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Kindheit und Jugend

Richard von Schaukal: Kindheit und Jugend - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
authorRichard von Schaukal
titleKindheit und Jugend
publisherAlbert Langen Georg Müller
yearo.J.
editorLotte von Schaukal und Joachim Schondorff
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131217
projectid37cf239a
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Von Kindern, Tieren und erwachsenen Leuten

 

 

Hans Freiherrn von Wolzogen
in verehrungsvoller und dankbarer
Freundschaft

 

 

 

Vorwort

Um die Jahreswende 1904 war, nach dem tiefen Erlebnis der Kunst (durch Plato, Schopenhauer und Walter Pater und die Wiener Gemäldesammlungen), eine vollständige Erneuerung meines Schaffens angebahnt. »Großmutter. Ein Buch von Tod und Leben« (1904/05) steht am Eingang. Es führt nach innen und zurück, in die mit Liebe erlebte Vergangenheit, die eigene in der seligen Kindheit und die der Vorfahren in inniger Familiengemeinschaft und gefälliger Lebenszucht. Mein Werk, seit je, auch in vergegenwärtigender Darstellung, Bekenntnis, neigt mehr und mehr zur Erkenntnis, wandelt empfängliche Sinnlichkeit in Rechenschaft heischende Besinnlichkeit. Der Denker erstarkt auch im Lyriker. Die Betrachtung wie der persönlichen so der allgemeinen Zustände tritt neben die Erzählung und die grundsätzliche Beurteilung des in- und ausländischen Schrifttums.

Meiner sterbenden Mutter konnte ich noch 1913 die ihr gewidmeten »Märchen von Hans Bürgers Kindheit« überreichen, den liebevollen Versuch, die Grundlagen meines ihr vor allem gedankten seelischen Daseins zu beschwören, das an den junger Ehe geschenkten drei Kindern und in entsagender Abkehr von einer ehrgeizigen Laufbahn sich geläutert hatte. Es folgte 1915, nachdem die Wogen der kriegerischen Begeisterung sich beschwichtigt hatten, »Das Buch Immergrün«, eine behagliche Erneuerung der in »Großmutter« mit Sehnsucht angeschlagenen Töne.

An dieses Werk schließt die vorliegende Sammlung »Von Kindern, Tieren und erwachsenen Leuten«. Sie reicht – mit dem Kapitel »Vom Tode des armen Dackls« – bis auf das Jahr 1905 zurück, knüpft also unmittelbar an die angedeutete entscheidende Wendung an und fügt sich anderseits an die mit dem »Zettelkasten eines Zeitgenossen« (1913/14) und den »Erlebten Gedanken« (1915) zusammenhängenden »Erkenntnisse und Betrachtungen« (1934), als deren persönlichstes Kernstück sie gelten mag. In zwei natürlich gegliederten Abteilungen zeigt sie wiederum die eigene Kindheit, wie sie sich wehmütig im Alternden spiegelt, und, nach dem Vorgang der »Märchen«, diesen vom Leben geprüften Mann in der Betrachtung seiner von Haus und Heimat bestimmten, mehr inneren als äußeren Erlebnisse. So darf sie als Erzählung und Sinngebung zugleich den durch das ganze an Glück und Leid reiche Dasein verstreuten Gedichten und Gedanken zur anhaltenden und verhaltenen Begleitung dienen: wenn diese in knapper Fassung Gefühl und Empfindung, Gehalt und Gedanken gestalten, plätschern und rauschen die beschaulichen Erinnerungen als wechselnde Stimmung, dem nährenden Mutterboden des Alltags näher, denselben abseitigen Weg.

Wien/Grinzing am 30. März 1935.
Richard v. Schaukal

 

Erster Teil
Versunkener Garten

 

Eine Nachmittagsstunde

Ich lag nach ermüdendem Tag in breiter Sommersonne unterm hohen blauen Himmel, sah blinzelnd nach den im Winde rauschenden Birken und auf die starr aufstrebenden höchsten Triebe der jungen Fichten und träumte von meiner Jugend. Unnennbar holde Erinnerungen, Erlebnisse der Alltäglichkeit, in sanften Umrissen, aber mit wundersamer Deutlichkeit jedes aus dem lautlosen Strome der unerschöpflichen Fülle auftauchend. Menschen, von denen die meisten vor langen Jahren gestorben sind, wenige vielleicht da und dort noch, alt und sich selbst entfremdet, leben, waren mir in ihrer besten, der Gestalt gegenwärtig, die von der Kindesaufmerksamkeit erschaffen ist, vergessene, gleichgültige Namen, Namen, die mir Klang und Bedeutung hatten, fanden sich dem Wissenden zu den verschollenen Erscheinungen, und die ganze neugierige Sehnsucht dieser abenteuerlichsten aller Zeiten, der mit sich selbst noch unbekannten, an alle Begegnungen so hingebungsvoll sich verschwendenden Kindheit, wogte in mir als ein süßer Rausch, wie eine Wolke fernen, aber wirklichsten Duftes ... Und dann stand ich auf, rief meinen Kindern, die mich ja doch nicht kennen, und war unter ihnen wie sonst, selbstverständliche alltägliche Gegenwart, die morgen wieder Besitz der Seele sein wird. Vielleicht. Denn solche Stunden machen alt. Und nur die Kindheit ist dem Alter werte Erinnerung.

 

Mama

Meine Mutter war zwanzig Jahre alt, als sie mich zur Welt brachte. Sie hat den Tag – es war im Mai – oft den glücklichsten ihres Lebens genannt. Und als sie mit sechzig Jahren starb, dankte sie mir, ehe der letzte schwere Kampf mit dem Unüberwindlichen begann, noch einmal für das Dasein, das sie mir geschenkt hatte: Ich hätte ihr immer nur Freude bereitet. Darf ich daran zweifeln, daß die Wahrhaftige glaubte, was sie mir sagte? Ich bin, in aller Demut gegenüber dieser großen Liebe, stolz auf ihr letztes Wort an mich. Es ist mir heilig als das schönste Vermächtnis ihrer unendlichen Güte, je mehr ich der Gnadenvollen abzubitten habe.

Eines ist sicher: die selige Kindheit, als deren zaubermächtige Fee die Jugendlich-Anmutige in mildleuchtender Verklärung vor den sehnsüchtigen Blicken meiner Seele steht, ist auch ihr, der heiteren Spenderin unwiederbringlicher Freude, das Beste gewesen, was ihr die Welt zu bieten hatte. In der zärtlichen Sorge um mein und meiner jüngeren Schwester Gedeihen ist die Unermüdliche aufgegangen. Jeden unserer Atemzüge hat sie begleitet, uns mit tapferer Zuversicht in häufigen Krankheiten gepflegt, den engen Schauplatz von Haus und Schule uns zum Märchen erweitert, das anfang- und endlos scheint wie der Garten des Paradieses. Als eines Tages dieser unergehbare Garten mit all seiner traumhaften Herrlichkeit ins Bodenlose versunken war, als das Land der Wirklichkeit mit den immer wieder gleichen Hügeln den Horizont der Wünsche und Hoffnungen begrenzte, da wußte ich noch nicht, was die Traurigkeit bedeutete, die mir, zumal an Sonntagnachmittagen, die Kehle zusammenschnürte; heute kenn ich den Sinn der Namenlosen, die sich in so viele täuschende Gewänder hüllt: es ist das Heimweh nach der Kindheit.

Meine Mutter ist stolz auf mich gewesen, als sie mich nicht mehr so wie einst besaß, da sie mich teilen mußte mit meiner Frau, mit meinen Kindern, die ihrerseits ihren Besitz an mir vergrößert hatten. Wenn eine Mutter stolz ist auf ihren Sohn – was keineswegs soviel heißt, daß etwa ein von ihm ausgehender Glanz sie blende, vielmehr, daß sie ihn erblickt in einem Lichte, das aus diesem, ihrem hochgemuten Herzen auf ihn strahlt –, wenn eine Mutter auf ihren Sohn stolz ist, kennt ihre Sicherheit auf das ihm Mögliche, ihre Forderung nach dem seiner Anspruchsfähigkeit Gebührenden kaum eine Grenze. Beschämt beugt sich der also, wie er weiß, mit Ungebühr Gefeierte vor der Macht solches über ihn hinausweisenden Zutrauens. Ich bin froh, daß Mama die bösen Jahre nicht mehr hat erleben müssen, die ihr schon darum nicht gefallen hätten, weil sie mir Stück um Stück aus der Krone brachen, die sie auf dem von ihr bei jedem neuen Erfolge gesegneten Haupt erblickt hatte.

Sie ist von mir gegangen in ihre Unsterblichkeit, die in mir lebt. Aber die Ferne, in die ich sie mit herzverzehrender Qual mir habe entschwinden sehen, hat ihr in der Erinnerung, die ich beschwöre, unverlierbar geborgenes liebliches Bild wie in einem undurchdringlichen gläsernen Gehäuse gefangen und von mir weggehoben. Nirgends ahn ich etwas von dieser, da sie lebte, gleichsam unentrinnbaren Gegenwärtigkeit. Alle meine Vorstellungen schwirren mit verzweifelnden Flügelschlägen um das unerdenkbare Niemehr des Todes. –

 

Meine Kindheit

Ich bin in Brünn geboren, der Hauptstadt von Mähren, das dem Österreicher Ausland geworden ist. Die alte Stadt liegt schwermütig dem Spielberg zu Füßen. Die Zitadelle der Festung, in deren Mauern Schwedenkugeln stecken, krönt das mit vielen schlanken Kirchentürmen emporstrebende fahle Gedränge. Mein Geburtshaus, der hohe Stadthof, grenzt an den lieblichen Franzensberg. Unter dem Obelisk, dem Denkmal der Befreiungskriege, hab ich, vom hellen Frühlingsgrün umrauscht, im Sande gespielt und Katzengold gesammelt. Das sanfte Brunnenplätschern aus dem stillen Halbrund einer Säulenhalle tönt mir noch im Ohr.

Ich bin im Mai geboren. Taufrisch ist die Erinnerung meiner seligen Kindheit. Großmutters kleiner Garten ist ihre Seelenheimat. Dort stand nachmittags mein weißlackierter Korbwagen, hinter dessen blauen Seidenvorhängen ich, das erste Kind inmitten einer heitern, gutmütigen Menge junger Verwandten, Wunder und Liebling, gehütet schlief. Und ich bilde mir ein, daß ich die Empfindung dieser sonnedurchzitterten sanften blauen Ruhe noch in mir trage.

An den »Stadthof«, den ich nur ein einziges Mal im spätern Leben mit scheuer Ehrfurcht vor dem mächtigen Gebäude betreten habe, gemahnt mich nichts. Das Haus, in dem wir wohnten, das Haus, das mir bis in mein fünfundzwanzigstes Jahr Mittelpunkt der mit Sehnsucht und Bangigkeit wie aus warmem Erdloch hervor erlugten Welt blieb, lag in einer engen Gasse, mitten in der ältesten Stadt. Gegenüber der fünf Fenster breiten Stirn des tief nach dem hügligen Krautmarkt gestreckten zweistöckigen Kastens bot die gelbe Magdalenenkirche unerschöpflichen Anblick. Denn über ihre breiten ausgetretenen Stufen vor den mächtigen Flügeln der Pforte, deren Öffnen und Schließen wie andern Kindern regelmäßig wechselnde Naturvorgänge dem tagaus, tagein Ausschauenden die Zeit bestimmten, floß das wunderbare Leben, an dem man, sonst Zuseher, seltsamerweise immer wieder auch teilhatte: man mußte nur aus der Türe treten und jenseits die steile Treppe emporsteigen; da lagen dann seltsam fremd die eigenen Fenster wie ohne Sehkraft ihrerseits einem gegenüber. Mir gab es kaum etwas Geheimnisvolleres als solchen Wechsel des Standplatzes, den man durchführen konnte oder lassen mochte; denn wenn ich am Fenster blieb und die Stunden vergingen, ohne daß ich ihrer bewußt wurde, war dieser Wechsel, dieses Hinübergehen und Herübersehen etwas Unausdenkbares. Anders wiederum, ohne Beziehung zu jenem festen Gegenüber, war das sozusagen selbstverständliche Ausgehen: da verließ man eben kurzweg die Haustüre, blieb auf der Hausseite der Gasse und bewegte sich an den Nachbarhäusern entlang, die man niemals drüben gesehen hatte, auch niemals als ein Drüben sich denken konnte, man ging seiner gewohnten Wege, zur Großmutter durch die Ferdinandsgasse, über den großen Platz, durch die Rennergasse, das »Dikasterialgebäude«, an dessen umfriedetem alten Garten entlang, durch die Glacisanlagen oder in die Schule über den großen Platz, diesmal links durch die dunkle Rudolfsgasse und die breite Salzamtsgasse, wo einmal, da man noch klein war, ein Haus gebrannt hat, oder, in späteren Jahren, ebenfalls von der Haustür weg in der der Kindheit entgegengesetzten, der Knabenrichtung, hinunter nach dem Nordbahnhof, aber in seiner Sicht rechts abbiegend und auf den in der Mittagssonne schläfrig harrenden Omnibus zu, der in einem glühenden Hauche seine Plache blähte: er brachte einen in die »Villa«. Alles hatte in dieser Gasse sein doppeltes Leben: vom Fenster aus und unten, in ihr, vom Pflaster aus nach rechts und links, wohl auch ab und zu hinauf, doch kaum bis zum Rande der Dächer empor, über dem der Himmel war, den man von anderswo, zwischen Bäumen hindurch oder gespiegelt in geheimnisstarrenden runden Wasserflächen, besser kannte. Vom Fenster aus ging's hinunter und hinab die Gasse entlang, so weit man, ohne sich unartiger- und unheimlicherweise etwa übers Fensterbord hinauszubeugen, unterm schräg hervorgesteckten Sonnenschutzvorhang mit den Augen reichen konnte. Da war einerseits der langgestreckte Palast mit den schmalen geschmiedeten Balkonen vor jedem der unzähligen verstaubten Fenster, andererseits, durch ein breit ausmuldendes Gäßchen von der Kirche geschieden, der den Himmel verdeckende Gasthof, dessen Erdgeschoß Papas Nachmittagskaffeehaus enthielt. Zwischen dem Palast, der oben die Finanzlandesdirektion und unten den Tabakhauptverschleiß barg – es kam der Tag, da man das ungemütliche Wort sich nicht mehr vorlesen zu lassen brauchte –, stak ein enges Türchen in einer niedrigen Mauer: Robinson, Alladin und Prospero mußten es gemeinsam dorthin gezaubert haben. Hinter ihm war Unerforschliches, der Urwald der Neugierde. Weh dem Tage, da es einst von einem Kirchendiener geöffnet ward, der sogar hineinging und es hinter sich angelehnt ließ ... In der Gasse, die uns noch keine Fahrbahnschiene schändete, nah an dem um eine Stufe erhöhten Bürgersteig, befand sich das begehrenswerteste Spielzeug der Welt, unerreichbar selbst dem kühnsten Weihnachtswunsche: der Hydrant. Daß dieses mit einer Klappe bedeckte Loch im Pflaster so hieß, ist unwahr; es hieß gar nicht, sondern war da und wirkte Herrlichstes, vielmehr, es wartete geduldig, bis die Spritzer mit dem roten Holzfaß angerumpelt kamen, um sich dann in seiner Macht zu zeigen. Ein Schlauch ward darin angeschraubt, wobei schon Wasser aus dem Loch trat; der Faßwagen ward hinangeschoben, gelassen legte eine nackte braune Hand das Schlauchende in die nette runde Öffnung, die ein niedlich aufklappender Deckel freigab, und nun brauste Wasser in den behaglichen Hohlraum, bis es – man schauderte vor gruselndem Glück – überfloß. Gott segne die Spritzer! Sie haben mir viel Glück bereitet. Denn mein Sommer war lang. Damals gingen vielleicht ein paar reiche Leute – ich weiß es nicht – Sommers aufs Land; wir waren nicht darunter. Wir blieben jahraus, jahrein in der Stadt, in der engen Ferdinandsgasse gegenüber der Magdalenenkirche. Nur zweimal bin ich als Kind ein paar Sommerwochen weggewesen, da Mama, meine liebste Mama, das lieblichste der jungen Mädchen aus dem rotdächigen Hause am »Glacis«, vom grünen Strande meiner Kindheit, schon in den ersten Jahren ihrer Ehe schwer erkankt war und der Erholung bedurfte: ich habe sie nach Wartenberg in Böhmen begleiten dürfen, und den nächsten Sommer hatten wir in Adamstal, kaum eine Stunde Bahnfahrt von der Stadt, ein kleines Haus im Dorf bezogen. O Überschwang der Seelenabenteuer: jene erste Reise, die des Nachts anhob – der Schlag, mit dem die Wagentüre zufiel –, das fremde Land jenseits dieser durchschlafenen Fahrt, bestehend aus einem Kurpark mit einer »Kolonnade«, einem Eselwagen und der Kurmusik, dies alles in silbergrauem Duft, unendlich fern und winzig klein und ohne Anfang und Ende; dann aber, näher schon und deutlicher, der wiesenduftende Sommer an dem seicht über reine Kiesel rauschenden Fluß, der Sonnenbrandgeruch der heißen Badehütte, der Wald mit den märchenhaften Farnfächern, den bis ins Herz hinabduftenden Vergißmeinnicht am unaufhaltsam hinplätschernden Bach, die grünen, Stahlfunken sprühenden Libellen, die großen Schmetterlinge, die wie Blumenblätter sich auseinanderlegten und dann blendend aufflogen, der kleine bebende Waldvogel in der andächtigen Hand, die rote Kirche am Abendhang der Felder, wenn wir Papa entgegengingen, der aus der Stadt ereignisreiche Packen brachte ... Sonst war die Stadt da, und ich habe sie niemals in jenen süßen Jahren als eine Last empfunden, wenn auch schon damals sicherlich die Sehnsucht, die im Schatten von Stadtmauern keimt, mein kleines unendliches Herz zu überranken begonnen hat. Daß meine Mutter die Sehnsucht nach dem Grün, nach einem »einzigen Baum« schmerzlich in sich trug, daß ihr auf ihrem »Stufen« am Fenster, wenn ich ihr zu Füßen saß und sie mir während ihrer Arbeit auswendig meine Märchenbücher »vorlas«, die heiße Enge vom weißen Pflaster her augenblendend durch den Vorhang in die Seele sich senkte, das hab ich ihr erst viel später nachempfunden. Aber wir hatten's ja trotz alledem gut: wir hatten Großmutters kleinen Garten, zu dem die Wanderung alle Tage unternommen ward, ich erst im Wagen geschoben, dann an der Hand, da schon die Schwester meinen Platz hinterm blauen Vorhang eingenommen hatte, endlich aufmerksam voraus, meine blau und gelb beklebten Wurfreifen überm Kreuzstock an der Schulter. Und bald kam die »Villa« hinzu. Tante Lauras Sommersitz in der Schreibwaldstraße, weit draußen über Alt-Brünn hinaus, unterhalb des roten Berges, im gesegneten Obstgebiet, wo von der Melone bis zur Walderdbeere, von der Ananas bis zum »Ribisel«, der Johannisbeere, alle Früchte in Fülle reiften.

Von der Ferdinandsgasse aber hätte ich noch vieles zu berichten. Vom »Tor«, dem Bilder- und Bücherstand unter dem uralten Haustorgang, wo ein an einer eingestemmten Krücke humpelnder schwarzbärtiger Italiener sich als den allmächtigen Herrn der Wunderwelt erwies; früh, wenn es zur Schule ging, ward an Stricken mit Wäscheklammern der Bilderbogenreichtum ausgehängt, breit die Planken des Tores überschwemmend, die Unterwand des Hauses ganz verhüllend, brennender Lust zur flüchtigen Weide, die erst auf dem Heimweg geruhsam anging, da man denn auch allgemach eintrat unter dem hallenden Bogen in die düstere Tiefe, an dem langen Tisch hinab, auf dem Indianer- und Kriminalgeschichten, minder anziehende Heiligenölfarbendrucke und, in Stößen gestapelt, mit schmalen Farbrücken, die wundersamen Theaterbüchel lagen, die man anblätterte. Vom Schuster, in dessen winzigen Laden man auf Stufen hinter der scheppernden Glastüre hinabpolterte, dem Schuster, der die unentbehrlichen Schaftstiefel verfertigte, in die man ohne Federweiß nicht hineingelangte und an die im Hause mit dem roten Dache Stixl, »Herrn Schmals« schwarzer Rattler, immer wütend anfuhr. Vom Pfeifenschnitzer und Drechsler, vom nie betretenen Laden des schweigsamen Mannes, der sein Schaufenster mit unzähligen Kettlein und Münzen, Figürchen und Gefäßlein bestellte. Von der Marktecke, wo die Riesenbünde der roten und der weißen Rettiche, die ungeheuren Schwingen voll Stachelbeeren, Himbeeren, Kirschen, die Körbe voll Bauernblumen sich drängten; im erhabenen Hintergrunde rann der weinumrankte Herkulesbrunnen. Von den drei Buch- und den zwei Papierhandlungen des Schulwegs: o ihr Papierhandlungen mit eurer Pracht von prangenden vornehm langen Bleistiften und bauchigen bunten Federstielen, grauen Wischern, Zirkeln und Linealen, glänzenden Reißnägeln und dicken Radiergummis, wie liebte ich euch in nie verlöschender Dankbarkeit! Und ihr Buchhandlungen mit der vornehmen Kühle eurer in schüchterner Ehrerbietung betretenen Räume: welches Ereignis war mir so ein wählerischer Besuch, das Hinantreten an den bücherbestellten Kauftisch, die Verhandlung mit dem unter diesen Schätzen heimischen Gehilfen, gar mit dem Inhaber selbst, wenn er sich etwa herbeiließ, die Leiter zu besteigen, um unter längst festgestelltem Vorrat nach dem gewünschten Werk zu forschen! Und der Geruch eines so aus den andern unerreichbaren erlangten Bandes, die eigentümliche Art, wie er vor der endgültigen Ausfolgung mit einem festen Zugriff durch rasches Randabklimpern gleichsam in seinem Dasein bestätigt, alsbald auch mit Überlegenheit gegen die Pultfläche abgeklopft und mit unnachahmlicher Geschicklichkeit eingeschlagen, an den Leib gestemmt, verpackt und verschnürt wurde!

Und wie schön war die Stadt im Winter, da sie voll Schnee lag, festem, krachendem Schnee, nicht solchem wässerigen Quatsch, wie er heut in der Großstadt einem um die Füße schlampt, gediegenem Schnee, der alle Dächer behäufte, die Dachluken gemütlich machte und manchmal polternd über die Rinnen herabfiel, Schnee, zwischen dem es Schleifrutschen gab, die blau spiegelten vor Glätte, Schnee, den man dicht ballen konnte, ohne daß die dicken Handschuhe sich durchnäßten, Kindheitsschnee, wohlwollendem, der Anfang November heiter kam und Ende Februar ging und bescheiden dem Frühling Platz machte mit Veilchen an allen Kreuzwegen. Und die Winterstadt vom Fenster aus, und erst hinten, im Kinderzimmer nach dem engen Hof hinaus aufs Schneedach der Stapelräume hin der behagliche Blick die wunderbare Zeit hindurch, die Weihnachten umrahmt! Da stand der riesige blaugetupfte Kachelofen, auf dessen ummauerter Röhre die Bratäpfel brodelten, ihm gegenüber zwischen den Gitterbetten das schwarze Ledersofa unter der breitgeschweiften Wanduhr und in der Mitte unter der Hängelampe, die schon morgens so heimlich überm Frühstück leuchtete und dann den herrlich langen Abend beschien, der runde mächtige Tisch (an dem ich neben meinen Kindern, während die Blätter des griechischen Lexikons vertraut rauschen, mit einem Herzen voll süßem Weh dies niederschreibe, die Brille vor den blauen Augen von einst). An diesem Tisch, dessen vier Beine sich stämmig ausbuchten, hab ich die feinen farbigen Märchenbilderchen, die Blumen und Wappen in mein Sammelbuch geklebt, habe die »Wünsche« zu den Festtagen der vielen Onkel und Tanten auf spitzenrandige, mit buntgetönten Titelköpfen gezierte Bogen, den »Faulenzer« untergeschoben, sauber abgeschrieben, eh und bis ich sie selbst erdichtete, habe Holzkästchen, Porzellanschalen, Briefkarten bemalt, Tausendundeine Nacht verschlungen, die geliebten blauen »Theken« mit den Schulaufgaben angefüllt; auf diesem Tisch hat der heilige Nikolaus alljährlich am fünften Dezember Lebzelt und Marzipan, Nüsse, Feigen und Orangen ausgebreitet, nicht ohne Märchenbücher und Zinnsoldaten, Schulgerät und Malkästchen, Handschuhe und Taschentücher darunter zu zerstreuen; dieser Tisch hat, mit einem Stuhl darauf und einem Tuch darüber, Schloß und Gasthaus vorgestellt in den Theateraufführungen, zu denen zwar stets Sesselreihen gerüstet und vielverheißende Zettel angefertigt wurden, die Zuschauer jedoch aus Mangel an Mitwirkenden von der Einbildungskraft des alle Rollen bestreitenden Spielleiters hinzugeschaffen werden mußten.

Kinderzimmer, Reich der Mitte von Lust und Leid, in dir war viel Krankheit und mancherlei vom Gefährdeten unerahnte Gefahr zu überstehen, Fieberwirrträume haben deine ehrlichen Wände mit grausigen Schatten heimgesucht und hinwiederum selig schlaff hindämmerndes Gesunden dich in wärmelnder Rieselwonne mit jedem Stück Wandmuster teilnehmen lassen an der wiedererwachenden Spielzeugsehnsucht, die stärker und stärker heranwuchs, bis endlich das Bettbrett querüber vor dem an Polstern Aufgerichteten lag und eine um die andere Lieblingsschachtel herankommen durfte. Wie schön war es, im Bett ans Fenster geschoben zu werden, wo alles das, was seither wie hinter dichten Schleiern weitergelebt hatte, kräftiger wieder ins Feld der teilnehmenden Sinne drang, die eiligen Schritte der die Holztreppe emporstürmenden Ladengehilfen und das schwere Stampfen des Stößels im großen Mörser unten im engen Hofe. Hin und her aber hüpfte, als wäre einem selbst nicht ein ganzes langes Tausendundeine Nacht- Märchen durch Leib und Seele hindurchgegangen, so zwar, daß man auch merklich gewachsen war in der langen, langen Zeit, der Kanarienvogel in seinem Hängebauer an der tiefen Pfeilerwand und pickte an seinem eingeklemmten Zuckerstück und zwitscherte.

Zu Großmutters Garten, dem Zufluchtsort der großen und kleinen Stadtgefangenen, ist wahrheitsgemäß noch nachzutragen, daß er Großmutter gar nicht gehört hat, die in ihrer stolzen Bedürfnislosigkeit überhaupt wenig ihr eigen nannte, sondern Onkel Christian, der, ein wohlhabender Mann, das Haus mit dem roten Dach samt dem dampfbetriebenen Werk darin als Familienstätte errichtet hatte und mit Tante Lotte, der vornehmsten von Großmutters Schwestern, beherrschte. Der kleine Garten war in drei Stammplätze gegliedert für die drei Haushalte, die seiner als Insassen der drei Stockwerke genossen. Aber was verschlug mir diese Einteilung! Ich war auf jedem Stammraum daheim, nur Grade des empfundenen Abstandes gaben den Takt an ... Ihr meine lieben Toten alle, wo seid ihr hingeschwunden, Lebendigste? Wie war das Haus erfüllt von schwirrendem Hin und Her und Auf und Ab freundlichster Gestalten! Und alle, alle sind sie zerstoben, verwandert, gestorben, verdorben. Aber unvergessen alle, Herren und Diener: in meinen Träumen sind sie alle da, ich hör ihre Stimmen, lehn an ihren Knien, blick in ihre Augen, drück ihre guten Hände. Da waren also Onkel Christian und Tante Lotte im ersten Stock, reiche Leute, deren Tisch stets dieselben Lieblingsgerichte aufwies, im Wandschränkchen stets roten Wein und alle Würste Deutschlands, im schwarzgelackten Schubladenkasten die Schätze Karlsbads und Marienbads, Goldfische im Becken und Hirschgeweihe an den Wänden. Die Kinderlosen hatten die zwei blonden Töchter der verstorbenen Tante Henriette ins Haus genommen, Jetti und Laura, und zu ihnen gehörten ihre Freundinnen Mitzi und Mintschi, tägliche Gäste, ständige Gefährtinnen auch des verhätschelten Richard; dann Onkel Anton und Tante Minna im zweiten Stock mit ihren drei Kindern, Ludwig, Anton und Minna; endlich im Erdgeschoß Großmutter mit der damals noch daheim weilenden Tante Laura, die aber Onkel Karl geheiratet und ein großes schönes Haus bezogen hat, das einen Söller – man sagte Balkon – und im gepflasterten Hofe sogar ein Stallgebäude besaß. Endlich nicht zu vergessen das niedrige Häuschen zwischen Hof und Garten, in dem sich neben der gemeinsamen Waschküche die Hausmeisterwohnung befand, bestehend aus einem einzigen, einfenstrigen Raum, dem säuerlich duftenden Reiche »Pantatos«. Über dem Häuschen ragte die Hofwand auf, und in ihrer Mitte stand der bemooste Steinbrunnen, den eine alle paar Jahre einmal mit einer phantastischen Landschaft neu ausgemalte Nische rahmte. Im Garten träumt noch immer – ich weiß es, aber es ist lange her, seit ich traurig zum letzten Male dort in herbstlicher Sonne gestanden habe – das »Lusthaus«. Ihm und dem uralten Ahornbaum, seinem Nachbar, gegenüber breitete sich eine bis hoch hinauf mit wildem Wein bewachsene Wand. In diesem kleinen Garten – Rosenstöcke standen am Rasenrand, ein Efeugewinde schlang sich um eine große Tonvase – hielt die Zeit den Atem an ... In diesem kleinen Garten – neben einer schrägen steinernen Rampe führten hinter einer Gittertüre zehn Stufen in ihn vom Hof hinab – war das Kind stundenlang sich selbst überlassen. Man wußte, ich würde weder in den Brunnen fallen, mochte ich mich auch auf den Knien über seinen Rand neigen, noch über die Mauer klettern: ich war kein wildes, sondern ein träumerisches Kind. Ich konnte hinter den Tannenbäumen an der weißgetünchten Wand gebückt hinschleichen und durch die schwankenden Zweige als in eine andere Welt in den sonnenerfüllten Mittelraum blicken, ich konnte auf dem Boden vor einem Sandhaufen kauern und Stück für Stück das wunderbare Katzengold mit dem Fingernagel zerblättern oder einem Käfer zuschauen, der seinen Weg lief, oder einer Hummel, die sich dumpfsurrend in einen Blütenkelch drängte. Ich liebte die Blumen um ihrer Farben, ihrer Gestalten, um ihrer Düfte willen. Ich liebte die Kirschen, weil sie rund und rot waren und glänzten; das Essen war wohl selbstverständlich, aber keineswegs die Hauptsache.

Und ich liebte vor allem die Traumwelt, die ich mir selbst erschuf und in der das alles, was wirklich war, aber eben darum unbegreiflich, mitspielte auf meine Weise.

Eines Tages schrie der Pfau jenseits der Nachbarsmauer sehr schrill und häßlich. Und man rief mich hinauf ins erste Stockwerk, wo mitten im »Salon« ein Sarg stand. Tante Lotte lag darin, die noch vor kurzer Zeit, mühsam wie schon längst, in den Garten gehumpelt war auf ihren Stammsitz unter dem alten Ahornbaum. Das Zimmer roch überschwenglich nach Rosen ... Schon zweimal war im Hause mit dem roten Dach der Tod eingekehrt, aber ich hatte nur, und zwar erst beim zweiten Male, seine Wirkung auf Tante Minna, die Tochter der damals Hinweggenommenen, peinlich erlebt, die weinend von einem zum andern lief ... Diesmal stand ich zum erstenmal an einem Sarge, sah den ersten meiner lieben Toten ... Liegt seither der erste Wolkenschleier überm Maiental meiner Kindheit?

 

Lotte

Ich muß den blassen Schatten endlich bannen. Vielleicht, daß er, hat er sich erst einmal mit dem Blute der Erinnerung erfüllt, beruhigt, als Gestalt, abläßt von mir, nicht mehr an mir zehrt, ein quälender Vorwurf.

Meine Schwester hieß Lotte. Nach der Schwester unserer Großmutter, ihrer Patin. Und Lotte wiederum heißt meine Tochter, die jene aus der Taufe hob. Auf den 4. November, nach Allerseelen, fällt der ihnen gemeinsame Namenstag. Am Allerseelentag, noch jung, ist meine Schwester gestorben. An ihrem Namenstag hat ihr Leichnam die Reise in die Heimat angetreten, begleitet von der einzigen Freundin, die uns beiden aus der Kindheit treugeblieben war. Meine Tochter war sieben Jahre alt, da dies geschah. Am Morgen des 4. November – könnte ich das je vergessen? – brachte die Magd, die der Toten an meiner Statt die Augen geschlossen hatte, meiner kleinen Lotte zwei Blumenstöcke. Sie tat's nach dem Auftrag der Sterbenden, die wußte, daß es mit ihr zu Ende ginge. So kamen als letzter Gruß der Sorglichen die Blumen von der Toten zum Feste ihres Patenkindes. Ich empfand ihn mit einem Weh, das heiß und bitter in mir wühlte. Ich hatte es versäumt, die Schwester sterben zu sehen. Warum das so gekommen ist, so hat kommen müssen, ist der Inhalt dieser kleinen Geschichte.

Wir waren als einzige Geschwister unter den zärtlichen Augen unerschöpflicher Liebe, den Augen einer Mutter aufgewachsen, der wir Inhalt und Aufgabe, Glück und Sinn ihres Lebens bedeuteten. Wir vergalten ihr die große Liebe mit kindlichem Vertrauen, freundlichem Gehorsam, herzlicher Anhänglichkeit. Sie pflegte uns in den vielen Krankheiten der ersten Kinderjahre; oft hat sie, mutig und hoffnungsstark, das noch gesunde zu dem bereits erkrankten Kinde gelegt, da sie von keinem sich trennen, uns nicht trennen mochte. Lotte, von Geburt an schwächlich und klein, hatte gleich mir alle Gefahren glücklich überstanden und gedieh. Sie sah zu mir bewundernd auf. Sie folgte meinem Beispiel, war mein bester Spielgenosse, nahm's mit jedem Knaben auf. Da es ans Lernen ging, spornte sie mein Eifer an. Jede Arbeit fiel ihr leicht. Geschicklichkeit und Emsigkeit brachten ihre muntere und anspruchslose Natur überall zur Geltung. Ihr stiller Ehrgeiz beobachtete, seiner selbst kaum bewußt, meine üppiger, aber auch wüster wuchernden Gaben. Dankbar, gelehrig, nahm sie, was ich ihr bot. Ich war ein phantasie- und temperamentvoller, bei aller Leidenschaftlichkeit träumerischer und schwermütiger, ja schwerfälliger Knabe, arglos und dennoch empfindlich, stolz und schamhaft, offenherzig und scheu. Sie war klar, rein, ruhig, stetig. So verging die Kinderzeit. Ich trat als Student ins Leben, kam aus dem Hause, aus der Stadt. Sie blieb als mein Statthalter, mein Erbe zurück, wahrte meine Satzung, hütete mein Denkmal. Als ein liebliches Kind hatte ich sie verlassen, als ein erwachsenes Mädchen fand ich sie wieder. Viele Männer drängten sich an sie, bewarben sich um ihre Hand. Ich vernahm nur undeutlichen Widerhall dieser für sie entscheidenden Jahre. Ich lebte meinen Zielen, meinen Neigungen, meiner wechselvollen Bestimmung, immer wieder enttäuscht, nie verzagend, aber selten froh. Ich hatte einen Beruf gewählt, der nicht meiner Berufung entsprach, pflegte eine Geselligkeit, die meiner Eitelkeit anstand. Ich zog die Schwester nach, soweit es der Widerstand zuließ, den die Eltern, zumal der Vater, solchem Beginnen entgegensetzten. Ein Jüngling ist ungebunden, das Mädchen (wenigstens war es so zu jener Zeit) hat den Gepflogenheiten des Hauses sich zu fügen. Aber wenn es mir nicht gelang, die Schwester in Kreisen festzustellen, die ich mir erobert hatte, so hatte ich sie innerlich doch denen entfremdet, auf die sie sich angewiesen sah. Diese Krise der Bürgerlichkeit, da ein Bedürfnis geweckt, aber nicht befriedigt worden war, ward ihrem Wesen gefährlich. Ich, raschlebig und meinem eigenen Gebaren überlegen, verwand, was mich auf die Dauer hätte versehren müssen. Sie jedoch, in der Blüte ihrer Unbefangenheit angestochen, bestätigte sich in einer Haltung, die sie fälschte. Ich hatte jung geheiratet, war der Heimat abhanden gekommen. Sie, der ein Herzenswunsch fehlgeschlagen hatte, ließ sich von einer Zuneigung betören, die, in Leidenschaft um ihren Besitz ringend, ihr, trotz allen Einwendungen besserer Einsicht, schmeichelte, da sie ihr verhieß, was sie erstrebt hatte, den Aufstieg in die Oberschicht. Ich selbst, gesteh ich's nur, ließ mich durch diese Aussicht für sie, mit ihr betören. Die Ehe ging nach kurzen aufgeregten Jahren in Brüche. Der Gatte hatte sich als unwürdig erwiesen. Gescheitert kehrte Lotte in das stille Haus der Mutter zurück. Bitterkeit sammelte sich auf dem Grund ihrer stolzen Seele. Die einst so innige Beziehung zwischen den zwei Frauen war durch fressenden Unmut versehrt. Und zwischen mir und ihr, die einst wie mein Schatten mir gefolgt war, stand ihr verfehltes, stand mein Leben, das mir, auf klarer Bahn, geglückt war. Nicht daß unser Verhältnis etwa durch Mißgunst gelitten hätte. Im Gegenteil: alles, was sie selbst sich versagt sah, gönnte sie mir. Aber ich brauchte sie nicht mehr ... Und da ihr Kind sie nicht erschöpfte, die Umstände sie drückten, die Verpflichtung, die sie sich bei aller Schonung wieder auferlegt sah, ihrem Selbstgefühl widerstrebte, vereinsamte sie, verwehrte sich Erreichbares, weil ihr nichts mehr genügte. Nach dem Tod unserer Mutter ließ sie sich von mir bestimmen, in meine Nähe zu übersiedeln. Aber der Anschluß, den sie sich davon hatte versprechen dürfen, ermangelte der Selbstverständlichkeit. Schon da die Mutter noch lebte, hatten wir bei gelegentlichem längeren Beisammensein wechselseitigen Unwillen gegeneinander kaum mehr bekämpft. Es war zu Auseinandersetzungen gekommen, die manchmal in eine richtige Fehde ausarteten. Warum? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß mir an ihr das vor allem mehr und mehr mißfiel, was ich an mir selbst in der Zucht befriedeter und befriedigter Häuslichkeit bis auf geringe Spuren vernichtet hatte: eine nicht durchaus sich darlebende, eine sich selbst irgendwie zur Darstellung bringende Natur. Ich meinte, sie, die noch immer allen gefiel, die jeder pries, zu durchschauen; ich sah, was sie nicht zugeben mochte, wohl auch kaum mehr konnte, die Mittel, die unverfänglichen, mir aber peinlichen Mittel eines Menschen, der, so sagte es mir ein mühsam nur gebändigter Groll, etwas spielte, andern, ja sich selbst etwas vorspielte. Daß dieses Spiel, wenn es als ein Spiel hat gelten dürfen, ihre Art war, sich gegen das Leben zu wehren, wollte ich ihr, grausam in meiner Sicherheit, nicht einräumen.

