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Klara du Plessis und Klairant. Erster Theil.

August Lafontaine: Klara du Plessis und Klairant. Erster Theil. - Kapitel 7
Quellenangabe
authorAugust Heinrich Julius Lafontaine
titleKlara du Plessis und Klairant. Erster Theil.
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year1801
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
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V.
Klara an Klairant.

Ich habe deinen Brief hier in Koblenz erhalten. Klairant, Klairant, hättest du nicht gefragt: »wie war es möglich, daß du mich verlassen konntest?« so würd' ich jezt fragen, wie konnte Klairant mir diesen Brief schreiben? Ich habe dabei lachen und weinen müssen. Die Thränen flossen mir stromweise über die Wangen, als ich las, daß du auf meinem Zimmer wohntest. Ach, verstohlen stand ich da, in einen dunkeln Winkel gedrükt, an einer kleinen Oeffnung in den Brettern der Gallerie, und weinte. Die Tochter unsrer Wirthin, die etwas französisch spricht, kam den Gang zu mir her. Ich hatte sie zu spät bemerkt, um meine Thränen und den Brief noch verbergen zu können. Das Mädchen lächelte mir mitleidig zu, und gieng vorüber. Nun kam ich an die Stelle, wo du mir schreibst, daß du mit meinem Messerchen issest. Das war mir lustig rührend, und ich mußte mitten unter meinen Thränen lachen. Jezt eben kam das Mädchen zurük, sah mich an, und sagte: »das muß ein seltsamer Brief seyn, der Sie mitten unter Thränen zum Lachen bringt.« Ich schluchzte wieder; denn mein Herz schwamm in heißen Thränen. O, sagte ich, Sie müssen mir Papier geben; ich will den Brief auf Ihrem Zimmer beantworten. –

Nun size ich hier, und schreibe. Ach Klairant, wohl hundertmal habe ich deinen Brief gelesen; und nie komme ich an das Ende, ohne daß mein Herz mir weh thut. Nein, Klairant, ich werde nicht aufhören dich zu lieben. Und könnte ich es jemals, so dürfte ich ja nur das Ende deines Briefes lesen; dann wäre ich dir wieder so treu, wie je ein Mädchen ihrem Geliebten gewesen ist. Ach, mein Lieber, wie gern gäbe ich dir die Hand und träte mit dir die Reise von Stern zu Stern durch die Schöpfung an! Ja, fröhlich wollt' ich, von dir umarmt, in das Grab sinken. Nein, dein treues Herz soll nie betrogen werden, Klairant.

Ach, jezt erst fang ich an zu überlegen; jezt erst seh ich ein, daß ich getäuscht bin. Es ist wahr, was dir der Verwalter sagte: mein Vater hat mich nicht gezwungen; man hat mich nicht an den Wagen hingeschleppt. Freiwillig gieng ich, freiwillig stieg ich hinein; aber dennoch bin ich unschuldig, Klairant. Ich will dir erzählen, wie es kam; und du wirst sehen, daß deine Klara unschuldig ist. Wie mein Vater mich den Abend nach Hause führte, das weißt du; aber nicht, was ich den Abend empfand, was ich noch jezt empfinde. Ich wünschte, ich hoffte, du würdest meinem Vater ein Versprechen abzwingen, daß ich dein seyn sollte. Als der Bauer uns Beide in den Kreis zog, und sie Alle auf unsere Verbindung tranken, warf ich einen Blik auf meinen Vater. Er war in Verwirrung, und ich glaubte, du würdest mich nun fordern. Du thatest es nicht, Klairant; du führtest mich zu ihm, gabst mich ihm, und bei den Worten, die du sagtest, rollten Thränen über deine Wangen. Erst vor einer Stunde hattest du meinem Vater – vielleicht das Leben gerettet; und dennoch gabst du mich hin. O, Klairant, was in diesem Augenblik in meinem Herzen vorgieng, läßt sich nicht beschreiben. Meine Liebe wurde nicht stärker: denn ich liebte dich unendlich; aber eine unaussprechliche Freude, eine stolze Ruhe – wo soll ich Worte finden? – erfüllte meine Brust. Vorher hatte noch immer eine leise Unruhe meine Liebe begleitet; ich empfand etwas, das sich dieser Liebe ganz heimlich widersezte. Doch jezt? Ach, Klairant, hättest du nur in dieser Minute deine Augen voll Thränen auf deine Klara geworfen, du würdest meine Empfindung in meinem Gesichte gesehen haben. Ich reichte dir die Hand, und meine Seele machte das zu einem Schwur ewiger Treue. Nun verließ ich dich beruhigt; ich wußte ja, daß uns nichts mehr trennen konnte.

