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Klara du Plessis und Klairant. Erster Theil.

August Lafontaine: Klara du Plessis und Klairant. Erster Theil. - Kapitel 2
Quellenangabe
authorAugust Heinrich Julius Lafontaine
titleKlara du Plessis und Klairant. Erster Theil.
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year1801
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
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Jedermann hält jezt seine Blike auf den französischen Adel geheftet. Die Stimmen sind über die Frage getheilt: ob man diese Menge von Unglüklichen fürchten oder bemitleiden müsse. Man kann ihnen sein Mitleiden nicht versagen; denn ist es nicht für sie ein großes Unglük, ihr Vermögen, ihr Vaterland, ihre Gewohnheiten, ihre Lebensart, ihre Sitten zu verlieren; ohne Unterstüzung, ohne Schuz, ohne Mittel sich beides zu erwerben, mit dem Hasse des Volkes beladen, das sie ausstieß, von dem Mißtrauen des Volkes empfangen, das sie aufnimmt, gleichsam in eine ganz neue Welt einzutreten, deren Sprache sie nicht einmal verstehen? Wahrlich, das Glük hat viel zu thun, wenn sie ihren Verlust vergessen sollen! Aber wie viele Einzelne mögen nicht unter ihnen seyn, denen auch die Hoffnung fehlt, daß jemals das Glük etwas für sie thun könne; bei denen Vermögen und Vaterland das Wenigste waren, was sie verloren; die bei der Auswanderung ihren theuersten Gefühlen und ihren schönsten, von Liebe, Freundschaft, Natur und Tugend geschlossenen Verbindungen entsagen mußten; die bei dem ersten Schritte über die Gränze ihres Vaterlandes fühlten, daß die feinsten Fasern der Zufriedenheit in ihrer Seele auf immer zerrissen! Wie Viele mag ihr Unstern nicht mit in den allgemeinen Fall ihres geächteten Standes verwikelt haben, für die nun Vernunft und jedes Gefühl vergebens Schonung fordern! Gewiß wird man Thränen über das Schiksal manches Unschuldigen unter ihnen vergießen; obgleich, bei dem Benehmen des ganzen Standes, die Gerechtigkeit dieser Thränen Vielen noch zweifelhaft scheint.

Wenn ich der Welt die Begebenheiten einer ausgewanderten französischen Familie erzähle, so darf sie nicht glauben, daß sie ein Roman sind. Leider nein! Und sähe sie mich hier an meinem Schreibtische; sähe sie die nassen Augen, mit denen ich die Dokumente dieser Begebenheiten durchlaufe: sie bedürfte keines andern Bürgen für die Wahrheit dieser Geschichte; und hätte sie, wie ich, die rührende Erzählung, die ich hier niederschreibe, selbst gehört, so würde sie mein Buch sehr leicht entbehren: denn kann auch der größte Dichter je so erzählen, wie ein gebrochenes Herz, wie ein Auge voll Thränen, wie Blike voll Grams? Ach, ich fühle, daß ein Seufzer, ein langsames, kummervolles Kopfschütteln, ein Händefalten, ein nasser Blik zu den Wolken, ganz andere Figuren sind, als welche die Rhetorik lehrt.

 

*

 

Wo du jezt auch bist, mein guter Klairant, diese Blätter sind dir geweihet. Zwar würdest du nur mit Mühe die Sprache verstehen, die deine Schiksale erzählt; aber die mitleidigen Blike, die Seufzer, die geduldige Stille, die leidende Gelassenheit, womit ich dich so oft dein Leben erzählen hörte, verstandest du gewiß: und was ich hier schreibe, sind nur schwache, nachhallende Töne jener rührenden Empfindungen. Verstand ich doch auch nicht jedes deiner Worte. – Helfen konnte ich dir nicht; auch die ganze Welt kann dir nicht helfen. So laß denn uns Beiden daran genügen, daß die Welt mit uns weint; und weinen wird sie gewiß, wenn ich ihr deine Begebenheiten ganz ungekünstelt, ganz ohne Schmuk, erzähle.

Wer hier einen Roman zu finden hofft, wer keinen Geschmak findet an den kleinen unbedeutenden Begebenheiten des häuslichen Lebens, welche durch Liebe und Freundschaft so bedeutend, so rührend werden: der werfe dies Buch bei Seite; für ihn wurde es nicht geschrieben.

 

*

 

Rechts an der Heerstraße, die von Luxenburg nach Verdün führt, liegt die Abtei Chatillon, mitten in reizenden Wiesen, Kornfeldern, Weinbergen, grünen Hügeln, schattigen Thälern und kleinen Gehölzen. Nie hatte wohl der Aberglaube mit mehr Unrecht einem Manne verboten, Vater zu werden, als dem Prior der Abtei; denn kein Mann in der Welt liebte Kinder in einem so hohen Grade, wie dieser Prior. Er grüßte alle Menschen mit freundlicher Höflichkeit; aber einer schwangern Frau begegnete er immer mit einer Art von Achtung, die an Verehrung gränzte: »denn,« sagte er, um diese Achtung gegen seine Freunde zu vertheidigen, »was thut der Mann, der sich in Todesgefahr stürzt, um sein Vaterland zu retten, mehr, als ein Mädchen, das sich entschließt, Mutter zu werden?« Er redete von der Ehe als von dem heiligsten Sakramente, und die Hälfte aller seiner Predigten handelte von dem Ehestande und der Kinderzucht. Jedesmal, wenn er beim Durchblättern der römischen Dekretalen auf der Bibliothek das Dekret von dem ehelosen Stande der Geistlichen fand, schüttelte er, tief seufzend, den Kopf; und das hätte er gethan, wenn auch der Erzbischof von Verdün bei ihm gewesen wäre. So wie ein junger Mensch in den wenigen Hütten, die zu der Abtei gehörten, achtzehn Jahre alt war, ließ der Prior es sein angelegentlichstes Geschäft seyn, ihn zu einer Heurath mit einem hübschen Mädchen aus Pillon oder Mangienne, zwei Dörfern seines Kirchspiels, zu bereden. Die wenigen Hütten um die Abtei her wimmelten auch von Kindern, und von gesunden, starken Kindern; denn der Prior sorgte für das Fortkommen der jungen Eheleute eben so sehr, wie für ihre Verheurathung.

War der Prior nicht auf der Bibliothek oder in Amtsgeschäften, so saß er gewiß im Schatten einer schönen Allee von italiänischen Pappeln, welche ganz Chatillon umgeben, zwischen einem Trupp Kinder, und mit einem vergnügteren Gesichte, als ein König unter den Großen seines Reiches. Neben ihm lag der Emile, das einzige von Rousseau's Büchern, das er liebte, und dessentwegen er diesem Schriftsteller auch alle seine anderen Kezereien von Herzen vergab; und neben dem Emile lag ein Papier voll Bonbons aus Verdün, die er jedesmal, wenn er ausgieng, unter die Kinder vertheilte. Zulezt heftete er seine ganze ungetheilte Liebe und seine Erziehungsplane auf ein Kind, dessen Eltern einiges Vermögen besaßen, und das daher eine bessere Erziehung bekommen konnte.

So groß die Achtung des ehelosen Priors für den Ehestand war, eben so groß war die Abneigung seiner verheuratheten Schwester dagegen; und diese Abneigung gegen den Ehestand hatte sie ihrer Tochter, einem hübschen, feurigen Mädchen, mitgetheilt. Das Mädchen wollte in ein Kloster. Die Mutter schikte sie, damit sie den Versuchungen der Stadt nicht ausgesezt wäre, zu ihrem Bruder nach Chatillon; allein er mußte ihr vorher die Hand darauf geben, daß er ihre Tochter nicht etwa zum Heurathen überreden wollte. Er that es, und das Mädchen zog nun zu ihm auf die Abtei. Anfangs hielt er Wort; von ungefähr aber blikte er einmal über sein Breviar weg zum Fenster hinaus, und sah den jungen Pächter der zur Abtei gehörigen Güter neben seiner Nichte stehen und freundlich mit ihr sprechen. Der Anblik wekte in seinem Kopfe die Idee der Trauung, und von dieser Minute an wurde der Gedanke an eine Heurath zwischen dem Pächter und seiner Schwestertochter bei ihm äußerst lebhaft. Er bereuete heimlich das Versprechen, das er seiner Schwester gegeben hatte; und endlich benuzte er einen zufälligen Umstand, der dann auch weiter führte.

Er war mit dem Pächter in der Sakristei der Kirche, wo einige Veränderungen vorgenommen werden sollten; und seine Nichte kam, ihm etwas zu sagen. So wie er sie erblikte, fiel ihm sogleich sein Plan ein. Er verließ die Sakristei, sagte Beiden: ich komme bald wieder; schloß, wie von ungefähr, die Thüre zu, und ließ die jungen Leute wenigstens zwei Stunden allein bei einander. Auf diese List that er sich im Herzen viel zu gute: »denn,« dachte er, »sie sind Beide jung, Beide hübsch, und allein; es kann nicht fehlen.« Es fehlte doch. Durch die Sakristei wurde die hübsche Marie an das Kloster erinnert; sie blieb daher an der Thüre stehen, und Alles, was der junge Mensch ihr sagen konnte, gieng über die Ungeduld, mit der sie auf ihres Oheims Rükkehr hoffte, verloren. Als dieser endlich die Thür öffnete, machte Marie ihm sogleich Vorwürfe darüber, daß er sie einen halben Tag von ihren Geschäften abgehalten hätte. – Mamsell Manon hat entsezliche lange Weile gehabt, sagte der Pächter gähnend; und der Prior runzelte die Stirn. Er veranstaltete auf alle mögliche Weise Zusammenkünfte zwischen den beiden jungen Leuten; indeß sah er ihre Vertraulichkeit dadurch nicht größer werden. Endlich mußten Beide ihm die ganze Bibliothek umsezen helfen. Hier ließ er sie unter einem schiklichen Vorwande allein, und verschloß, damit Manon nicht entwischen könnte, die Thür. Beide stellten eifrig die ihnen angewiesenen Bücher auf. Als sie die Arbeit vollendet hatten, bemerkte Manon, daß sie eingeschlossen waren; und der Oheim, der sich in Pillon befand, hatte den Schlüssel mitgenommen. Der Pachter zog ein Buch mit Kupferstichen hervor; Manon ließ sich bereden, sie mit zu betrachten, und – ihre Gleichgültigkeit war dahin.

Der junge Mann stand hinter ihr. Um die Kupfer bequem zu sehen, mußte er sich nothwendig an sie lehnen, und sie mit seinem Arm umfassen. So blätterten sie ein halbes Stündchen in dem Buche. Nun erhob sich ein Gespräch über den wunderlichen Oheim, der sie Beide immer einschlösse. Dann nahm der Pächter Manons Hand und betrachtete den runden Arm. Sie erröthete, zog die Hand zurük, gieng an das Fenster, und sah auf den Weg nach Pillon; aber der Oheim wollte noch nicht kommen. Beide lächelten. Der Pächter wurde dreister, die arme Manon zerstreuet: jener lobte den Oheim wegen des Einschließens; diese schalt darauf. Man zankte. Der Pächter nahm Manon in die Arme, und raubte ihren Lippen einen Kuß. Darüber wurde sie böse. Nun bat er zärtlich um Vergebung, und glaubte nicht eher, daß sie versöhnt wäre, als bis sie sich noch einen Kuß hatte nehmen lassen. Kurz, als der Oheim endlich am Abend die Thür aufschloß, flog Manon, wie ein gejagtes Reh, drei Schritte von ihrem Plaze. (Der Oheim versicherte nachher, sie habe auf des Pächters Schooße gesessen.) Der junge Mann stammelte sogar eine halbe Entschuldigung, und Manon erröthete, so oft ihr Oheim einen Blik auf sie warf.

Von diesem Tage an hatte der Prior die Freude, daß die beiden jungen Leute ihre Zusammenkünfte unter vier Augen selbst veranstalteten; ja, sie trieben es jezt so weit, daß oft seine Suppe darüber anbrannte. Kurz, es war Zeit, daß der Oheim ins Mittel trat. Er ließ dem Pächter ein schönes großes Haus bauen, gab ihm Manon zur Frau, und hielt schon nach einem Jahre einen gesunden Sohn von ihr auf dem Arme. Seine Freude über den Knaben war beinahe so groß, als wenn er selbst der Vater gewesen wäre. Er erzählte jedem, was er alles mit dem Jungen thun, und wie er ihn erziehen wollte. Dann legte er den Knaben in die Wiege, zog Rousseau's Emile aus der Tasche, wiegte aus Leibeskräften, und las dabei den erstaunten Eltern aus dem Buche vor, daß man Kinder nicht wiegen müsse.

Der Knabe wurde des alten Priors Liebling. Zwar kamen Rousseau's Grundsäze bei ihm alle nach und nach in Vergessenheit; indeß verlor der Knabe nichts dabei. – Der alte Prior hatte ein vortreffliches Herz, und die Eltern gehörten Beide ebenfalls zu den gutherzigsten Menschen. Was alle Drei an dem Knaben verzogen, verbesserten aber die andern Kinder in Chatillon. Der Knabe war eigensinnig, stolz, herrschsüchtig; doch seine Spielgefährten waren es nicht weniger. Sein Herz und sein Kopf wurden von seinen Verwandten gebildet, seine Leidenschaften von seinen Spielgefährten gezähmt. Sein Stolz wurde nun Edelmuth, seine Herrschsucht Festigkeit: er lernte gehorchen, weil er gebieten wollte; er lernte Menschen ehren, weil er gern herrschen mochte. Der Prior schlug jezt den Emile auf, triumphirte über den glüklichen Erfolg seiner Methode, und las den Eltern vor, daß es so und nicht anders habe kommen müssen.

In dem Alter von sieben Jahren war der Knabe ein Liebling der ganzen Gegend. Konnte der wilde Bursche auf der Wiese ein Pferd loskoppeln und sich hinaufschwingen, so ließ er sich den ganzen Tag nicht mehr sehen, und kam erst Abends sehr ermattet wieder. Dagegen konnte er aber auch wieder ganze Stunden bei dem Schulmeister sizen, und, ohne von der Stelle zu weichen, sich Gespenstergeschichten erzählen lassen. Nie sang er die Romanze von dem armen Heinrich, den seine Geliebte, eine Nonne vergiftete, ohne daß seine rothen Wangen voll Thränen hiengen. »Es thut mir weh, lieber Oheim,« sagte er dann mit leiser Stimme, »daß ihm das Herz brach; aber ich wollte doch lieber so sterben, als an der Brustkrankheit, wie der Pater Franz: denn Lucie hielt den Ritter Heinrich in ihren weichen Armen, an ihren Lippen, und starb auf seinem Grabe.« Der Prior lächelte, legte die Hand auf des Knaben Stirn, und sagte freundlich: »wenn du so sterben willst, so laß dich nicht bereden, in ein Kloster zu gehen!«

Um diese Zeit kam der Vicomte du Plessis mit seiner Familie aus Paris nach Pillon, wo er ein beträchtliches Gut besaß. Er gehörte mit ganzer Seele zu der Parthei der Encyklopädisten, welche damals anfiengen, dem Hofe verdächtig zu werden, und hatte Paris verlassen, weil der Minister ihn drükte. Der Prior machte dem Herrn du Plessis schon den Tag nach seiner Ankunft einen Besuch, und die Bekanntschaft zwischen Beiden gewann sogleich einen Grad von Herzlichkeit; denn auch der Prior war, ganz von ungefähr, durch Rousseau's Schriften halb und halb ein Physiokrat geworden. Was aber den Prior noch stärker zu dem Vicomte hinzog, war dessen liebenswürdiger Sohn, der beinahe das Alter seines kleinen Vetters hatte. Plessis bat den Prior, oft zu kommen; und dieser ließ sich das nicht zweimal sagen. Die Bekanntschaft zwischen beiden Alten wurde sehr bald eine herzliche Freundschaft. Pillon liegt nur einige hundert Schritte weit von der Abtei; und so gieng oft entweder der Vicomte mit seinem Sohne zu dem Prior, oder dieser mit seinem Louis zu jenem. Die beiden Knaben schlossen eben schnell Freundschaft, wie die beiden Alten. Während daß du Plessis sein System auseinander sezte, und auf den Minister schimpfte; der Prior, so oft er nur Gelegenheit dazu hatte, das Gespräch auf die Ehe und die Kinderzucht lenkte; und die gnädige Frau von der Oper in Paris sprach: schwärmten die beiden Knaben in den Feldern umher. Der kleine Louis Klairant erzählte dem kleinen Plessis Gespenstergeschichten, oder sang ihm die Romanze von dem unglüklichen Ritter vor; und Plessis lehrte ihn dagegen einige Operettenarien. Sie verliefen sich auch wohl in das Gehölz an der Heerstraße, und führten Kriege mit einander, bei denen Bauerknaben ihre Truppen ausmachten; kurz, die Kinder waren, wie die Alten, herzlich mit einander zufrieden.

Von Tage zu Tage wurde die Vertraulichkeit beider Familien größer; man besuchte einander an gewissen Tagen regelmäßig, und der junge Plessis nahm Theil an dem Unterrichte, den Klairant von seinem Großoheim erhielt. Die Freundschaft der Alten blieb, als sie einen gewissen Grad erreicht hatte, stehen; allein nicht so die Freundschaft der Kleinen, die von Tage zu Tage inniger und vertraulicher wurde. Beide konnten nicht mehr ohne einander leben, keiner hatte mehr ein Geheimniß vor dem andern; und diese Freundschaft erhielt sogar einen Anstrich von Schwärmerei, als der Prior oft mit ihnen von den im Leben und Tode aushaltenden Freunden des Alterthums sprach. Erzählte er ihnen von Orest und Pylades, von Damon und Pythias; sagte er, was ehedem ein Freund, auf den andern gestüzt, vermochte, was er wagte, was er von dem Freunde forderte, und wie viel er selbst gab: dann lächelten die beiden Knaben einander zu, schlugen die kleinen Hände fest in einander, und ihre Augen blizten von dem muthigen Entschlusse, Alles für einander zu wagen. Flog der gewandtere und dreistere Klairant den Berg hinter Pillon in vollem Laufe hinunter, so zitterte Plessis zwar bei dem Anblike des jähen Berges: doch stürzte er hinter seinem Freunde her, um ihn nicht zu verlassen; und dann fielen sie unten einander mit feuriger Liebe in die Arme.

Je älter die beiden Knaben wurden, desto mehr Stärke bekam ihre Freundschaft. »Ich,« sagte Plessis, »ich, Herr von Pillon und Mangienne; du, Pächter von Chatillon. Sieh, da leben wir immer zusammen. Du kannst dann bei mir auf meinem Schlosse wohnen, oder ich bei dir in Chatillon.« Die guten Kinder hatten beide noch keine Idee von dem Abstande, durch welchen die Geburt sie trennte. Der Vicomte fand es schon jezt ein wenig bedenklich, daß sein Sohn mit solcher Innigkeit an dem kleinen Klairant hieng; allein er betrachtete diesen als einen Verwandten des Priors, nicht als den Sohn eines Pächters. Das wird sich, dachte er, wohl geben, wenn sie Beide erwachsen sind. – Die andern Edelleute in der Nachbarschaft verstanden die Jagd, den Akerbau; aber nicht Einer unter ihnen hatte je etwas von den Encyklopädisten gehört: und so durfte der Herr du Plessis den Prior, der nach und nach die Staatskunst und das Disputiren darüber eben so lieb gewann, als Abhandlungen über den Ehestand, nicht in seinem Verwandten beleidigen; denn diesen liebte der Prior doch mehr, als jedes System in der Welt. Der kleine Louis konnte daher als ein Freund des jungen du Plessis auf dem Schlosse aus- und eingehen; man kündigte ihn indeß überall als einen Verwandten des Priors an, der mit dem jungen Herrn erzogen würde, um Nacheiferung bei diesem zu erweken. Der alte Prior merkte gar nichts von der Absicht dieser Aeußerungen; und so blieb Alles in Ruhe.

Beide Knaben mochten etwa vierzehn Jahre alt seyn, als der Vicomte sich entschloß, seine zwölfjährige Tochter aus dem Kloster, worin sie erzogen wurde, nach Hause kommen zu lassen. Der Prior hatte schon lange aus dem Rousseau gepredigt, daß die Klostererziehung für ein Mädchen, welches die Natur zur Frau und Mutter bestimmt habe, die allerschlechteste sei, die man sich nur denken könne; und auch der Vicomte war jezt von einem gewissen Enthusiasmus für Kinderzucht und Ehe belebt, den sein alter Freund bei ihm erregt hatte, so wie er selbst bei diesem, Enthusiasmus für die Staatskunst.

Die Mutter fuhr weg, ihre Tochter aus dem Kloster abzuholen, und der junge Plessis erzählte seinem Freunde nun unaufhörlich von seiner Schwester Klara, die er seit vollen sechs Jahren nicht gesehen hatte. »O, du wirst sie lieben, mein Klairant,« sagte er mit Eifer; »gewiß, du wirst sie lieben, Und dein Oheim soll doch einmal sehen, was er für das achte Wunder der Welt hält: zwei Familien, die durch Liebe und Vertrauen vollkommen einig sind.« Sie füllten die Zeit, bis Klara kam, mit Planen aus, wie glüklich sie mit ihr leben wollten; und die Ideen dazu gab ihnen, wie nicht zu läugnen ist, der alte Prior selbst, der bei jeder Gelegenheit seine Lieblingsideen von der Verbindung beider Geschlechter mit anzubringen pflegte.

Endlich kam die kleine Klara du Plessis. Ihr Vater hob sie aus dem Wagen; aber sie erwiederte seine Liebkosungen kaum, und warf mit befremdeter Schüchternheit furchtsame Blike auf ihren Bruder, der ihr freudig entgegen sprang. Vor dem Prior verbeugte sie sich tief und mit einer andächtigen Miene; dann blieb sie verlegen unter den ihr liebkosenden Menschen stehen. »Sehen Sie,« flisterte der Prior dem Vicomte ins Ohr: »das ist Klostererziehung! Lassen Sie das Kind zu sich selbst kommen.« Er gieng; und die beiden Knaben, die sich einen andern Empfang geträumt hatten, folgten ihm. Sie schwiegen, und des Priors Aeusserungen über ihr künftiges grösseres Glük schienen ihnen nun gar nicht mehr glaublich.

In den ersten Tagen blieb das Verhältniß, wie es war; denn die kleine Klara wagte es kaum, ihren Bruder recht dreist anzusehen. Dieser aber, der bei seinem Freunde nicht unrecht gehabt haben wollte, drang so auf ihr Herz ein, daß er es am Ende mehr seinen Bitten, als ihrer Empfindung, zu danken hatte. Bei dem allen bekamen nach und nach Bruder und Schwester doch mehr Vertrauen zu einander, und jener nüzte das, Klaren allmählig seine Ideen von Freundschaft beizubringen. Auf jedem Spaziergange mit ihr sprach er von seinem Klairant mit allem dem Enthusiasmus, den jugendliches Feuer und kindische Eitelkeit geben können. Klara wurde endlich neugierig, den Freund ihres Bruders, den sie bei der ersten Zusammenkunft ganz übersehen hatte, kennen zu lernen.

Klairant kam zwar auch jezt, wie sonst, alle Tage nach Pillon: aber er blieb überhaupt nicht gern lange in einem Zimmer; und wenn er es denn ja einmal that, so war Klara gerade bei ihrer Mutter: daher kam es, daß er sie seit ihrer Ankunft noch gar nicht wieder gesehen hatte. Jezt aber führte Plessis ihn einmal, ohne dabei ein Wort zu sagen, nach dem Zimmer seiner Schwester, öffnete die Thür, und rief: »hier, Klara, ist mein Klairant!« Das Mädchen sprang auf, und blieb verlegen stehen; aber noch verlegener war Klairant selbst, so daß es dem Bruder die äusserste Mühe kostete, nur ein erträgliches Gespräch in Gang zu bringen.

Klairant warf von Zeit zu Zeit verstohlne Blike auf Klaren; doch der Gedanke: »es ist die Schwester deines Freundes,« war Anfangs Alles, wodurch ihm das Mädchen bedeutend wurde. Eben so verstohlen betrachtete auch Klara den Jüngling, den ihr Bruder ihr so oft und so feurig als den besten Menschen geschildert hatte. Beide errötheten, wenn ihre Blike auf einander trafen, zu gleicher Zeit: wahrscheinlich, weil ihre Bekanntschaft kein Zufall war. Der Bruder, dem daran lag, das Fremde unter Beiden zu endigen, noch mehr aber, seinen Freund und seine Schwester in vortheilhaftem Lichte zu zeigen, bat Klaren, ihre Harfe zu nehmen. Sie spielte Klairants Lieblingsromanze, die sie von ihrem Bruder bekommen hatte, und Klairant mußte sie singen. Man wiederholte sie noch zweimal, spielte auch einige andre Lieder, und blieb dennoch verlegen. Plessis laß in den Gesichtern seines Freundes und seiner Schwester ganz deutlich, daß sie nur um seinetwillen bei einander blieben, und erröthete einmal über das andre. Man trennte sich endlich, und Klairant sowohl als Klara fühlten sich nun wieder erleichtert.

 

So schön die junge Klara auch war, so hatte sie dennoch nur einen sehr unbedeutenden Eindruk auf Klairant gemacht; sie war zu blöde, zu furchtsam gewesen, um reizend zu seyn. Ihr Bruder fragte sie: »nun? wie gefällt dir mein Freund?« und sie antwortete mit einem aufrichtigen Lächeln: »dein Klairant ist wirklich ein sehr hübscher junger Mensch.« Allein das mußte ihm sogar der Neid zugestehen, und Klara sagte das so kalt, als hätte sie über ein Gemählde geurtheilt.

Doch bald machte Klairant einen tiefern Eindruk auf ihre Phantasie und ihr Herz. Eines Tages wies der Kammerdiener des Vicomte einen Bauer ab, der seinen Gutsherrn zu sprechen verlangte. Der Bauer wollte um so weniger weggehen, da Klairant seine Parthei nahm, und sich erbot, ihn selbst zu melden. Der Kammerdiener ward darüber böse, und sagte dem Bauer drohend: »nun rath' ich dir, mach, daß du wegkommst; oder es geht nicht gut!« Da der Bauer noch immer blieb, so verlor der Kammerdiener die Geduld, ergriff einen Stok, und wollte ihn prügeln. Klairant sprang mit blizenden Augen auf den hochmüthigen Bedienten zu, riß ihm den Stok aus der Hand, und hatte ihm schon ein halbes Duzend Hiebe gegeben, eh er sich nur besinnen konnte. Jezt wendete sich die ganze Wuth des Domestiken gegen Klairant; doch der junge Plessis, der auf den Lärm herbeikam, flog wie ein Pfeil diesem zu Hülfe, und jener mußte seine Rache nun aufgeben.

Der Kammerdiener lief wüthend zu dem Vicomte. Der junge Plessis wußte, welchen Einfluß dieser Mensch auf seinen Vater hatte, und bat seinen Freund, dem Ungewitter auszuweichen. Klairant lächelte aber, und gieng ruhig in des Vicomte Zimmer. Klara erschrak, als sie ihn mit heiterem Gesichte hereintreten sah; denn so eben hatte ihr Vater dem Kammerdiener eine ausgezeichnete Genugthuung versprochen. »Und,« rief der Vicomte erhizt, »du Bube bist noch trozig genug, zu mir zu kommen?« – Mit einem edlen Ton und mit heitrem Gesichte antwortete Klairant: ich bin unschuldig; unschuldig und verklagt. – »Wie? du läugnest? hast du nicht den Kammerdiener geschlagen?« – Ja, das hab' ich; weil er ein Unmensch war, Herr Vicomte. Er fiel einen Ihrer Unterthanen an, der sich in seiner Noth an Sie wenden wollte.

Dieser Ton sezte den Vicomte in Verlegenheit. Er wollte schmälen, und konnte es doch nicht, da der junge Mensch sich ganz dreist auf eine Untersuchung berief. Endlich entschied er, daß Klairant den Kammerdiener um Vergebung bitten sollte. »Ich?« sagte Klairant halb außer sich; »ich? diesen Menschen? Nimmermehr! Herr Vicomte, wenn hier auf der Stelle Ihr Domestik wieder den Stok gegen einen Ihrer bessern Unterthanen aufhöbe, so würde nichts in der Welt mich abhalten, noch einmal...« – Mich zu prügeln? fragte der Kammerdiener wüthend. – »Ja, dich zu prügeln. Denn, Herr Vicomte, der Bauer, der den Tag über für Sie arbeitet, und sich quält, damit Sie Domestiken halten können, ist mehr werth, als alle Kammerdiener in der Welt: das haben Sie neulich selbst gesagt.«

Und das hatte der Vicomte, als er einmal wieder sein System vertheidigte, wirklich geäussert. Er runzelte die Stirn (jezt mehr aus Verlegenheit, als aus Zorn), nahm den Jüngling bei der Hand, und sagte mit einem freundlichen Tone: »laß das! geh', und bitt' ihm ab.« – Nimmer mehr! antwortete Klairant kalt; ich habe recht gethan. – »Bitt' um Vergebung, oder du sezest nie wieder einen Fuß über diese Schwelle! Den Augenblik bitt' ab!« – Nein! sagte Klairant mit blizenden Augen. – »So laß dich nie wieder vor mir sehen!« rief der Vicomte, und stieß ihn an die Thür. – Klairant gieng schweigend hinaus. »Kommst du je wieder, so bist du unglüklich!« rief der Vicomte ihm zornig nach. Aber wie groß war sein Erstaunen und Klarens Schrecken, als Klairant nach einigen Augenbliken die Thür öffnete, und den Bauer, über den der Zank entstanden war, hereinführte!

