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Kinder der Sonne

Maxim Gorki: Kinder der Sonne - Kapitel 3
Quellenangabe
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authorMaxim Gorki
titleKinder der Sonne
year1905
translatorAlexander v. Huhn
correctorreuters@abc.de
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created20101108
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Erster Aufzug

Ein altes, herrschaftliches Haus; großes, halbdunkles Zimmer. Links in der Wand ein Fenster und eine Tür, die auf eine Veranda führt. In der Ecke zur linken Seite des Zimmers führt eine Treppe in das obere Stockwerk, wo Lisa wohnt. Im Hintergrunde sieht man durch einen Türbogen in das Speisezimmer. Aus der rechten Ecke des Zimmers mündet eine Tür in das Zimmer Jelenas. Bücherschränke, schwere, altertümliche Möbel, auf den Tischen Bücher in wertvollen Ausgaben. Auf einem der Bücherschränke eine weiße Büste. Am Fenster links ein großer runder Tisch, vor dem Protassow sitzt, in einer Broschüre blättert und dabei auf eine kleine Spirituslampe blickt, über der irgendeine Flüssigkeit kocht. Auf der Terrasse unter dem Fenster macht sich Roman zu schaffen, wobei er dumpf und eintönig ein Lied singt. Durch diesen Gesang fühlt sich Protassow belästigt.

Protassow:  Hören Sie mal, Portier!

Roman  durchs Fenster:  Was soll's?

Protassow:  Wie wäre es, wenn sie fortgingen … ja?

Roman:  Wohin?

Protassow:  Na, überhaupt … Sie stören mich …

Roman:  Der Wirt hat's befohlen … Du mußt das ausbessern, hat er gesagt.

Antonowna  tritt aus dem Speisezimmer heraus:  Der Schmutzfink … hierher mußt du damit kommen?

Protassow:  Schweig, Alte!

Antonowna:  Hast wohl nicht Platz genug in deinen Zimmern?

Protassow:  Bitte, geh nicht hinein; ich hab dort alles vollgedampft.

Antonowna:  Und hier machst du alles voll Kohlendunst … Laß mich wenigstens die Tür öffnen.

Protassow  eifrig:  Nicht nötig, nicht nötig! Ach du … Alte! … Ich habe dich doch nicht darum gebeten … Sag du dem Portier, daß er fortgehen soll … er brummt immer so vor sich hin.

Antonowna  zum Fenster hin:  Was treibst du dich hier herum? Mach, daß du fortkommst!

Roman:  Warum? … Der Wirt hat's befohlen …

Antonowna:  Schon gut, kannst es auch später machen …

Roman:  Na, meinetwegen … Entfernt sich brummend. 

Antonowna  mürrisch:  Ersticken wirst du noch eines schönen Tages! … Und dabei heißt es, wir haben die Cholera hier … Du willst ein Generalssohn sein, und womit beschäftigst du dich! Nur unangenehme Gerüche verbreitest du!

Protassow:  Warte nur, Alte! … Ich werde auch noch einmal General! ...

Antonowna:  Du? – Du kommst noch mal auf die Landstraße. Das ganze Haus hast du mit deiner Chemie und deiner Physiognomik verstänkert.

Protassow:  Nicht mit der Physiognomik, sondern mit der Physik … Im übrigen laß mich gefälligst in Ruhe …

Antonowna:  Da … Jegor ist gekommen ...

Protassow:  Ruf ihn her …

Antonowna:  Väterchen, sprich du doch mit dem Lumpen und frage ihn, was er anstellt. Warum er gestern seine Frau bis aufs Blut geprügelt hat?

Protassow:  Gut … ich werde mit ihm sprechen … Lisa steigt, ohne gehört zu werden, die Treppe herab, bleibt vor dem Schrank stehen und öffnet ihn geräuschlos. 

Antonowna:  Sag ihm: Du Jegor, du kriegst es mit mir zu tun, wenn …

Protassow:  Ich werde ihm schon bange machen, da kannst du ganz unbesorgt sein, aber jetzt geh! …

Antonowna:  Streng muß man sein. Du sprichst mit allen diesen Leuten, als wären sie Herrschaften …

Protassow:  Genug, Alte! … Ist Jelena zu Hause?

Antonowna:  Noch nicht. Sie ist nach dem Frühstück zu Wagin gegangen und hat sich nicht wieder sehen lassen … Paß mal auf, du wirst noch deine Frau verträumen …

Protassow:  Laß diese dummen Redensarten, Alte, sonst werd ich böse.

Lisa:  Alte, du störst Pawel bei der Arbeit …

Protassow:  Ach, du bist hier; nun, was gibt's?

Lisa:  Nichts …

Antonowna:  Lisonjka, du mußt jetzt deine Milch trinken.

Lisa:  Ich weiß es …

Antonowna:  Was Jelena Nikolajewna betrifft, so muß ich doch sagen, ich an ihrer Stelle hätte längst mit einem anderen angebändelt … Die Frau wird von dir vernachlässigt, das ist ganz klar … Den Brei hast du gegessen, die Schale wirfst du nun fort … Kinder sind auch keine da, wie soll eine Frau noch Freude am Leben haben?! Nun, daß sie und …

Protassow:  Alte! … Ich fange an, böse zu werden … Hinaus! So ein … Waschweib!

Antonowna:  Nun, nun! Nur nicht gleich so wild … vergiß den Jegor nicht! Entfernt sich.  Lisonjka, die Milch steht im Speisezimmer … Hast du deine Tropfen genommen?

Lisa:  Ja, ja!

Antonowna:  Nun gut … Geht ins Speisezimmer. 

Protassow  ihr nachblickend:  Merkwürdige Alte! Unsterblich wie die Dummheit … und ebenso lästig … Wie steht's mit deiner Gesundheit, Lisa?

Lisa:  Gut.

Protassow:  Das ist ja herrlich! Trällernd.  Das ist herrlich … das ist schön …

Lisa:  Weißt du, recht hat die Alte doch.

Protassow:  Das bezweifle ich. Die Alten haben selten recht … Die Wahrheit ist bei den Kindern … Sieh mal, Lisa: , hier habe ich gewöhnliche Hefe …

Lisa:  Die Alte hat recht, wenn sie sagt, daß du dich zu wenig um Jelena kümmerst …

Protassow  betrübt, milde:  Wie ihr mich immer stört, du und die alte! Ist Jelena denn stumm? Sie könnte es mir doch selbst sagen … wenn ich irgendwie … wenn ich irgendwie … wenn irgendwas … nicht so ist, wie es sein sollte … und … überhaupt … aber sie schweigt ja! ...Um was handelt es sich? Was ist los? Aus dem Speisezimmer tritt Jegor ins Zimmer. Er ist ein wenig angetrunken.  Ah, da ist ja Jegor. Guten Tag, Jegor!

