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Klara du Plessis und Klairant. Erster Theil.

August Lafontaine: Klara du Plessis und Klairant. Erster Theil. - Kapitel 8
Quellenangabe
authorAugust Heinrich Julius Lafontaine
titleKlara du Plessis und Klairant. Erster Theil.
publisher
year1801
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20171215
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VI.
Klara an Klairant.

Ich bin von ganzem Herzen traurig, mein Klairant, von ganzem Herzen. Unser guter König hat sich retten wollen, und ist in Varennes angehalten und wieder nach Paris gebracht worden. Kannst du noch sagen, die National-Versammlung sei nicht grausam? – Anfangs hieß es, er wäre glüklich entkommen, und ich habe herzlich gewünscht, daß es wahr seyn möchte; denn mein Vater sagt, das allein könne einen bürgerlichen Krieg verhüten. Alles hier war so voller Freude; man illuminirte, jauchzte, und schrie. Jeder schien sein eignes Leiden vergessen zu haben, und nur an die glükliche Rettung unsers guten Königs zu denken. Man dachte sogar nicht mehr an Partheihaß, und umarmte einander, vielleicht zum erstenmale, von Herzen. Dann kam die Nachricht, es sei mißlungen. Man wollte lange die ersehnte Hoffnung nicht aufgeben. Jeder zweifelte; und es that mir weh, wenn ich die traurigen Gesichter sah, die mit Schmerz fragten: ist es denn gewiß? – Und das, das ist es nicht allein, was mich bekümmert. Du, Klairant, du!

Ach, ich bin so betrübt, daß ich nicht einmal hoffen mag, und wenn ich auch Hoffnungen hätte. Ich size da, und sehe auf eine Stelle, weil ich dir, weil ich dem guten Könige nicht helfen kann. O, Klairant, schreib doch, melde mir alles. Zähle mir alle deine Seufzer vor, verschweig mir keine Thräne, die du vergiessest. Klagen lindert den Schmerz; das fühle ich Arme, die ich niemanden habe, dem ich klagen könnte.

Die Rosiere hat mir einen Zettel geschrieben. Ach, guter Klairant, ist es denn wahr, was sie schreibt? Sie könne dich, sagt sie, nicht ohne Mitleiden ansehen: so bleich, so kummervoll habe dich der Gram um mich gemacht. Du schleichst umher wie ein Gespenst, sprichst nicht, seufzest nur, und sizest, wenn du nicht bei deinem kranken Oheim bist, den ganzen Tag in meiner Laube und denkst an mich. Ach, Klairant, es war mir so süß, wenn ich mir vorstellte: er weint um dich, er seufzt nach dir. Aber jezt ist es mir nicht mehr süß. Nein, Klairant, sei heiter! Reden thut wohl. Wenn man eine Zeitlang gesprochen hat, erleichtert sich das Herz ein wenig. Es ist einem dann, als ob der Kummer in der Ferne stände, und einen nur von Zeit zu Zeit berührte. Lieber Klairant, mir zu gefallen, zerstreue dich. Sieh, die Rosiere schreibt mir von Nationalfesten, die gefeiert werden. O Klairant, da geh hin, tanze, vergiß mich. Ich will ja gern zufrieden seyn, wenn du den Tag über nur eine Stunde um mich traurig bist. Auch ich weine um dich am Abend. Den Tag über muß ich bald hierhin, bald dorthin. Abends sez ich mich recht ordentlich zurecht, um an dich zu denken; und sieh, dann schlaf' ich endlich vor Ermattung ein. Klairant, ich bitte dich, schone deiner Gesundheit. Ich müßte ja hier vor Angst umkommen; wenn ich hörte, daß du krank wärest.