Sie erkrankte an einer unheilbaren Krankheit, sie siechte dahin, sie starb. Ich habe sie während dieser schrecklichen Monate regelmäßig besucht. Aber ich empfand es als Pflicht, es war mir nicht Bedürfnis. Und da ich erfuhr, daß es zu Ende ginge, zögerte ich, feig und schlecht, denn es war etwas wie Trotz in diesem Zögern, zu ihr zu gehen. Ich hätte eilen müssen, ich verweilte ... Und kam zu spät ... Nun war es zu spät für alle die Liebe, die aus mir hervorbrach, die rissigen Mauern dieses Verhältnisses blühend verkleidete. Ich saß an ihrem Totenbett. Schön und ruhig lag sie da. In Frieden. In mir aber war die Qual der Reue und des Vorwurfs.

 

Die Klötzel

Eine unbedeutende Geschichte

Ich weiß es nicht mehr, war ein Baum gefällt worden oder stammten die zwei Aststücke nur aus einer sonst üblichen Holzlieferung: jedenfalls hatten wir Kinder, ich und die jüngere Schwester, eines Tages im Herbst jedes ein »Klötzel« erbeutet und alsbald zum Lieblingsspielzeug befördert. Meines, als des im Zugriff Bevorzugten, war dick und behäbig, das andere, das der dem Bruder nacheifernden, von ihm unzertrennlichen kleinen Lotte zugefallen war, wies eine länglich-schlanke Bildung auf. Sie rochen herrlich, und ihre sauberen Schnittflächen fühlten sich glatt und frisch an. Wir trugen sie gern im Arm, ließen sie im übrigen nicht aus den Augen, und daß sie bei uns neben dem Kopfpolster die Nacht durchschliefen, verstand sich von selbst.

Das war und blieb so wochenlang; einmal aber, als wir, wohl nach der Heimkehr von einem Spaziergang, in der Dämmerung die geliebten »Klötzel« in der ihnen angewiesenen Ecke suchten, waren sie zu unserer Bestürzung verschwunden, und alles weitere Forschen erwies sich als vergeblich. Das Haus geriet in Unruhe, es wurde ein Verhör des Gesindes angestellt, und endlich bekannte trotzig die schwarze Marie, ein mürrisches, unwilliges Wesen, sie habe mit den beiden Stücken eingeheizt.

Wir standen sprachlos: der Eindruck der Übeltat auf das schmerzbewegte Herz der ihrer gehüteten Genossen so grausam beraubten Kinder war erschütternd. Warum war ihnen solches Leid angetan worden? Ob wir damals das ungeheuerliche Ereignis in diese entscheidende Frage, die Frage an das Rätsel menschlicher Bosheit, zusammengedrängt haben, weiß ich nicht. Das aber weiß ich, daß ich den Vorfall heute noch lebendig in der Seele bewahre. Er ist nicht untergegangen mit den tausend größeren Verlusten, die ich seitdem erlitten und verschmerzt habe.

Und er hat mir auch die freilich etwas verschleierte Vorstellung der schwarzen Marie bewahrt, die damals, eine Magd, deren Herkunft und Schicksal niemand nachfragte, ein junges unwirsches Ding gewesen sein mag und jetzt, wenn sie noch irgendwo in der Welt lebt, ein steinaltes gebücktes, sorgengefurchtes Urgroßmütterlein sein müßte.

Ob sie, wie ich heut, am knisternden Ofen ihrer gedenkend, im flackernden Feuer die gemordeten »Klötzel« erblickt?

 

Dick

Als ich, ein sechsjähriger Knabe, die Volksschule zu besuchen begonnen hatte, lernte ich den ersten großen Schmerz kennen: Einer meiner Genossen, ein sehniger magerer Junge mit herausfordernd scharfen, unkindlichen Zügen, rief mir eines Tages, da wir, zum Kirchgang gereiht, des Lehrers harrten, ein grobes Spottwort zu, dem Gelächter folgte. Unglücklich kam ich nach Hause. Mit Tränen warf ich mich an Mamas Hals und fragte schluchzend: »Mama, bin ich dick?«

Was wollte der liebevolle Trost der Gerührten, was ihre gütig-entrüstete Ablehnung jenes rohen Vorwurfs bedeuten gegenüber der Tatsache eines mit Grausamkeit festgestellten Gegensatzes! Der Knabe, der mich also gekennzeichnet hatte, war anders als ich, und ich empfand sein Anderssein als einen Vorzug, mich aber fühlte ich gedemütigt. Von nun an war ich und blieb ich mir dick. Es war ein Zustand, aus dem zu entrinnen mir unmöglich schien. Der große Schmerz saß in meinem kleinen Herzen und fraß sich dort fest.

Wenn ich heute die von Mama sorgfältig aufbewahrten und auf mich vererbten Bilder aus jener Zeit betrachte, die bald mich allein, bald mich mit meiner jüngeren Schwester, bald uns beide mit der geliebten Hüterin meiner seligen Kindheit darstellen, sehe ich einen stämmigen Buben mit vollen Gliedmaßen und einem runden hübschen Gesicht, das nachdenklich aus hellen Augen in die Welt blickt. Es ist kein Zweifel, daß dieser wohlgenährte kleine Kerl in seinen blanken hohen Schaftstiefeln nichts mit den mageren, gelben Kindern gemein hat, die ihm damals das unerreichbare Vorbild richtiger Knaben dünkten. Das gesunde blühende Fleisch seiner nicht ungefälligen Körperlichkeit ist nicht hinwegzuleugnen. Ich habe es jahrelang als herbes Schicksal getragen. Und tief hat mich ein Zerrbild verletzt, das einmal in der gemeinsamen Stenographiestunde ein hochaufgeschossener Gefährte aus einem höheren Jahrgang von mir verfertigte. Ich war wehrlos gegen solchen Spott, da er ja eigenem Selbstvorwurf begegnete!

Mit dem Eintritt in die Mannbarkeit verschwand zwar auf Nimmerwiedersehen die kindliche Fülle, der in Schwimmen und Schlittschuhlaufen geübte Leib hatte sich gestreckt, und mit siebzehn Jahren schon war er zu der ansehnlichen Länge gediehen, die ihn seither auszeichnete.

Aber jenes schmerzliche Erlebnis der eigenen Minderwertigkeit hatte das unbefangene Körpergefühl ein für allemal gestört. Wenn ich als Jüngling und als Mann andere auf ihre Gestalt betrachtete, geschah's stets vergleichsweise, und im Laufe der langen Zeit bin ich mir unterweilen, wenn mein nach wie vor zu frischgefärbter Fülle neigendes Gesicht sich einem mit straff über die Knochen gespannter bleicher Haut gegenüber befand, gar wenn mein mitunter zunehmendes Gewicht mir eine Steigerung meines Umfangs bekunden wollte, geradezu dick vorgekommen. Fechten und Reiten, Tennisspielen, Radfahren und die jahrelang mit Leidenschaft betriebene Pürsch hätten eine etwa vorhandene Anlage zum Fettwerden auf die Dauer wohl kaum völlig zu bändigen vermocht: Dicksein ist Schicksal, und selbst das Essen hat im allgemeinen darauf nicht den bestimmenden Einfluß, den ihm die Sklaven ihrer Schlankheit gemeiniglich zuschreiben. Ich meinerseits bin schlank geblieben, ja allgemach sogar überaus mager geworden. Aber die vergängliche Erfahrung, die das Kind an seiner vorgeblichen Dicke gemacht hatte, war dem reifenden Menschen eine bedeutsame Lehre gewesen. Er hat die Höflichkeit des Herzens daraus gewonnen, die Takt heißt. Sie hat ihm stets verboten, einen andern, zumal einen der unglückseligen Dicken – denn die Magern hören es ja meistens gern, daß sie's sind – um seiner Körperlichkeit willen durch irgendeine anzügliche Bemerkung zu kränken, im Gegenteil, er hat bei den verfänglichen Fragen der sozusagen ertappten Fetten zu den kühnsten Lügen gegriffen, um ihnen auf eine, ach so flüchtige Weile eine kleine, die große Freude befriedigter Eitelkeit zu bereiten. Denn man ist doch fast immer auf Vorzüge eitel, von denen man selbst in der Stille des Gewissens keineswegs überzeugt ist.

 

Mein erster »Schilling«

Ich weiß nicht, ob man noch da und dort eine Erinnerung daran bewahrt hat, was wir Älteren und Alten, als wir noch jung waren, unter einem »Schilling« verstanden. Damals, vor mehr als fünfzig Jahren, war Schilling eine vertraute Bezeichnung für das, was man auch »Wix« (Wichse) nannte, nämlich die dem ansonsten zum Sitzen verwendeten Körperteil als empfindliche Strafe aufgemessene Tracht Schläge. Diese rasch und heftig verabreichten Hiebe geschahen meist mit der flachen Hand und taten auch dem erzürnten Erzieher, der sie sich unter Umständen nicht versagen zu dürfen überzeugt war, wenn er es nicht darin etwa bereits zu verhärtender Übung gebracht hatte, weh (nicht nur »seelisch«). Ein »schlimmes«, das heißt zu bösen Streichen geneigtes, zumal aber im Gewissen verstocktes Kind, ein »Fratz«, mußte sich solcher Züchtigung immer wieder versehen. Ein »braves« empfing und empfand sie, die ihm in schwerwiegenden Ausnahmsfällen gerechterweise zuteil ward, als Schande mehr noch denn als Schmerz. Aber man war damals, in den »guten alten Zeiten« – Gott segne sie! – einigermaßen rasch bei der Hand.

Ich habe nur zweimal in meinem jungen Leben einen Schilling erhalten. Beide Male von meiner sonst so überaus gütigen, in aller ehrlichen Strenge nachsichtigen Mama, die als die wundermächtige Fee meiner Kindheit, als der hilfreiche Schutzengel meiner Knabenjahre, als der verständnisinnige Beistand meines Jünglings- und Mannesalters mir im dankbaren Gedächtnis lebt. Das zweite und letzte Mal, da ich, mehr neugierig und unbesonnen als boshaft und habgierig, im »Zauberschlössel« der »Villa« (in der Brünner Schreibwaldstraße) mit einer Stange im Dachgebälke des Lusthauses stochernd ein Vogelnest zerstört hatte, dessen Inhalt, wenige Eier, klatschend auf den Bretterboden der umlaufenden »Veranda« niedergefallen waren. Mama muß durch – günstigen – Zufall dazu gekommen sein. Denn das »Zauberschlössel« war mein meist einsamer Spielplatz. Sie überraschte mich in meiner fürwitzig-verderblichen Beschäftigung und versetzte mir alsbald, was mir gebührte. Ich hielt, bezeichnenderweise für den unermüdlichen Leser, ein Buch in der Linken, das ich nicht mehr wegzulegen imstand oder gewillt war: es entrutschte mir während der behenden Züchtigung und zerriß an einer Stelle, der Erzählung mit dem Titel: »Ein Mann – ein Wort« ... Das treffliche Buch aber hieß »Gute Kinder, brave Menschen«. Und ich hatte in dem Augenblick, da ich, vielleicht mit heftigerem Bedauern als über die eigene die Beschädigung des geliebten Begleiters feststellte, der schon versöhnten Mutter zerknirscht das Versprechen gegeben, »nie mehr« dergleichen Schändlichkeit zu verüben. »Ein Mann – ein Wort«: es hat auf immer gehaftet.

Das erstemal aber, da mir die beste aller Mütter so handgreiflich ihren Zorn an den Leib und zu Gemüte brachte, war ich nur betroffen, buchstäblich aus dem Himmel gefallen. Obwohl ich nicht sagen kann, daß ich in ahnungsloser Unschuld von der Rächerin überfallen worden war. Ich hatte nach der Schule zwei, drei meiner Kameraden in ihre Behausung begleitet und sie von dem zugehörigen und anwesenden Elternteil zum Spielbesuch bei mir ausgebeten. Wir vollführten, als entschlossene Schar in unsere Wohnung eingedrungen, einen wahren Heidenlärm, ich, mit Lungenkraft und Temperament vor den andern ausgezeichnet, als selbstbewußter Gastgeber alle überschreiend. Nun aber war damals gerade – ein seltener Ausnahmsfall – mein Vater krankheitshalber bettlägerig. Ob ich das Ereignis vergessen oder nicht beachtet hatte, weiß ich nicht. Mitten im tollen Jubel tauchte Mama auf, winkte mich abseits, war mir vielmehr an abgelegenen Ort nachgegangen und flüsterte mir zu: »Na, wart nur, du schlimmer Bub! Du wirst schaun!« (oder so ähnlich). Das war ärger, als was in Verwirklichung der Drohung am Abend erfolgte. Denn die Freude war mir jäh vergällt worden, und ich hatte, in Angst und Unmut, noch lange genug den heitern Schein zu wahren. Endlich verzogen sich die unerlaubten, ja lügnerischerweise – ganz gegen meine artige Gewohnheit – eingeschmuggelten Besucher. Und nun geschah, im düstern »Salon«, vor dem hohen Standspiegel, was ich mir, als bisher unerlebt, nicht hatte vorstellen können. Uber Mamas Knien erhielt ich meinen und Mamas ersten »Schilling«. Ich war sechs Jahre alt; heute bin ich sechzig, und noch spür ich ihn.

 

Lederstrumpf

Eine Kindererinnerung

Kein Kind kann mehr Tanten besessen haben als ich. Es gab ihrer alte und junge, und die Grenze war mit grausamer Selbstverständlichkeit scharf gezogen. Wenn ich mir's heute zu Bewußtsein bringe, sind die alten Tanten gar nicht alt gewesen, nur älter als die jungen. Freilich kleideten sich in meiner Kinderzeit ältere Frauen bereits wie älteste, wie denn überhaupt die Frauentracht der siebziger Jahre nichts weniger als kleidsam gewesen ist, plump und bauschig, breit und nüchtern. Die alten Tanten trugen alle schmale kleine schwarze Spitzenhäubchen über schlichtgescheiteltem Haar, und ihre emsigen Hände sehe ich stets mit irgendeiner feinen oder gröbern Arbeit beschäftigt. Aus den weiten Taschen ihrer vielfältigen Röcke holten sie meist Brillen, die in schwarzen pappenen Behältern staken, hervor, und ihre freundlichen hellen Augen blickten mich durch die blanken Gläser mütterlich an. Alle diese alten Tanten sind nicht eben alt geworden, sondern vor der Zeit gestorben. Und während meine ersten Kinderjahre beglänzt sind von den Hochzeitsfesten der jungen, schatten durch die letzten, hart an der Grenze, da die Wissenschaften der Mittelschule mich in ihren Bann zogen, lauter Leichenwagen.

Es war an einem Septemberabend des Jahres 1884 – ich zählte zehn Jahre –, als wir wieder einmal von so einer düstern Fahrt zu dem vertrauten kleinen Friedhof in das liebe Haus mit dem roten Dach zurückgekehrt waren. Eine der allerbesten Tanten, die es jemals gegeben hat, war begraben worden, und wir saßen in einsilbigen Gesprächen um den runden Tisch einer andern guten Tante. Unter den durch gemeinsames Leid nur noch inniger verknüpften Genossen des gewohnten, abermals gelichteten Kreises befand sich ein junger Oheim, einer der Söhne der Verstorbenen, mir besonders nahe in seinem herzlichen Wesen durch die über den Altersunterschied herabgeneigte Kameradschaftlichkeit, die er mir von klein auf erwiesen hatte. Nach dem Abendessen war von Andenken die Rede, die nach altmodischer Sitte unter uns zu verteilen wären. Der und jener äußerte unbefangen seinen Wunsch nach irgendeinem Gegenstande, wobei das in aller Wehmut unverhohlene Vergnügen an dem gewärtigten Erwerb, wie mir jetzt deucht, so recht das unbeugsame Lebensgefühl derer bekundete, die trotz dem Tod eines andern jüngst noch unter ihnen Lebendigen mit dem Sterben nichts zu schaffen haben. Ich, von jenem jungen Oheim nach meinem Wunsche befragt, wagte einen, dessen überwältigender Inhalt mich geradezu mit einem Rausch bedrängte. Errötend brachte ich die Bitte um den »Lederstrumpf« hervor, ein Buch, dessen unausschöpfbare Herrlichkeit, seit ich es dem Bücherschrank der heute Bestatteten zum erstenmal entnommen hatte, mir den Gipfel meines alle Grenzen der Wirklichkeit überwindenden Leserglücks bedeutete. Nach einer kleinen Pause, während deren mein Herz glühend in meinem Halse schlug, sagte Onkel Toni mit einer an ihm mir ungewohnten Feierlichkeit, er werde mir zur Erinnerung an die Verewigte diesen Wunsch erfüllen. Und alsbald auch – denn es litt mich nicht mehr auf meinem Platze – stieg er mit mir die Treppe vom ersten Stockwerk hinab ins Erdgeschoß, wo die vereinsamte Wohnung seiner Mutter gelegen war, das Geschenk zu verwirklichen. Ich empfing aus seinen Händen in dem stillen Räume das geliebte, nun so eindrucksvoll geweihte Werk, eine mit feinen Stahlstichen gezierte deutsche Bearbeitung von Coopers »Lederstrumpferzählungen«. Niemals werde ich jenen Abend vergessen. Die Mischung von Alltäglichkeit mit Einmaligkeit, das Gewohnte seltsam verschattet von dem unausdenkbaren Ereignis des Todes, das an ein Begräbnis sich anschließende doppelt Heimliche unseres Zusammenrückens, die aus dem tiefsten Leid eines andern mir entstehende beseligende Freude: es sind Eindrücke, wie sie ein lebhaftes Kindergemüt nur mit den allerstärksten Wurzeln sich in sein Wesen hinabsenken lassen konnte. Es ist merkwürdig: blaß stehen manche der schönsten Stätten der Welt vor dem Auge meiner Seele, kaum erinnern kann ich mich an Ereignisse, die mir, da sie mir begegneten, wichtig, ja bestimmend geschienen haben, jener Herbstabend aber, da mir der Tod der alten Tante Minna, einem jungen Menschen neben mir der größte Schmerz, ein unersetzlicher Verlust, »Lederstrumpf« bescherte, bleibt ein Stück meiner Weltgeschichte, gleich mächtig als Erlebnis wie das von Alexander und Napoleon.

 

Meine Helden

Jedes Kind hat seine Heldenzeit, das heißt eine Zeit, da ihm Helden erscheinen, neidlos bewunderte Gestalten, die den Alltag himmelhoch überragen. Meine Helden waren Franz, der Sohn von Großmutters Köchin Hanni, die schon vor Erschaffung meiner Welt mit allen den andern selbstverständlichen Wesen und Dingen dagewesen war, Franz, der sich nur selten sehen ließ und immer erst aufgefordert werden mußte, vom blankgescheuerten Küchen»hockerl« aufzustehen und zu uns in die Zimmer zu kommen, wo Blumenstöcke und der Kanarienvogel, die »Schlummerrolle« auf dem Ledersofa und andere dahin gehörige Gegenstände sich befanden, Franz, der Sommersprossen hatte, was, da's niemand sonst hatte, eine Auszeichnung schien, Franz, der Bilderbogenhäuser richtig ausschneiden, zurechtbiegen, zusammenkleben und aufstellen konnte, also ein Zauberer war, Franz, der unter den Händen um die Knöchel rote gestrickte »Pulswärmer«, eine scheu betrachtete Merkwürdigkeit, zu tragen pflegte, auf denselben kurzen und knochigen Händen, mit schauerlich verkehrtem, blutangelaufenem Kopfe zu stehen und mit den Fingern ebenso wie mit der Zunge zu knacken und zu knallen imstande war, »Franzi«, der Abenteuerliche, Wunderbare, Unerreichte; sodann Tante Louise, die wie niemand »bei uns« einförmig durch die Nase sprach und so herrlich bleich war wie ein Bogen Papier, während ich und die andern »bei uns« rote Wangen besaßen; Tante Julie, von der ich einmal gehört hatte, daß sie sehr arm wäre, arm »wie eine Kirchenmaus«, was ich mit ihrem sonderbaren kittelförmigen grauen Kleid in Zusammenhang brachte, Tante Julie, die immer »Witze« machte, worüber alle lachten, da sie niemals »Witze machten«, aber gerne lachten, Tante Julie, die aus einer hölzernen Dose sogar bisweilen schwarz-braunes Pulver an die dicke Nase brachte und da hineinstopfte, wobei ein Teil verstreut ward; der Schuster, der einem zu Stiefeln Maß nahm, was angenehm kitzelte; Herr Schmal, der bei Onkel Christian ganz vorn in der »Kanzlei« seinen Sitz hatte, einen Hund, den ersten Hund in meinem Leben, und, wie niemand sonst, einen Hausschlüssel besaß; vor allem aber zwei uralte Leute, die ich näher beschreiben muß, weil ich sie nicht nur wie die andern und noch einige Helden minderer Ordnung bestaunte, sondern geliebt habe mit der ganzen Kraft meines kleinen, aber sehr starken Herzens.

Das Haus mit dem roten Dach, worin Großmutter wohnte, gehörte Onkel Christian und Tante Lotte, Großmutters Schwester. Das waren vornehme Leute, die Sonntags mit den Arbeitspferden spazieren fuhren und immer roten Wein, rote Rüben und Speisepulver auf dem Tische hatten. Onkel Christian machte alljährlich seine Badereise und ging jeden Abend in die Lesehalle. Als er siebzig Jahre alt geworden war, gab's dort ihm zu Ehren ein großes Fest, und ein Lied, das auf ihn gesungen ward, war sogar, mit roten Anfangsbuchstaben sehr schön auf dickes Papier gedruckt, an alle Bekannten verteilt worden. Auf niemand sonst in der ganzen Familie ist ein gedrucktes Lied gemacht worden. Onkel Christian war klein und rundlich, sein gutes Gesicht war rot, das schlichte Haar und der dicke Schnurrbart waren schneeweiß. Er trug Brillen. Aber die uralten Leute, die ich näher zu schildern nicht unterlassen kann, sind nicht der Herr des alten Hauses mit dem roten Dach und seine stets zärtlich hinter ihm hergrollende Frau, Tante Lotte, die Gicht hatte und in ihrem schwarzen Seidenkleid, immer hustend, durch die spiegelblank gebohnten Zimmer humpelte, sondern die Hinterhaus- und Hofbewohner, ein Mann, vielmehr ein greises Männlein, und ein Weib, gleichfalls aus Urgroßmuttertagen, aber strammer als der in sich gebückte schlottrige Alte. Sie hatten nichts miteinander zu tun; auch wohnte nur der »Herr Ahndl«, so hieß man ihn im ganzen Hause, in dem niedrigen Holzgebäude, das außer seinem einfenstrigen Gemach noch die Waschküche, das Bereich der »Löschin«, umfaßte.

Die »Löschin« haßte den »Herrn Ahndl« geradezu, aber sie haßte rasch und viel, und niemand nahm es tragisch, am wenigsten der »Herr Ahndl« selbst, der gutmütig wie ein zahnloser lendenlahmer Hund den Tag und das Leben durchzottelte. Immer in Bewegung, immer dienstgefällig, war er wie eine tickende Uhr, deren regelmäßigen Gang man überhört, aber aufblickt, wenn sie, abgelaufen, stehen bleibt. Auch der »Herr Ahndl« war manchmal abgelaufen, buchstäblich, und saß dann da, die schmierige Kappe zwischen den demütigen Knien, und wartete darauf, wieder aufgezogen, wieder in Gang gebracht zu werden. Er sprach nicht viel, murmelte aber, wenn er einen von den zahlreichen Herrenleuten erblickte, immer irgend etwas Unverständlich-Freundliches, ja Gerührtes und lächelte dazu mit einer Wärme, die sich wie Kachelwärme wohlig um ihn verbreitete. Das konnte die »Löschin« keineswegs. Lächeln war ihre Sache nicht, und ihre Freundlichkeit, denn auch sie war freundlich gegen jedermann, außer ihre Brotgeber, hatte im Gegensatze zu seiner innig-unterwürfigen etwas fast Feierliches. So war sie denn auch zu jedem Festtag, Namens- oder Geburtstag mit ihrem Glückwunsch zur Stelle. Zumal uns Kindern wußte sie stets auf das artigste aufzuwarten, und so verging kein irgendwie als Wendepunkt sich kennzeichnender Abschnitt des Jahres, ohne daß ihn »die Löschin« mit einem sinnigen Angebinde – die ersten Kirschen, Palmkätzchen zu Ostern, ein überkommenes Gebäck sonstwann – begangen hätte. Wir hielten dem stets etwas verschüchternden Auftritt stand, als handelte es sich um eine gebotene Pflicht höfischer Gepflogenheit, und atmeten erleichtert auf, wenn die Förmlichkeit sich abgewickelt hatte. Aber »die Löschin« war auch sonst ergiebig: Märchen und Sagen strömten ihr, zwar nicht rauschend, sondern gelassen, doch bannend in ihrem ruhigen Flusse, vom schmalen Mund, unter dem ein hartes Kinn sich ruckweise bewegte und eine faltige gelbe Haut den Hals hinab wie eine Fahne wallte.

»Die Löschin« war Großmutters Amme gewesen und, was vielleicht noch seltsamer klang als diese ehrfürchtig hingenommene Kunde, in ihrer Jugend ein schönes leidenschaftliches Mädchen. Daß noch die aufrechte Greisin Temperament und Phantasie besaß, das muß mir heute die urteilende Erinnerung bestätigen. Daß sie die Waschküche beherrschte und den dort beschäftigten Mägden des Hauses Erstaunliches und Ergötzliches erzählte, hab ich mir öfters sagen lassen. Der strenge Kopf, das spärliche Haar straff unter der fest geknüpften schwarzen rotgetupften Haube, die lebhaften Augen aus knochigem Gehäuse blitzend, steht unauslöschlich in meinem Gedächtnis. Aber auch der dagegen ärmlich und demütig sich senkende Graukopf des »Herrn Ahndl« ist mir unverlierbar. Und als ein heiliges Vermächtnis heg ich die ahnungsvolle Stunde, da ich einst den Alten in seiner Kammer an seinem schmalen niedrigen Eisenbett auf einem Schemel, ungewohnte Brillen tief auf der unscheinbaren Nase, hatte sitzen sehen, wie er in seiner schmutzig-abgegriffenen Bibel las. Ehrfürchtig, so schien mir's, saß die Katze ihm gegenüber, die wir sonst nur auf dem First der Hofmauer schleichen oder durch den Hof fliehen sehen durften.

Helden sterben nicht, Helden werden entrückt. Auch der »Herr Ahndl« und »die Löschin« waren dieses Schicksals der Auserwählten teilhaft: ich weiß nicht, wann, ja ich weiß überhaupt nicht, ob sie gestorben sind wie alle andern »bei uns«. Sie sind aus meinem Leben geschwunden, das sich von ihnen und dem alten Haus mit dem roten Dach allmählich entfernt hatte, aber sie sind unsterblich, wie es Helden gebührt.

 

Unterm Nußbaum

Jahr für Jahr Sonntags saßen wir »unterm Nußbaum«. Nur etwa eine, höchstens zwei Stunden lang, zwischen vier und sechs Uhr. Im breiten Schatten des prangenden Sommers. Das war »in der Villa«, im großen blumenreichen Vorgarten, nah am strauchverdeckten Gitter und dem Einfahrtstor. »Unterm Nußbaum« wurden die zwei, drei Sonntagsgäste erwartet, die sich, solang ich zurückdenke, zur »Jause« einfanden. Selten nur kam sonst noch jemand aus dem weitern Kreise der Verwandten. Für die war der Mittwoch bestimmt. Und einige wenige hatten sich allmählich den Samstag erlistet. Denn jedermann wollte zu den näherstehenden zählen. Wir allernächsten, Mama und die zwei Kinder, waren jeden Nachmittag da. Großmutter aber wohnte jahrüber bei Tante Laura, im Sommer also in der »Villa«.

Lotte und ich saßen zuweilen auch Sonntag vormittags unterm Nußbaum. Da war's feierlich still. Kaum daß je die Blätter des mächtigen Laubdachs über uns rauschten oder durch die dichten Büsche hinter und neben uns ein Hauch ging. Jenes Sommergefühl von damals, das ich beschwöre, ist so unvergleichlich in seiner andauernden Einmaligkeit und Heimlichkeit, seiner unwiederbringlichen und dennoch durchsichtigen Versunkenheit wie mein Erlebnis von Vineta. Aber haben nicht alle Jahreszeiten der Kindheit dieses süß und schmerzlich Geheimnisvolle unerreichbarer, dennoch unverrückter Gegenwart? Tauchen sie nicht alle, wenn die Einsamkeit in uns ihr unhörbares Geläute anhebt, aus dem Meer der Erscheinungen auf wie Vineta? Geisterhaft wirklich. Man kann nicht in sie hineingehen, obwohl sie still halten wie vertraute Tiere, die sich streicheln lassen.

Auch darin gleichen sie Vineta, daß wir wissen, was wir, da wir sie erlebten, damals, nicht empfanden: daß sie zu den Märchen gehören, den Geschichten, die anheben »Es war einmal ...« Denn nur dadurch unterscheiden sich die Märchen von den andern Geschichten, die nicht Märchen sind.

Unterm Nußbaum sitzen sie alle, die nicht mehr da sind. Und ich sitze unter ihnen. Seh ich mich selbst im Kreise der Toten, die dort wie damals, aber lautlos wie die Leute in Vineta für mich leben? Fast möcht ich glauben, daß ich mich unter ihnen erblicke, obwohl das nicht möglich ist, da ich mich ja auch damals nicht habe sehen können, mich also nicht wie an sie an mich erinnere. Im Märchen, das »Unterm Nußbaum« heißt und anhebt: Es war einmal ..., wird das wohl so sein.

 

Das gelbe Zimmer

Manchmal, wenn ich, allein mit mir, nachmittags, im verstummten Zimmer eine Weile ausruhend die Augen schließe und mich in die Heimat meiner Seele, meine Jugend, zurückträume, tritt wie aus feinem verflutenden Nebel ahnungshaft das blasse Bild einer Örtlichkeit vor meinen sehnsüchtigen innern Blick: eines Gemachs etwa, das mich einst vertraut mit seinen grauen warmen Wänden umfing, in einem Hause, das ich fern, mir auf immer versagt, vielleicht gar abgebrochen und versunken weiß ins Niemalsmehr; eines kleinen, sonnenbeschienenen Platzes zwischen alten Bäumen vor einem verwitterten niedrigen Gebäude, dessen Dach ich trotz aller Neugierde nicht hatte erreichen und erschauen können und auf dem sich, wenn es noch besteht, schon viele tausend modernde Blätter und vermorschte Zweige mögen gehäuft haben ... Heut erstand das gelbe Zimmer der »Villa« hinter den leicht gesenkten Lidern, das mit gelben, dunkelbraun verzierten behaglichen Möbeln bestellte, am untern wie am obern Rand der getünchten Mauern mit einem – vorm Einschlafen wie nach dem Erwachen immer wieder betrachteten – sauber gemalten breiten braunen Geranke gesäumte Zimmer, das, als die »Villa« noch nicht nach andern geliebten Toten auf die (gleichfalls längst verstorbene) Mutter vererbt war, ihr und den Ihren, mir also und meiner jung dahingenommenen Schwester, als den regelmäßig wiederkehrenden Gästen der stattlichen Sommerstätte von Onkel, Tante und Großmutter zur Unterkunft bestimmt war und treu gedient hat.

Drei Bilder schmückten, unscheinbar, aber durch Ständigkeit und Beständigkeit angenehm gewohnt, den einigermaßen kahlen Raum; zwei in halbrunden Goldrahmen stellten junge schöne Frauenzimmer vor in süßlicher, mir aber ungemein hold scheinender Haltung, in Rokokotracht, das eine gelb, das andre blau, das eine über dem tief entblößten Busen ein sich anschmiegendes Kanarienvögelchen mit zärtlich geneigtem Mund liebkosend, das andre, glaub ich, ernster, gesetzter, schmachtender gegenüber jener lieblich-selbstgefälligen Blonden, nur mit Blumen beschäftigt; das dritte Bild war ein vergilbter Stahlstich, den ich, da er eine Herde Schafe mit einem schalmeienden Schäfer wies, wohl nicht näher ins Auge gefaßt haben dürfte. Das eine, offene der beiden Fenster – das andre, vergittert, war von Bäumen verdunkelt – ging auf die Freitreppe und in den weit hinab sich senkenden Vorgarten, aber es war hoch angebracht, und ich, als ich mit dem gelben Zimmer Bekanntschaft schloß, war noch klein, und so bin ich erst später und dann nur selten an es hinangetreten: mir genügte der zwischen Wipfeln hereinlugende Himmel, und ich hielt mich ja tagsüber kaum in dem erst abends, nachts und wieder morgens mit meiner phantasiebewegten Wirklichkeit verknüpften Gemach auf; der Garten, in dem es immer Sonne und, solange ich denke, nicht Regen gab, der Garten, mit dem weinlaubumwogten hügelhochragenden hölzernen »Zauberschlössel« und den lang und eben zwischen Reben sich erstreckenden Wegen, den zwei von abenteuerlichen Gewächsen erfüllten Glashäusern, der neben den mit Fenstern eingedeckten Mistbeeten eingesenkten Wasserkufe, war mein Reich, Gegenwart und Ahnung zugleich, ein Garten des Paradieses, in dem weithin und nah beisammen nur üppiges Obst an niedrigen breitverzweigten Stämmen und dichten Hecken gedieh, aber kein Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, drohend und lockend zugleich in verruchter Schönheit, sich zur Schau stellte.

O gelbes Zimmer, das ich seit vielen Jahren nicht mehr und wie damals, zum letzten Male, so schon lange Zeit vorher in einem durchaus geänderten Zustand betreten habe, das ich niemals wieder betreten werde, da ich, sollte mich je das Geschick in die von Gräbern überwölbte Vergangenheit und an dir, das mit der »Villa« fremden Leuten gehört, vorüberführen, nicht ohne Qual über deine Schwelle schreiten könnte, was hat dich heute mir beschworen, mahnend fast in deiner unsäglich traurigen Heimlichkeit, verschwundenes, unauffindbares gelbes Zimmer meiner Kindheit? Ist es der neblige, müde, schlaffe, hinfällige, kalte Herbst, der noch grün ist und dennoch nicht grünt? Oder bist du aufgestiegen aus dem Geheimnis aller Geheimnisse, dem ungefühlten, dennoch, wenn auch flüchtigst und unfaßbar, unentwirrbar, empfundenen Duft der Erinnerung, nicht ihrer überhaupt, sondern einer bestimmten, vielmehr der Erinnerung eines bestimmten Dufts, des Geruchs eines Buchs insbesondere, das man nicht mehr besitzt, für das man, da es dem Kinde köstlich und teuer war, viele, viele andre, die man seither gestapelt und gereiht hat, hingeben möchte, freilich ungewiß dessen, was daran einen einzig zu verzaubern vermöchte: eben jenes Dufts, der trotz allem, was es Herrliches enthielt, sein Wesen schien, seine Seele, seine nie mehr so und von niemand sonst zu empfindende Einmaligkeit; die einem damals, da alles für den ahnungslos-ahnungshaften Reichen Heimat bedeutete, innerste, heimlichste Heimat war und dennoch so etwas wie unendliche Entrückung, Ewigkeit, unausgesprochen, ungedacht, aber so wirklich und unverlierbar wie die Luft selbst in diesem gelben oder einem andern der einem selbstverständlichen Zimmer, wie die Gegenwart der Eltern nebenan und das Plätschern des Springbrunnens oder das Rauschen der niemals erforschten, dennoch gleich dem hohen unerreichbaren Himmel verwandten Wipfel im abendlichen Garten? Und nun bist du wieder versunken, gelbes Zimmer, versunken in die Unendlichkeit der Erinnerung, die das einzige ist, was einem, auf Augenblicke gewährt, vom verrinnenden Leben bleibt ... Bis zum nächsten Mal, wenn du wieder auftauchst in der Stille, in der Einsamkeit, in der Trauer des Alternden, Welkenden, Sterbenden. Vielleicht im letzten Augenblick, zum letztenmal, am Rande der anderen Ewigkeit.

 

Allerseelen

Wenn wir, Mama, Lotte und ich, vom Friedhof heimgekehrt waren in der Nachmittagsdämmerung – noch lag ein gelbes Licht über den Dächern, stand spiegelnd in Fensterreihen –, wurden am Ofen, der uns wärmend empfing, auf einem Tischchen die mitgebrachten kleinen Wachskerzen angezündet zum Gedächtnis der Toten. Da saßen wir Kinder, im Düster an die Mutter geschmiegt, den flackernden Lichtlein gegenüber auf dem alten schwarzen Ledersofa und starrten schweigend in die leicht rußenden Flämmchen. Wir dachten an die armen Seelen im Fegefeuer. Das bläuliche Schwelen, der süßliche Geruch, das schwärzliche Wölkchen der schmalen steifen Kerzen vertrugen sich seltsam mit der geheimnisvollen Vorstellung, die dadurch zugleich etwas Puppenhaftes bekam ... Mama war nachdenklich. Sie schien mir traurig. Ich wagte sie nur mit verhaltenem Atem verstohlen anzusehen, sah übrigens kaum mehr als den Umriß ihres sonst so freundlichen Gesichtes, das im Schatten stand. Dann drückte ich wieder meine Wange an ihren warm durch das Kleid gefühlten Arm.

