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Gutenberg > Maxim Gorki >

Kinder der Sonne

Maxim Gorki: Kinder der Sonne - Kapitel 5
Quellenangabe
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authorMaxim Gorki
titleKinder der Sonne
year1905
translatorAlexander v. Huhn
correctorreuters@abc.de
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created20101108
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Dritter Aufzug

Szene wie im ersten Aufzug

 

Trüber Tag. Auf dem Lehnstuhl an der Wand sitzt Jelena. Lisa geht aufgeregt im Zimmer auf und ab. 

 

Jelena:  Du – rege dich nicht auf …

Lisa:  Ich bin krank, aber meine Gedanken sind gesund.

Jelena:  Sagt denn jemand was anderes?

Lisa:  Ich weiß, meine Worte sind trüb und schmecken schlecht, es langweilt euch, sie anzuhören, ihr wollt nicht die tragische Wahrheit des Lebens fühlen.

Jelena:  Du übertreibst.

Lisa:  Nein. Sieh doch nur den Abgrund, der dich von deiner Köchin trennt, von …

Jelena:  Wird er verschwinden, wenn ich weinend an seinem Rande stehe und vor Furcht zittere?

Lisa:  Kannst du denn ruhig leben, wenn deine Mitmenschen deine Seele nicht verstehen? Ich kann es nicht; ich fürchte mich vor denen, die mich nicht verstehen, das ist es, was mich krank macht. Jelena, es sind Opfer nötig; verstehst du? Man muß sich selbst opfern.

Jelena:  Ja, frei, freudig, in besinnungsloser Begeisterung – aber sich dazu zwingen – nein, Lisa, das ist des Menschen unwürdig.

Antonowna  aus dem Speisezimmer:  Jelena Nikolajewna!

Lisa  verdrießlich:  Was gibt's denn schon wieder?

Antonowna:  Nun, nun. Es betrifft nicht dich … der Hauswirt ist gekommen.

Jelena:  Ach, er soll warten. Antonowna ab. 

Lisa:  So habe ich also unrecht?

Jelena:  Das habe ich nicht gesagt.

Lisa:  Fühlst du nicht, wie vereinsamt wir alle sind?

Jelena:  Nein … das fühl ich nicht.

Lisa:  Du willst eben nicht mit mir sprechen … ich bin allen lästig. Ihr wollt alle leben und genießen, als ob es überhaupt nichts Schreckliches und Rohes gäbe.

Jelena:  Kann man jemanden zu einer Empfindung zwingen?

Lisa:  Und du … dir fällt das Leben auch nicht leicht. Du bist zu stolz, um dir das selbst einzugestehen … Ich durchschaue doch dein Verhältnis zu Pawel …

Jelena:  Lassen wir das …

Lisa  freudig:  Aha – siehst du, das schmerzt dich … ja?

Jelena:  Nein … aber unangenehm ist es mir.

Lisa:  Doch, es schmerzt dich! Umso besser, das wird dich aufrütteln … Du bist einsam, Jelena … du bist unglücklich …

Jelena:  Lisa, deine Freude ist keine gute Freude. Was willst du denn eigentlich?

Lisa:  Was ich will? Pause. Mit Entsetzen.  Ich weiß nicht, ich weiß es wirklich nicht … Ich möchte gerne leben und versteh es nicht … kann es nicht! Ich glaube, ich habe nicht das recht, so zu leben, wie ich leben möchte … Ich hätte gern eine verwandte Seele … eine verwandte Seele … Ich muß von der Angst ausruhen, und ich habe keinen Menschen.

Jelena  faßt Lisas Hand:  Verzeih mir! Ist denn Tschepurnoi …

Lisa:  Wie dürfte ich – ich bin doch krank, nicht wahr? Ihr sagt's doch alle … Oh, ihr sagt es oft! Zu oft … Laß mich … ich kann darüber nicht … Geh! Laß mich … Geht rasch in ihr Zimmer. Jelena seufzt tief, geht im Zimmer auf und ab, indem sie die Hände über dem Kopf faltet, bleibt vor dem Porträt ihres Mannes stehen, sieht es an und beißt sich in die Lippen, läßt die Hände fallen. 

Jelena  halblaut:  Leb wohl …

Antonowna  tritt auf:  Darf der Wirt jetzt kommen?

Jelena:  Ja … gut.

Antonowna  im Abgehen:  Treten Sie ein, Nasar Awdejewitsch.

Nasar  lächelt verlegen:  Sehen Sie, wenn sie Pawel Fjodorowitsch …

Jelena:  Er ist beschäftigt …

Nasar:  Hm, aber ich weiß nicht, wie ich mit Ihnen …

Jelena:  Sagen Sie es mir, ich will's bestellen.

Nasar:  Die Sache, um die es sich handelt, ist etwas heikel …

Jelena:  Wie Sie wünschen …

Nasar:  Nun – jetzt ist's schon einerlei … Sehen Sie, die Polizei war da, verzeihen Sie, wegen des Gestanks … wegen der Müllgruben und sonstigen Orte.

Jelena  mit zusammengezogenen Brauen:  Was hat denn mein Mann damit zu tun?

Nasar:  Selbstredend, nicht mehr als die anderen … wir sind alle schuld daran … aber wegen der Cholera verlangt die Polizei, daß der Gestank beseitigt wird. Sie kann nicht begreifen, daß Dinge, deren Bestimmung es ist zu stinken, auch stinken müssen, und droht mit Strafen bis dreihundert Rubel.

Jelena  mit Widerwillen:  Aber was wollen Sie eigentlich?

Nasar:  Ich – ich wollte mir einen Rat holen, vielleicht gibt es etwas Chemisches gegen den Gestank.

Jelena  erregt:  Hören Sie mal, wie können Sie … Beherrscht sich.  Im übrigen … Ich will's bestellen. Adieu.

Nasar:  Werden Sie es gleich bestellen?

Jelena  im Abgehen:  Ich lasse Ihnen Bescheid sagen …

Nasar  hinter ihr her:  Ich bin Ihnen außerordentlich verbunden … Sieh mal an, wie hochnäsig! Wart du nur, dir kneif ich noch mal in den Schwanz. Geht ab. Durch die Portiere treten Protassow und Jelena auf. 

Protassow:  Und noch etwas, Lena, sei so gut, schick nach Jegor …

Jelena:  Schon wieder Jegor?

Protassow:  Nun, wie soll man denn ohne ihn auskommen, Lena? Er ist so geschickt, er begreift alles so schnell … Ich werde dir mal zeigen: er hat mir einen Schmelztiegel gemacht – geradezu künstlerisch, eine prachtvolle Sache. – Was ist das heute für ein trauriger Tag! Sitzest du heute dem Maler nicht?

Jelena:  Nein … So kann ich mit dir sprechen?

Protassow:  Laß es, bitte, bis zum Abend …. am Abend bin ich frei. Du langweilst dich? Wo ist denn Dimitrij?