Jegor:  Wünsch Ihnen gute Gesundheit!

Protassow:  Ich will Ihnen sagen, um was es sich handelt, Jegor. Es muß ein kleiner Tiegel angefertigt werden … mit einem starken, kegelförmigen Deckel. Oben muß eine kreisförmige Öffnung angebracht werden, aus der eine Röhre emporsteigt … verstehen Sie?

Jegor:  Ich verstehe. Das kann man schon machen.

Protassow:  Ich habe hier eine Zeichnung … wo ist sie gleich? Kommen Sie, bitte, mal her … Geht mit Jegor ins Speisezimmer. An der Verandatür klopft Tschepurnoi. Lisa öffnet die Tür. 

Tschepurnoi:  Ah, zu Hause? Guten Tag!

Lisa:  Guten Tag …

Tschepurnoi  rümpft die Nase:  Auch der Kollege ist zu Hause, wie ich an diesem Geruch merke …

Lisa:  Woher kommen sie?

Tschepurnoi:  Ich komme von der Praxis. Dem Hündchen der Frau des Kameralhofdirektors hat das Dienstmädchen das Schwänzchen zwischen die Tür geklemmt, und so habe ich denn den Hundeschwanz verbinden müssen, Dafür habe ich drei Goldfüchse erhalten, hier sind sie! Ich wollte Ihnen schon Bonbons kaufen, aber es fiel mir ein: vielleicht ist es nicht ganz schicklich, Ihnen Süßigkeiten für Hundegeld zu kaufen, und – da ließ ich's bleiben.

Lisa:  Und Sie haben recht daran getan … Nehmen Sie Platz …

Tschepurnoi:  Übrigens herrscht hier ein Geruch – von sehr zweifelhafter Annehmlichkeit. Es kocht schon, Kollege!

Protassow  im Hereintreten:  Es braucht ja gar nicht zu kochen! Was ist denn das?! Warum habt ihr mir's nicht gesagt, meine Herrschaften?

Tschepurnoi:  Ich habe ja gesagt, daß es kocht …

Protassow  betrübt:  Aber verstehen Sie mich doch: es liegt mir durchaus nichts daran, daß es kocht! Jegor kommt heraus. 

Lisa:  Wer hat denn das gewußt, Pawel? …

Protassow  brummend:  Ach … Teufel noch mal … Jetzt muß ich von vorne anfangen.

Jegor:  Pawel Fjodorowitsch, geben Sie ein Rubelchen …

Protassow:  Einen Rubel? Aber gleich! Sucht in allen Taschen.  Lisa: , hast du nichts bei dir?

Lisa:  Nein, Antonowna hat Geld ...

Tschepurnoi:  Ich habe auch welches … Hier sind drei!

Protassow:  Drei Rubel? Bitte, geben Sie her … Hier, Jegor, sind drei – na, stimmt's?

Jegor:  Gut … Wir werden schon abrechnen … Danke … Empfehle mich …

Lisa:  Pawel, die Alte hat dich gebeten … ihm zu sagen … Hast du vergessen?

Protassow:  Was – zu sagen? Ach … ja! Hm … ja! Jegor … Bitte, nehmen Sie Platz! Sehen Sie … vielleicht sagst du es, Lisa: ? … Lisa schüttelt den Kopf.  Sehen Sie, Jegor … ich muß Ihnen sagen … das heißt, Antonowna bat mich … es zu tun. Es handelt sich darum, daß Sie … angeblich Ihre Frau prügeln. Entschuldigen Sie, Jegor …

Jegor  steht auf:  Ich prügle sie –

Protassow:  So? Aber, sehen sie, das ist doch nicht gut … Ich versichere Sie!

Jegor  drohend:  Soll auch nicht gut sein.

Protassow:  Verstehen sie mich? Warum prügeln sie Ihre Frau? Das ist bestialisch, Jegor … Das müssen sie lassen … Sie sind ein Mensch, Sie sind ein mit Vernunft begabtes Wesen. Sie sind das herrlichste, das erhabenste Wesen auf Erden ...

Jegor:  Ich?

Protassow:  Nun, ja!

Jegor:  Herr! Haben Sie sie auch gefragt, warum ich sie geprügelt habe?

Protassow:  Nun – begreifen Sie doch: man darf nicht prügeln! Ein Mensch darf den andern nicht schlagen … das ist doch ganz klar, Jegor!

Jegor  lachend:  Ich bin geprügelt worden … und nicht zu knapp … Und wenn ich von meiner Frau sprechen soll … ja, die ist überhaupt kein Mensch, das ist ein Teufel …

Protassow:  Was für ein Unsinn! Was heißt das »Teufel«?

Jegor  nachdrücklich:  Empfehle mich! Und meine Frau, die prügle ich weiter … bis sie so ist, wie das Gras vor dem Wind, so lange bekommt sie ihre Schläge! Geht ins Speisezimmer. 

Protassow:  So hören sie doch, Jegor! Sie haben selbst gesagt … fort ist er! Scheint es übelgenommen zu haben … Wie dumm das war … Diese Antonowna richtet immer etwas an … Wie albern! Geht betrübt hinter die Portiere. 

Tschepurnoi:  Der Kollege hat sehr überzeugend gesprochen!

Lisa:  Der gute Pawel! … Er ist immer so komisch!

Tschepurnoi:  Wissen sie, ich hätte diesem Jegor mit dem Stock eins aufs Maul geschlagen!

Lisa:  Boris Nikolajewitsch!

Tschepurnoi:  Nun was –? Ah, entschuldigen Sie, ich war etwas kräftig in meinen ausdrücken. Übrigens urteilt er einigermaßen logisch: man hat ihn geprügelt, und daraus schließt er, daß auch er prügeln darf! Ich ziehe daraus die weitere Schlußfolgerung: er sollte noch geprügelt werden …

Lisa:  Ich bitte Sie … Wie können Sie so reden, warum?

Tschepurnoi:  Auf der Basis dieser Logik ist die ganze Kriminaljustiz aufgebaut!

