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Klara du Plessis und Klairant. Erster Theil.

August Lafontaine: Klara du Plessis und Klairant. Erster Theil. - Kapitel 15
Quellenangabe
authorAugust Heinrich Julius Lafontaine
titleKlara du Plessis und Klairant. Erster Theil.
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year1801
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20171215
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XIII.
Klairant an Klaren.

Der Schlag, vor dem ich zitterte, ist gefallen! Das Gesez, das mich zu stetem Elende verdammt, ist da! Die Nation hat die Ausgewanderten zu ewiger Verbannung verurtheilt; sobald sie die Gränze ihres Vaterlandes betreten, fließt ihr Blut. Zu spät, Klara, zu spät hast du dich entschlossen, mein zu seyn! Auch du, auch du, gehörst mit zu der Zahl, welche die gedankenlose Strenge der aufgebrachten Nation zum Tode verurtheilt hat. Fliehe, Klara, fliehe das Land, das nach deinem Blute lechzt! Wir sind getrennt! Ich streke meine Arme nach der Gränze hin, die uns auf immer scheidet. War es dein guter Geist, war es der Schuzgeist unsrer treuen Liebe, der dir zuflisterte, es gebe ein Zusammentreffen von Umständen, gegen das nicht Liebe, nicht Muth, nicht Treue, nicht Standhaftigkeit schüze? Nichts als das Grab! Dahin hat uns unser Schiksal gebracht. Ach, Klara, wir müssen unsre Blike von dem Leben zurükziehen; unsre Hoffnung leuchtet im Grabe. Die Menschen haben uns verlassen; der Tod allein ist unser Freund. Thorheit und Wahrheit haben sich mit einander gegen uns verschworen, Freiheit und Stolz, Vernunft und Raserei. Wohin wir unsre Arme streken, finden wir Härte; allenthalben fliegt uns ein Dolch entgegen. Sie scheinen ihren Krieg nur zu führen, um uns elend zu machen, und sind Freunde, wenn wir zu einem von ihnen fliehen wollen. Wo können wir Hülfe suchen? Frankreich, das einzige Land, welches unsre Liebe schüzte, das einzige, welches der fessellosen Natur, der getrennten Liebe einen Zufluchtsort gewährte, verschließt dir seine Gränzen. Das einzige Land, wo dein Vater es nicht wagen konnte, seine zerstörende Hand an das Heiligthum unsrer Liebe zu legen, wo die Vorwürfe, mit denen er unsre Liebe verfolgte, ein Verbrechen waren; das einzige Land, wo meine Liebe, meine Zärtlichkeit für eine Tugend galt: das fordert dein Blut, wenn du seine Gränze betrittst. Alle andern Länder der weiten Erde geben uns keinen Winkel, keine Einsamkeit, wo du sicher in meinen Armen, an meinem Herzen ruhen könntest, wohin nicht deines Vaters Hand reichte, wo nicht die Thorheit seine Gewaltthätigkeit gut hieße, wo sie nicht unsre Treue Verbrechen, und unsre Liebe Ungerechtigkeit nennte. Wohin sollen wir fliehen, Klara? Hier drüken Freiheit, Vernunft, Natur und die Geseze das Siegel der Ehre, der Tugend auf meine Handlung; dort verfolgt die Schande unsre Schritte, vergiftet unsre Liebe, verbittert unser Glük, und tastet die Wurzel unsrer Zufriedenheit an. Wenn ich dort meinen Arm um das Weib schlage, das mir der Wille des Himmels, mein Herz und ihre Liebe gaben, so heiß ich ein Bösewicht, ein Verführer, ein elender Eigennüziger. Die Gewalt nimmt deines Vaters Grausamkeit in Schuz, bedekt dich mit Schande und giebt mich der Verfolgung Preis. Alles ist im Bunde, uns elend zu machen! Wir waren in der weiten Schöpfung die Einzigen, vielleicht durch alle Ewigkeit die Einzigen, die das Geschik mit dem unerhörtesten Schlage zerschmetterte, daß uns Weisheit und Thorheit, Gewaltthätigkeit und Gesez, Wahrheit und Irrthum mit gleichem Urtheil zum Elende verdammen! Nein, Klara, meine Hoffnung ist dahin. Nicht Menschen, der Himmel selbst ist gegen unsre Liebe verschworen. Wir sollen ein Beispiel seines Zornes und des Unglükes seyn, das den Menschen treffen kann. Ach, wirf deine Blike nicht auf der Erde umher; du findest nirgends einen Zufluchtsort. Selbst die Wilden, welche nichts kennen als die Liebe, welche den Habsüchtigen, den Verbrecher, den Mörder mit Gastfreundschaft aufnehmen – selbst die würden hart gegen uns seyn und zum erstenmal, um uns elend zu machen, das Gesez der Natur übertreten.