Jelena:  Wahrscheinlich hat er noch etwas anderes zu tun, als mich zu unterhalten …

Protassow  hat sie nicht verstanden:  Ja … hm … wahrscheinlich … weißt du, wenn ich dich in letzter Zeit ansehe, scheint es mir immer, daß in deinem Gesicht … irgend etwas Neues liegt … etwas Bedeutendes.

Jelena:  So?

Protassow:  Ja, ja … aber jetzt verduft ich. Geht in sein Zimmer. 

Fima  erscheint:  Gnädige Frau, bitte, lassen Sie mich fortgehen.

Jelena:  Am Tage? Wer soll denn die Arbeit tun?

Fima:  Nein, ich möchte aus dem Dienst und bitte um den Lohn.

Jelena:  Ach so? Gut, aber vorher möchte ich Sie noch bitten, Jegor zu holen.

Fima  nachdrücklich:  Zu Jegor werd ich nicht gehen.

Jelena:  Warum nicht?

Fima:  So – ich geh nicht.

Jelena:  Rufen Sie Antonowna.

Fima:  Sie ist spazierengegangen; auf den Friedhof …

Jelena:  Ich lasse Sie gehen, wenn Antonowna zurückkommt … Jetzt rufen Sie den Portier. Können Sie das?

Fima:  Das kann ich … Ich bekomme also noch heute meinen Lohn … Ab. 

Jelena:  Gut.

Tschepurnoi  erscheint in der Verandatür:  Warum sind bei Ihnen die Türen nicht geschlossen? Guten Tag.

Jelena  reicht ihm die Hand:  Ich weiß nicht … die Dienstboten sind heute so zerstreut …

Tschepurnoi:  Sie haben wohl Angst vor der Cholera …

Jelena:  Es heißt, daß sie sich ausbreitet?

Tschepurnoi:  Na – es geht an. Ist Jelisaweta Fjodorowna zu Hause?

Jelena:  Sie ist in ihrem Zimmer.

Tschepurnoi:  Und wie geht's ihr?

Jelena:  Nicht besonders, wie gewöhnlich.

Tschepurnoi  besorgt:  Ja, ja – eine tragische Natur.

Jelena:  Boris Nikolajewitsch … entschuldigen Sie gütigst, daß ich mich in eine Angelegenheit mische, die mich eigentlich nichts angeht … aber die Sache ist von großer Wichtigkeit.

Tschepurnoi:  Um was handelt es sich?

Jelena:  Sie hat mir gesagt, daß Sie ihr einen Heiratsantrag gemacht haben …

Tschepurnoi  schnell:  Wie hat sie das gesagt?

Jelena:  Was heißt – wie?

Tschepurnoi:  Was machte sie für 'n Gesicht? Schnitt sie eine Grimasse? Oder lächelte sie höhnisch?

Jelena  verwundert:  Wie können sie nur so fragen? Sie war sehr erfreut …

Tschepurnoi:  Nein? Wirklich?

Jelena:  Ja, ja! So voll stiller Freude … und so gut … Auf der Veranda erscheint Roman. 

Tschepurnoi:  Und ich? – Narr! Esel!

Roman:  Ruft man mich?

Tschepurnoi:  Niemand ruft dich … ich schimpfe mich selbst: du Narr!

Jelena:  Ich hab ihn rufen lassen … Lassen Sie den Schlosser kommen, Roman.

Roman:  Den Jegor?

Jelena:  Ja.

Roman:  Sofort?

Jelena:  Ja, ja.

Roman:  Schön. Ab. 

Tschepurnoi  freudig:  Geben Sie mir die Hand, ich will sie küssen … so – Sie haben mir ein großes Geschenk gemacht … da haben wir's … wo man's am wenigsten erwartet, da schlägt's ein. So geht's mit Leid, so geht's mit Freud.

Jelena:  Entschuldigen Sie … ich verstehe Sie nicht …

Tschepurnoi:  Ah, mein Gott! Wie ist mir denn! Sie hat Ihnen also wirklich mit Freude erzählt, daß ich ihre Hand verlangt habe?

Jelena:  Ja … ich versichere Sie.

Tschepurnoi  siegesbewußt:  Und doch hat sie mir einen Korb gegeben …

Jelena  lächelnd:  Entschuldigen Sie, es klingt komisch ...

Tschepurnoi:  Ja, und es ist komisch. Wissen Sie, ich hab mir ja auch gedacht: nicht deshalb, weil ich ihr zuwider bin, will sie mich nicht heiraten, sondern nur aus Furcht vor ihrer Krankheit.

Jelena:  Ja, Sie haben recht …

Tschepurnoi:  Jetzt weiß ich, was ich tu: ich lauf zu ihr, so schnell, wie die Kugel den Berg hinunter … Ach, ist das ein Glücksfall! Wissen Sie, der Zufall ist doch eine große Sache.

Jelena:  Aber, nehmen Sie Ihre Krawatte ab … Sie mag die rote Farbe nicht.

Tschepurnoi  lachend:  Und ich habe sie absichtlich umgelegt, um sie ein wenig zu necken … Jetzt ist's schon einerlei – rot oder grün, ganz gleich, ohne Krawatte kann ich doch nicht … Geht.  Ich danke Ihnen. Jegor in der Tür zum Speisezimmer, verwirrt, zerzaust.  Ah, ein alter Bekannter. Nun, gib mir die Hand! So. Woll'n wir uns wieder vertragen! So! O du … Recke und Held du!

Jelena  zu Jegor:  Gleich werd ich dir sagen.

Jegor  dumpf:  Gnädige Frau, warten Sie ..

Jelena:  Was gibt's?

Jegor:  Meine Frau ist krank …

Jelena:  Was fehlt ihr?

Jegor:  Ihr ist so übel …

Jelena  beunruhigt:  Seit wann?

Jegor:  Seit heute morgen … sie verlangt immer nach Ihnen … hol die gnädige Frau, sagt sie … sonst verreck ich …

Jelena:  Warum haben Sie mich denn nicht geholt? … Ach Sie …

Jegor:  Ich habe mich geschämt … ich hab doch hier Krawall gemacht …

Jelena:  Ach Unsinn ... ich geh zu ihr.

Jegor:  Warten Sie … ich fürchte …

Jelena:  Was?

Jegor:  Vielleicht ist's die Cholera …

Jelena:  Unsinn, da gibt's nichts zu fürchten …

Jegor  bittend, beinahe befehlend:  Jelena Nikolajewna, kurieren Sie sie!

Jelena:  Man muß zum Arzt schicken … Fahren sie gleich …

Jegor:  Es braucht kein Doktor zu kommen … ich trau keinem Doktor nicht … Sie müssen selbst …

Protassow  erscheint:  Aha, Sie da, mein tapferer Krieger …

Jelena:  Pawel, warte, seine Frau ist erkrankt …

Protassow:  Sehen Sie, Sie haben sie geprügelt …

Jelena:  Er glaubt, es ist die Cholera … Ich geh hin und du …

Protassow  besorgt:  Du – willst hin, Lena? Nein. Jelena … weshalb willst du ...