Lisa:  Sie wissen, wie widerwärtig mir jede Roheit ist … wie ich sie fürchte, und immer wieder, als ob sie es darauf abgesehen hätten, mich zu reizen, kommen sie mir so! Na, warten Sie … Dieser Schlosser erweckt in mir ein Gefühl der Furcht. Er ist so … finster … und diese riesigen, gekränkten Augen … Mir ist immer, als hätte ich sie schon gesehen … damals, dort, in der Menge …

Tschepurnoi:  Ach, denken Sie nicht daran! Nicht an ihn!

Lisa:  Kann man denn so etwas vergessen?

Tschepurnoi:  Was nutzt es denn, darüber zu reden?

Lisa:  Dort, wo Blut vergossen wurde, wachsen keine Blumen mehr.

Tschepurnoi:  Und wie wachsen sie!

Lisa  steht auf und geht auf und ab:  Dort wächst nur der Haß … Wenn ich etwas Rohes höre, etwas Gehässiges, wenn ich etwas Rotes erblicke, erwacht in mir jenes dumpfe Grauen, und ich sehe sie gleich wieder vor mir, diese schwarze, vertierte Menge, diese blutbefleckten Gesichter und die roten Blutlachen im Sand …

Tschepurnoi:  Sie werden sich so lange in die Aufregung hineinreden, bis Sie einen Anfall bekommen …

Lisa:  Und zu meinen Füßen der junge Mensch mit dem eingeschlagenen Schädel … er versucht fortzukriechen, von seinen Wangen und vom Halse strömt das Blut, er hebt das Haupt zum Himmel … ich sehe sein brechendes Auge, den offenen Mund und die mit Blut befleckten Zähne … sein Kopf fällt mit dem Gesicht auf den Sand, mit dem Gesicht …

Tschepurnoi  tritt an sie heran:  Um Gottes Willen! Was fange ich nur mit Ihnen an?

Lisa:  Erfüllt Sie das nicht mit Entsetzen?

Tschepurnoi:  Kommen Sie … wir wollen in den Garten gehen.

Lisa:  Nein, sagen Sie … sagen Sie mir: Haben Sie für mein Entsetzen kein Verständnis?

Tschepurnoi:  Natürlich. Ich verstehe es … fühle es!

Lisa:  Nein … das ist nicht wahr! Verständen Sie mich, so wäre mir leichter ums Herz. Ich möchte diese Last von meiner

Seele wälzen, aber – ich finde keine andere Seele, die sie mit mir auch nur teilen wollte, die mich versteht … Nein, keine!

Tschepurnoi:  Meine Liebe! Teuerste! Lassen Sie das! Gehen wir in den Garten … was das hier für ein Geruch ist! Als ob man einen alten Gummischuh in Fastenöl gebraten hätte …

Lisa:  Ja … der Geruch … mir wird ganz schwindlig …

Antonowna  tritt aus dem Speisezimmer:  Lisonjka, es ist Zeit, die Tropfen einzunehmen, und du hast die Milch noch nicht getrunken!

Lisa  ins Speisezimmer gehend:  Gleich …

Tschepurnoi:  Nun, wie geht's, Antonowna?

Antonowna  den Tisch aufräumend:  Nun … es macht sich … ich kann nicht klagen.

Tschepurnoi:  Das ist ja schön! Und wie steht's mit der Gesundheit?

Antonowna:  Gott sei Dank …

Tschepurnoi:  Schade. Sonst hätte ich Sie kuriert.

Antonowna:  Kurieren sie lieber Hunde … Ich bin kein Hündchen … Lisa tritt ein. 

Tschepurnoi:  Und ich möchte doch so gern einen guten Menschen kurieren …

Lisa:  Wollen wir gehen? … Tritt durch die Tür auf die Veranda. Protassow mit einer Retorte in der Hand. 

Protassow:  Alte, kochendes Wasser!

Antonowna:  Ich hab kein kochendes Wasser …

Protassow:  nun, ich bitte dich recht sehr!

Antonowna:  Warte – das Wasser im Samowar wird gleich kochen … Hast du mit Jegor gesprochen?

Protassow:  Ja, ja ..

Antonowna:  Hast du ihm ordentlich zugesetzt?

Protassow:  Sehr! Weißt du, er hat vor angst förmlich gezittert: Ich habe ihm gesagt: »Weißt du, guter Freund, ich schicke dich ...«

Antonowna:  Zum Polizeimeister.

Protassow  energisch werdend:  Nein, nein … nun einerlei! Aber zum Gericht … zum Friedensrichter …

Antonowna:  Besser wär's gewesen, ihn mit dem Polizeimeister zu schrecken … Nun, und er?

Protassow:  Und er … weißt du, was er mir geantwortet hat? »Herr«, hat er gesagt, »du bist ein Narr!«

Antonowna  ungläubig:  Was du sagst?

Protassow:  Ja, gewiß. »Ein Narr sind Sie«, hat er gesagt … »Stecken sie Ihre Nase nicht in Dinge, die Sie nichts angehen«, hat er gesagt …

Antonowna:  Das hat er gesagt? Ist das möglich, Väterchen?

Protassow:  Nein, nein, siehst du, Alte –! Das hat nicht er, das habe ich mir gesagt … Er hat es gedacht, und ich habe es ausgesprochen ,,,

Antonowna:  Ach, dich soll … Will beleidigt fortgehen. 

Protassow:  Bring du mir selbst kochendes Wasser … Fima, diese Zierpuppe, bleibt überall hängen, entweder mit den Ärmeln … oder … mit den Röcken.

Antonowna:  Ihre Fima hat, wie es scheint, mit dem Sohn des Wirts angebändelt …

Protassow:  Du bist wohl neidisch auf sie?

Antonowna:  Püh! Du bist doch der Herr im Hause, du mußt ihr sagen, daß sich sowas für ein junges Mädchen nicht schickt!

Protassow:  Na, Alte, laß gut sein! Allerdings, wenn es nach dir ginge, müßte ich den ganzen Tag herumlaufen und allen Leuten sagen, was gut und was nicht gut ist … Merk es dir: Das ist nicht meines Amtes!

Antonowna:  Wozu hast du denn dann studiert? Zu welchem Zweck? Melanija durch die Tür, die nach der Terrasse führt. 

Protassow:  Nun geh! – Was seh ich – Melanija Nikolajewna!

Melanija:  Guten Tag, Pawel Fjodorowitsch!

Antonowna:  Wer hat denn die Tür nicht geschlossen? Schließt die Tür. 

Melanija:  Sie sehen ja so zufrieden aus!