Die armen Seelen im Fegefeuer. Ich dachte an den Friedhof, an die Gräber, die wir, wie alle Jahre an diesem Tage besucht hatten, die Gräber von Menschen, deren Namen mir vertraut, deren Züge mir fremd oder entschwunden waren. Ich sah diese entfernten Menschen mit den nahen Namen irgendwie, undeutlich unten liegen, in der Erde, vielmehr in Särgen, wie ich sie kannte, grauen harten Särgen, auf denen goldene Kreuze ruhten. Ich vergegenwärtigte mir schaudernd die ausgestreckten Gestalten. Wie kalt es da unten sein mußte! ... Auf den Gräbern drängten sich Kränze. Man schob sie raschelnd hin und her. Großmutters ruhige Hand zumal sah ich am Werk. Sie richtete, berichtigte die Anordnung der steifen Gewinde. Wie häßlich schienen mir diese gleichförmigen Kränze, deren Blätter wie von Lack glänzten! ... In den schwerfälligen Laternen schimmerten Lichter. Die Scheiben waren violett. Das Hübscheste waren die roten kugeligen Beeren, die da und dort aus Blumenspenden lachten ...

Ich erinnere mich auch winterlicher Gräberbesuche an diesem Tage. Verfrühter Schnee haftete gefroren an den Totenkränzen, die sich eiskalt anfühlten. Und wenn es aus grauem Nebelhimmel leise wieder zu schneien begann, grieselten die Körnchen prickelnd ins Gesicht und trommelten wie dünner Hagel – Graupen hieß man's – auf die dürren Hecken um die Grabstellen. Die Bäume standen in einem fahlen Dunst. Manche waren fast kahl, streckten die Zweige wie Ruten in die leere Luft. Andere hielten noch ihre letzten Blätter ängstlich an sich. Aber die Wege lagen voll davon. Die da am Boden klebten, waren feucht und rochen dumpf. Man ging darauf wie auf Moder. Hin und wieder fuhr ein Windstoß durch die Äste, daß sie knarrten. Und dann wehte es wieder gelbe und rote Blätter. Die letzten sanken still-schwebend nieder.

Vorm Friedhof sah man noch einmal um. Über die Mauer ragten traurige Zypressen. Das Gittertor ließ einen den langen geraden Weg umfassen, der tief hineinführte in das schweigende Reich der Toten. Arme Seelen! Man dachte an das Fegefeuer. Feuer ist warm ... Und zu Hause wartete der große alte Kachelofen. Ich faßte nach der lieben Hand Mamas.

 

Von vielen Tanten und einzigen Weihnachten

Weihnachten ward in meiner Kindheit anfangs jährlich abwechselnd bei meinen Eltern und bei Tante Laura gefeiert, bald aber, als dem Kinderheim, ein für allemal dem Hause in der Ferdinandsgasse überlassen. Dafür verblieb der Sylvesterabend unangefochten der Tante. Es versteht sich, daß auch ein Onkel da gewesen ist, der zu dieser Tante gehörte, aber bis auf einen jüngeren standen mir die Tanten näher, deren ich in meiner besten Zeit zehn besaß, darunter sogar vier Großtanten. Zwei davon kann man freilich sozusagen von vornherein abziehen, denn sie waren und blieben mir fremd, zumal die eine, die die Mutter der anderen war und sie an Kühle und Steifigkeit sowie an unzugänglicher Vornehmheit noch übertraf; besonders daß sie beide, die ältere jedoch öfter und ausdrucksvoller, »Ach« zu sagen pflegten, was in der ganzen Familie sonst niemand tat, war unerquicklich. Diese beiden Tanten spielten denn auch sozusagen keine Rolle in meinem Kinderleben; wir besuchten sie selten, und es ging dabei immer einigermaßen förmlich zu, obwohl Kinder im Hause waren und einer der verführerischesten aller Onkel. Aber er hatte geringen Einfluß auf die innere Gestalt seines Hauswesens; selbst seinen Kindern – so schien es mir wenigstens – war er minder geneigt als uns von der andern, der Seite seiner Heimat.

»Wir«, das waren Großmutter und ihre zwei Töchter, Mama und Tante Laura, und Mamas Kinder, ich und meine Schwester. Um diesen engsten schloß sich ein weiterer Kreis, bestehend aus Großmutters zwei überlebenden Schwestern und dem Gatten der jüngeren (der der älteren war früh gestorben), ferner »Onkel Toni«, der für mich etwas durchaus Selbständiges besaß und den ich mit seiner Mutter – Großmutters älterer Schwester – erst in engere Beziehung brachte, als diese, auch sie noch keineswegs bejahrt, gestorben war, endlich Tante Lauras Gatten, der, wohl weil er alt und schweigsam war, sich nach meinem Empfinden immer mehr dazu gesellte als dazu gehörte.

Eigentlich dem engsten – denn es gab noch einen dritten Kreis – hätte man den Onkel zuzählen müssen, der die kühle fremdartige Tante seine Frau nannte (was er jedoch niemals tat und bei uns überhaupt niemand tat: man sagte »die«, die Frauen von den Gatten »der« und den Vornamen, manche von den Frauen den Familiennamen, ja sogar voneinander sprachen die Großtanten nach alter Bürgersitte gern unterm Familiennamen); aber dieser Onkel war auch nur ein sozusagen von außen uns gesellter Genosse und zwar bestimmter Stunden; er kam zu Großmutter, seiner Mutter, sich an der Vergangenheit zu wärmen, die als Gegenwart in den kleinen Zimmern behaglich weiterlebte.

Der dritte, äußerste Kreis, vielmehr die mehreren, die da mehr oder weniger nah um den zweiten herumliefen, manchmal sogar in ihn hineingerieten, wies Personen verschiedener Natur auf, die irgendwie, sei's durch Herkunft, sei's durch Heirat, zu uns in Beziehung standen: junge und ältere Tanten und Halbtanten mit oder ohne Onkelanhang; denn wir waren eine entschiedene Mutterrechtssippe. Da war z. B. eine Tante, die einen sehr leibhaften und in jedem Betracht gewichtigen Onkel als Gatten und Haustyrannen mit sich führte, einen Onkel von seltsam verbindlichen Formen, um den man sich geradezu beneiden lassen konnte, da er in der ganzen Stadt im höchsten Ansehen stand und sich zu dieser sehr klugen und heitern, aber fast allzu natürlichen Tante aus der Höhe seiner Bildung und Stellung merklich herabgelassen hatte; ferner eine recht alte Tante dieser Tante, die so altmodisch, aber durchaus nicht so steif wirkte wie eines der da und dort in der Familie verstreuten Bildnisse von allerlei Urgroßmüttern und Urgroßtanten; wenn diese ahnenhafte Tante sich gelegentlich bei uns zeigte, war es für mich ein Ereignis, das ins Gebiet der »Besuche« zählte, ein Gebiet von unberechenbarem, eher ungemütlichem Charakter; dann waren junge Tanten da oder vielmehr nicht mehr da, die einem, obwohl sie längst irgendwohin geheiratet hatten – gleichgültige, unwahrscheinliche Onkel –, noch immer, wenn sie sich wieder einmal mit dem ihnen Nächststehenden in der Heimat einfanden, den alten vertrauten Mädcheneindruck machten, und Halbtanten aus der Fremde, die plötzlich aus dem Nichts auftauchten und ohne weiteres richtige Tanten sein wollten, was ihnen freilich kaum je gelang. Um so leichter hatte es ein ebenso plötzlich, aber nicht aus dem Nichts, sondern aus dem Zaubernebel legendenartiger Erzählungen auftauchender Onkel; denn daß er überhaupt in der Wirklichkeit, unserer Wirklichkeit sich auf eine Weile genügen ließ, war schon Gnade, und alles, was er seither und bis auf sein leider unausbleibliches Verschwinden darin tat oder an sich geschehen ließ, z. B., daß er so wie ein Eingesessener an einer der großen Familienjausen bei Tante Lotte teilnahm, war Wunder und strahlendes Glück.

Diese Familienjausen fanden bei der genannten Tante, die einen der liebenswürdigsten aller möglichen Onkel, noch dazu den, der fast alle andern unter seinem roten Dache beherbergte, als Lebensgefährten, jedoch nicht allzu oft zur Seite hatte, jeden Mittwoch statt und vereinigten die gesamte Weiblichkeit samt etlichen Kindern um einen mit unbeschreiblichen Herrlichkeiten besetzten festlichen Tisch, an dem sich von den männlichen Mitgliedern der beschriebenen Kreise regelmäßig und gegen das Ende der Veranstaltung jener alte schweigsame Onkel sehen ließ, der auch sonst gern die weiblichen Zusammenkünfte durch seine lautlos rauchende Gegenwart auszeichnete. Nach dem Tode der guten Tante Lotte ging das Vorrecht der großen Jausen auf Tante Laura, die Schwester Mamas, als auf die weitaus vermögendste über. Ich habe die alternden Frauen noch als Mann und Ehemann in kaum gelichteter Runde vorgefunden. Das große Sterben kam erst über unser Haus, als mir und den gleichaltrigen Vettern und Basen längst das dritte Geschlecht heranwuchs; dann aber war es verheerend. In jeder verzweigten Familie gibt es eine scheinbar auf lange hinaus gesicherte Spanne des friedlichen Zusammenseins: immer wieder sitzen die Frauen unter der Lampe an ihren Handarbeiten und plaudern von ihren alltäglichen harmlosen Erlebnissen. Bis mit eins der Tod im Hintergrund auftaucht und gelassen zum ersten Schlag ausholt. Die andern folgen dann nur allzu rasch.

So waren wir auch zu Weihnachten viele Jahre lang in gewohnter Festesstimmung um den langen schöngedeckten Tisch beisammen, als könnte niemals diesem selbstverständlichen wohlwollenden Aneinanderbehagen ein Ende gesetzt werden, bis es jählings hereinbrach.

Die Zeiten aber, von denen ich hier mit der melancholischen Seligkeit gesegneter Erinnerung erzähle, liegen lang vor dem Tage, da der düstere Schatten sich um unsere Lichtabende zusammenzog. Es waren Zeiten wundersamer Märchenheimlichkeit.

Das Jahr war durch die Weihnachtswoche nach zwei Richtungen bestimmt. Vom Herbstbeginn lebte man mit uns Kindern auf die gnadenreiche Woche zu, von Neujahr an in seltsam herber frühlingsahnender Schnee- und Eisstimmung von ihr weg in ihren sommerblauen, gartengrünen, sonnigen Widerpart hinein.

Der Dezember aber war der nur vom Weihnachtsgenuß gefristete Monat der berauschend nahen Erfüllung. Und mit dem Nikolausabend betrat man bereits die weitvorgebaute Empfangshalle des Christkinds.

Denn der heilige Nikolaus, bei uns Nikolo genannt, war so etwas wie Knecht Ruprecht oder der Weihnachtsmann selbst und erschien, begleitet vom Krampus, der ihm den schweren Sack nachtrug, als ein braven Kindern wohlgesinnter Spender von guten Lehren und guten Sachen. Ich habe zwar weder ihn noch seinen schwarzen Famulus leibhaftig in unsere niedrige Kinderstube eintreten sehen, aber sein und des andern Ebenbilder hatten sich mir als etwas Unzweifelbares so tief eingeprägt, daß die leibliche Erscheinung die höhere Wirklichkeit vor dem forschenden Kinderauge nicht ungestraft hätte herausfordern dürfen. Und dann gab's vor der Nikolobescherung immer irgendein geheimnisvolles Geräusch auf der Treppe und im Vorgemach, dem sich das durchdringende Geläute der Wohnungsklingel gesellte: kurz, für die Vorstellung des Vorstellungsfähigen war genug getan. Die Hauptsache waren ja doch die Geschenke, die zum Unterschied von der feierlichen Weihnachtsbescherung, wie sie den »Salon« erfüllte (und schon einige Tage vorher den samtene Würde atmenden düstern Raum zugleich verklärte und dem Verkehr entzog), im Kinderzimmer ausgebreitet lagen, auf demselben runden Tisch, an dem ich, den mir schon entwachsenden eigenen Kindern gegenüber, diese süßen Schatten meines Einst beschwöre.

Nach dem Nikolaustage – denn auch der Tag wollte hinter dem Abend nicht zurückbleiben und erwies sich schon in morgendlicher blauer Fensterkälte als ein Schuh und Strümpfe nicht verschmähender erfindungsreicher Einleger –, nach diesem so ungewöhnlich eingeweihten Tage waren die bis zum einzigartigen 24. noch zu erledigenden knappen drei Schulwochen eine gruselige Lustbarkeit. Denn jede Schulstunde wußte ja, daß sie nicht mehr ihren gewohnten Ernst aufrechtzuerhalten vermochte, daß sie ein schmunzelndes Zwinkern Mühe hatte zu unterdrücken. Wohl gab's noch gerade in diesen zusammengedrängten Tagen Schularbeiten jeglicher Natur zu überstehen, insonderheit machte sich die stets gefürchtete mathematische doppelt peinlich mit den aufgeregten Nerven zu schaffen, aber man nahm selbst diese tückische Quälerei in solchem Zusammenhange wohlwollend auf den lastgewohnten Buckel, da man nach der überstandenen letzten Geduldprobe nur um so herrlicher die also standhaft erkämpfte Freiheit zu genießen gewiß war.

Und da tagte denn endlich, wonnig eingeleitet bereits durch langentbehrten ungestörten Familienschlummer, der mit nichts zu vergleichende, Seligkeit bergende nadeldufthauchende Heilige Abend. Das nicht mehr zu Erwartende, Unausdenkbare war Ereignis geworden: »Adam und Eva« stand auf dem Abreißkalender.

 

Nikolo

Der »Nikolo«-Abend, der Vorabend des Nikolaustages, am 5. Dezember, war anders als der Weihnachtsabend. Nicht nur, weil diesem der Christbaum mit Waldnadelduft und Kerzenlichtern dunkelgrünen Ausdruck verlieh. Nicht nur, weil das an die Bescherung angeschlossene festliche Abendmahl die ganze Familie vereinigte. Sondern hinter der Erscheinung, im Geheimnisvoll-Wirklichen des geahnten, aber niemals erfaßten Wesens, war jenem wie diesem etwas Besonderes, Persönliches, Eindringlich-Überzeugendes zu eigen. Schon daß der Nikoloabend in den Anfang, der Christabend ans Ende des Monats fiel, der, als letzter in der Zwölfzahl, mit dem jubelnd begrüßten ersten Schnee im Eingang und mit dem heimlich-unheimlich ins Leere des unbekannten Neujahrs hinaus ragenden Sylvester hinten, von allen andern sich abhob, hielt sie bedeutsam auseinander. Der Nikolaus war der Vorbote des Christkinds, aber er hatte einen ausgiebigen Vorsprung; fast geriet er in der nach dem 24. hin sich drängenden und doch durch so viele Vorbereitungen gestauten Wochenmasse in Vergessenheit, verlor sich mit leisem wehmütigem Klang wie von fern verläutenden Schlittenglocken im Schneegestöber. Der Nikolaus, eigentlich ein heiliger Bischof, erinnerte an den Weihnachtsmann, eine nur aus Bilderbüchern bekannte bepelzte Gestalt; er war mit dem Knecht Ruprecht irgendwie verwandt; jedenfalls gingen da zwei Vorstellungen mit schwankenden Umrissen ineinander über, die hinwiederum beide mit dem Christkind in der Krippe, mit den Engeln, die in blauer stiller Nacht den Reigenspruch von der Ehre Gottes in der Höhe und vom Frieden auf Erden von einem schmal ausschwingenden Band absingen, nichts zu tun hatten. Dann war da noch ein seltsamer Umstand. Das Christkind kam auf einem Stern vom Nachthimmel; man lehnte am dunkeln Fenster und wartete, bis man gerufen ward und im strahlenden Lichtermeer des Weihnachtsbaumes alles vergaß. Aber am Nikoloabend stand man sozusagen noch berechtigter am Fenster, obwohl doch der Nikolaus mit seinem Begleiter, dem Krampus, sicherlich nicht vom Himmel herabkam. Das wird ewig unerklärt bleiben.

Eigentümlich war dem »Nikolo« auch die frühere Stunde. Die Weihnachtsbescherung sollte um halb sieben Uhr stattfinden, aber es ward meist sieben Uhr, gar ein Viertel auf acht daraus. Jedenfalls spielte stets einige Ungeduld in die herzbewegende Erwartung hinein. Dagegen war der »Nikolo« pünktlich. Kaum daß je einige Minuten über sechs verstrichen.

Vorher geschah immer einiger Lärm draußen. Es klang wie Kettenrasseln. Auch ward ein schwerer Sack mit Gepolter an die breite niedrige Tür abgeworfen, die neben dem riesigen Kachelofen ins Kinderzimmer führte. Aber da man sich in einem andern Zimmer aufhielt, blieb das alles fern und unwirklich. Es gab Kinder, denen der heilige Nikolaus, den Krampus mit der Kohlenbutte auf dem Rücken hinter sich, sogar Besuch abstattete. Es wurde da allerhand gefragt, nicht, wie die Großen es immer taten, nach dem Befinden, sondern nach dem Verhalten zu Hause und vornehmlich in der Schule. Aber die meisten Kinder, die einem von diesem Auftritt berichteten, der etwas Peinliches an sich haben mußte, fügten hinzu, sie hätten die alte Lina oder den Kutscher Franz gleich erkannt. Und das wußte man sich wiederum nicht zusammenzureimen. Immerhin war's besser, daß solche überflüssige Verzögerung des Unausbleiblichen (denn diese Kinder bekamen ja doch schließlich ihre Bescherung, trotz der Fragerei) bei uns nicht stattfand. Bei uns ertönte sogar eine Klingel, nicht ganz so wie zu Weihnachten, aber ähnlich, kürzer und nicht so hell-silbern.

Auf dem großen runden Kindertisch – der Weihnachtsbaum stand im »Salon« und war von einer ganzen Schar von weißgedeckten Tischchen begleitet, auf denen für groß und klein die Geschenke sich ausbreiteten –, auf unserem lieben »alten« Tisch hatte der Nikolo die Bescherung aufgerichtet. (Von dem Sack, den er oder der Krampus an die Tür geschleudert hatte, war nicht mehr die Rede. Erst später fand man ihn ohne Erstaunen vor, der bescheiden die üblichen Äpfel und Nüsse barg.)

Da gab es wie zu Weihnachten Spielzeug und Bücher und allerhand Süßigkeiten. Doch niemals wäre diese Bescherung mit der »eigentlichen«, die alle »großen« Wünsche erfüllte, zu verwechseln gewesen. Sie hielt sich im Rahmen der bescheideneren Mittel des Vorläufers. Immerhin: diese und jene Gabe fiel durch fast beschämenden Umfang auf, so etwa der Bücherranzen aus Riemenzeug, den man schon längst zum Schulgang gebraucht hatte. Die Hauptsache – auch dies ein Merkzeichen des einzigartigen Abends – waren die Lebzelt- und Marzipansachen, zumal jene kleinen rotverschnürten, ungemein sauber und köstlich sich darbietenden Päckchen, deren wohlschmeckenden Inhalt, stämmige, oben leichthin weißverzuckerte, grübchenreiche und würzige Kuchenschnitten, ein dicker Vertreter, nackt unterm geschmeidigen Bandkreuz, seinem Schätzer behaglich anzeigte. Nur ein einziger Zuckerbäcker vermochte diese niedlichen Küchlein herzustellen und anzurichten. Sie allein riefen, mehr noch als die allüberall ihre Röte verbreitenden Krampustüten, sah man sie ein paar Tage vorher im lockenden Schaufenster, die Vorstellung »Nikolo« hervor. Merkwürdige, warme und zärtliche »Nikolo«-Stimmung! Schon daß der nächste Tag ein gewöhnlicher Schultag war – ausgezeichnet freilich durch die kleine Nachbescherung, die man am dämmrigen Morgen zwischen den oft schon eisig von außen angehauchten Fenstern in den dort vorm Schlafengehen auf den Lederpolstern ausgetanen Schuhen fand –; daß diese Sechsuhrfeier in der Kinderstube sich, als ginge sie das Lernen gar nichts an, in den Arbeitsabend einschob; daß die gute Hängelampe, unter der man sonst, die Ellenbogen aufgestützt, überm Schulbuch saß, die bunten duftigen Gaben beschien; daß mitten auf dem Tisch ein richtiger vollbärtiger Nikolo im steifen weißen, goldverbrämten Bischofskleide, die kreuzgezierte spaltige Bischofsmütze über dem rotbäckigen Wachsgesichtchen, den Krummstab an das winzige Händchen mehr gepappt als angelehnt, dastand und ein rotes Brettchen unterm knittrigen Gewand hervorsah, während neben ihm, von den segnend ausgestreckten Ärmchen halbwegs zurückgedrängt, der Krampus, mit Silberpapierketten behängt, die lange rote Tuchlappenzunge bleckte (manchmal gesellte sich ihnen wohl auch, klebrig anzuschauen, ein untergeordneter Abkömmling aus der freundlichen Kinderhölle, der »Zwetschkenkrampus«); daß die Großen nichts geschenkt erhielten und das ganze Aufgebot an stillerfüllter Festlichkeit (aber anders als an den Geburts- und Namenstagen, die am Morgen einsetzten und im vollen Tageslicht erst ihren Höhepunkt erreichten) nur für die Kinder geschah und deshalb ja auch in ihrem Zimmer, es mit seinem milden Schimmer weihend, vonstatten ging: das alles und noch viel, viel mehr an unaussprechlichem, unausdrückbarem, märchenhaftem Gehalt, der im versunkenen Garten der Kindheit tief wie Kaiserkronen begraben ist, das war die Gnade dieses wunderbaren Winterabends. Denn daß für mich noch außerdem 1001 Nacht, das Buch aller Magie der Dichtung, mit ihm, mit einem einzigen unvergeßlichen »Nikolo« verbunden ist, auf immer verbunden bleibt, das ist mein allerpersönlichstes Geheimnis, das ich zwar verraten, aber schon gar nicht zu beschreiben imstande bin.

 

Christkindlmarkt

Weihnachtszeit, du goldne Zeit!
Bäume grünen weit und breit
Wie in warmen Frühlingstagen.
Und die Kinderherzen schlagen
In Beglückung,
Oh, wie fröhlich!
In Verzückung,
Oh, wie selig!
Schaut umher! Es flimmern da,
Schaut umher! Es schimmern da
Kerzen hell in dunkler Nacht,
Augen hell in Funkelpracht ...

(»König Nußknacker und der arme Reinhold«. Ein Kindermärchen in Bildern von Heinrich Hoffmann, Verfasser des »Struwwelpeter«.)

Ob sich noch viele von uns Älteren, Alten aus ihrer Kinderzeit an die lieben Verse erinnern? In ihrer schlichten, herzlichen Weise drücken sie alles aus, was das schönste Fest der Christenheit an Seligkeit, unerschöpflicher, unsterblicher, zu verspenden begnadet ist. Im Lesebuch hat den Knaben einst ein Satz mit magischer Macht gefesselt, der ungefähr so lautete: »Wie trübe sind die Tage, wie lang die Nächte im Dezember! Und dennoch ist es eben diese dunkle Jahreszeit, die den Kindern die größte Freude bringt.« Immer wieder, wenn Weihnachten heranrückte, schlug ich ihn auf und genoß heimlich seine unendliche Süßigkeit. An den Adventsonntagen aber, in der düstern »Schulkirche«, wie verheißend klang das alte Lied:

»Tauet, Himmel, den Gerechten,
Wolken, regnet ihn herab!«

Da saßen wir, fröstelnd aneinander gerückt, hatten Kerzenstümpfchen vor uns auf den massigen Borden der Bänke angeklebt und blickten hinüber zu den flackernden Lichtern, die die Kerzenfrau auf die Stachel ihres seltsamen Drahtgerippes steckte. Die Orgel erfüllte den an den gewaltigen Säulen ins Unerreichbare aufstrebenden Raum mit schwellendem Tongewoge; fern- und hochher glühten rubinrote, bernsteingelbe und smaragdne Flächen im Fach- und Rahmenwerk der schmalen Fenster. In meinem Kinderherzen aber war gruselige Wonne, erwartungsbange Weihnachtsvorfreude. Und wenn man in lockeren Gliedern, die sich, von Ordnern getrieben, alsbald zum langhinschlängelnden Zuge strafften, die Kirche verlassen hatte, wie frisch war die braununtermalte neblige Schneeluft, wie behaglich war da und dort in einer grauen Hauswand ein noch in den langsam erwachenden Tag hinzögerndes Lampenlicht! Ich dachte an den wundervollen Weihnachtsabend, wenn ich, die Vorfreude bereits zu krampfhafter erfüllungsfroher Sehnsucht gesteigert, durch die Gassen ging und in den meisten Fenstern schon die feinen Feuersterne der Christbaumkerzen funkelten ...

Aber bis dahin war's noch lange! Trotz den zum Ziele drängenden letzten Wochen, die von Vorbereitungen, eigenen Weihnachtsarbeiten und den neugierig überwachten »Besorgungen« Mamas strotzten. Die Zeit, die bis zu dem einzigen Abend zurückzulegen war, wies einige Hindernisse auf. Da standen noch mindestens eine lateinische, eine griechische und – grausige Aussicht – eine mathematische Schularbeit bevor, drohte die Physikprüfung und wahrscheinlich auch, überflüssigerweise, eine geographische, an der unbeschriebenen Landkarte außerhalb der Bank ... Aber am Nachmittag bot sich dafür innerhalb der vierwöchigen Wartefrist dem, der nicht unmittelbar von der (oft durch lästige Nebenstunden unter glucksenden Gasarmen bis fünf Uhr erstreckten) Schularbeit an die häusliche zu eilen sich befliß, eine vergnügliche und mit allen bewährten Mitteln an die trotz dem Bummelgehaben in ihrem Kern noch unversehrte Kindesseele rührende Gelegenheit: der Nikolo- und Christkindlmarkt. Wer von den Zeit- und Artgenossen, an die sich die Hoffmannschen Verse altmodisch-treuherzig als an verläßliche Freunde wenden, sieht den Christkindlmarkt nicht allsogleich in jener bunten hausbackenen Herrlichkeit erstehen, wie ihn der gesegnete Künstler – wahrlich einer der echtesten, lautersten, innigsten, die jemals berufen waren, Kindern mit Wort und Stift in ihrer Sprache nah, ganz nah zu gelangen ans klopfende verschwiegene Innerste ihrer Märchenheimat! –, wie ihn der Schöpfer des »Struwwelpeter« in seinem »König Nußknacker« gleich am Eingang hinterm traulich summenden Lindensommer »Großmütterleins« auf das packendste errichtet, für alle Zeiten aufgestellt hat! Dieses Bild ist in seiner von innen heraus erschimmernden Kerzenhelligkeit, seiner saubern Spielsachensachlichkeit, seinem giebligträumenden Marktrahmen einfach ein Prachtstück. Es lebt, weil es atmendem Leben entstammt, liebeatmendem Leben eines Dichters und Zeichners, der seinen Kindern ein Vater war.

Wie warm ist es selbst an den kältesten Tagen im Lichterschein, der von den überdachten Auslagen der bretternen Wunderwelt in Aug und Brust flutet! Etwas Heiliges ist darin, das Rührende, das die vergänglichen und dennoch immer wiederkehrenden Spielsachen und Eßwaren zu diesem Einen, Einmaligen und Ständigen vereinigt. Der Christkindlmarkt, mag Erwerbssinn, Geschäftsgeist, gar Ärgeres, Ärgerliches, Allzumenschlich-Erbärmliches sich hinter dem wohlwollenden Glanze bergen, der Christkindlmarkt ist von dem Frieden überbreitet, der aus den himmlischen Höhen sich zur Weihnachtszeit auf alle Mühseligen und Beladenen herabsenkt, da sie – und wer von uns ist nicht mit Müh und Schmach beladen? – an Kinderhand ins Land der Märchen treten.

 

Noch einmal Weihnachten

Der erste Weihnachtsabend, an den ich mich erinnere, erstrahlt im Glanz einer Ritterrüstung. Sie war zwar nur aus Pappe – noch klingt mir das Klappen der Schenkelstücke, in die der Brustharnisch endigte, in den Ohren des Herzens –, aber kein Bayard mag sie stolzer getragen haben als der kleine Recke, den sie überm Alltagsgewand bekleidete. Der unzulängliche Schein, in den ich mich hüllte – Glauben macht selig, vor allem der Glaube an das, was man vorstellt –, ging, allen Zweifel überwindend, von mir aus in die Welt, die ich mir erschuf. Zumal wenn am Helm (der meinem Kopf zu eng war und an einer Stelle empfindlich drückte) das Visier, das nur bis an die Unterlippe reichte, herabgelassen war ... Die Rüstung fand ihren Standplatz hinterm weißen Kachelofen im »Salon«. Durch die zwei Öffnungen, die seinen Oberteil gestuft durchbrachen, konnte man ihren mattsilbernen Schimmer erblicken. Um sie herauszukriegen, mußte man angestrengt hinter den hart in die Ecke gesetzten starren Körper des Ofens greifen. Hierbei kam die Wange in Berührung mit der glasigen Fläche. Merkwürdig: auch das trug zum Wunder dieses Besitztums bei.

Ein blauer Mantel mit Silberborten, die seltsam kratzten, war zur Vervollständigung der ritterlichen Erscheinung von Großmutter angefertigt worden (in früheren Jahren hatte sie mit ebensolchen, kreuzweise angebrachten Silberborten immer wieder blaue und rote Ulanenkappen – ein Stück Pappendeckel in eine Mütze eingenäht – geschmückt): er umwallte, etwas zu kurz geraten, den Heldenleib nur bis über die Hüften.

Jener erste denkwürdige Weihnachtsabend fand bei Tante Laura statt, Mamas Schwester, die sich, dadurch in der Familie ausgezeichnet, über die Wohlhabenheit der meisten andern des Kreises hinausragenden Reichtums erfreute. Ihre Wohnung bestand aus sieben Zimmern im ersten, mit einem Balkon versehenen Stockwerk des eigenen stattlichen Hauses am bäumebepflanzten »Ring« und war mit dem damals üblichen altdeutschen Geräte schwerfällig-prunkvoll bestellt. Der große dreifenstrige Salon – es gab auch, Gipfel der Vornehmheit, einen kleinen, in den Besucher geringeren Ranges geführt wurden – bot dem bis an die Decke reichenden Christbaum einen spiegelnden Zauberrahmen. Dort an einem Ständer hatte die unvergeßliche Rüstung gehangen.

Aber es waren diesem schon andere Weihnachtsabende vorangegangen, von denen mir freilich nur die Hauptgeschenke, nicht ihre Darstellung am Feste selbst im Gedächtnis haften geblieben sind. Der ergiebigste Spender war Großonkel Christian, ein freundlich-polternder Lebemann, den ich mir ohne seinen Vöslauer Rotwein »wie Burgunder« (auf dem papiernen Schildchen waren Trauben abgebildet) nicht vorstellen kann. Er war dazu ausersehen, die »großen Wünsche« zu erfüllen, und entledigte sich dieser kostspieligen Verpflichtung als einer ehrenvollen Aufgabe gern und ohne Markten. Von ihm stammt unter anderen dauerhaften Gaben die geschnitzte türmige Schweizer Kapellenstanduhr, seit jeher »der Kapuziner« genannt, die, während ich dies schreibe, vor meinen zu ihr aufblickenden Augen tickt: sie hat ein Läutwerk, an dessen vorgeblichem Strang (es bimmelt noch ein Turmglöckchen mit) bei aufspringendem Türchen ein Einsiedler sich betätigt. Das große Kaleidoskop – Gide hat es genau in seinen Kindheitserinnerungen beschrieben – ist trotz jahrelanger Schonung ebenso den Weg des Zerbrechlichen gegangen wie die – hinwiederum von Proust auf das anschaulichste verewigte – Laterna magica, die unzählige Kindergesellschaften in unserm Vorzimmer entzückt hat, wenn sie auf einem über den riesigen Kleiderschrank verbreiteten Leintuch ihr buntes Innenleben petroleumdampfend und mit brenzligem Lackgeruch zur staunenswerten Erscheinung brachte (immer wieder sind wir, wenn eine freundliche Lieblingsgestalt, »der Würstelmann«, auftauchte, lärmend auf ihn zugestürzt und haben den farbigen Widerschein mit Wonnegruseln auf Händen und Kleidern aufgefangen). Ein Geschenk des wackern Alten aber – Gott hab ihn selig, der zu geben verstanden hat und sich an unserer Freude freute! – hat sich, wenn auch nicht wie »der Kapuziner« als Gebrauchsgegenstand, als eine einigermaßen versehrte Reliquie erhalten: »Attila«, der Schaukelpferd-Schimmel, der dem »Lellerle« – so hieß ich laut eigener Bezeichnung im ersten Jahr meines Daseins –, als er noch kaum gehen konnte, einbeschert worden war.

Ein tüchtiges Roß, fest gebaut – es sind schon zwei Geschlechter seitdem darauf geritten – und vom sorglichen Spender, einem Lederriemenerzeuger, mit einem »wirklichen« Sattel auf die Dauer ausgestattet. Guter Grauschimmel »Attila«, hast du deinem dickbeinigen Reiterlein die Liebe zu den Pferden eingeflößt, die ihn sein ganzes Leben lang nicht verlassen hat, hast du ihn, der heute wie damals, doch aus andern Gründen, auf seinen langen, dünnen Stelzen nicht gehen kann, zu Pferd aber, ist er erst einmal hinaufgelangt, sich wieder jung fühlt, ein für allemal zum Reiter geweiht, oder hat Urgroßvaters Reiterblut im lallenden Enkel dich als das hölzerne Sinnbild seines Schicksals begrüßt?

Gehört doch auch ihr als unvergängliche Zeugen zu den verschollensten, aber unsterblichen, meiner Weihnachtsabende, Rotschimmel Tante Lauras, die ihr, in die Einfahrt stampfend, wenn am Christbaum längst alle Kerzen abgebrannt waren, unsere unersättliche Festfreude an den Aufbruch mahntet: der Wagen war an der Treppe vorgefahren, der uns, beladen mit den bereits heißgeliebten Schätzen, die uns zugefallen waren, nach Hause bringen sollte.

Nach Hause. Das alte Haus, das, in der engsten der engen Gassen gelegen, mir mehr als dreißig Jahre lang die Heimat bedeutet hatte, ist von der Erde verschwunden, der Erde, die alle, alle Gefährten meiner Kinderzeiten birgt; auch die alte Stadt, in der es, wohnlich und warm, wie keines mehr seither mich aufgenommen hat, im Schutz der benachbarten Kirche gestanden hatte, ist mir, dem dort nur noch Gräber bleiben, als »Ausland« entfremdet, aber Haus und Stadt leben in meiner Seele das weitaus beständigere Leben dankbarer Erinnerung, und die Kette der wunderbaren Weihnachtsabende, die sie mir geschenkt haben, hält unzerreißbar.

Alle späteren Christbäume nämlich nach jenem, der von der Silberpappe der Ritterrüstung widerscheint, haben in dem alten Hause geleuchtet, in dem ich erwachsen bin. Sie tragen alle das nämliche freundliche Angesicht, sind alle in das nämliche dämmrige Behagen eingehüllt, das von dieser tiefen, niedrigen, düstern Wohnung ausging. O du stets verschatteter »grüner« Salon; wie haben in dir die Kerzen am Tannenbaum, der immer voll von blitzendem Gesträhne hing, aufgestrahlt, wenn wir zwei Kinder, von den vielen »Großen« gefolgt, zögernd über deine altmodische Schwelle die Füße setzten! Wie hat die blecherne Muttergotteskapelle, die ein Kripplein barg, geheimnisvoll aus den dichten Zweigen gefunkelt! Wie haben wir Jahr für Jahr jubelnd die zwei vertrauten Fische begrüßt, die wie Schiffe am Baume baumelten, den dicken gebräunten Karpfen und den schlanken Hecht, die mit kleinen zuckerkügelchenbestreuten Schokoladeplättchen gefüllt waren und von denen der Karpfen auf dem Bauch eine an ihrem Gummibändchen wie ein Schuß zuknallende Klappe besaß, während man in den Hecht durch eine seine gerade Nackenlinie zerstörende Drehung des Kopfes gelangte!

Die Zweige des Christbaumes, dessen besternte Spitze sich an der niedrigen Decke spießte und krümmte, langten mit weihevoller Milde über den weißgedeckten Gabentisch für die Kinder. Großmutter fand sich mit der undankbaren Rolle ab, das »Praktische« zu liefern, die Handschuhe und die Taschentücher, die Strümpfe und die Halsbinden. Die Onkel und Tanten hatten stets »Erkundigungen« eingezogen, und es war ihnen je im Rahmen ihrer Gewährensgepflogenheit dieser und jener Wunsch zur Erfüllung zugewiesen worden. Aber von Mama, die schon wochenlang vorher in »Besorgungen« auf- und ausgegangen war – verheißende Packen und Päckchen häuften sich allgemach in der sogenannten »Speise«, einer hochhinaufreichenden Fächerfolge zwischen den unbenutzten Doppeltüren, die den zweiten Ausgang aus dem »Salon« bildeten –, von Mama rührten die Hauptstücke her. Sie hatte das ganze Jahr hindurch, mit sorglicher Übersicht ihre Ausgaben einteilend, auf diesen einen Abend gespart. (Denn nicht nur wir Kinder waren zu beteilen, sondern, außer den sämtlichen Mitgliedern der zahlreichen Familie, auch eine Menge von Anhängern und Kostgängern, von den »Sandmädeln« über die Wäscherinnen und Näherinnen bis zu den Dienstboten, eigenen und »verwandten«.)

Wohin ist das alles versunken? Nicht die Geschenke mein' ich, die, bis auf die Bücher (ich könnte an ihnen die Jahre herzählen), verbraucht und vertan sind, sondern diese ganze, durch Zuneigung, Vertrauen und Achtung, Lichter, Duft und Wärme zusammengehaltene, sich aus sich selbst stetig erneuernde Einheit, die plötzlich einmal – man kommt aus dem Haus, kehrt als ersehnter Gast wieder dahin zurück, erneuert das sich erneuernde Alte; es ist aber nicht mehr dasselbe – abreißt, zusammenschrumpft, ausgeht ...