Jelena  erstaunt:  Und warum nicht?

Protassow:  Und wenn es die Cholera …

Jegor  grollend und leise:  Also, stirb! heißt es, ganz einfach! Sind wir denn nicht auch Menschen?

Jelena:  Hören Sie auf, Jegor … Pawel, wie kannst du nur so ungeschickt …

Protassow:  Was verstehst du, Jelena? Du bist kein Arzt … und das ist kein Spaß … das ist gefährlich …

Jegor  grollend:  Aber die, die da am Verrecken sind – die sind nicht in Gefahr …

Protassow  zu Jegor:  Bitte mich nicht anzubrüllen.

Jelena  vorwurfsvoll:  Pawel! Jegor, wir wollen gehen ...

Protassow:  Ich komme mit … das ist unverständig, Jelena. Alle drei ab ins Speisezimmer; Jegor voran, man kann ihre Stimmen hören. 

Jelena:  Geh zurück und telefonier nach einem Wagen …

Protassow:  Da ist ein Arzt notwendig – aber nicht du, was willst du dort? Kehrt in großer Erregung zurück.  Was will sie bei einem solchen Fall? Antonowna, zum Teufel! Mich haben sie nicht mitgehen lassen … Fima, Antonowna! – wo steckt ihr? Seid ihr gestorben? Fima! Fima kommt angelaufen.  Ich schreie, als wäre ich angeschossen, und Sie geruhen sich über Ihre Schönheit zu freuen –?

Fima  beleidigt:  Durchaus nicht! Ich habe die Messer geputzt.

Protassow:  Lassen Sie die Messer liegen. Gehen Sie zu Jegor …

Fima  entschieden:  Dahin geh ich nicht …

Protassow:  Warum nicht? Die gnädige Frau ist dort …

Fima  frech:  Das ist mir ganz einerlei!

Protassow:  Aber warum wollen Sie denn nicht hin?

Fima:  Weil dort die Cholera ist.

Protassow  ahmt ihr nach:  Aha! Die Cholera. Aber die gnädige Frau ist hingegangen, Es wird geklingelt. 

Fima:  Es klingelt.

Protassow:  Ja, öffnen Sie! Fima läuft fort – Protassow hinter ihr her. 

Protassow:  Eine freche Kröte … Ja – ach, das Telefon … hol's der Teufel! Melanija tritt auf.  Ach, Sie sind's! Wissen Sie das Neueste? Bei uns auf dem Hof ist die Cholera. – Erfreulich, nicht wahr? Und Jelena ist hingegangen, um zu kurieren, hm? Wie gefällt Ihnen das?

Melanija:  Ei, ei, ei! Also bei Ihnen auch! Bei meinem Nachbar, dem Oberst, haben sie gestern den Koch abgeholt … Und Jelena Nikolajewna – ist hingegangen! Wozu denn?

Protassow:  Ich weiß nicht. Es ist mir ganz rätselhaft.

Melanija:  Wie konnten Sie sie denn gehen lassen!

Protassow:  Wie? Ich weiß es nicht … Ach so, das Telefon. Läuft ins Zimmer. 

Fima  aus dem Speisezimmer:  Guten Tag, Melanija Nikolajewna!

Melanija  kühl:  Ah … Guten Tag, meine Liebe …

Fima:  Ich habe eine große Bitte an Sie.

Melanija:  Und die wäre:

Fima:  Ich will heiraten.

Melanija:  So!

Fima:  Einen anständigen Menschen … einen sehr anständigen Menschen!

Melanija:  Wer ist es denn?

Fima:  Ihr Nachbar …

Melanija  springt erstaunt auf:  Nicht möglich, der Oberst?

Fima  bescheiden:  Was denken Sie! Kotscherin Wassilij Wassiljewitsch …

Melanija:  Ach den! Der alte Satan … Püh! Der ist ja an die sechzig Jahre alt … hat Rheumatismus in allen Gliedern … wie kannst du dich dazu entschließen, Jefimija? Übrigens – er hat viel Geld … Ach du, Mädchen … du tust mir leid! Laß ihn laufen … und sein Geld auch!

Fima:  Ich habe mich schon entschlossen, und alles ist abgemacht.

Melanija:  Wirklich! Das tut mir leid. Und was willst du von mir?

Fima:  Ich bin doch eine Waise. Wollen Sie nicht meine Brautmutter sein?

Melanija  macht ihr eine »Feige«, streckt zum Spott den Daumen zwischen den Fingern vor:  Hm … Für wieviel haben Sie mich an Jelena Nikolajewna verraten?

Fima  verwirrt:  Ich?

Melanija:  Ja, Sie! Was?

Fima  hat sich von ihrem Schrecken erholt:  Das tut mir leid … aber ich dachte, weil Sie sich selbst an so 'n alten Kerl verkauft haben …

Melanija  getroffen:  Wie, wie du …

Fima:  Ja, ich dachte, daß Sie mir helfen würden, dasselbe zu tun …

Melanija  dumpf:  Was erlaubst du dir …

Fima  Ruhig und hart:  Sie müssen selbst einsehen, daß es immer noch besser ist, als auf die Straße zu gehen … so ist's wenigstens einer und nicht Hunderte …

Melanija  entsetzt:  Geh … Geh hinaus … Ich werde dir Geld geben … Geh! Geh fort … Ich werd dir geben.

Fima:  Danke schön. Wann werden Sie es mir geben?

Melanija:  Geh fort! Ich hab nichts bei mir!

Fima:  Heute abend werde ich zu Ihnen kommen … Lassen Sie mich nicht sitzen …

Melanija:  Nein! … Um Christi willen – nur fort! Fima ab, ohne sich zu übereilen. Melanija wirft sich in den Lehnstuhl, bricht in Tränen aus und stöhnt wie vor Schmerzen. 

Protassow  aus seinem Zimmer:  Sie ist noch nicht zurück? Nein – Sie sind's! Was fehlt Ihnen?

Melanija  fällt auf die Knie:  Heiliger Mann, rette deine Sklavin!

Protassow  verwirrt:  Was haben Sie gesagt? … Stehen Sie auf! Was wollen Sie?

Melanija  umschlingt mit ihren Armen seine Knie:  Ich verkomme im Schlamm … ich verkomme in meiner Niedrigkeit … reiche mir die Hand! Wer ist auf Erden besser als du?

Protassow  erschrocken:  Gestatten Sie. Ich falle … Küssen Sie doch nicht meine Hose … Was machen Sie denn?

Melanija:  Ich hab Niedriges getan, ich hab meine Seele beschmutzt – mach sie wieder rein – wer außer dir kann das tun?