Protassow:  Ich freue mich, daß Sie gekommen sind … sonst hätte mich die Alte noch zu Tode genörgelt. Und dann ist mir heute eine interessante Arbeit gelungen …

Melanija:  Ja? Wie mich das freut! Ich wünschte so sehr, daß Sie berühmt werden …

Antonowna  mürrisch abgehend:  In der Stadt sprechen sie schon alle von ihm … Er ist schon berühmt …

Melanija:  Ich hoffe, Sie werden noch einmal so eine Art Pastähr werden …

Protassow:  Hm – darauf kommt es nicht an. Es heißt aber Pasteur … Ist das mein Buch, das Sie da haben? Haben sie es gelesen? Nicht wahr, das ist interessanter als ein Roman?

Melanija:  Gewiß! Aber diese Zeichen …

Protassow:  Die Formeln?

Melanija:  Von Formeln verstehe ich nichts!

Protassow:  Die muß man ein wenig lernen … Jetzt werde ich Ihnen eine Physiologie der Pflanzen zum Lesen geben … Vor allem aber und mit größter Aufmerksamkeit vertiefen sie sich in das Studium der Chemie! Studieren Sie Chemie und wieder Chemie! Wissen Sie, das ist eine ganz außerordentliche wissenschaftliche Disziplin! Sie ist, im Verhältnis zu anderen Wissenschaften, noch verhältnismäßig wenig entwickelt, aber schon jetzt erscheint sie mir wie das Auge, das alles sieht. Ihr scharfer, kühler Blick dringt sowohl in die Sonnenmasse und in das Dunkel des Erdkörpers wie in die fernsten unsichtbaren Tiefen unseres Herzens, Melanija seufzt,  in das geheimnisvolle Wachstum des Steines, in das stumme Leben des Baumes. Die Chemie überblickt alles, und während sie überall Harmonie entdeckt, forscht sie hartnäckig nach dem Ursprung des Lebens … und sie wird ihn finden, wird ihn finden! Wenn die Chemie erst dahin gelangt sein wird, die Geheimnisse der Zusammensetzung der Materie zu ergründen, wird sie imstande sein, ein lebendes Wesen in einer Retorte herzustellen.

Melanija  entzückt:  Gott, warum halten Sie keine Vorlesungen?

Protassow:  Wie kommen Sie darauf?

Melanija:  Sie müssen durchaus Vorlesungen halten! Sie sprechen so hinreißend … Wenn ich Sie so höre, möchte ich Ihnen die Hände küssen …

Protassow  betrachtet seine Hände:  Das rate ich Ihnen nicht … Wissen Sie … meine Hände sind selten rein … denn ich muß allerhand anfassen.

Melanija  innig:  Wie gerne täte ich etwas für Sie! Wenn Sie wüßten! Ich … schwelge in Ihnen … Sie sind so überirdisch, so erhaben … Sprechen Sie, was brauchen Sie? Fordern Sie alles, alles.

Protassow:  Ah … doch … Sie könnten …

Melanija:  Was? Was kann ich?

Protassow:  Haben Sie Hühner?

Melanija:  Hühner? Was für Hühner?

Protassow:  Nun – Hausgeflügel … Sie wissen doch! So eine Hühnerfamilie – Hähne, Hühner …

Melanija:  Ja, ja, ich weiß.

Wir haben welche … Wozu brauchen Sie sie?

Protassow:  Teure Melanija Nikolajewna, wenn Sie mir täglich frische Eier schenkten: ganz frisch gelegte, noch warme Eier … Wissen Sie, ich brauche so dringend Eiweiß, und Antonowna ist so geizig, sie hat keine Ahnung von Eiweiß, was das für mich bedeutet … Sie gibt mir nur alte Eier … und auch die bekomme ich nur nach langem Hin- und Herreden … und sie macht noch ein saures Gesicht dazu.

Melanija:  Pawel Fjodorowitsch! Wie grausam Sie sind!

Protassow:  Ich grausam? Wieso?

Melanija:  Gut … Ich schicke Ihnen jeden Morgen ein Dutzend frischgelegte Eier …

Protassow:  Herrlich! Jetzt ist mir geholfen! Ich bin Ihnen außerordentlich dankbar! Sie sind wirklich reizend!

Melanija:  Sie sind ein Kind … ein grausames Kind … das nichts versteht!

Protassow:  In der Tat, ich verstehe nicht, warum bin ich denn grausam?

Melanija:  Warten Sie. Sie werden es noch einmal verstehen lernen. Ist Jelena Nikolajewna nicht zu Hause?

Protassow:  Sie ist zur Sitzung bei Wagin …

Melanija:  Gefällt er Ihnen?

Protassow:  Wagin? O ja! Wir sind ja alte Freunde, haben zusammen das Gymnasium besucht und später – auf der Universität – Sieht auf die Uhr.  Er war auch Naturwissenschaftler, aber im zweiten Studienjahr ist er zur Akademie übergegangen.

Melanija:  Es scheint, daß auch Jelena Nikolajewna viel Gefallen an ihm findet …

Protassow:  Ja, sehr viel. Er ist ein prächtiger Kerl, nur etwas einseitig.

Melanija:  Und Sie befürchten nichts … Tschepurnoi klopft an die Verandatür. 

Protassow  öffnet die Tür:  Was sollte ich fürchten? Ach – die Alte hat die Tür abgeschlossen …

Melanija:  Ah, du bist hier?

Tschepurnoi:  Du auch schon hier? Wo habt ihr Wasser? Jelisaweta Fjodorowna läßt darum bitten …

Protassow:  Fühlt sie sich unwohl?

Tschepurnoi:  Nein – es ist nichts von Belang … sie will Tropfen einnehmen … Geht ins Speisezimmer. 

Protassow:  Melanija Nikolajewna, entschuldigen Sie mich auf einen Augenblick … Ich will doch einmal sehen …

Melanija:  Gehen Sie, gehen Sie! Kommen Sie aber bald zurück …

Protassow:  Ja, ja! Wie wäre es, wenn Sie in den Garten gingen? Wie?

Melanija:  Gut …

Protassow:  Dort ist auch Lisa … Ruft.  Antonowna, wo bleibt denn das Wasser? Entfernt sich. 

Tschepurnoi  tritt aus dem Speisezimmer:  Nun, Melanija, wie steht's, wie geht's?

Melanija  schnell und leise:  Weißt du, was Hydatopyromorphismus bedeutet?

Tschepurnoi:  Wa–s?

Melanija:  Hy–dato–pyro–morphismus?

Tschepurnoi:  Der Teufel weiß, was das ist! Vielleicht ein Wasserfeuerwerk …

Melanija:  Ach, du willst mir was weismachen.