Kaum war ich mit meinem Vater zu Hause, so wollt' ich mich an seinen Hals werfen – nicht, um seine Einwilligung zu bitten; nein, ihm zu sagen, daß ich von jezt an dein wäre. Er mochte mir meine Empfindung ansehen; denn er sagte schnell: gute Nacht, Klara! und gieng in sein Zimmer. Am folgenden Tage war er unruhig, zerstreuet, und nannte mich seine gute, theure, edle Klara; aber ganz sichtbar vermied er ein Gespräch mit mir. Beim Abendessen – ach, jezt sehe ich, wie ich hintergangen wurde! – war er freundlich, heiter, zärtlich gegen mich und meine Mutter. Er sprach von den unruhigen Zeiten, von der Gefahr, die uns gedrohet hätte; er sprach von dir, und mit Beiwörtern, die mein Herz mit der reinsten Freude füllten. Klairant, welche Gewalt hat ein Vater, wenn er will, über das Herz seines Kindes! »Ich sehe Stürme voraus,« sagte er, und lächelte uns zu, als ob er uns Muth machen wollte, »ich sehe Stürme voraus, und scheue sie nicht: denn ich habe nur noch wenige Tage vor mir; aber euer Schiksal liegt mir am Herzen, besonders Klarens und meines Sohnes, die erst anfangen zu leben. Alle die Rechte, welche das habsüchtige, unbesonnene, unbillige Volk von mir fordert, wollt' ich freiwillig aufopfern, wenn ich damit meiner Klara Tage voll Zufriedenheit erkaufen könnte.« Dabei reichte er mir über den Tisch weg die Hand, drükte die meinige, hielt sie fest, und sagte nach einer kleinen Pause: »welches Band ist auch fester, als das zwischen Eltern und Kindern! Hier zeigt sich die Vorsehung am deutlichsten. Der Liebende verläßt die Geliebte; aber noch nie hat der Vater sein Kind verlassen, und kein Verbrechen ist entsezlicher, als wenn ein Kind seine Eltern durch Haß ermordet.«

Dabei sah er mich zärtlich an. Ich war tief gerührt, und küßte seine Hand; selbst die Augen meiner Mutter schwammen in Thränen. Nie waren wir so gerührt auseinander gegangen. Ich sezte mich auf meinem Zimmer nieder, dachte an dich, hoffte alles, und fieng dabei an, mich auszukleiden. Ach! ich war so ruhig, so zufrieden. Auf einmal öffnete sich die Thür, und zu meinem Erstaunen trat mein Vater, völlig angekleidet, in mein Zimmer. Er sezte sich auf meinen Sofa, zog mich zu sich, und sah mit einem bestürzten Gesichte erst auf mich, dann zu Boden. Das machte mich ängstlich. Nach langem Schweigen sagte er mit einem kummervollen Tone, der mir durch das Herz gieng: »du hast gesehen, meine Klara, in welcher Gefahr das Leben deines Vaters gestern schwebte. Klairant war mein Retter; aber wird er, kann er es immer seyn?« Er schwieg; und ich ebenfalls, weil dieser Anfang mich unruhig machte, »Auch dein Bruder gehört zu dem Adel, den die Nation haßt, und dessen Mitglieder sie ermorden will, um ihre Rache zu befriedigen. Auch du, meine Klara, bist von diesem gedrükten Stande; und man wird dir es nie vergeben, daß du eine du Plessis bist. Ich bin entschlossen, mein Vaterland zu verlassen, das so ungerecht gegen mich handelt; und mich darum haßt, weil meine Vorfahren sich um dasselbe mit Blut und Leben verdient gemacht haben.« Meine Augen standen voll Thränen. »Du weinst, meine gute Klara. Aber bald wird die Ruhe in unser Vaterland zurükkehren, und wir mit ihr. Sieh, ich verlasse Alles, was ich habe, was ich liebe: mein Land, und meine Ruhe, meine Zufriedenheit, die an dem allen hängt. Klara, aber doch geb' ich es hin, um mehr zu retten, als das: meine beiden Kinder.« Er umarmte mich, und benezte mich mit seinen Thränen. »Ich weiß, Klara,« hob er wieder an, »welch eine Leidenschaft dich an Pillon fesselt. Aber, mein Kind, sollten denn die Thränen eines Vaters nicht so mächtig seyn, wie das Lächeln eines Geliebten? meine Bitten nicht so mächtig, wie seine Blike?« Er drükte meine Hand in seinen beiden.

Ich war erschüttert, tief erschüttert, doch gar nicht entschlossen dich zu verlassen, und schwieg, weil ich nicht Ja sagen konnte; aber ich schluchzte laut. »Mein Kind, ich will jezt nicht befehlen; ich bitte dich nur, verlaß deine Eltern nicht! Kind, es ist ein Trost, unter Fremden viele Herzen zu haben, die Vertrauen verdienen. Gehst du mit uns, Klara?« Meine Brust war beklemmt, mein Athem stokte; ich schwieg, weil ich nicht Ja sagen konnte. Er fragte noch zweimal. Endlich, nach einem Strome von Thränen, der mich erleichterte, sagte ich ihm, wie sehr ich dich liebte, wie unglüklich wir, ich und du, werden müßten, wenn ich von dir getrennt würde. Ich bat ihn, lag vor ihm auf den Knieen, küßte seine Hände, und beschwor ihn, zu bleiben. Er hob mich auf, zog mich auf seine Knie, und sagte langsam: »diese Stunde ist mir zu heilig, als daß ich nicht der Glükseligkeit meiner Klara gern meine eigne aufopfern sollte. Ja, mein Kind, wenn du willst, so bleibe ich hier; und wenn du mich nicht begleitest, so muß ich hier bleiben. Glaubst du, Klara, daß ich ohne dich reisen, daß ich dich den Grausamkeiten einer wüthenden Parthei aussezen könnte? Wohl! ich bleibe hier, und wir wollen geduldig tragen, was du nicht vermeiden willst.« Jezt nahm er einen Brief aus der Tasche, und zeigte mir, daß er von seinem Bruder in Paris war. »Lies,« sagte er; »du mußt wenigstens wissen, wie es um uns steht! Lies den Brief laut, meine Tochter.«

Ich las und zitterte. Mein Oheim schrieb: die herrschende Parthei gienge mit nichts Geringerem um, als den sämmtlichen Adel auszurotten, der sich ihrem frechen Unternehmen, die Monarchie umzustürzen, widersezte. Er gab meinem Vater den Rath, sich mit seiner Familie nach Deutschland oder Flandern zu retten. Nimm, schrieb er, jeden Menschen mit, den du liebst; denn man kerkert die Verwandten der Entflohenen ein, und behält sie als Geißeln für die Unternehmungen derselben.