Protassow  bemüht sich, sie zu verstehen:  Sie – setzen Sie sich …! das heißt … stehen Sie auf. So – setzen Sie sich! Was wollen Sie eigentlich?

Melanija:  Nimm mich zu dir, erlaube mir, in deiner Nähe zu leben, dich nur jeden Tag zu sehen … dich zu hören … ich … bin reich, nimm alles! Bau dir ein Laboratorium für deine Wissenschaft … bau einen Turm! Steige hinauf – und lebe dort! Und ich werde Tag und Nacht unten vor der Türe stehen und niemanden zu dir lassen … Verkaufe alles, meine Häuser, meine Güter, und behalte alles für dich!

Protassow  lächelnd:  Erlauben Sie mal, das ist ein Gedanke! Donnerwetter, was könnt ich mir da für ein Laboratorium bauen!

Melanija  erfreut:  Ja, ja! Nimm mich, damit ich dich immer sehen kann; sprich nicht mit mir, das ist nicht nötig! Sieh mich nur hin und wieder einmal an und lächle … Hättest du einen Hund, so würdest du ihm doch auch zulächeln … und ihn bisweilen streicheln? Laß mich diesen Hund sein ...

Protassow  besorgt:  Warten Sie … Was soll das – das ist merkwürdig … das ist nicht nötig … ich bin ganz starr, wissen Sie … Konnte ich mir denken, daß es Sie so aufregen würde?

Melanija  ohne auf ihn zu hören:  Ich weiß, ich bin dumm wie ein Stück Holz. Deine Bücher … versteh ich nicht … Glaubst du, daß ich sie gelesen habe?

Protassow  enttäuscht:  Nein? – Was haben Sie dann damit …?

Melanija:  Geliebter! Abgeküßt hab ich die Bücher! … ich habe hineingeguckt, aber da stehen Worte drin, die außer dir niemand versteht … Und da hab ich sie abgeküßt …

Protassow  verwirrt:   Ach! Daher die Flecken auf den Einbänden … Wozu denn Bücher küssen? Das ist ja schon Fetischismus …

Melanija:  Versteh mich doch, ich liebe dich! Es ist bei dir so schön, so rein, so hell! Du göttlicher Mensch, ich liebe dich …

Protassow  leise, ergriffen:  Erlauben sie … das heißt … wie meinen Sie das?

Melanija:  Wie ein Hund. Reden kann ich nicht … nur schweigen kann ich. Jahrelang habe ich geschwiegen, die Haut hat man mir von der Seele gerissen!

Protassow  hoffend, daß er sich getäuscht hat:  Sie … entschuldigen mich! Ich kann Ihre Grundidee nicht erfassen … Vielleicht wäre es Ihnen lieber, über diese Angelegenheit mit Jelena zu sprechen …

Melanija:  Ich habe schon mit ihr gesprochen … Sie ist herrlich … Sie weiß, daß du sie nicht liebst …

Protassow  aufspringend:  Was heißt das, nicht lieben?

Melanija:  Sie weiß alles, fühlt alles … Sie ist so gut! Aber wozu zwei Feuer auf einmal? – Sie ist stolz ...

Protassow  aufs neue verwirrt:  Wissen sie, alles das ist so eine verwickelte, konfuse Geschichte … das heißt ... Ich bin mir noch niemals so unbeholfen vorgekommen …

Melanija:  Wie werd ich mit dir umgehen … wenn du erst mein sein wirst …

Protassow  etwas gereizt:  Was – was soll das heißen »mein«? Blickt auf sie, halblaut, fast mit Schrecken.  Melanija Nikolajewna … wir müssen uns aussprechen! Entschuldigen Sie … ich muß Sie direkt fragen: Sind Sie vielleicht in mich verliebt?

Melanija  sieht ihn mehrere Minuten lang schweigend an, mit gedämpfter Stimme:  Wovon hab ich denn gesprochen … Geliebter! Davon red ich ja.

Protassow:  Ja … entschuldigen Sie … ich dachte … ich dachte, es wäre nicht so …

Melanija  leise:  So, daß ich ganz wahnsinnig bin …

Protassow  geht erregt im Zimmer auf und ab:  Ich bin Ihnen natürlich sehr dankbar … bin sehr gerührt … zu meinem Bedauern aber … ich bin doch verheiratet … Nein, das ist es nicht! Sehen Sie mal … so plötzlich läßt sich das nicht entscheiden … ja! Aber wissen Sie, es ist nicht notwendig, daß Jelena etwas davon erfährt, wir werden uns schon irgendwie auseinandersetzen.

Melanija:  Sie weiß es aber.

Protassow  fast in Verzweiflung:  Was? Sie weiß? Tschepurnoi und Lisa kommen von oben die Treppe herab, gehen schweigend durch das Zimmer auf die Veranda. Tschepurnoi ist verstimmt, aber ruhig, Lisa in großer Aufregung. 

Melanija  leise:  Oh, man kommt, leise, es ist mein Bruder.

Protassow  zu Lisa:  Ah … hm … ihr geht?

Tschepurnoi  dumpf:  Wir gehen. Pause. 

Protassow  sehr aufrichtig und einfach:  Melanija Nikolajewna, gestehen Sie – die Verhältnisse liegen hier so außergewöhnlich … die Lage ist so ganz unmöglich … ich erscheine Ihnen wohl lächerlich, und das kränkt Sie … aber, Liebste, Beste, es ist merkwürdig … ich brauch gar nicht …

Melanija:  Sie brauchen es nicht?

Protassow:  Nein … entschuldigen Sie … ich muß nach Jelena sehen, und … darum muß ich gehen, sie ist noch immer dort … das beunruhigt mich … ich muß es ihr sagen … Sie dürfen mir deshalb nicht böse sein. Er geht auf sein Zimmer. Melanija leise hinter ihm her; darauf kehrt sie um, sie ist vollkommen verwirrt und niedergeschlagen. 

Melanija  für sich:  Es hat ihn nicht gerührt … welche Schmach … Jelena kommt durch die Verandatür. Melanija fortfahrend:  Teuerste, haben Sie Mitleid mit einer Närrin!

Jelena:  Was heißt das? Haben Sie es Pawel gesagt?

Melanija:  Ich habe ihm alles gesagt …

Melanija:  Nun, und er? Was denn?

Melanija:  Alle meine Worte … alle meine Liebe, alles fiel wie Staub ins Wasser …

Jelena  aufrichtig:  Es schmerzt mich um Ihretwillen … was sagte er?

Melanija:  Ich weiß es nicht. Nichts machte Eindruck auf ihn … Nichts berührte sein Herz –- das Feuer läßt sich eben nicht beschmutzen. Auf den Knien habe ich vor ihm gelegen und … er versteht nicht …

Jelena:  Ich hatte Ihnen gesagt: Warten Sie. Ich hätte zuerst mit ihm sprechen sollen.

