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Klara du Plessis und Klairant. Erster Theil.

August Lafontaine: Klara du Plessis und Klairant. Erster Theil. - Kapitel 14
Quellenangabe
authorAugust Heinrich Julius Lafontaine
titleKlara du Plessis und Klairant. Erster Theil.
publisher
year1801
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20171215
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XII.
Klara an Klairant.

Klairant, du bist nicht gekommen; es ist heute Dienstag, und du bist noch nicht hier. So ist meine schrekliche Ahnung erfüllt! Ach, ich zitterte schon, als ich den Brief zusiegelte. »Aber wenn er nicht käme!« das war der einzige Gedanke, den meine Seele mit immer grösserer Aengstlichkeit dachte. Wenn er nicht käme! Je näher der Donnerstag heranrükte, desto fürchterlicher drängte der Gedanke sich hervor. Er wurde Ahnung, Wahrscheinlichkeit, Gewißheit. Ich saß zitternd da. Nein, rief mein Herz dann mit allen Stimmen der Liebe: nein, er kann nicht ausbleiben! – Und nun! – Klairant, der Donnerstag ist vorüber, der Dienstag auch; und du bist nicht da. Ach, diese Wunde schmerzt und brennt. Habe Mitleiden mit deiner Klara! Die Ungewißheit, die Angst, die Furcht ist ein entsezlicher Zustand. Meine Einbildungskraft spannt mich auf die schreklichste Folter. Was hat dich abgehalten, Klairant? Ach, ich zittere, mir durch Worte den Gedanken deutlich und gewiß zu machen – den Gedanken, der sich oft mit einer Höllenangst hervorarbeitet, und wieder unter eben der Angst verschwindet. Klairant, du bist krank! krank oder todt! Morgen ist Posttag. Geht morgen der Tag hin, ohne – Klairant, das wäre grausam, sehr grausam!

Sieh, den Donnerstag erwachte ich so freudig, und sagte mit Andacht, gewiß mit frommer Andacht: »heute!« Ich öffnete mein Fenster. Die Sonne strahlte herein; ich empfieng sie mit Freudenthränen, strekte meine Hände gen Himmel, und betete für dich! für dich, Klairant! Ich nahm allen meinen Muth zusammen. Welch einen Tag hatte ich für dich zu ertragen! Heute sollte ich meine Eltern verlassen! Ich gieng mit schwerem Herzen zu ihnen in das Zimmer, und wünschte ihnen zitternd einen guten Morgen. Wenn meine Mutter mich ansah, konnt' ich kaum meine Thränen zurükhalten. Nein, Klairant, du sollst nicht wissen, welch einen Tag deine Klara für dich lebte. Ich schloß am Abend meine Eltern in die Arme. Beinahe hätten Thränen, beinahe hätte die Heftigkeit, mit der ich mich an ihre Brust preßte, mich verrathen. Ich kam, mir selbst unbewußt, auf mein Zimmer; und nun gab der erste Gedanke an dich, Klairant, mir meinen Muth, meine Ruhe wieder. O, ist es recht, daß du, du, dein Wort nicht hältst? Ich verlasse um dich meine theuren Eltern; und du? – –

