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Klara du Plessis und Klairant. Erster Theil.

August Lafontaine: Klara du Plessis und Klairant. Erster Theil. - Kapitel 10
Quellenangabe
authorAugust Heinrich Julius Lafontaine
titleKlara du Plessis und Klairant. Erster Theil.
publisher
year1801
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20171215
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VIII.
Klairant an Klaren.

Ich lese deine Briefe, Klara, lese sie wieder, und werde nie damit fertig. Mein Herz hatte dein Urtheil längst gesprochen. Konntest du anders als unschuldig seyn? Du bist es, Klara; Auch der allerleiseste Zweifel, den die Einsamkeit und mein Gram um dich in meiner Seele erregen, ist besiegt. Du bist unschuldig; dein Vater hat deine Liebe überlistet. Er betrog uns Beide; denn, rufe dir noch einmal die Begebenheit jener unglüklichen Nacht zurük: und du wirst leicht bemerken, daß dein Vater sehr ungroßmüthig dein eigenes Herz brauchte, um dein Herz und unsere Liebe zu hintergehen. Er ist dein Vater; ich will schweigen.

»Es sind Schiksale möglich, die uns hindern, können, je mit einander zu leben.« Das ist wahr, Klara; aber ich fühle, das kann nicht lange dauern. Der Gram würde mein Leben verkürzen, das ohne dich eine drükende Last ist; und am Grabe brechen sich ja die Wellen des menschlichen Elendes. Ueber das Grab hinaus reicht es nicht, und dann find' ich ja das Herz meiner Klara. Es ist sehr traurig, wenn man den Keim seiner Hoffnungen in sein Grab pflanzen muß; doch dem Himmel sei Dank, daß wenigstens Eine mich durch mein ganzes Leben begleitet: die Hoffnung deiner Treue. Und wiedersehen werden wir uns; gewiß, Klara, wiedersehen werde ich dich. Wohin deines Vaters ohnmächtiger Haß dich führen kann, dahin wird ja meine mächtige Liebe dringen. Eine Tagereise, so bin ich bei dir; und sollte ich nur kommen, um meinen lezten Seufzer an deinen Lippen auszuhauchen, um dir zu sagen, daß ich dir treu geblieben bin.

Die Furcht ist eben so eitel wie die Hoffnung. Erhalte mir deine Liebe; und keine Drohung, kein Elend, kein Schiksal soll je die Hoffnung, mit dir einst glüklich zu seyn, aus meiner Brust reissen. »Es giebt ein Zusammentreffen von Umständen.« Wohl! Es kann auch auf tausendfache Weise anders seyn. O, wenn eine Liebe, wie die unsrige, wenn Herzen wie meins und das deinige, nicht zu Hoffnungen berechtigen, so machte die Vorsehung die Hoffnung zum Vorzuge des Bösewichts, und liesse dem fühlenden Herzen nichts als das menschliche Elend. Nein, Klara, so traurig ich auch jezt bin, so zweifle ich dennoch nicht. Ich sehe dich, ich sehe dich bald, und wir werden glüklich seyn. Glüklich? Und wären wir es nicht schon längst, wenn wir nur den Muth hätten, der menschlichen Thorheit zu entfliehen. Was hat denn der Himmel unserm Glüke in den Weg gelegt? Wodurch hat er gezeigt, daß er unser Unglük will? Er führte uns zusammen; ein Engel, könnte ich sagen, wachte über unsere Liebe, daß die Zeit sie nicht zerstören sollte. Ein Engel vereinigte uns in Metz aufs neue, eben als das Band unserer Herzen schlaffer wurde. Der Himmel lächelt auf unsere Liebe herab, und segnet sie; und wir, Klara, wir schreiben unsere Unthätigkeit auf die Rechnung des Himmels, nennen unsere Schwäche Schiksal, und die Thorheit Anderer, die wir besiegen können, so bald wir nur wollen, Vorsehung.

