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Klara du Plessis und Klairant. Erster Theil.

August Lafontaine: Klara du Plessis und Klairant. Erster Theil. - Kapitel 6
Quellenangabe
authorAugust Heinrich Julius Lafontaine
titleKlara du Plessis und Klairant. Erster Theil.
publisher
year1801
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20171215
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IV.
Klairant an Klaren.

»Nachher lachte ich selbst über meinen Irrthum,« schreibst du. Klara, ich habe noch nicht einmal lächeln können; und du lachst schon? – So lache denn, sei heiter, scherze, tanze; ich allein werde um unsre Liebe trauern. Mein Oheim will mich trösten; meine Mutter sieht mich mit wehmüthigen Bliken an. Ach! ihre Liebe kann mir nicht Einen lächelnden Blik abschmeicheln; und du lachst? – Du zerstreuest dich in deinen Concerten, in deinen Assembleen, auf deinen Bällen; jede Stunde raubt mir einen Theil deiner Liebe, und zulezt werd' ich vergessen seyn. Klara, während du scherzest und lachst, geh' ich hier, unter den Zeugen, den Denkmahlen unserer Liebe, umher. Jezt size ich im Bosquet, wo wir so oft saßen; jezt in der Laube, wo wir das Fest unserer beschüzten Liebe – ach, vielleicht vergebens! – feierten. Dann bin ich auf der Wiese, wo ich noch zwei Tage vor deiner Abreise mit dir tanzte. Ueberall seh' ich dich: überall schweben noch die Versicherungen deiner Treue und die Seufzer unsrer Liebe, wie Schuzgeister, um mich her. Ach, was soll dich an mich, an den armen Klairant, erinnern? Klara, ich fühle, daß du mich vergessen wirst.

Ich habe einen Brief von deinem Bruder. Auch er ist gegen sein Vaterland, das allein unsre Liebe in Schuz nahm, und die unnatürliche Mauer niederstürzte, welche uns von einander trennte. Was wirst du, was wird deine hülflose Liebe gegen sie Alle wirken können! Dein Vater schmeichelt dir, um deine Liebe zu zerstören, um dich von mir loszureißen. Dein Bruder – er liebt mich zwar; aber wird er gegen die Vorurtheile seines Vaters standhaft seyn, und mich nicht am Ende hassen, weil ich mein Vaterland liebe? Dann hat meine Liebe keinen anderen Fürsprecher mehr, als dein Herz, Klara. –

Wann werden wir uns wieder sehen! Die Unruhen in unsrem Frankreich nehmen zu. Dein Vater hat durch seine Auswanderung den Verdacht erregt, ein Feind der Konstitution zu seyn. Der König, sagt man, will entfliehen und sich mit den Ausgewanderten vereinigen. Der Haß des Volkes gegen den Adel wird alle Tage bitterer und gewaltthätiger, weil es aufgehört hat, ihn zu fürchten. Man hat in der Versammlung der Nation sehr heftige Dekrete gegen die Ausgewanderten vorgeschlagen; und mein Oheim behauptet, sie werden durchgehen. Klara, Klara, du gehörst mit zu dem Adel. O, wenn du auch nicht um meinetwillen zurükkehren willst, so thu' es um dein selbst willen. Sage deinem harten Vater, daß die umliegenden Dörfer anfangen, ihn zu hassen. Ach, Klara, ich habe Aeußerungen von ihnen gehört – schrekliche Entwürfe, bei denen ich schauderte. Auch dich, meine Klara, nannten sie eine Feindin der Menschlichkeit, weil du mitgegangen bist; und ich konnte ihnen nicht sagen, dein Vater habe dich dazu gezwungen, weil ich sonst ihren Haß gegen ihn noch mehr geschärft hätte.

Ich weiß, sagte ich, daß er wieder kommt. Meint ihr, sezte ich mit einer erzwungenen Fröhlichkeit hinzu, daß ich so ruhig seyn würde, wenn Klara nicht zurükkehrte? Ich gab eure Abreise – Gott weiß, welchen Ursachen, Schuld, und stellte mich heiter, ob mir gleich das Herz blutete. Man wollte den lezten Wagen, den der Verwalter nach Trier schikte, anhalten, und drohete dem Manne. Der neue Maire von Pillon sagte, er müßte erst von der Distrikts-Verwaltung Erlaubniß haben, ihn fahren zu lassen. Einige Bauern riefen; man sollte den Feinden des Vaterlandes nichts zuschiken, wodurch sie die Freiheit umstürzen wollen. Ach, Klara, ich erröthete; er meinte damit auch dich. Der Verwalter gerieth in Furcht, und zog sich zurük. Endlich erlaubte man nur aus Freundschaft für mich, daß der Wagen abfahren durfte. O Klara, ich sehe schreklichen Scenen entgegen. Ich habe in der vorigen Nacht, mit Hülfe des Verwalters, alles, was ich noch an guten Sachen, an Kleidern und dergleichen, finden konnte, auf einen von meines Vaters Wagen geladen; denn der Maire hat, wie er sagt, von dem Distrikte Befehl, nichts mehr verabfolgen zu lassen. Diese Nacht geht der Wagen ab, und ich selbst will ihn bis an die Gränze begleiten. Der Prior hat deinem Vater darüber geschrieben, und auch über die Ernte. Mein Vater will sagen, er habe sie dem deinigen abgekauft.