Melanija:  Ich dachte, Sie würden mich täuschen … Alles hab ich ihm angeboten, all mein Geld, den Preis für meine verkaufte und beschimpfte Seele … er hat nichts angenommen – wer hätte das ausgeschlagen außer ihm. Er allein konnte das tun …

Protassow  tritt ein, den Hut in der Hand:  Jelena … sofort ein Bad … und alles, was du am Leibe trägst – herunter und in den Ofen damit! Fima! Ein Bad! Diese Fima – hol sie der Teufel – die soll ein Stubenmädchen sein? Das ist einfach ein Mythos.

Jelena:  Ereifere dich nicht so – das Bad ist fertig, und ich werde alles besorgen.

Protassow:  Bitte, geh! … mit der Cholera ist nicht zu scherzen.

Jelena  im Abgehen:  Ich gehe schon, ich gehe.

Protassow  geleitet seine Frau, sieht ängstlich von der Seite auf Melanija. Diese sitzt wie von Schuldbewußtsein niedergedrückt mit tief gebeugtem Kopf da; er geht auf und ab:  Tja, was ist das heute für ein trüber und sozusagen unangenehmer Tag.

Melanija  leise:  Ja …

Protassow:  Ja, und diese Cholera ist zu so ungelegener Zeit gekommen …

Melanija:  In der Tat … und so plötzlich …

Protassow:  Und hier ist noch dazu der Kühlapparat zerbrochen …

Melanija:  Pawel Fjodorowitsch, verzeihen Sie mir!

Protassow  mißtrauisch:  Das heißt – wieso denn? Was wollen Sie eigentlich sagen?

Melanija:  Vergessen Sie alles, was ich Ihnen gesagt habe … Vergessen Sie's!

Protassow  freudig bewegt:  Nein, im Ernst?

Melanija:  Im Ernst … ich bin so dumm … und dreist …

Protassow:  Melanija Nikolajewna! Ich liebe Sie sehr … das heißt: ich achte Sie! Sie sind eine erstaunliche Elementarnatur und ein ganzer Mensch. Sie nehmen so warmes Interesse an allem. – Aber, meine Liebe, das ist überflüssig … das heißt, alles, was Sie mir gesagt haben, war nicht nötig! Wir wollen gute Freunde sein und weiter nichts. Alle Menschen müssen Freunde sein … nicht wahr?

Melanija:  Wenn ich Sie ansehe … schäme ich mich …

Protassow:  Lassen wir das … geben Sie mir die Hand … das ist prächtig! Nein, wissen Sie, wie gut die Menschen doch sind! Es steckt in ihnen so viel Einfachheit, so viel Vernunft und eine so herrliche Gabe, einander zu verstehen … Ich liebe die Menschen, es sind außerordentlich interessante Geschöpfe!

Melanija  lächelnd:  Menschen habe ich noch nicht kennengelernt … Ich habe unter Kaufleuten gelebt; mein Mann hat mit Fleisch gehandelt … nur bei Ihnen habe ich erkannt, daß es auf Erden Menschen gibt … und da wollt ich denn gleich einen kaufen.

Protassow:  Wie meinen sie?

Melanija:  Hören Sie nicht auf mich … Ich habe es so …

Protassow  lebhaft:  Wissen Sie was – wollen wir Tee trinken!

Melanija:  Gut, ich werde zu Jelena Nikolajewna gehen und mich rechtfertigen.

Protassow:  Und ich – ich werde den Teetisch decken lassen. Wissen Sie, mein Kühler ist in Scherben gegangen, – hol ihn der Teufel. Jegors Frau ist erkrankt, so daß niemand da ist, der ihn ausbessern könnte – und ich kann heute nicht arbeiten. Geht lächelnd in sein Zimmer. 

Melanija  spricht hinter ihm her:  Du mein liebes, du mein herrliches Kind … Ab zu Jelena. Antonowna kommt aus dem Speisezimmer heraus, gereizt und brummig. 

Antonowna:  Als ob die wilde Jagd durch das Haus gezogen wäre! Nein, diese Leute ...Alles durcheinander geworfen … Alles offen ...Nicht fortgehen kann man … Nur bei den Toten ist Ordnung, auf dem Friedhof, nur dort ist Ruhe … Durch die Tür von der Terrasse treten Lisa und Tschepurnoi ein.  Lisonjka, die Medizin und die Milch …

Lisa  gereizt:  Schweig … Geh ...

Antonowna:  Na, da haben wir's. Ab. 

Tschepurnoi:  Also ist es aus?

Lisa:  Ja, Boris Nikolajewitsch. Kein Wort mehr davon … nie!

Tschepurnoi:  Gut. Ich habe heute nur deshalb davon angefangen, weil ich dachte, daß Sie sich irrten …

Lisa:  Nein. Meine Krankheit hindert mich nicht … ich fürchte sie nicht. Aber ich kann und will keine Kinder haben. Niemand fragt sich, wozu die Menschen geboren werden. Ich habe mich gefragt … Es ist auf der Erde kein Raum für den, der nicht die Kraft hat, das ganze Leben, das Leben der Erde zu seinem persönlichen Leben zu machen … Sie werden also verreisen – ja?

Tschepurnoi  ruhig:  Gut, ich reise. Wagin kommt von der Veranda. 

Lisa:  Es wird Ihnen schon besser werden … und tragen sie keine roten Krawatten … das ist gewöhnlich. Wie bedaure ich, daß Sie gerade heute eine rote Krawatte tragen.

Wagin:  Das ist ein Tag – ganz wie im Oktober.

Tschepurnoi:  Ja, der Tag hat sich böse angelassen.

Lisa:  Wohin gedenken Sie zu reisen?

Tschepurnoi  ruhig:  Ich? Ins Gouvernement Mohilew.

Lisa  beunruhigt:  Warum gerade dorthin?

Tschepurnoi:  Ich habe dort viele Bekannte.

Wagin:  Ins Gouvernement Mohilew abreisen … nennt man im Volkswitz nicht den Tod so?

Lisa  zusammenzuckend:  Was fällt Ihnen ein? Pfui!

Wagin:  Dieses Scherzwort hat Sie erschreckt? Sie glauben doch nicht, daß Boris Nikolajewitsch sterben wird? Höchstens, wenn er sich eine Kugel in den Kopf schießt …

Lisa  vorwurfsvoll und beunruhigt:  Warum sprechen Sie so?

Wagin:  Ich beeile mich, Sie zu beruhigen. Mir ist kein Fall bekannt, daß ein Tierarzt sich erschossen hätte … Antonowna aus dem Speisezimmer. 

Antonowna:  Lisuschka, komm, gieß Tee ein! Lisa schweigend ab. 

Wagin:  Ich bin ein schlechter Mensch. Es macht mir Spaß, sie zu ärgern … Sie will sich mit ihrem Lamentieren über die Welt interessant machen. Es gibt nichts Langweiligeres als diese Weltschmerzler. Ich habe übrigens einen physischen Widerwillen gegen alles Ungesunde.