»Du siehst, mein Kind,« sagt mein Vater, »in welcher Gefahr wir schweben. Deine Mutter reiset diese Nacht ab, und deinem Bruder habe ich befohlen, in Luxenburg zu uns zu kommen. Willst du nicht mit, so bleibe ich bei dir. Ich verlasse dich nicht eher, als bis unsre grausamen Feinde mich aus deinen Armen reissen, und mich als Geissel für meinen Sohn in Ketten werfen.« Er stand auf, und gieng einen Schritt. »Ich liege dann in Fesseln; aber ich trage sie für meine Tochter, für meine Klara. Und wenn nur sie dann mit ihrem Geliebten glüklich, wenn sie selbst nur von der Verfolgung unsrer Feinde frei ist, so sollen mir die Fesseln willkommen seyn; ich trage sie ja für meine Tochter.«

Nein! rief ich, und hängte mich an seinen Hals: das wird nicht geschehen; so grausam ist die Nation nicht.

»So grausam nicht? meinst du?« sagte er bitter lächelnd. »Wenn mein Sohn, wenn seine Mutter zu den Ausgewanderten gehen – dann sollte man mich nicht in Ketten werfen, oder ermorden?«

O, lassen Sie meine Mutter, lassen Sie meinen Bruder hier bleiben! Warum sollen sie fliehen?

»Du verlangst zu viel, mein Kind. Deine Mutter und deinen Bruder schik' ich weg, um sie zu retten. Ich selbst lasse mich gern fesseln, und stürze mich gern in einen dunkeln, kalten feuchten Kerker, damit meine Tochter in den Armen ihres Geliebten fröhlich seyn kann.« Er öffnete das Fenster, und rief. Ich hörte zitternd den Wagen vorfahren, und jammerte schluchzend. »Sei ruhig, mein Kind,« sagte er entschlossen. »Nimm von deiner Mutter mit Gelassenheit Abschied. Ach, zu dem Elende, in einem fremden Lande zu leben, von ihrem Manne, von ihrer Tochter getrennt zu seyn, und von dem Schiksale Beider nichts zu wissen, darf nicht auch noch der Gedanke kommen, daß ihre Tochter weinend zurükgeblieben ist. Sie glaubte, du solltest ihr Trost im Unglük werden; noch vor wenigen Augenbliken sagte sie: ich gehe ruhig; denn meine Tochter begleitet mich. Trokne dein Auge, mein Kind. – Dann wollen wir weinen, wenn du deine Zeit erst zwischen den glüklichen Klairant, und deinen gefesselten, zum Tode bestimmten, alten Vater theilst.«

Jezt trat meine Mutter herein. »Klara bleibt mit mir hier,« sagte mein Vater mit erkünstelter Ruhe. »Sei unbesorgt, und reise. Wir, ich und Klara, kommen bald nach.« Meine Mutter stuzte; sie wollte etwas sagen, konnte aber vor Weinen nicht. Ich sank der guten Mutter zu Füßen, und umfaßte ihre Knie. Sie drükte mich an ihr Herz, und gab mir die zärtlichsten Nahmen. Mein Vater umarmte uns Beide. »Ach,« sagte er mit gepreßter Stimme: »meine Klara ist so grausam; und dennoch lieb' ich sie!... Dennoch lieb' ich sie!« wiederholte er laut, in einem klagenden Tone.

Ich gehe mit Ihnen in den Tod! rief ich, ganz außer mir. Meine Mutter warf mir einen Mantel um, und mein Vater drükte mich freudig an sein Herz. »Jezt, meine Tochter,« sagte er, »bist du mir nichts mehr schuldig; du hast deinem Vater das Leben gerettet.« Er führte mich die Treppe hinunter. Ich schwankte an den Wagen, und seufzte leise, mit gebrochnem Herzen: »Klairant!« Nun sank ich an meines Vaters Brust, und der Wagen rollte fort.

*

Das lies noch einmal, und dann fälle dein Urtheil über deine Klara. Du lasest mir einmal eine Stelle aus einem Schriftsteller vor. Wir verstanden sie Beide nicht, und darum drükte sie sich so fest in mein Gedächtniß: »Es giebt ein Zusammentreffen von Umständen, wo Schwäche Tugend ist.« Ach, Klairant, ich hätte sollen standhafter seyn; aber je mehr ich lese, was ich geschrieben habe, desto mehr begreife ich die Wahrheit dieses Sazes. Ich versprach, Klairant. Aber, ich nehme dich zum Richter, gewiß den ungerechtesten, den ich nehmen kann; – und du selbst wirst sagen: Klarens Schwäche war Tugend. Ach, ich bereue diese Schwäche auch nicht; ich beweine sie nur. Nein, Klairant, ich bin unschuldig! das sagen mir meine Vernunft, mein Herz, meine Liebe – wie sie mir sagen, daß ich unglüklich bin.