»Bösewicht!« rief der Vicomte, jezt in Ernst aufgebracht; »du wagst es ...?«

Verzeihen Sie mir, gnädiger Herr; ich hatte diesem Manne versprochen, ihm Gehör zu verschaffen, und bin gewohnt, mein Wort zu halten.

»Was willst du?« fragte der Vicomte den Bauer. – Dieser bat flehentlich um Nachlaß seiner kleinen Pacht. – Thun Sie es, gnädiger Herr! sagte Klairant.

»Ich bin eben so eigensinnig, wie du, Bube!« sagte der Vicomte, etwas gelassener, weil er nicht ohne Gefühl für die Tath des Jünglings geblieben war. »Er bekommt nicht eher Nachlaß, als bis du um Vergebung bittest.«

»O,« rief Klairant, und alle seine Gesichtszüge wurden heiter – »o, nur das, gnädiger Herr?« Er warf sich schnell vor dem beleidigten Kammerdiener auf ein Knie, und bat um Vergebung. Nun sprang er auf, küßte den Bauer, und dankte dem Vicomte für seine Güte. Dann lief er, als ob gar nichts vorgefallen wäre, zur Thür hinaus, und erzählte dem jungen Plessis den Ausgang der Sache.

Der Kammerdiener war mißvergnügt; der Vicomte sagte aber ganz troken: »danke dem Himmel, daß du so weit mit dem Burschen bist! Ueberdies sah er gar nicht aus, als ob er unrecht hätte.«

Nein, lieber Vater, sagte Klara leise; gar nicht so. Er sah aus ... so ... so ... ach! so gut!

Klairant hatte einen nicht geringen Eindruk auf Klaren gemacht, deren Augen während des ganzen Vorganges immer auf ihn geheftet geblieben waren. Da stand er Anfangs so ruhig, so muthig, und hatte die rechte Hand auf die Hüfte gestüzt. Dann flogen schnell tausend Blize in seine Augen; seine Wangen wurden dunkelroth, seine Stimme bewegt. Nie hatte Klara ein Paar so blizende Augen gesehen. Sie wünschte, daß er standhaft seyn und nicht um Vergebung bitten möchte; aber doch zitterte sie, daß er ihren Vater noch mehr aufbringen könnte. Als er hinausgieng, warf sie einen Blik voll tiefer Verachtung auf den Kammerdiener; als er wieder hereintrat, erschrak sie heftig. Sie vergaß sich sogar, und klatschte in die Hände, als er vor dem Kammerdiener niederknieete; es verdroß sie aber sehr, daß er bei dem ganzen Vorfalle auch nicht einen einzigen Blik auf sie geworfen hatte. Noch auf ihrem Zimmer sah sie ohne Unterlaß sein Gesicht voll unbeschreiblicher Freundlichkeit, und dann wieder sein von Kühnheit flammendes Auge. Er gieng mit ihrem Bruder unten im Garten auf und nieder, und sie war einigemale schon Willens, mit ihrer Arbeit zu ihnen hinunter zu gehen; aber sie fürchtete, er möchte merken, daß sie sich so lange und so angelegentlich mit ihm beschäftigt hatte.

Dies waren die ersten Fäden einer Liebe, welche so lange dauern sollte, als die Herzen dieser beiden Menschen schlugen. Bei der ersten Gelegenheit (und diese fand sich bald) sagte Klara dem Jünglinge, wie vielen Theil sie an seinem Streite mit dem Kammerdiener genommen hätte. »O, mein Gott!« sezte sie hinzu: »Ihre Augen, Klairant, blizten, wie Flammen. Ich würde gebebt haben, wie ein Pappelblatt, wenn mein Vater mit mir so geredet hätte; und nie habe ich mich so gefreuet, als da Sie, troz den Drohungen meines Vaters, so standhaft blieben. Ja, wenn alle Unglüklichen solche Freunde hätten!«

Klairant hatte noch nicht daran gedacht, daß seine That mehr als ganz gewöhnlich sei; jezt, bei Klarens Lobe, fühlte er anders. Schnell drang durch seine Seele eine sanfte Empfindung, die sich in Wohlwollen für Klaren auflös'te. Er brachte das Mädchen noch einmal auf die kleine Begebenheit, an die er vorher nicht wieder gedacht hatte. »O,« sagte der Schmeichler; »ich sah, wie vielen Theil Sie an dem Unglüklichen nahmen, den ich beschüzte. Ihr schöner mitleidiger Blik hätte jeden Menschen zu seinem Beistand aufrufen müssen!« Er konnte diese Lüge, die erste in seinem Leben, nicht ohne Stammeln und Erröthen hervorbringen.

Jezt fieng Klairant an, Klaren fast eben so eifrig aufzusuchen, wie ihren Bruder; allein hier gab es mehr Hindernisse, als er erwartet hatte. Klara kam, auf ausdrüklichen Befehl des Vicomte, ihrer Mutter wenig von der Seite; und so blieb, wenn sie und Klairant einander sahen, immer etwas Fremdes zwischen ihnen, das alle Vertraulichkeit unmöglich machte. Auf ihr Zimmer wagte Klairant sich nicht, weil das ausdrüklich verboten war; denn so viele Freiheit im Umgange der Vicomte seinem Sohne auch ließ, so hatte er doch für seine Tochter nicht eben die Gefälligkeit. Zwar dachte er nicht einmal daran, daß Klara je für den Sohn eines Pächters etwas empfinden könnte; allein er hielt es sogar schon für unschiklich, daß sie nur in der Gesellschaft eines solchen Menschen wäre.

Beide junge Leute würden einander gewiß völlig wieder vergessen haben: denn der ganze Eindruk, den sie bei der Scene mit dem Kammerdiener auf einander machten, hatte nur ihre Eitelkeit in Bewegung gesezt; aber der Vicomte selbst gab dieser schon absterbenden Eitelkeit neue Kräfte.

Schon fieng Klairant an, sich wieder an seine vorige Lebensart zu gewöhnen, und benutzte die Unterrichtsstunden sehr ordentlich. Der Schloßgarten, den er eine Zeitlang zu seinem Tummelplaze gewählt hatte, wurde ihm wieder zu eben, zu regelmäßig; er durchflog mit seinem Freunde wieder das Gehölz, wo Berge zu erklettern und Gräben zu überspringen waren. Das Bild der schönen Klara verschwand gänzlich aus seiner Phantasie; höchstens erinnerte er sich ihrer, wenn er den Kammerdiener erblikte.

Eines Tages, als Klairant seinen Freund nach Hause begleitete, fanden sie Klaren im Garten, durch den sie giengen. »Deine Schwester, Plessis!« sagte Klairant, nahm den Hut ab, und wollte sogleich umkehren; aber Klara verbeugte sich, und nun mußte er doch einen Augenblik bleiben. Jezt wollte Plessis seinen Freund ein Blumenbeet sehen lassen. Beide giengen ganz unbefangen, oder vielmehr fremd gegen einander, mit ihm. Als sie in eine Allee umbogen, stand auf einmal der Vicomte vor ihnen. Klairant bot so eben Klaren seine Hand, weil sie bei dem eiligen Gehen auf ihr Kleid getreten hatte, und beinahe gefallen wäre. »Klara,« sagte der Vicomte, »geh auf dein Zimmer! Ich verbiete dir Klairants Gesellschaft. Ein Mädchen wie du darf seinem Stande nie etwas vergeben.« Die drei jungen Leute errötheten. Klara fühlte im Zurükgehen sehr tief, daß Klairant von ihrem Vater beleidigt war, und warf einen bittenden Blik auf ihn. Sie sah, als sie neben ihrem Vater her gieng, sich dreimal nach ihm um, und mit jedem male freundlicher. Klairant war tief erschüttert. Noch nie hatte er lebhaft an den Unterschied des Ranges gedacht, der ihn von der Familie des Vicomte trennte; jezt fühlte er den Abstand auf einmal, und mit einer so höchst bittern Empfindung, daß er die Hand vor die Augen schlug, und, in sich verloren, mit dem demüthigenden Gefühle beleidigt zu seyn, einige Sekunden schweigend stehen blieb. Endlich zog er die Hand langsam vor seinen Augen weg, in denen große Thränen hiengen. Er warf einen Blik auf seinen Freund, rief mit einem zerschmetternden Tone: »o Herr dü Plessis!« und entfernte sich dann langsam drei Schritte von ihm. Auch Plessis hatte Thränen in den Augen. Er flog hinter Klairant her, schloß ihn in seine Arme, und sagte: o, mein Klairant! ist das die ewige Freundschaft, die du mir so oft zuschworst? Bin ich mein Vater? – Lieb' ich dich nicht? kann dich Jemand zärtlicher lieben, als ich? hab' ich dir je etwas verschwiegen? bin ich nicht dein Bruder? O, Klairant! Klairant! nenne mich nie wieder so! so verächtlich!

Klairant schluchzte jezt an du Plessis Brust. Seine Eitelkeit war zu tief gekränkt, als daß die Worte seines Freundes ihn beruhigen konnten. Er wollte durchaus weggehen, durchaus allen Umgang mit dem jungen Plessis aufheben. »Nein!« sagte er; »nein! mit welcher Empfindung kannst du einen Menschen, den deine Schwester mit Verachtung behandelt, deinen Freund nennen!«

Meine Schwester? dich?.... Klairant sei nicht ungerecht! Sahst du denn nicht den Blick den sie dir zuwarf, als mein Vater die unglüklichen Worte sagte? sahst du nicht, wie sie noch dreimal den Kopf umwendete? Waren das Blike der Verachtung, so kannst du meine Empfindung für dich Haß nennen. Klairant, laß den Vater denken, wie er will; die Liebe seiner Kinder hält dich schadlos!

Plessis brachte eine ganze Stunde damit zu, Klairant zu beruhigen. Endlich giengen Beide Arm in Arm, und schweigend, nach dem Schlosse zurük: Klairant noch immer in dem Gefühle seines gekränkten Stolzes, und mit dem Schnupftuche vor den Augen. Klara stand an ihrem Fenster. Dem gutherzigen Mädchen war die Beleidigung, die Klairant um ihrentwillen erlitten hatte, sehr nahe gegangen. Sie fühlte keinen Verdruß darüber, daß sie nicht in seiner Gesellschaft seyn sollte: denn daran war sie schon seit zwei Jahren gewöhnt; allein sie wünschte sich doch eine Gelegenheit, ihres Vaters Unrecht wieder gut zu machen. Als sie Klairant so betrübt an dem Arme ihres Bruders daher kommen sah, dachte sie: wenn er doch aufblikte! denn sie war entschlossen, ihm eine sehr freundliche Miene zu machen; allein er that es nicht. Ihr Mitleiden wurde durch seine Stellung immer größer; und sie wollte ihm nun einmal zeigen, daß sie Antheil an ihm nähme. Als er so eben unter ihrem Fenster weggieng, warf sie ihm eine Rose, die sie in der Hand hielt, auf den Kopf. Klairant blikte in die Höhe. Sie lächelte ihm mit aller der Anmuth und Freundlichkeit zu, deren sie nur fähig war. Er hob die Rose auf, hielt sie an seine Lippen, drükte sie in seine wieder hervorquellenden Thränen, und stekte sie dann mit sprechender Pantomine an seine Brust. Die Thränen in seinen Augen lokten auch Klaren ein Paar mitleidige Thränen ab. Er bemerkte es, warf noch einen seelenvollen Blik zu Klaren hinauf, schlug die Hand vor die Augen, drükte die Rose wieder an seinen Mund, und eilte dann aus dem Garten.

In diesem Augenblike geriethen die Phantasie und das Herz der beiden jungen Leute in die stärkste Bewegung. Klara blieb den ganzen Abend im Fenster liegen, und schwärmte in den süßen Träumen der befriedigten Eitelkeit umher. »Klairant weinte seine Thränen um sie; durch die Trennung von der reizenden Klara, nicht durch die Beleidigung ihres Vaters, war er so erschüttert; Liebe zu ihr, nicht gekränkter Stolz, hatte diesen Kummer über sein Gesicht verbreitet.« Ihre Brust schlug hoch bei diesen Gedanken. Sie sah Klairant, wie er jezt zu Hause in stiller Trauer da saß, an nichts als an Klaren dachte, von nichts als von ihr träumte; wie der Schmerz, von ihr getrennt zu seyn, seine Seele zerriß; wie er nur aus ihrem Geschenke, der Rose, die einzige Freude sog, deren sein Herz noch fähig war. Zugleich erwachte in ihrer Brust mit neuer Stärke das unwiderstehliche Verlangen, den unglüklichen Jüngling wiederzusehen, und ihn, wenn auch nicht von seiner Leidenschaft zu heilen, doch von Verzweiflung zu retten. Alle Wege, durch welche die Liebe in ein Herz eingeht, öffneten sich jezt in der Brust des unbedachtsamen Mädchens. Die Bahn, welche der Vater verschliessen wollte, war geebnet, und mit allen lokenden Freuden besezt. Klara träumte nun die Nacht von Zusammenkünften mit Klairant; und noch ehe sie ein Wort der Liebe mit ihm gewechselt hatte, lagen in ihrem Kopfe schon tausend Mittel bereit, die Wachsamkeit ihrer Verwandten zu hintergehen.

Klairant war um nichts ruhiger. Auf dem Wege nach Hause warf er sich unter eine Weide an der Wiese nieder, und betrachtete seine theure Rose, das kostbare Unterpfand von Klarens Liebe. Er hatte die Beleidigung des Vicomte, über den schönen Ersaz, den Klara ihm dafür gegeben, gänzlich vergessen. »Sie sah sich,« dachte er, »dreimal mit diesem süßen Lächeln um; und ich Thor, ich merkte es nicht! Schon lange zeichnete mich ihr zärtlicher Blik, ihre holde Freundlichkeit aus; und ich Blinder sah und hörte nicht! O, was mag es dem Herzen des edlen Mädchens gekostet haben, mir durch dieses theure Geschenk ihre Liebe zu gestehen! Wie dank' ich jezt ihrem Vater, daß er mir durch seinen Stolz dieses Glük verschaffte! Ich sah nichts; und Alle hatten ihre aufkeimende Liebe schon gesehen. Ihr Vater merkte sie; und ich, ich allein!« – Seine Augen blizten, seine Wangen glüheten, seine Brust hob sich gewaltig. Jezt erinnerte er sich an die Worte des Bruders; auch sie schienen ihm Klarens Liebe zu bestätigen. Er sank in das Gras, schwärmte in die fernste Zukunft hinaus, hielt Klaren in seinen Armen, küßte ihre rothen, frischen Lippen; und aus seiner schöpferischen Phantasie goß sich ein Strom von heißer Liebe in seiner Seele.

Erst spät am Abend kam er triumphirend nach Hause. Fröhlich, wie die glükliche Liebe, sezte er seine Rose in Wasser, sicherte das Glas vor jedem nur möglichen Zufalle, und nahm es mit auf seine Kammer; kurz, er begierig die Thorheiten, die alle junge Menschen, wenn sie zum erstenmale lieben, begehen.

Am andern Morgen war er mit der Sonne auf, und in dem Garten des Vicomte. Er saß eine ganze Stunde in der allerunbequemsten Stellung hinter einem Gebüsche, und heftete seine Blike auf Klarens Fenster. Mit jeder neuen Minute glaubte er, eine Bewegung dahinter zu bemerken, und dachte: das ist sie! Sein Blut flog heiß in sein Gesicht, sein Athem stokte; und es war nichts. Endlich sah er wirklich eine Bewegung; und – o Himmel! o Erde! – sie war es. Er konnte ihre Gestalt ganz deutlich unterscheiden; und der Busch, an dem er sich hielt, bewegte sich nun mit Heftigkeit. Sie gieng hinter dem einen Fenster, trat heran, öffnete es, und stüzte sich in demselben auf einen Elbogen. »O Himmel!« dachte er; »bin ich sonst blind gewesen? So – so reizend, habe ich sie nie gesehen!« Die braunen Loken flossen ihr auf die weißen Schultern, und nur sie verhüllten den jugendlichen Busen. So sah er Klaren lange, und war immer entschlossen, fest entschlossen, hervorzutreten; aber doch verbarg er sich immer mehr hinter den Blättern.

Auf einmal, er wußte selbst nicht wie, riß ihn ein Etwas hervor, Klara erschrak, und trat zurük, doch nur so weit, daß sie noch immer aus dem Fenster sehen konnte. Endlich zog ihre schöne, weiße Hand dies zu. Nach einigen Augenbliken fuhr es, wie von einem Stoße, noch einmal auf, und Klara ließ sich, aber jezt mehr angekleidet, aufs neue sehen. Sie warf ein Papier hinaus, und machte nun das Fenster wieder zu. Klairant nahm das Papier auf, eilte in den entlegensten Theil des Gartens, und las verstohlen die Worte: »Gehen Sie, Klairant, man könnte Sie bemerken.« Er küßte die Buchstaben, bis sie kaum noch zu lesen waren, gieng dann, wie ein Trunkener, durch Feld und Wald, strauchelte, weil er im Gehen noch immer den Zettel las, an jeder Wurzel, und kam erst gegen Mittag nach Hause, wo Plessis schon seit zwei Stunden auf ihn hoffte. Dieser eilte seinem Klairant mit der tröstenden Miene der Freundschaft entgegen, und wollte ihn über die Beleidigung von gestern Abend beruhigen, aber zu seinem Erstaunen fiel Klairant ihm mit allen Zeichen einer wonnevollen Trunkenheit um den Hals, und trieb eine Thorheit über die andre. Plessis fragte nach der Ursache dieser Freude; und die Antworten, die er bekam, waren offenbar nur Ausflüchte. Noch unbegreiflicher wurde Klairant, als er an seines Freundes Seite auf einmal in stille Träumereien versank, aus denen ihn weder Fragen noch Vorwürfe weken konnten, bis er endlich eben so schnell wieder in fröhliche Possen übergieng. Nahe vor Pillon, wohin er den jungen du Plessis begleitete, sagte er auf einmal: »Ah! eh' ich es vergesse! Nimm doch deiner Schwester dieses Vergißmeinnicht mit.« – Meiner Schwester, lieber Klairant? – »Nun ja; wir stritten neulich über das eigentliche Vergißmeinnicht. Ich versprach, ihr eins zu bringen. Nimm es ihr mit; ich bitte dich darum.«

Plessis sah seinem Freunde noch lange nach, und schüttelte den Kopf. Endlich brachte er seiner Schwester das Vergißmeinnicht, und erzählte ihr, was er mit Klairant gesprochen hatte. »Das also ist das rechte Blümchen?« sagte Klara verwirrt und erröthend. Sie sezte es, sobald sie allein war, in ein Glas mit Wasser, und verbarg es, wie eine Verrätherei.

Man kann sich leicht denken, was für Bewegungen jezt in Klarens Seele vorgiengen. Es schmeichelt jedem Frauenzimmer, geliebt zu seyn; vorzüglich aber mußte es Klaren schmeicheln, von Klairant geliebt zu werden. Er war ein männlich schöner Jüngling: darüber hatten alle Frauen und Mädchen in Chatillon, Pillon und Mangienne nur eine Stimme. »Ein reizender junger Mensch!« so sagte selbst Klarens Mutter sehr oft, wenn sie den Jüngling zu sehen bekam. – O! hatte die Kammerjungfer der gnädigen Fran einmal hierauf erwiedert: o, zum Küssen, gnädige Frau! In Paris würden sich Marquisinnen und Herzoginnen um ihn reißen! – Ach, einen solchen Mann zu haben! sagte ein andermal die zweite Kammerjungfer der Vicomtesse mit einem tiefen Seufzer, und konnte ihre Augen nicht von ihm losreißen. Selbst dem alten Vicomte fiel das Aeußere des jungen Klairant auf. »Gewiß,« sagte er einmal zu dem Prior; »kein Marschall von Frankreich kann einen stolzeren Gang, eine edlere Stellung haben, als Ihr Louis.« Der Prior erwiederte lächelnd: ja, Herr Vicomte! er hat in seinem Blik und Wesen etwas Großes; dafür ist aber auch in seiner Brust ein sehr edles und stolzes Herz. Glauben Sie mir, kein Marschall von Frankreich kann ein edleres haben.

Und von diesem Jünglinge war Klara geliebt! O, gewiß, es ist ihr zu verzeihen, daß sie heute an ihrem Tischchen den weissen Arm lässig auf ihre Stikerei lehnte, das süsse Gift der Liebe aus ihrer Phantasie noch immer stärker einsog, und mit einem triumphirenden Lächeln dachte: »ich bin von ihm geliebt!« – (Ihre Brust flog bei diesem Gedanken höher, als je in ihrem Leben.) »Dieser Jüngling, dessen Herz auch einem Marschall von Frankreich Ehre machen würde, sizt, ehe die Sonne aufgeht, in einem Gebüsche, meinem Fenster gegenüber, und wartet stundenlang geduldig auf einen meiner Blike. Mein Lächeln hebt den stolzen Jüngling in den Himmel; mein ernster Blik könnte ihn in Verzweiflung stürzen.« Ihre Augen funkelten bei diesem Gedanken; ihre feinen Lippen öffneten sich, die Seufzer der Freude und der Gegenliebe leise zu verhauchen. Sie gieng langsam zu ihrem Vergißmeinnicht, drükte es an ihren Mund, an ihr wallendes Herz, lebte bei diesem theuren Pfande seiner Liebe in schönen Träumen der Zukunft, und sank in seine Arme, an seine Lippen.

In dieser Minute süsser, betäubender Schwärmereien hörte sie Klairants Stimme im Garten, und ihr Herz wallte noch heftiger. Sie flog an das Fenster, öffnete es, und ihr Auge begegnete dem seinigen. Jezt vertauschten sie ohne Worte ihre Herzen. Sie lächelte herab, mit dem sehnsuchtsvollen, freundlichen, matten, wehmüthigen Blike, den nur die Liebe hat, die erste schwärmerische, jugendliche Liebe eines heissen Herzens. Klairant lächelte zu ihr hinauf (einen Blik der Liebe mit Triumph gemischt), und drükte die rechte Hand fest auf sein Herz; seine ganze Seele lag in den Augen, die er zu Klaren emporhob. Doch bald legte er die Hand auf die Stirn, und sein Haupt sank wieder auf die Brust. In Klarens Augen traten ein Paar Thränen. Auch sie legte die Hand vor die Stirn, und seufzte, weil sie ihn seufzen, und weinte, weil sie ihn weinen sah. So sehr waren schon jezt ihre Herzen in allen Empfindungen Eins.

Am folgenden Morgen stand Klara mit dem ersten Sonnenstrahle auf, warf sich schnell in ihre Kleidung, und blikte dann, hinter der Gardine weg, durch das Fenster. Der liebende Jüngling war schon in seinem Gebüsche, ihrem Zimmer gegenüber. Klara erröthete, öffnete langsam das Fenster, legte sich hinein, und betrachtete sehr aufmerksam jede Gegend des Himmels und des Gartens, nur die Stelle nicht, wo Klairant war. Sie sang mit leiser Stimme ein Liedchen, als ob sie von nichts wüßte, nichts ahnete, gieng dann zurük, that ein Paar Griffe auf der Harfe, und sezte sie schnell wieder hin, weil ihr Mädchen hereinkam, und zu ihr sagte: mein Gott! Sie sind schon auf? Nun trat sie mit einem Buche ans Fenster. Die arme Klara hätte gern unbefangen geschienen; und die Brust war ihr doch wie in einen eisernen Reifen geklemmt. Sie wollte umblättern, und hätte beinahe das Blatt zerrissen: so wenig war sie ihrer Hände mächtig! Sie legte das Buch weg, holte ihr Vergißmeinnicht, und stekte es am Fenster vor ihren Busen – alles, damit Klairant glauben sollte, sie merke ihn nicht. Und – noch seltsamer! – Klairant glaubte das wirklich. Es verdroß ihn, daß sie nicht Einen Blik auf die Stelle warf, wo er verborgen war; und endlich kam er hervor. Klara winkte ihm mit der Hand, daß er weggehen sollte, warf das Fenster zu, und war dann sogleich verschwunden. Klairant gieng, und wußte erst nicht, ob er sich freuen oder betrübt seyn sollte; doch endlich ahnete sein Herz das Wahre, und schwamm nun in unaussprechlicher Wonne.

Der Vicomte merkte von dem Allen nichts; denn Klara befolgte ja seine Befehle, und selbst genauer, als er es verlangte. Trat Klairant mit dem jungen Plessis in das Zimmer, und sie war von ungefähr zugegen, so verließ sie es, mit hoher Purpurröthe auf den Wangen, unter dem ersten besten Vorwande; und eben so angelegentlich suchte auch Klairant sie zu vermeiden.

Desto fleißiger wurden aber die Morgenunterhaltungen fortgesezt. Kein Sturm, kein Regen, kein Gewitter hielt Klairant davon ab. Er war mit der frühesten Dämmerung auf seinem Posten, so wie Klara an ihrem Fenster; und sie lächelte noch einmal so freundlich, wenn es gerade regnete oder stürmte.

Sie sahen indeß einander auch noch ausserdem. Sonntags fuhr Klara mit ihrer Mutter nach Chatillon zu der Messe; und jedesmal fand sie ihren Freund an der Kirchthür. Unmittelbar nach ihr nahm Klairant das Weihwasser, und besprizte sich mit einer Art von Wollust; denn Klara hatte ja so eben ihre schönen Finger in das Wasser getaucht. Dann kniete er bald hinter ihr, bald rechts oder links, ein wenig zurük. Sie hörte ihn seufzen, und seufzte mit ihm, sah sich auch wohl einmal verstohlen um. Darüber machte sie einen Fehler nach dem andern, so daß ihre Mutter sie öfters anstossen mußte: sie blieb stehen, wenn die ganze Gemeinde kniete; ließ das Buch fallen, das ihre Hände hielten; und seufzte, anstatt den Rosenkranz zu bewegen. Sie sah nichts von dem Allen, was jeder Andre sah, und hörte nicht, was jeder Andre hörte. Fragte ihre Mutter etwas, so sah Klara ihr starr, mit einem tiefen Seufzer, in die Augen, und gab entweder keine, oder eine verkehrte Antwort. Nie hatte Klara andächtiger ausgesehen, und nie war sie es weniger gewesen, als seitdem Klairant in der Kirche sich immer so nahe bei ihr befand.

Nach dem Gottesdienste traten Mutter und Tochter gewöhnlich auf einen Augenblik bei dem Prior ab. Auch hier schien Klairant die geliebte Klara zu vermeiden. Er wagte es zwar einmal, sie anzureden; aber sie gerieth durch die wenigen Worte, die er ihr sagte, in eine so auffallende Verwirrung, und er selbst wurde, als er das geliebte Mädchen so dicht vor sich stehen sah, als ihr Athem seine Wangen berührte, und der milde Strahl ihres Auges in sein Herz fuhr, von seinen Empfindungen so heftig überrascht, daß er die Unterredung sogleich abbrach, und nie wieder eine wagte. Er gieng nun jeden Sonntag durch das Zimmer, wo Mutter und Tochter standen, legte schweigend einen Blumenstrauß in das Fenster, auf den Tisch, oder auf den Betaltar des Priors, und verließ dann sogleich das Zimmer. Das erstemal warf er dabei einen bedeutenden Blik auf Klaren. Sie verstand ihn, nahm den Strauß heimlich weg, und legte den ihrigen an dessen Stelle. So vertauschten Beide Sonntag für Sonntag ihre Blumen, diesen Kalender der Liebe, und bewahrten sie, wie Heiligthümer. Die Mutter sah einmal die vielen welken Blumen bei ihrer Tochter, und lächelte, als diese ihren Geschmak daran aus allen Kräften vertheidigte. Sie erzählte dann in Gegenwart des Priors, daß Klara den kindischen Einfall gehabt hätte, alle ihre Blumensträuße aufzubewahren. – »Das thun, glaub' ich, fast alle junge Leute,« erwiederte der Prior gutmüthig; »auch mein Louis hat eine Sammlung von welken Blumen, die er sogar den schönsten frischen vorzieht.« Klara wurde roth, wie eine Purpurrose. Der alte Vicomte merkte noch immer nichts; er glaubte, sie schäme sich ihrer Kinderei, und lachte über ihr Erröthen. Klara fühlte sich sehr erleichtert, als das Gespräch auf etwas Andres kam, und die Blumen waren ihr seitdem lieber, als je. Diese allein gaben jezt der Liebe Beider Nahrung; die Empfindungen ihrer Herzen wurden dadurch immer lebendig erhalten, und jeden Sonntag durch neue Blumen wieder angefrischt.

Dennoch würde eine nur so unterhaltene Liebe sich endlich in sich selbst verzehrt haben, wenn nicht ein Zufall dem Herzen und der Phantasie der beiden jungen Leute einen neuen und reicheren Strom von Nahrung zugeführt hätte. Der Herbst näherte sich, und die fröhliche Weinlese kam. Auf der Höhe von Mangienne besassen die Abtei und der Vicomte gemeinschaftlich einen Weinberg, den sie verpachtet hatten. Der Pächter lud den Vicomte und den Prior zu einem kleinen Feste ein, das er den Winzern und seinen Leuten geben wollte. Der Vicomte fuhr mit seiner Familie dahin, und auch der Prior gieng mit Klairant nach dem Weinberge. Mit Herzpochen hatte Klara sich angekleidet, und heute vorzüglich sorgfältig, vorzüglich reizend; denn dort sollte sie ja ihn sehen und sprechen, einen ganzen Tag lang sehen, ach! und vielleicht, wenn ihr Vater es erlaubte, wohl gar mit ihm tanzen. Endlich saß sie im Wagen, und sprach nicht ein Wort; nur von Zeit zu Zeit kam ein Seufzer, den sie jedesmal, wie Tasso sagt, in der Mitte entzwei brach, aus ihren reizenden Lippen. Das Auge der Mutter hieng mit Wohlgefallen auf ihrer Tochter: so schön war Klara noch nie gewesen; ihre Augen strahlten, ihre Wangen waren in die schönste Rosenfarbe getaucht.