Tschepurnoi:  Nun, wie steht's? Werden Sie das Bild »Sie gehen zur Sonne«, oder wie heißt es doch, malen?

Wagin:  Entscheiden! Ein herrliches Sujet, nicht wahr? Damit ich es nicht vergesse – ich brauche Sie für das Bild …

Tschepurnoi  erstaunt:  Mich? Wo ist denn auf Ihrem Schiff ein Platz für mich? Unten im Schiffsraum?

Wagin  sieht Tschepurnoi prüfend an:  Sie haben über den Augen so eine trotzige Falte … das ist sehr charakteristisch. Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich Sie gleich festhalte?

Tschepurnoi:  Halten Sie fest.

Wagin  holt sein Skizzenbuch hervor:  Prächtig, nur eine Minute! Zeichnet. 

Tschepurnoi:  Sind Sie Liebhaber von Anekdoten?

Wagin:  Doch, wenn sie nicht zu dumm sind …

Tschepurnoi:  So will ich Ihnen eine erzählen …

Wagin:  Bitte sehr … wenn ich zeichne, schweige ich.

Tschepurnoi:  Ich höre Sie schon schweigen. Geben Sie acht … Eines Tages fuhr eine englische Gesandtschaft über den Kanal von Dover nach Calais; an Bord befand sich auch ein Franzose. Prahlend stritten sie darüber, wer besser sei, die Engländer oder die Franzosen. Die Engländer sagten: »Wir sind überall.« Der Franzose erwiderte: »Nein. In diesem Meeresarm sind viele unserer Diplomaten ertrunken, aber kein einziger Engländer.« Als das ein junger Engländer von der Gesandtschaft hörte, sprang er über Bord – hopp! – und ertrank …

Wagin  nach einer Pause:  Nun und dann?

Tschepurnoi:  Weiter nichts …

Wagin:  Ist das die ganze Anekdote?

Tschepurnoi:  Ja … Was wollen Sie noch? Der Mann wollte die Ehre seiner Nation retten und ertränkte sich.

Wagin:  Wissen Sie, wenn Ihre Anekdote auch auf dem Meere spielt, so fehlt es ihr doch an Salz …

Tschepurnoi:  Sie binden Ihre Krawatte gut.

Wagin:  Gefällt es Ihnen so? Eine Dame hat es mich gelehrt …

Tschepurnoi:  Und auch die Farbe ist hübsch …

Protassow  kommt herein:  Hier wird gezeichnet? Und Jelena ist noch nicht da? Weißt du schon, Dimitrij, daß sie sich heute mit einem Cholerakranken zu schaffen gemacht hat …

Wagin:  Wa–as?

Protassow:  Ja, ja! Mit der Frau meines Schlossers! Wie findest du das?

Wagin:  Zum mindesten unvernünftig. Und du hast das erlaubt?

Jelena  tritt ein:  Ja, kann man mir etwas nicht erlauben?

Wagin:  Aber schließlich ist das doch nicht Ihre Sache!

Jelena:  Wieso nicht? Wenn ich etwas tun will, so ist das eben meine Sache geworden …

Wagin:  Sie … und … der Teufel hol mich, wenn ich das verstehe!

Protassow:  Nein, sie ist ein Prachtkerl! Das muß ich sagen, wenn ich mich auch ihretwegen geängstigt habe. Hast du die Tropfen eingenommen?

Wagin  hat seine Zeichnung beendet:  Das ist alles … besten Dank! Dieser Zug ist bei Ihnen prächtig …

Tschepurnoi:  Sehr schmeichelhaft.

Lisa  tritt aus dem Speisezimmer:  Bitte, zum Tee.

Wagin:  Wollen wir gehen. Schiebt seinen Arm unter den Tschepurnois. Beide ab. 

Protassow  halblaut:  Jelena, ich habe dir etwas zu sagen ...-

Jelena:  Muß es gleich sein?

Protassow  eilig:  Ja. Weißt du, da ist eine dumme Geschichte passiert! Melanija Nikolajewna … ist sie fortgegangen?

Jelena  lächelnd:  Sie ist fortgegangen.

Protassow:  Warte. Die Sache ist aber nicht zum Lachen! Weißt du, ich glaube, sie hat sich in mich verliebt! Auf ganz gewöhnliche Weise. Wie gefällt dir das? Bei Gott – ich habe ihr keine Veranlassung dazu gegeben. Jelena … was lachst du? Das ist eine Sache, die ernst genommen werden muß … Es ist so peinlich. Wenn du wüßtest! Sie hat hier geweint, hat meine Hose geküßt … und meine Hände, diese …

Jelena  lachend:  Pawel, hör auf …

Protassow  ein wenig geärgert:  Du setzest mich in Erstaunen! Ich sage dir, sie hat es ganz ernst gemeint … Sie hat mir ihr ganzes Vermögen angeboten … »Ich will mit dir leben«, sagte sie! Verstehst du wohl, sie nannte mich Du! Glaube nur nicht, bitte, daß ich ihr dazu ein Recht eingeräumt habe. Ich weiß nicht warum, aber sie riecht nach Salpeter ... Was ist dir?

Jelena  lacht herzlich;  Ich kann nicht anders … das ist zu komisch … Du bist zu komisch …

Protassow  ein wenig gekränkt:  Warum? Die Sache ist sehr peinlich und nicht lächerlich … Es ist albern, und ich bin so erschrocken … ich habe ihr etwas geantwortet, aber in meinem Kopf ging alles drunter und drüber. Glaub nur, es war ihr sehr ernst mit dem, was sie sagte – sie sprach auch, daß du von allem wü0ßtest, aber wovon .-.. habe ich nicht verstanden. Zuerst wollte ich dir davon nichts erzählen …

Jelena  zärtlich:  Ich weiß alles … Du Lieber! Guter!

Protassow:  Du weißt es? Wieso denn? Warum hast du mich nicht darauf vorbereitet?

Jelena  als hätte sie sich an etwas erinnert, trocken:  Lassen wir das bis zum Abend …

Protassow:  Ja, gut … ich möchte Tee haben … Aber wenn du es gewußt hast, so freut es mich. So wirst du wohl selbst diesen Knäuel entwirren? Ja?

Lisa  aus dem Speisezimmer:  Jelena, komm doch her …

Jelena:  Ich komme.

Protassow:  Dann übernimmst du alles das? …

Jelena:  Jawohl … Beunruhige dich nicht! Laß uns gehen.

Protassow:  Weißt du, als ich sie vom Boden aufhob, da bemerkte ich unter den Achselhöhlen … Fährt im Flüstertone fort. 