Glaube nicht, Klara, daß ich jammere; nein, mein Auge kennt keine Thräne mehr. Es ist dem Schmerze nicht gelungen; das Geschik hat, mit meiner Hoffnung, mit meinem Glüke auch das Organ vernichtet, durch welches der Schmerz in die Seele eindringt. Im Uebermaße des Elendes lag auch die Hülfe dagegen; meine Empfindung ist todt, erstarrt Elle est devenue stupeur. . Meine Gedanken zählen die Summe meines Elendes ganz kalt auf, und kaum hab' ich noch Gefühl genug, um dich zu trauern.

Nein, Klara, wir wollen nicht klagen, durch keine Thräne den Elenden, die uns unglüklich machen, einen Triumph bereiten. Laß uns die Gegenwart vergessen, und auch nicht Einen Blik in die Zukunft werfen. Die Vergangenheit allein, ach, die glüklichen Vergangenheit, soll unser Gedanke werden; und dann sind wir dennoch glüklicher, als die Millionen, welche die Liebe nicht kennen. Dem Schiksale zum Troz will ich glüklich seyn. Der Schlag, der uns zerschmettern sollte, war einzig; und so will ich auch ganz neue Mittel finden, mich heiter zu machen. Sieh, der Sterbliche borgt seine Freuden von der schwankenden Hoffnung der Zukunft. Ich will meine verschwundenen Hoffnungen, welche die vergangenen Jahre längst erfüllt haben, wieder zurükholen. Klara, waren doch die verwelkten Blumen, die deine Hand mir geschenkt hatte für mich lieblicher, als die, welche ich mir so eben pflükte. In deine Laube will ich mich sezen, mich zurükschwärmen in meine verflossenen Freuden, und dein schönes Bild umarmen. Täglich, Klara, will ich noch einmal die Weinlese in Mangienne mit dir feiern. Alle die Augenblike, da du in meinen Armen lagst, da deine schönen Lippen auf den meinigen ruheten, will ich zurükrufen. Alle die Nächte, da wir im Park bei einander saßen, da du deinen Arm um meinen Naken schlangest und mich an dein Herz drüktest – alle diese entzükenden Nächte will ich wiederholen. Sieh, es ist so schwer nicht, glüklich zu seyn; ich habe Menschen gekannt, welche die Kunst verstanden, und auch ich werde sie lernen.

Im Elsaß kam ich auf einer meiner kummervollen Streifereien an ein einsames Kloster, das rings von einem finstern Gehölz umgeben war. Ich machte die Thür auf, die mir der Eingang in die Ewigkeit schien, und aus dem dunkeln Kreuzgange kam mir eine Todtenstille entgegen. Ein bleicher Mönch lag unbeweglich vor einem Krucifix auf den Knieen. Er hob sich allmählich auf, als er mich sah, und schlich mit einem langsamen feierlichen Gange daher, wie ein Todter, der erstanden ist. Wir giengen in einen finstern Garten, und er sezte sich mit mir auf sein offnes Grab, an dem er alle Tage arbeitete. Ich zitterte, und warf mitleidige Blike auf das blasse, doch zufriedne Gesicht des Mönches. Als er mir seine Art zu leben beschrieben hatte, drükte ich ihm die Hand, und sagte mit erstikter Stimme: »wie unglüklich sind Sie, mein Vater! Ganz getrennt von der Welt, von den Menschen; ohne alle Hoffnung, ohne bessere Aussicht auf morgen, ohne eine Freude, die Sie erwarten können; ohne eine Veränderung Ihres Schiksals – wie können Sie glüklich seyn!«

»Ich lebe in der Erinnerung,« sagte der Greis mit sanfter Stimme und einem zufriedenen Blike; »und ich bin glüklich. Jeden Tag lebe ich hier noch einmal meine glükliche Jugend, und nehme die Freude, welche die Welt von der Hofnung borgt, von der Vergangenheit.«

Und kann Sie das glüklich machen? fragte ich.

