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Klara du Plessis und Klairant. Erster Theil.

August Lafontaine: Klara du Plessis und Klairant. Erster Theil. - Kapitel 5
Quellenangabe
authorAugust Heinrich Julius Lafontaine
titleKlara du Plessis und Klairant. Erster Theil.
publisher
year1801
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20171215
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III.
Klairant an Klaren.

Klara, Klara, wir sind auf ewig getrennt! Ich sehe es aus den Anstalten, welche dein Vater hier treffen läßt. Das Schloß wird ausgeräumt. Euer Silbergeräth, euer Tischzeug ist schon weg, und jezt sollen auch die Möbeln folgen. Die Rosiere hatte den Auftrag, alle deine Kleider einzupaken; und ich, ich habe dabei geholfen. Ich kam nach Pillon, und gieng auf dein Zimmer. Ach, täglich bin ich dort gewesen; es war ja für mich eine Freude, auf deinen Stühlen zu sizen. Deine Harfe habe ich stundenlang an meine Brust gehalten und mit meinen Thränen benezt. Ich erbot mich gegen den Verwalter, das Schloß zu bewachen; und erlaubte es, weil er die Bauern fürchtet, die über eure Abreise aufgebracht sind. Aufgebracht? Ach, mir hat deine Abreise das Herz gespalten! – Sieh, so kam ich in dein Zimmer. Auf den Stühlen umher lagen noch Kleidungsstüke von dir, die du wahrscheinlich den Tag vor deiner Abreise getragen hattest. O, ich betrug mich wie ein thörichtes Kind. Da saß ich, legte dein Kleid neben mir auf den Sofa, redete es an, machte ihm Vorwürfe, liebkoste ihm, als ob du es gewesen wärest. Nur mit Widerwillen half ich der Rosiere einpaken. Ich sagte jedem Kleidungsstüke heimlich ein Lebewohl, und küßte es zärtlich, wenn sie von mir weg sah. Ach, Klara, ich war so sehr ein Kind, daß ich unbemerkt ein Nachtkleid von dir über die Seite schaffte, und mich über den kindischen Diebstahl mit Entzüken freuete.

Endlich hatte man alles eingepakt, alles weggebracht, und ich war allein auf deinem Zimmer. Nun suchte ich mit einer Art von Vergnügen jeden Ort auf, wo du gesessen haben konntest, und vergaß, daß du entfernt warst. Ich hatte dich, sprach mit dir, sah deine Thränen. Du lagst in meinen Armen, wolltest nicht fort, und widerstandest den Bitten, den Drohungen deines Vaters. Er reiste allein ab, und du bliebst bei mir. Klara, welche Augenblike gab mir meine Phantasie, die mir treuer ist, als du! Ach, Klara, wie war es möglich, daß du mich verlassen konntest! Welche Stunden hätten wir jezt! Ich warf mich auf dein Bett, hüllte mich mit einem süßen Schauer in die Deke, unter der du geschlummert hast, und benezte dein Kopfküssen mit heißen Thränen. Die ganze Nacht hindurch erhielt ein Gefühl von Wehmut und von hoher Freude mich wach. Ach, Klara, ich kann dir die tausendfachen Empfindungen, die ich hatte, nicht beschreiben. Und jezt? jezt? Ich bin nicht von deinem Zimmer wegzubringen, und habe mich eingerichtet, als wollte ich mein ganzes Leben darin wohnen. Diesen Mittag aß ich mit deinem Taschenmesserchen, das ich gefunden habe, und verstekte, als die Rosiere herein trat, mein Tischmesser, um mit jenem fortessen zu dürfen. Die Rosiere lachte laut; als sie das sah. Ich erröthete über die kindischen Einfälle meines Herzens; und doch kann ich ihm die Freude nicht versagen, sie auszuführen. Immer behelfe ich mich, wie ein Mensch, den der Zufall auf eine unbewohnte Insel geworfen hat, und dem es an allem Nothwendigen fehlt. Die wenigen Geräthe, die ich noch von dir gefunden habe, müssen für alle meine Bedürfnisse hinreichen. Meinen Wein trinke ich aus einer Tasse; denn, Klara, deine Lippen haben aus ihr getrunken. Ich schreibe mit einer stumpfen Feder; denn deine Finger haben sie gehalten. Da size ich mit deinem Hündchen, so zufrieden, als ob die Welt mein wäre. Bin ich vor Ueberraschung sicher, so ziehe ich dein Nachthemd hervor, und – Ach, Klara! wenn du es wärest, du selbst, die ich in meinen Armen hielte, an meine Brust drükte! Dann fällt mir deine Entfernung wieder ein. Ich streke meine Arme nach dir aus; rufe deinen Namen, und verzweifle. O, Klara, wie konntest du mich verlassen! Wie war es möglich, meine geliebte Klara!