*

Je mehr ich alles überdenke, Klairant, desto mehr zittre ich. Ach, da bin ich eine Stunde, eine Stunde voll Jammer, allein gewesen. Klairant, Klairant, wie nachdenkend hat das Unglük deine heitere Klara gemacht! Mein Gram führte mich von Gedanken zu Gedanken. Ich erschrak vor den Folgen, ich erschrak vor einer Stelle deines Briefes. Meine grausame Einbildungskraft spann den Gedanken mit einer Hize aus, als ob er das größte Glük für mich wäre. Ich zittre, ihn dir zu sagen. Klairant, wie seltsam sind unsere Schiksale! welche Kleinigkeiten führten uns zusammen! welche Kleinigkeiten verknüpften unsere Herzen so unzerreißbar fest! Aber ach, sind nicht Schiksale möglich, die uns hindern, je mit einander zu leben, wie wir es so sehnlich wünschen? Klairant, ja, es giebt ein Zusammentreffen von Umständen, die es unmöglich machen könnten, daß du je mein würdest. Das dachte ich, das spann meine Phantasie aus. Und nun die schrekliche Stelle deines Briefes, daß ich die Mörderin, selbst deiner Tugend, seyn würde! Klairant, doch nur, wenn ich dich betröge? doch nur, wenn ich meine Schwüre bräche? Dann bin ich gewiß nie deine Mörderin. Treu werd' ich dir seyn, von jezt an bis in alle Ewigkeit; denn das ist eine Handlung meiner Seele, und darüber bin ich Herr. Nein, Klairant, du sollst nie an der Ewigkeit zweifeln; und wenn du mich nie wieder siehst, so sollst du desto fröhlicher der Ewigkeit entgegen sehen: denn dort, dort wirst du ein Herz voll reiner Liebe finden, das Herz deiner Klara.

*

Wie heiter haben mich die lezten Gedanken gemacht! Ich hätte dir noch so viel zu erzählen; aber nun kein Wort mehr! Adieu, Klairant.

*

Mein Bruder hat mir so eben deinen zweiten Brief gebracht. Du bist ein Thor, lieber Klairant. Sieh, du verdrehest meine Worte, wie du es von jeher gethan hast. Ich habe gelacht, ja; ich bin auf Bällen, auf Concerten gewesen, ja! Aber, Klairant, man muß nicht zanken, weil man üble Laune hat. Wollte ich deine Briefe so aussaugen, wie du die meinigen, ich würde eben so gut Gift darin finden. Sieh, ich könnte sagen – Doch ich will dich nicht beschämen.

Ich habe deinen Brief in der Hand; lese ihn durch, und halte mich an seinen Sinn, an seine Empfindungen. Was kümmern mich die Worte! Da seh' ich dich mit kummervollem Gesichte, mit einem stillen Blike voll Thränen, auf meinem Zimmer sizen, und mein Hündchen neben dir auf dem Sofa. Du streichelst von Zeit zu Zeit das kleine, treue Thierchen, lächelst wohl, erinnerst ihn an deine Klara; das alles sehe ich, und mir kommen Thränen in die Augen. Was kümmern mich die Worte, die du schreibst: »da size ich so zufrieden, als ob die Welt mein wäre.« Ich kenne das Zufriedensein sehr wohl. Zuweilen size ich auch so da in einem Concerte; die Musik trägt mich auf ihren sanften Flügeln nach Pillon, und dann lächeln meine Lippen. Eine Pariserin sagte mir neulich in einer solchen Stunde: »wollte Gott, ich könnte nur halb so glüklich seyn, als Sie!« Pillon war verschwunden, und ich antwortete mit einem kummervollen Blike: »ach, liebes Kind, das wünschen Sie ja nicht!«

Aber so macht ihr Männer es! Von Jugend auf seid ihr gewohnt, Worte zu untersuchen. Da hängt ihr an denen, und der Sinn entgeht euch, wenn man nicht gerade das Wort braucht, das ihr gewählt haben würdet. Wir Weiber, auch die einfältigsten, verfehlen bei Gesprächen, die das Herz betreffen, selten den Sinn des Redenden: wir urtheilen aus dem Ganzen, ihr eine aus den Worten. Ich lachte. Wer heißt dich glauben, daß ich mich dahin gestellt, und aus voller Kehle gelacht habe? Also, ich lächelte mit einer hellen Bitterkeit, daß du es nicht warst, und daß ich mich geirrt hatte. Klairant, ich schreibe gern schnell; meine Feder geht ohnedies langsamer, als mein Herz. Drehe mir die Worte nicht mehr um. Soll ich mich lange besinnen, so kann ich nicht weinen; und das thu' ich so gern, wenn ich an dich schreibe.