»Wenn nicht glüklich, doch zufrieden,« antwortete er lächelnd. »Der Mensch kann viel, wenn er Muth hat, viel zu wollen. Er lernt in der Erinnerung heiter seyn, wenn ihm die Gegenwart versagt ist.«

Ohne daß er einen Gedanken in die Zukunft werfen darf, glüklich? warf ich ein.

»Die Zukunft ist mir nicht verboten,« antwortete er heiter. »Ich arbeite alle Tage daran.« – Er zeigte auf sein Grab.

Sieh, Klara, das ist von jezt an unser Schiksal. Und konnte der Mönch heiter seyn, warum nicht auch wir? Laß uns denken, unser Geschik hätte uns in la Trappe begraben. Zwei Gedanken sind uns erlaubt: unsre verflossenen glüklichen Tage, und unser Grab. Das Uebrige versagt uns – die Ordensregel oder das Schiksal, eine Klostermauer oder die Nothwendigkeit, ein blinder Zufall oder die Vorsehung: das alles ist eins. Laß die Welt in Nichts zerstäuben, Klara; die beiden Gedanken, die man uns erlaubt, sind tröstend: der an unsere Liebe, und der an das Grab. Wir waren glüklich, glüklicher als tausend Andere; und darum mußten wir auch unglüklicher werden, als sie.

Unglüklicher? O, ist es denn wahr, was ich hier in meiner Brust mit brennendem Schmerze fühle? ist es wahr, daß wir ohne Hoffnung elend sind? Klara, welche schrekliche Zweifel steigen in meiner Seele auf, und drohen, sie zu vernichten? Führte uns das Schiksal erst an die Thür des Paradieses, und zeigte uns dessen Herrlichkeit, um den Schmerz über die Wüste, in die es uns so grausam hinausstieß, noch schärfer zu machen? Ach, es ist besser, an gar keine Vorsehung zu glauben, als an eine menschenfeindliche! War unser Geschik ein Spiel blinder Zufälle? Nun denn, so könnte der Wurf noch anders fallen! Und fällt er nicht anders – wen sonst hab' ich anzuklagen, als meine muthlose, unmännliche Liebe zum Leben! Sähe ich Absicht, Zwek, bei unserm Schiksale; so – wäre ewige Vernichtung ein Trost, um dessen Vollendung ich immer auf diesem Steine knieend beten, und meine Hände Tagelang gefalten lassen wollte. O Klara, wie unglüklich sind wir!

*

Klara, wie reizend mahlst du unser Glük! Du warst bereit, du standest schon da, mit deinem Hute am Arme, mit deinem Paket Wäsche, mit deinem Kleide, und sahest so heiter, so arglos, so zutraulich zu dem Himmel empor, wie ein Kind zu den Augen seiner zärtlichen Mutter. Ein Hut, dich gegen die Sonne zu schüzen, war alles, was du zu bedürfen meintest. Ach, wie konnte der Himmel dich, dich mit deiner nichts besorgenden Unschuld, mit deinem gläubigen, frommen Zutrauen, so grausam täuschen! Ich möchte verzweifeln, wenn ich lese, wie du da stehst und zum Himmel auf lächelst, so freundlich, so – O flattre nun, Schwalbe, flattre nun! Der Bliz hat dich getroffen und deine Flügel gelähmt. – Klara, welche Träume hast du jezt von mir? Sieh, da sizen wir Beide unter den Ruinen der Welt, verlassen, klagend, und bauen aus den schwarzen Trümmern das Grab für uns und unsere Glükseligkeit!

