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Klara du Plessis und Klairant. Erster Theil.

August Lafontaine: Klara du Plessis und Klairant. Erster Theil. - Kapitel 4
Quellenangabe
authorAugust Heinrich Julius Lafontaine
titleKlara du Plessis und Klairant. Erster Theil.
publisher
year1801
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20171215
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II.
Klara an Klairant.

Ach wie weit, mein Klairant, bin ich schon von dir entfernt! Ich frage jeden, den ich sehe: wie weit ist es von hier nach Longuion? Man sieht mir an, was ich zurükgelassen habe, und sagt mitleidig; nur wenige Stunden. O, wenn wir nur nicht über Flüsse gehen müßten! denn jeder Fluß, über den wir kommen, scheint mir ein Abgrund zu seyn, der mich auf ewig von dir trennt. Mein Bruder versichert, wir würden bald zurückkehren. Ach! ich kann es nicht glauben. Mein Vater ist nie in seinem Leben so gütig, so freundlich gegen mich gewesen, als jezt; er spricht zuweilen von dir, und neulich nannte er dich einen guten, edlen jungen Mann. Würde er das thun, wenn ich jemals wieder zu dir zurükkehren sollte? Er weiß, wie sehr ich dich liebe. Würde er dich loben, wenn er nicht gewiß glaubte, daß ich dich nie wiedersehen werde? Meine Mutter zukt die Achseln, wenn ich sie frage.

»Zerstreue dich, Klara!« sagt mein Bruder, wenn er mich seufzen sieht. Zerstreuen? womit denn? Alles in der Welt erinnert mich ja an dich. Als wir über die Mosel fuhren, fiel mir ein, daß Mez an diesem Flusse liegt. Und nun sah ich dich, wie du so blaß wurdest, als du mich erbliktest; wie du in dem Saale des Gouverneurs deine Stirn auf den Stuhl lehntest. Ach, ich hatte dich damals vergessen, mein guter Klairant; und du warst mir so treu! Aber, Klairant, jezt bin ich so bleich, wie du damals. O wenn du jezt so hereinträtest – du würdest es deiner Klara bald ansehen, daß sie dich liebt.

Wir sind seit einigen Tagen in Trier. Wenn ich es auch einen Augenblik vergessen könnte, daß du nicht bei mir bist, so würde mich doch jedes Wort, das ich hier höre, daran erinnern. Nie, nie werd' ich die deutsche Sprache lieben; jedes ihrer Worte geht mir durch das Herz: denn ich höre daran, daß ich nicht mehr in Frankreich bin. In Luxenburg merkte ich noch nicht so sehr, daß ich in Deutschland war, weil dort alles französisch spricht. Aber hier – hier bin ich erst recht schreklich allein! Da siz' ich oft, und sage dir mit nassen Augen, mit gefalteten Händen, die Verse vor – ach, ich las sie sonst mit so vielem Vergnügen, und dachte nicht, daß sie ein Bild meines eignen künftigen Zustandes wären!

                   

Plus de répos pour elle; et les jours et les nuits
Sont des siècles entiers comptés par ses ennuis.
Rien ne la touche plus. La terre renaissante
Etale envain l'émail de la saison brillante.
Ces lacs majestueux qui ceignent nos bosquets,
L'aquilon qui mugit à travers les forêts,
Et ces sauvages boit que sans vaine culture,
De son ciseau hardi façonna la nature,
A mes tristes régards ont perdu leurs beautés.
Le morne désespoir s'assied à mes cotés;
Et le signal du temps est un son d'épouvante
Où j'entends de la mort la voix sombre et tonnante
. Ach, keine Ruhe mehr für deine Klara! Sie zählt an ihren Seufzern die lange Tage, die so ewig langen Nächte ab. Nichts, nichts macht ihr mehr Freude. Kalt wendet sie den Blik auf die junge Flur, die der Lenz mit Blumen bekleidet. Der schöne See, von grünem Gebüsch umkränzt, die dunkeln Tannen, die der Wind sanft bewegt, der düstere, schattenreiche Wald – alles hat seine Reize verloren. Stumm size ich da, ein Bild der Verzweiflung; und jeder Glokenschlag dünkt mich die schreklich donnernde Stimme des Todes.

Gestern waren wir in der Simeons-Kirche, um sie zu besehen. Es ist ein seltsames Gebäude; oder eigentlich sind es zwei Kirchen, von denen die eine über der andern steht. Wir waren in der obern, aus der man durch ein Gitter im Fußboden in die untere hinabsehen kann. Ich sah jemanden unter mir weggehn. Er hatte deine Gestalt, deinen Gang, dein Haar. »O, da ist er!« rief ich laut, und lief die Treppe hinab in die untere Kirche. Ich holte ihn ein, breitete schon die Arme aus und rief: »Klairant!« Als er sich umsah, war es ein fremdes Gesicht. Ich erröthete, und stammelte eine Entschuldigung. Der Mann, ein Deutscher, verstand mich nicht, und mußte etwas Seltsames denken, denn er lächelte schalkhaft, und faßte mit vieler Dreistigkeit meine Hand. O, ich schämte mich, Klairant; denn eben, als er sich umsah, hatte ich ihn umarmen wollen. Ich gab mir vergebens alle Mühe, ihm verständlich zu machen, daß ich mich geirrt hätte; er lachte fort, und ließ mich nicht eher los, als bis mein Vater herbei kam. Noch nie habe ich vor Scham so geglühet. Ich bat meinen Vater, der ein wenig Deutsch kann, er möchte doch sagen, daß ich mich geirrt hatte; aber er lachte, verbeugte sich höflich gegen den jungen Mann, und gieng mit mir weg. Wie gern hätte ich so viel Deutsch gewußt, um sagen zu können, was ich wollte! Nachher, als ich mich wieder beruhigt hatte, lachte ich selbst über meinen wunderlichen Irrthum.

Ich muß jezt oft in Gesellschaft gehen; es giebt hier viele Franzosen, die alle über die National-Versammlung, oder, wie man sie hier nennt, über die Chaperons mipartis Vielleicht der Nahme einer alten antiroyalistischen Parthei., sehr böse sind. Ach, ich wäre lieber allein, als in diesen Gesellschaften, in denen man nur zankt, schimpft und spottet. Mein Vater ist auch des ewigen Lärms schon überdrüßig. »Der Gek,« sagte er gestern von einem jungen Chevalier, der mich mit aller Gewalt Deutsch lehren will, was er selbst nicht kann: »der Gek! Er glaubt, Paris kann ohne ihn nicht vier Wochen bestehen!«

Wir haben hier Bälle, Assembleen, Concerte; und ich muß dahin, weil mein Vater es verlangt. Aber, ach! deine arme Klara nimmt an nichts Theil. Seh' ich tanzen, so fällt mir die Weinlese in Mangienne ein, wo ich mit dir tanzte. Dann hör' ich, dann seh' ich nicht mehr; und redet mich jemand an, so fahr' ich zusammen, als ob man mich aus dem tiefsten Schlafe wekte. »Klairant! werd' ich dich wiedersehen?« so frag' ich mit jedem Athemzuge; und niemand ist so mitleidig, mir ein Ja zu antworten.

 

*

 

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