Der Prior mußte seinem Klairant unterweges bei jedem zehnten Schritte zurufen: lauf doch nicht so! Als sie aber Mangienne, das Haus des Pächters, und den Wagen des Vicomte sahen, schlich Klairant eben so sehr, als er vorher gelaufen war. Zitternd stieg er den Weinberg hinan, und er mußte stehen bleiben, um Athem zu schöpfen. Klara gieng, sobald sie ihn erblikte, in das Haus des Pächters, und faßte mit seltsamen Bliken dessen Tochter in die Arme.

Klairant grüßte die Gesellschaft mit ungewöhnlicher Bescheidenheit. »Wahrhaftig,« sagte der Vicomte zu dem Prior, mit dem er an ein Fenster trat; »Ihr Louis wird doch alle Tage hübscher. Sehen Sie nur die lebendige Farbe seines Gesichtes, und zugleich das Sanfte, Gütige, Bescheidene, das er seit einiger Zeit in den Augen hat!«

Er wird ein Mann, erwiederte der Prior: das Knabenfeuer ist bei ihm verraucht; und, Herr Vicomte, Sie kennen ja die Jahre, worin das Herz anfängt zu fühlen. Man sieht dann aus wie ein Grillenfänger, und handelt auch so.

»Und ist glüklich, lieber Freund, troz aller Grillenfängerei!«

Der Prior seufzte; er dachte an Gregor's Dekretalen, und hob eine Abhandlung darüber ab.

Jezt, da Klara ihren Vater mit dem Prior, und ihre Mutter mit der Pächterin beschäftiget sah, wagte sie es, mit hoher Röthe im Gesichte und mit ungewissen Schritten, aus dem Hause in das Freie zu treten, wohin Klairant schon gegangen war. Sie ließ sich tief in ein Gespräch mit der Tochter des Pächters ein; das Mädchen antwortete aber nicht ein Wort, weil es schlechterdings nichts von allem verstand, was Klara ihr sagte. Diese machte ganz von weitem Klairant eine tiefe Verbeugung; und er dankte eben so aus der Ferne her, ohne sich einen Schritt näher heran zu wagen.

Sie waren Beide schon zwei Stunden zusammen, ohne ein Wort gewechselt zu haben. Klairant kam endlich näher, aber auf eine seltsame Weise: er sprach auf dem Wege von zehn Schritten, die Klara von ihm entfernt war, wenigstens mit zehn Menschen, redete jeden mit einer Miene an, als ob er sich mit ihm zanken wollte, und gieng, ohne eine Antwort abzuwarten, sogleich einen Schritt weiter, weil er bemerkte, daß der Vicomte nicht nach ihm her sah. Klaren war es, als ob der Boden unter ihr brennte. Sie wäre Klairant gern entgegen gegangen, und doch konnte sie nicht aus der Stelle.

Endlich hatte er sich Klaren bis auf einen Schritt genähert; und gerade sah der Vicomte nach ihr hin. Nun gieng Klara gegen Norden, Klairant gegen Süden, und es waren wieder zehn Schritte zwischen Beiden. – Mutter und Vater mußten blind seyn, daß sie nichts merken. Die Tochter des Pächters hatte hellere Augen, und kicherte heimlich über Klaren und Klairant.

Man tanzte endlich. Neue Verlegenheit. Klairant hätte Alles darum gegeben, einmal mit Klaren zu tanzen; allein, wie konnte er es! Und überdies war ja der Vicomte zugegen. – Er tanzte mit des Pächters Süsette, und mit einigen Bäuerinnen; wenn Klara in der Tour mit ihm tanzen mußte, so wagte er es kaum, ihre Hand zu berühren. – Klara hatte mit dem Sohne des Pächters getanzt; nun sezte sie sich neben ihre Mutter, und wollte zusehen. Auf einmal kam der Vater zu ihr, faßte sie bei dem Arme, und sagte leise: »man muß Niemanden die Freude verderben! Du mußt tanzen, Klara, und mit Klairant.« – O Vater! sagte Klara erröthend. – »Was ich dir erlaube, kannst du ohne Bedenken thun. – Klairant!« Langsam kam der Jüngling; der Vicomte gab ihm Klarens Hand, und sagte: »tanze mit ihr; aber erhizt euch nicht!«

Wie war in diesem Augenblike dem Jüngling! Er nahm Klarens weiche Hand, fühlte sie in der seinigen beben, und es ergoß sich ein Zittern durch alle seine Glieder. Langsam führte er sie auf den Plaz, stellte sich ihr gegenüber, und die Musik fieng an. Er faßte ihre Hand, wagte es aber kaum, sie zu berühren; doch mit jedem Takte wurde er dreister. Er drükte ihre Hand und fühlte einen sanften Druk von der ihrigen, der nun auf einmal Leben in seine Glieder goß. Jezt umfaßte er ihren schlanken Leib; an seine Brust gelehnt, ließ sie ihre Hand auf seiner Schulter ruhen, und so tanzte er langsam und immer langsamer, mit seiner schönen Last die Reihe hinunter. Die Tour wollte, troz allem Winken der Andren, kein Ende nehmen. Klairant hielt seine schöne Tänzerin im Arme, und rührte keinen Fuß mehr; man wußte nicht, ob man noch fortspielen oder aufhören sollte, und Süsette schlug ein lautes Gelächter auf.

Zum Glük war der Vicomte eben mitten unter den Encyklopädisten in Paris, und überschrie die Musik, wie das Gelächter, um dem Prior zu beweisen, daß es für den Adel und die Geistlichkeit gar kein Schade seyn könnte, wenn man sein System einführte; sonst hätte er gewiß gesehen, was Alle sahen, und worüber ein so lautes Gelächter entstand.

Klairant besann sich, und gab, als nun der Tanz aufs neue angieng, kleine Vergessenheiten abgerechnet, ziemlich wohl auf sich Acht. Während der ganzen Zeit wechselten Beide, ungeachtet dieser vertrauten Situationen, auch nicht ein Wort mit einander.

Nach dem Tanze gieng Klairant, um sich zu erholen, in das Gebüsch, und hier warf er sich sich dem Uebermaße seiner seligen Empfindung auf den Boden. Seine Augen waren starr, sein Körper ohne Bewegung; man hätte ihn für eine Bildsäule halten können. Seine Lebenskräfte hatten sich alle in einen Punkt gezogen; in seiner Brust war das Glük aller Menschen.

Klara tanzte noch, aber wie ein Automat; die kleinste Veränderung der Figur verwirrte sie, und man mußte sie beinahe fortzerren. Nach dem Tanze sezte sie sich auf eine Bank vor dem Hause, lehnte den Kopf hinten über, verlor sich in ihre Empfindungen, und blieb so, ohne Theilnahme an Allem, bis gegen Abend sizen. Als es kühl wurde, giengen die Alten in das Zimmer, und plauderten bei einer Flasche Wein von der diesjährigen Lese. Die jungen Leute blieben zusammen in der Küche In Lothringen sind die Küchen in den meisten Häusern der untern Stände das, was bei uns die Wohnzimmer sind., wo sie sich um den Kamin her sezten, und einander Mährchen und Gespenstergeschichten erzählten. Klara saß an dem einen Ende des Kamins, Klairant an dem andern, Beide noch immer in sich verloren. Man wollte Klaren aus ihren Träumen weken; sie nahm, um ihre Zerstreuung zu verbergen, das Blaserohr Souffloir, eine eiserne Röhre, das Feuer anzublasen., und blies das Feuer an. Klairant betrachtete sie mit brennenden Augen, als sie den schönen Mund auf das Werkzeug drükte. Er nahm es ihr aus der Hand, legte seine Lippen, mit auffallender Freude im Blik, auf die Stelle, wo die ihrigen noch kurz vorher ruheten, und schien die Küsse, die sie dem Eisen gegeben hatte, wegsaugen zu wollen.

Eine recht schauerliche Gespenstergeschichte, die Plessis erzählte, machte die ganze kleine Gesellschaft aufmerksam; nur Klaren nicht. Ihr heiteres Auge und ihre ganze Seele waren allein auf Klairant und das süße reizende Spiel seiner erfinderischen Liebe geheftet. Sie warf einen holden, dankbaren Blik auf ihn, nahm ihm das Rohr aus der Hand, und drükte einen sanften Kuß auf dessen Spize. Klairant war außer sich vor Freude; er vergaß, daß er Zeugen hatte, und beugte, mit funkelnden Augen, ein Knie zur Erde nieder. Klara schüttelte den Kopf, und warf einen unruhigen Blik auf ihn; nun beugte er sich geschwind über das Feuer, und schob einen Brand, der vor ihren Füßen lag, in die Flamme. Mit Wehmuth im Blike stand er dann auf, und verließ die Küche auf eine Viertelstunde, um sich in der Einsamkeit von den Empfindungen, die ihn überwältigten, zu erholen.

Sie hatten noch kein Wort mit einander gesprochen, sie waren von zwanzig und mehr Augen beobachtet: und dennoch lehrte die Liebe sie ein Mittel, unbemerkt Küsse zu wechseln, süßere Küsse, als die befriedigte Liebe giebt und empfängt.

Jezt trat der Vicomte in die Küche, und sagte Klaren, daß er wieder nach Hause wollte. Sie nahm Abschied. Alles begleitete sie und ihre Eltern an den Wagen: doch Klairant nicht, der in einen Winkel gedrükt, ihr nur mit den Augen folgte. Klara sah ihn flüchtig an, seufzte, und gieng. Auch er wollte gehen, und näherte sich langsam der Küchenthür. »Mein Fächer!« rief Klara auf einmal, als sie schon einen Fuß gehoben hatte, um sich zu ihren Eltern in den Wagen zu sezen. Sie sprang zurük an die Küche, machte die Thür auf, und stand nun dicht vor Klairant. »Klara!« seufzte dieser mit einem wehmüthigen Tone, der gewaltig auf sie wirkte. Sie sah ihn ängstlich, zitternd an, und erhob ihre Hand. Er breitete die Arme aus; sie sank hinein, und ihre heißen Lippen berührten einander. Klara eilte nun zu dem Wagen, sprang hinein, und saß auf dem ganzen Wege wie betäubt. Klairant hielt sich an dem Thürpfosten; denn es war, als ob die Erde unter ihm schwankte.

O Natur, wie unerschöpflich ist dein Reichthum! wie vielfach sind die Bande der Liebe, mit denen du Menschen umschlingen kannst! Klara und Klairant haben einander kaum dreißigmale gesehen, und kaum genug Worte gewechselt, um einander als Bekannte grüßen zu können: und doch sind ihre Herzen schon eins, ihre Empfindungen ganz in einander verschmolzen. Klairant würde sich für sie, die er nicht kennt, in die Hölle stürzen, wenn sie es forderte; Klara würde ihm durch stürmende Meere folgen, wenn er sie darum bäte. Wie heißt das Band, mit dem du diese zwei Herzen zusammenknüpftest? Liebe nicht: sie haben ja an einander noch keine Vollkommenheiten gesehen; auch nicht Vertrauen: sie wagen es ja kaum, einander ins Gesicht zu bliken; noch weniger Achtung: sie kennen einander fast nicht. Hieße es: Eitelkeit, Selbstsucht? O, nennet diese hingebende Empfindung nicht mit einem so verhaßten Nahmen! Klairant würde für einen Druk von Klarens weicher Hand eine Krone verschmähen; sie würde mit ihm in eine Wüste fliehen, und zufrieden seyn, wenn er sie nur seine geliebte Klara nennte. So heiße denn dieses Band wie du selbst: Natur, oder Menschlichkeit. Sie ist die Wurzel, aus der du die bessere Liebe – dauernde Freundschaft, wohlthätiges Vertrauen, volles Ergießen der Herzen gegen einander – wachsen lässest; ihre Blüthen sind Humanität, und ihre Frucht Glükseligkeit.

Tadelt diese Empfindung nicht, ihr Moralisten, weil ein Hauch, ein Wort, ein Blik, ein Tag sie erzeugte; weil sie so vergänglich ist, daß ein Hauch, ein Wort, ein Blik, ein Tag sie wieder zerstören kann. Nennet sie nicht Thorheit, weil der Jüngling nicht zu sagen weiß, wie sie entstand, wodurch sie ihn mit Allmacht besiegte. Sie ist unter dem Schuze der Natur. Sei sie auch ein Rausch, der den Jüngling bethört, und ihn nur allzu oft unglüklich macht; wessen ist die Schuld? Euer, die ihr der stärksten von allen Leidenschaften, wie einer Fabel, spottet; den Jüngling nicht Liebe von Sinnlichkeit unterscheiden lehrt; Sinnlichkeit, Wollust und Liebe in eine Klasse werft; und, wenn ihr endlich zufällig dem Sturme an das unsichre Ufer des Alters entronnen seid, wie der Pharisäer ausruft: ich danke dir Gott, daß ich nicht bin, wie andere Leute!

Liebe war es nicht, was Klaren und Klairant zu einander zog; nur erwachte Sinnlichkeit, das rege gewordene Herz, Instinkt der Natur. Ein Zufall leitete Klairants Empfindung auf Klaren; ein Zufall machte ihn zum Gegenstande ihres erwachten Herzens. Des Vaters Unvorsichtigkeit führte sie zusammen; Eitelkeit knüpfte das Band, und Furcht vor Entdekung befestigte es stärker. Der einzige Kuß, den Klara dem Jünglinge gab, ertheilte dann der Empfindung undenkliche Kraft. Aber dennoch würde diese Liebe, so stark sie auch schon war, durch die Zeit wieder zerstört worden seyn, wenn nicht ein Zufall die Liebenden gelehrt hätte, daß sie alle Hindernisse, welche ihrer Liebe der Stand in den Weg legte, übersteigen könnten.

Noch immer brannte der erste Kuß in Beider Seele. Klairant war noch manchen Morgen in dem Gebüsche, dem Fenster seiner Klara gegenüber; doch kam er nicht mehr an jedem Tage: denn Plessis hatte ihm behutsam zu verstehen gegeben, daß der Gärtner seine Morgenbesuche bemerkt hätte, und daß die Domestiken im Hause davon sprächen. Er mußte sie endlich ganz unterlassen, weil das Gebüsch seine Blätter verlor, und ihn nicht länger verbergen konnte. Die Besuche an den Sonntagen ausgenommen, sahen die Liebenden nun einander gar nicht mehr; und auch diese einzige, lezte Freude zerstörte der herannahende Winter.

Je heißer Klairant seine Klara liebte, desto mehr fürchtete er ihren Vater. Er kam nur selten nach Pillon, obgleich der junge Plessis ihn oft in Chatillon besuchte. Die einzigen Nahrungsmittel für Klairants und Klarens Liebe waren nun ihre stillen Träumereien. Aber wie viel mehr ist ein Blik, ein Händedruk, ein Kuß, als Träume, die nach und nach das Herz und die Phantasie ermatten! – Anfangs hatte Beider Liebe in diesen süßen Träumen allerdings Nahrung genug. Klara saß ganze Tage in ihrem Kabinet an dem Stikrahmen, oder mit ihrer Nähterei, oder vor einem Buche; aber sie that keinen Stich, und las keine Sylbe. Mit ernsten Bliken, den Kopf auf die Brust gesenkt, sah sie auf eine Stelle, sprach, wenn sie nothwendig einmal sprechen mußte, nur in einem kranken, schmachtenden Tone, verbot ihrem Mädchen zwar nicht, kleine Possen zu treiben, aber verzog dabei auch keine Miene zum Lachen. Eben so gieng sie ohne alle Theilnahme in den Alleen des Gartens auf und nieder. Kam ein neues Kleid aus Paris für sie an, so wurde es besehen, probiert, und dann weggelegt; denn sie konnte sich ja nicht für ihn damit puzen. Die Mutter wurde besorgt, und schikte nach einem Arzte. Der nannte die Krankheit Mattigkeit, und schrieb sie dem schnellen Wachsen zu. Klara lächelte über dieses Urtheil, und dachte! »so gebe der Himmel, daß ich beständig wachsen mag!« Ihre Krankheit dünkte sie ja so süß, es war Klairants Kuß, der noch immer auf ihren Lippen brannte.

Klairant war um nichts ruhiger. An jedem Tage warfen seine Eltern, der Prior, und sein Freund ihm vor, es sei mit ihm gar nichts mehr anzufangen. Er gieng wie in halber Schlafsucht umher, und seine liebsten Beschäftigungen hatten allen Reiz für ihn verloren. Jezt verschloß er sich ganze Tage in die Bibliothek, nahm auch jedesmal einen Folianten hervor, und schlug ihn auf, versank dann aber bald in seine Träume. Der Prior glaubte Anfangs, sein Louis studiere fleißig; doch bald schüttelte er bedenklich den Kopf, da er den Jüngling einige Tage hinter einander vor einem griechischen Kirchenvater sah, ob er gleich, so wenig wie sonst jemand in Chatillon, nicht eine Sylbe Griechisch wußte. Klairants Eltern meinten, seine Krankheit wäre Gelehrsamkeit. Ach nein! noch immer machte Klarens Kuß ihn krank.

Nach und nach ermattete aber doch Beider Phantasie, als durch sie alles geschehen war, was nur ein Romanendichter erfinden kann. Klairant hatte Klaren hundertmal entführt, aus Feuer und Wasser gerettet, sie dem Vater abgetrozt und abgebettelt; er war geadelt worden, Minister, Liebling des Königs gewesen, und hatte, um sich Klarens Hand zu erwerben, als Marschall von Frankreich die halbe Welt zerstört, Flandern erobert, und neue Länder entdekt. Klara hatte die Hand von zehn Marquis und Herzogen ausgeschlagen, war schon hundertmal dem Tode aus Liebe nahe gewesen, schon zwanzigmal ihn wirklich gestorben, und hatte dann mit frohem Herzpochen gesehen, wie ihr Vater neben ihrem Sarge laut jammerte, und wie ihr Klairant sie nicht überleben wollte. Sie war schon dreimal als Bettlerin mit ihrem Geliebten um die Erde gegangen, und hatte schon sehr oft und sehr lange als eine Bäuerin, vor der ganzen Welt verborgen, mit ihm in einer kleinen Hütte gelebt. Kurz, die Phantasie konnte nichts Neues mehr erfinden, und die Einsamkeit fieng an, Beiden ein wenig langweilig zu werden. Hätten sie nur einem Vertrauten erzählen können, welche Opfer sie der Liebe brachten, so wäre die Eitelkeit doch wenigstens noch eine Zeitlang im Stande gewesen, die Phantasie zu unterstüzen; allein auch der Vertraute fehlte ihnen. Die erste Liebe ist ja verschwiegen, wie das Grab.

Klara konnte sich Niemanden entdeken. Klairant hatte zwar seinen Plessis, und nahm sich auch wohl vor, ihm seine Liebe zu gestehen: aber das Wort erstarb ihm auf der Zunge, wenn er ohne alle Veranlassung davon reden sollte; und der junge, leichtsinnige Plessis fragte ihn nicht, weil er nichts ahnete. Kurz, die von dem ersten Kuß entzündete Flamme wurde allmählig schwächer; Klara hörte auf so stark zu wachsen, und Klairant so übermäßig gelehrt werden zu wollen. Eine Reise von einem Jahre würde die ganze Sache geendigt haben; doch das Schiksal wollte es anders. An welchen Zufällen hangen auf der Erde Glük und Unglük!

Klairant trieb jezt seine Geschäfte wieder mit mehr Ruhe. Schwärmerei war ihm indeß zum Bedürfnisse geworden, und er wurde nun ein Schwärmer in der Freundschaft. Er schloß sich mit immer stärkerer Innigkeit an den Bruder seiner Geliebten, die er so selten einmal sah, und Beide studierten jezt eifriger zusammen, als jemals. Klairant wollte sich für jedes Fach geschikt machen, um einst dem Glüke durch Mühe und Verdienst das abzuzwingen, was die Geburt ihm versagt hatte; diesen Vorsaz bewirkten bei ihm die Liebe, die noch immer in seinem Herzen war, und der sehr natürliche Stolz einer edlen Seele. Er kam nun zuweilen wieder nach Pillon; doch sah er Klaren höchst selten, und noch überdies nie ohne Zeugen.

Der Vicomte hatte ihn jezt so lieb, wie ein Mann von alter Familie den Sohn eines Pächters lieb haben konnte. Klairant war auch nicht mehr der stolze, wilde Bursche, der ihm ins Gesicht widersprach, sondern ein wohlerzogener Jüngling, der durch seine Bescheidenheit und seinen männlichen Ernst die Ehre, bei dem Vicomte aus und ein zu gehen, verdiente.

Eines Tages war Klairant mit dem Prior wieder einmal bei dem Vicomte. »Wer ist denn von euch Beiden der größte?« fragte dieser. »Stellt euch einmal Rüken an Rüken!... So!« Man fand, daß der junge du Plessis etwa einen Finger breit größer war, als Klairant. In diesem Augenblike trat Klara mit ihrer Mutter in das Zimmer. »Meine Kinder wachsen mir über den Kopf,« sagte der Vicomte; »ich glaube, Klara ist nicht viel kleiner, als Ihr Louis.« Vier Finger breit wenigstens, meinte der Prior. – Der Vicomte bestritt das. »Komm her, Klara! Tritt einmal hinter Klairant! Nun doch! mit dem Rüken gegen ihn!... Was besinnst du dich denn lange? Geschwind! Ich will euch messen! ... So! ... Nun recht nahe an ihn!« Er schob sie dicht zusammen; und Beide durchlief ein Schauder, als sie einander in allen Punkten so nahe berührten. »Sehen Sie, lieber Prior? sehen Sie? Da fehlt gar nichts.« – Ja, wenn sie die Frisur mitrechnen! – »Nein, nein! ohne Frisur! Wendet euch um, Kinder ... Nun doch!... Gesicht gegen Gesicht!... Warum nicht gar lieber eine Meile weit aus einander! Dicht zusammen! ... Nun sehen Sie wohl, Prior? ... Stirn an Stirn! So steht doch gerade! Näher, immer näher! ... Da sehen Sie es ja: nicht zwei Finger breit ist Klairant größer! ... Nun ist es gut, kleine Närrin; nun ist es gut!«

O nein, Herr Vicomte! es ist nicht gut; wahrlich, es ist nicht so gut, wie Sie meinen! Sie bringen da zwei Menschen, deren Herzen noch heimlich für einander schlagen, in eine Stellung, daß Gesicht an Gesicht liegt, daß Athem sich mit Athem vermischt, und beinahe ein Kuß wird; in eine Stellung, daß Klairant die Herzensschläge Ihrer Tochter mit seiner Brust auffängt, die sich gewaltsam hebt und ihre Unruhe dem Busen des Mädchens mittheilt! – Wo hatte der Vicomte die Augen, daß er die Veränderung, die mit Beiden in dieser Minute vorgieng, nicht bemerkte, und sich ganz ruhig wieder zu dem Prior sezte! Klara trat, mit allen Zeichen einer innern heftigen Bewegung, an das Fenster; Klairant kehrte sich gegen die Wand, taumelte dann beinahe zur Thür hinaus, und gieng in den Garten. Die Mutter bemerkte die glühende Röthe auf Klarens Wangen, die funkelnden Augen, die heftige Bewegung des Flors um ihren Busen. Sie warf einen ahnenden Blik auf ihre Tochter; auch schüttelte sie mit einer sehr bedenklichen Miene den Kopf, als sie zwei Stunden nachher in Klarens Kabinet kam, und diese noch mit eben der Farbe, mit eben den Augen, in eben der gewaltsamen Bewegung, den Kopf auf ihre Hand gestüzt, in sich selbst versunken, da saß. »Ei,« dachte sie indeß eine halbe Stunde darauf: »es ist nichts, gar nichts! Sie sehen einander ja kaum jede Woche einmal, und immer nur unter meinen Augen.« Damit ließ die thörichte Mutter es gut seyn, und vergaß die ganze Sache.

Jezt hatten aufs neue gewaltige Empfindungen Beider Herzen ergriffen. Ihre Phantasie erhob sich wieder, und ein neuer, frischer Lebensstrom floß, wie zuvor, durch die abgestorbenen Gefühle. Klairant saß wieder in Träume versunken; er fühlte noch immer, wie sich Klarens Busen – ach, so lebendig! – an seiner Brust hob; und noch immer brannte ihr warmer, liebevoller Athem an seinen Wangen. Seine Phantasie flog umher, und suchte Mittel, sie wiederzusehen, so wiederzusehen, so nahe, so vertraulich, so an ihre Brust gedrükt. Jezt fiengen seine Morgenbesuche wieder an. Doch es war Winter: das Gebüsch verbarg ihn nicht, und er mußte immer früh wieder weggehen, um nicht bemerkt zu werden. Aber ach! auch seine Klara sah ihn nicht. Er unterließ die Besuche endlich, weil sie doch nur unnüz waren.

Etwa einen Monat nach jenem Tage, an welchem die beiden Liebenden sich gemessen hatten, kam Plessis nach Chatillon, und fand Klairant, mit gestüztem Kopfe, in tiefen Träumereien, an seinem Tische sizen. Gerade lag eine Haube da, die der Mutter Klairants gehörte. Um seinen Freund zu erheitern, sezte Plessis sie auf, und trieb allerlei Possen. Klairant lachte, und Plessis beredete ihn nun, sich wie eine junge Bäuerin anzukleiden. »Schön! schön!« rief Plessis, als es geschehen war: »schön, zum Küssen!« Man sann auf neue Possen. Klairant mahlte ein wenig in seinem Gesichte, übte sich einige Augenblike, seine Stimme zu verstellen, und gieng dann unverzüglich auf die Abtei hinüber.

Er ließ sich bei dem Prior melden, und niemand kannte ihn. Als er in das Zimmer trat, fragte der Prior: »was willst du, mein gutes Kind?« Klairant sagte mit allem möglichen Ernst: ich bin aus Longuion, hochwürdiger Herr; die Tochter des reichen Maire. Mein Vater will mich zwingen, einen Mann zu nehmen, den ich nicht lieben kann. Ueberdies, Herr Prior, ... (Klairant nahm die Schürze vor das Gesicht, als wäre er verlegen) ... überdies habe ich mein Herz schon an einen jungen Menschen verschenkt. Ich bin entflohen, hochwürdiger Herr, und nehme nun meine Zuflucht zu Ihnen; denn die ganze Gegend sagt, daß Sie nichts lieber thun, als junge Mädchen in Schuz nehmen, die ... die ... wie ich ... verliebt sind.«

Der Prior erröthete vor Verlegenheit, weil es ihm gar nicht angenehm war, auf eine solche Weise in der ganzen Gegend bekannt zu seyn; aber noch verlegener wurde er, als in diesem Augenblik der Vicomte in das Zimmer trat. Jezt erröthete Klairant; er zitterte im ersten Augenblik ein wenig, und trat dann auf die Seite, so daß er seine Rolle um so besser spielte. Der Prior räusperte sich, wurde aufs neue roth, und verzog das Gesicht. Der Vicomte blikte bald das Mädchen, bald den Prior an, und fragte lächelnd: was giebt es denn hier? warum ist das hübsche Mädchen so betreten? – Der Prior verzog das Gesicht noch mehr; und Klairant der es bemerkte, brach auf einmal in ein lautes Gelächter aus.

Der Prior hielt jezt die Scene für Spott über seine Grundsäze; er wurde in ganzem Ernste aufgebracht, und rief, als das Mädchen an die Thür wollte: bleib! nicht von der Stelle! Ich will wissen, wer dich geschikt hat. – Bleib! rief auch der Vicomte, der noch immer nicht begriff, was das alles bedeuten sollte. Klairant bemühete sich, aus dem Zimmer zu kommen, erstikte aber beinahe vor Lachen. Jezt trat der junge du Plessis herein; und auch er lachte laut; als er sah, daß sein Vater das Mädchen beim Roke hielt. – »Ich bin ja Klairant, lieber Oheim!« rief endlich das vermeinte Mädchen. Die Alten erkannten ihn, und brachen in ein fröhliches Lachen aus, besonders als der Prior, noch immer mit halb zornigem Gesichte, erzählte, was das Mädchen zu ihm gesagt hatte.

Ein reizendes Mädchen! rief der Vicomte; die Kleidung steht dir vortrefflich. Da fällt mir etwas ein. Der Geburtstag meiner Tochter ist bald; du mußt eine Rolle dabei spielen. – Man sann; und endlich wurde verabredet: Klairant sollte an Klarens Geburtstage, gerade um zwölf Uhr, in der Kleidung einer Bäuerin nach Pillon kommen, und ihr im Namen der Mädchen von Mangienne ein Angebinde von Blumen bringen. Klairant entschuldigte sich, weil er das Gefährliche seiner Rolle fühlte; der Vicomte drang aber so lange in ihn, daß er nothwendig einwilligen mußte. Man versprach einander das strengste Stillschweigen; und der Vicomte sagte noch im Weggehen lachend: nun, du sollst einmal überrascht werden, Klarchen!

Endlich kam der so gewünschte, so gefürchtete Tag. Klairant war in seinem Anzuge das schönste blühendste Bauermädchen von der Welt, und eine schamhafte Röthe, eine kleine Aengstlichkeit, machte ihn noch schöner. Der Prior, dem er sich zeigte, eh er nach Pillon gieng, konnte sogar den Wunsch nicht unterdrüken, daß er wirklich ein Mädchen seyn möchte.

Endlich gieng Klairant, mit schönen Blumen, die er selbst in dem Gewächshause der Abtei gepflükt hatte, den Weg nach Pillon zu, und nahm sich in Acht, daß sein Gang die Verkleidung nicht verriethe. Wer ihm begegnete, blieb stehen, und sah dem reizenden Mädchen nach, so weit er konnte. Je näher Klairant Pillon kam, desto banger wurde ihm; und nicht weit von dem Schlosse wäre er beinahe wieder umgekehrt.