Was mich an dich erinnern soll? Die Sorge überlaß nur ganz ruhig meinem Herzen. Ach, mein lieber Freund, wenn mich auch kein Zimmer, kein Bett, kein Kleidungsstük, kein Bosquet, keine Laube an dich erinnert, so thut es doch deine Güte, dein Edelmuth. Deine Reise nach Straßburg, um mich vom Kloster zu retten; deine treue Liebe, die dich so blaß gemacht hatte; deine edle Aufopferung der Gewalt, welche die Bauern dir gaben: – du, du, mein guter Klairant, mein edler, treuer, menschlicher Klairant, erinnerst mich an dich; du bist der Schuzgeist meiner Treue und meiner Liebe. Meine Liebe ist nicht hülflos, so lange Klairant er selbst bleibt, und so lange ich die Tugend liebe, und den Edelmuth achte. Mein Bruder liebt dich, und mein Vater wird mit seinen Vorurtheilen mich nie verführen. Was du hinten in deinem Briefe von dem Partheigeiste des Standes sagst, mag auf Männer passen, aber gewiß auf kein Weib in der Welt, das sich noch liebenswürdig genug fühlt, Ein Herz rühren zu können.

Mein Vater schlug neulich die Saite an, die du fürchtest. Er sprach, ohne auf mich zu zielen, wie im Vorbeigehen, von den Freuden des Hofes, von dem Werthe des Ranges. Anfangs merkte ich nicht einmal, daß es mir gesagt seyn sollte; ich sah es nur an dem Lächeln meines Bruders. Dann trat mein Vater mir näher. Er sprach lauter von dem Elende der Landleute, die nicht in dem Stande geboren sind; rechnete die Bedürfnisse her, die sie aufgeben, die Erniedrigungen, die sie ertragen müssen. Endlich sah er mich an, nahm meine Hand, und fragte: meinst du nicht, Klara, daß ich Recht habe?

Ich schwieg, nahm meine Harfe, und sang meinem Vater das schöne Liedchen von dem Chevalier Bouffiers:

                   

Heureux qui, dans son champ, demeurant à l'écart,
Sans crainte, sans désirs, sans éclat, sans envie,
Dans l'uniformité passa toute sa vie,
Et que le même toît vit enfant et vieillard
Klara hat nur diese vier Verse abgeschrieben. Ich wollte sie nicht übersezen; denn, wenn ich mich nicht irre, so steht eine sehr gute Uebersezung dieses Liedes in den Gedichten von Göz.!

Es traf. Mein Vater schwieg; ja, er schien gerührt. Seitdem hat er nichts wieder über diesen Punkt gesprochen; und ich hoffe, Klairant, auch von dir werde ich nie wieder etwas darüber hören. Vorwürfe, das weiß ich wohl, sind gleichsam die Nahrung der Liebe. Welche schöne, entzükende Stunden waren es, da wir uns zankten! Oft, lieber Klairant, suchte ich absichtlich Gelegenheit, Vorwürfe von dir zu bekommen. Ich sah dich nicht an, wenn du um mich und meine Mutter bei unsern Spaziergängen in weiten Kreisen her giengest; ich sezte mich, wenn ich dich hinter dem Gebüsche stehen sah. Du hofftest und hofftest. O, ich sah das wohl, und gieng dann lachend, scherzend zurük, ohne meinen Weg an deinem Verstek vorbei zu nehmen. Hinterher schlug mir das Herz, und ich zankte mit mir selbst, daß ich es hatte thun können. Ich fürchtete dich; aber doch wünschte ich, du möchtest mit mir maulen, und ich würde mit dir gezankt haben, wenn du freundlich gewesen wärest. Denn wie süß waren die Augenblike unserer Versöhnung! Ach, Alles, Alles wird unter den Händen der Liebe zu einer Freude. Aber, Klairant, so süß die Eifersüchtelei, die Zanksucht der Liebe ist – o, ich bitte dich, keine Vorwürfe mehr, die mich erniedrigen, die mich verächtlich machen; ich bitte dich deiner selbst wegen darum. Denke an jene Regel: »Eifersucht schmeichelt; aber entsteht sie aus Egoismus und Mißtrauen, so macht sie den Andern verächtlich und welches Herz erträgt Verachtung, ohne zu verzweifeln La jalousie flatte; mais quand elle nait de l'égoisme et de la défiance, elle désespore et humilie tout à la fois. Ich verstehe die Worte nicht; den Sinn glaube ich ausgedrükt zu haben.

Nein, Klairant, ich sagte nicht im Rausche der Liebe: dein Herz macht diese Hütte für mich zu einer Welt. Ich fühlte, was ich sagte, mein theurer Freund; denn es ist, seitdem ich dich liebe, noch keine Stunde in meinem Leben gewesen, da ich das nicht eben so warm gesagt hätte. Nein, ich sehe hier keinen einsamen Plaz, kein Thal, von Bergen oder von einem Wäldchen eingeschlossen, ohne daß bei mir sogleich der Wunsch sehr lebendig wird: stände doch hier eine Hütte für mich und Klairant! Dann mess' ich mit meinen Augen ein Pläzchen ab zu einem Garten, zu einem Felde, das uns nährte; ach, und meine Blike messen so bescheiden. Das Haus, das ich mir denke, ist kein Pallast; nein, eine Hütte, mit Weinlaub bekleidet, ein Zimmerchen, und ein Kämmerchen darin, eine Laube vor der Thür unter zwei Linden. Das ist alles, was ich wünsche. Unwillkührlich sagen meine Lippen dann:

                   