Ach, erst jezt begreif ich – und mir schlägt das Herz vor Angst so laut, wenn ich daran denke – jezt begreif' ich, was du meinst mit der Verzweiflung, in die ich dich stürzen würde, wenn ich nicht zurükkäme. Klairant, du weißt, ich kann nichts weniger auf der Welt leiden, als Verzweiflung. Ich bitte dich, schreib ja nicht ein Wort davon in deinem nächsten Briefe; es ängstigt mich allzu sehr. Hierbei schike ich dir mein Portrait, lieber Klairant. Anfangs wollt' ich mich nicht mahlen lassen. Du weißt, daß ich nicht gern lange sizen mag, und noch weniger kann ich es leiden, daß ein Mann mich so starr ansieht, wie es der Mahler thun muß. Endlich hab' ich es aber doch ausgehalten, weil mir einfiel, dir ein Bild von mir zu schiken. Mein Vater sagte, ich sähe darin so traurig aus. Aber konnt' ich denn anders aussehen? Ich dachte an nichts, als an dich. Man muß da so still sizen; und thu' ich das nur einen Augenblik, so bist du mein zweiter Gedanke. Sieh, nun bat ich den Mahler, mir noch eine Kopie zu machen für eine in Frankreich zurükgelassene Freundin. Aber bald hätte ich sie wieder abbestellt; denn der Mahler lächelte, als ich das sagte. Ich mochte vielleicht roth geworden seyn. Doch ich faßte Muth, that, als säh' ich sein Lächeln nicht, und bestellte das Uebrige, die Kleidung, und so weiter. Sieh nur! steht mir der Anzug einer Bäuerin nicht recht gut? Ach, wann wird der Augenblik kommen, da ich so gekleidet in deine Arme sinke!

Nein, mein guter Klairant, was bedarf es dazu Frankreichs, um zu gestehen, daß ich dich über alles liebe? Hier kann ich eben so gut sagen: »ich bin die Tochter des Vicomte du Plessis, und mein Geliebter ist ein Bauer.« Und ich hab' es gesagt, ohne vor dir zu erröthen. Mein wunderlicher Liebhaber findet endlich, da ich gegen alle seine Etourderien hart wie ein Fels bin, daß ihm eine glükliche Liebe im Wege stehen muß: Er läuft die Nahmen aller meiner Bekannten durch, fällt bald auf diesen, bald auf jenen; und ich lächle dazu. Ah, sagt er; der Glükliche ist noch in Frankreich. Gestehen Sie es nur! – »Nun ja.« – Und heißt? – »Klairant!« – Klairant? Ein verteufelter Nahme! Doch wohl kein Patriot? – »Mit Leib und Seele.« – Also ehemals hieß er? – »Nie anders als Klairant.« – Klairant? und ist? – »Ein Bauer, der Sohn eines Pächters.« – Sie scherzen. – »Mit Ihnen nie.« – Ein Bauer, vielleicht ein Verrükter, der... – »So helfe der Himmel Ihnen zu seiner Verrüktheit!« – In Ernst? – »In Ernst.« – Sie lieben ihn? – »Von ganzer Seele.«

Er schlug ein lautes Gelächter auf, und mein Vater kam aus dem anderen Zimmer zu uns. Worüber lachen Sie so, Chevalier! fragte er. – Darf ich antworten? wendete der Gek sich zu mir. – »Warum nicht?« sagt' ich. – Ihre Tochter erzählt mir, sie liebe einen Bauer, Nahmens Klairant. Mein Vater erröthete, und warf einen Blik auf mich, worin ein Vorwurf lag. »Meine Tochter, Chevalier, ist eine Närrin.« Ich küßte meinem Vater die Hand, und sagte, doch wohl etwas empfindlich: »der Chevalier bringt mich wenigstens nicht dahin, meine Liebe zu bereuen.« Ich wollte den Thoren los seyn; er verstand mich aber nicht, oder wollte mich nicht verstehen.

Du wirst das Gelächter der Welt werden, sagte mein Vater nachher. »Dann hätte ich Ihr Schiksal, mein Vater. Leute wie der Chevalier verspotten alle Tugend, und machen den elenden Rang, den sie haben, verächtlich. Ich habe Klairant nie inniger geliebt, als seitdem ich ihn hier mit den Leuten meines Standes vergleiche.« – Mein Vater schwieg und ist seitdem wieder eben so freundlich, wie vorher; doch vermeidet er jedes Gespräch über dich.