Klara ahnete nichts; sie saß mit ihren Eltern am Kamin, und freuete sich, daß ihr Vater so heiter war. Ihr Bruder hatte sich an das Fenster gestellt; jezt aber sezte sich er wieder neben seine Schwester. Die Thür des Zimmers gieng auf, und der Bediente sagte: ein Mädchen aus Mangienne will das gnädige Fräulein sprechen. – Sie soll herein kommen! rief der Vicomte. Klara gieng dem Mädchen entgegen, und erkannte Klairant auf den ersten Blik. Sie zitterte, und wurde bleich, wie eine Lilie, weil sie glaubte, er hätte die Verkleidung gewagt, um sie an diesem Tage zu sehen, und weil sie fürchtete, daß man ihn erkennen möchte. Klairant erröthete; mit bebender Hand reichte er ihr den Blumenstrauß hin, und konnte die wenigen Worte, die er sagen wollte, kaum hervorbringen. Klara hatte Gegenwart des Geistes genug, mit ziemlicher Besonnenheit zu sagen: »zu meinem Geburtstage, gutes Kind? Und von allen jungen Mädchen in Mangienne? Ich danke euch für eure Liebe. Aber komm, mein Kind! Ich muß dir ein Andenken geben.« Ihr Muth schien während dieser kleinen Rede zugenommen zu haben, so daß sie sich mit vieler Fassung zu ihren Eltern wenden konnte. Sie verbeugte sich, als ob sie um Erlaubniß bäte, und gieng dann mit Klairant auf ihr Zimmer. Sobald sie weg war, brach der Vicomte in ein lautes Gelächter aus. »Wahrhaftig« sagte er; »sie kennt ihn nicht! sie kennt ihn nicht!« Erst jezt erzählte er seiner Gattin die Veranlassung zu diesem Scherze. Sie lachte nicht mit, und schüttelte sogar den Kopf ein wenig, weil ihr die Scene bei und nach dem Messen auf einmal wieder vorschwebte.

Sobald Klara mit ihrem Klairant auf ihrem Zimmer war, blikte sie ihn mit einem sanften Vorwurf in der Miene an, und sagte in einem gütigen Tone: »O Klairant! was machen Sie!« Er erzählte in einigen Worten den Zusammenhang. Klara betrachtete ihn nun mit den zärtlichsten Bliken, und mit einem Vergnügen, das sie noch nie empfunden hatte. Er faßte ihre Hand, drükte seine Lippen darauf, und seufzte in einem unwiderstehlichen Tone: »o Klara!« Da standen die beiden reizenden Mädchen mit den liebevollsten Bliken einander gegenüber, Hand in Hand, Auge in Auge. – »O Klara!« seufzte Klairant wieder, und breitete seine Arme aus; sie sank hinein, und weinte süße Thränen. So standen sie lange, fest an einander gedrükt, Mund an Mund, Brust an Brust, und das Bündniß ihrer Herzen war geschlossen. »O, wie lieb' ich dich, Klara!« sagte Klairant mit tief gerührter Freude. »Und ich dich!« seufzte Klara. »Aber« – sie hob Kopf und Augen in die Höhe – »ach, daß ich so unglüklich bin!« – »O, daß ich so mit dir versänke!« sagte Klairant, und drükte das geliebte Mädchen noch fester an sein Herz.

Ein Geräusch vor der Thür brachte sie wieder zu sich selbst. Klara flog an ihren Schrank, und stellte sich, als ob sie etwas darin suchte. Als ihr Mädchen in das Zimmer trat, hatte sie schon ein wenig Fassung, und sagte zu Klairant, der sich noch immer nicht erholen konnte: »hier, mein Kind, ein seidenes Tuch; das nimm zu meinem Andenken! Und diesen goldnen Ring trag mir zu Ehren, bis du jemanden findest, den du mehr liebst, als mich. Grüße die Mädchen in Mangienne. Adieu, mein Kind.« Klairant war beinahe ohne alle Besinnung; er verbeugte sich schweigend, und eilte, so geschwind er nur konnte, die Treppe hinunter, aus dem Schlosse.

Klara gieng, so ruhig es ihr möglich war, in das Zimmer zurük.

»Wo ist denn das Mädchen, Klara?« fragte der Vicomte.

Sie ist eben weggegangen. Ich habe ihr eine Kleinigkeit geschenkt.

»Nun, wie hat sie dir gefallen?«

Sehr wohl. Ich habe nie ein hübscheres Bauermädchen gesehen.

Der Vater lachte; und jezt erfuhr Klara erst, daß es Klairant gewesen sei. Sie wollte es nicht eher glauben, als bis auch ihr Bruder es versicherte. »Meine Kammerjungfer,« sagte Klara lächelnd, »war mit mir und Klairant in meinem Kabinette; und die hat ihn eben so wenig erkannt, wie ich.« Diese Worte machten die Mutter wieder ruhig. Man war nun mit dem Scherze allgemein sehr zufrieden, und lachte darüber recht herzlich.

Klairant küßte, sobald er allein war, das seidne Tuch, das Klara selbst getragen hatte, und drükte es an sein Herz. Den Ring, das Unterpfand ihrer Treue, betrachtete er mit brennenden Augen. Jezt war er auf einmal über alle Besorgnisse weg, und glaubte mit Zuversicht, daß Klara eines Tages die Seinige werden müßte. Aber wie sollte er es anfangen, sie recht oft wiederzusehen? – Ich Thor! dachte er; diese Kleidung hab' ich zu einer Posse gebraucht, und hätte darin das schärfste Auge betriegen können! – Er sann auf Wege, unerkannt zu Klaren zu kommen. Jezt, da er ihrer Liebe sicher war, schienen ihm alle Schwierigkeiten nur gering; jezt, da er sich mit ihr verstand, konnte und mußte sie ihm in allen seinen Planen helfen. Die Liebe hält einen Händedruk für das gefährlichste Unternehmen; ist er aber gewagt und erwiedert, so scheint ihr alles Uebrige ein Kinderspiel. Bisher hatte Furcht, der Geliebten zu mißfallen, Klairant abgehalten, sie heimlich zu sehen; doch jezt? Er würde ohne Scheu ihr Fenster erklettert haben, wenn er nicht gewußt hatte, daß ihr Mädchen immer bei ihr schlief.

Klara war sich selbst ein Räthsel; sie konnte nicht begreifen, woher sie den Muth genommen hatte, so dreist zu lügen. Diese erste, von ihr selbst bewunderte Probe ihrer Geistesgegenwart und ihrer Fassung, zeigte ihr, daß sie noch mehr wagen könnte, ohne an dem glüklichen Erfolge zu verzweifeln. Und wie weit ist es von dem Gedanken: »ich kann thun, was ich wünsche,« bis zu dem Entschluß: ich will es thun?

Vor diesem Tage gieng Klara, von ihrem Selbstgefühle niedergedrükt, immer schüchtern umher. Fiel das Gespräch einmal auf Klairant, so erröthete sie; und schlug die Augen nieder, weil sie fürchtete, daß man ihre Liebe darin lesen möchte. Doch jezt hielt sie den Kopf sehr muthig aufrecht, und gieng der Gefahr freiwillig entgegen, weil sie Kraft in sich fühlte, sie zu überwinden. Jezt erröthete sie nicht mehr, wenn von Klairant gesprochen wurde; jezt brachte sie selbst die Unterredung auf ihn, und konnte in Kurzem ohne alle Spannung von ihm sprechen. Sie übte sich, die Waffen zu tragen, die sie bald gebrauchen sollte.

Am Sonntage fuhren Mutter und Tochter wieder in die Messe nach Chatillon; und Klairant war, wie gewöhnlich, an der Kirchthüre. Klara gieng dreist auf ihn zu, und sagte, mit einem triumphirenden Lächeln: »Sie waren das hübsche Bauernmädchen, Klairant? Dem Mädchen habe ich ein Tuch geschenkt; Ihnen aber bin ich noch meinen Dank schuldig.« Mit diesen Worten reichte sie ihm zärtlich die Hand. Das war, in Gegenwart der Mutter, für den armen Klairant eine allzu große Überraschung, da er sich das erste Zusammentreffen mit seiner Klara ganz anders gedacht hatte. Er stammelte zitternd und erröthend einige Worte her, durch die er seine Bestürzung nur noch deutlicher zeigte. Jezt gerieth Klara selbst in Verwirrung; sie bereuete ihre Dreistigkeit von ganzem Herzen, und schäzte sich sehr glüklich, daß es am Ende noch ohne weitere Folgen abgieng.

Die Mutter wußte nicht, was sie zu dem Auftritte denken sollte, und schwieg. Sobald sie aber wieder in Pillon war, fragte sie Klarens Kammerjungfer: »was hat denn das hübsche Bauermädchen aus Mangienne mit meiner Tochter gesprochen?« – Gesprochen? Gar nichts, gnädige Frau. Es konnte vor Thränen kein Wort sagen, und auch dem Fräulein standen Thränen in den Augen. – Die Mutter forschte weiter nach, und erfuhr ganz leicht auch etwas von Klairants Morgenbesuchen. Damit hielt sie nun andre Umstände zusammen: das Aufbewahren der Blumen; Klarens Krankheit von allzuschnellem Wachsthum, und Klairants der ihrigen so ähnliche Krankheit von allzu vielem Studiren, deren Symptome sie durch den Prior schon wußte. – Kurz, sie traf die Wahrheit ganz richtig; aber nun war sie, wie öfters, ungewiß, was sie zu thun hätte. Dem Vicomte wollte sie ihre Entdekung nicht mittheilen, weil schon der leiseste Verdacht bei ihm den armen Klairant und Klaren sehr unglüklich gemacht haben würde. Sie schwieg, und nahm sich nur vor, Klaren heimlich zu beobachten, und sie gar nicht mehr mit Klairant zusammenkommen zu lassen, damit die aufkeimende Liebe nach und nach wieder absterben müßte. Vorwürfe, offenbarer Widerstand – das wußte sie selbst aus ihrer Jugend her – machen Liebende nur behutsamer, und die Liebe nur heißer.

Das instinktartige Gefühl der Weiber ist immer sehr richtig. Die Mutter hatte Recht, und ihr Plan war gut; wenn sie nur auch so gehandelt hätte, wie sie fühlte, daß sie handeln mußte! Aber die Eitelkeit kam ins Spiel, und störte ihre Plane. Die Mutter konnte sich nicht überwinden, Klaren so ganz ohne Tadel davon kommen lassen. »Das Mädchen,« dachte sie, »möchte sich wohl gar einbilden, ich wäre so blind, daß ich nichts merkte! Am Ende könnte sie sich für klüger halten, als ihre Mutter!« Bei Gelegenheit machte sie nun ganz leise, und, wie es schien, sehr unbefangen, Anspielungen auf die Liebeshändel junger Mädchen. Klara sah Mütterchen an; und dieses mochte die Augen nicht aufheben, um ja recht unschuldig zu scheinen. Sie würde daraus noch nichts Arges gehabt haben: doch es kam morgen und übermorgen etwas Aehnliches wieder. Mütterchen erzählte sogar: eine ihrer Jugendfreundinnen hätte in der Messe immer einen jungen Menschen hinter oder neben sich gehabt, nie einen Rosenkranz vor ihm abbeten können, und so weiter.

Anfangs war Klaren bei solchen Geschichten gar nicht wohl zu Muthe, und sie wurde bald roth, bald blaß. Zum Glük wollte aber Mütterchen nur, daß sie hören sollte, und blikte sie nie dabei an. So wurde denn Klara wieder dreister; sie erröthete nun nicht länger, ward nicht länger blaß, und lernte nur desto besser auf ihrer Hut seyn.

Eines Morgens ganz früh kam Mütterchen auf Klarens Zimmer, nikte sich Beifall zu, als sie die Tochter im Bette fand, öffnete leise das Fenster, und durchlief mit ihren Bliken den Garten, öffnete noch leiser Klarens Schrank, betrachtete sehr aufmerksam – nicht die Wäsche, sondern jedes Blättchen Papier, und gieng dann mit Kopfniken wieder fort, vermuthlich weil es sie freuete, daß sie nichts Verdächtiges gefunden hatte. Schade nur, daß Klara nicht mehr schlief, sondern durch die ganz fein geöffneten Augenlieder alles sah, was die Mutter vornahm! Jezt konnte sie denn wohl nicht mehr zweifeln, daß Mütterchen ihr auf der Spur war, zumal wenn sie diesen Morgen mit den vielen Anspielungen zusammen hielt. Es entstand aber aus dem Allen weiter nichts, als ein Wettstreit der List zwischen Mutter und Tochter. Jene glaubte, im Vortheile zu seyn, und diese war es. Klara bedurfte nur noch eines Stoßes, um in ein Angriffs-System überzugehen; und auch diesen Stoß gab ihr ein Zufall.

In einem Pakete neuer Schriften und Parlamentsbeschlüsse, das dem Vicomte aus Paris geschikt wurde, lag auch ein Päkchen Charaden, Epigramme und Chansons für seine Frau, unter andern ein Liedchen, von dem die Korrespondentin schrieb, daß es in ganz Paris mit großem Vergnügen gesungen würde, und dessen Melodie mit einer Harfenbegleitung sie beigelegt hätte. Die Mutter las das Liedchen, und nahm sich vor, es ihrer Tochter nicht zu geben, da es auf die eine sehr nachtheilige Wirkung thun konnte; aber die Eitelkeit zerstörte auch diesen vernünftigen Vorsaz. Morgen sollte Gesellschaft von dem benachbarten Adel in Pillon seyn. Der Triumph, sie mit dem neuesten Parisischen Chanson zu überraschen, war zu groß, als daß die Mutter ihn sich entgehen lassen konnte. Sie ließ Klaren rufen, und gab ihr das Liedchen, freilich mit einem Stüke Moral, das zum Gegengifte dienen sollte, aber am Ende doch mit dem Auftrage, es ja bis Morgen auf der Harfe einzustudieren.

Klara gieng in ihr Kabinet, las den Chanson, nahm die Harfe, spielte die Melodie, und dachte noch mit keinem Gedanken an den Inhalt der Worte. Aber die Mutter kam, und wiederholte ihre Moral noch einmal. Nun wurde Klara aufmerksamer auf das Liedchen, das sich anfieng:

                   

Le doux besoin d'aimer, ma mère! la tendresse,
Ces élans enchanteurs, ce trouble, cette ivresse, etc.

und das im Deutschen ungefähr so klingen würde:

Die Tochter an ihre Mutter.

                   

   Mutter, was belaurst du meine Blike,
Wenn ein schöner Mann vorübergeht? –
Sieh, die Nadel hier, mit der ich strike,
Sieh, das Röschen, wenn ich es zerpflüke,
Selbst die Feder, die am Hut mir weht,
Reden deutlicher, als meine Blike. –
Wenn einmal die Liebe reden will:
O, so schafft sie Worten Thor und Brüke,
Bleibet auch die Lippe gänzlich still!
   Ja, wenn ich nicht selbst mein Herz bewache,
   O, so hilft kein Argus und kein Drache.

   Sag doch nur, was sollen wohl die Riegel,
Die man Nachts vor meine Kammer schiebt? –
Amor, Mutter, hat ja leichte Flügel,
Stößt mit seinen Händchen alle Riegel
Leise von der Thüre, wenn man liebt;
Und mit weichem, seidnem Filz bedeket
Er der Liebenden geheimen Pfad;
Keine Diele knarrt, kein Laut erweket,
Wenn man Amors weiche Soken hat.
   Drum, wenn ich nicht selbst mein Herz bewache,
   so hilft kein Argus und kein Drache.

   Also, liebe Mutter, – bitte, bitte –
Laß mich unbelaurt und unbewacht!
Folge mir nicht mehr auf jedem Schritte!
Ungesehen sind Amors Zephyrstritte,
Seine Wege tiefe dunkle Nacht.
Hast du tausend Augen, tausend Ohren –
Amor macht sie alle blind und taub.
Laß mich nur! Ich bin ja doch verloren,
Ist mein armes Herz erst Amors Raub.
   Denn wenn ich nicht selbst mein Herz bewache,
   O, so hilft kein Argus und kein Drache.

   Doch noch eins! Laß dich mit dem begnügen,
Was ich sage; frag mich nicht so aus!
Sieh nur, Mutter, wollt' ich dich betriegen,
Ja, dann würde Amor mit mir lügen,
Und da fändest du dich nicht heraus.
Wach' und schlafe nur ganz ohne Sorgen;
Sieh mich nicht so sehr bedenklich an!
Heut' ist ja mein Herz noch frei; – doch morgen?
Nun, ich will ja wehren, was ich kann.
   Denn wenn ich mein Herz nicht selbst bewache,
   O, so hilft kein Argus und kein Drache.

Schon nach Tische spielte Klara ihrer Mutter das Liedchen ohne Anstoß vor, und machte dabei eine sehr listige Miene. Sie hatte nicht übel Lust, nach dem Inhalte des Liedes, Amors weiche Soken anzuziehen, und ihm seine leichten Flügel abzuborgen. »Denn, ach?« – sagte sie mit einem tiefen Seufzer und einer komischen Miene, hinter der sie sich die Unruhe in ihrer Brust verbergen wollte – »denn, ach! mein armes Herz ist ja schon Amors Raub! Was hilft mir mein Wehren? mein Zögern?« – Das Lied öffnete Klaren die Augen über ihren Zustand, und gab ihr allmählig Muth, alles zu wagen, was das Mädchen in dem Liede mit Amors Hülfe so sicher wagen zu können glaubt. Bei jedem Vorsaze, den sie faßte, fühlte sie aber doch eine Unruhe in ihrem Busen rege werden, die durchaus nicht weichen wollte. Nun fieng sie an, ihren Zustand ernstlich zu betrachten. Sie bemerkte, daß ihrer Liebe tausend Hindernisse im Wege standen: Hindernisse, die sie zwar mit nassen Augen Ungerechtigkeit schalt, die sie aber nun doch einmal nicht wegräumen konnte. Zuweilen, wenn das Bild ihres Vaters recht lebhaft vor ihre Seele trat, machte sie wirklich einen leichten Versuch, ihre Liebe zu besiegen; aber bald rief sie in voller Leidenschaft: »o, es ist unmöglich!« Sie that, was die meisten Menschen in ähnlichen Fällen thun: sie ließ sich von ihrem Herzen treiben, wohin es Lust hatte, mochte gar nicht mehr an die Zukunft denken, und schmeichelte sich mit der Hoffnung, daß die Zeit oder das Glük etwas für ihre Liebe thun würde. Im Grunde hielt jezt mehr jungfräuliche Schamhaftigkeit, als Ueberlegung oder Furcht vor Unrecht, sie ab, ihrem Geliebten einen Schritt entgegen zu gehen.

Klairant wurde, sobald die schönen Tage des Februars kamen, wieder sehr thätig. Wo Klara jezt mit ihrer Mutter oder mit ihrem Mädchen gieng, sah sie überall Klairant und – was das Sonderbarste dabei war – immer in einem sehr schiklichen Geschäfte, so daß seine Anwesenheit keinen Verdacht erregen konnte. Er schien kaum einen Blik auf Klaren zu werfen; und dennoch fand er, troz aller Wachsamkeit der Mutter, im Vorübergehen Gelegenheit, ihre Brust mit der süßen Unruhe zu erfüllen, durch welche die Liebe lebendig erhalten wird. Selbst, wo er nicht seyn konnte, mußte sie dennoch an ihn denken. Er warf bei Nacht Blumen in ihr offnes Fenster. Wenn sie Abends spät allein in ihrem Kabinet saß, das Köpfchen schwermüthig in die Hand stüzte, mit Aengstlichkeit dachte: was soll daraus werden? und dann auf Gedanken gerieth, die seiner Liebe gefährlich waren: so hörte sie den armen Klairant in der Ferne die Melodie ihrer Lieblings-Romanze singen. Nun fieng ihr Busen an sehr unruhig zu pochen; sie trat an das offene Fenster, und horchte mit voller Seele auf Klairants Stimme. Jezt vertheidigte ihr Herz den armen Jüngling mit einer Kraft, von der die Ueberlegung gänzlich zum Schweigen gebracht wurde. »O,« sagte sie leise vor sich, »da entzieht er sich den Schlaf; da sizt er, während der kalten, finstern Nacht, mit Thränen in den schönen, treuen Augen, auf dem nassen Boden, und denkt nichts als mich, liebt nichts als mich. Und ich – ich sollte so undankbar seyn, ihn zu vergessen, ihn, der mich so treu, so innig liebt?« Mit Leidenschaft strekte sie die Arme zum Fenster hinaus, als ob er dicht vor ihr im Garten stände. Sie schmeichelte, sie liebkoste ihm, lispelte leise seinen Namen, und nannte ihn hundertmal: »Klairant; mein guter, lieber, einziger Klairant!« Noch immer sang er indessen von fern, und seine schöne Stimme erregte in ihrem Herzen eine unwiderstehliche Wehmuth, die auch in ihr Auge Thränen lokte. Was die Mutter den ganzen Tag hindurch mit ihren von weitem gegebenen Ermahnungen gebauet hatte, das war nun in wenigen Minuten wieder umgestürzt.

Endlich hörte sie etwas rauschen, und fuhr zusammen, lehnte sich aber dennoch aus dem Fenster hervor, und sah mit ängstlicher Freude ihren Klairant unter demselben vorübergehen. Er schien sie im Dunkeln zu erkennen; denn er stand einen Augenblik still, eh' er sich in die Allee gegenüber verlor. Sie glaubte sogar einen Seufzer gehört zu haben, und einmal war es ihr gewesen, als hätte er auch ihren Namen genannt.

Fuhr Klara mit ihren Eltern nach Verdün, nach Longwy, oder zu einem benachbarten Adeligen, so konnte sie mit Sicherheit darauf rechnen, ihn irgendwo zu sehen. Befand sie sich dort, so trat sie je eher je lieber an irgend ein offnes Fenster, und warf ihre suchende Blike nach allen Gegenden umher. Dann sah sie ihn bald hinter einer Gardine in einem benachbarten Hause lauschen, bald an der Eke der Straße nach dem Fenster, worin sie lag, hinstarren, und in beiden Fällen sein ganzes Gesicht von Freude glühen, so wie er sie erblikte. Klara war an das Fenster gezaubert: sie verließ es nur, wenn ihre Mutter sich etwa näherte; und dann war auch Klairant sogleich verschwunden.

»Welch ein albernes Ding ist die kleine Plessis!« sagten die jungen Officiers in Verdün und Longwy, die mit ihr in Gesellschaft waren. Schade um ihr schönes Gesichtchen! Sie hat kein andres Vergnügen, als die Leute zu zählen, die über die Straße gehen!« – Ach! sie sah nur Einen Menschen, nur Einen auf der Welt, und hielt mit dem, obgleich ein Raum von hundert Schritten sie von ihm trennte, die seelenvollsten Gespräche.

Immer schreitet die Liebe vorwärts, und wird dreister. – Eines Tages befand sich Klara mit ihren Eltern bei einem Gutsnachbar. Schon zweimal war sie mit der Tochter des Hauses den Garten von einem Ende zum andern durchgegangen, schon zweimal auf dem Felde gewesen; und noch immer hatte sie ihren Klairant nicht gesehen. Sie stand an der Gartenthür wie eingewurzelt, starrte auf den Weg hin, konnte nicht begreifen, warum ihr Geliebter sich heute nicht sehen ließe, und – er war, in der Kleidung eines Bauermädchens, nur zehn Schritte weit von ihr. Er näherte sich bescheiden – nicht Klaren, sondern ihrer Freundin, fragte schüchtern: »befehlen Sie?« und dekte ein Körbchen auf, worin einige Veilchensträuße lagen. Klara erkannte ihn, sobald sie den Ton seiner Stimme hörte, und erschrak ein wenig, doch gieng ihr Schreken bald in Freude über. »Was hast du da, mein Kind?« fragte sie mit dem zärtlichsten Tone der Stimme. Klairant konnte kaum antworten; doch allmählig kam das Gespräch in Gang. Klara sagte: »sie ist aus Pillon;« und ihre Freundin bemerkte, daß es die artigste, die wizigste Bäuerin wäre, die sie jemals gesehen hätte. Schwazend und lachend führte Klara die beiden andern in ein nahes Wäldchen, und sezte sich da mit ihnen in ein Gebüsch. Klairants Verlegenheit war bald verschwunden, und die gute Laune seiner Geliebten machte auch ihn sehr heiter. Klara fieng an das hübsche Bauermädchen auszufragen, und dies erzählte ihr Anfangs so drollig, dann aber mit einer so tiefen Rührung von seiner unglüklichen Liebe, daß sie nicht wußte, wohin sie ihre Augen wenden sollte. Ihre Freundin liebkoste die hübsche Bäuerin; was war natürlicher, als daß auch Klara es that!

»Wollen wir nicht das Mädchen ein wenig begleiten?« fragte Klara. »Wenn ich doch wüßte, ob meine Mutter bald fahren wird!« – Ich will mich erkundigen, sagte ihre Freundin; und die Liebenden waren nun allein. »O, Klairant! Klairant!« rief Klara; »was haben Sie gewagt!« Diesem Vorwurf widersprach aber die Freude in ihren Augen. Sie war von seinem Wize, von dem Lobe, das ihre Freundin ihm gegeben hatte, bezaubert; und als er jezt mit Schüchternheit, mit anbetender Ehrfurcht vor ihr stand, warf sie einen Arm um ihn und küßte ihn zärtlich. – »Klara, wann werd' ich Sie wieder sehen!« seufzte Klairant, mit freudiger Wehmuth. – Wann? wann? Ich will Ihnen Nachricht geben, Klairant. Der Köcher unsrer Diana im Bosquet! Darin sollen Sie ein Zettelchen finden.

Kaum hatten sie noch Zeit, sich zu umarmen, ehe die Freundin wiederkam. Klaren war nun die Lust vergangen, das Mädchen zu begleiten; man nahm also Abschied von einander, und Klairant gieng mit einem weiten Umwege nach Chatillon zurük.

Jezt hatte die Liebe einen großen Schritt vorwärts gethan. Klairant war jede Nacht bei der Diana im Bosquet, und endlich fand er ein Blättchen, das Klaren vielen Kampf gekostet hatte. Das arme Mädchen schrieb ihm: »es ist Unrecht, Klairant, was wir thun. Ich betriege meinen Vater, und werde ihn ins Grab bringen. Die Thränen, die ich jezt vergieße, sind schon der Anfang der väterlichen Rache. Wir müssen einander vergessen.«

Klairant antwortete in eben dem Tone. »Ich muß verzweifeln, und will es; denn ich soll Sie vergessen. Vergessen? Nein, das kann ich nicht! Aber meine Hoffnungen will ich aufgeben. Haß Ihrer Eltern, Thränen der Reue, die Verläumdung der Welt – was kann ich Ihnen dagegen bieten! Ach, wenn ich Sie nicht mehr lieben soll, so muß ich Sie auch zu vergessen suchen!«

So schrieben sie beide, und vergaßen einander dennoch nicht. Klara mußte doch von dem geliebten Jünglinge Abschied nehmen! Sie bestellte ihn eine Nacht in das Gehölz hinter dem Garten, und gieng, als die verabredete Stunde kam, mit leisen Tritten, und bebend, hinunter. Klairant wartete da schon lange, und sie sank in seine Arme. Beide schworen, einander zu vergessen, und versiegelten diesen Schwur mit den entflammendsten Küssen. Alle vorher gefaßten Vorsäze verschwanden nun, und die Liebe allein blieb in ihren Herzen.

»Ach, Klara!« sagte Klairant, als der Morgen durch die Bäume dämmerte: »ach, ich werde dich nie vergessen!« Klara weinte und seufzte, weil sie eben so fühlte, wie ihr Geliebter. Beide nahmen, Lippe an Lippe gedrükt, auf ewig von einander Abschied. Aber bald sank er zu ihren Füßen nieder, und bat sie nur noch um Eine solche Unterredung. Sie konnte es nicht über sich gewinnen, ihm diese lezte Bitte abzuschlagen, und nahm nun noch einmal, doch nicht wieder auf ewig, von ihm Abschied.

Als sie in das Haus und auf ihre Kammer zurükgieng, hüllte sie sich in ihre Enveloppe, und benezte sie mit heißen Thränen. Schlafen konnte sie auch nicht einen Augenblik. Sie fühlte mitten unter ihrem ängstlichen Herzklopfen, daß eine solche Nacht mehr werth sei, als ein ganzes Jahr ihres vorigen Lebens. Das arme Mädchen schrieb das dem geliebten Jünglinge ganz aufrichtig, bat ihn aber sehr dringend, es die lezte Nacht gewesen seyn zu lassen.

Man kann leicht denken, daß Klairant diese Bitte nicht erfüllte, und daß er und seine Geliebte einander noch öfter sprachen. – Klarens Kammerjungfer merkte die Gänge ihres Fräuleins sehr wohl; doch sie selbst liebte, und nahm sich vor, die Abwesenheit ihrer Gebieterin zu nüzen. Jezt schlief sie, sobald sie kaum im Bette lag, so fest, daß nicht einmal Klarens Niesen und Husten sie erwekte. Kaum aber hatte diese sich aus der Kammer gestohlen, so schlich auch ihre listige Jungfer hinaus, zu einem Bedienten des Hauses hin, der schon im Garten war, und nun in ihren Armen süße Stunden genoß. Ließ dann Klara sich auf dem Rükwege in der dunkeln Allee des Gartens sehen, so sprangen Hannchen und Rosiere schnell in das Haus, und sie fand ihr Mädchen jedesmal richtig im tiefsten Schlafe.