Dann hab ich wieder Weihnachten erlebt, eines nach dem andern, und wieder ist eine Einheit, eine andre zusammengewachsen, die von Jahr zu Jahr banger, schwebender, mehr und mehr unwirklich, traumhaft geworden ist, in die sich für mich, den Alternden gegenüber den erwachsenden Kindern, allerlei ihnen Fremdes eingeschlichen hat aus meinen jungen Tagen, Nebelwerk, geisterndes, der Erinnerung. Die auf den schweigenden Zweigen verglimmenden Kerzen sprechen mir eine Sprache, die niemand sonst versteht, sprechen sie in den Kinderlauten aus meinem Totenreich.

 

Sylvester

Mein Vater – fast hätt ich gesagt: hieß Sylvester. Nein, diesen Namen des schrecklichen Kleistschen Schroffensteiners führte er keineswegs, im Gegenteil: er begnügte sich mit einem der beiden in Österreich seit alters vorzugsweise üblichen, und zwar dem ersten der zwei Vornamen unseres Kaisers. Aber er war am letzten Tage des Jahres geboren, was, auf mich wenigstens, den Eindruck machte, als wäre es fast nicht mehr dazu gekommen. So unwahrscheinlich klang die Behauptung, am Sylvestertag, so ziemlich dem dunkelsten des dunkeln Dezembermonats, das Licht der Welt erblickt zu haben. Dieses füglich als Tatsache hinzunehmende historische Ereignis gab dem an und für sich sattsam ausgezeichneten Gegenstück zum Weihnachtsabend als Einklang und Morgenstimmung – sie verlor sich im Verlauf der mehr als ergiebigen wachend verbrachten seiner vierundzwanzig Stunden – eine besondere Bedeutung. Es war nicht, was man Weihe nennen konnte. Die Bescherung – für uns Kinder die Hauptsache eines Geburts- und Namenstages – vollzog sich ohne namhafte Vorbereitung, rasch und unauffällig und bestand von seiten Mamas in einem mir in jenen eindrucksfähigsten Jahren noch uninteressanten »Kist'l« Trabucco-Zigarren, einer Halsbinde, die Papa pflichtschuldig bewunderte, und der – aber erst Mittag aus einem benachbarten angesehenen Speisehause herbeigeschafften – Gansleberpastete, dem einzigen Leckerbissen, den der Bescheidene einmal als Wunsch hatte laut werden lassen. (Diese Gansleberpastetenschnitten, eiskalt auf dem fremdartig anmutenden gläsernen Gasthaustellerchen aufgetragen, von denen auch wir Kinder zu kosten bekamen, verliehen dem in Anbetracht der zu gewärtigenden abendlichen Genüsse mehr als alltäglich nüchternen Mittagessen den Charakter eines Festmahls.)

Wir zwei, Bruder und Schwester, überreichten irgendein selbstangefertigtes Geschenk, ich, versteht sich, schon sehr bald ein nicht mehr aus dem Wunschbuch ausgeschriebenes, sondern aus Eigenem beigestelltes Gedicht (was die ehrgeizige kleine Lotte mir nachzumachen ohne Verzug sich entschloß). Wir hatten kaum unsere ständige Begleitformel: »Ich wünsch' dir alles Gute« mit der unausbleiblichen Verlegenheit, die solche peinlichen »Auftritte« anhauchte, an den blumengeschmückten Tisch und den Frühstückenden hinantretend zu Ende gestammelt, als der gleichfalls ob der ungewohnten Rührszene etwas befangene Vater auch schon in die Hosentasche fuhr und den Silbergulden hervorholte, der jedem von uns zu solcher Gelegenheit als Gebühr zugestanden war, mir aber jedesmal, so willkommen er mir sein mochte, als ein durchaus unverdientes Entgelt den nachgerade unwürdigen Eindruck einer zur Hauptsache gestempelten Abfertigung hinterließ.

Die Hängelampe brannte über dem runden Tisch – um diese frühe Stunde war nur das große Kinderzimmer geheizt –, der Kanarienvogel, dessen Käfig in der tiefen Fensternische angebracht war, machte sich, da er wieder einmal, darauf springend, sein Hanfschälchen ausgeschüttet hatte, durch ein zirpendes Piepsen bemerklich, Mama ging, mit der häuslichen Verrichtung beschäftigt, ab und zu. Nun erhob sich der Vater, der seinen Kaffee geschlürft und eine Zigarre angezündet hatte. Der lange Vormittag – der vorletzte in der am Anfang endlos scheinenden Reihe der acht schulfreien Tage der Weihnachtswoche – gehörte den Kindern. Ich könnte nicht mehr genau angeben, wie er ausgefüllt ward. Zumeist ward »aufs Eis« gegangen, nicht ohne daß man bei Großmutter, die schon außerhalb der »inneren« Stadt am Rande der Schneelandschaft hauste, vorgesprochen und irgendeinen Imbiß im Stehen zu sich genommen hätte.

Der eigentliche Sylvester begann erst am Nachmittag, wenn die kurzwährende Helligkeit, die aber noch lange genug im hoch geschichteten Schnee gleichsam nachleuchtete, bereits einer schwermütig-heimlichen Dämmerung gewichen war. Man merkte es wahrlich dem Tag an, daß er der letzte des hinfälligen Jahres war. Es war ihm selbst darum zu tun, sich so rasch wie möglich ins Dunkel zurückzuziehen. In den Fenstern funkelten wie zu Weihnachten – eine schmerzliche Erinnerung, die man in sich lieber nicht hochkommen ließ – da und dort die Sterne der Christbaumkerzen auf. In der Kirche, wo man zur Vesperpredigt einkehrte, war's noch adventmäßig behaglich; aber die »Krippe«, die, ein mit Scheu und Zutrauen zugleich umstandenes erstarrtes Schauspiel, seither sich in der Kapelle aufgetan hatte – am Weihnachtstage war man vor dem Andrang der Andächtigen kaum dazu gelangt, sie eingehend zu besichtigen –, gemahnte in ihrem Andauern wiederum wehmütig an die für heuer unwiderruflich versunkene Freude der himmlischen Ankunft. Viele Kerzen flackerten auf den Opferstöcken. Nun brauste zum letztenmal im alten Jahr wie ein unsichtbarer riesiger Vogelkörper aus wogenden Tonmassen die Orgel durch die hoch hinauf ins Finstere sich wölbende Halle.

An der Straßenecke stand oder stampfte vielmehr, das blaue Schaltuch um den Hals geschlungen, die mit roten gestrickten »Stützeln« und grauen Fäustlingen bekleideten Hände ineinander schlagend, der »Maronimann« vor seinem erglühenden Öfchen, von dem der feine blaue Rauch einem aufsteigend den köstlichen Duft der Kastanien entgegentrug. In den »Glacis«-Anlagen zeigten die spärlichen Laternen, die den gepflasterten, aber verschneiten Durchgang säumten, wie dicht schon die Nacht, die Nacht, in der sich das alte vom neuen Jahre scheiden sollte, über der Erde lag. Ein Blick zum Himmel empor zwischen den kahlen Bäumen machte ein andächtiges Schauern im Herzen rege: da oben blitzten die unzähligen Sterne, kalt und fern.

Bei Tante Laura in den hohen vornehmen Räumen – schon das langgestreckte Vorzimmer zeugte von achtunggebietender Wohlhabenheit – war's warm und hell von vielen Lampen. Großmutter saß schon auf ihrem Sofaplatz. Allmählich fand sich die Familie vollzählig zusammen. Auch entferntere Angehörige vereinigte der gastliche Abend. Das Herumstehen, das verbindliche Händereiben dieses und jenes minder vertrauten Verwandten hatten etwas geradezu Feierliches. Aber da war auch der als der jüngste seit je zum Lieblingsonkel erkorne, ein gutmütig-offenherziger Mensch, den das Leben, als er wehrlos ihm ausgeliefert war, zerrieben und vernichtet hat. Damals hielt ihn noch, festgegründet und warmumkleidet, der eng- und hochaufragende Bau der Muttersippe, dem er wie ich angehörte, in seinem wohltätigen Bann. Er war, in seinem ganzen Wesen empfänglich und dankbar empfangend, ein geborner Musiker. Was ihn mir nahebrachte, war seine kindliche Seele. Unbewußt beherrschte ich den gern Unterwürfigen. In jenen Jahren empfand ich seine Vertraulichkeit als Steigerung meines Selbstgefühls. Seine Freundschaft machte mich stolz. Bei solchen Familienzusammenkünften mußte er an meiner Seite sitzen, diesseits der abgelegenen »Großen«.

Das Abendessen war wie stets zu solchen Gelegenheiten köstlich. Aber Kinder sind im allgemeinen, wenn es sich nicht um Süßigkeiten handelt (mir waren auch diese gleichgültig), für Tafelfreuden unempfänglich. Um so ungeduldiger sah ich dem Ende der nur allzu behaglichen Schmauserei entgegen, da der abgedeckte lange Tisch einer ganz anderen Bestimmung dienstbar gemacht werden sollte. Es wurde nämlich von zehn Uhr bis gegen zwölf, das heißt bis zu dem feierlich-bewegten Augenblick, da der rote Punsch gebracht wurde und man sich mit dampfenden Gläsern zur Begrüßung des neuen Jahres anschickte, Tombola gespielt, ein Spiel, das nicht zuletzt einer durch Neugierde und Überraschung an seltsamem Reiz erhöhten Bescherung der Kinder gleichkam: denn Tante Laura ließ sich's nicht verdrießen, uns durch frommen Betrug als Gewinst zuzuschanzen, was uns an Bleistiften, Merkbüchern, Brieftäschchen und dergleichen Brauchbarkeiten zugedacht war. In späteren Jahren trat an die Stelle der Tombola ein einfaches Kartenspiel als Glückshafen.

Die Mitternachtsstunde war herangerückt. Die Schlußrunden wurden übereilt: noch gab es einen ansehnlichen Rest von länglichen und runden Päckchen, die an den Mann zu bringen waren. Endlich galt es keine Zeit mehr zu verlieren. Der große geschliffene Punschnapf war auf der »Kredenz« aufgestellt, die Gläser füllten sich unterm Schöpflöffel. Die mächtige Standuhr mit dem vergoldeten Zifferblatt holte zum Schlag aus. Die verschnörkelten Zeiger standen über der Zwölf. »Prosit Neujahr!«

Es war doch immer wieder ein eigentümliches Gefühl. Und nicht nur, weil die am 2. Jänner wieder einsetzende Schule im neuen Jahr ein so grundverschiedenes Gesicht zu haben schien. Überhaupt versuchte man, möglichst wenig an die Schule zu denken. Es lag ja noch ein ganzer heller Feiertag dazwischen, freilich einer, dem es, genau besehen, an jeglichem Reiz gebrach, ein pflichtschuldiger Feiertag gleichsam, an dem der dicke Blockkalender mit der glutroten Eins als verheißendes Titelblatt vielleicht das einzige bemerkenswerte Erlebnis abgab. Aber noch weilte etwas von der schwermütigen Verlassenschaft des verklungenen Jahres wie ein zerrissener Nebelschwaden in der kalten Luft, in die man jetzt, so spät oder so früh wie niemals sonst, hinaustrat, ehe die Wagentüre sich hinter den auf einmal nach Hause Drängenden schloß.

Wie seltsam war der »Große Platz« im Mondlicht! Aber noch seltsamer wirkte das lärmende Treiben der einem in Scharen ab und zu begegnenden Menschen mitten in der nächtlichen Stadt. Und die Heimkehr in die so lange verlassene Stube, in der dieses und jenes Gerät noch gerade so dalag oder dastand, wie man es im alten Jahr verschoben hatte.

Der gipserne Schutzengel überm Bette mit der abgeschlagenen Fußspitze breitete still seine Flügel aus. Die alte Uhr tickte. Im Kachelofen glimmte es. Und das Herz war einem schwer von einer Bangigkeit, die all dem galt, was hinter einem versunken war: Weihnachten war mit dem alten Jahr erloschen. Das neue hatte sein eigenes Weihnachten, und das barg sich ganz unten am Kalender unter einer Schicht von vielen, vielen Blättern.

 

Der Leser

Ich hatte einen Großoheim, der den liebenswürdigsten, behaglichsten Leser verkörperte. Bis in sein siebenundachtzigstes Jahr hat er täglich seine Flasche Rotwein getrunken, seine unaufhörliche Zigarette geraucht aus langem Pfeifenrohr, an dem ein Meerschaumkopf sich bräunte. Weißes schlichtes Haar lag sanft um die leicht gerunzelte Stirn, ein dichter weißer Schnurrbart deckte die Oberlippe, auf der feinen gebogenen Nase haftete mit tiefem Einschnitt die blanke Brille. Er war ein großer Jäger gewesen und auch sonst geräuschvoller Lust nichts weniger als abgeneigt, ein Zecher und Gelegenheitssänger, trotz der zärtlich grollenden Gattin, die sich hinfällig nur durch die spiegelnde Wohnung schleppte, aber, wie sie jeden zweiten Abend in stattlichem schwarzen Seidenkleide die Stammloge im Stadttheater beherrschte, allwöchentlich ihrer Spielgesellschaft am Whisttische vorsaß und in freundlicher Würde Sonntags mit eigenen Pferden über Land fuhr.

Onkel Christian, ein gutmütiger Brummer, ja, unterweilen heftig auffahrend, ein ausgiebiger Grobian, stammte aus Pommern, von der Insel Usedom und war, aus unbekannten Gründen, in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts nach Brünn in Mähren gelangt, wo er eine Kratzen- (mit Stahlstiften nach Bürstenart besetzte Lederstreifen) und Riemenfabrik begründete und es zu Ansehen und Wohlstand brachte. Er baute ein zweistöckiges Haus am Glacis, den ehemaligen Festungswällen der uralten Stadt, heiratete aus eingesessener Bürgerfamilie eine ältere Schwester meiner Großmutter mütterlicherseits und legte einen kleinen Garten an, der, meiner Kindheit tägliches Ausflugsziel aus der engen Stadt, mit seinen Tannenbäumchen, Rosenstöcken und der Weinlaube ihr Paradies bedeutet hat. Ein unbefangener Lebenskünstler, ohne die Spur von Habsucht und Sparsinn, schenkte der kleine rüstige braun-rotbäckige Mann, der sich selbst nichts an Annehmlichkeit versagte, auch andern gern, zumal einer zweiten Schwägerin, die, wie die ganze Sippe, in das geräumige Haus gezogen war, die schönen großen Bücher, die sie sich wünschte; denn er hielt auf Bücher, wenn er sie auch selbst nicht sammelte; außer damals beliebten Zeitschriften, wie »Die Gartenlaube«, Der Kickericki, der Dorfbarbier, die er jahrgangsweise binden ließ und in einen riesigen Glaskasten stellte. Aber er entging dem Schicksal nicht, das er sich, als er noch in Weidwerk und fröhlicher Tafelrunde sein Genügen fand, nicht hatte träumen lassen: er ward ein Leser, wie seit Don Quijote mir wenigstens keiner untergekommen ist. Und das ergab sich, vorbereitet wohl durch »Die Gartenlaube« und ihre Verwandten, scheinbar ganz von selbst, obwohl dem näher Zublickenden, genauer Forschenden die äußeren Gründe zur umstürzenden Änderung einer bis dahin kaum anzuzweifelnden Lebensweise sich nicht versagen mochten.

Onkel Christian hatte infolge eigener Sorglosigkeit nicht nur, sondern vor allem durch Leichtsinn und Unglück eines andern Oheims aus der jüngeren Geschlechtsreihe, dessen großangelegtes Unternehmen mit dem seinen geldlich zusammenhing, sein Vermögen eingebüßt, das idyllische Fabriklein, dessen den Tag durchstampfende Dampfmaschine ich mit ehrfürchtigem Staunen betrachtete, auflassen und sich in die Abhängigkeit einer reich verheirateten Nichte begeben müssen, die das Stammhaus erwarb und erhielt, dem verwitweten, kinderlosen Alten darin auf den dämmrigen Lebensabend Unterkunft und Auskommen gewährend. Mit einer treuen Köchin und den Resten eines dauerhaften Hausrats, einigen Hirschgeweihen und Bockgehörnen sowie der hinterbliebenen kleinen Leiter eines verendeten Papageis, auf der dieser von seinem Standstock, wenn der Käfig entfernt worden war, überstürzten Laufes hinabzusteigen pflegte, zog sich der allmählich vereinsamte Greis in eine vom Hof aus über ein gewundenes Steintreppchen zugängliche sonnenscheinerfüllte Wohnung zurück und ward zum Leser.

Er hatte sich, auf den Rat, wenn ich nicht irre, meiner gleichfalls dem Lesen seit jeher wohlgeneigten Mutter, in der bewährten Bücherleihanstalt einer großen Buchhandlung als Abnehmer einschreiben lassen und bezog nun vor allem die ihm von den Frauen der Familie empfohlenen Werke, nachdem er aber einmal auf den Geschmack geruhigen stundenlangen Lesens gekommen war, nach eigenem Gutdünken und geleitet sowohl von Erinnerung wie Spürsinn, Bücher, die ihn durch den Umfang ihrer Ergiebigkeit an Abenteuern entzückten, sämtliche Romane von Alexandre Dumas père und Eugene Sue (in deutscher Übersetzung versteht sich), desgleichen die von Jules Verne, die gesammelten Schriften von Gerstäcker und Sealsfield, Capitän Mayne-Reid und der Louise Mühlbach wie der Marlitt, die Waise von Lowood und den Irren von St. James und so allgemach das ganze Rüstzeug einer auf breitem Vätererbe errichteten altmodisch-zuverlässigen Leihbibliothek aus Wilhelm Raabes Zeiten. Und der mit einer wahren Leidenschaft in sein Tageswerk vertiefte Leser begnügte sich nicht damit, auf solche Art flüchtige Eindrücke früherer minder standhafter Leserei aufzufrischen, sondern er befestigte sie durch emsige Wiederholung, vielmehr: ihm war stets aufs neue neu, was er aber und abermals von diesen spannenden und fesselnden Erzeugnissen der üppig wuchernden Einbildungskraft geborener Erzähler seinem an Gedächtnis erlahmenden, jeweils frischweg erlebenden Geiste zutrug.

Mein Beruf hatte mich längst von der Heimat entfernt. Aber solange meine Eltern, solange die Mutter lebten, war ich, sooft ich abkommen konnte, in die geliebte Stadt am Spielberg gereist, und niemals hab ich es versäumt, den Großonkel aufzusuchen. Er erkannte den Liebling sofort, begrüßte mich gerührt, aber alsbald auch wies er mich als auf etwas nicht zu Vernachlässigendes, Lohnendes, auf das eben vor ihm an die alte Papageienleiter gelehnt aufgeschlagene Buch. »Lies das!« sagte er fast aufgeregt. »Das ist hochinteressant!« Und es war, da ich, seiner Einladung folgend, den schwarzen Band mit dem gelben Titelzettel zur Hand nahm, Der Graf von Monte Christo oder Maria Theresia und ihr Hof ... Sonne lag auf dem breiten weißlackierten Fensterbrett, Sonnenstreifen zitterten und wallten stäubchenflimmernd über den Tisch, an dem der gute Alte, die Schlummerrolle hinter sich, auf dem schwarzbelederten Kanapee saß, seit Jahren saß, tagaus, tagein, während mich drüben in der großen Stadt das hastende Leben in seinem lärmenden Wirbel um und um riß ... Blank wie sonst blinkte die Brille auf dem schmalen Nasenbügel, freundlich-lebhaft forschten die lieben blauen Augen in meinen, ob ich wohl vom Lesen aufblickend seinem Beifall zustimmte ... Und so ist er eines Tages hinter seinem Buch in der Gesellschaft d'Artagnans oder der Jane Eyre auf immer entschlafen ...

 

Der Zusammenhang der Dinge

Eine unerquickliche Geschichte ohne Moral

Manchmal hör ich die Pferde noch, wie sie aus dem kleinen gepflasterten Stallhof in die widerhallende Einfahrt stampfen. In meinen wachen Träumen, die so gern und so traurig in der Heimat, in der Kindheit weilen. Es ist lange her, mir aber so seltsam nah in seiner gleich einer verschleierten Gegenwart beängstigenden Wirklichkeit, daß mir alles, was mein sogenanntes Dasein ausmacht, dagegen fremd und fast fern scheint.

Das Haus, durch dessen Torgang die großen Schimmel mit wuchtigen Tritten polterten, hat Onkel Karl gehört, dem reichen alten Fabrikherrn, der sich aus unserer Mitte die schöne junge Tante Laura geholt hatte. Wir, das waren die Unzertrennlichen: Großmutter und alles, was ein minder prächtiges, aber nur um so heimlicheres Haus an lebensfrohen Gliedern einer dort seit Jahren vereinigten Familie bis unters Dach erfüllte. Wir, das war der Kern, aus dem die kleine Welt meiner Jugend erwachsen war, die wundervolle Welt der großen Liebe. Diese kleine Welt hatte ihren eigenen Himmel, der über ihren engen hütenden Wänden so hoch stand wie der Himmel der großen Welt, der Welt der anderen: unsern Himmel.

Es war ein Einbruch in diese Welt geschehen, als sich der alte Herr mit diesem schwarzen Schnurrbart – der sich merkwürdigerweise eines Tages, wohl auf freundliches Zureden der Gattin, in einen weißen verwandelte – unsere Tante Laura holte. Aber er konnte immerhin auf einige Dinge hinweisen (wenn er's auch beileibe nicht tat, dazu war er viel zu bescheiden in seiner Vornehmheit), Dinge, die wir nicht besaßen und die nun ohne weiteres sich uns zur Verfügung stellten: das große Haus jenseits der Glacis-Anlagen mit allem, was es an angestaunten Schätzen enthielt: das Vogelzimmer und die vielen hohen Türen, durch die man auf glänzendem Getäfel und an manchen kühlen Spiegeln vorüber eine Reihe von bildergeschmückten Räumen beschritt, den stillen kleinen Hof mit dem efeuumrankten Wandbrunnen, das Stallgebäude und die ehrfurchtgebietenden Rotschimmel, die bald einen gelben Kutschierwagen, bald die »Equipage« zogen, sommers die schlanke, leichte offene, im Winter die blank verglaste geschlossene, deren Türen so fest in ihre Fugen klappten.

Und so war uns der neue Onkel, der sich zu den Vertrauten des Familienhauses als ein unvermuteter Eindringling zunächst nicht hatte schicken wollen, bald gewohnt worden, zumal da unsere Tante Laura, der er wie seiner geliebten Herrin begegnete, nicht nur die alte geblieben war, sondern, in der ungleichen Ehe selbst nicht mit Kindern gesegnet, uns – und das sind diesmal insbesondere wir zwei Kinder, ich und meine jüngere Schwester – all ihr Besitztum freundlich mitgenießen ließ, Haus und Hof und den herrlichen Garten, der sich um ein neuerrichtetes Landhaus vor der Stadt prangend mit Blumen und Fruchtbäumen weithin erstreckte, Wagen und Pferde.

Diese aber vor allem bedeuteten mir die Wonne des begnadeten Daseins. Und noch heute hör ich sie in der Einfahrt dröhnend stampfen, wenn nachts der Wagen vor die Treppe gefahren war, der uns heimbringen sollte. Da tritt – ich seh ihn leibhaft – ein kleiner rundlicher Mann in rotgesäumtem grauen Schlafrock, unter dem die weißbekleideten Beine in schlurfenden Filzpantoffeln hervorhasten, aus der rasch geöffneten Türe seiner an der Stiege gelegenen Behausung dienstwillig an den Wagenschlag. Es ist der Hausmeister, Herr Hanuschka, Maurermeister im Hauptberuf, Obmann mehrerer Vereine und auch sonst, was uns Kindern einigermaßen märchenhaft scheinen will, da er »Küß die Hand« sagt und das »Sperrsechserl« grinsend in Empfang nimmt, ein gewichtiger Bürger, jedenfalls aber, denn das sehen wir, Vater einer zahlreichen, fast unüberblickbaren Nachkommenschaft, von der es wiederum rätselhaft bleibt, daß sie sich insgesamt in dem einen Zimmer unterbringen läßt, das die Wohnung des betulich-beweglichen Männleins ausmacht. Wir Kinder bewundern Herrn Hanuschka, wenn er bei Gelegenheit als Maurer auftritt und sich in seiner raschen, redseligen Art so ganz anders unter seinen Handlangern ausnimmt als mit der gestickten Hauskappe dienernd am Wagenschlag, während oben auf dem Bock, bis über die Ohren in seinem ungeheuren Pelzkragen versteckt, der alte Johann die selbst um diese Nachtstunde ihm von mir beneideten Zügel mit den handschuhumhüllten Händen aufgreift und sie sich mit einem Herrscherruck unter den gelüfteten Sitz legt. Manchmal tauchen am schmalen Fenster der Hausmeisterwohnung neugierige Köpfe auf, die sich offenbar aus einem reichlich besetzten Bett erheben. Wir wissen von diesen uns nicht unbekannten Köpfen, daß Tante Laura in ihrer geradeaus gehenden Art der Herrin von altem sichern Schlag sie bisweilen eindringlich zur Rede stellt, ob sie denn auch brav die deutsche Schule besuchen, denn Tante Laura macht auf ihre wirksame Weise »nationale Politik« und weiß ihre Mahnung mit dem verheißenden Geschenk eines lockenden Guldens zu unterstützen. Die Hanuschka-Kinder sind denn auch – wenigstens bis auf weiteres – ihrer anderssprachigen Herkunft abtrünnig geworden und haben die deutsche Schule besucht. Was bei dem einen von ihnen ein sonderbares, im Grunde klägliches Schicksal bedingte. Im Zusammenhang mit Umständen, die einzig und allein mir zur Last fallen. Das aber will ich in Kürze erzählen, weil es mir nach vielen Jahren wieder einmal mit den polternden Hufschlägen der geliebten Rotschimmel durch den Sinn gegangen ist.

Der älteste Hanuschka hätte das ehrsame Handwerk seines Vaters erlernen sollen. Aber er schlug andere Wege ein. Sattsam erstaunliche. Wohin sie ihn geführt haben, weiß ich nicht. Ich kenne nur den Anfang. Jahrelang waren wir aneinander vorbeigegangen. Ich hatte bemerkt, daß der hagere, blasse, rothaarige »Hansi«, der um etwas älter sein mochte als ich, uns, häufigen Besuchern des Hauses, dessen Pforte sein Vater bewachte, auszuweichen pflegte; aber das waren wir an den männlichen Sprossen der Wohnung an der Treppe allgemach gewohnt worden, während die weiblichen, zumal die als geschickte Schneiderin in der ganzen Familie beliebte Kathi, uns in der Eigenschaft williger Gehilfinnen da und dort immer wieder begegneten.

Ich hatte das Gymnasium hinter mir und stand vor der Wahl des Lebensberufes. Ohne sonderliche Neigung, aber auch ohne Schwanken entschied ich mich für das Rechtsstudium, das mir die tauglichsten Aussichten auf eine angesehene Stellung zu bieten schien. Doch bis dahin hatte es noch gute Weile. Inzwischen war ich längst entschlossen, die seit der Kindheit quellende poetische Ader nicht zu unterbinden. Im Gegenteil. Mit knapp achtzehn Jahren veröffentlichte ich ein Büchlein Verse, dessen Erscheinen in der an derlei Allotria eines wohlgeborenen Haussohnes nicht gewöhnten Vaterstadt begründetes Erstaunen Wohlmeinender hervorrief. Das rosarot gewandete Bändchen war in einem solchem scheinbar unschädlichen Beginnen nicht abgeneigten Dresdner Verlag auf Kosten des Verfassers an den Tag getreten. Die gute Tante Laura hatte den unverfrorenen Anschlag auf die öffentliche Meinung durch die dazu erforderlichen Geldmittel arglos gefördert. Kurz: in der Stadt, die seit Menschengedenken nur auf einen langgelockten greisen Vertreter zweckloser Beschäftigung hinzuweisen in der Lage, jedoch dazu keineswegs geneigt war, in dieser ordentlichen Stadt, die wohl ein Wetterhäuschen, aber nicht das mindeste Verlangen nach Denkmälern ihrer Mitbürger besaß, war, und zwar, wie binnen kurzem verlautete, mit dem Anspruch ernst genommen zu werden, ein junger Mensch, dessen Vater sich bisher der allgemeinen Achtung erfreut hatte, als lyrischer Dichter aufgetreten. Da ich mich seither bereits außer Landes auf der Hochschule befand, war ich der unmittelbaren Mißbilligung entgangen. Daß der beliebte Samstagabend-Humorist mich im Blättchen mit einer durch die gebotene Rücksicht verdünnten Lauge seines Lokalwitzes übergossen hatte, war mir gemeldet worden. Immerhin schien das Unternehmen glimpflich abgelaufen. Aber der geheimnisvolle Zusammenhang der Dinge sollte an ungeahnter Stelle seine Unentrinnbarkeit erweisen.

Eines Tages erhielt ich durch die Post ein Päckchen zugesandt, nach dessen Eröffnung ich ihm, dem Zusammenhang, von allerlei Empfindungen bewegt, nachgesonnen haben mag. Ich weiß es heute nicht mehr, ob ich damals schon zur Betrachtung des Lebens vom besonderen Anlaß mich bestimmen ließ. Ich weiß nur, daß das Päckchen ein Büchlein enthalten hatte, rosarot gewandet wie das meine, vom selben Verlag und mit denselben Druckbuchstaben ans Licht gebracht und »Johann Gottfried Hanuschka, Gedichte« betitelt. Ich weiß auch, daß ihm gleich meinem eine Ankündigung beigelegt war, die mit nicht minder preisenden Worten den Verfasser der Leserwelt empfahl. Und daß der Inhalt des Bändchens an Albernheit und Sprachwidrigkeit die ausschweifendste Vorstellung übertraf. Barer Blödsinn torkelte durch ein Gereime, das die Grundbegriffe von Sprach- und Verslehre mit der Ahnungslosigkeit eines Kindes und Wilden Lügen strafte. Und diese jammervolle Unsäglichkeit war gedruckt worden und erhob, wie ein verspäteter Begleitbrief des Verfassers in schwülstig-unbeholfenen Wendungen bekundete, Anspruch auf schriftstellerische Geltung, insbesondere oder zunächst wenigstens bei mir, den der Hausmeister-»Hansi« von einst als den beispielgebenden Vorgänger des Gleichstrebenden begrüßte. Als mein verzerrter Schatten wandelte der Dichter Johann Gottfried Hanuschka durch die Heimatstadt.

 

Pfingstrosen

Eine Abendstimmung aus Kinderzeiten

In dem großen Garten, der meine glückliche Kindheit traulich umrauschte, blühten alljährlich in mächtiger Fülle altmodische Pfingstrosen. Sie konnten es in keiner Weise aufnehmen mit den unzähligen vielfarbigen »wirklichen« Rosen, die hoch an Stöcken und in sanft wiegenden niedrigen Sträuchern die Wege säumten und deren seliger Duft zumal am Abend, wenn der Gärtner reichlich Wasser verspritzt hatte, die kühlere Luft in ein mit köstlichstem Gehalt begnadetes Lebensheilmittel verwandelte. Aber sie ließen sich ihr Recht, auf ihre minder adelige Art den Frühling zu feiern, darum nicht nehmen und hielten ersichtlichermaßen als eine daseinssichere und behagliche Gruppe kernhafter Geschöpfe zusammen. Sie waren nicht übermäßig beliebt unter den Insassen des Gartens, deren es in drei Altersstufen eine kleine Anzahl auf verschiedene Weise seines Reichtums sich erfreuender Gestalten gab. Die Großmutter wandelte gern einsam und auf abgelegenen Pfaden nach Sonnenuntergang langsam umher. Der Oheim, ihr Schwiegersohn, aber älter als die, der er »Mutter« sagte, saß am liebsten vor dem großen Wasserbecken, das den sanft zum Haus hinansteigenden Rasen, buchsumwuchert und schilfbestanden, krönte. Ab und zu gesellte sich auf eine Weile die bewegliche Tante ihrem stets für die zärtliche Begegnung dankbaren Gatten, um dann wieder raschen Schrittes, mit aufmerksamen Blicken auf den Stand der stolz gehegten Blumenzier ihren Rundgang aufzunehmen. Wir zwei Kinder aber waren bald da und bald dort, wettlaufend bis zum Brunnen unter den Kastanienbäumen oder auf Abenteuer hinter den dichten Büschen schleichend, manchmal die schweigsame Großmutter einholend, manchmal an die freundlich auf Fragen antwortende Tante gehängt. Ein großer weißschwarzzottiger Hund – Boy hieß der Gute – folgte uns vertraut.

Pfingstferien: es waren nur vier Tage, aber mit der ganzen Wonne des schon zum Sommer neigenden üppigen Frühlings gesättigte, wunderbar lange Tage eines im Augenblick den Gehalt einer Ewigkeit erschöpfenden Kinderdaseins.

Wir standen unter den über uns empor entfalteten Pfingstrosen, die Großmutter, wie uns scheinen wollte, immer nur mit einiger Geringschätzung betrachtete. Eine Amsel flötete in den fast farblos hochgespannten Himmel. Etwas von jener seltsam ans tiefste Herz greifenden Wehmut war in unserm Schweigen, wie sie Kinder mitten im Glück ihrer Sorglosigkeit als das Ahnen eines irgendwo sich im Dämmer bereitenden Abschieds empfinden. Der Abendhauch trug die weiße Säule des Springbrunnens leicht schleiernd aus ihrer steilen Richtung. Fern vom Wald, den uns die gedrängt ragenden Bäume jenseits des schon verschatteten Weges verbargen, klangen gedämpft verschwebende Töne von Hörnern. Still, ins leise Plätschern sinnend versunken, sah ich den Oheim sitzen: wie weiß sein Haar war! Fast ein Fremder schien er mir ... Da löste sich mit einem kurzen, kaum vernehmlichen, dennoch seltsam eindringenden Laut die blaßrosa halbkugelig gewölbte Blüte einer Pfingstrose über mir vom Stiel und zerfiel weichwallend in ihre Blätter ...

 

Zweiter Teil
Reisen und Welken

 

Vom Tode des armen Dackls

Es ist ein Viertel nach zwei Uhr. Vor zwei Stunden ist mein Dackl überfahren worden. Bald darauf ist er gestorben. Nun liegt er längst, immer in der gleichen steifen Haltung auf dem rot und grün gemusterten Sofa im Ankleidezimmer und unser Leben hat einen Riß ...

Denn das Leben sind Beziehungen. Beziehungen, sonst nichts. Wir hatten alle zu unserm Dackl eine Beziehung, der eine mehr, der andere weniger, die innigste jedenfalls meine Frau, die auch ganz verstört ist. Sie hat heftig geweint und ist voll Bitterkeit. Bei mir ist es Wehmut, aber eine sehr tiefe Wehmut, die mit der Weltverneinung verwandt ist. Und fortwährend muß ich in mir selbst nachgrübeln. Und wenn ich mich meiner Frau nähere, hab ich ein Gefühl der Scham, des bohrenden Selbstvorwurfs. Denn als er mit mir war, ist es dem armen Dackl geschehen. Sie hat noch nichts Näheres von den Umständen erfahren. Ich weiß nicht: will sie überhaupt nichts davon wissen oder nur jetzt nicht. Sie ist ganz verstört. Und heut ist Sonntag, mein freier Sonntag, der, der nur alle paar Wochen einmal wiederkehrt und auf den mein Bub sich immer so freut. Ihm zuliebe bin ich ja auch heut ausgegangen. Und da ist das mit dem armen Dackl geschehen.

Vier Uhr. Ruhelos wandere ich auf und ab. Wir haben gegessen wie gewöhnlich, ich habe meinen schwarzen Kaffee getrunken vor dem Kamin. Unser Jonathan, der Bulldog, hat sich ans Feuer gelegt, scheu den Korb meidend, wo sonst sein Gefährte, der arme Dackl, gelegen hatte. Er mied ihn sonst wohl auch, da er den Dackl immer ein wenig scheute. Aber heute scheint's mir, scheint mir wohl nur so, als sei ihm bang um den Dahingegangenen, der drüben im Ankleidezimmer starr und steif liegt, mit schmerzgebleckten Zähnen; ich habe schon oft seither vor ihm gestanden und hab ihn auch angerührt und hin und her gewendet mit einem schnürenden bitteren Gefühl im Hals und in der Brust. Eben eilt, froh des erhaltenen Urlaubs, der Diener weg, stürmt, mehrere Stufen auf einmal nehmend, hinunter. Und er hat den armen Dackl doch täglich gebürstet, ihm den Beißkorb umgegeben, wenn er, glücklich wedelnd, kaum vor Freude sich lassend, sich zum Spaziergange bereit zu halten hatte. Vom Erkerzimmer herüber – ich sitze im Bücherzimmer und schreibe dies, eine Zigarette zwischen den Fingern – dringt die Stimme meines Buben: er spielt, laut und unaufhörlich sprechend, mit seinen Akrobatenfiguren. Es dämmert längst. Ein fahles gelbes Licht schleicht in allen Zimmern; der Himmel steht müd, blaugrau über den Dächern. Manchmal schlagen da und dort Uhren: die kleine englische im Erkerzimmer, die alte aus Urgroßmuttertagen im Zimmer meiner Frau nebenan, die große Standuhr im Speisezimmer, sie, die noch den Vater des Dackls gekannt hat, der genau so zugrunde gegangen ist wie der derbere und wärmere Sohn, denn der feine schmale »Jim« hatte sich nie so recht an uns gewöhnt, der »junge« »Jack« aber war so jung, damals, vor hundert, nein sieben Jahren ...