Tschepurnoi:  Die Sache ist die: Pyro heißt Pyrotechnik und Metamorphose – Kunststück. Was ist damit? Er gibt dir wohl jetzt Lektionen auf?

Melanija:  Das geht dich nichts an. Mach, daß du fortkommst.

Tschepurnoi:  Wenn du ihn aber seiner Frau abjagst, so laß nur eine Seifenfabrik bauen: den Chemiker hast du dann ganz umsonst … Geht in den Garten. 

Melanija:  Wie grob du bist, Boris!   Steht auf und zieht sich um.

Fima  tritt ein:  Jelisaweta Fjodorowna läßt Sie bitten, in den Garten zu kommen.

Melanija:  Gut … Antonowna bringt einen Kessel mit heißem Wasser, Fima:  klappert mit dem Tafelgeschirr.  Was tragen Sie da, Antonowna?

Antonowna:  Kochendes Wasser für den Herrn …

Melanija:  Ach, wohl zum Experimentieren …

Antonowna:  Ja, alles zum Experimentieren … Ab. 

Melanija  blickt ins Speisezimmer:  Fima!

Fima  in der Tür:  Sie wünschen?

Melanija:  Geht die gnädige Frau täglich zu dem Maler?

Fima:  Wenn's regnet und wenn's trüb ist, geht sie nicht zu ihm. Dann pflegen Herr Wagin herzukommen …

Melanija:  Du, Fima: , bist du klug?

Fima:  Dumm bin ich nicht …

Melanija:  Wenn du was merkst zwischen ihnen, willst du es mir sagen? Verstehst du?

Fima:  Ich habe verstanden …

Melanija:  Nimm gibt ihr Geld  und – schweige. Es wird dein Schade nicht sein.

Fima:  Danke ergebenst. Er küßt ihr die Hand.

Melanija:  Das will nicht viel sagen. Paß nur auf!

Fima:  Wie Sie befehlen … Ich verstehe.

Melanija:  Ich geh in den Garten. Wenn Pawel Fjodorowitsch kommt, so ruf mich.

Fima:  Jawohl. Antonowna tritt ein. 

Antonowna:  Du lärmst mit dem Geschirr, als wäre es aus Eisen. Du wirst alles zerschlagen …

Fima:  Was, ich? Als ob ich nicht wüßte, wie man mit Geschirr umgehen muß.

Antonowna:  Na, na, trumpf nicht so auf! Was hat die Kaufmannsfrau dich gefragt?

Fima  indem sie ins Nebenzimmer abgeht:  Sie hat sich nach dem Befinden des Fräuleins erkundigt …

Antonowna  folgt ihr:  Sie kann ja selbst hingehen und sich erkundigen, was braucht sie die Dienstboten auszufragen? Von der Terrasse tritt Nasar Awdejewitsch ein, nimmt die Mütze ab, sieht sich im Zimmer um, befühlt die Tapete und räuspert sich. 

Fima  im Speisezimmer:  Sie ist ja sowieso hingegangen. Dienstboten sind gewissermaßen auch Menschen, und Sie gehören ja auch zu den Dienstboten …

Antonowna:  Ich weiß, wer ich bin. Früher sprachen Herrschaften nicht mit den Dienstboten … sie erteilten nur Befehle – und das war alles … ja! Jetzt ist's anders geworden; alle möchten Herren sein, nur taugen sie nicht alle dazu. Wer ist da?

Nasar:  Wir sind es. Einen recht schönen guten Tag, liebe alte Antonowna!

Antonowna:  Was wollen Sie?

Nasar:  Ich möchte gerne Pawel Fjodorowitsch … Ich würde ihn gern sprechen …

Antonowna:  Nun … Ich werde ihn sofort rufen … Ab. 

Fima  blickt ins Zimmer:  Guten Tag, Nasar Awdejewitsch!

Nasar:  Sie sind das, Sie kleines Rotbäckchen, kleiner Spitzbube!

Fima:  Bitte recht sehr! Nicht anfassen …

Nasar:  Na, Sie werden doch gegen einen armen Witwer nicht so hart sein? So des Abends ein Gläschen Tee mit ihm zu trinken …

Fima:  Pst! … Protassow tritt auf. Hinter ihm Antonowna. 

Protassow:  Sie kommen zu mir?

Nasar:  Wie Sie sehen!

Protassow:  Was gibt's?

Nasar:  Es handelt sich um die Miete ..

Protassow  ein wenig gereizt:  Hören Sie mal: Als ich Ihnen dieses Haus verkaufte, mußte ich zwei volle Jahre auf das Geld warten … und Sie … wann soll ich zahlen?

Nasar:  Es hätte gestern geschehen sollen …

Protassow:  Na, hören Sie mal, das ist doch ungehörig … Ich bin beschäftigt … Sie kommen her … und überhaupt …

Nasar:  Ja. Eigentlich bin ich nicht deswegen gekommen … Von dem Gelde sprach ich nur so … um mich selbst daran zu erinnern …

Protassow:  Erinnern Sie die Alte oder meine Frau daran … Das Geld ist da, aber – weiß der Teufel, wo es ist! Irgendwo in der Kommode … Meine Frau wird's Ihnen schicken … oder die Antonowna bringt's Ihnen … Auf Wiedersehen! Antonowna geht ab ins Speisezimmer. 

Nasar:  Gestatten Sie noch einen Augenblick!

Protassow:  Was soll das heißen? Warum?

Nasar:  Nun, wegen Ihres Gütchens …

Protassow:  Was soll's damit?

Nasar:  Eigentlich sollten Sie es verkaufen …

Protassow:  Welcher Narr wird es kaufen? Es taugt ja nichts … Alles Land herum ist Sand …

Nasar  nachdenklich:  Da haben Sie recht! Das Land taugt in der Tat nichts!

Protassow:  Nun sehen Sie.

Nasar:  Außer mir kauft's Ihnen kein Mensch ab …

Protassow:  Weshalb wollen Sie es denn haben?

Nasar:  Sehen Sie, ich habe von Ihren Nachbarn Land gekauft und möchte nun gern auch von Ihnen – ich kann es brauchen …

Protassow:  Nun schön; kaufen Sie! Sie werden immer reicher – was?

Nasar:  Das heißt – wie soll ich sagen – ich breite mich aus.

Protassow:  Sie sind komisch! Nun, wozu brauchen Sie den Sandhaufen?