Tous les biens sont à nous: l'amour nous reste encore Er liebt mich ja; die ganze Welt ist mein!;

und ich habe weiter keinen Wunsch mehr. Als wir von Trier nach Koblenz fuhren, kamen wir durch ein Thal, das Martinsthal. Wir stiegen oben aus, weil der Weg ein wenig steil hinunter geht. Ach, Klairant, welch ein Anblik! welch ein Thal! Ein Abbé, der mit uns gieng, erklärte meinem Vater die Entstehung dieses »Schlundes;« so nannte er die himmlische Gegend. Sie standen oft still, und ich gieng unterdessen langsam fort. Sieh, Klairant, man geht an einer sehr schönen, ebenen Chaussee, zwischen Wald und Gebüsch immer tiefer hinunter. Das nimmt kein Ende; es ist, als stiege man in den Abgrund der Erde. Die Berge neben einem werden immer höher, der Wald immer diker. Mit jedem Schritte, den man thut, wird es dunkler. Endlich kommt man unten in das Thal, wohin kein Sonnenstrahl mehr durchdringt. Ach, mich umgab eine süsse Dämmerung, eine heilige Stille, die nur durch das Plätschern eines quer durch das Thal fliessenden Baches unterbrochen wurde. Der Bach ist so rein, so hell, daß man jeden Kiesel auf seinem Grunde sieht. Dorther kommt er an dem Berge weg, von leichtem Gebüsche, von grünen, dünnen Stauden umgeben, die das leiseste Lüftchen in Bewegung sezt. Man kann seinem Laufe weit nachsehen; denn er fließt langsam im Thale unter einem Gewölbe von Bäumen gerade fort. Wir hatten den Tag eine unerträgliche Hize, und hier unten war eine so schöne Kühle, daß uns recht wohl wurde. Ich sezte mich hier auf einen Stein, warf meine Augen hierher, dorthin, trat an den Rand der Brüke, die über den Bach geht, und rief: »ach, wohnte ich hier mit Klairant; stände dort unter jenem Abhange des Berges, dort im Gebüsch, an dem Bache, die kleinste Hütte, in der ich mit ihm leben und sterben könnte: wie gern wollt' ich der Welt Lebewohl sagen! wie gern dahin verschwinden, wo kein menschliches Auge uns suchen würde!« Ich kletterte einen kaum sichtbaren Fußpfad an der Seite der Brüke hinunter, durch das Gebüsch. Dann gieng ich an der Seite des Baches hinab, sezte mich auf den Rasen am Ufer, so daß der Bach die Spize meiner Schuhe benezte, und lehnte mich an eine junge Buche. Rings umher war die Gegend verschlossen, selbst die Chaussee verschwunden. Da saß ich ganz allein. Klairant, nie ist mein Wunsch, dich bei mir zu haben, heißer gewesen, als in diesem Augenblike. Ich strekte meine Arme mit Heftigkeit nach dir aus, rief deinen Nahmen, und vergoß Thränen. O, wenn du je dahin kommst, Klairant, so vergiß nicht, die Stelle zu sehen, wo Klara saß und nach dir seufzte!

Jezt hörte ich meine Mutter mit Aengstlichkeit meinen Nahmen rufen, und antwortete ihr. Meine Thränen wollt' ich nicht sehen lassen; daher wusch ich mein Gesicht in dem hellen Bache. Ich nahm zärtlich Abschied von ihm, und kletterte wieder die Chaussee hinauf, wo meine Eltern mich schon eine Weile mit Aengstlichkeit gesucht hatten. Wir stiegen ein, und fuhren nun wieder auf Schnekengängen eben so ungeheure Berge hinauf, als wir herunter gekommen waren. Ach, Klairant, etwas Schöneres kann es in der ganzen Welt nicht geben, als dieses Martinsthal, obgleich die ganze Gegend so reizend, so einsam, so durch Berge verschlossen ist.

*

Mein Brief wird ein Buch; und dennoch muß ich fortfahren. Ach, Klairant, deine Unruhe über den Zustand unsres Vaterlandes kommt der unsrigen nicht gleich. Du lebst dort auf dem Lande; du erfährst nicht den tausendsten Theil der Begebenheiten, welche hier unsere Sorgen ausmachen; du kennst das Elend nicht, das wir kennen. Die jezige Regierung verbreitet durch ihre Dekrete überall Unordnung, Gesezlosigkeit und Verbrechen, weil sie dadurch ihre Absicht, unsern guten König zu stürzen, auszuführen hofft. Ach, Klairant, du warst irre geführt. Du sahest in der Veränderung das Glük unseres Vaterlandes, du taumeltest vor Entzüken, und jauchztest bei jedem neuen Dekrete. Ich jauchzte mit dir, ob ich gleich bisweilen auf mein Vaterland ein wenig eifersüchtig war. Aber, Klairant, wir kannten den wahren Zustand nicht. Du solltest nur einmal hier seyn; hier deine Landsleute von dem Elende reden hören, das in Paris herrscht, von dem Druke, unter welchem jezt der Monarch, der Adel und die Nation schmachten – ach, du würdest anders denken!