Neun Uhr. Gegen sieben Uhr hab ich ihn aus dem Gemach hinaus ins Vorzimmer getragen und auf einen Kasten gelegt, zu unterst seine kleine rot geränderte Decke, unter der er es immer so warm und behaglich hatte, und eine zweite kleine Decke, seinen winterlichen Ausgehmantel, über ihn gebreitet. Wie weh war es mir, als ich den kleinen Körper an mich hob. Lange Zeit schon hatte ich den guten Kerl nicht getragen. Und er war, so unfreundlich und abweisend er sich gegen Fremde verhielt, gegen uns und gerade gegen mich immer so zärtlich liebeverlangend gewesen. Wie selten hatte ich ihm einen Liebesbeweis geboten, besonders seit er krank, hinfällig geworden war, und namentlich deshalb, weil er meinen Liebling, den Bulldog, nicht eben durch Nachgiebigkeit verwöhnte. Nun liegt er oben auf dem Kasten, ein unscheinbarer, düsterer Haufen, abgetan, und sein Korb steht leer, sein Polster liegt leer. Nie mehr wird er mich freudig begrüßen, nie mehr an meinem Knie emporschmeicheln, der ich ihn meist abwehrend von mir gescheucht hatte! Ein schreckliches Wort: »Nie mehr!« Morgen aber wird er in einer kleinen Kiste, die zugleich seinen Sarg vorstellt, wieder einmal, nach langer Zeit wieder einmal, mit der Eisenbahn nach Mähren reisen, um im Garten beigesetzt zu werden, wo seine Herrin zu Hause ist. Denn wir wollen ihn nicht hier in der Großstadt dem Schinder ausliefern, nicht seinen armen kleinen leblosen Körper schänden lassen von der Roheit unfühlender Gewerbsleute. Meinem Buben aber hab ich erzählt, daß aus seinem Grab im nächsten Sommer vielleicht eine schöne starke blaue Blume wachsen würde, in der die Seele unseres lieben kleinen Dackls wohnen wird. Wo ist die Seele meines kleinen Dackls? Mein Bub hat altklug gesagt: »Bei den Menschen, die sterben, weiß man es. Die sind im Himmel. Aber Hunde – –?« Und ich meinte, daß es doch auch einen kleinen Vorhimmel, einen Hundehimmel geben könnte, was dem Kinde höchst vergnüglich zu hören war, mir aber gar nicht zu sagen ...

Ruhelos ist sein jahrelanger Gefährte, Jonathan, der Bulldog, umhergewandert. Und ich fürchte mich schon jetzt vor dem Blick, den ich nachts vom Bett zu dem Hundelager hinübersenden werde in die Ecke hinter dem Ofen, wo sie aneinandergeschmiegt immer gelegen haben, woher sie mich, wann immer ich nach Hause gekommen sein mochte, begrüßt hatten als Freunde, herzliche Freunde, menschlichere Freunde, als Menschen je sein können, da ihnen alle Nebengedanken, wie überhaupt die Gedanken, die bösen, alles Leben fälschenden Gedanken, versagt sind oder – erspart ...

Kinder sind recht gefühllos. Mein Bub hat zwei Äußerungen getan, die mir ins Herz schnitten. Zunächst die, daß er – ich weiß nicht, sollte es »Trost« sein für mich und für ihn selbst –, daß er meinte: »Er war ja blind.« Ich habe ihm heftig seine Roheit verwiesen. Aber er wird mich wohl nicht begriffen haben. Und die zweite Bemerkung war noch fremder, trübseliger: »Jetzt werden wir uns einen neuen Dackl kaufen«, sagte er, »und dann unsern Dackl vergessen.« Als ob es im Leben für einen solchen Freund Ersatz gäbe! Und als ich's ihm wieder verwies, meinte er großartig: »Man kann doch nicht das ganze Leben lang darüber traurig sein.«

Zehn Uhr nacht. Kein Mensch – das ist das Entsetzlichste im Leben der Menschen – kann dem anderen wirklich sein Gefühl nachfühlen. Mein Fall zum Beispiel: Mir ist ein Hund überfahren worden. Ein Hund, den ich viele Jahre besessen habe, der sich mir innig angeschlossen, dem ich tiefe Zuneigung entgegengebracht hatte. Sein Tod fand unter aufregenden Umständen statt. Ich sah ihn sich unter den rasenden Rädern winden, hörte ihn vor wahnsinnigem Schmerz schreien. Ich entfloh dem bejammernswürdigen Anblick des sich mühsam nach seinem zerstörenden Unfall Aufrichtenden. Ein Fremder kam ihm liebreich zuerst entgegen. Ein Fremder empfing ihn, der sich mit innerlich zerrissenen Gefäßen ans Ufer der Straße schleppte. Ich trat hinzu wie ein Neugieriger, nicht einmal wie ein Neugieriger: wie ein Ausgeschalteter. Ich ließ mich – so wenig hatte ich mich beteiligt – erst fragen, ob der Hund vielleicht mir gehörte. Und als ich unserm Dackl im Hausflur in der vom ersten Augenblick an bei mir zur Gewißheit gewordenen Überzeugung, es sei das Ende, wie zur Überprüfung meines vorweg gebildeten Urteils die geschädigten Körperteile befühlte, tat ich ihm, der wenige Sekunden darauf den Geist aufgab, noch den letzten Schmerz ... Nun laßt mich dies meinen Freunden erzählen, morgen im Amt vielleicht, oder den Verwandten, die unsern Dackl alle kannten und gern hatten, zumindest mit Wohlgefallen und Wohlwollen sahen: was wird der Eindruck sein? Ein mehr oder minder stark betontes Bedauern, ein Bedauern vor allem des armen Tieres, das so furchtbar gelitten haben muß. Aber kann jemand fühlen, mir nachfühlen, was ich verloren habe? Daß ein Riß, nein, ein Loch klafft im Gewebe meines Daseins? Daß alle Lust verhängt ist, daß alles kalt und reglos um mich herum steht, meine Tage wie angefault sind, ich von den schrecklichsten Ahnungen geplagt, von selbstquälerischen Vorwürfen schlimmster Art gepeinigt werde? Kann das jemand überhaupt für möglich halten? Ein Hund! Mein Gott, ein Hund! Man hat einen Hund, hat sich an ihn gewöhnt. Man empfindet seinen Verlust. Aber läßt man sich etwa weiter dadurch in seinen Gewohnheiten stören? Geht man etwa nicht morgen schon ins Theater, besucht eine Gesellschaft, feiert ein Geburtstagsfest? Meine Lieben, gewiß, so ist es. Man kann sich ja dem allen vielleicht auf eine kleine Weile entziehen, aber das Leben fordert einen, und über einem interessanten Brief, einer schönen Musik, einer unangenehmen Mitteilung aus der Familie ist der Hund vergessen, das heißt einigermaßen aus dem Gesichtsfelde gerückt. Aber ist es überhaupt im Leben anders? Was zerstört denn wirklich das Leben eines Menschen? Und glaubt mir also, daß ein Hund durch seinen Tod eine Lücke reißen kann in das Gewebe des Daseins, so eingreifend, so unheilbar wie der Tod eines nahen Anverwandten. Und noch eins: niemand kann sich dir so unbedingt ergeben wie ein Hund. Niemand widmet sich dir so ganz und gar wie ein Hund. Ein Freund? Verzeiht, wenn ich geradezu hohnlächle! Ein Freund! Wie fern steht der dir: befrage dich selbst. Aber der Hund, den du auferzogen hast oder der dir in einem Alter, da er sich noch freundlich anzuschließen fähig war, ins Haus gebracht worden ist, ist dein. Er, der so teilnahmslos, scheinbar, am Kaminfeuer in seinem Korbe liegt, er, den du mehr oder weniger ruhig deinem Bedienten zur Obhut überläßt, wenn du dich auf Stunden, auf Tage, auf Wochen, auf Monate von der Wohnung entfernst, er ist dein Geschöpf, dein liebendes Geschöpf. Und deshalb hast du Pflichten gegen einen Hund, der dich liebt, wie gegen keinen Freund, der dich nie so lieben kann. Und ich habe diese Pflichten verabsäumt. Ich habe, obwohl ich doch wissen mußte, immer wissen mußte, daß mein Dackl nicht mehr ganz fähig war, sich den Gefahren der Straße gegenüber auf der Hut zu halten, ihn hinter mir hergehen lassen auf einem Straßenübergange, ohne die äußerste, ja ohne überhaupt irgendeine Vorsicht walten zu lassen. Gewiß: es war kein Wagen in der Nähe und ich führte meinen kleinen Buben an der Hand, ich plauderte, ich sah dem andern, uns vorauseilenden Hunde zu und nach; gewiß, aber das ist alles keine Entschuldigung dafür, daß ich den armen kleinen Dackl außer acht ließ, der hinter uns hertrottete, ängstlich sicherlich, ja voll beständiger Furcht vor Unfällen, gescheit und mißtrauisch wie er war. Und da geschah das, was ich jetzt in einem hohen, metaphysischen Sinn wie ein Verhängnis, wie ein Schicksal, wie eine Strafe empfinde. Ich war zu froh gewesen durch einige Tage hindurch, zu leichtsinnig, zu lebensüberhebend. Ich scherzte noch gestern nacht, trank Sekt, ließ mein Auge tändelnd an Weibern hängen. Und auch heute, als ich mit meinem Buben spazieren ging, noch wenige Minuten vor dem schrecklichen Unfall, war ich voll Selbstbewußtsein, eitel, ich grüßte einen Bekannten und seine schöne Frau, die mich mit meinem Buben wohlgefällig betrachteten, ich behagte mir in meiner Rolle, ich unterstrich sie, indem ich, den Buben an der Hand, den Hunden pfiff, die um mich her waren. Hätte ich zwei Minuten später gepfiffen! Hätte ich meinen Kopf frei gehabt von den Eitelkeitsgedanken dieses Augenblicks, der letzten Nacht, der letzten Tage, das unschuldige Opfer wäre nicht gefallen, das Schicksal hätte sich nicht zur Wolke über mir geballt, aus der der Blitz den kleinen Dackl getroffen hat.

Aber, unabwendbares Schicksal, ich soll dir ja noch danken. Wie nah war ich weitaus Entsetzlicherem: hätte es nicht mein Bub sein können! Ein Quentchen mehr Eitelkeit, ein Quentchen mehr an Unfreiheit in Körper und Kopf von der Nacht her, und ebenso, wie ich ganz besinnungslos dem Tode meines Hundes zusah, hätte ich vielleicht dem Tode meines Buben zusehen müssen. Gnädiges Schicksal, du hast mich gewarnt. Ich will demütig sein und alles abtun von mir, was an mir eitel und vermessen ist und allzu leichtfertig und sinnenfroh!

Auf wie lange ...?

 

Ritter Ork

Ein Kindermärchen

»In einem See, sehr groß und tief,
ein böser Drach sich sehen ließ ...«

Immer wieder mußte dem kleinen Georg der Papa das alte Lied vorlesen, und wenn er zu der Stelle kam, wo es von der Königstochter heißt:

»Wie sie so saß in Trauren schwer,
da ritt der Ritter Georg daher ...«

da hob sich ihm das Herz so hoch, man konnte es ordentlich sehen, wenigstens an dem Leuchten seiner guten blauen Augen, denn die Augen leuchten immer, wenn sich das Herz hebt. Ja, der kleine Georg wußte, daß ihm diese Worte galten: er war ja der »Ritter Ork«, wie er sich nannte, da er das schwere Wort Georg noch nicht so gut aussprechen konnte. Er war der Ritter Ork und mußte einmal die Königstochter vom Drachen befreien als ein frommer und tapferer Ritter ... Und mit heißen Wangen schlief er ein ...

Da trommelte es in der Lade des weißen Nachtkästchens, das neben dem Gitterbette stand. Ritter Ork horchte. Es war so still im Zimmer, daß er das Ticken der alten krummrandigen Wanduhr vernehmen konnte, das er sonst immer nur eine kleine Weile hörte, wenn das Licht ausgelöscht worden war und er die Augen noch offen hatte ... Es trommelte wirklich. Er mußte doch nachsehen. Sehr vorsichtig, mit beiden Händen an dem Messingringe ziehend, öffnete er die Lade. Da sprang die kleine Maus heraus, die er kannte. Denn sie knabberte meist allsogleich, wenn es im Zimmer finster geworden war, irgendwo neben dem Ofen oder dem Waschtisch oder an der Türe, die in Papas Arbeitszimmer führte. Sie setzte sich sehr zierlich auf die Hinterpfötchen, wie's die Eichhörnchen im Sommer taten, und sah ihn aus ihren runden Äuglein an. »Was willst du denn?« fragte Ritter Ork. Er fürchtete sich gar nicht. »Ja, du sollst doch aufstehen«, sagte die Maus. »Es ist Zeit.« Und da durchfuhr es den Kleinen. Die Maus brauchte nichts mehr hinzuzufügen: er wußte alles. »Da ritt der Ritter Ork daher ...« Er mußte also daherreiten ... Es war ein eigentümliches Gefühl, nicht so freudig, wie wenn am Weihnachtsabend die kleine silberne Glocke klingelte und einem das Herz schlug. Ihm schlug auch das Herz, aber anders. Er sah sich noch einmal im Zimmer um. Da lag der Herr Bär so behaglich in seinem breiten gelben Bett, zugedeckt mit der grauen rotgesäumten Decke, die Nase kerzengerade in der Höhe, und schlief. Neben ihm auf dem Schemelchen lagen seine Kleider, die graue Felduniform und der braune Tornister, denn der Herr Bär war im Feld gewesen, und am Bette standen seine braunen Schnürschuhe. Wenn wenigstens der Herr Bär ... Aber er unterdrückte sogleich diesen Gedanken. Auch Hippolyth la Trompe oder Kamp-Elefanto-Kamelos schlief, aber in seinem blauen strammen Röcklein und mit dem Lederriemen um den dicken Leib, denn das ging nicht auszuziehen. Er lag auf dem Rücken in der Ecke des kleinen mit geblümtem Stoff überzogenen Strohsesselchens, das sonst dem kleinen Georg selbst diente, wenn er an seinem Spieltischchen Platz nahm. Und Knotter, der braune Affe, schlief oder tat wenigstens so, denn er glotzte starr vor sich hin. Jakobus Schnellpfeffer aber, der kleinere Affe im gelbblauen Hosenkleide und dem gezackten Kragen, hatte den Kopf tief auf die Brust gesenkt und streckte die Beine weit von sich. Er saß im kleinen Schaukelstuhl, Knotter im strohgeflochtenen Lehnsessel. Auf dem Tischchen zwischen ihnen stand das graublaue Majolikakrüglein mit dem zinnernen Deckel; es sah so aus, als hätten sie alle unmäßig viel daraus getrunken. – Den Ritter Georg hatte auch niemand begleitet. Aber er war auf seinem Pferde dahergekommen. Und Attila stand doch in der »Galerie«, wo es finster und kalt war ... Nein, Attila stand ja neben dem Bette. Wie war denn der hereingekommen? Er sah sehr glänzend aus, obwohl er schon so alt war, daß sogar Papa als kleiner Bub darauf geritten war. Das Sattelzeug war so gut, wie man es jetzt gar nicht mehr machen kann. Aber der Schweif war ihm ausgerissen und lag irgendwo im Spielzimmer. Jetzt konnte er den nicht mehr suchen ... Da sprang das Türchen des Kapuziners auf, und es läutete sehr hell in der kleinen Kapelle. Wahrscheinlich war's Mitternacht. Obwohl man im Zimmer ohne Licht alles sehen konnte. Die Maus war verschwunden ... Georg schlug die Decke zurück und sprang mit beiden Füßen zugleich aus dem warmen Bettchen. Attila wiegte sich freudig. Aber Georg wußte, daß man sich anzukleiden hat, wenn man aufgestanden ist, und so sah er sich denn nach seiner Wäsche um, die immer auf dem aus seinen Säuglingsjahren stammenden Wickeltischkasten schön geschichtet war. Zunächst tat er seine grauen weichen Filzpantöffelchen an die nackten Beine, weil Papa es ihm streng verboten hatte, mit bloßen Füßen herumzulaufen. Dann wollte er die Strümpfe, Leibchen und Hosen herbeiholen ... Aber was war denn das? Auf dem Wickeltische lag ein doppelwölbiger Brustharnisch mit mehrgliedrigen geschmeidigen Oberschenkelklappen, und darauf stand ein richtiger Helm mit einer blauen und einer weißen Feder, genau wie ihn der Ritter Sankt Georg auf dem Bilde trug. Als der kleine Georg zitternd vor ängstlichem Glück die kalten metallenen Stücke aufgehoben hatte, trat ein Schild zutage, dreieckig, mit vergoldeten Randstreifen und mit geschraubten Buckeln beschlagen. Darunter ragte ein Schwert hervor. Ohne sich lange zu besinnen, wollte er den Panzer überziehen. Aber da fiel ihm ein, daß es denn doch angezeigt wäre, sich darunter wärmer zu kleiden. Und so zog er denn seinen roten Schlafrock an, schlüpfte in den Harnisch, der seitlich durch Riemen zu schließen war, gürtete das Schwert um, dessen Gehenke sich in der Mitte verhaken ließ, setzte den Helm auf und bestieg Attila. Die Strümpfe hatte er vergessen ... Kaum saß er in dem steilen und harten Sattel, als sich das Pferd in Bewegung setzte. Er brauchte gar nicht wie sonst durch heftiges stoßendes Wiegen dem holpernden fortzuhelfen, es schaukelte von selbst mit ihm davon. Die Türe mußte er ihm freilich öffnen. Aber in der »Galerie« schlug es ohne weiteres die Richtung zum Salon ein, wo der Christbaum stand. Durch das große Speisezimmer ging's. Und schon bemerkte Georg, daß im Salon, dessen Türen nur angelehnt waren, irgend etwas los sein mußte, denn Licht, wirkliches Licht schimmerte unter ihnen hervor. Er griff nach dem Schwert, erfaßte dann aber sofort wieder die Handpflöckchen, die zwar unpassend, aber tauglich dem Rosse rechts und links aus dem Halse hervorragten; denn die Fahrt war rasch, fast stürmisch geworden. Attila stieß die Türen mit dem Kopf auf. Der Christbaum stand in vollem Lichterglanz. Doch die Nußknackergesellschaft unter ihm – es waren alle vier vorhanden, die in den letzten Jahren zu Weihnachten sich eingefunden hatten – und die zwei Waldmänner, rauhe, aber liebe Leute mit Rindenhüten und breiten Bärten, bildeten eine aufgeregte Gruppe.

Das Kamel des einen der heiligen drei Könige lag auf dem Rücken und streckte steif seine vier Beine in die Höhe, auch einige Lämmer waren umgefallen, und die Hirten samt den Königen schienen sich in den Stall haben flüchten zu wollen, der freilich für so viele Gäste nicht genügenden Raum aufwies, stand doch schon die Krippe unterm niedrigen Eingang. Alles dies übersah Georg mit einem raschen Blick. Aber er sah, den entsetzten Nußknackern näherschaukelnd, noch mehr: Um den Stamm des Christbaumes schlang sich die schwarze Schlange, die sonst immer zusammengedrückt im Juxphotographierkasten stak. Nun wußte er auch, welchen Feind zu bekämpfen ihm bestimmt war. Aber wo war die Prinzessin, die gerettet werden sollte? Die Kerzen des Weihnachtsbaums brannten ruhig fort, die feinen Strähnen aus Gold und Silber glitzerten, Sterne, Kugeln, Glocken, Fische, Schiffe und Vögel, alles aus buntem Glasstoff, blitzten und funkelten, und die zierliche Kapelle, die noch von Papas Christbaum stammte, schimmerte aus dem grünen Versteck ganz dicht am hellen Stamm der Tanne – denn eine Tanne war es diesmal wirklich, eine richtige Tanne trotz Onkel Pepi und seinem Zweifel: das sah man doch ganz deutlich an der flachen Stellung der Nadeln ... Aber jetzt war nicht Zeit zu selbstgefälligen naturgeschichtlichen Betrachtungen, und die besondere Schönheit des strahlenden Baumes erhöhte nur die Feierlichkeit des ernsten Augenblicks. Denn jede Minute konnte irgendwoher das Angstgeschrei der geraubten Königstochter ertönen ... Georg hielt sein Roß an. Da fiel ihm ein, daß ihm ja die Lanze fehlte, die er dem Drachen tief in den gähnenden Feuerschlund zu stoßen hätte. Sein Schwert aber war zu kurz, um damit vom Pferde herab den ungleichen Kampf mit dem bäumenden Ungetüm aufzunehmen. Da galt kein Zögern. Er mußte absitzen und es zu Fuße mit dem furchtbaren Feinde ausmachen. Auch hierfür gab es ja eine Vorschrift, die schon der junge Siegfried befolgt hatte: man unterlief den Wurm und bohrte ihm in die Weichen die Klinge bis ans Heft ein. Etwas schwerfällig kletterte Ritter Ork aus dem Sattel, warf das Schild vor, rückte den Helm fester in die Stirn und zog das Schwert ... Da raschelte es in den Ästen des Tannenbaums, und die Schlange schob sich auf einen der nächsten Zweige bis fast an die dort befestigte Kerze heran. Der darunter baumelnde weiße Elefant in rotgestreiften Schwimmhosen geriet in heftiges Schwanken, und eine der feinen bunten Glaskugeln klirrte leise an den Kerzenhalter. Die Schlange aber tat wirklich und wahrhaftig den durchaus nicht ungeheuerlichen Mund auf, der in den schwarzen Taft geschnitten und rot eingesäumt war, und sprach: »Lieber Ritter Ork! Ich sehe, daß du entschlossen bist, mich zu bekämpfen. Ich bitte dich aber, mir zu sagen, warum, da ich dir doch nichts getan habe.« Ritter Ork konnte vor Verlegenheit nicht sogleich antworten. Die Schlange fuhr fort: »Ich habe keine Königstochter entführt und denke auch gar nicht daran, es zu tun. Denn zunächst ist eine Königstochter nicht in der Nähe, und dann wüßte ich auch gar nicht, wie man so eine Entführung anstellt. Endlich bin ich von Natur nicht blutdürstig, sondern bloß scherzhaft.« Ritter Ork sah ein, daß die Schlange recht habe, aber er wußte nicht, was er sagen sollte. Die Schlange fuhr fort: »Ich bin bereit, mich dir zu ergeben, damit du deinen Ritt nicht umsonst unternommen habest. Ich bin nur aus Neugierde auf den Christbaum gekrochen, und es ist mir außerordentlich peinlich, daß sich die Herren da unten darüber so aufregen.«

Die Nußknacker und die Waldmänner murmelten etwas, das klang, als ob von Aufregung nicht die Rede sein könnte, daß aber ihre Nachtruhe ... das übrige blieb unverständlich. Nun mußte Ritter Ork unbedingt etwas erwidern, zumal da seine Unternehmung vor so vielen ehrenwerten Zeugen vor sich gegangen war. Er sagte also halblaut, er nehme die Unterwerfung der Schlange an. Dann steckte er das Schwert in die Scheide. Die Schlange aber bat um die Erlaubnis, ihm auf den Arm gleiten zu dürfen, erhielt sie, kam ihr nach und schlang sich sehr anmutig um Ritter Orks Achsel und Brust. Dieser fühlte, daß er den Nußknackern und Waldmännern eine Erklärung schuldig sei, begnügte sich aber damit, das Kamel und die Lämmer wieder aufzurichten, was ihm, beengt wie er durch den klappernden Harnisch war, einige Schwierigkeit bereitete. Doch kam er damit zu Rande, sagte dann ganz allgemein »Grüß Gott« und bestieg Attila, der mit ruhigen Blicken vor sich hinschaute ...

Wie er wieder in sein Bett gelangt war, wußte er sich am Morgen ebensowenig zu erklären wie die unbestrittene Tatsache, daß weder auf dem Wickeltische noch sonst wo im Zimmer Panzer, Schild, Helm und Schwert lagen. Sie gehörten dem ältern Bruder, waren aber da gewesen. Dagegen waren der Herr Bär, Knotter, Hippo und Jakobus vorhanden, und auf dem Nachtkasten stand das Photographier-Zauberkästchen, das er sich nicht erinnern konnte dahin gestellt zu haben. Daß Attila wieder auf seinen Platz in der »Galerie« zurückgekehrt sein mochte, war nicht überraschend.

 

Der kranke Mond

Aus den Märchen, wie ich sie meinen Kindern vorm Einschlafen erzählt habe

Der Mond war mager geworden und ward täglich magerer. Der liebe Gott sorgte sich um ihn: er sah gar so schlecht aus, ganz grün. Er befahl, ihn zu füttern, aber der Mond wollte nichts zu sich nehmen. Da fragte der liebe Gott den heiligen Petrus, ob er nicht wüßte, was dem Mond eigentlich fehlte. Der heilige Petrus meinte, vielleicht mache er zu wenig Bewegung. Ein anderer alter Heiliger, der immer in einer warmen Ecke an der Sonnenseite saß und die Flügel gar nicht mehr heben konnte, sagte im Gegenteil, er mache wahrscheinlich zu viel Bewegung. Einer riet zu einem Abführmittel, ein anderer zu nassen Wickeln. Aber es half alles nichts. Der Mond schrumpfte immer mehr in sich zusammen. Es war ein wahrer Jammer. Zuletzt war er nur noch wie ein Schatten. Es war fast ein Wunder, daß er sich überhaupt aufrechterhielt.

Aber mit einem Male fing er an, sich zu runden, wurde immer voller und gelber, seine Backen schwollen lieblich an, und bald glänzte sein gutes Gesicht wieder in der gewohnten Fülle.

Was mag er wohl eingenommen haben? fragten einander die Engel, die vor dem Himmelstor saßen und die Beine in den Weltraum schlenkern ließen. Der Schlaue aber, der kleine Halleluhans, wußte es: Er hat fünfzig Sterne gegessen. Da schauderten die braven Engel. Aber der liebe Gott, als er es hörte, lachte und meinte, der Mond sei zwar ein Frechling, aber es wäre gut, daß er wieder gesund geworden sei, und Sterne habe er ja genug.

 

Axos Tod

Unser Axolotl ist gestorben. Still, wie es gelebt hatte, lautlos ist es dahingegangen. Eine Weile haben die Kinder, die seine Behausung, das rechteckige Glasgefäß, beobachtend umstanden, ihm, der auch sonst stundenlang regungslos zu verharren pflegte, den schweigenden Abschied gar nicht zugetraut. Plötzlich sagte mein Ältester: »Es ist tot.« Da bin ich aufgestanden und an den Ladenkasten getreten – es ist der ehemalige Wickeltisch –, worauf seit Jahren dem bescheidenen Geschöpf sein Aufenthalt angewiesen war. Mit Rührung hab ich den kleinen stillen Körper betrachtet. Endlich, da ich seines Ablebens doch nicht ganz versichert war, hab ich ihn, den weichen, schleimig-geschmeidigen, vorsichtig angefaßt und emporgehoben. Schlaff hing er mir mit dem Vorderteil über die Hand hinab. Unser »Axo« war tot ... Ich sage nicht verendet, eingegangen oder gar krepiert, wie man von Tieren zu sagen pflegt, wenn sie gestorben sind. Ich empfinde solche Ausdrucksweise als roh. Warum soll der Tod, unser aller geheimnisvoller Gebieter, für uns Menschen eine andere, eine vornehmere Tracht anlegen dürfen, als wenn er, immer derselbe, unsern Brüdern, den übrigen Geschöpfen dieser unsrer kleinen Erdenwelt, in seiner erbarmungslosen Hoheit sich naht? Nein: wenn ich schon einen Unterschied machen soll, lasse ich mein Gefühl darüber entscheiden, wer, ob Mensch oder Tier oder Pflanze, verendet sei, statt auf eine würdigere Weise zu sterben. Auch bin ich keineswegs geneigt, anzunehmen, daß alle Menschen so beseelt seien wie manche Tiere, ja es scheint mir, als wäre Seele überhaupt nicht so verbreitet, wie unser Sprachgebrauch will ... Jedenfalls ist unser lieber Axo gestorben. Und ich traure ihm herzlich nach als einem stillen, guten Mitglied unseres kleinen Kreises, der sich nach diesem Todesfall verengt hat.

Vor einigen Jahren hatte ich das seltsame Tier, einen mexikanischen Molch, als Geburtstagsgeschenk erhalten. Mein ältester Sohn, damals ein Knabe, heut ein Mann, war stets mit besonderer Liebe allen Kriechtieren nachgegangen; Kröten, Frösche, Eidechsen, Molche und ihre Verwandten hatten ihn mit zärtlicher Neigung erfüllt. Und so hatte er die Gelegenheit, etwas Außerordentliches ins Haus zu bringen – er steckte immer wieder bei den Tierhändlern –, mit Begeisterung genutzt. Kurz vorher war ein andrer, freilich weitaus kühnerer Versuch mißglückt: ein kleiner Kaiman, den er gleichfalls für mich erworben hatte, war nach wenigen Wochen umgestanden (der harte, trockne Kerl mit dem bösen Blick ist bestimmt nicht beseelt gewesen). So trat denn der unerwartete Ankömmling, uns allen als Gattung wie als Einzelwesen gleich überraschend, an die Stelle des unheimlichen Gastes. Er war possierlich, ein fetter Bursche mit einem großen unförmlichen Kopf, an dessen beiden Seiten die dummen Augen ausdruckslos hervorglotzten. Anfangs ein Wassertier ward er allgemach zum Landbewohner, einem halbschlächtigen freilich nur, der das Nasse nach wie vor als das Grundelement seines Daseins betrachtete, dennoch aber mit der Zeit die wie ein Zaubergewächs aus ihm sprossenden roten Kiemenbüschel bis auf einen kümmerlichen Rest einbüßte.

Seine Nahrung waren dünne Streifen rohen Fleisches, das ihm dargereicht werden mußte und wonach er mit dem breiten Maule seines gutmütigen Mondgesichts plötzlich zu schnappen sich entschloß. Sich selbst als fischender Jäger der kleinen Weißlinge zu bemächtigen, die man ihm unterweilen, belehrter Weisung gemäß, lebendig in seiner Glaswanne preisgab, verschmähte er auf die Dauer. Er war ein anspruchsloser Hausgenosse. Von Zeit zu Zeit ward das Wasser im Becken, das ihm die Welt bedeuten mußte, erneuert, und immer wieder mußte die hierin nur zu vergeßliche Köchin durch allerlei schlau zu ersinnende Gedächtnishilfen an ihre Pflicht gemahnt werden, von dem in jenen bösen Jahren nur selten auftauchenden Fleisch vor seiner Zubereitung das »Axo« gebührende Endchen zurechtzuschneiden. Im übrigen lag Axo oder Lollus, auch Hofer und Christ geheißen nach der Menschenähnlichkeit seiner breiten stumpfen Visage, gelassen in seinem seichten Wässerlein, kroch nur manchmal mehr oder minder schwerfällig-eilig durch sein einförmig-enges verglastes Reich oder drückte, als hätte er etwas Auffälliges zu beobachten, die Maulnase an die durchsichtige Wand. Ich bilde mir ein, daß er musikalisch gewesen ist; jedenfalls hat ihm mein Pfeifen, wenn ich es in sein Gefäß ertönen ließ, so etwas wie Freude oder Staunen bereitet.

... Lange Zeit ist Lollus krank gewesen, schwer krank sogar, ganz hinfällig, lebensüberdrüssig; damals hat ihn mein Ältester sorgsam über einem Spiritusfeuerchen, das er unterhielt, gepflegt und richtig wiederhergestellt. Wenn wir über die Sommermonate verreisten, kam Axo in Pflege zu Frau Bongardt, der Händlerin, der wir ihn verdankten. Und seine Heimkehr nach den Ferien ward immer froh, wenn auch mit Zurückhaltung, wie sich's für den Schweigsamen ziemte, vom ganzen Hause begrüßt.

Nun hat er uns verlassen. In einem Einsiedeglase, das dem Toten nicht einmal genügend Raum zur Entfaltung seiner entseelten Leibeslänge bot, hat ihn sein alter Pfleger zu dem Manne getragen, der schon längst auf seinen Tod gelauert hatte, dem Professor der Naturgeschichte an unser aller geliebtem Gymnasium. Axo wird das Sammlungskabinett zieren. Aber wir lassen es uns nicht nehmen: daß dort vor kurzem plötzlich auch ein Axolotl eingetroffen war, ein schwarzes noch dazu, hat er nicht verwinden können. Denn es gibt Fernwirkung, seelische, in diesem großen Zusammenhang, den wir Leben nennen.

 

Der Tatzelwurm

Nun liegt er blutend auf der grünen Majolikaaschenschale »Der Frosch« und windet sein weiches aschgrausamtenes Körperchen manchmal in unerfühlbaren stummen Qualen. Ich sollte ihn vollends töten, aber ich schieb's, so grausam es sein mag, deshalb auf, weil's mir zu leid tut, mir, der ich gestern doch in mehr als einstündiger Jagd über dreißig Wespen im Schmetterlingsnetz gefangen und dann zertreten habe, allmählich geradezu von Mordlust glühend und vor Haß gegen das lästige Gezücht. Der »Tatzelwurm« ist die Raupe eines Schwärmers, etwa zwei Spannen lang, mit schönen schwarzen Augenpunkten, die seinem Kopfglied, zumal von vorn besehen, den gutmütig-lächerlichen Ausdruck eines wahrhaftigen Bulldogköpfleins geben. Als ihn meine Frau heut auf dem Heimweg am Saum des Bergpfads im sonnenduftigen Juliwald fand und uns dazu rief, hatte das seltsame Tierlein auf alle einen fast grausigen Eindruck gemacht. Vorsichtig, scheu hoben wir's in mein Taschentuch, Wolfgang, den Naturkundigen, damit zu überraschen, der daheim geblieben, wegen seines wunden Fußes noch nicht gehfähig war.

Der Glotziosaurus, wie ich's sofort benannt hatte, nachdem das Grausen in Gefallen an dem kleinen Scheusal übergegangen war, ward neben dem sich allmählich verdichtenden Strauß von Wald- und Wiesenblumen an den vier Zipfeln seines Gefängnisses dahingetragen, nicht ohne daß sich von Zeit zu Zeit Georg, der zehnjährige Freund aller krabbligen Geschöpflein, durch aufmerksames Gegenslichtlugen von seiner währenden Anwesenheit überzeugt hätte. Zu Hause war Glotzkofel, der Tatzelwurm, der Mädchenräuber, in einer alten Zigarrenkiste untergebracht worden, die sorglich mit Steinchen und Gras ausgefüllt und mit allerlei Blättern versehen ward. Tagsüber fleißig bedient und besichtigt, hatte er sich gegen Abend am Rande seiner oben offenen Behausung, ohne etwas von der ihm wohl nicht genehmen Nahrung genossen zu haben, dem Freien genähert: es war Rat gepflogen und beschlossen worden, ihn bis auf weiteres, das heißt über Nacht, sich selbst in seinem Behälter zu überlassen; wäre er am Morgen entkommen, so gönnte man ihm, dem man ja doch nur mit unzulänglichen Kenntnissen und Mitteln beizukommen sich in der Lage wußte, die schicksalbestimmte Freiheit einer unbekannten Zukunft, wäre er noch da, würde man sich seiner, allerlei versuchend, weiter annehmen, vor allem aber nach der Weisung des Raupenabschnittes im Schmetterlingsbuch ihm den Aufenthaltsort luftig mit Gaze vergittern.

Als die Kinder schon zu Bette gegangen waren, war aber meine Frau erschienen, das Kistchen mit dem Schwerverletzten in der Hand: die kleine weißbraune Katze, die sich seit drei Tagen, nachdem sie von mir neulich um Mitternacht grünfunkelnd und miauend im Garten war betroffen worden, immer wieder quäkend zu uns gefunden hatte, war dem Kleinen, zudringlich nach allem fahndend, was ihr aufstieß, mit den spitzzufahrenden Krallen zu Leib gegangen. Ich hatte das mir widerliche Raubgeschöpf als herzlose, hinterlistig-mißtrauische Kreatur nur meines von ihm bezauberten Töchterchens wegen geduldet, nun nahm ich den traurigen Vorfall, der meinem lieben Okl die hellen Tränen in die guten Augen trieb, zum Anlaß, den Kindern zu sagen, wie sehr und mit Recht das kalte, böse, lässige Geschöpf dem Jäger verhaßt sei, und daß ich es mit einer kleinen Kugel je eher je besser abschaffen müßte, wollten wir uns nicht noch mannigfachen Schadens versehen, so an der arglosen, schwerfälligen Schildkröte, an unsern lieben Singvögeln, gar an den Kindern selbst. Dies trieb wiederum der Kleinen, die ein Herz zu dem schlanken Tierchen gefaßt hat, die Tränen in die Augen, die freilich nicht so innig flossen wie die des guten Okl über seinen ehrlichen Tatzelwurm. Wir haben recht erschüttert alle drei zusammen unser gemeinsames Nachtgebet gesagt. Dann ging ich hinunter ins Speisezimmer. Da lag der grause liebe Glotzkofel, und der Tod saß über ihm, lauernd ...

 

Auf einer Bank

Es ist lange her, seit ich zum letztenmal auf einer Bank im Freien gesessen habe. Wer sitzt auf einer solchen Bank? Alte Leute, die sich müde sonnen, und Kindermädchen, die ihre Pfleglinge beaufsichtigen oder so tun, als ob sie's täten. Manchmal auch ein Student, der ein Buch vor sich hat, Pärchen selten, und erst, wenn's dämmert. Die Pärchen von heute sitzen nicht mehr auf Gartenbänken nebeneinander, sondern hintereinander auf Motorrädern ...

Vor mehr als dreißig Jahren um diese sommerliche Jahreszeit bin ich fast jeden Tag im »Volksgarten« gewesen. In einer lässigen und melancholischen Stimmung, einer Übergangsstimmung. Es ging gegen das Ende meines zweiten Semesters. Die erste Staatsprüfung war noch im Fernen, man hatte nicht eben viel zu tun und bummelte zwischen der Universität und dem verhaßten Mietzimmer hin und her. Statt ins dumpfe Kaffeehaus, schlenderte man lieber ins Freie. Zumal da es mitten in der Stadt öffentliche Gartenanlagen gab, die ohne Aufwand an Zeit, Mühe und Geld zu erreichen waren.

Vom Buche weg sah man den Spatzen und den Kindern zu, ohne Teilnahme. Ergab sich weibliche Nachbarschaft von angenehmem Äußern, um so besser. In den Beeten glühten dunkelrote Pelargonien. Die Spitzen mancher Türme stachen in die graublaue Luft. Jasmin duftete schwül. Irgendwo plätscherte friedlich ein Wasserstrahl. Das ist lange her, wie gesagt. Später, im Vollbetrieb der Studien, kam man kaum mehr zu solchem ein wenig schläfrigen Verweilen ... Und als ich nach Jahren wieder in die Hauptstadt zurückkehrte, stand ich im Dienst, und die öffentlichen Gärten sahen mich höchstens dann und wann auf einem raschen Morgengange, den ich, um wieder einmal Bäume und Sträucher zu schauen, durch ihr träumendes Bereich einschlug. Als die Kinder noch klein waren, hab ich sie, die um die Mittagsstunde unter den rotblühenden Kastanien des sogenannten äußeren Burgplatzes, eines gepflegten rasigen Gebreites an der Ringstraße, mit ihrer Begleitung sich aufhielten, zuweilen aufgesucht und abgeholt. Da saß ich denn wohl auch ab und zu auf einer Bank eine Weile. Das war ganz anders als vor Zeiten. Im Gegensatze zu jener tändelnden Lässigkeit von einst, halb sehnsüchtigen unbestimmten Gehalts, war nachzitternde Bewegung in mir, erfüllte Alltäglichkeit, Berufssorglichkeit.