*

Und wenn mir auch nichts, nichts von meinem Glüke übrig bleibt, als deine Briefe, so behalt' ich genug, mein Herz mit einer ruhigen Minute zu täuschen, die kein Schiksal mir rauben kann. Eine ruhige Minute, sag' ich? Eine Minute, in der ich, gegen den Willen des Himmels, den Himmel zu mir herab ziehe; eine Minute, in der mein Elend mir Empfindungen schaft, für welche Fürsten ihre Kronen hingeben würden. O, wie bin ich geliebt, Klara! Ich lese deine Briefe, und vergesse die Größe meines Elendes. Dein Brief zaubert Hoffnungen hervor, die mir das Schiksal versagte. Ueber deine holden Lippen fließt ein Strom von frischem Leben in mein Herz. Ich lese; und ich glaube, Troz dem Gespenste, das vor mir steht und mir drohet. Ich lese; und die Melodie deiner Worte überredet mich, mein Elend sei nur eine dunkle Farbe, die meine schwarze Phantasie auf das Gemälde meines Lebens getragen habe. Die helle Farbe unserer Liebe fängt an, sie zu überstrahlen; ich traue dem Himmel Erbarmen, den Menschen Mitleiden zu, wenn ich deine Worte voll Güte lese.

Mein Herz schuf sich schon aufs neue Hoffnungen, süße, reizende Hoffnungen. Ich will Klaren holen, dacht' ich; will mit ihr nach Paris eilen, und sie dort vor die National-Versammlung führen. Da soll sie stehen, mit ihren allmächtigen Thränen im Auge, mit ihrem noch allmächtigern, flehenden Bliken. Bürger! will ich rufen: Bürger! Gesezgeber der edelsten Nation! Ihr verdammtet alle Ausgewanderten zum Tode. Hier steht Klara du Plessis vor euch. Auch sie ist zum Tode verurtheilt; denn sie verließ ihr Vaterland. Kindliche Liebe, die Bitten ihrer Eltern zogen sie über die Gränze von Frankreich; eine bessere, edlere Liebe, die zu mir, brachte sie wieder zurük. Leset diesen Brief, Gesezgeber meines Vaterlandes; leset diesen Brief, und dann sprecht ihr Urtheil! Klara, ich sah Thränen über unser Schiksal – in Augen, die längst unter Morden zu weinen verlernt haben. Mitleidige Blike trafen dich und mich. Man las deinen Brief; alle Tribünen jauchzten und weinten. Selbst die Unmenschlichsten riefen: Gnade! Ich fiel in deine Arme, du versank an meiner Brust. Wir giengen triumphirend, von dem halben Paris begleitet, an den Altar des Vaterlandes. Hier wurdest du meine Gattin, unter dem Schuze des Gesezes, das einmal gerecht war, weil es schwieg. – So träumte ich, warf mich rasch auf den Boden nieder, und dankte dem Himmel für mein Glük, das ich schon so gewiß, so sicher zu haben glaubte. Ich jammerte, daß du nicht bei mir warst, und eilte zu meinem kranken Oheim, um auf die wenige Tage Abschied von ihm zu nehmen.

Als ich die Thür öffnete, sah ich meine Mutter, mit Thränen auf den blassen Wangen, neben seinem Bette. Mein Oheim saß aufgerichtet; auf seinen verfallenen Wangen lag eine dunkle Röthe, sein erloschnes Auge strahlte ungewöhnlich. O, die Unmenschen! rief er, als ich hereintrat. Ich fragte, hörte mit Entsezen, und meine theuerste Hoffnung verschwand, wie ein lügenhafter Traum. Saintonge, Herr von Hesperange, verließ Frankreich, um seinen Sohn, der nach Brüssel gegangen war, zu überreden, daß er zurükkehren möchte. Des Vaters und der beiden Schwestern Bitten ist vergebens; alle Drei kehren traurig nach Hesperange zurük. Auf einmal stürzen Nationalgarden in Saintonge's Haus, reissen ihn und seine beiden Töchter aus den Betten, werfen sie in einen Wagen, und schleppen sie nach Paris. Man stellt Saintonge vor Gericht. Er erzählt. Die Redlichkeit in seinen Augen spricht mächtiger als seine Zunge, und Thränen bestätigen, was er sagt. Die Töchter liegen zu beiden Seiten des Vaters auf den Knieen; Schönheit, Jugend, kindliche Liebe, Schwüre, Versicherungen, Thränen: alles spricht für den edlen Alten; aber vergebens: er ist ausgewandert, und das unmenschliche Gesez fällt sein Urtheil. Sein Blut fließt, und die beiden Töchter schmachten als Geißel für den Bruder im Gefängniß. Das hört' ich, Klara, und meine Hoffnung war verschwunden. Ich versank aufs neue in den Abgrund des Elendes, aus dem deine Liebe und deine Ueberredung mich gerissen hatten.