Man weiß hier mit jeder Stunde, was zwei Tage vorher in Paris geschehen ist. Jede Stunde kommen Kuriere, und täglich langen Familien an, die sich geflüchtet haben. Mir zittert das Herz bei ihren Erzählungen von den Gräueln, die in Frankreich vorgehen. Ich will die Rechte des Adels nicht vertheidigen: denn ich gehöre nicht mehr zu ihm, gehöre nur meinem Klairant; allein man sollte ihm doch wenigstens die Rechte des Menschen zugestehen. Man plündert seine Schlösser, man beraubt ihn seines Vermögens, man mordet ihn mitten unter seinen Familien. Noch gestern erzählte mir die Tochter des Grafen Beaujolais d'Oise, und mich schauderte. Sie sizen Mittags ruhig am Tische, und essen. Auf einmal wird ihr Schloß von wüthenden Bauern umringt, die über den Graben sezen, weil die Zugbrüke aufgezogen ist. Ein Trupp stürzt in den Saal. Die Kinder des Grafen drängen sich um ihren Vater her, und fallen vor den Unmenschen ohne Herzen auf die Kniee. Nichts hilft. Man ergreift den Grafen, wirft ihn zu Boden, und – o Klairant, ich wäre gestorben – und hauet ihm mit großen Säbeln den Kopf ab, daß sein Blut über seine Kinder her sprizt. Dann reißt man seiner Familie die Kleider vom Leibe, treibt sie hinaus, plündert das Schloß, und stekt es in Brand. Den Leichnam des Ermordeten werfen die Unmenschen in die Flammen.

Sieh, das erzählte mir die Tochter des Grafen, als wir im Garten auf und nieder giengen, und ich die Landleute vertheidigte. Ach, Klairant, mir thut immer das Herz weh, wenn man sie mit den schimpflichsten Nahmen belegt, wenn man ihnen alle Menschlichkeit, alles Gefühl abspricht. Dann fällst du mir immer ein, und ich kann nicht schweigen. Aber als mir die Tochter des Ermordeten das erzählte – was konnt' ich ihr antworten? Mich schauderte, und ich schwieg. Eine solche Grausamkeit berechtigt doch wohl zur Rache? Aber es war mir – ich weiß nicht, warum – doch sehr unangenehm, als der Bruder des Mädchens sagte: »sei ruhig, Schwester! Kommen wir einst zurük, so will ich jeden Blutstropfen meines Vaters an den Unmenschen rächen. Langsam will ich die Mörder unsers Vaters tödten, und erst vor ihren Augen ihre Weiber und Kinder sterben lassen.« Klairant, ich konnte das nicht länger anhören, und eilte davon. So viel Mitleiden ich auch mit der Beaujolais hatte – (ich gab mir Mühe, recht freundlich gegen sie zu seyn, ob mir das gleich bei dem Stolze des Mädchens sehr viel kostete); so scheuete ich mich doch von dem Augenblik an vor ihrer Gesellschaft. Wenn ich den jungen Grafen ansah, kam es mir immer vor, als ob er eben anfangen wollte, die Kinder umzubringen. Es war wohl nur eine Großsprecherei von ihm; aber man sollte doch so nicht prahlen.

Der Zirkel, in welchem wir hier leben, ist nicht groß. Ein Parlamentsrath aus Toulouse mit seiner Familie ist unsre liebste Bekanntschaft. Wir gehen, um uns nicht abzusondern und um uns nicht Feindschaft zuzuziehen, in alle öffentlichen Gesellschaften, deren es hier viele giebt; und doch leben wir sehr einsam. Man ist hier gar nicht einig. Neulich sagte mein Vater: »wenn jede Parthei hier eine eigene Kokarde tragen sollte, so würden die Farben nicht hinreichen, sie alle zu unterscheiden.« Viele wollen die alte Verfassung wieder hergestellt haben (aber das ist unmöglich, sagt mein Vater); Viele wollen Aenderungen, Einige diese, Andere jene. Diese Partheien hassen einander aber noch heftiger, als sie alle zusammen die herrschende in Frankreich. Und dann, sagt mein Vater, ist da noch die Parthei der jungen Stuzer, die mit ihren Prahlereien, ihren Ausschweifungen, ihrem Dünkel und ihren Narrheiten den ganzen französischen Adel in Deutschland verächtlich und zugleich verhaßt machen. Leider mag das wohl wahr seyn. Neulich waren wir im Garten, und auch unser Wirth, ein Goldschmid, kam. Mein Vater sagte lächelnd. »nicht wahr, Sie sehen es gern, daß wir ausgewandert sind? Sie verdienen Geld hier in Koblenz!« – Ja, Herr Vicomte, erwiederte er; doch wir verdienen Geld hier in Koblenz und unsere Mädchen werden verführt. – Mein Vater zukte die Achseln.