Ich darf nicht daran denken, dass du aufgehört haben kannst, mich zu lieben; sonst überfällt mich eine dumpfe Unthätigkeit, mein Herz ist kalt und starr Mon cœur est mort et desseché. – Ich schreibe Klairants Briefe nur ab. Was er mir sagte, war oft noch stärker. Der Leser vergesse nie, daß ein Franke schreibt., mein Leben hört auf, und ich fühle mein Dasein nur an der stillen, quälenden Angst meiner Seele. Wohl tausendmal habe ich deine Briefe gelesen; tausendmal dich angeklagt und vertheidigt. Jezt rufe ich: »ja, du bist unschuldig, Klara! Ach, du mußtest folgen! Dein Vater zwang dich; er trug dich mit Gewalt an den Wagen. Du strektest deine Arme nach mir aus, riefst meinen Namen. Ich hörte dich nicht, und dein Vater war ohne Mitleiden. Man warf dich in den Wagen, und spottete deiner Thränen, deiner Seufzer. Ja, du bist unschuldig!« Und dann wieder: – »Klara, Klara! bist du unschuldig? bist du treu? Wie konnte man dich zwingen?« Ich frage die Rosiere, den Verwalter, den alten Bedienten, der noch hier ist; und was sie erzählen, Klara, was sie erzählen – O, ist es wahr? Du wärest, sagen sie, an der Hand deines Vaters ruhig und still an den Wagen gegangen, und, ohne zu jammern, ohne die Hände auszustreken, hinein gestiegen. »Ich glaube,« sagte die Rosiere heute, »sie weinte, als sie mit ihrem Vater die Treppe herunterkam; denn sie hielt ihr Taschentuch vor die Augen.« O Klara! mehr nicht? Klara, der roheste Mensch vergießt Thränen, wenn er einen Ort verläßt, wo er lange lebte. Ich habe, als ich noch ein Kind war, Abends oft mit Thränen in den Augen Abschied von der Laube genommen, in der ich den Tag über gespielt hatte; und doch war ich gewiß, daß ich sie den folgenden Morgen wiedersehen würde. Als ich nach Straßburg reiste, Klara, wie war mir da! – O, jezt denke ich daran! Als ich dorthin gieng, vergaßest du mich. Klara, wenn du wieder aufhörtest mich zu lieben! Wenn – Ich erschreke vor mir selbst. Erinnre dich des Verses:

                   

Le cœur qui n'aima point fut le prémier Athée Ein liebeleeres Herz hat Gott zuerst geläugnet..

Du weißt, wir fanden ihn so wahr. Er schien aus unsrer Seele gestohlen, denn welchen anderen Bürgen der Unsterblichkeit hat der Mensch, als Liebe und Gegenliebe? Ach, Klara, welcher anderen Empfindung unseres Herzens, als dieser, konnten wir ewige Dauer zutrauen? Wie fest wurde unser Glaube, wenn wir uns Beide Hand in Hand, von allem Sterblichen entkleidet, nur nicht von unsrer Liebe, die ganze Schöpfung von Stern zu Stern durchreisen sahen! Wir fühlten so innig, daß nur ein liebendes Herz diesen Glauben haben kann, daß nur dieses nicht vor der Ewigkeit erschrikt, daß nur Liebe sie hoft und will. Ach, Klara! und dennoch ist dieser Vers nicht völlig wahr. Ich fühle mit Zittern, daß er heissen muß: »Ein treues, liebendes, und doch betrogenes Herz, hat Gott zuerst geläugnet.« – Klara, wenn du mich betrögest, du! du! dies so wäre mein Glaube dahin, meine Hoffnung zerstört; denn brächest du mir die Treue – wen könnte ich in der Ewigkeit treu zu finden hoffen? Und was sollte dem Menschen die Ewigkeit ohne Liebe? Klara, Klara, einst sagtest du zu mir: du bist mein Mörder, oder mein Gatte! Jezt fühle ich, was du damals empfunden haben magst. Ach! und nicht allein die Mörderin meines Lebens würdest du seyn, auch die Mörderin meiner Tugend und meiner Hoffnungen. Klara, leb wohl!

 

*

 

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