwas über sie schreiben, so müssen Sie es mir unbedingt schicken! Hören Sie?«

Das Erscheinen der Frau Milowidow entband Aratow von der Pflicht, etwas darauf zu sagen. Er hatte aber noch Zeit, dem jungen Mädchen zuzuflüstern: »Sie sind ein Engel! Ich danke Ihnen! Ich will Ihnen alles schicken, was ich schreibe.«

Frau Milowidow war so verschlafen, daß sie nichts merkte. So verließ Aratow mit der Photographie in der Brusttasche Kasan. Das Heftchen gab er Anna zurück, riß aber heimlich die Seite heraus, auf der sich die unterstrichenen Worte befanden.

Während der Rückfahrt nach Moskau war er wieder in der gleichen Erstarrung. Obwohl er sich auch in der Tiefe seiner Seele freute, daß er den Zweck seiner Reise erreicht hatte, schob er alle Gedanken an Klara bis zu seiner Heimkehr auf. Er dachte vielmehr an ihre Schwester Anna.

Das ist doch wirklich ein herrliches, sympathisches Wesen! sagte er sich. Dieses feine Verständnis für alles, dieses liebende Herz, dieser völlige Mangel an Selbstsucht! Wie kommt es nur, daß in unserer Provinz und in einem solchen Milieu so herrliche Mädchen erblühen? Sie ist kränklich und unschön und auch nicht mehr jung, doch welch eine wunderbare Lebensgefährtin wäre sie für einen anständigen gebildeten jungen Mann. In eine solche sollte man sich verlieben!

Solche Gedanken gingen Aratow durch den Kopf. Als er aber wieder in Moskau war, nahm alles doch eine ganz andere Wendung.

 

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