Jelena:  Pfui, Pawel, wie häßlich … Die Bühne bleibt einige Sekunden leer. Aus dem Speisezimmer tönen Stimmen und das Klirren der Teller und Bestecke herüber. Dann tritt Tschepurnoi mit den Worten heraus: 

Tschepurnoi:  Ich werde hier ein wenig rauchen … Geht ans Fenster, indem er die Hände auf dem Rücken hält. Nimmt dann die Zigarette aus dem Mund und singt halblaut.  »Eine goldne Wolke in der Nacht ...«

Wagin  eintretend:  »Auf der Brust des steilen Berges lag« … Mich haben sie auch hinausgejagt … man soll drinnen nicht rauchen …

Tschepurnoi:  Sie sind also ein Freund von Anekdoten?

Wagin:  Sie wollen wohl noch eine langweilige loswerden?

Tschepurnoi:  Ich werde mir für Sie noch eine zurechtlegen … Aber jetzt gehe ich nach hause.

Wagin:  Wann kommt dann die Anekdote?

Tschepurnoi:  Morgen. Es regnet … Sucht nach seinem Schirm.  Schirm oder nicht Schirm, wie Hamlet, der Dänenprinz zu sagen pflegte … Leben Sie wohl!

Wagin  hält ihn am Arm zurück:  Sie verreisen, wie ich gehört habe …

Tschepurnoi  lachend:  Ja, ich verreise … muß verreisen ...

Wagin  lächelt gleichfalls:  Nun denn: Glückliche Reise! Aus irgendeinem Grunde haben Sie mir heute sehr gut gefallen.

Tschepurnoi:  Danke für das Kompliment ,,,

Wagin:  Sie sahen so verliebt aus … Sagen Sie mal, waren sie schon einmal verliebt? …

Tschepurnoi:  Als Student hatte ich eine kleine Schwäche für meine Wirtin, und eines schönen Tages gestand ich ihr's sogar.

Wagin:  War sie hübsch?

Tschepurnoi:  Schwer zu sagen … Sie war damals schon fünfzig Jahre alt … Nachdem ich ihr meine Liebe gestanden hatte, steigerte sie mich um drei Rubel monatlich.

Wagin  lachend:  Ist das wahr?

Tschepurnoi:  Ja, das hat sie getan. Nun … leben Sie wohl! Geht lachend in den Speisesaal. Wagin blickt ihm nachdenklich nach und geht dann rauchend im Zimmer auf und ab. Brummt etwas vor sich hin und schüttelt den Kopf. Antonowna kommt aus Jelenas Zimmer. 

Antonowna  mürrisch für sich:  Ich dachte, der andere wäre fortgegangen ...

Wagin:  Welcher »andere«?

Antonowna:  Der Kleinrusse – wo ist er?

Wagin:  Er ist nach Hause gegangen …

Antonowna:  Das ist alles, was er kann;: Kommen, Tee trinken und weglaufen,. Und das Mädchen verzehrt sich um ihn … Schläft ganze Nächte nicht … wenn sie ihm nur sagen wollten ,,,

Wagin:  Welches Mädchen? Warum schläft sie nicht? Und was soll man ihm sagen?

Antonowna:  Ach Sie … Bei uns im Haue gibt's doch nur ein Mädchen … Sie ist in den Jahren … Wozu sie ohne Grund beunruhigen. Sie ist ohnehin schon krank. Und Sie laufen alle hier herum und reden, und niemand denkt daran, daß es einem Menschen so schwer ums Herz sein kann, daß er am liebsten Hand an sich legen würde.

Wagin  reibt sich kräftig die Stirn, versinkt in Gedanken, wirft dann den Kopf zurück, als habe er einen Entschluß gefaßt:  Pawel!

Protassow  mit einem Buch in der Hand:  Hier bin ich.

Wagin  feindselig:  Was machst du für ein selbstzufriedenes Gesicht!

Protassow  erstaunt:  Hast du mich gerufen, um mir das zu sagen?

Wagin:  Ich muß dich sprechen …

Protassow  gähnend:  Ach … Heute wollen mich alle sprechen. Ich habe schon viel Ungewöhnliches, aber kein vernünftiges Wort gehört.

Wagin:  Ich werde dir etwas Vernünftiges sagen ...

Protassow  sieht in das Buch:  Sei nicht so selbstbewußt.

Wagin:  Leg doch einmal das Buch fort.

Protassow:  Wohin, das heißt … warum?

Wagin:  Irgendwohin … Die Sache ist die … Ich liebe Jelena Nikolajewna …

Protassow  ruhig:  Damit setzt du mich nicht in Erstaunen! Wie sollte man sie nicht lieben?

Wagin:  Ich liebe sie, versteh mich … als Frau …

Protassow  ruhig:  Nun, und was weiter? Rafft sich zusammen und springt auf.  Und sie? Weiß sie es? Hast du es ihr je gesagt? Was hat sie erwidert?

Wagin:  Ja, sie weiß es …

Protassow  beunruhigt;:  Nun –? was denn … Was hat sie geantwortet?

Wagin  verwirrt:  Bis jetzt – nichts Bestimmtes … ...

Protassow  freudig:  Nun, selbstverständlich! Ich habe es ja gewußt … Das versteht sich ja von selbst …

Wagin  zurückhaltend:  Warte … Die Sache ist vor allem die – daß du dich schlecht gegen sie benimmst …

Protassow  erstaunt:  Ich? Wieso? wann?

Wagin:  Du ignorierst sie. Du hast ihre Liebe zu dir getötet …

Protassow  erschrocken:  Hat sie das gesagt?

Wagin:  Ich sage es …

Protassow  beleidigt:  Erlaubt mal, Herrschaften! Was habt ihr denn heute? Hat denn alles den Kopf verloren? Der eine wirft mir vor, daß ich Jelena nicht liebe, ein anderer behauptet, sie liebe mich nicht … was soll denn das heißen? Ihr seid ganz unzurechnungsfähig. Das ist ja, um verrückt zu werden! Und sie schweigt … sie spricht nicht. Was wollt ihr also? Ich verstehe nichts mehr.

Wagin:  Paul, wir sind Freunde von Kindheit auf … ich habe dich lieb …

Protassow:  Wenn es dir möglich ist, versetze deine Liebe mit ein wenig Zartgefühl … ja! Laßt jedem Menschen das Recht, seine Sache selbst zu vertreten … selbst für seine Freiheit, seine Würde einzustehen … Versteht er das, so wird er's besser machen als irgendwer ...

Wagin:  Wie aber, wenn er es nicht versteht?

Protassow:  Dann zum Teufel mit ihm! Dann ist er überhaupt kein Mensch.

Wagin:  Wie aber, wenn er nicht will?

Protassow:  Wenn er nicht will – das ist unmöglich … Dimitrij, entschuldige, aber sieh, wie alle Künstler, bist auch du nicht ernsthaft. Gestern hast du noch geschwiegen, und heute heißt es plötzlich: Ich liebe sie!

Wagin:  Mit dir läßt sich nicht reden … Im übrigen habe ich alles gesagt, was notwendig war …, Ich – gehe .

Protassow:  Nein – wart! … Ich werde Jelena rufen … Ruft.  Jelena!