Nach und nach wurden das Fräulein und ihre Kammerjungfer dreister, und eben so auch Klairant und Rosiere. Klara gieng jezt in Schuhen, die sie Anfangs immer in den Händen getragen hatte, die Treppe hinunter, und ihr Herz pochte nicht mehr so laut, wenn sie die Gartenthür öffnete. Hannchen wurde, da sie nur von ihrer Gebieterin entdekt werden konnte, und diese ihr eben nicht furchtbar war, noch weit sorgloser. Gieng ein kalter Wind, so flisterte sie dem hoffenden Rosiere zu, daß er heraufkommen sollte. Beide sezten sich dann an das Fenster; und wenn Klara zurükkehrte, sprang Hannchen schnell in ihre Kammer, der Bediente aber schlich sich behutsam den Gang hinunter zu der seinigen.

Einmal kam aber Klara, weil sie Menschenstimmen gehört zu haben glaubte, früher zurük, als gewöhnlich. Sie öffnete die Thür ihres Zimmers, und sah ihre Kammerjungfer auf dem Schooße des Bedienten sizen. Alle erschraken, und sahen einander einige Augenblike verlegen und schweigend an. Rosiere machte eine Verbeugung, und gieng. Hannchen faßte sich, und sagte, halb dreist, halb furchtsam: gnädiges Fräulein, der Herr Vicomte ist so streng gegen Sie und gegen mich! Man darf ja bei Tage kaum einen hübschen Mann ansehen!.... Soll ich Sie ausziehen? – Klara hatte sich in ihrem ganzen Leben nie so gedemüthigt gefühlt. Sie ließ, ohne ein Wort zu sagen, heiße Thränen auf die Hände des Mädchens fallen, das ihr die Enveloppe vom Halse losband. Dieser Augenblik war ihrem geliebten Klairant schädlicher, als das Verbot ihres Vaters, und die Furcht vor diesem. Ihre Unruhe ließ sie nicht eine Minute schlafen. Als sie am folgenden Morgen Hannchens listig lächelnde, triumphirende Blike sah, fühlte sie sich aufs neue gedemüthigt, und mußte doch schweigen. Jezt war sie, auch gegen ihren Willen, zum Nachdenken gezwungen. Sie saß mit gestüztem Kopfe, und fand – obgleich ungern – etwas Schimpfliches in ihrem Liebeshandel mit Klairant. Wollte sie sich in einmal von diesem Gedanken losreißen, so brachten ihn Hannchens vertrauliche Blike schnell wieder vor ihre Seele. Am Abend sagte sie zu dem Mädchen: »zieh mich aus!« – Hannchen fragte lächelnd: jezt schon, gnädiges Fräulein? – »Jezt!« antwortete Klara stolz. Sie legte sich nieder, und Klairant und Rosiere hofften heute vergebens.

Diese Nacht, sagte Hannchen am folgenden Morgen bedeutend, werden zwei arme Leute viel lange Weile gehabt haben! — Klara erröthete, mehr aus Verdruß als aus Scham, und schrieb sogleich an Klairant die Worte: »Ich darf Sie nicht wiedersehen. Fragen Sie nicht um die Ursache, und suchen Sie mich nicht zu sprechen. Wir müssen eine Verbindung aufgeben, die mich unglüklich machen würde.« – Bis hierher hatte ihr gekränkter Stolz die Feder geführt; unglüklicher Weise fiel ihr aber jezt ein, was Klairant empfinden müßte, wenn er diese Zeilen läse. Nun erwachte die Liebe wieder, und gab ihr ein, was sie schreiben sollte. Sie nahm weinend von dem Geliebten und den schönen Augenbliken, die sie mit ihm verlebt hatte, Abschied; und ihr Billet endigte sich mit den Worten: »leb wohl, mein Klairant! Ewig deine Klara du Plessis.« Dieses Billet trug sie in den Köcher der Diana, und war nun wieder beruhigter. Sie fühlte eine Art von Triumph, daß sie stark genug gewesen war, dem Geliebten so zu schreiben; und die Eitelkeit hierauf vermehrte ihre Stärke. Was trauet die Eigenliebe sich nicht zu; und was wäre sie in gewissen Augenbliken nicht im Stande auszuführen!

Hannchen wollte die gute Gelegenheit, ihres Fräuleins Vertraute zu werden, und dadurch selbst mehr Freiheit zu gewinnen, nicht fahren lassen. Klara fühlte aber sehr lebhaft, wie erniedrigend dieses Verhältniß für sie seyn würde. Sie war durch Zufälle, durch Unbesonnenheiten, Klairants Geliebte geworden, und hatte bis jezt noch nie daran gedacht, daß der Geburtsrang sie von ihm trennte; aber Hannchen machte, daß sie den Unterschied fühlte. Klara wollte sich nur von der Verbindung mit ihrem Mädchen befreien, und zerriß dabei auch die festesten Fäden, die sie an Klairant knüpften. Jede lächelnde Miene, jedes familiäre Wort von Hannchen, vermehrte ihren Verdruß; und alle ihre Bemühungen, das vorige Verhältniß zu ihrem Mädchen wieder herzustellen, verminderten ihre Liebe.

Das erstemal, da ihr Vater wieder recht gütig mit ihr sprach, bat sie ihn so dringend, Rosieren die Pacht eines Gütchens in Pillon zu geben, und ihn mit Hannchen zu verheurathen, daß er ihr die Bitte nicht abschlagen konnte; und nun kündigte sie dem Mädchen dies Glük mit einer kalten, stolzen Miene an. – O, mein gutes, gnädiges Fräulein, sagte Hannchen mit inniger Dankbarkeit; Sie haben mich glüklich gemacht, und ich will ... – Klara warf einen stolzen Blik auf sie. »Ich verlange nichts von dir. Mein Vater giebt Rosieren die Pachtung, nicht ich.« – O, mein gnädiges Fräulein, Klairant soll immer als ein Freund in unsrem Hause aufgenommen werden; und wenn ... Sie dürfen nun des Nachts nicht mehr wachen, und ... – – Ein noch stolzerer Blik von Klaren machte, daß sie abbrach. Haben Sie doch Zutrauen zu mir, gnädiges Fräulein! fieng Hannchen aufs neue an. Mein Rosiere und Klairant werden gewiß bald vertraute Freunde. – »Freunde!« sagte Klara, vor Verdruß und Schaam erröthend. »Freunde?« wiederholte sie noch einmal mit einem spöttischen Lächeln. Hannchen schwieg betreten, und fand sich nicht wenig beleidigt. Was will sie denn? dachte sie vor sich; Rosiere wird ein Pächter, und Klairant ist eines Pächters Sohn. Sie gieng sehr mißvergnügt von Klaren weg, und bald siegte ihr Verdruß über ihre Dankbarkeit. Sie überlegte, sah nun alles in einem andren Lichte, und entdekte nach einigen Tagen der Vicomtesse den Liebeshandel ihrer Tochter mit allen Umständen.

Es ist nicht möglich! rief die Mutter, und stand wie versteinert. Es ist nicht möglich, rief sie noch einmal, und eilte nach Klarens Zimmer. – Du Unglükliche! redete sie mit flammenden Augen ihre Tochter an. O Gott! ein Bauer, ohne Nahmen, ohne Ehre! ich arme Frau! In solchen Ausrufungen gieng es eine Zeitlang fort, und Klara sah nun wohl, daß ihr Geheimnis verrathen war. Gerade hatte sie beschlossen, ihr Verhältniß mit Klairant zu endigen, weil sie das Erniedrigende ihrer Lage immer tiefer und stärker fühlte. Zwar mit Thränen in den schönen Augen, aber dennoch mit festem Tone hatte sie noch den Augenblik vorher zu sich selbst gesagt: nein, es kann nicht anders seyn! Ich liebe ihn; aber dennoch will ich ihn nicht wieder sehen. Sie wollte ihre Mutter bitten, sie auf einige Zeit nach Paris zu schiken, und ihr, wenn es seyn müßte, sogar das Geheimniß ihres Herzens entdeken: (ein Entschluß, an dem freilich auch die Furcht, daß Hannchen sie verrathen könnte, großen Antheil haben mochte). In dieser Stimmung wurde sie von ihrer Mutter überrascht. Sanfte Vorstellungen hätten ohne Zweifel mit unwiderstehlicher Gewalt auf ihr schon erweichtes Herz gewirkt; doch die heftigen Vorwürfe gaben ihr wieder völlige Entschlossenheit. Sie benuzte den Augenblik, da der Zorn ihrer Mutter sich in Thränen auflöste, und sagte mit einem ruhigen Tone: »ja, es ist wahr, liebe Mutter; ich liebe Klairant mit voller Seele. Ja...« – Wie? rief die Mutter wieder, ist es wahr? So ist es doch wahr? Und du wagst es, mir das selbst zu gestehen?

Sie überhäufte nun Klaren mit den bittersten Vorwürfen, und ließ sie nicht ein einziges mal zu Worte kommen. Die arme Klara stand, in dem Bewußtseyn, daß sie ihre Schwachheit wieder gut machen wollte, noch immer mit ziemlich ruhigem Gesichte da. Ihre Mutter deutete aber diese Miene ganz falsch; sie glaubte, es wäre Troz, Schamlosigkeit, und griff nun zu dem allerunglüklichsten Mittel: den bittersten und heftigsten Schmähungen gegen den armen Klairant. Sie nannte ihn einen schlechten Menschen, einen Verführer, einen hochmüthigen Betrieger, der sich durch Schurkenstreiche aus dem niedrigen Stande, in welchem er geboren sei, emporheben wollte. Auch Klaren selbst verschonte sie nicht, und schalt die reine, unschuldige Liebe derselben: Wollust, Liederlichkeit. Jezt fiengen Klarens ruhige Blike an zu funkeln, und es goß sich eine hohe Röthe über ihre Wangen. Sie nahm Klairant in Schuz, weil ihre Mutter ihm Unrecht that, und weil ihr Ehrgefühl ihr sagte: sie müsse sich gegen den Verdacht vertheidigen, daß sie einen andren, als einen edlen jungen Mann, habe lieben können. Das Gespräch erhizte sich nun natürlicher Weise immer mehr. Je tiefer die Mutter den armen Klairant erniedrigen wollte, desto höher erhob ihn Klara.

Nicht lange, so nahm die Tochter sogar ihre Liebe in Schuz, die sie selbst noch einen Augenblik vorher für eine süße Schwäche ihres unerfahrnen Herzens gehalten hatte. Anfangs vertheidigte sie diese Liebe mit einem beschämten, furchtsamen Zögern, und nannte sie mit niedergeschlagenen Augen: einen verzeihlichen Irrthum. Aber die Mutter rief: »ein Irrthum? Nein, eine Abscheulichkeit ist sie! das größte Verbrechen, das du hast begehen können, und das gar keine Vergebung verdient!« Klara widersprach ihr sanft; doch, als die Mutter gar nicht auf sie hörte, und nur immer mit Schmähungen fortfuhr, wurde auch sie endlich wärmer. Sie nannte ihre Liebe eine natürliche, unschuldige Empfindung und rief zulezt: »nein, Mutter! nie werd' ich zugestehen, daß ich Unrecht habe! und diese Liebe, die kein Eigennuz, keine Sinnlichkeit erzeugte, die sich auf die edelsten Empfindungen meines Herzens gründet, und die auch von der strengsten Tugend nicht getadelt werden kann – diese reine, flekenlose Liebe wird meinem Herzen ewig theuer seyn!« Sie brach in Thränen aus, hob beide Arme in die Höhe, als wollte sie den Himmel zum Zeugen auffordern, und sagte: »Klairant ist ein sehr edler Mensch! Was fehlt ihm? Nichts als ein leerer Titel! Und soll er darum unglüklich seyn? soll er der Raub eines ewigen Kummers werden, weil das Glük ihm eine elende Armseligkeit versagte? Nein, meine theure Mutter, wenn Sie wünschen, daß ich glüklich seyn soll, wenn Sie wünschen, daß dieses Herz, worin Ihr Blut schlägt ...« Sie erschrak über die Dreistigkeit, diese Worte zu sagen, konnte nur noch einzelne Töne schluchzen, und sank, von ihren vielfachen Empfindungen überwältigt, auf die Schulter ihrer Mutter.

Diese sah ihre Tochter bleich werden, hörte sie jammern, und glaubte, daß ihr etwas Gefährliches zustieße. Nun war ihr Zorn auf einmal verschwunden, und die mütterliche Liebe trat in ihre vollen Rechte. Sie führte Klaren zu dem Sofa, und war ängstlich um sie bekümmert. Klara benuzte sogleich die Schwäche ihrer Mutter mit der ganzen List des weiblichen Instinkts. Sie drükte die Hand fest auf ihr Herz, sah ihre Mutter erst mit wilden, dann mit traurigen, sterbenden Bliken an, gab auf keine Frage Antwort, und schien nichts mehr von sich selbst zu wissen. Nun rief die allzu gütige Mutter ängstlich, und einmal über das andre: »mein gutes Kind! meine beste Tochter!« Jezt war sie so schwach, daß Klara sie gänzlich hätte für ihre Liebe gewinnen können; und sie machte für heute der Unterredung ein Ende, weil sie das selber fühlte.

Als Klara sich wieder allein befand, war der Vorsaz, Klairant zu verlassen, auf einmal aus ihrer Seele verschwunden. Stolz, Hoffnungslosigkeit und Furcht vor Entdekung hatten diesen Vorsaz erregt; jezt aber wußte ja die Mutter ihre Liebe: was brauchte sie nun noch zu fürchten? Sie machte sich vielmehr Hoffnungen, die sich auf die Schwäche ihrer guten Mutter gründeten. Auch ihr Stolz war dem Geliebten jezt nicht mehr nachtheilig; sie hatte, als sie ihn vertheidigen mußte, seinen Werth wieder höher schäzen lernen. Die Phantasie that nun das Uebrige. »Ja,« sagte sie; »die Tugend vereinigte unsre Herzen!... Und wer weiß,« sezte sie lächelnd hinzu, »ob nicht das Glük, seine Talente, seine Liebe... O, gewiß, gewiß! es kann nicht fehlen.« – »Mein Klairant,« schrieb sie auf ein Blättchen, »ich werde dich ewig lieben; nichts soll mich von dir trennen! Meine Mutter weiß unsre Liebe; nun mag die ganze Welt sie wissen! Ich werde dich wiedersehen.« Sie trug dies Billet eilig in den Köcher der Diana.

Der Muth und die Hoffnung der armen Klara währten nicht lange; denn schon erhob sich über ihr ein fürchterliches Ungewitter. Hannchen hatte zwar der Mutter versprochen, zu schweigen; allein sie konnte das Geheimnis eben so wenig bei sich behalten, wie Rosiere. Nach einigen Tagen flisterten mehrere Leute im Hause einander zu: Fräulein Klara ist alle Nächte bei Klairant im Garten, oder er bei ihr auf dem Zimmer. Schwazhaftigkeit und Verläumdung machten die Sache noch ärger, als sie war. So kam das Gerücht, von Munde zu Munde, bis zu dem Kammerdiener, der Klairants Beleidigung auch nach mehreren Jahren noch nicht vergessen hatte. Er gab dem Vicomte sogleich Nachricht davon, und so hämisch, als nur immer möglich. Der Vicomte hörte mit fürchterlichem Ernste zu, gieng dann heftig im Zimmer auf und nieder, käuete an den Nägeln, und fragte mit erzwungener Kälte: »So?« Der Kammerdiener wollte seinen Schritt nicht vergebens gethan haben, und wiederholte seine Nachricht mit noch giftigeren Zusäzen. Endlich fragte der Vicomte mit einem durchdringenden Blike: »ist das auch wahr? Denn hast du gelogen, so bist du unglüklich!« Der Kammerdiener zukte die Schultern, und erwiederte: wenigstens sagt es jedermann im Hause und in ganz Pillon. Nun, gnädiger Herr; Sie dürfen ja nur Hannchen examiniren. – Das Mädchen wurde gerufen, und gestand mit Schluchzen und Thränen, was sie wußte. Der Vicomte befahl ihr, als er sie wieder entließ, mit den stärksten Drohungen, zu schweigen. Nun gieng er nach Klarens Zimmer, wo eben Mutter und Tochter auf dem Sofa saßen, und Thränen in den Augen hatten.

Der Vicomte faßte die Hand seiner Gattin, und sagte mit einem strengen, spöttischen Tone: »Stehen Sie auf, Madame! Nicht wahr: Sie weinen mit dem verliebten Töchterchen, um es zu trösten?« – Klara wurde bei diesen Worten todtenbleich, und ihre Thränen hörten auf zu fließen. Jezt wendete er sich mit einem stolzen und drohenden Blike zu seiner Tochter: »du führst meinen Nahmen, Mädchen, und sollst ihn nicht entehren; Ist es wahr, daß du dem Bauer aus Chatillon nächtliche Besuche im Garten gemacht hast?«

Klara zitterte, und öffnete die bleichen Lippen, um zu sprechen; doch die Stimme versagte ihr, und die Angst drängte wieder Thränen in ihre Augen. Sie griff nach ihres Vaters Hand; er zog sie aber zurük, und sagte bitter lachend: »Thränen sind Possen, damit kannst du deine Mutter betriegen, aber mich nicht! Ich weiß Mittel, deinen Liebeshandel zu endigen, und du sollst ganz andre Thränen weinen, als jezt!... Hast du Briefe von dem Elenden?... Wo sind sie?« Klara war wie erstarrt; und machte keine Bewegung. Der Vicomte öffnete ihre Schränke, fand endlich Klairants Billets, sah einige mit Zeichen des heftigen Unwillens durch, reichte sie Klaren dann hin, und befahl ihr in einem schreklichen Tone: »lies sie vor!... Deutlich! lauter!« Klara gehorchte, so gut sie konnte. Als sie einige Worte gelesen hatte, rief der Vicomte mit flammenden Augen: »Du, nennt dich der Elende? Ein Bauer nennt eine du Plessis Du? Ist es möglich! Du Niederträchtige! du Verworfne!« Er nahm ihr mit Heftigkeit die Billets aus der Hand, und riß sie wüthend in Stüke.

»Fühlst du dein Unrecht?« fragte er nach einem kurzen, fürchterlichen Schweigen. Klara seufzte leise: ja, mein Vater. Er legte ihr, nach einem neuen Schweigen, seine Hand auf die Schulter: »Und willst du mir gehorchen?« Sie antwortete noch leiser: ja! und sank ihrer Mutter in die Arme.

Der Vicomte legte Papier zurecht, gab Klaren eine Feder, und sagte ganz ruhig: »schreib; ich will dir diktiren!« Das arme Mädchen mußte, so sehr auch ihr Herz sich dagegen sträubte, und so sehr ihre Hand auch zitterte, ein kurzes Billet an Klairant schreiben, worin sie ihn einlud, diese Nacht auf ihr Zimmer zu kommen. Der Vater las das Billet, siegelte es selbst, befahl dem Kammerdiener, es durch ein Kind an Klairant besorgen zu lassen, und sezte sich nun, wie es schien, ganz ruhig nieder. So oft Klara einen Blik auf ihren Vater warf, zitterte sie; denn sie bemerkte in seinem Auge Rachbegierde und boshafte Freude. Sonst hatte sie zeither der Nacht immer mit Entzüken entgegen gesehen; heute aber bebte sie vor Angst, als sie den ersten Stern erblikte. Ihr Vater war ihr nicht von der Seite gegangen, und stand jezt hinter einer Jalousie, um Klairant zu erwarten. »Endlich!« sagte er leise vor sich, als es zwölf schlug, und ihre Angst wurde fürchterlich, ihre Brust klopfte hoch, ihr ganzer Körper zitterte. Sie warf sich schweigend ihrem Vater zu Füßen. In diesem Augenblik öffnete sich die Thür des Zimmers, und Klairant trat herein. O Gott! rief Klara mit einem schmerzlichen Tone, und schwankte kraftlos auf den Sofa. – Sie stirbt! Du Unmensch! rief die Mutter, und eilte ihrer Tochter zu Hülfe. Klairant war kaum herein gekommen, so trat der Vicomte hervor, und gieng an die Thür, um ihm den Rükweg abzuschneiden. Doch Klairant warf einen Blick auf Klaren, die leichenblaß, mit geschlossenen Augen, da lag; und seine Angst bei diesem Anblike befreiete ihn auf einmal fast gänzlich von dem Schreken, der ihn bei dem ersten Schritt in das Zimmer befallen hatte.

So eben faßte der Vicomte ihn wüthend beim Arme; da jammerte die Mutter! um Gottes willen; Klara ist todt! – Klairant riß sich los, sprang zu dem Sofa hin, umfaßte Klaren, legte seine Lippen auf ihren kalten Mund, und rief dann in dem Tone der schmerzlichsten Verzweiflung: »sie ist todt! o Erbarmen! sie ist todt!« Der Vicomte wollte ihn von seiner Tochter wegreißen; aber vergebens. Klairant warf sich zu ihren Füßen nieder, und jammerte unaufhörlich; »sie ist todt! sie ist todt!«

Bösewicht! rief der Vicomte dazwischen, und riß ihn in die Höhe: schrei lieber das ganze Haus zusammen! Eine Komödien-Ohnmacht! Ich will sie bald wieder weken! – Er schüttelte Klaren, und sie öffnete die Augen. »Gott sei Dank! sie lebt!« rief Klairant; »o, sie lebt! sie hat die Augen geöffnet!« und beinahe hätte er im Taumel seiner Freude selbst den Vicomte umarmt. Jezt faßte dieser ihn bei der Brust, rüttelte ihn aus seinem Entzüken, und fragte in dem heftigsten Zorne: Was willst du hier, Bube? – Klairant sah dem Vicomte einen Augenblik schweigend ins Gesicht, und stammelte dann: »Ich? hier?« – Hast du den Zettel von meiner Tochter bekommen? – »Einen Zettel? ich?« – Du elender, verächtlicher Mensch! du wagst es, meine Tochter zu verführen? – Klairant fieng jezt an, den Zusammenhang zu begreifen, bekam wieder einige Fassung, und sagte mit aufwallender Empfindlichkeit: »Herr Vicomte, ich? Ihre Tochter verführen?... Herr Vicomte!« sezte er in einem halb drohenden Tone hinzu. –

Bösewicht; nichtswürdiger Bösewicht! sagte der Vater mit steigender Wuth, so hat sie wohl dich verführt?

»Herr Vicomte, keines von uns Beiden hat verführt. Wie ich sehe, wissen Sie Alles. Nun, so sage ich Ihnen denn: ja, ich liebe Ihre Tochter mit der ehrerbietigsten, zärtlichsten Liebe. Ein Verführer bin ich nicht. Mein einziges Verbrechen besteht darin, daß meine Geburt der Ihrigen nicht gleich ist...« (Jezt warf er einen besorgenden Blik auf Klaren.) »Nun freilich, wenn Sie es so meinen... ja, so bin ich der Verführer Ihrer Tochter; denn sie... nur meine Thränen, meine Ueberredungen, meine kühnen Hoffnungen, mein Flehen, meine heiße Liebe haben ihr Herz hingerissen. Sie liebt mich; aber diese Liebe hat ihr Thränen der bittersten Reue genug gekostet. Sie ist unschuldig!«

Das weiß ich, Bube; das weiß ich. Nur deine giftige Zunge konnte meine Tochter dahin bringen, sich ihren Vater, ihren Nahmen, ihre Ehre so weit zu vergessen. Komm her, Klara! sprich! Da steht der Bauer, der Elende! Sag, ist noch die mindeste Empfindung für ihn in deinem Herzen? Sprich! Ich verachte den Elenden! Thust du eben das, und bereuest du dein Vergehen, so will ich dir verzeihen.

Die arme Klara kannte ihren Vater, und wußte wohl, daß auf seine anscheinende Ruhe sehr schnell wieder die größte Heftigkeit folgen könnte. Sie schwieg zitternd, weil sie ihren Geliebten keiner Gefahr aussezen wollte. Gesteh, rief der Vicomte, daß du dich vergangen, daß du dich selbst beschimpft hast, als du ihn nur anhörtest! Nun? Wie lange währt es noch? – Klara sagte leise: »ich gestehe meinen Fehler.« – Du entsagst ihm also auf immer, Klara? – »Ja, mein Vater.« – Und du verachtest den Elenden? – Sie seufzte leise: »ja« – Halte Wort! Du kennst mich. Nun geh! – Klara gieng schwankend in ihr Kabinet; die Mutter folgte ihr.

Und nun, du lächerlicher Bursche! wendete der Vicomte sich zu Klairant; geh, wohin du willst! Laß dich aber nie wieder vor mir bliken! Und wenn du nur den Nahmen meiner Tochter einmal nennst, so bist du unglüklich!

»Herr Vicomte, diese Liebe, der ich entsagen soll, ist mein einziger Stolz; und sie wird nur mit dem lezten Hauche meiner Brust aufhören. Zwar verspreche ich Ihnen, nie einen Menschen zu entdeken, daß ich die schöne und edle Klara du Plessis liebe; aber niemand soll mich hindern, mit allen Kräften meines Herzens und Kopfes nach ihrem Besize zu streben, oder um ihren Verlust zu trauern: beides, so lange ich noch Athem habe.«

Nach ihrem Besize zu streben? Mensch, ich wollte über deine Narrheit lachen, aber es geht damit zu weit. Höre, du Gek: hast du etwa vergessen, daß du in meiner Gewalt bist? Ich wollte dich schonen, um des ehrlichen Priors willen, den ich hochachte. Aber da du so sprichst... Entweder du heurathest morgen am Tage, oder ich lasse dich an die erste beste Garnison abliefern. Da ist Süsette in Mangienne: ein junges, hübsches und wohlhabendes Mädchen, die soll dich vor neuen Thorheiten bewahren. Wähle! Was willst du? die Flinte, oder Süsetten?

»Keins von beiden, Herr Vicomte. Ich liebe; und diese Liebe...«

Soll dich zu einem tüchtigen Soldaten machen, nichts weiter; und.... Du glaubst nicht, wie viel ich bewirken kann.

»Das weiß ich, Herr Vicomte. Aber machen Sie mit mir, was Sie wollen, was Sie können und dürfen. – Sie werden mich nie dahin bringen, die schönen Augenblike zu bereuen, die meine Liebe mir gegeben hat.«

Der Vicomte sah finster vor sich nieder. Wohl denn! sagte er schneidend; so magst du diese Nacht einmal im Gefängnisse zubringen. – Er wollte an die Klingel gehen; aber Klairant hielt ihn zurük.

»Herr Vicomte, wenn Ihre Bedienten mich hier, in der Nacht, auf dem Zimmer Ihrer Tochter, und Sie so erhizt, fänden... Schonen Sie den Ruf Ihrer Tochter. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich Ihnen nicht entgehen will.«

So pake dich denn zum Teufel! rief der Vicomte, und öffnete das Zimmer. Klairant warf noch einen Blik auf die Thür zu Klarens Kabinet, und gieng. Er irrte die ganze Nacht umher, und stand endlich gegen Morgen, seiner selbst unbewußt, in Chatillon vor dem Hause seiner Eltern.

Der Vicomte warf sich in der größten Unruhe auf den Sofa. Es hatte ihm Mühe genug gekostet, sich nur so weit in seiner Fassung zu erhalten; indeß kannte er auch das Herz so ziemlich gut, und wußte, daß die Liebe weit listiger ist, als der Zorn. Er war Willens gewesen, den Jüngling in den Augen seiner Tochter verächtlich zu machen; und er fühlte, daß seine Hize diese Absicht vereitelt hatte. Klara mußte in ihrem Kabinet sein ganzes Gespräch mit Klairant gehört haben; und von diesem Gespräche befürchtete er mit Recht eine sehr nachtheilige Wirkung auf das Herz seiner Tochter. Er fühlte, daß Klairants Verheurathung mit Süsetten den Handel am besten endigen würde. Wie war Klairant aber dahin zu bringen? »Ich kann ihn,« dachte der Vicomte, »in den Augen meiner Tochter nicht verächtlich machen; nun, so muß ich seine rasche Großmuth, seine schwärmerische Liebe, überlisten.« In der That war seine Drohung, Klairant an eine Garnison abzuliefern, nur leer gewesen; denn sie zu erfüllen, erlaubte ihm seine Freundschaft für den Prior nicht. So mußte er denn einen andern Weg einschlagen.

Er gieng den folgenden Tag nach Chatillon, nahm Klairant bei Seite, und sagte in einem ruhigen Tone: ich glaube, du kennst mich als einen Mann von Wort. Du liebst Klaren; und noch mehr, auch sie hat dich geliebt. Nun ja, ich kann dir nicht wehren, nach ihrem Besize zu streben, und habe nicht tausend Augen, dich zu bewachen. Du hast mich Einmal betrogen, und könntest mich leicht noch hundertmal betriegen. Moralisiren will ich nicht; denn ich kenne die Leidenschaft. Also in zwei Worten. Ich habe dir noch eine Wahl anzutragen: entweder heurathest du morgen Süsetten, oder Klara muß in ein Kloster. Falle mir nicht in die Rede! Was du mir sagen willst, haben Klara und ihre Mutter mir schon gesagt; und ich bin bei ihren Thränen unerschütterlich geblieben.

»Aber, gnädiger Herr, das Vorurtheil des Standes...«

Ist meine Leidenschaft, so wie Liebe die deinige. Doch, wie gesagt, moralisiren will ich nicht. Du heurathest Süsetten, oder Klara geht in ein Kloster. Ihre Thränen mögen dann die Strafe ihrer Torheit seyn. Ueber dich habe ich freilich keine Rechte; du kannst lachen, wenn sie weint.