Nun bin ich seit zehn Jahren ein freier Mann. Das Joch des Dienstes ist von mir genommen. Ich kann tun und lassen, nach Belieben. Das heißt, ich habe wiederum eine Regel, die mir den Tag bestimmt, aber sie läßt mir innerhalb ihrer Schranken Spielraum. Ich besuche z. B. nach Einfall und Gefallen Ausstellungen.

Eine Adalbert-Stifter-Ausstellung im verlassenen »Theseustempel« hatte mich jüngst in den »Volksgarten« gelockt. Eine altmodische Ausstellung lieber verschollener Bilder und Bilderchen von der Hand des stillen großen Dichters der »Studien«. Außer mir war nur noch ein einziger Besucher in dem hohen hellen Raum. Kinderstimmen und Vogelzwitschern drang durch den Vorhang an der Schwelle. Biedermeierstühle standen in gemessenem Abstand voneinander an den Wänden. Eine heilige Weltferne atmete im Saale. Ich war – wie gern und doch mit Wehmut – tief in alter, in der guten alten Zeit.

Als ich den Tempel verließ, lag wundervolle Junisonne auf dem bekiesten Platze vor seinen breiten Stufen. Ich ging, des Genossenen voll, langsam den sanft gewundenen Weg. An einem Sandhaufen vorbei, wo Kinder spielten. Wie einst. Ich dachte daran, wie Wolfgang, mein Ältester, hier im Sande gespielt hatte. Vor zwanzig Jahren. Auch ihn hatte ich da ein und das andere Mal besucht, ehrfurchtsvoll begrüßt von »Mademoiselle«, der von ihm damals Unzertrennlichen. So binden und lösen sich Schicksale. Wo ist »Mademoiselle«? Von uns war sie nach Rußland gegangen; schmerzlich hatte sich ihr Zögling von ihr getrennt. Dann war sie wiedergekommen, zu meinen jüngeren Kindern, in eine völlig veränderte Umgebung. Wir lebten schon außerhalb der Stadt, am Saum des Wiener Waldes. Aber sie hatte es nicht lange ausgehalten, war knapp vor Ausbruch des Krieges – wir ahnten nichts von dem furchtbaren Ereignis, das unsere Welt auf immer zerstören sollte – nach Frankreich heimgekehrt. Ihre Koffer waren ihr verspätet nachgegangen, aber an der Schweizer Grenze steckengeblieben. Sie hat sich nicht mehr gemeldet ...

Mich wandelte die Lust an, mich auf eine Bank zu setzen. Mitten in der Sonne. Es ging auf elf Uhr. Neben mir zwei alte Männer in halblautem Gespräch. Ein Knabe kam gelaufen, verhielt sich einen Augenblick beim Großvater, enteilte wieder. Vereinzelte Spaziergänger. Ein bekannter Schauspieler, trotz jugendlicher Tracht ein mühseliger Anblick, welk und gedunsen zugleich, aber immer noch fast herausfordernd in seinem Selbstgefühl. Sonst lauter fremde Gestalten. Wie überhaupt seit Jahren schon in dieser einst so vertrauten Stadt nur gleichgültige, meist häßliche Menschen, zusammenhanglos, aneinander vorbeigehen.

Ich saß und sann, träumte mit offenen Augen. Juni. Er war niemals mein Lieblingsmonat gewesen. Ein Übergang. Nicht Frühling, nicht Sommer, Ende des Schuljahres. Eine müde und ermüdende Jahreszeit. Und traurig. Nicht so süß und herb zugleich wie die silberne zarte Wehmut des Frühlings, noch nicht trunkene Sommerfülle. Aber gibt es denn noch Frühling und Sommer wie in meiner Jugend, wie in meiner Kindheit? Reinen hellen Frühling, ahnungshaft, lind, leicht, verstohlen duftend, und laubdichten, schattenkühlen, ährenwogenden, farnwiegenden Sommer? Hat es denn jemals im Sommer meiner Kindheit geregnet, wirklich geregnet, wie es jetzt in jedem Sommer wochenlang regnet, kalt und neblig, trostlos regnet? Von Mai bis Juli regnet, bis der Herbst, verfrüht, vor der Türe steht? Heute ist Sonne, dachte ich befriedigt, ließ sie mich bescheinen, streckte die Beine aus, nahm den Hut vom Kopfe.

Einige Schritte weit, hinterm Gitter, dehnte sich die hintere Front der »Burg«. Da war der alte Kaiser täglich zur bestimmten Stunde, genau auf die Minute geradezu, im offenen Wagen, den Leibjäger auf dem Bock, den Flügeladjutanten zur Seite, von Schönbrunn kommend, durchgefahren. Die Burgwache trat ins Gewehr. Der Kaiser legte grüßend die Finger im weißen Handschuh an den Rand der schwarzen Offizierskappe. Und wer in der Nähe war, eilte hinzu, ihn zu sehen. Der weiße Reiherbusch wehte vom Hut des Leibjägers. Vorüber ... Ich sinne. Wo sind sie, die mein Leben ausmachen, es mit Sinn erfüllen, meine Kinder? Warum sitze ich allein in der Sonne, nach dreißig Jahren, wieder auf der Gartenbank? Sie haben alle irgendwo zu tun, ich sehe sie oft stundenlang, ja einen von ihnen tagelang nicht. Und muß froh sein, daß es nicht jahrelang ist. Froh sein! Bin ich froh? Ich habe die Fröhlichkeit verlernt, die Heiterkeit eingebüßt, die Lust am Leben ist mir genommen. Da sitze ich in der Sonne, habe Zeit, und die geliebten Pelargonien glühen wie einst, teilnahmslos, ohne allen Bezug auf mich Einsamen, Alternden, Entfremdeten.

Der alte Schauspieler kommt wieder herangewackelt. Wie sonderbar! Wenn ich aufstände, auf ihn zuträte, mich ihm nennte: wir würden gemeinsame Erinnerungen austauschen, er und ich, die nichts miteinander gemein haben als eine Jugend, die anders war, schöner, hoffnungsvoller. Aber niemals tut man so etwas. Wozu? Man bleibt in seinen Grenzen, fremd dem Fremden, der in einem entschwundenen Zusammenhang einem, trotz allem Trennenden, etwas vom Nächsten bedeutet.

Was sind mir die Kinder dort am Sandhaufen? Meine sind nicht mehr darunter ...

 

Der Handschuh

Ein Ereignis im Alltag

Ich steige aus der »Elektrischen«, die, an der Endstelle, von den Eindringenden bestürmt wird. Schwerfällig steig ich hinab, mit steifen Beinen, die in den Kniegelenken seit einiger Zeit Gliederfluß plagt, die rasch von den Ohren abgehobene Henkelbrille in der einen Hand, in der andern das noch geöffnete Buch, in dem ich bis zum letzten Augenblick gefesselt gelesen habe, überm linken Arm den Stock. Ich harre einen auf dem nächsten Gleis vorüberfahrenden Straßenbahnzug ab und überquere vor dem folgenden, sorgfältig umblickend, zwischen den in entgegengesetzter Richtung sausenden Automobilen die breite Straße. Da erfaßt es mich plötzlich blitzartig mit einem Stich ins Herz: Wo ist der rechte Handschuh? Der linke ist über die Hand gezogen, der rechte, den ich, der verschiedenen erforderlichen Griffe halber, zumeist in der linken Hand halte, ist weggekommen. Hastig betaste ich die Taschen von außen, ob er nicht daraus hervorsteht; ich fahre in die Taschen: nichts. Das macht, daß ich die Brille in der Hand gehalten habe, statt sie wie sonst rechtzeitig vorm Aussteigen zu versorgen. Ich kehre eilig um, mit weit geringerer Achtung auf Straßenbahn und Fuhrwerk.

Da steh ich am Ausgangspunkt. Mir war der Einfall aufgedämmert, der Handschuh möchte zu Boden gefallen sein, noch dort liegen, wo ich ihn unbemerkt verlassen hätte. Unsinn. Wie viele Menschen haben seitdem die Stelle betreten. Man läßt nicht einen auffallenden Gegenstand liegen, wo er liegt. Schon aus Neugierde nicht.

Ich bin geradezu verzweifelt. Die schönen warmgefütterten Winterhandschuhe, die ich seit Monaten täglich anziehe! Was das wieder kostet! Sinnloserweise kostet. Aber was mach ich mit einem Handschuh? Ich kehre wieder um, gehe zum drittenmal über die Straße, ganz in Gedanken an den Handschuh. In Gedanken. Das war's! Ich bin in Gedanken gewesen, als ich ausstieg (man nennt das zerstreut, was gesammelt ist), war sozusagen noch im Lesen gewesen, hatte noch nicht in die äußere Welt gefunden, die in der Stadt so häßlich ist und in ihrer Aufdringlichkeit so gleichgültig. Mir ist zum Weinen. Als ich von zu Hause wegging, war ich gestolpert, hatte mir fast den Knöchel vertreten, war dann weitergehumpelt mit Kopfschmerzen, die mich schon nachts gepeinigt, kaum hatten schlafen lassen. Wie öd ist das tägliche Aufstehen! Früh, wenn die Zimmer ausgekühlt sind und die Tageshelle bei sonnenlosem Himmel durch die Fenster roh auf einen einbricht. Man geht ans Waschen, Rasieren, Ankleiden, verdrossen, unmutig, das Herz erfüllt mit Bitterkeit. Wozu das alles immer wieder? Was wird denn anders kommen als das übliche Einerlei von Rechnungen und Betteleien, Drucksachen und Zeitungen – Post genannt –, auf einen Augenblick, einen Augenblick enttäuschter Erwartung. Die Arbeit, die tägliche Arbeit am Schreibtisch ...

Und dann war ich zur Stadt gefahren, zum zweiten Male, meiner Gewohnheit gemäß. Diesmal gilt's den Kindern. Ich hole sie von der Schule ab. Nicht, weil das noch notwendig wäre, nur weil ich mir's zur Forderung gemacht habe. Dennoch hält sich immer wieder der und jener darüber auf. »Warum fahren Sie, die Kinder abzuholen? Die sind doch schon groß genug, allein zu gehen.« – Ja, gewiß. Aber ... Und man erzählt obenhin Allerpersönlichstes, Allertiefstes, das ja doch niemand versteht.

Vielleicht hat den Handschuh der Schaffner gefunden und an der Fundsammelstelle abgegeben? Den Kindern ist das ohne weiteres vorstellbar. Mir nicht. Erstens lieb ich den Zweifel, und zweitens hab ja ich den Handschuh verloren. Hoffnung begegnet immer zuerst den andern, den Unbeteiligten. Auch haben die älteren Menschen geringeres Vertrauen zur Hoffnung, die sie schon zu oft getäuscht hat. Nichtsdestoweniger beschließe ich, selbstverständlicherweise, die Fundstelle aufzusuchen. Wie lästig! Man muß den Zug verlassen, die Fahrt unterbrechen. Aber immerhin: die Hoffnung hat sich eingenistet. Der Zweifel türmt noch allerlei Möglichkeiten auf. Ich bin zu rasch ausgestiegen –: nicht mehr im Wagen, wo ich's bemerkt hätte, sondern erst auf dem Trittbrett ist der Handschuh von mir abgeglitten. Wer von den andrängenden Menschen soll ihn bemerkt haben? Ich vertiefe mich wieder in mein Buch ... Und da ich gegenüber dem Bahnhofsgebäude, meinem Ziel, den Wagen verlasse – die Kinder sollen ohne mich weiterfahren –, spricht mich, von dorther kommend, schon der Schaffner an, mit dem ich vor einer Stunde hineingefahren war. »Eben hab ich Ihren Handschuh in der Kanzlei abgegeben.« Ich lächle froh, danke in herzlichen Worten. Aber, merkwürdig: schon ist es mir, als hätte das so sein müssen. Die Möglichkeit der kaum noch gewärtigten Enttäuschung ist wie weggeblasen, die Wirklichkeit überzeugt von der Wahrscheinlichkeit als von Gewißheit. Und ich gehe in das Bahnhofsgebäude, suche die Kanzlei auf, muß in einem öden Raum warten, ein Telephongespräch – »Bitte doch, Platz zu nehmen!« – mit anhören, eine Bestätigung unterschreiben, ein Entgelt – »nach Belieben« – entrichten. Aber da liegt der Handschuh ... Und während der ganzen Zeit hab ich nicht an die Kinder gedacht, sie rein vergessen ...

 

Ursula

Ursula war eine bosnische Eule, die ich eines Tages bei einem kleinen Vogelhändler an der Umsteigstelle meines täglichen Heimweges entdeckt hatte. Sie war braun gefiedert, eine schlichte, nonnenhafte Gestalt. Auf dem unter der weichgebauschten Flaumhülle schmächtigen Körper, der sich zu Zeiten in schmaler Länge erstrecken konnte, saß, ohne sichtlichen Übergang, ein wundervoll aus Federn gewölbter Kopf. Die großen sanften Augen staken darin als glänzende Kugeln. Manchmal ging wie ein violetter Schleier die zarte Nickhaut darüber hin.

Ursula war ein gutes Wesen. Zahm vom ersten Tag an, trat sie in die Familie als ein alsbald dazugehöriges Glied. Selbst ihr zuweilen wütendes Geschrei bei Nacht nahm ihr auf die Dauer niemand übel. Man wußte, daß sie damit Urgefühlen geheimnisvollen Ausdruck gab, die man achtete. Sonst saß sie still auf ihrem Ständer oder bei mir auf der Seitenlehne des alten Armstuhls. Auch auf meiner Schulter. Brummell, der Bulldog, war so braun geströmt wie sie. Sie hatten aneinander Gefallen. Er leckte sie gerne, wobei ihm die breite Zunge lang aus dem dicken Kopfe hervorschlappte; ihr aber schien seine plumpe Zärtlichkeit wohlzutun.

Jahre hat sie bei uns verbracht, schweigend teilgenommen an unserm gleichförmig hinfließenden Leben, die Kinder heranwachsen sehen, aller Liebling. Ohne Sprache war sie unsere Genossin, Zeugin jeder häuslichen Tätigkeit, zumal wenn ich vorlas, den engen Hörerkreis anspruchslos-gefällig durch ihre satte vornehme Farbigkeit schmückend. Ihr seligstes Vergnügen war es, am Kopfe gekraut zu werden. Da beugte sie mit einer frommen Demut das weiche Haupt und ließ die Finger in den feinen Federn wühlen, den dünnen Hals umfassen, die seltsamen Ohrlöcher unter der schmiegsamen Hülle aufstöbern. Allmählich senkte sie den Kopf tief hinab, stützte ihn vertrauend auf den mächtig gekrümmten Schnabel und hielt stille, manchmal behaglich knappend.

Kurze Zeit hat in Ursulas beschauliches Dasein ein flüchtiger Gast eine eckige Lücke gerissen: Kuno, der kleine Kauz, den ich ihr, unbillig gegen ihre menschenfreundliche Einsamkeit, einst als vermeintlichen Gespielen brachte. Kuno war scheu, mißtrauisch, trotzig, unzähmbar. Ein Duckmäuser, ließ er sich zwar ihre schwer ihm auf die niedrige Stirn gestemmte Krallenpratze, stundenlang eingebückt, gefallen, aber er schloß sich weder an uns noch an sie an, mußte zumeist im Käfig verwahrt werden und entrann ihm endlich in die unbekannte Ferne. Niemand hat dem Unwirschen nachgetrauert.

Ursula ist, wie so vieles Wertvolle, Unersetzliche, dem Krieg zum Opfer gefallen. Ruhig wie sonst, hatte sie eines Nachmittags im Winter auf meiner Schulter gesessen, als sie plötzlich wirr kreischend ins Zimmer taumelte. Wie von Krämpfen befallen schlug sie mit den Flügeln um sich. Als ich sie an mich genommen hatte, stand ihr der Schnabel starr offen. Jede Labung wies sie ab. Es mag wohl verdorbene Nahrung gewesen sein, an deren giftigen Folgen sie noch am selben Abend verschied. Nun thront ihr schlecht ausgestopfter Balg auf der Höhe eines Wandschrankes als Staubfänger.

 

Semmering

Eine stille Feier

Festlichkeiten sind nicht meine Sache. Wo sich alles versammelt, da bleib ich aus. Das ist nicht immer so gewesen. Ich erinnere mich, daß mir als Kind die damals, wenigstens in meinem Geburtsort und in seiner nächsten Umgebung, dem »Schreibwald«, nur allzu häufigen Feste ein großes Vergnügen bedeuteten! Und vor allem kommt's eben aufs Bedeuten an, darauf, was die Einbildungskraft, die Zauberin, mit dem Ungewöhnlichen an selbstgeschaffenem Reiz, an Abenteuerlichkeit verbindet. Mir jedenfalls hat sie solche Dienste auf das verschwenderischeste geleistet. Hat sie mir damit einen Dienst erwiesen? Ich weiß es nicht. Das aber weiß ich, daß dem längst nicht mehr so ist. Vielleicht hat sie sich an meine Kindheit verausgabt. Und merkwürdig, es scheint, als wäre sie gleichsam dort, in der Ferne des Einst, hinter mir zurückgeblieben: meine Vergangenheit seh ich immer noch in ihrem wunderbaren Licht ... Heute, hier, soll ich sagen auf der Höhe?, über jenem Maiental ist's anders. Ich bin nicht mehr neugierig, halte mich ans Gewöhnliche. Und so meid ich denn insbesondere Festlichkeiten. Aber wenn die andern sie begehen, in der Öffentlichkeit, mit allem, was dazu gehört an Rauschgold und Blechmusik, Reden und Feuerwerk, kann ich nicht umhin, in meiner Einsamkeit auf meine Weise und auf eine Weile dem Gegenstande nachzusinnen, der jene vereinigt und mich verscheucht. Zumal, wenn er aus irgendeinem Grunde – man lebt ja auch als Außenstehender unter derselben gläsernen Glocke der Wirklichkeit – seine Fühler auf mein Empfinden erstreckt. Da kommt's denn etwa gar zu so etwas wie einer nachträglichen, abseitigen, unförmlichen, nur um so innigeren Feier.

Wer wie ich am Semmering daheim ist – seit zwanzig Jahren bewohnen wir dort im Sommer ein unterhalb der Südbahnmeierei, am Eingang der Adlitzgrabenstraße gelegenes kleines Haus, das ich während des Krieges zum Ersatz für veräußertes Brünner Erbe, Grundeigentum in und vor der Stadt, erworben habe –, wer Kinder, die ihn heute, jedes in die Richtung eigener Beschäftigung vom gemeinsamen Mittelpunkt abgewendet, als erwachsene Menschen zukunftshoffend umgeben, zwischen dem Schneeberg und dem Pinkenkogel unter himmelragenden Föhren von Jahr zu Jahr aus hilfloser Abhängigkeit über unschuldige Spiele hinweg zu geistiger Reife, selbständiger Arbeit, entschiedenem Willen hat gedeihen sehen, dem will die Tatsache nicht ohne weiteres zu Bewußtsein, daß dieses ihm ein Leben lang vertraute Gebiet erst seit nicht allzu langer Zeit Reisenden erschlossen ist. Nicht nur solche sind's, die von fernher kommen und für die der Semmering, den ihre Anstalten zum Ziel haben, das Ende einer viele Stunden langen Fahrt, eine völlige Verwandlung gewohnter Aufenthaltsverhältnisse bedeutet: auch dem Österreicher, dem Niederösterreicher, dem Wiener – von den wenigen Reichen abgesehen, die zum Ausflug ins nahe Bergland das meilenfressende Automobil benützen – wird die Eisenbahnstrecke, die selbst der Schnellzug in übereinander kreisenden Windungen nur keuchend erklimmt, zu einer Reise, die mit wechselnden Blicken unmittelbar nach der weithin erstreckten gleichförmigen Ebene um Wiener-Neustadt sich fast abenteuerlich durch Felsenwände und andrängende Wälder zur Paßhöhe die Bahn bricht. Ich bin zwei, drei Jahre lang während einiger Monate täglich von Wien hinauf- und zurückgefahren: die zwei Stunden, so rasch sie dem stets Beschäftigten verflogen, haben mir immer den Eindruck einer Reise hinterlassen. Das macht: die menschliche Arbeitsleistung, die diese Reise ermöglicht, die den Schienenweg dem Gebirgszug aufgezwungen hat, stellt sich eindrucksvoll zur Schau, ihre Spuren sind nicht verwischt, sie dauern im Ergebnis als Zeugen für das Werk. Drei Viertel eines Jahrhunderts – nach bedrückender Schätzung so viel wie drei Menschenleben – sind seither vergangen. Gewitzigte Erfahrung, geprüfte Einsicht haben an der Bewältigung der Aufgabe begründeterweise mancherlei zu bemängeln; ihr kühner Zug, verkörpert im geschmeidigen Eisenstrang, der die Bergmasse umschlingt, erregt noch immer die Bewunderung des Laien, fordert die Anerkennung des Fachmannes heraus.

Und das Schönste an dieser Überwindung eines Verkehrshindernisses ist dem, der im gesteigerten Verkehr wie überhaupt in der Mechanisierung der Welt nichts weniger als das Heil der Menschheit erblicken zu müssen meint, der insbesondere die Maschine im Kampf mit der Natur nicht nur als deren, sondern als seinen eigenen Feind erachtet, das Schönste an diesem Denkmal der Technik, der Leblosigkeit, ist, daß es geradezu Leben zu atmen scheint, ja daß dieses Leben, ein Leben eigener Art, etwas Altmodisch-Romantisches, um nicht zu sagen, Zauberhaftes an sich hat. Es ist dem des Postwagens jedenfalls näher als dem des Telephons. So wie eine gut angebrachte, schlicht gefügte, glatt gestrichene Bank, alternd mit dem Rasen, vor dem sie träumt, mit dem Gebüsch, an dem sie lebt, sich zu einem Gesamtbild einigt, das nicht mehr unterschiedene Bestandteile einander fremder Ordnungen aufweist, so ungefähr hat sich die Semmeringbahn der Landschaft, die sie übersetzt und umfährt, angepaßt. Was man leider von den verschiedenen Baulichkeiten, die über das Semmeringgelände bis hoch hinauf verstreut sind, mit Ausnahme von vereinzelten Häusern, durchaus nicht sagen kann: im Gegenteil, fast alles, was dort aus Ziegeln errichtet ward, gehört zum Häßlichsten, Störendsten, das Ungeschmack und Ungeschick sich je hat einfallen lassen einer herrlichen Umgebung aufzunötigen.

Das, was man »den« Semmering nennt, ist eine Anzahl von großen Hotels und kleineren Gasthöfen, Unterkunfts- und Miethäusern, in denen die nahe Großstadt Warenverkaufsstätten unterhält. Nicht dort, wo seit dem Zusammenbruch der guten Wiener Gesellschaft, die sich vor dem Kriege gern oben immer wieder auf eine Weile zusammenfand, zusammenhanglos ein wechselnder Haufen unerquicklicher Menschen, an Dichtigkeit zu- und abnehmend nach der Jahreszeit, durcheinanderschiebt, nicht dort, wo man sich unterhält, weil man sich allein nicht aushielte, nicht dort, wo jedes Wort Geld und Geldeswert zum Inhalt (aber nicht immer zur Verfügung) hat, nicht dort ist das Stück halbwegs melancholischer Seelenheimat, das mir Semmering heißt. Wenn einer heut in der Gentzgasse den erfrischenden Landaufenthalt suchen wollte, den vor hundert Jahren Friedrich von Gentz, im eigenen Wagen aus der Stadt hinausfahrend auf sein Sommerhaus, über Nacht dort fand, in welche Tiefen versunkener Gärten müßte er, augenschließend, untertauchen! Damals – ihr glücklichen Ahnen! – »reiste« man nach Währing, und wie wunderbar fern lag denen, die sich, im Vorgeschmack nicht alltäglicher Seligkeit, langsam dahinaus kutschieren ließen, gar Grinzing unterm Kobenzl, der über der Donau ragende Kahlenberg, die Babenberger-Burg glorreichen Andenkens! Noch vor fünfzig, vor dreißig Jahren war das einfache Gasthaus zum Erzherzog Johann am Semmering, wo er am Hang des Sonnwendsteins sich mit den steirischen Grenzfarben färbt, so eine heimliche Ferne beseelter Landfahrer. Heut umstauben es, das erweiterte, die Automobile, und die ihnen vermummt entsteigen, berechnen Kilometerminuten! – Aber noch birgt der Waldberg an heiligen Stellen seine keusche unverwelkliche Jugend, die sein Alter, sein Altertum geworden ist. Noch tritt auf steinige Blößen aus Waldestiefen an der Alpkammwand die Gemse, sichert mit schlagenden Flanken am Rand von Wiesengebreiten der Rehbock, knabbert ungescheut das Eichhorn in den Fichten, wölkt die Eule durch die Dämmerung. Noch wuchern Himbeeren auf sonnigen Höhen, geistern Pilze im Schatten vermooster Nadeldickungen, plätschert farnkrautumworben die einsame Waldquelle. Noch kann man an abgelegener Stelle sogar im eigenen Garten zwischen Birken hinauf in den grenzenlosen Himmel die weltentrückte Sehnsucht träumen. Es duftet nach Harz, die Amsel schlägt, und manchmal zieht schweigend ein Habicht im Blauen seine königlichen Kreise.

 

Annibas

Ich kann nicht sagen, daß ich, um mit meinem lieben Uhland zu sprechen, Unstern wäre, Unstern, dem alles übel ausgeht, was er in bestem Glauben auf Erfolg anfaßt. Aber ich bin auch nicht sein Gegenteil, der Glückspilz, dem selbst das Unwahrscheinliche gerät. Das macht wohl, ich bin weder wie Unstern ein »guter Junge« (man kann es auch im Alter bleiben) noch im entferntesten »der Dumme, der's Glück hat«.

Der Deutsche hat eine Vorliebe für den Tolpatsch, heiße er nun »Hans im Glück« oder in seiner feinsten Ausprägung »Peter Schlemihl«. Seine Märchen handeln immer wieder von einem, der wie Saul, der Sohn des Kis, auszog, um seines Vaters Eselinnen zu suchen, oder gar ohne irgendeine löbliche und deutliche Absicht, und der dafür ein Königreich, vielmehr, wie es im Hausbuch der Brüder Grimm, unser aller Kinderseelenheimat, noch freundlicher und lockender heißt, die Prinzessin fand. Anselmus im schönsten deutschen Dichtermärchen, Hoffmanns »Goldnem Topf«, findet gar den Weg nach Atlantis und erwirbt durch Ausdauer die grüne Schlange, Serpentina, die Tochter des Salamanders. Anselmus freilich, wie Traumjörge in dem zweitschönsten deutschen Dichtermärchen, Leanders »Unsichtbarem Königreich«, ist ein Dichter. Dichter sind Sonderfälle. Die Prinzessinnen oder Schlänglein, die sie beglücken und entrücken, sind aus dem Stoff, der nach Shakespeares Wort »wie zu Träumen« ist. Es sieht sie niemand sonst als der Beglückte. Aber die richtige Märchenprinzessin – ich denke da zumal an die Lieblich-Hantige, die ihrem Töffel im Bett gleich nach der ersten Nacht mit einem Eimer frischen Wassers das bis dahin unerlernbare Gruseln beibringt –, die richtige Märchenprinzessin, mit deren Gewinnung aufatmend alle unsre Märchen ausgehen, ist von Fleisch und Bein und hat beides zwar auf das adeligste, aber auch auf das greifbarste geformt.

Doch ich bin da etwas zu tief in Prinzessinnen und überhaupt auf Abwege geraten. Was ich sagen und mit einem oder dem andern bezeichnenden Beispiel hatte belegen wollen, war und ist, daß ich, wenn ich mir einmal etwas vornehme, und das heißt, wie man mir einräumen wird, etwas gewissermaßen Ungewöhnliches, wenigstens mir Ungewohntes und, wie gleichfalls selbstverständlich scheint, etwas, wovon ich mir Annehmlichkeit, Behagen verspreche, daß ich, so will mir dünken, dann jedesmal eine mehr oder minder lebhafte, mehr oder minder nachhaltige Enttäuschung erfahre, daß mir das Unternehmen umschlägt, wenn nicht geradezu ins Gegenteil, so doch gewiß daneben gerät, also mißrät. Im allgemeinen bin ich, wie schon bemerkt, nicht eben ein Pechvogel, das ist ein Mensch, der, wie es bei Hoffmann vom Studenten Anselmus heißt, in die einzige Lache treten muß, die es in der auf seinem Weg erreichbaren Nähe gibt. Ja, wenn ich den Umstand auch nicht überschätze – man merkt sich bekanntlich die angenehmen Zufälle, oder was man dafür hält, besser als die unangenehmen (was für mich, dies nebenbei, durchaus nicht die Regel bildet) –, so ist immerhin um der Wahrheit willen anzuführen, daß ich verlorene Gegenstände wiederzufinden pflege, freilich nicht zuletzt deshalb, weil ich sie nicht von vornherein verloren gebe, sondern mich ungesäumt und beharrlich, obwaltender Hindernisse ungeachtet, auf die Suche mache, und wer sucht, der findet, zumal wenn er sucht, was nichts weniger als unauffindbar ist. Diese erfreuliche Tatsache also mit unumwundener Genugtuung zugegeben, erachte ich mich im übrigen nicht durch das, was man gemeinhin angenehme Überraschungen heißt, ausgezeichnet. Im Gegenteil. Überraschungen sind mir aus gutem Grund unerwünscht: ich mißtraue ihnen. Was ich lobpreise, nie genug schätzen kann, ist das durch keinerlei Ungewöhnlichkeit aus dem Gleise gebrachte, das sozusagen in seiner eigenen Spur gemächlich verlaufende alltägliche Dasein, die wärmelige Atmosphäre der Unveränderlichkeit, das Mittelmaß der Ungestörtheit. Wenn es auf mich ankäme, ich rührte mich, durch körperliche Hinfälligkeit vor »Sprüngen« bewahrt und keineswegs neugierig, am allerwenigsten auf Abenteuer erpicht, aus meiner von Büchern umgebenen, durch Blumen, Wein und Tabak leicht angeregten Seßhaftigkeit, Häuslichkeit, Regelmäßigkeit nicht um Haaresbreite in das die mir angeglichene Umwelt draußen umwogende sogenannte Leben. Der Turm Montaignes in dem dazugehörigen Park, ein breites Fenster ins Freie, womöglich auf einen fernen Fluß und darüber den unendlichen Himmel, das wäre der klare Ausdruck dessen, was ich wachträumend begehrte. Wenn der Turm zu einem alten geräumigen Schloß gehörte und sich an dieses Schloß ein mit ein paar schönen Pferden bestellter Stall schlösse (denn die einzige körperliche Bewegung, die ich nach wie vor liebe, ist die zu Pferde), hätte ich wahrlich nichts dagegen einzuwenden. Das Ganze, wohlgemerkt, nicht etwa vom Standpunkt eines Einsiedlers und Sonderlings, sondern im Gegenteil mit dem wärmsten Herzen eines Vaters, dem die Kinder außer der geistigen Welt Inhalt und Sinn des Lebens bedeuten.

Wenn es auf mich ankäme ... Aber es kommt, vom Geld abgesehen, das, wahrscheinlich, weil es spürt, daß ich es aus dem Grunde verachte, bei mir niemals standhält, es kommt eben auf so vieles andre an. Der selige Diogenes hätte es heutzutage mit seiner Tonne auch nicht mehr so einfach.

Ich zwinge mich, den unerwünschten Begleiter abzugeben. Das will erklärt sein. Ich habe drei wohlgeratene Kinder. Das jüngste ist ein Mädchen. Nun gehöre ich zu den altmodischen Leuten, die alles, was auf die berufene Befreiung des Weibes auch nur hindeutet, aus dem Grund ihrer gar nicht immer friedfertigen, sondern manchmal – und damit bin ich gemeint – sehr leidenschaftlich empfindenden Seele hassen. Für mich ist das Weib einerseits etwas, wie die Kunst, zwecklos Schönes – ein unschönes Weib hat nach meiner Überzeugung seinen Beruf verfehlt –, andererseits ein zum Dienst in hingegebener Freiheit bestimmtes Geschöpf. Zucht und Schranke sind dem Weib zu seiner naturgemäßen Entfaltung unerläßlich. (Ich leugne nicht, daß es auch jenseits von Zucht und Schranke anziehende Weiber gibt. Aber ein Mann, der auf sich hält, wählt solchen Wildwuchs nicht zur Gefährtin. Und darauf kommt es an. Denn Achtung ist die Voraussetzung der Gemeinschaft.) Ich begleite also meine bereits erwachsene Tochter auf ihren Gängen, nicht weil ich ihr in irgendwelchem Sinn im geringsten mißtraute, sondern weil ich sie nicht gern allein weiß, schon um der mir peinlichen Vorstellung gefährdeter körperlicher Sicherheit willen.

An einem Tag der Woche – in frühern Jahren waren's ihrer zwei bis vier – speisen wir zwei mittags in der Stadt, da ihre Stundeneinteilung die Heimfahrt in den entlegenen Bezirk, wo wir, an der Stadtgrenze, wohnen, nicht ermöglicht. Dieser Einschub einer in geräuschvollem und überhaupt unerquicklichem Speisehaus einzunehmenden Mahlzeit in den Ablauf meines Tages ist mir aus mancherlei Gründen lästig. Jüngst wollte ich die aufgenötigte Verköstigung, einer als Einfall aus dem Dunkel des Begehrens auftauchenden lebhaften Vorstellung nachgebend, zu einer genußreichen Unternehmung gestalten. Ich hatte mich einer in der winkligsten Gegend der altertümlichen Stadtmitte gelegenen italienischen Wirtschaft erinnert, wo ich vor reichlich einem Vierteljahrhundert einmal in der Gesellschaft bewährter Führer einen köstlichen fremdartigen Imbiß zu mir genommen hatte. Dorthin beschloß ich statt in die sonst wegen ihrer Nähe aufgesuchte ungastliche Gaststätte unsre Schritte zu lenken. Ich bin infolge eines rheumatischen Leidens schlecht zu Fuß. Es war von der Haltestelle des Omnibus noch ein tüchtiges Stück zurückzulegen. Aber im Vorgefühl der uns erwartenden Eßfreuden – ich muß bemerken, daß ich mir, bei einem von Jugend auf schwachen Magen und durch die Entbehrungen der Kriegsjahre an geringe Nahrungsaufnahme gewöhnt, aus dem Essen für gewöhnlich nichts mache – schritt ich humpelnd gerne zu. Ich wußte den Standort meines Ziels nur von ungefähr. In die enge Gasse einbiegend, die mich ihm nähern sollte, fiel mir ein Trupp von betroddelten schwarzen Handlangern eines Leichenbestattungsunternehmens peinlich ins Auge, der um die Schaufenster einer Damenkleiderniederlage in unbeschäftigtem Abwarten eben anlangender Gerätschaften des widerlichen Begräbnisprunks herumstand. Ich war dadurch verhindert, eben an jenes Schaufenster hinanzutreten, wo ich meiner Tochter ein und das andre Kleidungsstück zu zeigen gedacht hatte. (Ich war am selben Vormittag schon, allein, durch die Gasse gekommen. Sie führt zu einer Dampfbadeanstalt, die ich mit einiger Regelmäßigkeit aufzusuchen pflege, während meine Tochter an der Hochschule ihre Vorlesungen hört.) Unwillig über den aufdringlichen Anblick dieser Statisten der dem Großstadtmenschen aufgezwungenen Beerdigungskomödie, setzte ich meinen Weg fort. Ich wußte, daß nicht fern von diesem Laden unter einem Schwibbogen durch ein düsteres, krummes Gäßchen der Zugang zu der auch ohne Umfrage leicht zu ermittelnden Wirtschaft sich eröffnete.

Wir biegen unter dem schmalen Bogen auf holprigem Pflaster in die schmutzige Abzweigung, und nur wenige Schritte bringen uns an die sogleich erkannte Gelegenheit, ein Eckhaus, das wir, wie ich feststelle, besser schon neben jenem Kleidergeschäft in eine andre Seitengasse tretend hätten erreichen können. Die diesseitige kleine Tür – ich schätze sie auf einen Nebeneingang – ist verschlossen. Wir wenden um die Ecke und stoßen abermals auf versprengte Leichenbestatter. Ihnen endlich zu entgehen, beeile ich mich, an den Haupteinlaß zu gelangen. Die Hand auf der Klinke, macht mich eine »Parte« – der Wiener sagt »Partezettel« – stutzen, die an der Scheibe der Tür von innen angebracht ist. Ein Herr Annibas – der Name, der mich an den armen »Kannitverstan« in Hebels herrlicher Geschichte vom mitleidigen Handwerksburschen gemahnt, wird mir unvergeßlich bleiben –, Besitzer der anders überschriebenen Gastwirtschaft, ist im Herrn verschieden, und eben heute, heute, da ich nach dreißig Jahren »vorgehabt« hatte, diese mich seltsam lockende Wirtschaft aufzusuchen, wird er zur Erde bestattet ...

Ich bin, dem verewigten Annibas noch im bessern Jenseits heftig zürnend, dann mit meiner Tochter in ein nicht allzu abgelegenes Speisehaus gezogen, das sich in nichts von jenem unterschied, das ich hatte meiden wollen. Es war nur noch um einige Grade ungemütlicher, schlechter in der Kost bestellt und in nicht unerheblichem Maß teurer.

Ist das nun eine Pechvogelgeschichte? Ich glaube nicht. Dazu ist sie allzu armselig. Aber eben darum finde ich sie so bezeichnend, wenigstens für mich und meine Anschauung von den Abenteuern des alltäglichen Lebens. Jules Verne und der ältere Dumas haben andre Abenteuer erfunden. Aber unsereiner erlebt wie jener Hebelsche Handwerksbursche aus Tuttlingen nur die vom Leichenbegängnis des Herrn Annibas. Und sie fallen ihm schwer aufs Herz, das zum Leben, zum Weiterleben in dieser kleinen kläglichen Welt immer wieder seine ganze versiegende Kraft benötigt.