Sieh, ich eile nach Koblenz, was hindert mich? Klara geht eine Straße hinunter, sezt sich mit mir in den Wagen, fährt mit mir nach Pillon, wird meine Gattin, meine glükliche Gattin, und die Mutter froher Kinder. Eine Reise nach Koblenz, und etwa hundert Schritte von Klarens Wohnung bis an die Chaise: das ist die ganze Arbeit, welche unser Glük kostet; und wir geben unsere Thränen dem Himmel Schuld, wir hadern mit der Vorsehung über unsern Gram! Was wollen wir mehr? was können wir mehr wünschen? auf welches Zusammentreffen von glüklichen Umständen sollen wir hoffen? Meinst du, dein Vater werde je seine Einwilligung geben? Nein, das glaubst du selbst nicht. Auf was gründest du deine Hoffnung? Da liegt die Nahrung, dein Leben zu erhalten; streke die Hand darnach aus. Nein; der Himmel soll noch ein zweites Wunder thun: die Nahrung lehren zu dir zu kommen. Klara, das Schiksal mag zuweilen dem Verbrechen Felsen in den Weg thürmen; der Liebe ist der Weg zum Glüke geöffnet. Man darf nur den Muth haben, die Bahn zu sehen, und sie ist schon zurükgelegt. So sizt die junge Schwalbe auf dem Rande ihres Nestes. Sie hebt die Flügel, und will in die Luft; aber sie scheuet den Abgrund, der ihr nicht gefährlich ist, sinkt in das träge, enge Gefängniß zurük, und wirft besorgte Blike vor sich hinunter. Nun sieht sie die andern in der freien Luft flattern und glüklich seyn. Sie hebt aufs neue die Flügel, und wird von der Mutter hinab gestoßen; flatternd erstaunt sie über ihre Kraft, an der sie verzweifelte, und zwitschert nun froh über das Glük, das die Natur, der Himmel ihr schenkte, und das nur sie sich versagte.

Das, Klara, das ist meine Hoffnung. Was dein Vater sagen würde? Vielleicht, Klara, wärest du das Band, das ihn wieder mit seinem Vaterlande vereinigte. Deine Mutter? Kannte sie nicht deine Liebe schon lange, und gab stillschweigend ihre Einwilligung dazu? Dein Bruder? Er liebt mich. Ich will dich nicht überreden, Klara. Nein; hebt sich in deiner schönen Seele ein Zweifel, so ist er gerecht, so bleib, so laß uns fort klagen. Du wirst nicht glüklich seyn, aber du wirst ohne Vorwürfe bleiben; und ich weiß, Klara, der erste Vorwurf, den du dir selbst machen müßtest, würde deine Seele stärker zerreißen, als ein langes Elend, das du nicht verschuldet hättest. Nein, ich will dich nicht bereden, bei unsrer Liebe! ich will das nicht. Es steht nicht in unserer Gewalt, den Schlägen des Schiksals auszuweichen; aber eine vorwurfsfreie Seele ist ein großer Trost in jeder traurigen Lage. Könnt' ich dir in meinen Armen ein heiteres, glükliches Leben versprechen, so würde ich dir zureden; das kann ich nicht; und darum schweige ich.

Ich weiß, Klara, daß du mich liebst; denn nur reine Liebe konnte deine Briefe schreiben. Ach, meine Feder wurde auch von keinem Mißtrauen geleitet; ich war sehr betrübt, und grollte mit meinem Schiksal. Der Kranke klagt in seinem Schmerze die Hand an, die ihm das Küssen weicher legt, und macht dem Arzte Vorwürfe, der ihm hilft.

Eben das, was nach deines Vaters Meinung den Krieg entflammen sollte, wird den Frieden erhalten. Der König ist in Paris nicht unter Feinden, nein, unter seinen Kindern. Kannst du den Menschen in Koblenz Unpartheilichkeit zutrauen? Ich bejammre es mit dir, wenn ein Tropfen Menschenblut vergossen wird. Die Geschichte des Grafen Beaujolais hat auch mir Thränen gekostet. Aber laß uns darüber schweigen; vielleicht sind wir Beide partheiisch. Du hörst täglich die Klagen des geflüchteten Adels; und ich bin täglich unter Menschen, die mit frohem Herzen Feste der errungenen Freiheit feiern. Klagen und Freude sind anstekend, und machen partheiisch. Es geht mir nahe, wenn ich denken muß, daß meine Klara einen Gedanken hat, den ich nicht mit ihr theilen kann.

Die Rosiere ist eine Thörin. Der Gram um dich, meine Klara, ist mir so süß, die Einsamkeit so reizend, die Stille so erquikend, daß ich jezt immer so zu leben wünsche, wie ich lebe. Aber wie kann die Rosiere anders urtheilen? Sie fliehet die Einsamkeit wie das Grab, hält jeden Augenblik für verloren, da sie nicht plaudert, und würde dich geradezu für eine Thörin erklären, wenn sie dich unter deinen einsamen Apfelbäumen sizen sähe, während Promenaden mit Gelächter und lautem Geschwäze dich rufen.

 

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