Klairant erblaßte; es war schon einmal die Rede davon gewesen, daß Klara eine Nonne werden sollte, und er kannte den Vicomte als einen harten Mann, der seinem Stolze auch die Vaterliebe und das Glük seiner Tochter aufopfern könnte. Sein Herz gieng richtig in die Falle, die man ihm gelegt hatte. Er sagte: »Süsetten heurathe ich nicht, gnädiger Herr; denn ich liebe sie nicht. Aber... Um Ihre Tochter zu retten... Sie sprachen gestern von Militär-Dienst. Nun wohl! Ich will das Opfer Ihres Vorurtheils seyn.«

Der Vicomte faßte ihn beim Worte, und Beide giengen nun sogleich zu dem Prior. Klairant äußerte: er hätte Lust Soldat zu werden, und der Vicomte versprach, für sein Avancement zu sorgen. Noch an eben dem Tage wurde nach Straßburg geschrieben; und noch an eben dem Tage mußte Klara mit ihrer Mutter auf einige Zeit zu der Schwester des Vicomte reisen.

Bald nachher verließ Klairant Chatillon. Er sah mit der starrsten Gleichgültigkeit zu, wie man seine Sachen einpakte, und gieng dann noch einmal zu seinem Freunde, dem jungen du Plessis. Auch bei dem Abschiede von diesem war er sehr gleichgültig; es schien, als ob die Liebe jede andre Empfindung in seinem Herzen getödtet hätte. Doch, als er mit seinem Freunde den Corridor hinuntergieng, und näher an Klarens Zimmer kam, warf er sich ihm noch einmal mit einer sonderbaren Heftigkeit in die Arme, und bat ihn dringend, wieder umzukehren.

Sobald Klairant allein war, öffnete er Klarens Zimmer, trat hinein, und blikte mit nassen Augen darin umher. Er sezte sich einen Augenblik auf den Sofa, küßte die Stelle, auf der in jener Nacht Klarens Wange gelegen hatte, und sagte schmerzlich, »so leb wohl, Klara! leb ewig wohl!« Schon wollte er gehen, als er ein Geräusch an der Thür des Kabinets bemerkte. Er öffnete sie, und sah Klarens Hündchen, das man, weil es aus Versehen zurükgelassen war, eingeschlossen hatte, damit es Klarens Spur nicht suchen sollte. Es sprang freundlich und wimmernd an ihn auf. »O Gott!« sagte er; »so find' ich doch noch etwas von ihr!« Er nahm das Hündchen auf seine Arme, liebkoste ihn, und sezte es wieder auf den Boden. Es sprang aber an ihn auf, und vor ihm her, als ob es mitgehen wollte. »O, willst du mit?« rief Klairant mit nassen Bliken: »willst du mein seyn?... So komm! komm! ach! und sei mir treuer, als Klara!« Er gieng, seine Augen nur auf das fröhliche Thierchen gerichtet, nach Chatillon, warf sich bald in den Wagen, der schon bereit stand, und fuhr in tiefen Träumen nach Straßburg ab.

Der Vicomte rechnete ganz richtig. »Du wirst Klaren tödten!« sagte seine Gattin zu ihm, als sie mit ihrer Tochter so schnell von Pillon abreisen sollte. Er erwiederte lächelnd: »auch die stärkste Liebe kann nicht ein Jahr ohne Nahrung leben. Wenn ich den Burschen nur erst los bin! Klara wird nicht sterben, so bleich sie auch jezt umher geht, so viele Thränen sie auch vergießen mag.« Und so war es wirklich.

Klara hatte in ihrem Kabinet Klairants Unterredung mit ihrem Vater gehört. Man kann leicht denken, welche Empfindungen in ihrer Brust rege wurden, als er mit unerschüttertem Muthe seiner Liebe so treu blieb. Hätte sie nicht allzu große Furcht vor ihrem Vater gehabt, so wäre sie in das Zimmer zurükgegangen, um mit ihm in Liebe und Treue zu wetteifern. Sobald sie allein war, trat sie an ihr Fenster, hielt die gefalteten Hände hinaus, und sagte: »o Klairant! muthiger warst du, als ich; aber treuer sollst du nicht seyn.« Sie weinte die Nacht hindurch, und am folgenden Morgen mußte ihr Anblik Mitleiden erregen. Ihre Wange war bleich, ihr Auge verweint, ihre Stimme matt, ihr Gang langsam, ihre Stellung leidend, und alle ihre Antworten nur Seufzer.

Nach Tische fuhr der Wagen vor, und man pakte ihre nöthigsten Sachen ein. Sie vermuthete, daß sie verreisen sollte, trat ängstlich an das Fenster, und starrte in die Gegenden des Gartens hin, wo sie ihren Klairant zu sehen gewohnt war; doch vergebens. Jezt hörte sie die Stimme ihres Vaters: ruft meine Tochter! – »O Klairant!« sagte sie leise: »so soll ich dich nicht wiedersehen!« Sie nahm eine ihrer welken Blumen, drükte sie an ihren Mund, in ihre Augen, und ließ sich dann geduldig von ihrem Vater zu dem Wagen führen. Er gieng ihr nicht von der Seite; und so war es ihr unmöglich, ihren Bruder noch einige Augenblike allein zu sprechen.

Als der Wagen am Wege nach Chatillon vorüber fuhr, lehnte sie sich weit daraus hervor; aber Klairant war auch hier nicht. »Nun denn!« sagte sie bitter lächelnd, und legte die Hände auf die Brust; »man wird es sehen, aber zu spät!« Die Mutter konnte vor Angst nicht fragen, was man sehen würde, und dachte: wenn sie nur nicht hier neben mir im Wagen stirbt!

Klara kam indeß noch lebendig zu ihrer Tante, und fand da eine Gesellschaft von lebhaften, angenehmen jungen Leuten. In den ersten Tagen war es unmöglich, sie aus ihrer Traurigkeit zu weken; doch dann konnte sie von Zeit zu Zeit wohl einmal lächeln. Kaum war ein Monat vergangen, so sah man sie täglich doch wenigstens eine Stunde lang heiter. Befand sie sich allein, so füllte Klairant freilich noch immer den ganzen Kreis ihrer Ideen; doch man sorgte dafür, daß sie nur höchst selten ohne Gesellschaft war. So wurde Klarens heiße Liebe nach und nach ein wenig lauer, zumal als auch ein angenehmer junger Mann aus der Nachbarschaft durch sein Betragen zeigte, daß sie Eindruk auf ihn gemacht hatte. Klairant war deshalb noch nicht vergessen; nein: sie legte sich selten nieder, ohne ihm den Schwur ihrer ewigen Treue zu wiederholen, und stand selten auf, ohne zuerst an ihn zu denken. Doch mit der Liebe ist es, wie mit dem Kummer: beide verzehren sich, wenn sie nicht neue Nahrung bekommen.

Klara erhielt keine Nachricht von ihrem Geliebten. Ihr Bruder hatte ihr einmal geschrieben. Klairant habe Dienste genommen: das war alles, was sie von ihm wußte. Kein Wunder also, daß auch sie an ihn, der sie so ganz vergessen hatte, nicht viel mehr dachte, und sich erheitern wollte. Ihr Vater besuchte sie eines Tages, und sagte lächelnd zu seiner Gattin: sie lebt noch! – Jezt mußte sie auch ihren Vater in Pillon besuchen; und hier, wo alle Gegenstände sie an Klairant erinnerten, regte sich die Liebe in ihrem Herzen wieder. Ihr Vater hatte das erwartet, und auch schon die nöthigen Anstalten getroffen. Er fragte den Prior in Klarens Gegenwart nach Klairants Befinden. Der alte Mann holte einen Brief hervor, den, auf die Bitte des Vicomte, sein Freund, der Oberste von Klairants Regimente geschrieben hatte. In diesem Brief stand: Klairant führt sich gut auf und wird sein Glük machen, wenn er meinem Rathe folgen will. Er ist hübsch: und eine junge, schöne Wittwe liebt ihn. Ich hoffe, er wird ihre Hand annehmen, die sie ihm, nebst einem großen Vermögen, anbietet. Wenigstens hat er den ersten Schritt dazu gethan; denn er wohnt bei ihr im Hause. Wahrscheinlich kann ich Ihnen bald die Nachricht geben, daß diese Verbindung, die ich aufrichtig wünsche, zu Stande gekommen ist.

Klara warf einen schnellen, unruhigen Blik auf ihren Vater, der aber ganz unbefangen zu seyn schien. Der alte Prior, die Ehrlichkeit selbst, sprach mit kindischer Freude von der Verheurathung seines Neffen, und von den kleinen Knaben und Mädchen, die er noch zu sehen hoffte. Klaren war bei dem ganzen Gespräche nicht wohl zu Muthe. Sie konnte ihr Mißvergnügen, ihren Widerwillen, unmöglich verbergen, und stand unter einem Vorwande auf, damit sie ihrem Herzen ungestört Luft machen konnte. Der Gedanke an Klairants Untreue verleidete ihr alle ihre vormalige Ideen, und ihre kaum erwachte Liebe war auf einmal wieder verschwunden. Nur das Bosquet, wo sie die glüklichen Nächte an Klairants Seite zugebracht hatte, lokte ein Paar heiße Thränen in ihre Augen, und wekte in ihr den sehnlichen Wunsch, daß jene Zeit nicht vergangen seyn möchte. Aber Klairant liebte sie nicht mehr; und so mußte sie selbst die lezte Erinnerung an ihn aus ihrem Herzen vertilgen. Konnte sie nur im mindesten an seiner Untreue zweifeln? Er hatte ja nicht ein einzigesmal an ihren Bruder, seinen Freund, geschrieben! – Klara kam weit beruhigter wieder zu ihrer Tante, und vergaß Klairant allmählig immer mehr. Dachte sie ja noch einmal an ihn, so that sie es mit Unwillen über seine Untreue.

Kaum waren etwa achtzehn Monate seit der Trennung vergangen, und Klarens heiße, von ihr selbst für ewig gehaltene Liebe hatte sich schon beinahe bis auf die lezte Spur aus ihrem Herzen verloren. Die reizende Klara war jezt das Verlangen und der Wunsch aller jungen Männer, die sie kennen lernten. Sie blühete wie eine junge Rose, und eine muthwillige Heiterkeit lag in ihren hellen Augen, wie auf ihren schönen Lippen. Das Haus ihrer Tante war auch ganz der rechte Ort, ein junges, kummervolles Herz zu erheitern. Alle Tage gab es darin Gesellschaften aus der umliegenden Gegend, und von allen Ständen; Ein Fest jagte das andre. Hatte die Tante keine Besuche bei sich, so war sie mit ihren Töchtern und ihrer Nichte in einer von den benachbarten Städten, wo ihr zu Ehren Feste veranstaltet wurden. Eines Tages befand sie sich bei dem Gouverneur von Mez, der sie zu einem Balle eingeladen hatte. Klara saß bei Tische in der blendendsten Schönheit, in dem reizendsten Anzuge, zwischen zweien von ihren Anbetern, und Lachen, Scherz und Wiz flogen rings umher. Auf einmal entstand eine Unruhe im Saale. Ein Unterofficier, der herein gekommen war, dem Gouverneur etwas zu melden, wurde bleich, wankte, hielt sich an einem Stuhle, konnte nicht sprechen, und wäre beinahe zu Boden gesunken. Was fehlt Euch, mein Freund? fragte der Gouverneur, und stand auf, den wankenden jungen Menschen zu halten. Die ganze Gesellschaft richtete ihre Augen auf diesen, als die Bedienten ihn aus dem Saale führten.

Auch Klara blikte auf den jungen Menschen, und erschrak beinahe eben so heftig, wie er selbst; denn sie glaubte Klairant in ihm zu erkennen. Sie zweifelte noch; da heftete er seinen sterbenden Blik auf sie, legte die Hand auf die Brust, und beugte die Stirn auf einen Stuhl, so daß sie sein Gesicht nicht wieder sehen konnte. Ihr Herz und ihr Kopf waren in dem stärksten Aufruhr. Ohne Unterlaß dachte sie: »sollte er es gewesen seyn? O, gewiß, gewiß!« Sie hatte ihre ganze Heiterkeit verloren, und heftete ihre trüben Augen immer nur auf die Thür, durch die er verschwunden war. Man mußte ihr sagen, daß die Gesellschaft vom Tisch aufstände, sonst wäre sie sizen geblieben.

Der arme junge Mann! was mochte ihm fehlen? fragte eine Dame. Klara hörte es, und sah starr auf den Officier, an den die Dame sich gewendet hatte. »Dieser Mensch,« erwiederte der Officier lächelnd, »verdient das Mitleiden jedes fühlenden Herzens. Er ist ein Beweis, daß wir Männer in der Liebe treuer sind, als man gewöhnlich glaubt.« – Nun? fragte eine andre junge Dame; und Klara erblaßte.

»Ich kann Ihnen nur einen Theil seiner Geschichte erzählen; denn ich weiß selbst nicht viel davon. Er kam nach Straßburg zu dem Regimente, bei dem ich stehe, und war als ein Mensch von guter Erziehung empfohlen. Durch einen Zug von Gram, der in seinem Gesichte voll stiller Gelassenheit schwebte, wurde er von Anfang an jedem Menschen interessant. Man wußte lange nicht, was die Ursache seines Kummers seyn möchte; denn er blieb über diesen Punkt völlig verschlossen.«

Eine unglükliche Liebe? nicht wahr? fragte eine von den umstehenden Damen.

»Ja; man errieth das, und bemühete sich nun, ihn zu erheitern. Doch vergebens. Es fehlte ihm nicht an Versuchungen, seinem Gram ungetreu zu werden; denn auch in diesem Falle, meine Damen, wie öfter, interessirten sich bald einige junge Frauen und Mädchen für die stille Traurigkeit in dem Gesichte eines so schönen Mannes. Allein er blieb seinem Kummer treu, und floh allen Umgang, besonders mit dem weiblichen Geschlechte. Unser Oberst, der mehr von seiner Geschichte zu wissen scheint, als Andre, suchte ihn zu trösten, und gab ihm Gelegenheit zu einer sehr vortheilhaften Heurath mit einer jungen, schönen Wittwe; aber seine Bemühungen waren vergeblich. So wie Sie den jungen Mann vorhin gesehen haben, ist er, so lange ich ihn kenne: ein schönes Bild des stillsten, gelassensten Kummers.«

Aber, fragte eine Dame den Officier, woher wissen Sie denn, daß Liebe die Ursache seines Grames ist? Sie äußerten ja, er sei darüber immer verschlossen geblieben.

»Die Liebe kann sich nicht verbergen; man hört sie bei ihm in jedem Worte, in jedem Seufzer. Spricht man in seiner Gegenwart von dem Entzüken zweier Liebenden, so hört er halb träumend zu, und heftet den schwermüthigen Blik an den Boden. Spricht man von der Dauer dieses Glükes, so schüttelt er sanft den Kopf, und sagt mit einem sanften Lächeln: »man sollte das nicht glauben!« Er bewegt verneinend die Hand, und dabei sind seine Blike so kummervoll, und seine Miene so gelassen traurig, – o, Sie müßten ihn selbst sehen!... Dann steht er wohl auf, legt die Hand auf das Herz, und sagt mit einer Art von Hize: »Denn ich! ich! O, was that ich denn? – Nein,« fährt er dann in dem vorigen Tone fort; »man sollte nicht auf Liebe rechnen; wie glüklich könnte man dann seyn!« Zuweilen sieht er wohl ein Mädchen mit einem halben Lächeln an. Nekt man ihn damit, so sagt er: »ach, nein! ich glaube, das Herz kann nur Einmal lieben. Man lächelt bei einer Blume von Band, weil man sich dabei der entzükenden Blumenzeit erinnert.« – Das Alles sagt er mit einem Tone, mit einer Miene – wie gesagt, man muß ihn hören und sehen, um das zu fühlen, was jeder, der ihn näher kennt, dabei fühlt.«

Aber, weiß man denn nichts Näheres von seiner unglüklichen Liebe?

»Nichts Gewisses. Man vermuthet nur, ein Mädchen, dem er sehr viel aufgeopfert, habe ihn treulos verlassen. »O,« sagt er bisweilen: »wenn die Menschen nur halb so wären, wie dieses Thierchen!« Er hat nehmlich ein Hündchen, das er wie sein Leben liebt, und das wahrscheinlich ein Geschenk seiner ungetreuen Geliebten ist.«

Und wissen Sie denn, sagte ein andrer junger Officier von Klairants Regiment, den Vorfall mit seinem Hunde? Die Kompagnie wurde doch nach Bedfort verlegt. Ich war da einmal mit ihm auf der Wache. Mitten in der Nacht brach Feuer aus, und gerade in dem Hause, wo er sein Quartier hatte. Kaum wußte er das, so bat er um Erlaubniß, dahin gehen zu dürfen. Er drang durch Rauch und Flammen die Treppe hinan, und in sein Zimmer. Mit lauter Freude, als hätte er die größten Schäze, kam er bald wieder zurük, und brachte weiter nichts mit, als ein seidnes Tuch, das durch ein goldnes Ringelchen gezogen war, und sein Hündchen. Man lachte über seine Thorheit, weil er richtig sein Geld und seine schöne Wäsche hatte verbrennen lassen; aber er hörte das Lachen nicht einmal, und betrachtete seine Schäze mit fröhlichen Bliken. Er schmeichelte dem Hündchen, und sagte dabei: »nun ist unsre Rechnung abgethan; du giengst mit mir, als sie mich verließ, und ich – ich habe dir das Leben gerettet!« Dann betrachtete er still sein Tuch und den Ring, schüttelte den Kopf, und sagte: »das ist alles, was ich von ihr habe!... Das für meine ewige Liebe!... Und doch dank' ich Gott, daß ich es retten konnte.«

Weiß man nicht, woher der junge Mensch gebürtig ist? fragte ein junges Frauenzimmer.

Aus Chatillon in Lothringen, antwortete der Officier; und er heißt Klairant.

»O mein Gott!« rief Klara jezt laut aus; und der ganze Cirkel wendete die Augen nach ihr hin. – Fehlt Ihnen etwas? fragte ein Officier. – »Diese Geschichte ...« – erwiederte Klara stokkend und mit großen Thränen auf den bleichen Wangen – »hat ... O, über diese Geschichte muß wohl schon manches Auge geweint haben!« – Erröthen Sie nicht, sagte man ihr; diese Thränen beweisen Ihr gutes, gefühlvolles Herz.

Klara hörte die lezten Worte nicht mehr, weil sie schon ganz in sich selbst versunken war. Natürlicher Weise mußte diese Geschichte die größte Wirkung auf sie thun. Jedes Wort, das der Officier sagte, war ein Schlag an ihr Herz; denn sie erkannte Klairant an allen kleinen Umständen, noch ehe sein Name ausgesprochen war. Als des Tuches und des Ringes erwähnt wurde, konnte sie vor Mattigkeit nicht länger stehen bleiben; sondern mußte sich sezen. Reue, Liebe, Mitleiden, Dankbarkeit erwachten auf einmal in ihrem Herzen. Sie hörte die Erzählung, als sähe sie alles vor ihren Augen. Er dringt durch die Flammen, kommt wieder hervor, und drükt ihre Geschenke, das Tuch und den Ring, an seine Brust. Der Vorwurf, den er ihr in dem geretteten Hunde macht, erschüttert sie heftig. Sie sieht ihn einen Augenblik, wie er da sizt, das Tuch betrachtet, und mit seiner sanften, traurigen Stimme sagt; »das ist alles, was ich für meine ewige Liebe habe!« Zugleich hört sie den Namen »Klairant« nennen. Sie denkt, er ist da, und ihr schwindelt. Nun ruft sie ängstlich: »o, mein Gott!« und die Gesellschaft wendet sich zu ihr hin.

Doch, wir müssen uns des armen Klairant wieder erinnern. Er war in tiefem Gram nach Straßburg gekommen. Sein schönes, bleiches Gesicht, seine sanfte Gelassenheit, sein stilles Träumen, und einige bedeutende Worte, die dem Obersten des Regiments über das Schiksal und den Kummer des jungen Menschen entfielen, hatten fast allgemeine Aufmerksamkeit auf ihn erregt, zumal da er sich durch gute Sitten und durch vorzügliche Kenntnisse auszeichnete. Man wußte nichts Bestimmtes von ihm und der Ursache seines Grams; daher dachte man sich die seltsamsten Schiksale, die ihn betroffen hätten. Theils aus Wohlwollen für ihn, theils aus Neugierde, suchte man ihn zu erheitern, und seine Freundschaft, sein Vertrauen zu gewinnen. Er fühlte, daß man sich mehr für seinen Gram, als für ihn selbst, interessirte. Zeit und Zerstreuungen würden diesen Gram gewiß vermindert und endlich ganz zerstört haben; doch Klairant hielt ihn absichtlich fest, weil es seiner Eitelkeit schmeichelt, dadurch so allgemeine Theilnahme zu erregen. Sein Kummer war eine süße Trauer geworden; und man liebkoste ihm darum, wie einem traurigen Kinde. Jezt wurde er ein Kind, das fort weint, weil man es zu trösten versucht. Er trauerte; um interessant zu seyn, und überredete sich, daß er um den Verlust seiner Geliebten traure.

So war er, weil in dem ehemaligen Frankreich die Regimenter ihre Garnisonen wechselten, nach Bedfort und dann nach Mez gekommen. Er trat in den Saal, und gieng auf den Gouverneur zu, ihm etwas zu melden, als er plözlich die so innig geliebte Klara erblikte. Aber, ach! sie glich dem Bilde nicht, das seine Phantasie sich bisher von ihr mahlte. Er dachte sie sich bleich, abgehärmt, mit Augen voll Thränen, in einer farbenlosen, einfachen Kleidung, die ihren Gram verriethe; und hier saß sie blühend wie eine Rose, mit frohem Lächeln auf den schönen Lippen, mit heiterem Muthwillen in den funkelnden Augen, gepuzt wie eine glükliche Braut, und in einem heitern Gespräche mit ihrem Nachbar! – Der Anblik war ihm allzu überraschend und schmerzlich. Er taumelte, ergriff den Stuhl, der vor ihm stand, und beugte seine Stirn auf die Lehne nieder. Als die Bedienten ihn dann aus dem Saale führten, warf er noch einen Blik auf Klaren, die ihn starr und aufmerksam ansah.

Zu Hause fühlte er sein Herz von den quälendsten Empfindungen zerrissen. Die Eifersucht warf ihre Flamme in seine Brust. Er schwor, nicht länger an die Ungetreue zu denken, und dachte nur an sie. Am Abend spät taumelte er fast unwillkührlich nach dem Hause des Gouverneurs, und hier schallte ihm eine wildfrohe Tanzmusik entgegen. Nun gerieth er beinahe in Wuth, kreuzte seine Hände über die Brust, blieb lange so stehen, und sagte endlich laut, mit bebender Stimme: o! ist es möglich? Konnte sie mich so vergessen?... Weg von hier! weg! – Er wollte fort; aber auf einmal hörte er hinter sich leise rufen: »Klairant!« und wendete sich mit Wildheit um. »Klairant!« rief es noch einmal seufzend, und ein Frauenzimmer eilte auf ihn zu. Es war Klara, in einen langen Mantel gehüllt. »Klairant!« sagte sie; »komm geschwind! Wo wohnst du? Geschwind!«

Auf einmal waren Gram und Zorn aus seiner Seele verschwunden. »Klara!« rief er, und warf einen Blik auf sie. Er sah Thränen in ihren Augen, und ergriff ihre zitternde Hand. »Fort! fort!« flisterte Klara, weil er stehen bleiben wollte. Sie eilte mit ihm in seine Wohnung, auf sein Zimmer, warf sich da sanft weinend in einen Stuhl, und verbarg das Gesicht in ihren Mantel.

Klara hatte das Tanzen, unter dem Vorwande, daß ihr nicht wohl sei, abgelehnt; und ihr bleiches, zerstörtes Gesicht ließ niemanden zweifeln, daß sie die Wahrheit sagte. Sie stand in einem entlegneren Zimmer am Fenster, hoffte auf Klairant, und fühlte, wenn jemand in Uniform die Straße herunter kam, ihr Herz mit Ungestümm pochen. Am Abend kam er endlich finster, schwermüthig, daher gegangen. »Ach, da ist er!« sagte sie leise: »Klairant! da bist du!« Er sah nach dem erleuchteten Saale hinauf, nicht an das Fenster, wo Klara stand. Sie lächelte, und winkte ihm verstohlen zu; aber er blikte nicht herauf. Jezt rief sie leise, – und nie hatten ihr Worte mehr Anstrengung gekostet; – »Klairant! hier! hier bin ich!« Er hörte nicht, schlug die Arme übereinander, und blieb so stehen. Sie hörte seine Worte: »o! ist es möglich?« nahm rasch den Mantel, und eilte die Treppe hinunter, zum Hause hinaus. Schon gieng er zurük; doch sie eilte hinter ihm her, und endlich erreichte ihn ihre Stimme.

Lange saß sie, weinend und mit verhülltem Gesichte, auf dem Stuhle, und Klairant wagte es nicht, sie zu stören. Endlich sprang sie auf, sagte: ich muß fort, blikte ihn an, bog sich gegen ihn hin, und sank an seine Brust. Beide schworen einander aufs neue ewige Liebe. »Mein Vater,« sagte Klara im Weggehen stokend – »mein Vater ... ist jezt ... nicht in Pillon ... er ist in Paris, mit in der Versammlung der Notabeln.« Klairant schloß sie für diese Nachricht freudig in die Arme. »Und ich,« sezte sie zärtlich hinzu, »ich ... komme wieder zu meiner Mutter nach Pillon.« – Ich sehe dich wieder! rief Klairant in noch höherer Freude. Klara hüllte sich in ihren Mantel, gieng mit leisen Schritten über die Straße, und sagte auf ihrem Zimmer einmal über das andere: »ich hab' ihn wieder!«

Sie hielt Wort. Troz den Bitten ihrer Tante, troz allen Freuden im Hause derselben, kehrte sie nach dem einsamen Pillon zurük, wo sie schönere Freuden von der Liebe hoffte. Klairant hatte ihren Wink verstanden, und schon einige Tage nach ihrer Ankunft in Pillon war auch er bei seinem Oheim. Madame du Plessis wurde zwar unruhig, als sie erfuhr, daß Klairant wieder in Chatillon wäre; aber Klara war bei der Nachricht so unbefangen, so gleichgültig, daß sie wohl auch hellere und schärfere Augen getäuscht haben könnte. Während der ersten Tage beobachtete die Mutter ihre Tochter. Diese merkte es und war auf ihrer Hut, bis jene sich wieder beruhigt hatte. Sie wußte in der That noch nicht, wie sie eine Zusammenkunft mit Klairant veranstalten sollte; indeß, sie war ja in seiner Nähe, sah ihn zuweilen auf einem Spaziergange, und bekam durch die Gewißheit, daß man ihr doch nicht immer auflauern könnte, eine Heiterkeit, durch welche ihre Mutter sich täuschen ließ.

Klara wendete sich jezt mit fernen Anspielungen an ihre ehemalige Verrätherin, die Pächterin Rosiere. Die junge Frau verstand sie, lächelte, und deutete in eben so fernen Anspielungen darauf hin, daß alles gut gehen sollte; aber nach einigen Tagen war diese Hoffnung verschwunden. Klairant war zu stolz oder zu furchtsam, die Pächterin zu seiner Vertrauten zu machen. Er antwortete auf ihre Anspielungen nicht ein Wort; und als sie ihm mit Klarens Wunsche näher rükte, nannte er sie mit einer kaltstolzen Miene eine Thörin, ließ sie stehen, und dankte ihr auch nicht einmal mit einer Miene. Hierdurch wurde Hannchen ganz irre an ihm; denn es war ihr unbegreiflich, wie er ein solches Glük ausschlagen konnte. Klara selbst wußte sich sein Betragen Anfangs nicht zu erklären; doch bald, als sie die brennenden Blike sah, die er auf sie warf, dankte sie ihm im Herzen für die edle Delikatesse, mit der er eine solche Vertraute, wie Hannchen, nicht angenommen hatte.

Durch ihre kleinen Reisen war Klara zu vielen Bekanntschaften gekommen, und jezt vereinigten sich mehrere Familien in der Nähe, ein Gesellschafts-Theater zu errichten. Man spielte zuerst kleine Stüke; doch bald gieng man weiter, und hatte mehr Schauspieler nöthig. Auch Hannchen mußte eine Rolle übernehmen; aber nun blieb noch die Rolle eines jungen Menschen unbesezt. Man überlegte, wem man sie geben könnte, und schlug bald diesen, bald jenen dazu vor. Ist denn, fragte ein Officier, hier in der Nähe kein junger Mensch, der Geist, Erziehung, und ein wenig Gefühl hat? – Klara, ihre Mutter, und die kleine Rosiere dachten bei dieser Frage alle drei sogleich an Klairant. Die Vicomtesse sah ihre Tochter mit einer forschenden, bedenklichen Miene an, und schwieg. Klara sagte ganz ruhig: »ich weiß keinen;« sie warf aber einen so sprechenden Blik auf die Rosiere, daß diese ihn nicht mißverstehen konnte. Da ist ja Klairant wieder hier! sagte sie triumphirend; ich dächte, gnädige Frau, der wäre so recht für die Rolle zu brauchen. – Das wohl, erwiederte die Mutter, mit einem unruhigen Blik auf ihre Tochter; aber... – Klara hatte gar nicht weiter auf das Gespräch gemerkt, sondern mit dem Officier gescherzt. Die Mutter gab es endlich zu; denn Klara hatte ja in dem Stüke die Hauptrolle, und es konnte ohne Klairant nicht gegeben werden. O Eitelkeit! Eitelkeit!