 

Rolf

Bildnis eines Hundes

Rolf heißt der Hüter meines Hauses am Semmering. Es ist ein kleiner Hund unbekannter, wie ein Gerücht will, russischer Herkunft. Der Eisenbahnarbeiter, der vor fünf Jahren als Hausmeister und Gärtner das Erdgeschoß des Wirtschaftsgebäudes bezog – im Oberstock wohnt, wenn er uns besucht, mein älterer Sohn –, hat ihn mitgebracht. Obwohl wir nur drei Sommermonate in unserem waldbegrenzten Anwesen zu verbringen pflegen, kennt und liebt uns Rolf mit ehrerbietiger Hingebung, er, der sonst scheu vor Fremden sich zurückzieht.

Es ist der sonderbarste Hund, den ich je gesehen habe. Sein struppiges, ungepflegtes Fell spielt vom Rostroten ins Aschgraue. Der kurze, breite Kopf, den er gesenkt trägt, ist bis an die Stirn von einem buschigen Bart bedeckt. Wenn er ihn erhebt, blitzen aus einem fast schwarzen, ernsten Gesicht zwei kleine braune, feurige Augen auf, Augen, die von Gutmütigkeit und Klugheit erfüllt sind. Obwohl er anhaltend mit hoher Stimme bellen kann (was er meist in der Dunkelheit ausgiebig, aber nicht aufdringlich besorgt), macht er den Eindruck der Stummheit, das heißt, man meint immer wieder, daß er etwas zu sagen hätte. Wenn je einem Tier, so geht diesem komisch-ernsten Gesellen die Sprache ab. Sein stämmiger, gedrungener Körper, der auf festen, leicht gekrümmten Beinen ruht, ist massig und muskelstark. Er legt lange Strecken mit beharrlicher Ausdauer zurück, obgleich Kurzatmigkeit ihn, zumal beim Aufwärtssteigen, behindert. Er geht gern seiner eigenen Wege, die ihn, da die ihm gereichte Kost nicht regelmäßig scheint, im Umkreis zu nahrhaften Gelegenheiten führen. Sobald jemand von uns zu einem Ausgang durch das nächste Gartenpförtchen tritt, stürzt Rolf in freudiger Hast herbei und schließt sich, mit dem langhaarigen Schwänzchen, das weder ein Stummel ist noch einer Fahne gleicht, heftig wedelnd, in stiller Zuversicht dem Ausschreitenden an. Paßt ihm die Ausdehnung der Wanderung nicht, so bleibt er zurück, verschwindet mit Anstand und kehrt gelassen um. Man findet ihn an irgendeiner Stelle im Garten, gern in seichten Mulden des Hanges, gleichsam dem Grasboden eingeschmiegt, behaglich träumend. Er läßt sich von uns streicheln, steht wohl auch, sich dehnend, auf und reibt Kopf und Rücken, mehr geschmeichelt als schmeichelnd, an den Beinen des Gönners.

In unser Haus war er früher nie gekommen. Erst seit wir vor drei Jahren selbst einen Hund, einen schönen großen edelgezogenen Airedaleterrier, mitgebracht hatten, der ihn ersichtlichermaßen beunruhigte, unternahm er manchmal einen Versuch, die Schwelle, auf der er in der Sonne zu liegen sich gestattete, mit zögernder Neugierde zu überschreiten. Und als im letzten Jahr jenem ungebärdigen, oberflächlichen und wenig anhänglichen Begleiter der Herrschaft als Ersatz für den inzwischen Verschiedenen ein junger, nicht ganz reinrassiger Schäferhund gefolgt war, entschied sich Rolf nach einiger Überlegung dazu, dem trotz seiner schlanken Höhe minder Beträchtlichen auf längere Fristen in unser Haus zu folgen, ja ihm – es lag Herausforderung des Fremdlings darin – zuvorzukommen. Dieser Zuwachs schien ihm von vornherein minder achtungswürdig, ja, er war entschlossen, ihm seine älteren Rechte auf das nachdrücklichste einzuschärfen. Rolf ist eine im Grund unabhängige, eine freizügige Natur, ein durchaus selbständiger Charakter, ein entschiedenes Temperament. Er kennt den Unterschied zwischen seiner Stellung als der eines mittelbar Untergebenen und der unsrigen als der ansehnlicher Befehlshaber. Er weiß, daß er, der Schlichte, der Ruppige, nicht ins Vorderhaus gehört, sondern zur Familie seines Besitzers, des Hausmeisters. Dort, in der Umgebung des Nebengebäudes, hat er seinen gewohnten, ihm zuständigen Aufenthalt. Tag und Nacht verbringt er, abgehärtet, von rauhen Sitten, im Freien, aber nah der Wohnung dessen, dem er rechtmäßigerweise und mit unbedingter Ergebenheit anhangt. Zu uns herüber lockt ihn ehrliche Neigung, die, wie gesagt, eines hochachtungsvollen Ausdrucks sich befleißigt. Er gesellt sich uns, doch mit der durch den Abstand gebotenen Mäßigung. Aber Lux gegenüber – so hieß der Schäferhund, den wir seitdem auf traurige Weise vor der Zeit eingebüßt haben –, Lux gegenüber hatte sich sein Selbstgefühl geregt. Dem wollte er den Vorrang nicht einräumen. Und so brachte er es über sich, unbescheiden zu sein. Es war ergötzlich, zu beobachten, was er sich dem Bevorzugten gegenüber herausnahm, was er sich trotzig zugestand: die Freiheit einer sich räkelnden Flegelhaftigkeit. Und dies wohlweislich in den Zimmern der verehrten Herrschaft. Sicherlich spielte eine instinktmäßige Erwägung mit, daß es sich diesmal um einen nur durch Gunst, nicht durch Geburt über ihn Erhöhten handelte. In dem Naturburschen war der Köter erwacht, der seinesgleichen nicht zubilligen mochte, was nach Überhebung aussah.

Heuer hat Rolf niemand neben, niemand über sich. Seine Unbefangenheit ist mit der alten Herzlichkeit zurückgekehrt. Nichts beunruhigt seinen Stolz. Er ist der alte treue Gefährte, der sich, unangefochten in seinem ursprünglichen, aber die Rangordnung berücksichtigenden Gehaben, der Anwesenheit seiner Gäste freut. Denn er – das weiß er – ist da, wo er jahrein, jahraus lebt, zu Hause.

 

Drei Jahre später. Im Vorjahr, als wir kamen, war Rolf zwar herzlich, aber still und nicht mehr so beweglich wie sonst. Einmal noch hat er meine Kinder auf ihrem Gang zum Tennisplatz ein Stück begleitet. Bald darauf lag er im Garten an dunkler Stelle unter dichtstehenden Fichten und erhob sich nicht, als ich auf ihn zuging. Sein gedunsener Leib war mir schon aufgefallen. Ich rief den Hausmeister, der lächelnd erklärte, es sei nichts zu besorgen. Aber argwöhnisch beobachtete ich nunmehr den Abseitigen. Da er unterweilen Klagetöne ausstieß, wollte ich den Tierarzt kommen lassen. Am Nachmittag war Rolf verschwunden. – Wir suchten ihn stundenlang im Wäldchen. Am nächsten Vormittag meldeten uns die Kinder aus einem nahen Gehöft, sie hätten ihn aufgefunden. Er lag tot unter der Straße in einer Mulde. Er war in die Einsamkeit sterben gegangen.

 

Kleine Tragödie

Die Henne ging mit ihren watschelnden Küchlein durch den Garten. – »Was hat das eine?« fragte meine Frau. »Ich weiß nicht«, sagte mein Töchterchen. »Es bleibt immer wieder stehen.« »Es wird krank sein.«

Die Henne stieg den kurzen Hang zum Gemüseacker empor. Mühsam, als letztes, folgte das kranke Küchlein. Die Schar suchte den sonnigsten Platz auf. – Da schlug das Zurückbleibende heftig mit den kurzen Flügelchen. Krämpfe schienen den kleinen Körper zu heben, zu schleudern. Endlich fiel es – wir waren ihm alle entsetzt gefolgt – in sich zusammen. Es war tot.

Weder die Mutter noch die Geschwister hatten es in seiner Qual beachtet. Daß es wenige Schritte hinter ihnen, den Lebendigen, sich des harten Todes erwehrte, war ihnen entgangen. Und um das Tote kümmerte sich keines von ihnen.

Ich hielt den weichen, noch warmen Körper in der Hand. Das Köpfchen mit dem gebrochenen Blick sank zur Seite.

Ist Einsamkeit das Schicksal des Geschöpfes? Nur die Gattung lebt.

 

Der Anstreicher

Seit einigen Tagen bin ich wieder auf meinem Berghaus. Man glaubt, in die Einsamkeit, die Ruhe zu gelangen. Aber die Menschen mit ihren Zwecken und Absichten treten aus allen Kulissen dieser Traumwelt. Da ist der Bäcker, der Fleischer, der Schornsteinfeger, der Briefträger: die sind einem ja, leider, unentbehrlich. Allerlei Handwerker erweisen sich als kaum minder notwendig. Ein Schlüssel ist zerbrochen, eine Fensterscheibe; ein Rohr ist verstopft, ein Laden ausgerenkt. Das Telephon, das lästigste aller eingebildeten, angewöhnten Bedürfnisse, schrillt, die Gartenglocke ertönt, es klopft. Man grüßt, man fragt. Es wird Geld, das verfluchte Geld, begehrt. Der Hausbesorger, der zugleich den Gärtner vorstellt, überreicht die Rechnung über seine Leistungen und Anschaffungen, und – o Grauen! – sogar Besucher haben sich's nicht versagen können, mich bereits zu überfallen. Es sind Leute, die man am allerwenigsten erwartet hätte, Leute, an die man seit Jahr und Tag nicht gedacht hatte. Aber nun stehen sie da; unaufgefordert sind sie eingetreten, und man setzt sich zu beflissener, ach so überflüssiger Geselligkeit lächelnd zusammen.

Heute, da es eben ans Mittagessen ging, hat der Anstreicher anfragen lassen, ob man nichts von ihm brauchte. »Der Anstreicher? – Gott sei Dank, nichts. Sagen Sie ihm – « Doch da fällt mir auf die Seele, daß schon im letzten Sommer ein bedächtiger Freund, dem nichts entgeht, beim Rundgang um das Haus geraten hat, die umlaufenden Holzbelagstücke dort, wo im Winter der Schnee sich aufschichtet, wieder streichen zu lassen. Sie wären an den Rändern rissig. Die Nässe usw. ... Damals hatte man's noch dankend überhört, sich aber doch gemerkt. Jetzt, wie das böse Gewissen, meldet sich der Anstreicher. Muß es denn also sein? Es muß wohl sein. Ich gehe nach dem Essen – mir hat es nicht geschmeckt – zu ihm hinaus. Er erhebt sich von der Bank, wo er, offenbar seiner Sache sicher, gewartet hat. Leutseligkeit und Ergebenheit entwickeln sich, umfangen einander: ein inniger Verein von Unaufrichtigkeit. – »Wie lang ist es her, daß das Haus gestrichen worden ist?« – »Sieben Jahre«, lautet die Antwort. Sieben Jahre ... Was für Vorstellungen und Gedanken tauchen herauf! An solchen Abschnitten sammelt sich die Zeit an. Sieben Jahre! Vor sieben Jahren war mein jüngerer Bub, der mir über den Kopf geschossen ist, schon eine Staatsprüfung hinter sich hat und vier Ballwinter, fünfzehn, mein Mädel, das ich auch bereits zweimal, und mit Verspätung, die üblichen Monate hindurch auf die unumgänglichen Tanzvergnügungen begleitet habe, gar dreizehn Jahre alt: Kinder! ... Und ich? Vor sieben Jahren bin ich noch gesund gewesen, ahnungslos, was mir bevorstand an Schmerzen und Hinfälligkeit ... Das alles bedeutet für den Anstreicher nicht mehr als die Frist zwischen zwei Verdienstgelegenheiten. Ich bin ihm einer, dessen Haus wieder einmal Anstrich braucht.

Ich verdenke es ihm weiter nicht, daß ich ihm nichts bedeute (was bedeuten denn mir die Menschen?), verdenke ihm nur, daß er, Vertreter des »Nächsten« (den ich wie mich selbst zu lieben habe), mich, kaum daß ich aus der lärm-, stank- und stauberfüllten Stadt hier oben im grünen Hafen eingelaufen bin, schon wieder an all den Ekel gemahnt, der einem jahraus, jahrein Leben heißt und aufs Zahlen hinausläuft. Nicht fern von mir haust sommerüber ein Mann, der buchstäblich nicht weiß, was er mit seinem märchenhaften Reichtum anfangen soll. Drei Riesenautomobile hat er mitgebracht. Dienerschaft, Hofmeister, Hunde ... Das ist einer, der zu verdienen gibt! Er kauft, was man ihm hinhält: Gründe und Erdbeeren, Pferde und Blumen ... Die Welt wird in absehbarer Zeit nur mehr aus zwei ungleichen Teilen bestehen: hier die einen, die im Geld ersticken, dort die andern, die Mangel leiden. Denn, Hand aufs Herz: ist nicht alles Mangel, was nicht Überfluß heißt? Wo gibt es, verhältnismäßig, heute Genügen?

»Wenn wir ein Automobil hätten«, sagt mein Sohn, ein gelassener Philosoph, »würde uns das zweite abgehen. Denn wir sind fünf: wer es benützt, entzieht's den andern ...«

Aber lassen wir diese mißgünstigen Betrachtungen aus dem Gesichtspunkt des Ewig-Unzulänglichen. Eine andere Vorstellung hat sich meiner bemächtigt, da der Anstreicher befriedigt abzieht, um morgen mit Leitern und Töpfen wieder anzurücken und die Rechnung zusammenzustreichen: Wenn er nach abermals sieben Jahren – es kann auch früher sein, denn diesmal handelt es sich ja nur ums Ausbessern von schadhaften Stellen –, wenn er mir das nächste Mal seine Dienste anbietet (vorausgesetzt, daß ich noch am Leben bin), was wird inzwischen alles geschehen sein? Nehmen wir an, daß wir alle fünf noch vorhanden und imstande sind, das kleine Berghaus, unser Sommerfriedenseiland (ausgestattet mit »Nächsten«), zu erhalten: bin ich dann nicht geschlagene zweiundsechzig Jahre alt, mein Ältester, heute neunundzwanzig, sechsunddreißig, also auf der sogenannten Lebenshöhe? (Mit sechsunddreißig bin ich Präsidialchef eines Ministeriums gewesen, ein Machthaber, ein Satrap.) Und wenn wir die Fichten im Garten so weiterwachsen lassen, sehen wir in sieben Jahren von der umliegenden Bergwelt, der Welt überhaupt nichts mehr ... Aber der Anstreicher kommt zuverlässig ...

Laßt uns nicht vorausdenken: es führt zu nichts und macht nur traurig, lebensunfähig. Und wir Alternden, Alten müssen lebensfähig bleiben, schon um den Jungen, den heute noch und wie bald nicht mehr Jungen, ein Beispiel zu geben, wie man's machen muß in dieser besten aller möglichen Welten.

Morgen wird unser Haus frisch gestrichen, hurra! (Warum ruft denn niemand mit mir?)

 

Abschied vom Sommer

Hinter mir stehen Koffer. Mein Sohn packt Kleider ein. Vor mir am dreiteiligen hohen Fenster, meinem Arbeitsplatz, sind in einem dickbauchigen gemusterten Tongefäß Blumen aller Herbstgattungen vereinigt. Und zu meiner Linken, auf dem Schreibtisch, der, wie sein schmaler Geselle, das sonst mit Schriften und Heften beladene Beitischchen, abgeräumt sein rotes Tuch darlegt, steht eine zweite, niedrigere Schale, die gleichfalls in überquellender, farbenprangender Fülle zusammengeraffte Blumen enthält. Als ich heute zum Frühstück aus meinem kleinen Schlaf- und Ankleideraum ins angrenzende Speisezimmer trat, war mein erster Blick auf den Anrichtetischkasten gefallen, wo sich viele schlanke und massige gläserne Vasen aneinanderdrängten. Alle leer: man hatte daraus die Blumen entfernt und sie in jenen zwei Ablagestätten untergebracht. Jetzt sind die vielen Vasen schon in einer Kiste verschlossen. Der Sommer ist zu Ende. Es heißt Abschied nehmen von meinem lieben stillen Garten.

Der Sommer ist meine Jahreszeit. Der Frühling und der Herbst sind, jeder auf seine unvergleichliche Weise, schön und traurig. Der Winter ist der Tod, die Kälte, die Dunkelheit. Ich bin ihm nicht abhold, denn ich bin ein seßhafter, ein Mensch der warmen Stuben, des Lehnstuhls. Und im Winter sitzt man unter der Lampe, am runden Tisch; im Ofen flackert Feuer. Man ist der Natur fern, die in schwarzer starrer Haft liegt. Am Fenster zu stehen, stimmt zur Schwermut. Wo ist das alles hin, was grün und weich zum Licht empor sich hob, selig-beseligend im warmen Hauch der Luft erschwoll? Zeugt das dünne, dürre Gerippe vom Wiedererwachen? Mir zeugt es vom Sterben. Ich kehre zurück zum Lehnstuhl, an den Tisch, vor den Ofen ... Aber im Sommer, wenn die Sonne am blauen Himmel steht und die weißen, randglühenden Wolken unter ihr hangen, da läßt es mich nicht im Zimmer, zumal hier oben in meinem kleinen Anwesen an der Berghalde: ich eile zwar nicht mehr wie sonst wohl ins Freie, aber ich wandle unter meinen Föhren an den Rosenstöcken, an den Nelkensäumen entlang, ich seh ins fichtenbestandene Tal hinab oder zu den Gipfeln hinüber. Und zumeist lieg ich auf meinem leinwandbespannten Strecksessel in der segnenden Sonne, von Bienen umsummt, von Schwalben überflogen. Oder ich sitze, an verhängten, kühleren Tagen, an meinem breiten Fenster, wo die Birken, die Eschen und die Fichten ruhig hereinschauen, meine vertrauten, stummen Gefährten seit vielen, vielen Jahren. Nichts kann mir den Sommer ersetzen in seiner schenkenden Schönheit, nichts die Sonne, die strahlende Herrin des hellen, langen, langsam und goldig hindämmernden Tages.

Und nun heißt's Abschied nehmen von Sommer und Sonne. Das reißt am Herzen, zumal am alternden. Ein Weh erfüllt mich, das mich zu überwältigen droht. Eine Traurigkeit steigt in mir auf, die die Kehle schnürt ... Und das Ärgste sind die Vorbereitungen zum Scheiden ... Da bin ich heut noch einmal in den Garten gegangen, den eine wundervolle frische, herbe Luft in lautloser Klarheit durchwob. Die Birken standen goldumflossen wie in einem seidenen Hauch. Noch blühen verspätete Rosen, noch ist der Blumenplatz farbig von Dahlien, Glyzinien, Astern und den zinnoberroten Pelargonien, deren erdigen Duft ich fast dem zaubersüßen der Nelken, dem ahnungshaft berauschenden der gelben Rosen vorziehe: er gemahnt mich an die Kindheit, deren Märchen um niedrige Glashäuser im Tannenschatten ranken ...

Ich hab's nicht ausgehalten. Ich bin wiederum, zum letztenmal, eh der Abend einfiel, hinausgegangen, hab den Weg abgeschritten, der zu dem kleineren Nebengebäude unter kerzengeraden himmelragenden Nadelbäumen breit und eben hinüberführt. Ich bin die steile Holztreppe emporgeklommen, die zu den verlassenen Zimmern meines älteren Sohnes, des Malers, hinaufsteigt. Um die niedrigen Räume, an den Fachfenstern entlang, zieht sich ein balkengetragener Hängegang. Der Wald dringt bis an das Dach hinan. Dort auf der grünen Bank, den Wipfeln nah, hätte ich sitzen und träumen mögen. Aber er hätte hinter mir, in seinem behaglichen bauernmäßig bestellten Zimmer sich atmend regen müssen, mein Sohn, der fern, da unten, hinten in der häßlichen, lärmenden Stadt weilt, in der lärmenden Stadt, wohin wir morgen selbst zurückkehren ... Und Sonne hätte durch die Äste spinnen müssen, Sommersonne ... Die Zimmer sind schon verschlossen. Ich hab durch die Fenster hineingeblickt ... Wie traurig ist das alles! ...

Nun brennt schon die Lampe neben mir. Aber es ist nicht mehr wie so viele Wochen her die Einleitung zu den täglichen Vorlesestunden. Der Raum ist an vielen Stellen aus seiner gewohnten Ordnung geraten. Der Teppich fehlt. Die Blumen fehlen. Die Uhr tickt nicht mehr. Und Koffer, drohende Koffer wuchten herum.

Vor dem Fenster wird's Nacht. Der Himmel ist ein sanft von versinkendem Rosenrot erwärmtes Blaugrau, das im Westen hart überm scharf gezackten Waldrücken des Alpkamms noch im eignen Leuchten sich verhält. Die Fichten und Kiefern sind schwarz.

Es ist kaum eine Stunde her, da stand ich an den Blumensträuchern und träumte in das Altgold der Birken, die am Rande des von Nadelriesen übertürmten Platzes selbst wie im Traume schwiegen. Noch war Licht in der Welt. Bald werden die Sterne erschimmern ...

Abschied. Bis übers Jahr ... Weiß ich, ob ich werde wiederkommen dürfen? Was birgt ein Jahr in seinem Schoß! Und nun kommt der Winter ...

Aber hinter mir, hier in der verlassenen Heimlichkeit meiner Sommerzuflucht, wird es langsam weiter herbsten, werden die vielen bunten Blumen jedem kargen Sonnengruße sich entgegendehnen, werden die schwarzen Eichhörnchen sich um die düster aufragenden Stämme jagen, werden späte Bienen über blauen Blüten sich wiegen. Bis der erste Frost über Nacht das letzte bange Leben vernichtet ... Und dann wird Schnee fallen, das Leichentuch, unter dem sich die Hoffnung birgt ... Lasset uns hoffen, damit wir nicht in Schwermut fallen!

 

Der Christbaum

An allen Ecken der Stadt sind jetzt Christbaumlager gebreitet. Bald häufen sich die Bäume und Bäumchen, noch mit verschnürtem Astwerk, bald sind sie reihenweise aufgestellt, jeder in ein aus verkreuzten Brettchen zusammengenageltes Trag- und Standstück wie in einen zu engen Schuh eingebohrt. Es ist ein rührender Anblick, dieses entwurzelte grüne frische Waldleben, Geheimnis und Wirklichkeit zugleich, mitten in der häßlichen, unnatürlichen Stadt. Die unsägliche Häßlichkeit der willkürlichen Stadt kommt einem durch den Gegensatz zu den hilflosen Nadelgeschöpfchen Gottes wieder einmal so recht zum Bewußtsein. Es war ja nicht immer der Fall. Wie schön war – ganz abgesehen vom altertümlichen Märchen der mittelalterlichen, der um den Burgberg gelagerten befestigten – noch die Stadt der letzten Kulturepochen, des Barock, des Rokoko, des Empire, des Biedermeier, ja der vierziger Jahre! Als noch Geschmack und tüchtiges Handwerk aus echtem Stoff mit angeerbter und erzogener Sicherheit Bauten schufen, die, in sich geschlossen, als Einheit wirkten und sich, verwandt und unbefangen, zum Ganzen zusammenfügten. Seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts etwa ist die Stadt ein wüstes Gemengsel unverstandener Stilformen, eine barbarische Ansammlung widerlicher Aftergebilde, würdelos, aufdringlich, plump, grell, gemein: eine wahre Orgie der Gottverlassenheit. Und seit gar die Reklame, diese freche Ausgeburt des zur Raffgier entarteten Erwerbssinns, selbst die wenigen erhabenen Reste einer edeln Vergangenheit mit ihrem starrenden Grind beschuppt, seit diese Häuser alle, die scheußlichen Gemächte der Bauindustrie wie die trauernden Zeugen unrettbarer künstlerischer Vorzeit, mit brüllenden Firmenschildern, zuckendem und flimmerndem Lichtergeflunker bis unters Dach beladen und bekleckst sind, seit jeder Balkon (einst war der Söller wie die Nase im Antlitz ein kühner Vorsprung, heut ist er eine Beule, nein: die wäre immerhin ein Auswuchs, heut ist er ein angepappter Unfug), jeder Balkon einem Zahnarzt den (und die) Vorwand abgibt und man den Torflur vor lauter Verteidigern in Strafsachen kaum mehr zu betreten wagt, irrt das gemarterte Auge des in die Ziegel- und Zementwüstenei gebannten Wanderers verzweifelt nach einem Ruhepunkt im betäubenden Gewimmel des Fürchterlichen, das ihm als Heimat sich aufnötigt.

Und in dieser greulichen Folterkammer – einer Kammer von lächerlichem und unanständigem Riesenausmaß – sind um die Weihnachtszeit da und dort Christbäume ausgetan. Man vergegenwärtigt sich das Schicksal der armen Verschleppten. Wie im stillen Wald, wo schon seit Wochen frühe Dämmerung unter grauem Himmel mit Krähen und Dohlen herabsinkt, die grausame Axt wütet; wie unter splitterndem Krachen die scharfe Schneide in den kerzengerade gereckten Stamm fährt; wie die zitternden Überfallenen weggeschleift werden aus dem stummragenden Kreise der Ihren, die mit tausend verschatteten Augen ihnen nachschauen, nachtrauern ...

Nun aber sind sie Ware geworden. Was frei und froh aus nährender Erde empor ans segnende Licht sich hob, Gott preisend mit würzigem Duft, dem starken Atem ewiger Jugend, das hat der Mensch an sich gebracht und zum Mittel erniedrigt, nicht, was den Eingriff ins Naturreich uralthergebrachtermaßen rechtfertigen mag, aus eigenem nahen Bedürfnis, sondern in Massen, auf Vorrat, gewinnbedacht, rechnerisch, fühllos.

Tritt hinan an den Christbaumhändler und sieh, was es heißt, Geschaffenes, Ursprüngliches, auf sich selbst Gestelltes in Ware, wehrlose Ware verwandeln! Sieh die Schlachtbank adeliger Sprößlinge einer Wunderwelt, der du entfremdet bist, Sklave der Stadt, die du ihr, der Natur, sie meilenweit zerstörend, abgerungen hast. Denn auch du, armer, von Kindesbeinen an dieser öden gemauerten Scheinwelt ausgelieferter Stadtmensch, bist Natur gewesen, hast ein Erbe von Natürlichkeit in dir verkommen lassen zwischen deinen kläglichen Errungenschaften, den Kunststücken der mißbrauchten Vernunft.

Regt sich in dir etwas von der erstarrten Naturhaftigkeit, wenn du sie auf dem Pflaster liegen siehst oder wacklig und schief in ihre armen Gestelle gezwängt sich mühsam aufrecht halten, die entwurzelten Waldeskinder, die dem schönsten Fest der Christenheit – man sollte es nicht für möglich halten, dieses andere Wunder – die Weihe zu geben bestimmt sind? Trauert dein dünnes Blut mit dem in diesen gemordeten Stämmchen stockenden Saft?

Dann, nur dann bist du würdig, Sklave der mordenden Stadt, das, was sich dir hier, entrechtet und mit bangem sterbendem Wimpernaufschlag, als Ware anzubieten gezwungen ist unter den tausend anderen Waren, die dich geldheischend, wünscheweckend umgeben, wieder in etwas zu verwandeln, das, zwar nicht mehr gleich seinem selig gotthingegebenen Einst, dennoch, auf eine Weile wenigstens, seine Gnade spendend verströmen, schon in den bitteren Armen des Todes noch einmal Liebe, das ist Leben schenken wird: den Christbaum. Indem du aus der demütig gebeugten Schar, selbst einen Abglanz jener welterlösenden Demut im tauenden Herzen, die, gepeinigt von menschlicher Roheit, am Marterholz des höchsten aller Christbäume auch für dich verblutet hat, einen der grünen Nadelstämme erwählst, um ihn deinen Kindern oder dem Andenken deiner Mutter mit Lichtern aufzuschmücken, wird er, der gemißhandelte, der dir in dein Haus, dein Gemach, zu den Deinen gehorsam folgt, als ein Bote des Friedens und des guten Willens die ganze in ihm versiegende Kraft zusammennehmen und einen Abend lang, einen heiligen Abend lang mitten in der Hölle der Stadt den Himmel in deine Seele eingehen lassen, unter dem, dem entgegen er erwachsen war in Gottes ferner Welt. Ehret den Christbaum: es ist die Ehre Gottes in der Natur, von der seine lichtstrahlende Weihnachtserscheinung, das Opfer seines grünen Lebens, kündet!

 

Beziehung

Betrachtungen am Sterbelager eines Hundes

I

Ein Hund, den ich und die Meinen lieben, unser braver schöner treuer Lux, ist in Todesgefahr. Er hat sich vor einigen Tagen irgendwo im Garten, der zu ihm, der ihm gehörte, wohl an einem Aas, in dem böse Pilze wucherten, eine tückische Vergiftung zugezogen, und der Arzt gibt uns kaum noch Hoffnung, daß er davonkomme. Trauer ist bei uns eingekehrt. In hingebender Sorgfalt pflegt den schlaftrunkenen Kranken die immer wieder um sein Lager versammelte kleine Runde. Wenn er stürbe, würde uns ein Stück unser selbst genommen.

Ich habe mir die Überzeugung bestätigt, daß nur stete innige Beziehung im Leben wirklichen Zusammenhang schafft. Wer immer von all den Menschen, mit denen ich, selbst seit Jahrzehnten, irgend in mehr oder minder regelmäßiger, mehr oder minder freundlicher, ja freundschaftlicher, verwandtschaftlicher Verbindung stehe, wer immer von ihnen dahinginge – und ich weiß es, da ihrer so viele schon dahingegangen sind –, sein Verlust bedeutete mir nicht mehr als eine traurige Vorstellung, die sich je nach Anlaß und in abgeschwächter Wirksamkeit wiederholte, keineswegs aber jenes herzbeklemmende leidvolle unmittelbare Erlebnis, als das ich schon die Erkrankung meines Hundes empfinde. Denn dieser Hund steht mir nah, ich habe mit meiner täglich betätigten Zuneigung, meiner von ihm erwiderten Zärtlichkeit immer wieder mein Innerstes, das Unbewußte, an ihn gewendet, arglos hat er sich mir ergeben, wir machen einander nur durch unser Dasein Freude. Alle Menschen aber, die nicht ebenso zu einem stehen, – und wen kann man auf die Dauer zu diesen Allernächsten zählen, die nicht nur durch Blut, sondern auch durch unbefangene Liebe einem angehören? – sind einem im Grunde gleichgültig, weil fern und fremd. Und noch eines: Menschen haben das, was man Interessen heißt, einen Luftkreis von jeweils eindeutiger, ja ausschließlicher Geltung um sich herum, der sie, wenn nicht geradezu undurchdringlich für den sogenannten Nächsten, doch in dichter Beständigkeit einhüllt. Tiere haben nichts dergleichen. Und der Hund, das nicht ohne Grund herkömmliche Haus- und Zimmertier, ist seinem Herrn und dessen Anhang und Gefolgschaft, dessen Gewohnheiten, ja man möchte fast meinen sogar den »Interessen« des Herrn mit einer Treue, einer Aufmerksamkeit, einer Uneigennützigkeit ergeben, die kein Mensch, nicht einmal das eigene Kind aufzubringen imstand ist. In meines Hundes Auge spiegelt sich meine Seele so rein, wie nur je sich eine Seele im Auge der Liebe spiegeln kann.

II

Ist es die Größe eines Tieres, was den Grad seiner Nähe, seiner Beziehung zu uns bestimmt? Gleich geheimnisvoll in der kaum sichtbaren Mücke wie im Riesenwal, hat Leben doch nur dann Sinn für uns als das Leben fassende Lebendige, wenn es sich nicht auf Form, Gestalt beschränkt, sondern uns als gestalteter Gehalt entgegentritt. Die winzige Fliege, die über diesen Bogen kriecht, bleibt mir gleichgültig; wenn sie vor mir, unter meinen Augen, an meinen Fingern, die die Feder führen, verendet, ist Tod, das Geheimnis aller Geheimnisse, nichts als eine der unzähligen belanglosen Tatsachen, die als eine ununterbrochene Reihe von kaum bemerkten Geschehnissen meinen Tag erfüllen. Und wenn ich – es ist freilich schon seit vielen Jahren nicht mehr geschehen – auf der Treibjagd selbst Tod säe, Hasen und Hühner schieße, wie sie mir vor den Büchsenlauf gelangen, empfinde ich das einzelne lebendige Geschöpf, das ich fröhlich und stolz auf meine Schußfertigkeit vernichte, nur als bewegten Gegenstand, als Ziel der Jagdlust. Aber ich brauche nur einen jungen Hasen im Nest, in die Furche geduckt zwischen Schollen zu betreten, mich zu ihm niederzubeugen, seinen weichen warmen bebenden Leib zu befühlen, so wird er mir, was er ist, ein Wesen, in dem mir bangend ein Herz entgegenschlägt, dem der Schlag meines Herzens freundlich antwortet. Vor dem Gitter des Löwenkäfigs, an den festen Eisenstangen, die ihn oder ein anderes mächtiges Raubtier von mir trotz seiner Nähe sondern, steh ich als vor der unendlichen Fremde: nicht ein Hauch von Teilnahme wechselt zwischen uns, ich bin nur Betrachtung, Staunen und Schauer. Über den drolligen kleinen Bären kann ich lächeln; da mischt sich schon etwas Zärtliches in mein Schauen, aber es ist kaum Zärtlichkeit der Zuneigung, sondern eher gruseliges Behagen am plump-gefälligen Spiel der bewußtlosen Anmut. Schon dem Elefanten bring ich mehr entgegen als belustigte Neugierde, er ist – so dünkt es mir – ein Zerrbild, aber nicht abscheulich, nicht fürchterlich; wie die Schildkröte etwa will mir dieses unwahrscheinliche und ungeheuerliche Gebilde mit dem klugen Auge, dem lebhaften Gebaren, vielleicht eben um der launenhaften Mißbildung, die sein Teil ist, mehr, Näheres besagen als das in seiner Gattung, seiner Art aufgehende vollkommene Stück Tierwelt, das die Tiger und Büffel, die Zebras und Füchse vorstellen und worin sich ihr Ausdruck erschöpft. Das Rind, das Pferd, das Schaf, so sehr es seit Jahrtausenden mit dem Menschen in Verbindung, ja Gemeinschaft lebt, kann ihm kaum als Person begegnen; wohl unterscheidet der vertraute Blick das einzelne Tier, es ergibt sich – zumal zwischen Reiter und Roß – so etwas wie eine vertrauliche Verständigung, aber abgesehen von manchem Vogel, vom Papagei bis zum Huhn, ist es einzig der Hund, der uns ans Herz wächst, in dessen Tiefen Wurzeln faßt und ein Stück davon mit sich nimmt, wenn ihn uns der grausame Tod, grausamer am Tier, das ihn nicht kennt wie der Mensch, eines dunkeln Tages entreißt.

III

Ist wirklich alles ersetzbar auf der Welt? Fast will es so scheinen. Selbst den Verlust der Mutter verwindet der Mensch. Wohl ersetzt sie ihm nichts, aber er findet über den Schmerz hinweg durch die Trauer zum leise verklingenden Leid und zurück ins Leben mit all dem, was, mehr oder minder erbärmlich solchem Einmaligen, Unwiederbringlichen gegenüber, sich als Trost zur Geltung bringt. Als meine Mutter im Sterben lag, fragte ich den Arzt, der sie zum letzten Male verließ – am Abend war's, an einem Oktobertag, er hatte noch mit ihr wie sonst gesprochen, aber er gab mir keine Hoffnung mehr –: Kann man darüber hinauskommen? Ist es möglich? ... Und er sagte herzlich: Wenn man Kinder hat, gewiß. Ich hab es meinen Kindern zu danken, daß ich über den bis dahin, bisher größten Schmerz meines Lebens hinauskam. Aber ist Tod, der Abschied, der uns allen so vielfach auferlegt ist, wirklich der größte Schmerz, den der Mensch erleiden kann? Ist nicht diesem natürlichen Los alles Vergänglichen gegenüber gewaltsamer Abschied im Leben – Marie Antoinettes Abschied von ihren Kindern – das freiwillige Scheiden eines von der Gemeinschaft der Liebe sich lossagenden oder gar der sittliche Untergang, Fall und Schmach eines Kindes fürchterlicher, entsetzlicher als das Furchtbare? Welches Unmaß von Qual kann einem zugedacht sein, der ahnungslos heute noch seinen Tag beschließt und morgen sagt! Unausdenkbar sind die Leiden eines liebenden Herzens, das etwa gar nach dem Tode noch mitfühlend, aber machtlos, ohne die Möglichkeit sich irgend mitzuteilen, Elend und Not, Jammer und Schmerzen seiner Kinder und Kindeskinder mit anzusehen verurteilt wäre in einem Jenseits, das es nicht vom verlassenen Diesseits entfernte. Dennoch, trotz all diesen Erinnerungen und Erwägungen behält der einzelne wirkliche Fall, der Todesfall unerbittlich Recht, und sei es – so sag ich im Sinn der andern – der Tod eines Hundes. Nicht zu fassen vermag ich den Gedanken, daß ich mir sollte ersetzen lassen können, was mir jetzt unersetzlich scheint. Und ich schäme mich vor mir selbst, daß ich mir von der Vernunft – wie ich sie hasse, diese nüchterne, kluge Göttin mit den großen kalten brauenlosen Augen! –, daß ich mir von der erfahrenen und voraussichtigen lästig-unentbehrlichen Begleiterin des lebendigen Menschen mit klaren Worten sagen lassen muß: Du kannst es. Ich weiß es. Denn mein Herz schreit: Ich glaub es nicht, ich will's nicht glauben! ...

Ruhelos treibt seit einigen Stunden der in ihm hausende Tod, der ihn seit Tagen bei lebendem Leibe zerstört, den armen Lux in den Zimmern umher, reißt ihn von jedem Lager auf, dem er sich anvertraut, scheucht ihn aus unsern zärtlichen Berührungen: noch ist alles an ihm, in ihm, selbst die verzehrende Hitze in seinem Leibe, Dasein, und bald, gleich wird alles zu Ende sein.