Nasar:  Ja, sehen Sie … Mein Sohn hat die Handelsschule durchgemacht, ist ein sehr gebildeter Mensch. Er versteht sich sehr gut auf die Industrie, und so habe ich mir nun in den Kopf gesetzt, die russische Industrie zu fördern … Da will ich denn eine kleine Fabrik anlegen und Bierflaschen blasen … Fima erscheint in der Tür des Speisezimmers und horcht. 

Protassow  lacht laut auf:  Nein, Sie sind ein komischer Kauz! Und Ihre Pfandleihe wollen Sie schließen?

Nasar:  Warum? Die Pfandleihe – das ist etwas fürs Herz … das ist eine Wohltätigkeitsanstalt … sie steht im Dienste der Mitmenschen …

Protassow  lachend:  So? Nun gut … Kaufen sie mein Land … kaufen sie es doch … Auf Wiedersehen! Geht lachend ab. 

Nasar:  Gestatten Sie, hm … Jefimija Iwanowna, warum geht er denn weg? Zu einem Geschäft gehören doch zwei, und nun ist er fort!

Fima  zuckt die Achseln:  Man weiß ja, er hat's.

Nasar:  Hm, das verstehe ich nicht! Nun denn – auf Wiedersehen! Ab. 

Roman  hinter Fima:  Wo raucht der Ofen?

Fima:  Ach, platzen sollst du! Was willst du?

Roman:  Was gibt's denn hier zu erschrecken? Man sagt mir, ein Ofen raucht …

Mischa  aus dem Speisezimmer tretend:  Nicht hier, du Esel! in der Küche!

Roman:  Na, und ich dachte, hier. Ab. 

Mischa  hastig:  Nun, Fimuschka, wie steht's? Quartier und fünfzehn Rubel monatlich – gilt's?

Fima:  Machen Sie, daß Sie weiterkommen, Frechdachs! Was soll das heißen – als ob Sie ein Pferd kaufen wollten!

Mischa:  Nun, nun! Ich bin Geschäftsmann. Bedenke, wen kannst du denn heiraten? Einen Handwerker, der dich prügeln wird, wie unser Schlosser seine Frau. Und ich richte dich einfach, aber hübsch ein. Du wirst satt werden, und dann … werde ich dich ausbilden …

Fima:  Na, Sie sind mir einer … Ich bin ein anständiges Mädchen … Übrigens hat mir der Schlächter Chrapow hundert Rubel monatlich geboten …

Mischa:  Das ist doch ein Greis, du Närrin! Denk doch nur …

Fima:  Ich will ja auch nicht …

Mischa:  Nun siehst du, mein kleines Schaf, ich würde dir aber …

Fima:  Geben sie fünfundsiebenzig …

Mischa:  Was? Fünfundsiebenzig?

Fima:  Ja, und dann einen Wechsel für den ganzen Jahresbetrag …

Mischa  überrascht:  Na, hören Sie mal …

Fima:  Na ja … Sie sehen einander prüfend n. Von der Veranda tritt Jegor auf, ziemlich stark betrunken.  Still! Ihr Vater ist fortgegangen …

Mischa:  Entschuldigen Sie … Ab. 

Fima:  Wohin schleichst du denn wieder? Kannst wohl nicht durch die Küche gehen? Der Herr kommt durch die Küche, und du …

Jegor:  Schweig … Ruf mir den Herrn …

Fima:  Und betrunken bist du auch! Wie soll denn der Herr mit dir reden?

Jegor:  Das ist nicht deine Sache! Ruf ihn! Ich selbst will ihn sprechen … Geh!

Fima  läuft ins Speisezimmer und ruft:  Alte! – Antonowna!

Protassow  tritt aus der Portiere hervor:  Was schreien Sie, Fima? Ach, Sie sind's, Jegor … Was wollen Sie? Ich bin beschäftigt … beeilen Sie sich, bitte …

Jegor:  Warten Sie … ich bin nämlich ein bisschen beschwipst … Wenn ich nüchtern bin, kann ich nämlich nicht reden ...

Protassow:  Nun gut … Um was handelt es sich? Antonowna kommt aus dem Speisezimmer, hinter ihr Fima. 

Jegor:  Vorhin hast du mich vor Zeugen beleidigt … Hast angefangen, wegen meiner Frau zu sprechen … Wer bist du denn, daß du mich beleidigen darfst?

Protassow:  Nun, siehst du, Alte? Aha! Jegor, ich wollte Sie nicht beleidigen …

Jegor:  Nicht? Was denn? Seit meiner Jugend werde ich beleidigt …

Protassow:  Nun, ja, Jegor … ich verstehe …

Jegor:  Halt! Mich liebt keiner, und kein Mensch versteht mich, und meine Frau liebt mich nicht … aber ich will, daß man mich liebt, der Teufel soll sie holen …

Protassow:  Schreien Sie nicht …

Antonowna:  Ach, dieser versoffene Kerl – geh!

Jegor:  Bin ich ein Mensch oder nicht? Warum beleidigen mich alle?

Antonowna:  Um Gottes Willen, was ist denn mit dir? Sie flüchtet ins Speisezimmer, man hört sie auf dem Hofe schreien. 

Protassow:  Beruhigen Sie sich, Jegor:  … Sehen Sie, die Antonowna hat mir gesagt …

Jegor:  Sie muß fort … dir ist ja schon der Bart gewachsen … Nirgends steht geschrieben, daß ein Bärtiger eine Amme braucht. – Du, hör mal: Ich schätze dich hoch … denn ich sehe: du bist ein besonderer Mensch … Das fühl ich … nun, umso beleidigender ist es für mich, daß du in der Gegenwart von anderen … Ach du! Willst du, so fall ich vor dir auf die Knie. Unter vier Augen – oh, das wäre für mich nicht beleidigend gewesen … aber in Gegenwart des Viehdoktors … Was aber meine Frau betrifft, die werd ich verprügeln … bis aufs Blut! Ich liebe sie, und sie muß mir … Es kommen hereingelaufen Tschepurnoi, Melanija, Lisa, Antonowna, Fima. 

Lisa:  Was ist das? Was bedeutet das, Pawel?

Tschepurnoi  Lisa haltend:  Was gibt's? Nun?

Protassow:  Gestatten Sie, meine Herrschaften ...

Melanija  zu Antonowna:  Lassen Sie den Portier holen!

Antonowna  geht ab, schreiend:  Roman!

Jegor:  Huh, wie die Krähen zusammenfliegen! Jag sie fort, Pawel Fjodorowitsch!

