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Klara du Plessis und Klairant. Erster Theil.

August Lafontaine: Klara du Plessis und Klairant. Erster Theil. - Kapitel 12
Quellenangabe
authorAugust Heinrich Julius Lafontaine
titleKlara du Plessis und Klairant. Erster Theil.
publisher
year1801
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20171215
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X.
Klairant an du Plessis.

Ich will dir eben so aufrichtig antworten, Plessis, wie du fragtest; denn du kannst nicht stolzer seyn, als ich. Ich bin ein Französischer Bürger, und das bist du jezt nicht. Unsre Meinungen sind verschieden; aber ich liebe dich. Mein Vaterland könnte mir gebieten, gegen dich zu handeln, aber nie, dich zu hassen. Warum mit mir reden, wie der Knabe ehedem mit dem Knaben? Warum nicht wie zwei Männer, die einander lieben und ehren? Ja, ich habe deiner Schwester geschrieben: es wäre das einfachste Mittel, uns glüklich zu machen, wenn ich nach Koblenz käme, wenn sie ihren Vater verließe, in meine Arme eilte, mit mir nach Frankreich gienge, meine Gattin würde, mich glüklich machte, und selbst glüklich wäre. Das habe ich ihr geschrieben, nichts mehr und nichts weniger; und nach deiner Erzählung sieht sie ein, wie sehr ich Recht habe.

Vorurtheile muß ich schonen, wenn sie wohlthun; aber thut denn das Vorurtheil deines Vaters Klaren wohl? thut es mir wohl? Soll ich mich, soll ich Klaren zu ewigem Elende verdammen lassen, um deines Vaters Vorurtheil nicht zu beleidigen? Und soll die Wahrheit nicht gleiche Rechte mit dem Vorurtheile haben? Was hat dein Vaters voraus, daß er von mir und seiner Tochter verlangen darf, wir sollen die heiligsten Gefühle der Natur unterdrüken – Gefühle, die eher waren, als die bürgerliche Ordnung, und die länger dauern werden, als die Zeit und die Erde –; damit er nicht nötig habe, einen lange genährten Irrthum aufzugeben? Warum soll ich noch zitternd einen vergoldeten Gözen anbeten, wenn ich meine Hände und meine Seele zu dem erhabnen, unsichtbaren Urheber des Weltalls aufheben kann? warum auf die Rechte des Herzens, um der Rechte der Thorheit willen, Verzicht thun? Warum soll mir eine bittere Stunde deines Vaters wichtiger seyn als ein ganzes kummervolles Leben meiner Klara? Oder hältst du die Liebe für ein gleiches Vorurtheil, für eine thörichte Begierde, die mit der Jugend vergeht? Wohl denn! Vorurtheil gegen Vorurtheil! Und wer hätte dann mehr Schonung zu fordern: die heiß verlangende Leidenschaft eines jugendlichen Herzens, oder die bedächtigere, abgestorbene des Alters? Hier ficht wieder der Riese mit dem Kinde.

»Ich gewinne,« schreibst du, »wenn Klara zu mir flieht; und sie verliert. Sie bringt das Opfer, und ich berede sie, es zu bringen.« Was gewinne ich? was verliert sie? Welches Opfer verlange ich, und welches kann sie mir bringen? Ich gewinne ein Weib, das ich mit allen Kräften meiner Seele liebe; aber sie gewinnt, wenn sie mich ebenso liebt, nicht weniger. Und liebt sie mich nicht so – wer fordert dann, daß sie zu mir fliehen soll? Wo ist das Opfer? wo der Mangel an Edelmuth, den du mir vorwirfst? – Ihr Rang? Ich kenne nur zweierlei Menschen: ehrliche Leute und Schurken; und wehe mir, wenn Klara eine andere Rangordnung unter den Menschen machte, und dann zu mir flöhe! Eigennuz? Wie? Hier? hier, wo ich durch die Verbindung mit Klaren Verdacht gegen mich errege? hier, wo ich niemals sagen darf: sie ist die Tochter eines Vicomte? – Seze mich auf den Thron der Erde, und verstoß Klaren in die elende Hütte eines Schäfers, oder unter den freien Himmel, das Dach einer Bettlerhorde; sie wäre dennoch meine Geliebte. Eigennuz! Klara sei der Preis: einer jahrelangen Galeerenarbeit; ich lasse mich jauchzend an die Ruderbank schmieden. Gebt mir die Gewißheit, daß Klara an der Brust eines andern Mannes glüklicher seyn wird, als an der meinigen, ich opfere meine Hoffnungen auf, und wenn mein ganzes Wesen darüber zu Grunde gienge. Eigennuz! – Bei Gott! Plessis, ich bin so stolz auf mein Herz, auf meine Liebe, wie wohl kaum la Fayette auf seinen Ruhm. Titel! Ich führe jezt einen, vor dem ihr in Koblenz zittert: »Französischer Bürger;« und es soll ja den Rang eines Mannes beweisen, daß Andre vor ihm zittern. Du siehst, wie sehr ich mich darauf verlasse, daß ich Recht habe; denn ich bin ohne es zu wollen, ins Scherzen gekommen.