IV

Er ist dahin. Um sieben Uhr am Abend des siebenten Tages haben meine Söhne beschlossen, ihn von seinen Leiden erlösen zu lassen. Meine Frau hat zugestimmt, ich habe erklärt, mich nicht dagegen zu wehren. Meine Tochter war stumm geblieben, wie immer. In ihr geht alles, ohne daß sie es äußerte, tief und still vor sich.

Um neun Uhr kam der Tierarzt. Er bat, mit seinem Opfer allein bleiben zu dürfen. Wir nahmen einzeln Abschied von dem guten Tier, das ahnungslos, ergeben und sanft vor seinem Henker und Helfer stand. Denn der Hund, der alle die Tage her still und traurig-schön wie ein Dulder auf dem ihm an regelmäßig wechselnder Stätte bereiteten Lager gelegen hatte, war an diesem, seinem letzten Tage seinen wärmenden Hüllen immer wieder entflohen, hatte sich aufgerafft und war schwankend, schmal und lautlos einer Türe genaht, die ins Freie, in den herbstfröstelnden Garten führte. Ängstlich-beflissen hatte man sie ihm geöffnet und war ihm, der zögernd zunächst hinaustrat, dann langsam gewohnte Pfade einschlug, mit Sorge gefolgt. Und immer war es ja auch geschehen, was zu verhüten man vergebens Mittel angewendet hatte, da dies vor allem hätte ausbleiben, aufhören müssen: er hatte würgend das Wenige erbrochen, was ihm mit Mühe wider seinen Willen, der sich aber nicht wehrte, eingeflößt worden war. Seine hagere arme Gestalt unter den nebelumflorten, schon halbkahlen Ästen der großen alten Bäume, von denen einzeln braune Blätter langsam niederschwebten, bot einen unsagbar traurigen Anblick. Es war, da er in aller Müdigkeit schmiegsam den verdüsterten Hang auf dem sonst so freundlichen Wege hinanschritt, als sähe er sich noch einmal, überall noch einmal um ... Auf mein Betreiben war ihm schon am Nachmittag der schädliche, dem rettungslos Verlorenen aber wohl nicht mehr zu versagende Wunsch nach Wasser erfüllt worden: mit Gier hatte er sein Becken fast auf die Neige geleert, sich nur widerstrebend, dennoch gefügig wie stets davon abziehen lassen. Nun, unmittelbar vor dem Ende erbat ich von dem mitfühlenden Manne, der ihn von dem schmerzhaften Leben durch einen schmerzlosen Tod befreien sollte, die Erlaubnis, ihn noch einmal zu tränken. Und so schlürfte er denn tief hinabgebeugt mit fliegenden Flanken den letzten Trunk. Wir warteten schweigend, wandten unsere Augen nicht von ihm, der uns, versunken in die kühle Labung, den Rücken kehrte. Noch einmal strich ich ihm über den guten Kopf. Er sah mich nicht und hörte mich wohl kaum: Lieber, lieber Lux ... Dann hatten wir in einem Nebenraum zu warten, bis vollendet wäre, was wir über unsern Freund freundlich und voll Weh verhängt hatten ... Im Dunkel standen wir schweigend ... Es war bald getan ... Man rief uns. Da lag er lang hingestreckt, regungslos. Ich kniete zu ihm hin. Er war noch warm. Aber der Brand war gelöscht, der ihn verzehrt hatte. Und das Leben entflohen. Wohin? ... Und ich dachte: Du lieber, lieber Hund, wenn du nicht eine Seele besäßest, wer sonst denn sollte sich einer rühmen dürfen! Und wenn du eine Seele besaßest, warum nur du und nicht alle Hunde, alle Tiere? Was aber ist Seele? Seele ist Liebe, ist Unendlichkeit. Haben alle Tiere Unendlichkeit in sich, Liebe, die nicht stirbt? Jedes wohl auf seine Weise, zu seinem Teil, in seinen Grenzen. Wie die Menschen. Und es gibt seelenlose Geschöpfe dort wie hier. In dir, Lux, hat Seele, hat eine Seele gelebt. Wer dir in deine tiefen innigen Augen blickte, sah sie aufsteigen wie aus einem unergründlichen See voll Liebe. Wohin bist du geflohen, Seele meines Hundes?

V

Nein, es ist nicht nur Beziehung, was Menschen, was Geschöpfe untereinander verbindet, so aneinander bindet, wie mein Lux mit mir verbunden war und mit den Meinen, zumal mit Georg, der an ihm hing, an dem er hing, den er zuerst, den er am freudigsten stets begrüßte. Beziehung, sogar das, was man Liebe zu nennen pflegt, hat bestanden zwischen mir und mancher Frau. Vier insbesondere fallen mir ein, vier Bilder, vier Namen. Sind sie mir mehr als Bilder, als Namen? Wie lange hat jede dieser Beziehungen gewährt, die mich jede in Anspruch nahmen bis zur Entfremdung gegenüber den Vertrautesten? Ein Jahr zuhöchst. Und dann? Verschwunden waren sie allgemach, die stürmenden, die quälenden, die süßen, die betörenden Gefühle, eines nach dem andern war dahingegangen, und geblieben sind Bilder, Namen, Erinnerungen an Einzelheiten, nicht eine Spur von jenen Wallungen, nicht mehr als ein Hauch vielleicht, der über einen Spiegel gleitet, wenn man sich atmend darüber neigt. Und überhaupt: was sind mir die Menschen gewesen, die nicht der Liebeswahn, der Sinnentaumel, die Leidenschaft, das Verlangen nur auf eine Weile, nein die die stärksten, die dauerhaften Bande der heimlichen Gewöhnung an mich schlossen im langen Leben, auf das ich durch ein halbes Jahrhundert zurückblicke? Hab ich sie gekannt, die mir vertrauten Menschen, denen ich, die mir angehörten, in deren freundlichem Kreise, in deren sorglicher Hut ich erwuchs? Hab ich die jungen Tanten gekannt, die den Knaben herzten, die alten, die ihn verwöhnten, beschenkten, hab ich selbst Großmutter gekannt, die nach, neben meiner Mutter mir am nächsten war, ganz nah am Herzen? War nicht in all der Zärtlichkeit der Zärtlichsten und meiner wiederum irgendeine Fremde, ein leichter, fast unfühlbarer, dennoch wirksamer Widerstand? Geht je ein Mensch ganz auf in seinesgleichen? Kann je ein Mensch dem andern ganz gehören? ... Mein Lux war als Seele ganz mein, immer wieder ganz mein. Nichts, nichts konnte diese Hingebung trüben, nur sie war ich zu ihm, ganz ohne Gesinnung, nur Liebe. Selbst die höchste, die mächtigste Liebe, die es gibt, die zum Kinde, hat die Hemmungen zu überwinden, die ihr an ihrem Gegenstande begegnen. Nichts, nichts liegt zwischen mir und meinem Hund. Gerade mitten ins Herz geht der Strom meiner Liebe! Und so, durch einander, flutet von ihm mir entgegen, in mich sein unmittelbares liebendes Dasein.

VI

Kinder lieben Puppen, lieben andere leblose Gegenstände. Ich hab einen kleinen Holzklotz geliebt, der von einem Baumschlag im Garten stammte. Er »schlief« mit mir im Bett. Als ihn eine Magd eines Tages, aus Bosheit, wegnahm und damit einheizte, weinte ich Tränen der Verzweiflung. Und die Boshafte ward deshalb entlassen. Kinder beleben das Leblose; ihrer Liebesfülle schafft die Vorstellungsfähigkeit das breite Strombett mitten durch die Alltäglichkeit. Aber diese Liebe wendet sich an Erwiderungsunfähiges, Wehrloses. Ihr genügt ihr schenkendes Dasein. Wag es, einen Menschen zu lieben, der nicht wiederliebt, dem deine Liebe lästig ist! Was erntet deine Liebe, die nicht der Gegenliebe versichert war, sich ihrer bemächtigt hat? Unwillen, Widerwillen, Haß. Aber jedes liebesfähige Tier und vor allem jeden gutgearteten Hund kannst und darfst du lieben, sicher seines überströmenden Dankes, seiner Hingebung.

 

Dank an den Sommer

Wenn man alt wird, lernt man die Wärme lieben. Die Kälte steht der rüstigen Jugend an, die gern dem Winde, dem Regen, dem Schnee entgegenstürmt und sich in den rauschenden Fluß wirft, mit der Strömung zu ringen. Die alten Leute aber ziehen vor, in der Sonne zu sitzen, wenn sie sommerlich brütet. Und am Kachelofen, wenn die Scheite darin krachen.

Aber nicht vom Ofen und dem Winter, der schön ist, wenn man am Fenster steht und in eine tief beschneite Gegend hinausblickt oder in eine kleine alte Gasse, wie sie mir in meiner seligen Kindheit beschieden war, nicht vom Ofen geht diesmal die dankbare Rede, sondern von der Sonne, vom Sommer und seiner strahlenden grünwogenden Herrlichkeit.

Ich trauere ihm alljährlich nach, zumal wenn es, tief im Herbst schon, scheiden heißt von meinem kleinen Haus an der Berglehne, dem stillen Garten, wo die alten Föhren in den hohen Himmel ragen und die Rosenstöcke den Grasplatz säumen, während im Hintergrunde vor der Fichtenwand die schlanken Birken träumen. Der Sommer ist mir immer viel zu kurz. Er kommt, scheint es mir, später an als in meiner Jugend, da er gleich hinterm weißerblühten April, mitten fast im blumenschimmernden Mai begann und erst am Rande des Septembers endigte, wann die Abende über die weiten Felder nach Sonnenuntergang schon die kühle Dämmerung hereinführten und die Amseln ihr Schlaflied flöteten, obwohl's noch lange hin zum Nachtmahl war.

Der Sommer, den ich ersehne, überrascht zwar immer den Frühling, drängt ihn, den scheuen, den man noch eine Weile festhalten möchte, zur Seite, in den Hintergrund, wo er sich denn alsbald leise verzieht, aber so üppig er aufschießt, er bringt zunächst allzuviel Regen, und wenn es endlich angefangen hat heiß zu werden, geht's schon auf den Herbst zu, der, so prächtig er sich zu schmücken versteht, doch nicht mehr das ist, was seinem Liebhaber der braune, volle, starke Sommer bedeutet, der Sommer der hochgehenden Getreidewogen, der brennend blauen Kornblumen und der weißen regungslosen Wolken am dunkelblauen Himmel.

Mir ist schon als Kind, gesteh ich's nur, nichts über den Sommer gegangen, und gerade das, worüber sich die Leute meist zu beklagen pflegten, die Hitze, die strahlende weiße Hitze, hat ihn mir besonders wert gemacht. Als ich als junger Mensch einmal ein Gedicht veröffentlicht hatte, das mit den Worten schloß: »Ich möchte eine Eidechse sein« – es war mir buchstäblich aus der Seele gesprochen –, da ging ein Höhnen durch den Blätterwald, den unwirklichen nämlich, der vom Holzpapier so heißt: alle Witzbolde ergingen sich in geistreichen Wendungen des ursprünglichen Wortes. Es hat wohl damals wie heute kaum jemand verstanden, was das selbstbewußte Eidechsendasein für eine Wonne sein muß. Am heißen Stein den geschmeidigen Körper hinzudehnen, ohne zu schwitzen ... Habt ihr schon einmal, armselige Großstädter, denen eine »Landpartie« nicht wie einst dem richtigen Sonntagnachmittagsausflügler der naturnahen Kleinstadt das regelmäßige Atemholen war – o ihr guten Ausflügler meiner Kinderzeit, Onkel Emil, Onkel Toni, wie habt ihr euch um mein werdendes Dichtertum unahnend verdient gemacht, wenn ihr mich, den Buben, dem ihr unerreichbar schienet in euerm tüchtigen Bereich, mitnahmt auf eure Sonntagswanderungen durch die unendlichen Wälder meiner mährischen Heimat und ich auf eurer weitausgreifenden rüstigen Spur die Wunder der Farnkräuter und der Vergißmeinnicht am leis rieselnden Bächlein, die Macht der Eichen und das Locken der Brombeerstauden, dann aber auf dunkelnden Heimwegen das Geheimnis der schweigenden Pappeln erlebte, tief in meine erschauernde Seele sog! –, habt ihr schon einmal, arme Großstädter, die ihr nur in dichten Schwärmen, in staubenden Massen und lärmenden Geschwadern in die vor euch flüchtende »Umgebung« einbrecht, habt ihr schon einmal – aber still muß es sein, weithin still, daß man den Kuckuck nah und näher hören kann! – einen Falter, einen braunen Schmetterling mit goldblauen »Augen« auf den Ecken seines flaumweichen Mantels diese Flügel ausbreiten sehen in der Sonne, mitten im Wald, an einer belichteten Stelle, in einer Lichtung? Wie er sich selig der Hitze hingibt, ganz flach, unbeweglich, entrückt, zum Greifen, zum Zertreten? Wenn einer von euch das einmal, würdig, geläutert, wiedergeboren gleichsam in der keuschen Natur, der er solang abtrünnig, von der er abgefallen war ins Elend, wenn einer das einmal wirklich erlebt hat, andächtig erlebt hat, daß ihm das Herz vor Liebe stillstand, dann weiß er, wie Wärme, Sonnenwärme, lebenerhaltendes Urfeuer genossen werden will, auf daß einem davon etwas bleibe. Dann ahnt er vielleicht auch, daß es nicht dumm und lächerlich, sondern kindlich, das heißt weise ist, eine Eidechse sein zu wollen, vielmehr zu wünschen, daß man wie eine Eidechse Sonne spüren, in sich aufnehmen könne, Gnade zu empfangen vermöchte als Begnadeter.

Sommersonne, spendende Sommersonne, ich will dich preisen, solang dein letzter Strahl mich noch streift. Und doppelt preisen an einem dieser seltenen Herbsttage, da, nach Stürmen und Regengüssen und während gestern noch auf den gelben Blättern, die den Weg bedeckten, das Weh des Sterbens sich hindehnte unterm nebligen tiefen Himmel, plötzlich der Sommer sich wieder einfindet, den man schon in der fernsten Ferne glaubte, ein reifer stiller Sommer, der die reinen Züge des Frühlings trägt und mich noch einmal, vielleicht zum letztenmal in diesem Jahr, vielleicht zum letztenmal in diesem Leben seiner Huld und Wonne teilhaftig werden läßt: Grillen zirpen, die Luft steht klar und hoch, kein Lüftchen regt sich, die Bäume halten ihr Laub fest an sich, und Wärme, goldene Wärme strömt durch alle Sinne schläfernd in mich ein.

 

Vom Leben und vom Sterben

Der Tod ist unausdenkbar. Wie das Leben. Daß das schwarze Pünktchen, das ich neben meinem Teller auf dem Tischtuche, da ich es für ein Rußstäubchen oder dergleichen hielt, mit der Messerspitze entfernen wollte, sich als ein fast ununterscheidbares Geschöpfchen erwies, das ich, stärker gegen das haftende zufahrend, ums Leben gebracht habe, geht mir, ich gesteh's, näher als der Tod von sieben Bergarbeitern, die in der gaserfüllten Grube, und der von zwanzig Matrosen, die in einem englischen Unterseeboot erstickt sind, wie ich gleich darauf im Abendblatte las, wo man ja täglich mit gräßlichen Ereignissen abgespeist und nachgerade überfüttert wird. Solche gedruckten Unfälle, flüchtig zur Kenntnis genommen neben den üblichen Mordtaten und Selbstmorden, zwischen Ehescheidungen und Modevorführungen, sind und bleiben, sobald ich sie mir überhaupt zu vergegenwärtigen innerlich aufgefordert werde durch irgendwie sich regende Teilnahme, doch nur Nachrichten, nicht Eindrücke, jenes Sterben aber hab ich erlebt, mehr: bewirkt und ich meine, es nicht vergessen zu können. Worin ich mich freilich täusche: man vergißt nur zu leicht, zu schnell. Weiterleben ist ja im Grunde vergessen können. (Wohlgemerkt: man vergißt, aber dem Gedächtnis entfällt doch nicht der geringste eindrucksfähige Bestandteil dessen, was wir Vergangenheit nennen. Alles ist vorhanden und taucht unter Umständen, die nicht von uns abhangen, in uns auf, und sei's im Traume, der ein Kaleidoskop aus lauter solchen Splittern und Splitterchen vorstellt.)

 

Während ich dies schreibe, herrscht in einem Hause, das in einem andern Bezirk der großen Stadt steht, die tiefe drückende Trauer des Begräbnistages. Heute früh haben die dort Überlebenden einen Mann in aller Stille, wie er es gewünscht hatte, zur Erde bestattet, mit dem mich fast fünfundzwanzig Jahre lang herzliche, auf Wahlverwandtschaft begründete Freundschaft verband. Auch ich bin, seit ich, wiederum und fast zufälligerweise aus der Zeitung, von seinem mir unerwartet auf die Seele fallenden Tod erfahren habe, traurig. Traurig nicht zuletzt deshalb, weil ich mir den Vorwurf machen muß, ihn, der lange gelitten haben soll, seit geraumer Zeit nicht zwar aus dem anhänglichen Gedächtnis, aber aus näher zublickender tätiger Teilnahme verloren zu haben. Wie das eben so geht. Ich bin selbst seit Jahren durch ein lästiges Leiden an das Haus, die Stube, den Lehnstuhl gefesselt: ich bewege mich schwer und bin auch sonst, was körperliche Unternehmungen anbelangt, nicht eben rasch und leicht von Entschluß. Beziehungen – alles im Leben sind Beziehungen – sind durch äußere Verhältnisse bedingt. Wohnt man einander näher, mag man miteinander schon darum verkehren, weil man einander öfter begegnet. (Obwohl auch das nicht immer statthat. Es wohnt so mancher, der mir mehr oder weniger bedeutet, in meiner nächsten Nähe, ohne daß ich ihm begegne. Weil ich nicht ausgehe. Weil er mich nicht aufsucht. Weil, wenn er mich aufsucht, ich ihn abweisen lasse. Nicht aus Abneigung, sondern aus Bequemlichkeit. Weil ich als Störung meines beschaulich-arbeitsamen Daseins empfinde, was bei dem andern mehr als Einfall: Bedürfnis war.) Jener Freund hat für mein Empfinden allzu fern von mir gewohnt. Es wären allerlei Umstände zu überwinden gewesen, Anfragen, Vorbereitung, Umsteigen auf Straßenbahnstrecken. Ich bin, wie gesagt, schwerfällig. Und nicht mehr jung. Er, der viel älter war als ich, ist manchmal herübergekommen. Zumal da ihm von meinem sich verschlechternden Zustande Kunde geworden war. Bis vor zwei Jahren ... Das eben tut mir heute so weh, daß ich mir sagen muß, es seien schon zwei Jahre her, seit er, damals noch ohne jegliche Beschwerde, mich zum letztenmal besucht hätte. Dieses »zum letztenmal« ist unerträglich. Und unausdenkbar. Um so mehr, als es eben zwei Jahre, schon zwei Jahre, erst zwei Jahre her sind, daß ich ihn sah, der mir wie damals lebendig vor der Seele steht. Seine Angehörigen haben ihn langsam verfallen, haben ihn sterben sehen. Sie hatten mit ihm gelebt und haben sein Scheiden, das fürchterliche Scheiden, erlebt. Ich aber weiß nur, daß er tot ist, daß er da drüben, wohinüber ich zwei Jahre jede andre als briefliche Verbindung hatte stocken lassen, unwillentlich, nur so dem einförmigen Tageslauf gemäß hatte stocken lassen, gestorben und begraben worden ist. Heute. In aller Stille. Ohne daß davon einem, der ihn lieb hatte, dem er etwas war, eine Ahnung nur aufgestiegen wäre ... Leben ist Versäumen. Da draußen im Gang ist das Telephon angebracht. Ich hasse es. Lieber schreib ich fünf Briefe, als daß ich die wundersame und sicherlich dienliche Einrichtung benütze. Heute jedoch peinigt mich der Gedanke, daß noch vor kurzem die Möglichkeit, die wunderbare Möglichkeit, bestanden hatte, binnen einem Augenblicke mich mit ihm, der jetzt tot ist, in Verbindung zu setzen. Wie gern hab ich seine Stimme gehört, die etwas heiser und hoch, schleppend und in Absätzen sich zu Gehör brachte! Die Stimme wenigstens, wenn schon nicht seine lebhaften geistvollen Augen, sein schmales kleines niedliches Gesicht, hätte ich ohne weiteres ab und zu, nach Gefallen, Belieben, Laune erleben können. Aber ich telephoniere nur, »wenn es sein muß«. (Wie man sich's etwa einbildet.) Ich gehe nicht aus freier unbefangener Anwandlung an die Vorrichtung. Im Gegenteil: ich verpöne solche Anwandlungen an Hausgenossen, die ihr nachgeben ... Und so hab ich die vor mir harrende Möglichkeit, seine Stimme zu hören, versäumt ... Er aber ist weggenommen, eingescharrt, den Würmern, der Verwesung ausgeliefert. Ich werde ihn nie mehr hören, nie mehr sehen. Und es sind zwei Jahre, erst zwei Jahre, schon zwei Jahre her, daß es zum letztenmal geschah. Wer mir damals gesagt hätte ...! Ja, wer es gesagt hätte! Aber das ist eben das Leben, daß man, wann einer sagt: »So, jetzt muß ich aber gehen. Ich hab dich schon genug aufgehalten« und sich erhebt und geht und man ihn an die Türe, an die Treppe begleitet, daß man da nicht daran denkt, es könnte zum letzten Male sein. (Obwohl auch das nicht stimmt: man denkt es zuweilen, ich sogar nicht eben selten, bei denen, die mir ganz nahestehen, geradezu krampfhaft. Um es freilich alsbald wieder zu vergessen.)

Man lebt weiter. Wie oft schon ist die Nachricht an mich gelangt, daß ein Mensch, mit dem ich eine geraume Strecke gegangen war, vor dem ich, aufrichtig und unbefangen, unmittelbar und unumwunden wie ich bin, kein Hehl gemacht hatte aus meinen Anschauungen, Sorgen, Launen, irgendwo, wohin ich seit Monaten, seit Jahren kaum mehr ausgeblickt habe, unter Umständen, die mir gleichgültig geworden waren, nach Erfahrungen und Leiden, die ich nicht erfuhr, gestorben, auf Nimmerwiedersehen hingegangen sei! Ich kann die Freunde, die mir aus jungen Tagen geblieben, gar die in einigermaßen regelmäßiger Verbindung mit mir geblieben sind, an den Fingern einer Hand herzählen. Und die Schar derer, die eines Tages – niemand hat einem gesagt, nichts hat einem angezeigt, daß dem so sei – zum letztenmal das vertraute Wort an mich gerichtet, den gewohnten Händedruck mit mir getauscht haben, ist ins Unübersehbare gewachsen. Manchmal fällt mir der oder jener ein, ich erblicke ihn mit mir in einem Rahmen, der uns beide umschloß: Schule, Universität, Regiment, Amt, Stadt, Haus, Zimmer. Fern und fremd und dennoch nah und vertraut steht er vor mir. Er weiß nicht von mir, ich aber halte den Blick auf ihn gerichtet, halte ihn eine Weile mit diesem Blick in die seltsame Vergegenwärtigung, die Vergangenheit heißt; dann wende ich den innern Blick wieder von ihm ab: er fällt zurück, gewichtlos, ein Schatten ... Unsäglich traurig ist es, daß alle diese Schatten nur durch mich auf einen Augenblick sich gleichsam mit Blut erfüllen, daß das kurze Leben, das ihnen meine Erinnerung schenkt, von mir abhängt. Und die Schatten, an die niemand mehr denkt? Arme vergessene Tote, die kein noch so flüchtiger Blick mehr beschwört, Eltern, die in grenzenloser Liebe an ihren Kindern hingen, denen aber mit diesen Kindern die letzte Möglichkeit solcher unwirklicher, dennoch wirksamer Wiederkunft gestorben ist; Kinder, denen verzweifelte Eltern nachgetrauert haben, solange sie lebten, die nun jedoch, da diese Eltern sich auch einmal hingelegt hatten, um nicht mehr aufzustehen, kein sehnsüchtiger Liebesblick mehr aufsteigen, dastehen, verweilen macht ... Es gibt verlassene Gräber, die einsam verwahrlosen. Niemand schmückt sie. Die kleine Gedenktafel verfällt. Eines Tages entfernt sie eine fremde gleichgültige Hand. Nichts mehr bezeichnet den Ort, wo einst namenloser Schmerz das Liebste hat versenken und versinken sehen ... Das Leben, das Leben der andern geht weiter. Und die Toten, die niemand mehr beruft, sterben ihren zweiten, den unvergänglichen Tod des Nichtgewesenseins ... Ach, ihr meine lieben Toten, wie oft hat meine Liebe euch bangen lassen, wie oft habt ihr vergebens geharrt, daß ich euch riefe!

 

Kinder

Begegnung mit dem Schatten

»Das sind deine Kinder?« hatte ich den wiedergefundenen Freund gefragt, der, als wären die vielen bösen Jahre schonend an ihm vorbeigegangen, mit der anmutigen Neigung, die den Eindruck seiner schlanken Erscheinung bestimmte, vor mir stand, den grünen Hut aus der breiten Stirn gerückt, in der grauen Joppe, den ledernen, knapp ans Knie reichenden Hosen, den festen Halbschuhen ebenso selbstverständlich, wie ich ihn in Frack und weißer Halsbinde aus der Erinnerung hervortreten sah oder zu Pferd im kurzen blauen Waffenrock des gemeinsamen Regiments.

Er rief die jungen Leute heran, die einige Schritte abseits sich verhalten hatten. »Mein Sohn Franz.« Ich reichte dem hochaufgeschossenen blonden Knaben, der schon den Mann verhieß, die Hand und verbeugte mich vor dem sanft errötenden Mädchen, dem der Vater mich mit einer leichten weisenden Wendung vorstellte. »Ein alter guter Freund aus bessern Tagen«, fügte er hinzu, und in seine stahlblauen Augen trat ein leises warmes Leuchten, das an den luftgebeizten Wangen hinablief und einen Augenblick in den Winkeln des festen geraden Mundes verweilte.

»Nun, geht nur«, bedeutete er die beiden. »Ich komme nach.«

»Sie haben am Kurhaus eine Tennispartie.« Und da die Geschwister nach artiger Verabschiedung vor unsern ihnen folgenden Blicken die abwärtsführende Fahrstraße hinabschritten: »Es sind brave, gute Kinder, beide. Neunzehn und achtzehn. Sie haben zusammen das Gymnasium besucht und heuer die Maturitätsprüfung gemacht.« In die Zärtlichkeit, mit der er ihnen nachschaute, war eine nicht zu unterdrückende Wehmut gemischt.

»Du wohnst hier?« fragte ich.

»Jeden Sommer. Ich hab dort oben«, er hob den Arm in die Richtung, »am Waldrand ein kleines Haus. Seit zwanzig Jahren. Es ist so ziemlich das einzige, was ich aus dem Zusammenbruch gerettet habe. Ich will's erhalten, solang es irgend geht. Die Kinder haben's so gern. Seit sie auf der Welt sind, gehört's zu ihnen.«

Ich fragte nach seiner Frau, die ich noch als Mädchen gekannt hatte.

»Meine Frau ist leidend. Sie kann die Kinder nicht begleiten. So bin ich denn mit ihnen.«

»Sie sind ja wohl der Aufsicht schon entwachsen.«

»Sicherlich«, beeilte er sich zu bestätigen. »Es ist auch nicht das.« Er zögerte. »Es ist nur mein Egoismus, der sie sozusagen nicht freiläßt.«

»Es ist Liebe«, sagte ich.

»Ja, eben. Egoismus.«

»Ist Liebe, Elternliebe Egoismus?«

»Was denn sonst? ... Man soll sich nur nichts vormachen. Jetzt hab ich sie noch eine Weile. Jetzt halt ich sie. Dann gehen sie ja so hin und lassen mich allein.«

»Es ist ihr gutes Recht, ihre Bestimmung.«

»Gewiß, gewiß. Aber grausam für den, an dem's ausgeht. Auch Egoismus. Immerhin, wie du sagst, ihr Recht.«

»Und weil natürlich, nicht tragisch zu nehmen. Kinder müssen ins Leben. Wir haben's ebenso getan.«

»Mein lieber Freund«, sagte er und bot mir eine Zigarette. Wir setzten uns langsam in Gang. »Mein lieber Freund. Es hat keinen Sinn, über diese Dinge zu philosophieren. Aber darum sind sie doch nicht weniger traurig.«

»Wenn man sie so auffaßt.«

»Ich kann sie nicht anders auffassen als nach meinem Empfinden.«

»Du nimmst es zu schwer.«

»Andre mögen's leicht nehmen. Ich verarg es ihnen nicht. Beneide sie auch nicht darum.«

»Du hast dich vielleicht gar zu fest an die Kinder angeschlossen. Dann wird einem freilich jeder Ruck am Band zur Qual.«

»Man kann sich gar nicht fest genug an seine Kinder anschließen. Sie sind ja das einzige, was man vom Leben hat.«

Unwillkürlich war ich stehengeblieben. Er sah mich voll an. »Du bist Junggeselle?« Ich bejahte achselzuckend.

»Trotzdem. Noch einmal: das einzige. Ich kann mir nicht helfen. Und dir auch nicht.« Und da ich lächelnd abwehrte, »Nein, nein, auch darin nur ehrlich bleiben. Ein lediger Mensch ist ein halber Mensch. Zu nichts da als für sich. Das gewährt keine Befriedigung. Sag selbst. Gib's zu.«

»Von deinem Standpunkt, der du selbst dort Egoismus siehst, wo ...«

»Halt. Versteh mich recht. Ich spreche vom Tatsächlichen. Was will der Mensch? Was sucht er? Freude. Du kannst es auch Glück nennen. Insofern ist freilich alles Ichsucht, Eigennutz. Aber es ist immerhin ein Unterschied, worin er sein Behagen, seine Befriedigung findet. In seiner Bestimmung ans Ziel zu gelangen ist etwas anders als ihm ausweichen, sie verfehlen. Nur nicht als Verdienst rechne ich's ihm an, wenn er ihr folgt. Die Natur hat einen Vater aus mir machen wollen und ihren Zweck erreicht. Ich bin dadurch, daß ich, meiner Neigung gemäß, ihrem Gebot gehorchte, zu dem Besten gekommen, was sie herzugeben hat. Aber darin, daß ich meine Kinder liebe, mehr als mich selbst liebe, sehe ich zwar einen Vorzug, die Erfüllung meiner selbst, nicht aber eine Tugend. Tugend ist ein Abbruch, nicht Gewinn. Und so nenne ich mich, den Glücklichen, einen Egoisten.«

»Und mich?«

»Auch einen Egoisten. Aber einen Egoisten auf einem naturwidrigen, einem verwerflichen Weg.«

»Schicksal, mein Lieber. Also auch Bestimmung.«

»Nenn es so. Ich greife nicht den einzelnen an. Ich stelle nur fest, was ist.«

»Bleiben wir denn bei den Tatsachen. Du hast Kinder und liebst sie. Liebst sie, weil du sie hast.«

»Ja. Ich kann nicht anders.«

»Und sie lieben dich.«

»Ich glaube es.«

»Wie solltest du auch daran zweifeln können.«

»Wenn du damit etwa sagen wolltest, es müßte so sein, würdest du irren.«

»Kinder, die einen solchen Vater nicht liebten ...«

»Du setzest selbst eine Bedingung. Einen solchen Vater. Du willst damit ein bestimmtes Verhältnis bezeichnen, das notwendigerweise Gegenseitigkeit begreift. Besser: begründeterweise. Du sagst nämlich, meine Kinder, Kinder eines solchen Vaters, hätten allen Grund, meine Liebe zu erwidern.«

»Warum so vorsichtig? Ermessen denn Kinder ihre Liebe als Gegenliebe?«

»Ermessen ist nicht das richtige Wort. Aber sie lieben jedenfalls nicht unbedingtermaßen.«

»Und Eltern immer?«

»Das Gegenteil ist jedenfalls unnatürlich.«

»Du billigst den Kindern also zu, was du den Eltern verwehrst: Kinder müssen Grund zur Liebe haben, Eltern sollen ohne Grund lieben müssen.«

»Ganz richtig. Eltern müssen sich die Liebe der Kinder verdienen. Kinder empfangen die Liebe der Eltern als Geschenk, vielmehr sie wird ihnen deshalb zuteil, weil sie da sind. Oder noch deutlicher: Eltern haben von vornherein die Beziehung der Liebe zu den Kindern, und diese machen davon als von etwas Selbstverständlichem Gebrauch. Daß Kinder für Liebe Liebe geben, ist sozusagen ihr unbewußtes Recht.«

»Jetzt wird mir die Sache etwas zu verzwickt. Erlaube. Kinder haben nicht die Pflicht, ihre Eltern zu lieben?«

»Das ist bereits Moral, Vorschrift, Gebot, Satzung. Ich wende mich nicht dagegen, aber ich mache darauf aufmerksam. Ja, Kinder sollen ihre Eltern lieben. Sollen. Aber wir sprechen nicht vom Sollen, sondern vom Müssen, vom Nichtanderskönnen. Eltern, die sich nicht gegen die Natur empören, müssen ihre Kinder lieben. Kinder müssen nicht in dem Sinn wiederlieben. Schon gar nicht darum, weil sie Kinder sind. Kindschaft allein, Erzeugt- und Geborenwordensein, bedingt keineswegs Liebe zum Erzeuger, zur Gebärerin. Das Leben ist ein zweifelhaftes, ist überhaupt kein Geschenk. Aber auch Liebe ist noch nicht Grund zu Liebe. Muß ich lieben, wer mich liebt, deshalb, weil er mich liebt? Er kann nichts dafür, daß er mich liebt; ich kann nichts dafür, daß ich ihn nicht liebe ... Nein, die Gegenliebe der Kinder, ich wiederhole es, muß sich der Vater zu verdienen trachten durch die Art, wie er liebt. Aber er darf sich darüber keiner Täuschung hingeben, daß sein Trachten ohne Erfolg bleiben könne.«

»Deine Nachsicht gegenüber den Kindern geht mir denn doch zu weit. Also es wäre in das Belieben der Kinder gestellt ...?«

»Nicht in ihr Belieben. Sondern in ihr Vermögen.«

»Und ein Kind, das alle aufopfernde Liebe des Vaters mit Lieblosigkeit vergölte ...?«

»Wäre undankbar, also moralisch häßlich.«

»Also ...«

»Du willst mich nicht verstehen. Ich spreche nicht von Moral, nicht von Geboten, nicht von Pflichten –, die ich sämtlich, gleich dir, will ich meinen, achte und gelten lasse, ja schätze und vertrete. Ich spreche nur davon, daß die Liebe der Eltern etwas anders ist als die Liebe der Kinder zu den Eltern; daß ich mein Kind liebe, weil es mein Kind ist, und daß mein Kind mich nicht deshalb lieben muß (wohl aber soll, unter Umständen, heißt das, soll), weil ich sein Vater bin. Ich will dir auch sogleich zeigen, was sich aus diesem, wenn du es so nennen willst, natürlichen Mißverhältnis notwendigerweise ergibt. Und du wirst daraus ersehen, daß man die ganze Angelegenheit, die sich vom moralischen Gesichtspunkt aus so einfach darstellt, nicht tragisch genug nehmen kann. Aber du mußt meine Voraussetzungen als Tatsachen hinnehmen, mußt alle Schleier unbarmherzig entfernen, die der Wahn, die Selbsttäuschung, die Eitelkeit, die Gedankenlosigkeit, die Trägheit über das Wirkliche zu breiten nicht aufhören. Ich habe dir gesagt, daß ich mir meine Kinder zu erhalten alle Mittel aufwende, die mir meine Liebe zur Verfügung hält. Und daß ich weiß, es werde das alles doch nicht zureichen. Eines Tages werden sie von mir gehen, und ich werde allein bleiben mit meiner unsterblichen Liebe.«

»Wenn sie auch von dir gehen, ins Leben, das vor ihnen liegt, das sie unwiderstehlich anzieht, muß ihre Liebe zu dir doch nicht aufhören!«

»Nein, sie muß nicht aufhören, sie wird, hoff ich, nicht aufhören. Aber was hab ich von einer Liebe, die ich mir nur denken darf?«

»Sie werden dir schreiben, sie werden dich besuchen ...« »Gut, gut. Sie werden mir immer wieder – nimm das Äußerste an – aufs innigste zu verstehen, zu empfinden geben, daß sie an mir hangen. Aber ich werde sie nicht mehr haben!«

»Du wirst dich an ihrem selbständigen Dasein, an ihrem blühenden Glück freuen.«

»Aber ich werde sie entbehren. Sie werden nicht mehr da sein.«

»Nicht so fern von dir, daß du nicht ...«

»Sie immer wieder aufsuchen könnte? Möglich. Aber schon dieser Punkt ist mehr als unsicher. Doch ich will das Beste annehmen: sie bleiben mir nah, stets erreichbar. Aber sie sind nicht mehr mein. Alles, siehst du, betrachte ich nur von meinem Egoismus aus, demselben Egoismus, der sie von mir hinwegführen wird dahin, wohin sie, mit klarem Willen oder aus dumpfem Drang, haben gelangen wollen ... Weg von mir.«

»Du könntest einen Junggesellen geradezu dazu bringen, daß er sich zu beneiden anfange.«

»Nein, um Gottes willen, nein! Sei mir nicht böse, aber ich beneide dich nicht, ich bedaure dich vielmehr aus tiefstem Herzen. Du hast das Schönste versäumt, was dir das Leben zu bieten hatte. Du hast dich – ich sag es, wie ich es empfinde –, du hast dich um das Leben gebracht, um das Glück betrügen lassen.«

»Ein solches Glück, das nur mit den heftigsten Schmerzen sich bezahlt macht ...«

»Ist das wahre, das einzig wahre.«

Wir waren an dem Tennisplatz angelangt, der zwischen hohen Hecken in der Sonne lag. Lächelnd grüßte Franz mit dem Schläger hinauf zu uns. Und den Hut erhebend, grüßte mein Freund zurück. Ich sah ihn an, wie er dastand, leicht nach vorn geneigt, ganz ins Schauen verloren. Wie am Rande, dachte ich. Und nun bemerkte ich auch, daß die Jahre doch nicht spurlos an ihm vorübergezogen waren.

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