Ach, Klara, kein Unglük ist so groß wie das unsrige. Wo, ist der Mensch, der nicht bei seinem Elende irgend einen Zeitpunkt sieht, auf den er hoffen darf, irgend einen Umstand, an den er seine Hoffnung knüpfen kann! Das ist das Seltne, das Grausame in unsrem Elende, daß sogar meine Einbildungskraft nirgends, selbst nicht in dem Gebiete der Wunder, eine Aussicht zu finden weiß, die nicht sogleich von der Nacht unsres Elendes verdunkelt würde. Ach, Klara, ich habe alles, auch die einfachsten menschliche Bedürfnisse, aufgegeben, unsrer Liebe die unfruchtbarsten Felsen, die schreklichste Wüste der Erde als Freistätte ausgesucht, eine elende Höhle zu unserm Wohnort ausersehen, eine fürchterliche Höhle mitten unter schreklichen Felsen, wo ein Vatermörder den Himmel der Grausamkeit beschuldigen würde. Vergebens! vergebens! Und könnte ich mich auch durch die Truppen stehlen, die unsre Gränzen bewachen; könnte ich den Nachforschungen deines Vaters entgehen; könnten wir in eine Wüste fliehen, wohin sich nie ein Fußtritt verirrte, wo wir selbst den Bliken des Himmels verborgen wären: ach! so verschließt meine Liebe mir den Weg dahin. Nein, Klara, nein! Ich sollte dich dem Ueberflusse, der Bequemlichkeit entreissen? dich dem Mangel, dem Elende Preis geben? – Deine Liebe würde mir den gräßlichsten Schlund der Erde zum Himmel machen; dein Lächeln, deine theuren Blike mir nakte Felsen mit Blumen bekleiden: aber nur mir, mir allein! Meine Liebe müßte die Zauberei zerstören, und ich bei dem Anblik deines Elendes verzweifeln. Ein Seufzer aus deinen Lippen würde mein Herz zerspalten, eine unzufriedene Miene von dir – Nein, Klara, ich kann nicht so unmenschlich gegen dich handeln, glüklich zu seyn. Es ist vorbei. Ich wünsche dich zu mir, und schaudre vor meinem Wunsche; ich will zu dir eilen, und bebe zurük. Mein Athem ist ein anstekendes Gift, meine Umarmung der Tod. Ja, ich bin wie mit einer verpestenden Krankheit behaftet; ich treibe die zurük, die ich liebe, stoße die Arme weg, die mich umfangen wollen. Ich bin unglüklich! Leb wohl, Klara. Leb wohl, meine Geliebte. Es ist vorbei.

*

Mein Oheim ist krank. Da liegt er, kalt untheilnehmend für alles, was nicht Er ist. Er betastet seinen Puls mit einer Aufmerksamkeit, mit einer Unruhe, als ob es der Puls des allgemeinen Lebens wäre, als ob mit seinem Herzen das Leben der Schöpfung stoken würde. Eine Falte in seinem Kopfküssen beschäftigt ihn mehr, als die schwere Last von Elend, die ich trage. Die Menschen um ihn her sind für ihn vernichtet. Er berechnet den Lauf der Zeit, ach, der jezigen, für unser Vaterland so fürchterlichen Zeit, nach den Stunden, da er einnehmen muß. Die ganze Hoffnung des menschlichen Geschlechtes scheint in seinem Arzneiglase zu liegen; das tausendfache Elend, welches vielleicht Millionen Herzen niederdrükt, wiegt ein bedenkliches Kopfschütteln seines Arztes nicht auf. Er fühlt sich besser; nun lächelt er, und verlangt, daß auch ich lächeln soll: ja, er würde das von ganz Frankreich verlangen. Dann fragt er kalt: »wie ist dir, Klairant? Sei ein Mann! Klara war dir nicht bestimmt! ... O, Klairant,« sagt er dann empfindlich: »wie kalt bist du gegen deinen kranken Oheim!« Ich sah die Fliege nicht, die sich auf seine Stirn gesezt hatte. – Das ist das menschliche Leben, Klara! Der kalte, unfruchtbare Verstand breitet der Tugend einen so ungeheuren Wirkungskreis aus, daß die ganze sichtbare Schöpfung und das unbekannte Reich der Geister mit davon eingeschlossen wird. Das menschliche Herz umfaßt mit der Kraft Gottes das ganze Weltall; und dann – dann zeigt der Verlust einer Steknadel, die Unruhe über Kopfschmerz den schreklichen Eigennuz des menschlichen Herzens. Alles fremde Elend, das ganze menschliche Geschlecht, ist vergessen; und der Mensch würde die Glükseligkeit der weiten Schöpfung daran sezen, seine Steknadel wieder aufzufinden. Nein, der Mensch ist für fremde Noth ohne Gefühl; sein Mitleiden ist nur Eigennuz. Stehe da, Klara, verlassen, jammernd, mit zerrissenem Herzen. Du würdest mit deinen Klagen, deinen Seufzern die Natur zum Zittern bringen; die Sonne würde sich verbergen, um dein Elend nicht mehr zu sehen: nur der Mensch bleibt und fühllos bei deinen Klagen. Weint er Thränen, so hat nicht dein Unglük sie ihm abgepreßt, sondern seine selbstsüchtige Furcht vor eigenem Elende.