Das ist meine Antwort, lieber Plessis. Findet Klara meine Gründe vernünftig, so wirst du, so wird die ganze Welt mich nicht hindern, sie in dem ersten Französischen Dorfe meine Frau zu nennen. Findet sie diese Gründe nicht so; erhebt sich in ihrem Herzen die leiseste Stimme des Widerwillens dagegen; scheuet sie den Kummer ihrer Eltern, und sieht sie ihn als ihr eigenes Unrecht an: so sei ruhig; ich habe sie gebeten, dort zu bleiben, und zu vergessen, daß je mein Herz für sie geschlagen hat. Nicht, als ob ich das Opfer zu groß fände, das sie mir dann brächte: nein, Plessis! mein Herz ist des ihrigen werth; sondern, weil ich es für abscheulich halte, den hellen Spiegel einer reinen Seele mit dem nagenden Fleken einer auch nur zweifelhaften Schuld zu trüben, und auf ein Herz, das in dem Bewußtseyn der Schuldlosigkeit seine Ruhe findet, die Last eines Selbstvorwurfes zu bürden.

Dann erwarte ich – ruhig oder unruhig, glüklich oder unglüklich, gleichviel! – den Tag, da, wie du sagst, das Schiksal will. Und will es nicht, so soll wenigstens keine unmännliche Klage die fromme Ruhe Klarens stören. Sie soll die Freude haben, daß ich auch noch mit dem lezten Athemzuge das Opfer segne, welches sie dem Vorurtheil ihres Vaters brachte, das Opfer, welches mein Herz zerriß.

Das ist meine Antwort, frei wie sie ein Mann dem andren giebt, der sein Freund ist. Nun eine Frage. Man spricht bei uns, und auch schon in den öffentlichen Blättern, von Kriegeszurüstungen der Ausgewanderten gegen Frankreich. Plessis, wirst du die Waffen gegen dein Vaterland führen? Nein, ich glaube nicht, daß je ein Herz, welches an dem meinigen geschlagen hat, so sinken kann. Und wäre es – o Plessis, wie fühle ich, daß ich dich liebe – und wäre es dennoch – nein, ich hörte nicht auf dich zu lieben, aber diese Liebe würde seyn wie ein Verbrechen für ein frommes Herz. Plessis, denk an die Träume unserer Jugend, denk an unsere Freundschaft, unsre Liebe! O Gott! wenn Geliebte und Freund auf einmal mir und ihrem Glüke wiedergegeben würden! Plessis, mein Bruder, mein Freund, mein Mitbürger! Ach, es giebt Vorstellungen, die so reizend sind, daß sie für das menschliche Loos zu viel scheinen! Wie würd' ich das Glük ertragen! aber wie das Gegentheil! Und wenn dein Vaterland dich haßt, dich hassen muß, so ist dennoch in seinem Umfange ein Herz, das nicht an diesem Hasse Theil nimmt, und das gern sein Blut für dich vergösse. Leb wohl!

Ach, Plessis, auch unsere Freundschaft, die herzliche Liebe der beiden Knaben, schien deinem Vater eine kindische Thorheit. Wie, wenn er forderte, du solltest aufhören mich zu lieben; könntest du gehorchen? O, wie kann ein Mann es wagen, sich zwischen zwei Herzen zu drängen, welche die Natur, und alles, was in unsrer Natur göttlich ist, verbunden hat! Wie kann ein Mensch so verwegen seyn, sich gegen den Kreislauf der Erde zu stemmen? Und ist das Gesez der Liebe weniger mächtig, als das, nach welchem die Sphären rollen? Sag! sag selbst! Eher wird die Erde in ihrem Laufe stokken, eher das Band, das die Gestirne an einander fesselt, zerreissen, als das Band, welches mein Herz an die Kinder des Vicomte du Plessis bindet. Laß das, guter Plessis!

Wie kann dein Vater es wagen, sich zu beschweren? War er es nicht, der Klaren nach Mangienne zu der Weinlese brachte? Legte er nicht ihre Hand in die meinige, und ließ sie mit mir tanzen? Drang er nicht darauf, daß ich mich als Bäuerin verkleiden und Klaren besuchen mußte? Forderte er nicht, daß sie und ich uns mit einander messen sollten? Sah er nicht, wie wir, Klara und ich, uns weigerten? Wir fühlten die Gefahr. Er hieß uns das Band knüpfen; und nun verlangt er, ich soll die Natur umkehren. O, sag selbst, ist das möglich?

 

*

 

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