Klairant kam, und die Mutter betrachtete ihn, als er herein trat, mit einer ahnenden Miene. Klara wurde roth, und fuhr zusammen, als sie seine Stimme hörte; doch war sie zum Glük ziemlich weit von der Mutter, so daß diese es nicht bemerken konnte. Man fand Klairants Figur, Stimme und Aktion vortrefflich. Das Stük wurde mit allgemeinem Beifall gegeben, und Klara erhielt von den Zuschauern das lauteste Lob. Die Mutter war außer sich vor Freude; denn sie dachte nicht daran, daß Klara und Klairant bei den Proben hinter den Kulissen jeden Augenblik, den sie nicht auf dem Theater seyn mußten, noch ein andres Schauspiel, ohne Zuschauer, aufgeführt haben könnten. Da standen Beide hinter den Kulissen, mit den Rollen des Stükes in der Hand, aber nur mit den Rollen ihrer Herzen beschäftigt, in den allerzärtlichsten Gesprächen, und mit Thränen in den Augen. Hannchen lauschte an der Treppe, die auf das Theater führte, und zog, wenn etwa die Vicomtesse einmal kam, die Gloke, durch welche das Zeichen zum Niederlassen der Gardine gegeben wurde. Dann gieng Klara geschwind auf die andere Seite der Kulissen, und studierte eifrig in ihrer Rolle. Die Mutter fand Beide nie allein beisammen; sie glaubte nun, daß alles Vorige vergessen wäre, und war darüber gänzlich beruhigt. Gerade eben das, wodurch sie hätte aufmerksam werden sollen, machte sie sicher. Sie lächelte zufrieden, wenn sie sah, daß Klara mit brennenden Augen in ihrer Rolle las, und Klairant mit zitternden Händen die Lichter schneuzte.

Bei der wirklichen Ausführung des Schauspiels war Klairant in so starker leidenschaftlicher Empfindung, und spielte seine Rolle so wahr, so gut, daß er nächst Klaren den meisten Beifall erhielt. Schade, sagte man, daß der junge Mensch mit der edlen Figur, den flammenden Augen, den glühenden Wangen und dem schönen Organ, nicht eine größere Rolle hatte. Klara hörte diese Lobsprüche auf ihren Geliebten mit geheimer, entzükender Freude. Es kostete ihr jezt wenige Mühe, ihm größere Rollen zu verschaffen. Er spielte immer gleich vortrefflich, und sein Beifall stieg mit jedem Stüke, das gegeben wurde. Endlich sollte er den Titus, und Klara die Tullia, dessen Geliebte, in dem Brutus von Voltaire spielen. Die arme Mutter wußte nicht, was sie zu thun hatte, weil sie wohl fühlte, daß hier Gefahr für Klaren wäre. Aber konnte sie sich den Triumph versagen, ihre Tochter beklatschen zu hören? Sie gab es stillschweigend zu, weil sie nicht Kraft genug hatte, die mütterliche Eitelkeit zu unterdrüken. Bei der ersten Probe war sie gegenwärtig, und zitterte, als Klara so leidenschaftlich deklamirte und spielte. O, Madame, sagte ein Officier, der mit zusah, vor Entzüken ganz außer sich: welch eine glükliche Mutter sind Sie! So etwas Vortreffliches hab' ich nie gesehen! – Der guten, aber schwachen Mutter, schlug das Herz jezt doppelt stark, und die ahnende Sorge wich nun der stolzen Freude. Da stand ihre Tochter, Klara, als Tullia, mit ihrer Vertrauten allein auf dem Theater. Ihr Busen flog; sie hob die Augen und Hände gen Himmel, und es brachen Thränen aus ihren feurigen Augen. Jeder im Saale hatte seine Blike auf sie geheftet, und niemand wagte es Athem zu holen. Klara blieb lange in dieser schönen Stellung stehen. Dann sagte sie mit ihrer lieblichen, sanften Stimme:

                   

Ciel! que je dois d'encens à ta bonté propice!
Mes pleurs t'ont désarmé: tout change, et ta justice,
Aux feux dont j'ai rougi rendant leur pureté,
En les récompensant, les met en liberté
O, ich danke euch, gütige Götter! Meine Thränen haben euch gerührt. Ich darf nicht mehr vor meiner Liebe erröthen; sie ist heilig, ich darf sie frei bekennen.

Heiße Thränen strömten über ihre Wangen, als sie diese vier Verse so bebend, so eindringend, so fromm und so fröhlich sagte. Jedes Herz wurde erschüttert; selbst die Mutter vergoß eine Thräne. – Nun wendete Klara sich an ihre Vertraute, die ihren Geliebten holen sollte, schloß sie mit Heftigkeit in ihre Arme, und schluchzte an ihrer Brust. Die arme Vertraute, die so etwas gar nicht erwartet hatte, gerieth bei Klarens Spiel in nicht geringe Verlegenheit, und ihre Bewegungen wurden ziemlich hölzern. Klara sagte leise, sehr leise:

                   

Va le chercher, va, cours!... Dieux, il m'évite encore!
Faut-il qu'il soit heureux, hélas! et qu'il l'ignore Eile, such' ihn, flieg! O Götter! noch immer vermeidet er mich? Soll er glüklich seyn, und, ach! es nicht wissen?

Die Blike, mit denen sie den lezten Vers begleitete, waren so voll entzükter Fröhlichkeit, daß selbst die argloseste Seele hätte glauben müssen, so könne allein die Natur spielen lehren. Die Mutter schüttelte bedenklich den Kopf, und bereuete ihre Einwilligung; beinahe wäre sie auf das Theater gesprungen, und hätte der Probe ein Ende gemacht.

Endlich trat Klairant selbst auf. Er näherte sich mit zitternden Schritten der reizenden Geliebten, die ihm mit einem Blike voll reiner, freundlicher Zärtlichkeit entgegen sah, öffnete die Lippen, und verschloß sie wieder. Beide bewegten nicht eine Hand; aber dennoch drangen ihre Worte in die Herzen, und entlokten den Augen aller Zuschauer Thränen. Endlich sagte Klairant:

                   

je suis des mortels le plus infortuné Ich bin der unglücklichste aller Menschen.

und mit einer Stimme, mit einem so rührenden Tone, daß jeder zitterte. Nun schwieg er. Der Souffleur sagte erst leise, dann lauter, und immer lauter, vor; aber Klairant hörte nichts, und bedekte mit der Hand das Auge, das voll Thränen hieng. Klara, der sein Ton durch die Seele gegangen war, sank auf seine Schulter, und ihre Thränen vermischten sich mit den seinigen. Es entstand eine lange Pause. Dem Souffleur brach der Angstschweiß aus; die Zuschauer aber bemerkten nicht, daß der Dichter die Pause nicht vorgeschrieben hatte: sie glaubten die schönsten Verse zu hören, und hörten nichts als Seufzer der Liebe.

Klara besann sich zuerst, und der Dialog hob wieder an. Die Empfindung der beiden Liebenden stieg aufs höchste. Als Klairant zu den beiden Versen kam:

                   

Je sais ce qu'est un père, et ses droit absolus;
Je sais... que je vous aime... et ne me connais plus
Ich weiß, was ein Vater ist, und kenne seine Rechte; aber ich weiß, daß ich dich liebe, und – kenne mich nicht mehr.

fiel der Gedanke an sein eignes Schiksal und die Wahrheit dieser beiden Verse gewaltig auf sein Herz. Er sagte die lezten Worte mit wild rollenden Augen, mit einer heimlich drohenden Stimme. Klara schwieg, und blikte ängstlich zitternd umher. Der Souffleur schrie aus Leibeskräften, ohne daß sie ihn hörte. Hannchen hatte schon mit halbem Zittern zugesehen; jezt sprang sie herbei, und sagte zu Klaren: da kommen Sie doch immer heraus, gnädiges Fräulein! Lesen Sie das Uebrige nur! – Klara nahm nun ihre Rolle in die bebende Hand, und las so schlecht als möglich; zum Glük sprach man aber laut, und hörte nicht, wie sie las.

»Nein,« dachte die Mutter, als die Probe zu Ende war: »so kann nur die Liebe reden; solche Blike kann nur die Liebe geben! Klairant darf die Rolle nicht behalten! Aber ... mit wem wird Klara so schön, so rührend spielen? mit wem die Thränen und das Lob der Zuschauer so einernten? Und was wird man denken, wenn ich dem besten Akteur die Rolle nehme, die Niemand so natürlich spielen kann!« So trieb die Mutter sich in Bedenklichkeiten umher. Während dessen wurden Klairant und Klara nicht müde ihre Scenen zu probiren, und endlich kam der Tag der Vorstellung. Die Mutter hatte noch immer keinen Entschluß gefaßt, und opferte das Schiksal ihrer Tochter – der Eitelkeit.

Nie sind der Titus und die Tullia mit mehr Wahrheit gespielt worden, als heute von Klairant und Klara. Die Mutter vergaß in dem fröhlichen Taumel über das allgemeine Händeklatschen, daß ihre Tochter nur allzu wahr spielte.

Bei den Liebenden war indeß durch die Proben dieses Trauerspiels eine Veränderung vorgegangen. Klairant sagte die schönen Verse, worin Titus aus Edelmuth, aus Tugend, die Hand der Geliebten ausschlägt, so oft und mit solcher Innigkeit, daß sie endlich Eindruk auf sein Herz machten. Wohl hundertmal rief er auch zu Hause die beiden Verse aus:

                   

O Dieux, percez ce cœur de sa honte allarmé,
Qui serait vertueux, s'il n'avait point aimé
O Götter, vernichtet dieses schauervolle Herz, das tugendhaft seyn würde, wenn es nicht geliebt hätte.

Seine Miene wurde bei den Proben immer finsterer. Er recitirte alle Stellen, in denen er seiner Geliebten entsagte, mit stärkerem Nachdruk, und hörte die Versicherungen der Liebe von den Lippen seiner Klara nicht mehr, wie Anfangs, mit zärtlicher Heiterkeit. Jezt betrachtete er sie oft mit finstern Bliken, und schwieg; ja, er wendete sich von ihren Liebkosungen ab.

Mit Klaren war es ganz anders, das Trauerspiel hatte eine ganz entgegengesezte Wirkung auf ihr Herz gethan: sie hielt es für eben so großmüthig, ihm treu zu bleiben, als er, sie zu verlassen. Es war nur ein Streit des Edelmuthes zwischen Beiden: sie brachte das Opfer; er schlug es aus, und gewann dadurch in ihren Augen noch mehr. Als sie seinen inneren Kampf bemerkte, verdoppelte sie ihre Zärtlichkeit gegen ihn. Sie hielt die schwache Eitelkeit ihrer Mutter für stillschweigende Billigung ihrer Leidenschaft, und meinte, das Lob, das Klairant einernte, berechtige sie zu ihrer Liebe für ihn. Man lobt, dachte sie, meine Zärtlichkeit auf dem Theater; und warum nicht auch anderswo?.... Schon sein herrliches Spiel verdient mein Herz. O, mein Vater sollte ihn nur einmal in dieser Rolle sehen! Auch er müßte seinen Edelmuth bewundern!... Ja, ich bin sein, und wenn er der ärmste Bauer wäre!

Klairant saß einmal in seiner jezigen Stimmung ganz allein auf dem Theater; denn, troz, dem Entschlusse, Klaren zu verlassen, kam er immer einige Stunden früher, als die Probe angieng. Er stüzte den Kopf mit der Hand, und seine Bewegungen zeigten, daß er mit sich selber kämpfte. Klara war hinter ihm in den Kulissen, und beobachtete ihn. Auf einmal stand er auf, hob beide Arme, und rief mit einer sehr bewegten Stimme aus seiner Rolle:

                   

Laissez-moi ma vertu, laissez-moi mes malheurs!
Je ne la verrai plus
Laßt mir meine Tugend, und mein Elend! Nein, ich will sie nicht wiedersehen.

Klara trat hervor, stellte sich vor ihn, sah ihm ernst in das Auge, legte ihre Hand an sein Herz, und sagte aus ihrer Rolle sehr feierlich:

                   

Tu es mon meurtrier, ou tu es mon époux Du bist mein Mörder, oder du bist mein Gatte.

Beide erschraken: sie von der Bedeutung ihrer Worte; er vor dem Ernste, mit dem sie sprach. Indeß – sie hatte es nun einmal gesagt, und ihr wurde leicht. Sie lehnte sich an seine Brust, umarmte ihn stillschweigend, gieng dann langsam vom Theater hinunter, und ließ ihn allein.

Jezt kamen ganz neue Ideen in seine Seele. Klara seine Gattin! Alle Bedenklichkeiten schwiegen bei dieser freudigen Vorstellung. Klara seine Gattin! Sein nur durch Verse entstandener Edelmuth scheiterte an diesem Gedanken, und er taumelte vor Entzüken, als er Klaren wiedersah. Sie war jezt anders gegen ihn, als sonst; durch ein inniges Vertrauen, eine ruhige Zärtlichkeit, und ein Hingeben voll stiller Liebe, ließ sie ihn schon im Voraus das Glük empfinden, das sie ihm in jenem Verse angekündigt hatte. Wirklich mußte sie so seyn; denn die lezte Scheidewand ihrer Liebe war nun gefallen. Sie hatte ihm schon hundertmal gesagt: ich liebe dich; und doch war eine gewisse Zurükhaltung zwischen ihr und ihm geblieben. Jezt hatte sie ihm so feierlich erklärt: »ich will deine Gattin seyn, oder du tödtest mich;« und sie fühlte, daß nun ihr Schiksal unauflöslich an das seinige gebunden war. Sie fand sich erleichtert, und die Vertraulichkeit, die sie Anfangs erkünstelte, wurde ihr sehr bald natürlich. Als der Brutus wirklich aufgeführt wurde, wiederholte sie den Vers noch einmal mit einem so feierlichen Nachdruk, daß Klairant zitterte. Er glaubte, alle Zuschauer müßten sein Verhältnis mit Klaren nun kennen, und sagte fast unhörbar:

                   

Tu l'emportes enfin Du siegst endlich.

Nach der Scene suchte er sie auf, und fand sie im Ankleidezimmer. Beide sanken einander mit überfließender Zärtlichkeit in die Arme. »Du hast mir in Gegenwart meiner Mutter geschworen,« sagte Klara. »Denke an deinen Schwur, Klairant! Du bist mein Mörder, oder mein Gemahl« – Meine Gattin! mit diesen Worten sank er ihr zu Füßen. – Welche Kleinigkeiten bringen zuweilen zu Entschlüssen, die sonst in Jahren nicht reif würden! Klarens Eltern hatten noch immer die Liebe ihrer Tochter besiegen können; aber durch einen Zufall wurde diese Liebe Vertrauen, reine Freundschaft, und hatte nun den Charakter, der allein sie unüberwindlich machte.

Von diesem Tage an führten die beiden Liebenden ganz andre Gespräche. Es war, als ob die Gewißheit einander zu besizen (die hatten ihre Herzen sich gegeben) sie umgeschaffen hätte. Anfangs sprachen sie von den Mitteln, ihre Wünsche zu erreichen. Sie fanden nur Eins; doch dies Eine war ihnen hinlänglich und sicher. »Wir sind alle Tage beisammen,« sagte Klara; »was fehlt uns? Mit jedem Tage wächst unsre Liebe, und wir sind glüklich. Meine Mutter billigt schweigend die Verbindung unsrer Herzen; und was vermag nicht eine Frau über ihren Mann! Denke, wenn ich dich bäte...« – Sie erröthete. – »Und gesezt,« fuhr sie fort, »mein Vater wäre unerbittlich: nun denn! lieber Klairant, so verließe ich mein väterliches Haus; du nähmst dein Vermögen, und irgend ein Winkel in Frankreich würde uns ja alles geben, was wir brauchen: eine Hütte, ein schattiges Wäldchen, einen Garten, den wir gemeinschaftlich baueten.« So dachte die unerfahrne Klara wirklich: ja, es gab Augenblike, wo sie wünschte, ihr Vater möchte unerbittlich seyn, damit sie den zweiten Plan ausführen könnte. Klairant schüttelte den Kopf und sagte seufzend: ach, Klara, du phantasierst so schön, daß es mir wehe thut, deine Träume zu zerstören. Du kennst das Landleben nur aus Schäfer-Romanen und Idyllen!

»Ich? wo lebe ich denn seit vielen Jahren? Ich bin ja von Jugend auf ein Landmädchen gewesen.«

Und kennst vom Lande nichts als die Maitänze, das Erntefest und die Weinlese! Du weißt nicht, gute Klara, mit welchen Leiden diese Augenblike der Freude erkauft werden.« Nun fieng Klairant an, ihr das Leben, von dem sie so viel hoffte, mit wahren Farben zu mahlen; aber, wenn Klara ihm nichts weiter zu antworten hatte, so legte sie ihren Arm um seine Schultern, und sang mit zärtlichen Bliken, mit heller Stimme:

                   

Nous souffrirons ensemble,
Et c'est ne point souffrir
Wir weinen dann zusammen,
Und Freude wird der Schmerz.

und auf einen solchen Einwurf hat ein Herz voll Liebe nie etwas zu antworten gewußt. Kurz, Klara gewann jedesmal den Sieg, so wenig auch die Vernunft sie unterstüzte. Klairant mußte ihr versprechen, mit ihr zu entfliehen, wenn ihr Vater unerbittlich wäre; und nun war der Hauptpunkt abgemacht. Die reizenden Bilder, die Klarens Phantasie und Liebe ihm täglich vormahlten, verdunkelten die seinigen; und er fand es jezt süß, sich mit ihr stundenlang von den Beschäftigungen ihres künftigen häuslichen Lebens zu unterhalten. Der leidenschaftlichen Klara war es doch nicht genug: sie wollte das Leben, das sie einst führen würde, schon jezt anfangen, und arbeitete daher im Garten, besuchte Bauerfamilien, und lernte das Elend in den Hütten kennen; doch dies nicht allein: sie wurde auch ein Schuzengel für die Unglüklichen in Pillon und Mangienne. Die Thränen der Dankbarkeit, die Ausdrüke ehrerbietiger Liebe, mit denen man sie in jeder Hütte empfieng, gaben ihrer Wohlthätigkeit neuen Reiz, und sie fand in ihrem jezigen Leben unendliche Freuden. Klairant, der ihr bei ihrer Wohlthätigkeit Hülfe leistete, machte jedesmal ausfindig, wie den Unglüklichen zu helfen sei. Beider Liebe nahm nun einen ehrwürdigen Charakter an: den Charakter der Tugend. Ihre Wohlthaten gaben ihnen Stoff zu ihren Unterredungen, und die Thränen der Freude über manchen geretteten Unglüklichen mischten sich in die Thränen ihrer Liebe. So flossen ihre Seelen in einander, und ihre Liebe wurde unüberwindlich.

Klarens Mutter sah mit großer Unruhe das Vertrauen zwischen Klairant und ihrer Tochter mit jedem Tage wachsen; allein sie konnte sich nicht verhehlen, daß sie Veranlassung dazu gegeben hatte, und eben so wenig, daß Klairant ein sehr liebenswürdiger junger Mann war, der die Achtung jedes Menschen fordern konnte. Sie sprach mit Klaren über ihre Neigung zu Klairant; doch, wie es die Mütter gewöhnlich machen, nicht geradezu, sondern verstekt. Klara wußte sich auszureden; und so gewöhnte die Mutter sich nach und nach an das vertraute Verhältnis zwischen Klairant und ihrer Tochter. Aufsehen konnte dieses eben nicht erregen; denn an dem Gesellschafts-Theater hatte Klairant einen Vorwand, täglich nach Pillon zu kommen. Die schwache Mutter wollte den Ruf ihrer Tochter noch mehr sichern, und verbreitete daher die Nachricht, daß Klairant ein Geistlicher werden würde. Klara widersprach dem Gerüchte eben so wenig, wie Klairant; und so fand man es ganz natürlich, daß ein junger Geistlicher mit ihr in einer Laube, oder im Schatten der Allee saß und ihr vorlas oder sich vorlesen lies. Man hielt ihn gleichsam für Klarens Lehrer, und er wurde das wirklich.

Der junge du Plessis, bei dem Entfernung und Trennung die Liebe zu dem Freunde seiner Jugend nicht vermindert hatten, kam jezt einmal wieder nach Pillon. Schon nach einigen Tagen bemerkte er das Verhältniß der beiden Liebenden, und versuchte es, Klaren die Thorheit ihrer Leidenschaft begreiflich zu machen; aber sie fiel ihm um den Hals, und versicherte ihm unter heißen Thränen, daß diese Liebe schlechterdings zu ihrem Glüke nothwendig sei. »Glaube mir, Bruder,« sagte sie mit einer Festigkeit, mit einer Ruhe, die ihn in Erstaunen sezte – »glaube mir, ich liebe Klairant, und keine menschliche Gewalt ist im Stande, mich von ihm zu trennen. Man kann mich arm, man kann mich unglüklich machen, aber weiter auch nichts. Mich von ihm zu trennen, ist unmöglich. Ich bin fest entschlossen, Klairants Frau zu werden: ob in diesem Kleide, oder in dem Kleide einer Bettlerin, gleichviel! ob hier im Hause, oder in einer Hütte; gleichviel!

Sie sprach in einem so entschlossenen und festen Tone, daß ihr Bruder nichts weiter sagen mochte. Er gab ihr nur den Rath, vorsichtig zu seyn, und sezte mit einem zärtlichen Händedruke hinzu: wenn ich einst etwas habe, gute Schwester, so soll es dir nicht an einem Obdache fehlen. Klarens Hoffnung stieg. Sie erzählte ihrem Klairant diese Unterredung; und er entdekte nun dem jungen du Plessis seine Liebe. Dieser umarmte ihn schweigend, und sagte leise: mein geliebter Bruder!

Indeß wurde die Versammlung der Notabeln in Paris aufgehoben, und der Vicomte kehrte nach Pillon zurük. Diese Nachricht war ein Donnerschlag für die beiden Liebenden. Klara gieng ihrem Vater zitternd entgegen, und stand wie eine Verbrecherin bebend vor ihm. So oft er die Lippen öffnete, glaubte sie, daß er sich nach ihrem Umgange mit Klairant erkundigen würde; er fragte aber nicht, und fuhr schon nach einer Stunde zu seinem alten Freunde, dem Prior, um mit ihm zu plaudern. Klairant erschrak, als er den Vicomte erblikte; allein dieser schien über die Politik alles Andre vergessen zu haben. Er erzählte dem Prior die Verhandlungen der Notabeln. Zwar fand er das Bestreben des dritten Standes, sich doppelte Repräsentation zu verschaffen, ungerecht und bestrafenswerth; aber er vergab demselben, in der Ueberzeugung, daß er das physiokratische System einführen würde.

Der alte Prior hatte während der Zeit, da der Vicomte in Paris für dieses System stritt, seine Meinung geändert. Er war in der Versammlung der Geistlichen zu Verdün ein heftiger Feind dieses Systems geworden, weil er glaubte, daß es auf das Verderben des geistlichen Standes abzwekte. Die beiden Alten geriethen darüber in einen lebhaften Streit. Der Prior ließ sich durch Klairant eins von den gegen das System geschriebenen fliegenden Blättern holen; Klairant brachte es, und sagte sehr bescheiden: die Gründe gegen das System sind aber bloß scheinbar. (Die allgemeine Krankheit dieser Zeit hatte auch Klairant nicht verschont; er war so gut ein Politiker, wie der Vicomte und der Prior, und vielleicht ein besserer, als sie Beide, weil er kein Vorurtheil hegte.) »Scheinbar! recht, mein Sohn!« rief der Vicomte hizig; »weiter sind sie nichts!« So wurde Klairant mit in die Streitigkeit hineingezogen, und er vertheidigte nun das System mit einem Feuer, welches ihm mehr sein Herz, als sein Kopf gab; denn die Liebe hatte eben so vielen Antheil an seiner Meinung, als die Politik. Er sprach für die Erleichterung des Bauernstandes, weil Klara eine Bäuerin werden wollte; und er sprach mit einem solchen Feuer, mit einer so hinreißenden Beredtsamkeit, daß der Vicomte aufsprang und ihm die Hand drükte. Der Prior wurde überschrieen, und der Vicomte, der nicht so geläufig reden konnte, als er, trug mit Klairants Hülfe den Sieg davon.

»Der Klairant,« sagte der Vicomte, als er wieder zu Hause war (Klara zitterte vor Angst) – »der Klairant ist ein sehr verständiger Bursche geworden. Habt Acht, aus dem wird noch etwas!« – Klarens Brust wurde leicht bei diesen Worten; sie glaubte schon auf die Einwilligung ihres Vaters rechnen zu können.

Am folgenden Tage kam der Prior, und, auf des Vicomte Verlangen, auch Klairant. Man las die Zeitungen, stritt, machte Plane, und schimpfte. Klairant nahm sich aber wohl in Acht, seine übrigen politischen Meinungen zu äußern; denn der Vicomte würde nicht wenig betroffen gewesen seyn, wenn er einen Anhänger seines Systems solche Folgerungen aus demselben hätte ziehen hören, wie Klairant gewöhnlich daraus zog. Klairant wurde nun in Pillon Vorleser der politischen Blätter, und so nach und nach der Liebling des Vicomte. Dieser vergaß über das Interesse des Vaterlandes sein Haus und seine Tochter. Er dachte kaum noch daran, daß Klairant seine Klara beinahe verführt hatte; und fiel es ihm ja einmal ein, so war der Mutter und der Tochter gleichviel daran gelegen, irgend eine politische Idee in seinem Kopfe zu weken, über die er jene Erinnerung bald wieder vergessen mußte.

Die beiden Liebenden konnten zwar, wenn der Vicomte ein Paket politischer Broschüren aus Paris erhalten hatte, stundenlang ungestört mit einander sprechen; aber dennoch waren sie sehr behutsam. Daran, daß der Vicomte ihnen jemals seine Einwilligung zu ihrer Liebe geben würde, durften sie gar nicht denken; denn bei jeder Nachricht von einem neuen Angriffe gegen die Rechte des Adels gerieth er beinahe in Wuth, und immer behauptete er: der Adel müsse jezt fester als jemals zusammenhalten, um den kühnen, ungerechten Schritten der Bürger mit desto größerm Nachdruk die Spize bieten zu können. Indeß, er war doch wenigstens beschäftigt, und bemerkte nicht, was um ihm her vorgieng.

Von der allgemeinen Sucht, über Staatskunst zu reden, blieb sogar auch Klara nicht frei: sie träumte sich eine neue Verfassung, die sich natürlicher Weise mit ihrer Liebe zu Klairant vertragen mußte. So machte jedes wichtige Ereigniß in Paris auf diese Familie die verschiedensten Eindrüke. Bei der Nachricht von der Einnahme der Bastille war der Vicomte außer sich, und schalt auf die Unthätigkeit des Hofes. Klara zitterte bei dem Gedanken an die dabei vorgefallenen grausamen Scenen, dankte aber dem Himmel, daß die Bastille nun einmal zerstört war, weil sie daraus Glük für ihre Liebe ahnete. Klairant tanzte vor Freude, und rief: so werden noch alle die Mauern fallen, welche die Tyrannei erbauet hat; auch die Scheidewand, die dich von mir trennt, meine Klara! Der Prior berechnete seufzend die Anzahl der Gebliebenen und der auf diese Art zerrissenen oder vereitelten Ehen; und Klarens Mutter betrachtete mit einer Art von Freude den neuen Kopfpuz à la bastille.

Nach dem vierzehnten Julius folgten die größten Begebenheiten mit reißender Schnelligkeit auf einander, und die stille, geheime Liebe unseres Paares blieb völlig unbemerkt, oder unbeachtet. Der Adel in der umliegenden Gegend kam oft zusammen, las mit einander, disputirte, schrie und schimpfte. Man fand die Schritte der National-Versammlung abscheulich: darin stimmten der Vicomte, seine Gesellschaft, und der Prior mit seinen Mönchen in Chatillon überein. Die beiden Liebenden und der junge du Plessis hingegen bildeten eine heimliche Oppositionsparthei. Klara! rief Klairant, und hielt das Blatt mit der Erklärung der Menschenrechte in der zitternden Hand –: Klara, wir werden glüklich seyn! Sieh, höre, lies! Die National-Versammlung hat dekretirt, daß jeder Mensch berechtigt ist, über sich und seine Hand zu gebieten. Du bist frei, Klara. Oeffentlich, unter dem Schuze der Nation und des Königs, kannst du mir deine Hand geben, und niemand darf dich daran hindern. – Klara hörte, las; und man kann leicht denken, daß sie mit ganzer Seele für die Versammlung war, welche ihre Liebe in Schuz nahm.

Der politische Klubb in Pillon wurde immer regelmäßiger und größer, und er feierte jedes große Ereigniß in Paris. Der Vicomte ließ auch den Prior einladen; denn anders kam dieser nicht mehr, da er in seiner Denkungsart jezt sehr weit von jenem abwich. Endlich hatte der Vicomte den Triumph, daß die Güter der Geistlichkeit für das Eigenthum der Nation erklärt wurden. Er lief freudig in seinem Schlosse umher, las seiner Familie, ja selbst den Domestiken, das Dekret vor, und schikte Boten zu dem benachbarten Adel, zu dem Prior, um sie zu einem Freudenfeste in Pillon einzuladen, bei welchem das Schloß und der Garten illuminirt wurden. Das Fest war sehr lärmend; nur Klairant und Klara, um die sich heute niemand bekümmerte, genossen des Tages, der ihnen ein Fest der Liebe wurde.