Tschepurnoi:  Wenn Sie jetzt nach Hause gehen wollten, guter Mann, wie wär das?

Jegor:  Ich bin kein guter Mann …

Tschepurnoi  zieht die Augenbrauen zusammen:  Aber gehen werden Sie doch! …

Melanija:  Die Polizei muß geholt werden …

Protassow:  Bitte sehr – das ist nicht nötig! Jegor, gehen Sie … und – nachher komme ich selbst zu Ihnen. Antonowna und Roman erscheinen in der Tür zum Speisezimmer. 

Jegor:  Oh! Du kommst zu mir?

Protassow:  Ich komme!

Jegor:  Nun, schön … Nur paß auf! Wenn du lügst –

Protassow:  Ehrenwort!

Jegor:  Schön! Nun leb wohl … alle diese Leute sind im Vergleich zu dir Staub … Leb wohl. Ab. 

Roman:  Mich braucht man also nicht?

Protassow:  Nein, es ist gut … Sie können gehen … Puh … Na, siehst du, Alte? Antonowna seufzt.  Da hast du was Schönes angerichtet …

Lisa:  Ich fürchte mich vor diesem Menschen … Er macht mir Angst!

Melanija:  Das muß man Ihnen nachsagen, Pawel Fjodorowitsch, Sie sind zu zartfühlend!

Protassow:  Aber ich fühle tatsächlich, daß ich mich gegen ihn vergangen habe …

Lisa:  Wir müssen uns nach einem andern Schlosser umsehen, Pawel.

Tschepurnoi:  Alle Handwerker – sind Trunkenbolde.

Protassow:  Wie das nervös macht und ermüdet! Ich habe heute Pech … Muß mich da wegen allerhand Albernheiten herumschlagen … Da hab ich ein fertiges Experiment mit Zyankali, und hier muß ich … gieß mir Tee ein, Lisa!

Lisa:  Ich werde den Tee hierherbringen lassen … du magst ja das kleine Speisezimmer nicht … Ab. 

Protassow:  Ja … schön … Ich mag überhaupt keine dunklen Zimmer, und helle gibt's in diesem Hause nicht …

Melanija:  Ah, ich verstehe Sie, Pawel Fjodorowitsch!

Tschepurnoi:  Melanija! Wie heißt dieses Wort?

Melanija:  Welches Wort?

Tschepurnoi:  Du hast mich doch danach gefragt …

Melanija:  Nichts habe ich gefragt …

Tschepurnoi:  Hast du's vergessen? Nun sieh mal an? Wissen Sie, Kollege, wenn sie von Ihnen ein gelehrtes Wort hört, dann fragt sie mich, was es bedeutet.

Melanija  beleidigt:  Du, Boris … Du bist ein schrecklicher Mensch! Ich habe ein schlechtes Gedächtnis für Fremdwörter … Was ist da zu lachen? Fima erscheint, deckt gewandt den Tisch beim Fenster und trägt vorsichtig das Teeservice auf. 

Protassow:  Wonach haben Sie ihn gefragt?

Melanija  mit reuiger Miene:  Ich … hab vergessen, was Hydrato-pyro-morphismus ist.

Tschepurnoi:  Und ich habe ihr gesagt, daß es Wasserfeuerwerk bedeutet …

Protassow  lachend:  Wa–as? Lisa tritt ein und macht sich am Tisch zu schaffen. 

Melanija:  Schämst du dich nicht, Boris!

Protassow  lächelnd:  Eure Beziehungen zueinander sind doch merkwürdig … Es scheint, ihr zankt euch fortwährend … Entschuldigen Sie, vielleicht hab ich eine Taktlosigkeit begangen? Mal Ach, hören Sie auf! Boris mag mich nicht … wir sind einander fremd … Er ist in Poltawa bei einer Tante erzogen worden, ich – in Jaroslawl bei einem Onkel … sind wir doch beide Waisen …

Tschepurnoi  sehr trocken:  Ach, wir Ärmsten.

Melanija:  Wir haben uns kennengelernt, als wir schon erwachsen waren … und haben einander nicht gefallen … Boris liebt ja niemanden … Es ist ihm im Leben nicht geglückt, und darum ist er allen gram … Er kommt auch nicht zu mir …

Tschepurnoi:  Wissen Sie, Kollege, als ihr Mann, der gute Alte, noch lebte – und ich zu ihr kam, bat er mich, ihn zu kurieren …

Melanija:  Du lügst ja!

Tschepurnoi:  Ich antwortete ihm, daß ich nicht jedes Vieh kurieren könnte …

Lisa:  Boris Nikolajewitsch! Protassow lächelt gezwungen. 

Tschepurnoi:  Bin ich zu weit gegangen?

Lisa:  Trinken Sie Tee …

Tschepurnoi:  Und machen Sie, daß Sie nach Hause kommen. Ich verstehe …

Melanija:  Pawel Fjodorowitsch, Sie wollten mir doch die Algen im Wasser unter dem Mikroskop zeigen?

Protassow:  Das heißt, eine Zelle einer Alge … Ja, gewiß … hm … das läßt sich machen … sogar gleich. Wollen Sie?

Melanija:  Ach bitte! Ich würde mich sehr freuen …

Protassow:  Kommen Sie! Ich mache Sie nur darauf aufmerksam, daß es dort – riecht …

Melanija  folgt ihm:  Das macht nichts!

Tschepurnoi:  Welche Komödie! Wasseralgen will sie sehen, die Kuh!

Lisa  betrübt pikiert:  Boris Nikolajewitsch! Sie sind so schlicht, wahrheitsliebend und stark … aber …

Tschepurnoi:  Na, schlagen Sie doch gleich zu!

Lisa:  Warum wollen Sie durchaus so grob erscheinen? Sie machen sich unangenehm und lächerlich. Warum?

Tschepurnoi:  Aber ich will es ja gar nicht …

Lisa:  Das Leben hat so viel Rohes, so viel Schreckliches ... und Grausames … daß man milder und besser werden müßte …

Tschepurnoi:  Wozu soll man denn lügen? Wenn die Menschen roh und grausam sind, liegt es in ihrer Natur …

Lisa:  Nein, das ist nicht richtig!