Klara, das ist das Bild der Welt! Von der erwartest du Hülfe? Dein Vater sah ja deine Thränen, dein Elend; und was that er denn? Er riß dich von dem Herzen, an dem du glüklich warst. Weine, klage, jammere, verzweifle, stirb; – was kümmert es ihn? Er hat doch nicht die unangenehme Empfindung, seine Tochter mit einem unbekannten Manne verbunden zu wissen. Seine Thorheit muß die Welt regieren, und sollte sie auch Alles in Trümmer schlagen. Er ist ein Mensch! Genug.

O, wenn ich bedenke, Himmel, wenn ich bedenke, wie mein Glük, dies vollendete, überirdische Glük, das Engel mit Neid betrachtet haben müßten, wie das Glük, dich mein zu nennen, so kalt, so gleichgültig von Menschen zertrümmert wird; wie ein blinder, elender Zufall das Glük aller Menschen bestimmt; wie der Mensch mit Thorheit und Irrthum, mit Neid und Geiz alles um sich her verwüstet, die Erde zu einer Hölle macht; o, wenn ich bedenke, Klara, wie glüklich ich war, wie glüklich ich hätte seyn können; bedenke, warum ich es nicht bin, was mich, was alle Menschen hindert es zu seyn: dann möcht' ich mit allen Unglüklichen die Schaufel ergreifen, und mir ein Grab bereiten. Das allein ist ja die Hoffnung des Unglüklichen, der nur einen Augenblik über das Leben nachgedacht hat!

Sieh, da liegt mein Oheim, und forscht in jedem Gesichte, ob es sich mit ihm gebessert habe; er martert sich, den langen, morschen Faden seiner Tage noch einen Zoll länger zu spinnen, noch einen Augenblik länger der verspottete Zuschauer eines Lebens zu seyn, an welchem er wahrhaftig keinen Theil mehr nehmen kann! Wenn sein Puls wechselt, so erblaßt er; und einer alten Magd, die ihm versichert, daß seine Augen heller sind, lächelt er mit einem Wohlgefallen zu, das ich nur für die edelste, reinste Tugend haben würde. Er schmeichelt seinem Arzte; ja, er sucht die unbestechliche Vorsehung mit einer prahlerischen Aufzählung alles des Guten, das er noch thun will, zu gewinnen. Es ist unbegreiflich! Ich betrachte ihn mit Mitleiden. Wie gern knüpfte ich mein Leben an das seinige, und bezahlte so, ach nur sehr gering, das Gute, das er mir erwiesen hat! Mein Herz, Klara, und auch das deinige, muß nicht aus diesem Stoffe geformt seyn. Ich glaube, mein Oheim würde das Leben einer Geliebten aufopfern, um das seinige zu retten; und ich – ich würde meins hinwerfen, um nur noch einmal deine Hand zu drüken.

Sieh, da geh' ich von dem Krankenbette in meine Einsamkeit, betrachte dein Bild, und lese deine Briefe; dann seze ich mich wieder an meines Oheims Bett, und beneide ihn um die Gefahr, vor der er zittert. Leb wohl, Klara.

 

Ende des ersten Theils.

 

*

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