Sieh, ich stand zitternd, bebend, am Fenster. Noch bestrahlte die Sonne mir gegenüber den Fuß des Felsens. Immer höher stieg der Schatten, und mein Auge folgte seiner langsamen Bewegung so unablässig, daß ich hätte erblinden mögen. Ich rechnete Zoll für Zoll nach. Schon lag das alte Schloß im Schatten; der Felsen ward dunkler, und ich zitterte vor Ungeduld. Endlich erlosch der lezte Strahl oben an der Spize. Ach, ich Thörin vergoß Freudenthränen und seufzte: er ist da! Mein Herz schlug ungestüm, mein Blut wallte. Jeder Lärm erschrekte, jede Menschenstimme ängstigte mich; denn sie sagten mir, daß es noch immer nicht Nacht wäre. Ich schikte meine Lucie weg, öffnete mein Fenster, nahm die Blumentöpfe herein, und konnte sie kaum mit den zitternden Händen halten. Nun lauschte ich durch die Jalousie. Alles war so still; ich hörte keinen Fußtritt, keine Stimme, nichts. Endlich öffnete ich das Fenster wieder, und sah ängstlich hinaus. »Jezt muß er kommen! das ist er! das ist sein Gang!« Es war das Plätschern der Wellen am Ufer. »Da kommt er!« Meine Hoffnung betrog mein Ohr tausendmal. Es schlug Zehn, und du warst nicht da. Ich starrte hinaus in die Nacht, holte mein Päkchen Kleidung hervor, und hängte meinen Strohhut an den Arm. O, dacht' ich, ist das recht, Klairant? Ich horchte; mein Athem stand, ich hörte die Schläge meines Herzens. Ach, ich war getäuscht. Du kamst nicht. – Es schlug Eilf. Ich schlich in der Angst hinunter, gieng an das Thor, und sah dich auch da nicht. Nun stand ich bis zwölf Uhr wieder am Fenster, mit dem Blumentopf in meinen Händen. Mir schmerzten die Arme vom Halten; aber ich ertrug es. Es stiegen Thränen in meine Augen; doch ein Vorwurf kam nicht über meine Lippen. Die aufgehende Sonne sah das getäuschte Mädchen noch am Fenster geduldig warten und Thränen der Liebe weinen.

Welche Tage sind das gewesen, Klairant! Die Müdigkeit hat mich nicht überwältigt. Ich bin blas, als ob ich aus dem Grabe aufstände; und das ist nichts als Ermattung. Bei Nacht harre ich auf dich, und am Tage läßt mich der Kummer darüber, daß du ausbleibst, nicht schlafen. Meine Eltern fragen beunruhigt: was ist dir, Klara? Ich antworte mit Thränen. O, ich möchte es der ganzen Welt klagen, daß du mich so grausam getäuscht hast. Was kann dich abgehalten haben! Wenn du dich auch bedacht hattest; wenn du es auch nöthig fandest, das Glük deiner Klara aufzuschieben – was hielt dich ab, mir das zu sagen? Darf ein Anderer, als du selbst, mir mein Elend ankündigen? Deine Liebkosungen hätte meinen Schmerz gelindert. Ich wäre dann nicht so unglüklich gewesen; ich hätte dich gesehen, gesprochen, und vielleicht durch meine Thränen dich dennoch überredet, mit mir in einen Winkel der Erde zu fliehen. Klairant, hätte ich doch lieber nicht gedacht, daß mir mein Glük so leicht, so nahe sei! Ist es recht, Klairant? ist es recht?

Da schwimme ich auf einem elenden Brete mitten im Meere. Du zeigtest mir das glükliche Ufer, warfest mir Hülflosen ein rettendes Ruder zu. Eben will ich Unglükliche an das Land springen, und da stössest du mich grausam wieder mitten in das Meer hinaus. Du folterst jezt mein Herz doppelt mit der getäuschten Hoffnung meines Glükes. Klairant, ist es recht? Ach, wenn auch du mich verliessest – Nein! nein! du hast mich nicht verlassen. Morgen kommst du. Heute fliessen meine Thränen noch; aber schon diese Nacht werd' ich an deiner Brust getröstet seyn. Könnte ich auch noch länger diese Angst ertragen? – Komm, Klairant, komm! Der Schlaf wird mich nicht überwinden. Ich lege meine Stirn in das Fenster, wenn die Ermüdung mich überwältigt; schon ein Seufzer erwekt mich, ein fallendes Rosenblatt verjagt meinen Schlummer. O komm, du wirst mich nicht schlafend finden. Kein Vorwurf, keine Klage soll dich betrüben. Ich sehe dich, und mein Schmerz ist vergessen; ich kann nur fröhlich seyn, wenn Klairants Arm mich hält J'oublie et mes douleurs et mon ressentiment;
Je ne sais qu'être heureuse auprès de mon amant;
. Ende nur meine Angst! Was kann dich abhalten? Ach, Klairant, was konnte dich abhalten, wenn du nicht krank bist?

 

*

 

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