Du glaubst nicht, wie unverschämt die jungen Herren aus Paris sind. Schon seit vierzehn Tagen umflattert mich ein Gek, der alle meine Geduld ermüdet. Er sah mich kaum, so hüpfte er schon auf mich zu. Nach einigen Worten über meine Schönheit, über mein petit air presque ingénu, mein petit minois fin Ich habe nichts unübersezbarer gefunden, als diese Stelle in Klarens Briefe. Eine andere Unterredung dieser Art mußte ich ganz übergehen; das ist aber auch das Einzige, was ich weggelassen habe., mein reizendes boshaftes Lächeln, meine schönen Zähne und meine frische Farbe, erklärte er mir, daß er es für ein Glük ohne Maß hielte, d'arranger entre nous une petite affaire de cœur. Wahrhaftig, Klairant, ich war außer mir. Ich spottete, wurde ernsthaft, sagte ihm sogar Grobheiten! aber alles vergebens. Er kam wieder, kam alle Tage, und ich war gezwungen ihn anzuhören. Jezt nannte er mich seine kleine Empfindsame, versicherte mir hundertmal, daß mein Herz à sentiment sehr brennbaren Stoff enthielte, warnte mich, vor dem étalage seines Feuers auf meiner Hut zu seyn, und sagte: er würde den glüklichen Augenblik, mich zu rühren, nicht suchen, nein, ihn brüskiren. »Darin besteht meine Stärke!« sezte er hinzu, und legte die Hand mit einer selbstgefälligen Miene auf sein Herz. Ich erzählte das nachher einem Mädchen, das man hier für sehr klug hält. »Und Sie nehmen den Scherz übel, mein Kind?« sagte sie. – Scherz? fragte ich ein wenig empfindlich. – »Nun, oder Ernst. Desto schlimmer, wenn Sie es übel nähmen! Es ist ein sehr liebenswürdiger Mensch mit seiner Eigenliebe. Und ich wüßte nicht, mit wem sie eine petite affaire mit mehr Unterhaltung und agrément arrangiren könnten, als gerade mit ihm.«

Ich glühete vor Verdruß. »Ein Mann von Kopf,« fuhr sie fort; »unterhaltend, voll guter Einfälle, flüchtig wie ein Schmetterling. Es könnte Ihnen Ehre genug machen, ihn nur einen Monat zu fesseln. Freilich würde er Ihnen nicht treu, aber doch nicht treulos, und am allerwenigsten Ihr Verräther seyn Inconstant, mais pas perfide, et jamais traêtré.

Das war zu arg; ich brach los, und wurde verlacht. Seitdem heiße ich unter den Damen »Gabrielle.« Mein Anbeter verfolgt mich noch immer mit seiner Galanterie, und versichert mir, daß zehn Liebeshändel, die er in Koblenz schon geführt, ihm nicht so viele Mühe gemacht haben, als dieser einzige mit seiner kleinen Gabrielle. Das ist hier Ton; und darum nennt man hier Koblenz: klein Paris. Ach Klairant, wenn ich hier einen halben Tag in solcher Gesellschaft habe zubringen müssen – wie innig sehn' ich mich dann weg von diesen nichtssagenden Schäkereien, von Liebeserklärungen, die mit Lachen gemacht und mit Lachen aufgenommen werden! Wie sehn' ich mich nach deinem Auge voll stiller, und doch so gewaltsam hervorbrechender Leidenschaft; nach deinen freundlichen, vertraulichen Bliken; nach deinem bescheidnen und beredten Stillschweigen; nach deinen Seufzern und Worten, in denen dein Herz sprach! Und wenn ich dich noch nicht geliebt hätte, Klairant, ich würde dich jezt lieben, und die Natur, unsre Wäldchen, unsre Lauben, unsre heimlichen Pläze aufsuchen, um dein Herz und deine Liebe zu finden. Ach, ich kann mich jezt oft mit einer heissen Andacht zu dir hin wünschen.

Noch neulich Abends, als ich eben bei dem Auskleiden war, überfiel mich diese Sehnsucht. Klairant, ich habe niemanden, dem ich klagen darf, was ich fühle, was mir fehlt; ich muß mit mir selbst reden, mir selbst meinen Kummer klagen. Ich faltete meine Hände, und sagte laut die schönen Verse, die ich mir so oft wiederhole:

                   

Vous, esclaves flétris et de cours et de villes.
Qui prodiguez votre ame à des maitresses viles,
Vous croyez être amans? Non, vous ne l'êtes pas.
Des palais où Phryné vous vendit ses appas.
Le véritable amour et s'indigne et s'exile;
Enfant de la nature, il en cherche l'asyle.
L'amour aime des bois les dédales épais.
S'enfonce dans leur ombre, et s'y nourrit en paix
O, ihr elenden Sklaven des Hofes und der Städte, die ihr eure Herzen verächtlichen Mädchen schenkt – ihr glaubt die Liebe zu kennen? Nein, ihr kennt sie nicht! Die wahre Liebe flieht die Palläste, wo eine Elende euch ihre Liebkosungen verkauft. Die Liebe, das schönste Kind der Natur, haßt und fliehet euch. Ihr Wohnplaz ist der schattige Wald, ihr Heiligthum ein heimliches Laubdach, in einem verborgenen Thale voll Friedens und Ruhe..

Diese Verse sagte ich mit einer Wehmuth, mit einer so heftigen Leidenschaft, daß mir die Augen naß wurden. Mein Mädchen stand hinter mir, ohne daß ich es wußte, und rief auf einmal mitleidig: »o mein gutes Fräulein, was fehlt Ihnen? Sie könnten ja so glüklich seyn, und sind so unglüklich!« – Ich unglüklich? fragte ich; wie so? – Nun erzählte sie mir, was ich selbst noch nicht bemerkt habe, daß ich halbe Nächte da size, und weine und seufze, und daß sie immer aufbleibt, bis ich schlafen gehe. Das arme Kind! Sie hat manche Nacht bis gegen Morgen an meiner Thür gehorcht, ob sie noch Seufzer höre. Ich habe es mir nun angelobt, mich sogleich, wenn ich deine Briefe gelesen habe (und die lese ich jeden Abend), niederzulegen, um meiner armen Lucie den Schlaf nicht zu verderben. Ja, wer schlafen könnte, Klairant! Meinst du nicht auch? Gute Nacht.

 

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