Und ich bin damit wohl zufrieden; denn was kann man ohne mein Herz von dir sagen? Nichts, gar nichts. Mein Bruder sezt sich bisweilen zu mir, und schwazt über dich. Aber so lieb er dich auch hat, so trifft er doch keinen Zug von dir. Es kommt mir gerade so vor, als ob ich wieder den Grundriß von Marly sähe. Auf dem ist freilich nichts vergessen. Da steht das Schloß, da sind die Esplanaden, da die Terrassen, da die Gärten, da das reizende Abreuvoir, da die Bosquets mit ihren Statüen, ihren Bassins und Wasserkünsten. Wir standen vor dem Grundrisse, hörten ihn erklären, und gähnten recht herzlich. Seitdem bin ich selbst in Marly gewesen. Ich habe wenig von dem gesehen, was der Grundriß enthält, und erinnere mich kaum an mehr als an das eine Bosquet mit der Fontaine der Agrippine, und an den Musensaal. Aber meine Erinnerung an die Empfindung der heiteren Ruhe, des Friedens, die ich hatte, als ich in das Bosquet trat, sagt mir von Marly mehr, als die stundenlange Beschreibung nach dem Grundrisse. – Da hast du, wenn mein Bruder von dir spricht, Gott weiß, wie viele und welche gute Eigenschaften. Ich höre das kalt an, und vergehe vor Schmerz und Verlangen, wenn ich mir vorstelle, wie du da stehst, und mit Thränen in den lieben Augen mich zurükwünschest.

Mein Bruder meint Wunder, was er thut, wenn er eine Stunde lang dich gelobt hat; er fürchtet zuweilen, sein Lob könnte meine Sehnsucht nach dir allzu sehr schärfen. Ich lächle über seine Furcht. Und da les' ich das Ende deines lezten Briefs. »O Klara, Klara, wirf deinen Rang weg, und komm zurük! Dich erwartet nur eine Hütte aber in ihr ein Mann, der dich liebt!« Ich springe auf, mein Herz schlägt; ich breite meinen Arm aus, dich zu umfangen, und will fort, allein, bei Nacht, auf unbekannten Wegen fort. Die ganze Natur ist mit dir im Bunde, die Sterne, denk' ich, haben nichts zu thun, als mir den Weg nach der Hütte zu zeigen, wo du stehst und mich erwartest; ich glaube, alle Wege führen nur zu dir.

Ach, Klairant, wie oft, wenn ich das Ende deines Briefes lese, nehme ich mir vor, zu dir zu fliehen! Es scheint mir dann so leicht, der Weg so kurz, ich selbst so stark; – und was hält mich zurük? Nichts, weniger als nichts! Ich habe Muth genug, meinen Vater zu verlassen, meine Mutter zu betrüben; ich troze dem Gedanken, daß ich meinen Eltern entlaufen bin; rechne es für nichts, den Spott, die Verachtung der Welt auf mich zu laden: und doch bin ich nicht dreist genug, mir eine Postchaise zu bestellen. Mich schrekt der Gedanke, daß ich dem Postillon sagen muß, er soll mich da und da hin fahren, und daß mir ein Reisender begegnen kann, der mir starr in das Gesicht sieht. Ich wäre schon längst bei dir, wenn ich fliegen könnte, oder mir durch eine menschenleere Wüste die rauheste Wege bahnen müßte. Freilich weiß ich wohl, daß mich nur Kleinigkeiten zurükhalten; aber ich kann sie nicht überwinden.

Und dennoch wird meine Sehnsucht, dich zu sehen, täglich stärker. Je länger ich hier lebe, desto mehr mißfällt es mir. Ach, wie kann ein Herz, das an die volle Empfindung der Liebe gewöhnt ist, sich mit Tönen begnügen? Mir fehlt hier alles. Die Menschen verekeln mir auch den Schloßgarten und die Spaziergänge. Man kann nicht eine Minute irgendwo seyn, ohne von Gelächter, von lautem, fröhlichem Geschwäz aufgejagt zu werden. Ich size jezt hinter unsrem Hause unter den blühenden Apfelbäumen, und traure um die Bäume in Pillon, die ihre Blüthe auf dich herabschütten, ohne daß ich es sehe und darüber jauchze.

 

*

 

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