In Chatillon war man aber eben so traurig, als in Pillon fröhlich. Der Prior hatte zwar die Einladung des Vicomte nicht ausgeschlagen, sich aber nur eine Stunde bei ihm aufgehalten. Er tröstete sich indeß mit der Hoffnung, daß endlich die National-Versammlung auch seinen Lieblingswunsch, die Aufhebung des Cölibats, dekretiren würde. Seine Hoffnung blieb nicht unerfüllt; bald kam es auch zu Debatten über die Priesterehe, und nun wurde es in Chatillon eben so laut, wie vorher in Pillon. Gestern ließ der Vicomte sein Schloß illuminiren; heute der Prior die Abtei. Die jungen Mönche hiengen mit ganzem Herzen an dem System ihres Priors; sie erstaunten nur darüber, daß er, troz den feurigsten Reden für seine Meinung, dennoch sehr dagegen war, als einer von ihnen sein Auge auf ein hübsches Bauermädchen in Pillon warf, und nun sogleich heurathen wollte. »Nein!« sagte der Prior; »laßt uns der Welt zeigen, daß unsre Freud nicht Sinnlichkeit, nicht Begierde ist. Wir wollen das Dekret ehren, weil es den Stempel der Vernunft und der Natur trägt; aber laßt uns unverheurathet bleiben, damit wir uns selbst ehren können.« Die jungen Mönche fanden diese Folgerungen sehr inkonsequent, indeß liebten sie ihren guten Prior zu herzlich, um seinen Wünschen entgegen zu handeln.

Jezt kam das Dekret über die Besteurung des Adels. Der Vicomte schalt, sein Klubb ließ die Köpfe hängen, die Musik hörte auf, die Illuminationen waren zu Ende und nur die Landleute feierten in ihren Hütten ganz heimlich kleine Feste. Schlag auf Schlag! Die Geistlichen verloren den Zehnten, und Chatillon war in tiefer Trauer. Je stiller aber das Schloß und die Abtei wurden, desto lauter, desto froher waren die Hütten der Landleute; und die beiden Liebenden verschmäheten keins von diesen Festen. Klara schlich sich in die Hütte, woher die Freude erscholl; denn dort fand sie ihren Klairant mitten unter wahrhaft frohen Menschen.

Endlich erschien auch das Fest der beiden Liebenden; der Adel wurde aufgehoben. Klairant bekam das Dekret noch Abends spät, las es mit glühendem Gesichte, mit flammenden Augen, und eilte in bestürzter Freude nach Pillon. »Klara!« rief er, sobald er seine Geliebte sah: »wir sind glüklich! Du bist mein! ich bin dir gleich! Danke Gott! du hast aufgehört mehr zu seyn, als ein Mensch. Ich bin, was du bist.« – Klara verstand ihn nicht; doch als er ihr eilig vorlas, sank sie vor überwallender Freude in seine Arme. »Endlich! Gott sei Dank!« rief sie; »endlich bin ich dein!« Beide schlangen ihre Arme umeinander, und blieben lange so stehen. »O,« sagte Klara dann: »mein Vater und der Prior haben ihre Feste gefeiert, unsre Dörfer sind fröhlich gewesen; auch wir wollen nun ein Fest feiern: das Fest unsrer beschüzten Liebe. Morgen Abend, Klairant! in der Weinlaube hinten im Park!« Sie giegen mit Thränen der Freude aus einander.

Klara sammelte die Ueberreste von der Illumination ihres Vaters, trug heimlich mit Hannchen Rosiere, die ihr helfen mußte, Lichter und Lampen in die Laube, befestigte sie rund umher und hängte Blumenketten auf. Hinten brannte Klairants Name in Lampen; und am Eingange hieng ein Papier mit den Worten: »Nicht mehr Klara du Plessis; nur Klara, Klairants Geliebte.« Einen kleinen Tisch mit Gebakenem und einer Flasche Wein ließ Klara in die Eke stellen, und ihre Harfe lehnte sie an die Rasenbank. Sie stand, um den Geliebten zu erwarten, an der Laube, und sah die Allee hinunter, woher er kommen mußte. Sobald sie ihn erblikte, nahm sie die Harfe, und sang:

                   

            Echo, voix errante,
           Légère habitante
           De ce beau séjour,
           Echo, monument de l'amour,
Parle de ma faiblesse au Héros qui m'enchante,
Favoris du printems, de l'amour et des airs,
      Oiseaux, dont j'entends les concerts,
      Chers confidens de ma tendresse extrème!
           Doux ramages des oiseaux,
           Voix fidèle des échos,
      Répetez à jamais: je l'aime.

Klairant stürzte in die Laube, Klaren zu Füssen, und hielt in sprachlosem Entzüken lange ihre Knie umfaßt. Als er wieder ein wenig ruhiger wurde, konnte er nicht aufhören, die kleinen Anstalten, die sie getroffen hatte, zu bewundern und ihr mit Zärtlichkeit dafür zu danken. Seine Freude war ohne Maß; solche Augenblike hatte er noch nicht gelebt. Klara theilte jedes Stükchen Gebakenes, jedes Glas Wein mit ihm. Jezt umarmte sie ihn; dann sang sie ein süßes Lied. Keins von allen Festen war mit solcher reinen Freude gefeiert worden, wie dieses in der Laube; aber keines wurde auch so fürchterlich gestört.

Bisher hatte der Vicomte seinem Unmuthe über die Dekrete der National-Versammlung noch immer durch Schelten Luft gemacht, die Abschaffung des Adels erregte aber seinen Zorn im höchsten Grade. Er las das Dekret schweigend, mit finstern Bliken, legte die Stirn in die Hand, und blieb nachdenkend, in tiefen Sorgen für die Zukunft, sizen. Sonst verwendete er die Abende gewöhnlich zum Lesen auf seinem Zimmer, und war darin so vertieft, daß nichts ihn störte, und daß Klara dann vor ihm ganz sicher seyn konnte. Heute aber gieng er, mit übereinander geschlagenen Armen und mit gerunzelter Stirn, in seinem Zimmer auf und nieder. Anstatt zu lesen, sann er auf Mittel, wie dieser Schlag von dem Adel abzuwenden wäre. Ueberall bemerkte er Schwierigkeiten; immer sah er den Adel entweder gegen sich selbst verschworen, oder ohne Kraft sich zu vereinigen. Die Fragen seiner Gattin, was ihm fehle, und selbst das Licht im Zimmer störten ihn in seinem Nachdenken; er gieng daher in den Garten hinunter, und kam, tief träumend, in dessen dunklere Gegend. Auf einmal erblikte er von fern ein helles Licht, Klarens Illumination. Was ist das, fragte er sich selbst, und gieng näher. Die beiden Liebenden hörten ihn nicht kommen; denn sie saßen in der zärtlichsten Umarmung, ganz ineinander verloren, und hatten für nichts um sich her noch Sinne.

Der Vicomte erkannte seine Tochter und Klairant schon in einiger Entfernung; und als er näher kam, bemerkte er auch das Papier mit der Inschrift. Nein, rief er, vor Scham und Zorn beinahe erstikend; nein! das ist nicht Klara du Plessis! Er faßte das Papier mit der größten Heftigkeit, und zerriß es. Dann wollte er Klaren ergreifen, die erschroken hinter den kleinen Tisch getreten war; aber Klairant stellte sich vor sie, und sagte, ziemlich kaltblütig: Herr Vicomte, Klara ist mein. Nach den Gesezen der Natur war sie es schon längst: und jezt ist sie es auch nach dem Befehle meiner Nation!

»Elender!« rief der Vicomte mit einer Stimme, welche der Zorn halb erstikte, und wollte Klairant ergreifen. In diesem Augenblike lief Klara zu der Laube hinaus, und Klairant stürzte ihr nach. »Ihr seid des Todes!« rief der Vicomte. Sie eilten die Allee hinunter zu der hintern Thür des Gartens, fanden sie glüklicher Weise offen, und blieben nicht eher stehen, als bis sie in freiem Felde waren. »Wohin soll ich, Klairant? wohin?« fragte Klara nun zitternd, und sank weinend auf seine Schulter. Er umfaßte sie, und wollte sie beruhigen, wußte aber selbst nicht, was er zu thun hätte.

Jezt hörten sie die Stimme des Vicomte, der seine Bedienten rief. Nun faßte Klara die Hand ihres Geliebten, und eilte mit ihm über das Feld, den Weg nach Chatillon zu, bis an die Chaussee. Hier blieben sie stehen. Nach einem kurzen Besinnen sagte Klairant: zu meinem Oheim! – Und nun liefen sie wieder die Pappelallee hinunter, in den Klosterhof, und die Treppe hinauf. Noch immer in großer Angst, öffneten sie schnell das Zimmer des Priors, der an seinem Schreibtische saß, und traten zitternd hinein. Klairant erzählte, doch so unordentlich, so abgebrochen, daß der Prior viele Fragen dazwischen thun mußte, ehe er den Zusammenhang erfahren konnte. »Aber, was wollt ihr nun bei mir?« fragte der gute Prior, und schüttelte den Kopf.

Lieber Oheim, Sie müssen meine Klara in Ihren Schuz nehmen.

»Klairant, kann ich dem Vater seine Tochter vorenthalten?«

Der Vater hat kein Recht über das Herz und die Hand seiner Tochter.

»Mein Sohn, mein Sohn! Du hättest bedenken sollen... Die Ungleichheit des Standes...«

Der Adel ist abgeschafft. Wir haben den Schuz der National-Versammlung. Sie...

... »ist von Sinnen, ist rasend. Hat sie nicht auch den Zehnten aufgehoben, der doch von Gott selbst den Priestern bestimmt ist?« Der Prior fieng an die Rechtmäßigkeit des Zehnten zu beweisen, und zwar mit so geläufiger Zunge und mit solchem Eifer, daß es unmöglich war, ihn zu unterbrechen. Klara sah furchtsam auf die Thür, und Klairant stampfte vor Ungeduld den Boden. Aber ehe noch der Prior seinen Beweis geendigt hatte, flog die Thür auf und der Vicomte trat mit allen seinen Bedienten herein. Klara verbarg sich hinter dem Prior, und umfaßte ihn weinend mit beiden Armen; Klairant stand unentschlossen und verlegen da. Der Vicomte forderte mit Heftigkeit seine Tochter, und drohete, Gewalt zu gebrauchen. Der Prior blieb, ruhig, und es gelang ihm, sich bei dem erzürnten Vater Gehör zu verschaffen. Es kam endlich zu Unterhandlungen, in denen ausgemacht wurde, daß der Vicomte seine Tochter wieder haben, allein ihr auch seine gänzliche Verzeihung versprechen sollte. Der gute Prior machte einen Versuch, zum Besten seines Vetters zu reden; aber der Vicomte wies ihn mit Unwillen und Verachtung zurük. Als Klairant, dem die Liebe seinen Muth bald wieder gegeben hatte, ihn dreist an die Abschaffung des Adels und an die Einschränkung der väterlichen Gewalt erinnerte, schwor er mit neuer Heftigkeit: er wolle seine Tochter in ein Kloster steken. – Ach! sagte der Prior; auch die Klöster sind ja aufgehoben! – Auch die Klöster? rief Klairant: Gott sei Dank! – Auch die Klöster? rief der Vicomte: Gott sei Dank! Nun ist der Sieg unser! Was will der dritte Stand gegen unsre beiden Stände ausrichten, lieber Prior? Jezt müssen wir vereinigt seyn, und haben gewonnen! Ansehen und Geld sind auf unsrer Seite. – Und auf unsrer, Gerechtigkeit und Vernunft!« sagte Klairant.

Der Vicomte zog, ohne ein Wort zu erwiedern, Klaren aus dem Zimmer, und in den Wagen, der in dem Klosterhofe hielt. Klairant hob beide Hände auf, und schwor, mit dem Gesicht eines Verzweifelnden: »und dennoch, bei allem, was mir heilig ist, solle sie die Meinige werden!« Ganz außer sich, warf er seinem Oheim Schwäche vor, versicherte, daß er den Schuz der Geseze fordern würde, und drohete mit der National-Versammlung. Der gute Prior kannte die stärkste aller Leidenschaften aus seinen Jünglingsjahren her, und verzieh ihm seine Heftigkeit.

Klairant machte an den nächstfolgenden Tagen tausend Versuche, Klaren zu sehen; aber sie mißglükten alle. Der Vicomte befürchtete, daß seine Tochter entfliehen könnte, und ließ sie nun fast nie aus den Augen. Sein Unwille über die Revolution wurde dabei immer größer. Er sah an Klairants entschlossenem Benehmen nur allzu bestimmt, wie ohnmächtig der Adel geworden war. Ehemals wäre es ihm so leicht gewesen, sich von dem dreisten Burschen zu befreien. Ein Billet an den nächsten Intendanten, und Klairant hätte für seine Verwegenheit in den Kolonien oder in einem Gefängniße gebüßt. Jezt aber trozte ein Pächterssohn ihm ins Gesicht, drohete mit den Gesezen; und er, ein Vicomte, durfte es nicht einmal wagen, sich an dem elenden Menschen zu rächen! –

Aus Erbitterung behandelte er seine Unterthanen jezt mit großer Strenge, spottete der Freiheit, welche die neue Konstitution ihnen geben sollte, und wurde bei jedem neuen Dekrete nur stolzer und härter. Seine Bauern hatten ihn nie geliebt; aber jezt haßten und verabscheueten sie ihn. Sie wiedersezten sich ihm in Allem, selbst wenn er etwas zu ihrem Besten thun wollte. Das war seinem Stolze unerträglich. Er verfolgte, wenn er auch nur den mindesten Schein des Rechtes für sich hatte; ja, noch mehr, er bewog die übrigen Adelichen der Gegend zu gleicher Strenge.

Jezt waren die fürchterlichen Zeiten, da die Bauern sich ihrer Ketten entledigt fühlten, und sich in vielen Gegenden für die langen Bedrükungen der Adelichen rächten. Mit Freude hörten die Landleute in Mangienne und Pillon erzählen, daß man hier ein Schloß zerstört, und dort ein andres geplündert hatte. Rachbegierde und Habsucht gaben auch ihnen den Muth, bei der ersten Gelegenheit loszubrechen. Die Veranlassung kam bald, und in Mangienne wurde die Sturmgloke geläutet. Alle Bauern waren in einigen Augenbliken beisammen, erhizten einander durch Erzählungen von der Härte ihres Gutsherrn, und nahmen sich vor, sein Schloß in Pillon zu stürmen. Der Pächter in Mangienne gab dem Vicomte in einigen Zeilen Nachricht von der Absicht der Bauern. Der Vicomte wurde bleich, als er den Zettel las, sprang vom Stuhle auf, lief an das Fenster, faßte dann auf einmal Klaren, die zitternd da saß, bei den Schultern, und rief mit einem fürchterlichen Tone: »heute ermordet man mich; und du, du mit deinem Klairant, bist Schuld daran. So weit hast du es gebracht!« Klara sank mit einem lauten Schrei in ihres Vaters Arme, der sie vor Zittern kaum halten konnte. Ihre Mutter war schon halb todt, ehe sie noch wußte, wovon die Rede war. »Verschließt die Thüren!« rief der Vicomte den Bedienten zu, die mit Schreken hereinstürzten. »Die Bauern aus Mangienne wollen uns ermorden! Spannt den Wagen an!« Klara sank bleich in einen Stuhl; denn die schreklichen Bilder brennender Schlösser und blutig ermordeter Adelichen standen lebendig vor ihrer Seele. Jezt schallte ein tollendes Geschrei aus dem Dorfe her, und todtenbleich stürzten die Bedienten aufs neue in das Zimmer. Klara und ihre Mutter rangen jammernd die Hände; der Vicomte schrie: »ist der Wagen angespannt?« und die Bedienten liefen ängstlich, ohne Besinnung, durch einander. Das wüthende Schreien näherte sich, und man unterschied darin schon die Worte: »Angezündet! der Tyrann soll verbrennen! Es lebe die Nation! es lebe die Freiheit!«

»Meinen Wagen! meinen Wagen!« rief der Vicomte, und bereuete jezt, doch zu spät, seine Strenge. Er eilte mit seiner Tochter und seiner Frau durch die Hinterthüren in den Garten hinunter; aber es war kein Wagen da, und die Bedienten liefen, um sich zu retten, neben ihm weg, ohne auf ihn zu hören. Auch der Vicomte eilte mit seiner Familie die Allee hinunter; doch eben lief der lezte Bediente durch die Gartenthür, und schlug sie in der Angst hinter sich zu. Nun war der Vicomte eingesperrt; und stand verlassen, zitternd, todtenbleich, da. Er strekte die Arme nach den Bedienten aus, die in das Gebüsch liefen, und sah dann mit einer trostlosen Miene gen Himmel. Klara griff in das Gitter, und rief: »o, macht auf! um Gottes willen, macht auf!« In diesem Augenblike kam Klairant, der noch von nichts wußte, und um den Garten her schlich, weil er seine Geliebte zu sehen hoffte. »Mach auf!« rief Klara ihm zu; »sie wollen uns ermorden!«

Klairant kletterte schnell an dem Gitter in die Höhe, und sprang herüber. Klara warf sich in seine Arme, und rief: »rette meinen Vater! rette uns alle!« Jezt drangen die Bauern schon in den Garten. Klairant gieng ihnen entschlossen entgegen, und wurde mit einem allgemeinen Freudengeschrei empfangen. Sie ist seine Braut! rief man; des Tyrannen Tochter ist seine Braut! Klairant, wir wollen dich rächen; du bist beleidigt, wie wir. – »So hört mich!« sagte Klairant: »hört mich alle!« Er hielt die andringenden Bauern auf, und sie blieben stehen. Klara verbarg sich hinter ihm, und der Vicomte lehnte sich ängstlich an das Gitter. Klairant führte Klaren einen Schritt vor, und rief: »seht, sie ist meine Geliebte, und eure Wohlthäterin! Fürchte dich nicht, Klara! Du hast ihnen nur Gutes gethan; sie werden dir nichts zu leide thun wollen. Nicht wahr, meine Freunde?... Es lebe die Nation, und meine Klara!« Mit diesen Worten zog er seine Geliebte noch weiter hervor. – Die Nation und Klairants Braut! riefen die Bauern. – Zündet das Haus an! des Tyrannen Haus! schrieen jezt andere. – »Wie?« rief Klairant; »dies Haus wollt ihr anzünden? das Haus meiner Geliebten?«

Nach und nach kamen nun auch Bauern aus Pillon und Chatillon, die der Lärm herbei gezogen hatte, und sammelten sich um Klairant her: Theils Jugendfreunde von ihm, Theils Menschen, denen er, der junge du Plessis und Klara Wohlthaten erzeigt hatten. »Nein!« sagte er jezt: »brennen dürft ihr nicht. Es ist das Haus meiner Geliebten; und hier stehen Menschen, die edel genug sind, sie mit ihrem lezten Blutstropfen zu vertheidigen.« Er sah mit funkelnden Augen, mit sichrem Zutrauen, rings um sich her auf seine Bekannten, und fragte: »nicht wahr, meine Freunde?« Ohne auf Antwort zu warten, fuhr er mit sehr entschlossener Stimme fort: »Aber ein Fest wollen wir feiern, unserer Freiheit, der Nation und meiner Geliebten zu Ehren. Holt die Mädchen aus Mangienne! Klara wird für Musik und Wein sorgen. Kommt! holt euch junge Mädchen! Es lebe die Nation! Es lebe die Freiheit! Musik, Mädchen und Wein!« Jezt riefen schon viele Stimmen: »die Nation! Freiheit! Mädchen! Wein!«. Klairant faßte ein Paar von den erbittertsten an, und tanzte singend mit ihnen die Allee hinunter. Die Bauern aus Pillon und Chatillon tanzten hinter ihm her, und rissen die aus Mangienne mit sich fort. Mitleiden für Klaren, und Liebe zu Klairant hatte schon vorher die Wuth gemildert; und bald wirkte nun auch der Geist der Fröhlichkeit, dem kein Franzose widerstehen kann. Klairant brachte Alle glüklich auf die Wiese zwischen Pillon und Chatillon, während daß einige junge Leute schon hinliefen, Mädchen und Musik zu holen. Sobald alles beisammen war, eröffnete Klairant den Ball mit seiner Geliebten; doch tanzte er nur einige Touren. Klara war von Schreken und Angst ermattet, sezte sich mit ihm unter eine Weide, lehnte erst ihre Wange an seine Brust und sah ihm dann mit einem stillen, dankbaren freundlichen Blik in das Auge. Ihre Zärtlichkeit war jezt inniger, als je. Sie hielt eine von Klairants Händen zwischen den ihrigen, und saß neben ihm mit dem Blike, mit welchem die fromme Unschuld einen Heiligen betrachtet, von dem sie sich gerettet glaubt. Ihre Stimme, wenn sie mit ihm sprach, war schmeichelnd sanft, bewegt, und ihr Auge wurde fast nicht troken. Sie war ganz Liebe; doch die frömmste, heiligste: denn sie verehrte nun ihren Klairant als den Retter ihrer theuren Eltern.

Der Vicomte hatte ein edles Herz, und fühlte in der That, daß er Klairant sein Vermögen und vielleicht sogar sein Leben, verdankte. Aber sein Stolz mischte in die wohlwollende Empfindung für seinen Retter doch viele Bitterkeit, und er dachte mit Unwillen daran, daß man seine Tochter für die Braut dieses gemeinen Menschen erklärt hatte. Als im Garten alles still geworden war, gieng er schweigend in sein Schloß, wo auch die Domestiken sich nach und nach wieder einfanden. Er befahl in einem kalten und strengen Tone, daß man Wein und Lebensmittel auf die Wiese bringen sollte, und stellte sich hinter die Gardinen eines Fensters, das nach der Wiese hinausgieng. Hier sah er, daß Klara mit Klairant tanzte, sich neben ihn unter die Weide sezte, und ihm vertraulich liebkoste. Das geschah hundert Schritte weit von ihm, und er durfte nicht einmal seinen Unwillen darüber äußern. Er fühlte diese Demüthigung, und seine Hände zogen sich krampfhaft zusammen, wenn er daran dachte, daß man ihn nur darum verschont hatte, weil seine Tochter so glüklich war, Klairants Geliebte zu seyn.

Zwar ließ er der Klugheit, mit welcher der junge Mann die Wuth der Landleute besänftigt hatte, Gerechtigkeit widerfahren; auch empfand er das Edle in dessen Benehmen, ihm jezt kein Versprechen abzudringen: denn was hätte er in seiner schreklichen Lage verweigern können? Aber seine Tochter in Klairants Armen – dieser Anblik war ihm dennoch so unerträglich, daß er von dem Fenster zurüktrat, und sich in heftigem Unwillen auf einen Stuhl warf. Hier saß er, mit dem Gedanken an seine Erniedrigung beschäftigt, als Klairant das Zimmer öffnete, sich ihm bescheiden näherte, und in sehr behutsamen Ausdrükken zu verstehen gab, daß es gut seyn würde, wenn er jezt auf die Wiese käme und sich mit seinen Bauern gänzlich wieder versöhnte. Der Vicomte antwortete nur mit einem halb freundlichen Blik und einem bejahenden Kopfneigen. Gegen Abend zeigte er sich denn auch wirklich in dem Kreise seiner Bauern. Im ersten Augenblike waren sie und er verlegen; indes man that von beiden Seiten, als ob gar nichts vorgefallen wäre, und die Fröhlichkeit wurde bald wieder hergestellt. Am schwersten fiel es dem Vicomte, daß er in Klairants und seiner Tochter Gesellschaft seyn und gleichsam stillschweigend seine Einwilligung zu ihrer Liebe geben mußte; er wartete deshalb mit Ungeduld auf den Augenblik, da er schiklicher Weise mit Klaren die Wiese verlassen könnte.

Um sich seine Verlegenheit zu erleichtern, fieng er an, mit diesem und jenem zu sprechen. Als der Versuch recht gut gerieth, wollte er die Freundschaft seiner Bauern wenigstens sich selbst verdanken, um den verhaßten Klairant nicht allzu viel schuldig zu seyn. Er gieng von einem zum andern, scherzte mit den Mädchen, und trank, als er merkte, daß er einiges Zutrauen gewonnen hatte, den Aeltesten seiner Dörfer zu. Man sammelte sich mit vollen Gläsern um ihn her, und trank auf das Wohl der Nation, der Freiheit, des Königs, und la Fayettens. Auf einmal zog ein Bauer, der von Wein und Freude glühte, Klaren und Klairant in den fröhlichen Kreis, und rief, mit seinem Glase in der Hand: »das Wohl Klairants und seiner schönen Braut!, und eine baldige Hochzeit!« Alle Bauern hoben die Gläser hoch, und riefen: »Ja Klairant und die Bürgerin Klara, seine schöne Braut!« Klara schlug bestürzt die Augen nieder, und warf dann einen verstohlnen Blik auf ihren Vater. Er war roth geworden, und redete augenbliklich, als ob er nichts gehört hatte, einen neben ihm Stehenden an. Der Bauer, der die Gesundheit ausgebracht hatte, taumelte auf ihn zu, und sagte ihm, daß man auf das Wohl des Brautpaars tränke. Der Vicomte lächelte gezwungen, und erwiederte: mein Freund, so etwas muß ein Vater erst überlegen.

»Ei was! überlegen! Sie haben Beide einander von Herzen lieb, sind Beide jung, Beide hübsch, Beide reich, Beide französische Bürger; und Zeit zum Ueberlegen haben Sie ja gehabt, Bürger, von dem Abend an, da Ihre Tochter mit Klairant nach Chatillon flüchtete!... Auf das Wohl des jungen Brautpaars!« rief er noch einmal, sehr bedeutend. Alle Andern riefen es nach, und umringten den Vicomte. Dieser zog die Stirn in Falten, und schlug sein Auge zu Boden, ohne etwas deutlich zu denken. In dem Augenblike drängte sich Klairant in den Kreis und rief: »nein, nein! Ich liebe Klaren von ganzer Seele, und wollte für ihren Besiz tausendmal mein Leben geben; aber ich mag ihn nicht erzwingen. Wir sind jezt alle frei; und auch Herr du Plessis muß es seyn. Heute ist das Fest unsrer Freundschaft mit ihm, und das Fest der Freiheit. Ich will, hier auf der Wiese, mit euch noch ein andres feiern, sobald der Vater meiner Klara einsieht, daß meine Liebe seine Tochter glüklich machen kann!... Hier, Herr Vicomte!« – er führte Klaren zu ihm –: »hier ist Ihre Tochter. Wenigstens sollen Sie sehen, daß ich nicht unedel bin!« Bei diesen Worten rollten ihm Thränen über die Wangen.

Der Vicomte fühlte, troz allem seinem Stolze, den Edelmuth des Jünglings, und sagte stokend: »Klairant, ich sehe... meine Tochter als ein Geschenk an, das du mir machst. Du... denkst edel... ich wünschte... ich danke dir, Klairant. In der That, ich wünsche dich glüklich zu sehen. Jezt aber, meine Freunde, muß ich nach Hause. Ich bin ein alter Mann; der heutige Tag hat mich zu sehr angegriffen. Laßt mir Zeit! Ich hoffe, ihr sollt Alle glüklich werden. Lebt wohl! Komm, liebe Tochter!« – Klara reichte ihrem Geliebten die Hand, und sah ihm mit einem heiter lächelnden, zärtlichen Blik ins Gesicht; dann verbeugte sie sich gegen die Bauern, und gieng, mit der fröhlichsten Hoffnung im Herzen.

Klairant sah ihr traurig nach, und blieb noch einige Augenblike; doch bald verließ auch er die Wiese, und die Bauern folgten ihm. »Es wird alles gut gehen, meine Freunde!« sagte er beim Abschiede von ihnen, mit Thränen in den Augen; »wir werden alle glüklich seyn.« Er fühlte sehr bestimmt, daß des Vicomte Herz erschüttert seyn mußte, und sagte, als er noch einmal alles überlegt hatte, vor Freude taumelnd: »o er wird mich mit dem theuersten Geschenke, mit Klarens Hand, überraschen!« Der gute Klairant kannte den Stolz auf Geburt nicht. Dieser Stolz nimmt der Dankbarkeit, der Menschlichkeit ihre natürliche Kraft, welche sonst jedes Herz bewegt; er nennt eine Wohlthat Pflicht, und die edelste Großmuth Schuldigkeit.

Der Vicomte gieng schweigend mit Klaren nach Hause. Vor seinem Zimmer sagte er, als Klara seine Hand ergriff, eilig, doch sanft: gute Nacht, meine Tochter. Sie öffnete mit einer bittenden Miene ihre Lippen; aber er sagte noch einmal: gute Nacht, und ließ sie stehen.

Meine Tochter, eine du Plessis, die Frau eines Pächters! Dieser Gedanke, durch den sein Stolz so tief gekränkt wurde, beschäftigte ihn, sobald er allein war, unaufhörlich. Er überlegte, und sah immer deutlicher, daß es jezt schwer, wenn nicht unmöglich wäre, seine Tochter von der Verbindung mit Klairant zu retten. Die neuen Geseze und Verhältnisse, die heftige Leidenschaft und die Entschlossenheit der beiden Liebenden: alles war ihm entgegen. Er brachte die Nacht mit Ueberlegungen zu, wie er seine Tochter retten sollte. Endlich glaubte er, das rechte Mittel gefunden zu haben, und stand am folgenden Morgen ziemlich beruhigt auf.

Klairant blieb, noch immer in den schönen Träumen seiner Hoffnungen, diesen Tag zu Hause, weil er den Vicomte nicht übereilen, und seine Klara nur dessen ruhigem Entschlusse verdanken wollte. Am folgenden Morgen hörte er, als er wieder träumend in seinem Zimmer saß, draußen jemanden zu seiner Mutter sagen: diese Nacht sind sie abgereist, der Vicomte und seine ganze Familie. Sie haben auch viele Sachen mitgenommen.

Er sprang auf, lief nach Pillon, und stürzte in das Haus des Vicomte. »Ist es wahr?« fragte er einen alten Domestiken; »sind sie weg?« – Ja, in der vorigen Nacht. – »Und Klara?« – Ist mit gereist. – »Wohin aber? wohin?« – Ich glaube, nach Deutschland. Der Herr will Nachricht von sich geben.

Klairant blieb lange wie vom Blize getroffen, stehen; endlich gieng er still, und in tiefem Gram, nach Hause. Es waren schon mehrere Tage verflossen, als er durch Hannchen folgendes Billet erhielt.

 

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