Klara, es ist, als ob mit dir die Ruhe mein Vaterland verlassen hätte. Ach, wenn es wahr wäre, was man sagt, daß allen Ausgewanderten die Rükkehr in ihr Vaterland auf ewig verboten werden soll! Klara, komm wieder, komm wieder!

Mein armer Oheim leidet sehr; die lezten Dekrete gegen den geistlichen Stand haben ihn krank gemacht. Er hält den Eid, den ein Theil der Geistlichkeit in den südlichen Departements schon geschworen hat, nicht für Unrecht; und dennoch will er ihn nicht schwören. »Nein!« sagte er neulich mit sehr bewegter Stimme, entblößte sein weißes Haar, und wendete die Augen, in denen eine Thräne hieng, mit einer Art von Empfindlichkeit gen Himmel: »Nein! und sollte ich dieses graue Haar noch in ein fremdes Grab niederlegen, und sollte ich, am Stabe gebükt, meine Abtei verlassen müssen!« Er trat in diesem Augenblik an das Fenster, faltete die Hände, und sah mit Sehnsucht in den Garten hinunter, den er, wie du weißt, so herzlich liebt; und seine Thränen flossen häufig. Ich trat sehr gerührt zu ihm, und sagte mit sanfter Stimme: »Ihre geliebte Abtei verlassen – das können Sie nicht, lieber Oheim. Wo wollten Sie die Lauben, die Gänge, die Alleen, die Blumen wiederfinden, die Ihnen so werth sind, weil Sie alles selbst gepflanzt und gezogen haben?« – Er schüttelte den Kopf, als ob er sagen wollte: Nirgends! – »Sie halten es,« fuhr ich fort, »für Unrecht, für thöricht, daß der Adel auswandert; und Sie selbst... « – Er sagte, wie in sich: »mag man wollen oder nicht, man nimmt die Parthei seines Standes. Und auch Klara, mein Sohn,« sezte er lauter hinzu, »wird das thun.«

Seitdem, meine Klara, kann ich den Gedanken nicht wieder aus meiner Seele bringen. Unfreiwillig sag' ich oft, wenn ich auch an etwas Andres denke: »Und auch Klara wird das thun!« Ach, wenn in dem Herzen meines Oheims, der schon Jahre lang unter seinen Blumen, unter seinen Büchern, der Welt und seinem Stande abgestorben war; der von nichts lieber, von nichts eifriger sprach, als von den Reformen der Geistlichkeit – wenn selbst in diesem Herzen der Partheigeist seines Standes nicht getödtet ist, so... Klara, Klara! wer bin ich? Der Sohn eines Bauern. Was kann ich dir anbieten? Das Glük einer Bäuerin. Für deine Sofa's, Stühle von Stroh geflochten; für dein leichtes Stiken, die mühsamen Geschäfte einer Haushaltung; für deine Gärten, ein Weizenfeld; für deine Bälle, ein Erntefest mit den Bäuerinnen. Freilich weiß ich noch, was du antwortetest, als ich einmal mit dir in der kleinen Hütte des armen Tagelöhners saß. Ich fragte dich: »aber wie, wenn das Schiksal uns Beide hieher verbannte! Klara, würde dir meine Liebe hier genügen?« Du betrachtetest lächelnd die Hütte, drüktest mir die Hand, und sagtest mit zärtlicher Stimme:

                   

– – – – – avec ta tendresse
Ce toit simple est un monde assez grand pour mon cœur
Dein Herz macht diese Hütte für mich zu einer Welt..

Klara, das sagte dein Mund in der Stunde des süßesten Rausches, und dein Herz bestätigte es. Aber ach! der schwache Mensch! – Und jezt, da du entfernt bist, da Freude, Pracht, Rang deinem unverwahrten Herzen alle möglichen Schlingen legen – o Klara; komm zurük, um deine Schwüre zu halten, um treu zu bleiben, um nicht einen Jüngling in Verzweiflung zu stürzen, der nichts hat als seine Liebe; der sonst das Glük, das die Vorsehung seinem Vaterlande gab, hassen müßte, weil er es nicht mit dir theilen könnte! O Klara, komm zurük! Denn hast du noch einen Ueberrest von Geburtsstolz, von Eitelkeit in deinem Herzen, so ist Frankreich das einzige Land, welches dir keine Vorwürfe darüber macht, das du sie unterdrüktest; so ist hier das einzige Land, wo man dich ehrt, weil du deine Vorurtheile besiegtest. Hier, in meinen Armen, erhältst du einen höhern Rang: den Rang einer edlen Bürgerin, die dem Geseze der Natur, des Herzens und der Liebe gehorchte. In jedem andern Lande mußt du vor mir erröthen, oder deine Geburt verschweigen; in Frankreich allein kannst du mit Stolz sagen: »ich war eine Vicomtesse, und mein Geliebter ein Bauer.« O, komm zurük, um glüklich zu seyn, mich glüklich zu machen! – Und wenn Frankreichs Geseze das menschliche Geschlecht zerstörten, so sind sie doch für uns wohlthätig: wir haben ihnen Glük, Ruhe, Zufriedenheit und unsere stille Liebe zu danken. Klara, wirf deinen Rang weg, und komm zurük! Dich erwartet nur eine Hütte, aber in ihr ein Mann, der dich liebt, der kein Geschäft, keine Hoffnung, kein andres Glük kennt, als dich ewig zu lieben. O, Klara, komm zurük!

 

*

 

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