Wagin  beunruhigt:  Was fällt dir ein! Warum?

Protassow:  Warum? Jelena soll in deiner Gegenwart erklären, wie die Sachen stehen. Jelena, so höre doch. Jelena tritt auf.  Er (auf Wagin zeigend)  ist, wie es sich herausstellt, ebenso verliebt wie diese Malanja … ja! Aber er ist in dich verliebt … Jelena wirft einen strengen und fragenden Blick auf Wagin., 

Wagin  erregt:  Nun ja … was weiter? Ich habe ihm gesagt, daß ich Sie liebe … daß Sie es schwer mit ihm hätten …

Jelena:  Ich danke Ihnen … Das ist so ritterlich … und so jung … sehr jung! …

Wagin  beleidigt:  Spott habe ich nicht verdient. Ich will keine Feindschaft mit Pawel, aber ich fühle, wie sie gegen meinen Willen entsteht … Sollte ich auch albern, roh und taktlos gehandelt haben … so haben mich doch kameradschaftliche Gefühle geleitet … und die Liebe. – ich habe unter dem Eindruck gehandelt, den die Worte der Antonowna in meinem Herzen hervorgerufen haben, und war von dem Wunsche beseelt, für Sie, Jelewna Nikolajewna, etwas Gutes zu tun … Unter Leuten wie wir sollte alles klar und einfach sein …

Jelena:  Ich danke Ihnen …

Protassow:  Ich habe doch nichts, was dich kränken könnte, gesagt, Dimitrij?

Wagin:  Nein! Ich gehe … auf Wiedersehen.

Jelena:  Kommen Sie morgen … ja?

Wagin  abgehend:  Ja, wahrscheinlich.

Protassow  blickt fragend auf seine Frau:  Nun, Jelena? Wie ist es damit? Wie stellst du dich dazu?

Jelena:  Und – du?

Protassow:  Gut, daß du so ruhig bist … Uff! Ist das ein Tag. Hat er sich dir erklärt?

Jelena:  Ja, er hat mir eine Erklärung gemacht …

Protassow:  Hat er dir gesagt, daß er dich liebt, und so weiter?

Jelena:  Namentlich das »und so weiter« …

Protassow:  Sieh mal einer an … dieser Maler! Nun, und was hast du gesagt?

Jelena:  Vieles … Verschiedenes …

Protassow:  Hast du ihm gesagt, daß du mich liebst?

Jelena:  Nein, das habe ich nicht gesagt …

Protassow:  Schade. Das hättest du sagen sollen … Du hättest gleich erklären müssen: »Ich liebe Pawel … das heißt meinen Mann!« Unter diesen Umständen mußte er natürlich denken … hm … wirklich … ich kann nicht beurteilen, wie er wohl gegebenenfalls gehandelt hätte … denn ich weiß es in der tat nicht! … und das ist ja auch nicht wichtig …

Jelena:  Und was ist denn deiner Ansicht nach wichtig?

Protassow:  Daß sich Derartiges nicht wiederholt …

Jelena:  Pawel! Du hast von ihm gesprochen … und wolltest sogar etwas an seiner Stelle antworten … Du hast den Wunsch ausgesprochen, daß das alles dich in Zukunft nicht beunruhigen möge … Aber wo bleibe ich?

Protassow  beunruhigt:  Das heißt … Wie? Was willst du damit sagen …

Jelena:  Nicht viel. Ich fühle, daß du mich nicht nötig hast. Ich habe in deinem Leben keine Rolle gespielt. Du stehst mir fern und bist mir fremd! Was bin ich dir? Du fragst nie danach, was ich tue und lasse, und was ich denke …

Protassow:  Ich sollte nicht danach gefragt haben? Aber … ich habe keine Zeit, danach zu fragen, Jelena … Und warum hast du es mir nicht selbst gesagt? …

Jelena  stolz:  Ich will nicht um etwas betteln, was mir von Rechts wegen als Mensch und als deiner Frau zukommt. Bitten kann ich nicht, fordern wollte ich nicht … wozu in diesem Falle erzwingen wollen?

Protassow  verzweifelt:  Ach du lieber Himmel … das ist hart. Wie überflüssig sind alle diese Mißverständnisse … Erklärungen … wie beleidigend sind sie …

Jelena:  Reg dich nicht auf. Siehst du, ich bin entschlossen, dich zu verlassen … das ist mein fester Vorsatz … und in Gedanken habe ich schon von dir Abschied genommen …

Protassow  erschüttert:  Jelena – nein! Wohin willst du gehen? Warum? Liebst du Dimitrij? Ja? Ja?

Jelena:  Nein. Nicht so, daß ich seine Frau werden könnte …

Protassow  freudig:  Das ist ja herrlich! Aber mich liebst du auch nicht? Antworte! Schnell, Jelena!

Jelena:  Warum willst du das wissen?

Protassow  innig:  Ich liebe dich ja …

Jelena:  Laß das, Pawel …

Protassow  mit Überzeugung:  Mein Ehrenwort, Jelena, ich habe ja keine Zeit dafür … Höre … Du sprichst doch nicht im Ernst … Ich begreife, daß du dich gekränkt fühlst … Vergib, verzeih, vergiß! Wenn du fortgehst, werde ich immer denken müssen, wo du bist, wie es dir geht … und meine arbeiten? Willst du mein Leben vernichten, Jelena … was soll aus meinen Arbeiten werden, Jelena? Ich kann nur eins von beiden: entweder arbeiten oder an dich denken.

Jelena  bekümmert:  Prüfe deine Worte … Kein Wort von mir, nicht ein einziges, mein Freund!

Protassow  läßt sich auf die Knie nieder:  Wie, kein Wort? Habe ich dir nicht gesagt, daß ich ohne dich nicht leben kann … Jelena, und wenn ich Schuld trage – verzeih mir! Hindere mich nicht am Leben … Das Leben ist so kurz, und es gibt so viel Interessantes zu arbeiten!

Jelena:  Und für mich, was gibt das Leben mir? Horcht.  Still. Auf der Treppe hört man schnelle, laute Schritte, Protassow springt erschreckt auf. Lisa kommt heruntergelaufen. Aus ihren weit geöffneten Augen spricht das Entsetzen, ihre Lippen zucken, sie macht Zeichen mit den Händen, kann aber nicht sprechen. 

Protassow:  Lisa, was fehlt dir?

Jelena:  Wasser! Gib Wasser her!

Lisa:  Nein, hört … Eben hat sich ein Unglück ereignet. Glaubt es mir … ich weiß es … eine solche Qual, plötzlich war mir, als stände mein Herz still … es hat sich ein Unglück ereignet … irgendwo … jemand, der uns nahesteht …

Jelena:  Genug, beruhige dich … Du hast einen bösen Traum gehabt …

Lisa  schreit:  Glaubt mir! … Glaubt mir! Fällt Protassow in die Arme. 

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