Tschepurnoi:  Nicht richtig? Sie selbst denken doch so … und fühlen so … Haben Sie nicht selbst gesagt, daß die Menschen – Tiere, daß sie roh und schmutzig sind, und daß Sie sich vor ihnen fürchten? Das weiß ich auch, und ich glaube es Ihnen … Aber wenn sie mir einreden wollen – daß man die Menschen lieben muß, so glaube ich Ihnen nicht. Das sagen Sie nur aus Furcht …

Lisa:  Sie verstehen mich nicht! …

Tschepurnoi:  Das kann sein … aber ich verstehe, daß man etwas Nützliches und Angenehmes lieben kann, z. B. Ein Schwein, das uns Schinken und Speck gibt, Musik, Krebse, Bilder kann man lieben … Aber den Menschen – nein! Er ist weder nützlich noch angenehm …

Lisa:  Um Gottes Willen! Warum reden Sie so?

Tschepurnoi:  Man muß die Wahrheit aussprechen, die man fühlt … Auch ich habe versucht, gut zu sein. Hab mir da einen Jungen von der Straße aufgelesen und dachte daran, ihn zu erziehen. Und was geschah? Er mauste mir meine Uhr – und riß aus! Dann hab ich mal ein junges Mädchen, auch von der Straße, zu mir genommen … ein ganz junges Ding. Ich dachte, nun, wir wollen zusammen leben, und dann werden wir heiraten … Eines schönen Tages betrank sie sich und fuhr mir in die Physiognomie.

Lisa:  Hören Sie auf! Können Sie denn nicht begreifen, daß man über solche Dinge nicht spricht?

Tschepurnoi:  Aber warum denn nicht? Mir ist es ein Bedürfnis, mich einmal über mein ganzes Leben auszusprechen … Vielleicht wird meine Seele dadurch reiner …

Lisa:  Sie sollten heiraten …

Tschepurnoi:  Haha! Ich sage auch – ich sollte heiraten …

Lisa:  Sie müßten ein junges Mädchen finden, das …

Tschepurnoi  gelassen:  Sie wissen doch: ein Mädchen hätt ich schon gefunden, und es sind jetzt bald zwei Jahre, daß ich sie umkreise wie der Bär den Honigspalt …

Lisa:  Sie – schon wieder? Lieber Boris Nikolajewitsch, ich habe Ihnen meinen endgültigen Entschluß mitgeteilt … Es ist unumstößlich und unabänderlich!

Tschepurnoi:  Na, vielleicht doch? Ich bin ein Kleinrusse, und die sind halsstarrig … Also vielleicht doch? …

Lisa  beinahe leidenschaftlich:  Nein! …

Tschepurnoi:  Gut … Reden wir von was anderem …

Lisa:  Ihr Starrsinn erschreckt mich.

Tschepurnoi:  Fürchten Sie sich nicht … Sie brauchen nichts zu fürchten … Pause. Neben der Veranda brummt Roman. Zusammenfahrend sieht Lisa durchs Fenster. 

Lisa:  Warum behandeln Sie Ihre Schwester so schlecht?

Tschepurnoi  ruhig:  Erstens – ist sie eine Närrin, und dann ist sie gemein.

Lisa:  Um Gottes Willen!

Tschepurnoi:  Ich hör schon auf, ich hör schon auf! Es ist ein Unglück, wenn einem Menschen die schönen Worte auf der Zunge fehlen! Meine Schwester, sagen Sie? Wer ist denn meine Schwester? Als sie zwanzig Jahre alt war, heiratete sie einen reichen alten Kerl – wozu das? Nachher hätte sie sich um ein Haar aus Widerwillen gegen ihn und aus Gram das Leben genommen. Einmal hat sie sich aufgehängt … und wurde bewußtlos aufgefunden, und schließlich hat sie noch Salmiakgeist … Jetzt – ist er tot – und sie ist immer noch wütend …

Lisa:  Vielleicht tragen Sie auch die Schuld daran? Warum sind Sie ihr keine Stütze gewesen? …

Tschepurnoi:  Vielleicht hab ich Schuld, aber vielleicht habe ich sie auch gestützt ...

Lisa:  Aber deshalb kann man sie doch nicht verurteilen …

Tschepurnoi:  Ach, es ist ja nicht nur deshalb … Sie wissen nicht, warum sie hierherkommt … Ich aber weiß es.

Lisa:  Auf die Lösung Ihrer Rätsel verzichte ich.! Fragen Sie sich lieber, wer Ihnen das Recht gegeben hat, sich zum Richter Ihrer Schwester aufzuwerfen?

Tschepurnoi:  Und wer hat Ihnen das Recht gegeben, die Leute zu kritisieren? Alle Menschen gebrauchen dieses Recht, ohne jede Ermächtigung … Nicht kritisieren ist so gut wie nicht essen, für den Menschen unmöglich …

Melanija  in großer Erregung, hinter ihr Protassow:  Pawel Fjodorowitsch … Ich verstehe, aber – ist das wirklich wahr?

Protassow:  Gewiß. Alles – lebt. Das Leben ist überall, und überall sind Geheimnisse. In der Welt der wunderbar tiefen Rätsel des Daseins verkehren, die Energie des Gehirns zu ihrer Ergründung gebrauchen, das ist das wahre Menschenleben; das ist ein unerschöpflicher Quell des Glücks und ewiger Freude. Nur im Bereiche der Vernunft ist der Mensch frei, nur dann ist er Mensch, wenn er Vernunft hat – und wenn er Vernunft hat, ist er ehrlich und gut! Das Gute ist mit Vernunft geschaffen – und außerhalb des Bewußtseins existiert das Gute nicht. Sieht rasch nach der Uhr.  Ah. Verzeihen Sie … Ich muß gehen … Bitte … Hol's der Teufel! Ab. 

Melanija:  Wenn Sie gehört hätten, was er da gesagt hat, wie er gesprochen hat! Zu mir hat er gesprochen, nur zu mir, Melanija Kirpitschowa, ja! Zum ersten Male in meinem Leben hat man so mit mir gesprochen … Von solchen Wundern … Mit mir! Boris lacht.  Was lachst du? Mit Tränen in den Augen.  Ich sag doch nicht, daß ich ihn verstanden hab; hab ich behauptet, daß ich seinem Gedankengang gefolgt bin? Ich – eine Närrin … Jelisaweta Fjodorowna, bin ich lächerlich? Liebste, Beste … denken Sie mal: man lebt und lebt, als ob man schläft … plötzlich – wird man aufgerüttelt, man schlägt die Augen auf, es ist Tag, die Sonne – man ist geblendet vor soviel Licht auf einmal, und dann atmet man mit ganzer Seele auf – in so reiner Freude wie beim Frühgottesdienst in der Osternacht.

Tschepurnoi:  Was ist denn mit dir?

Lisa:  Trinken Sie Tee … Setzen Sie sich! Sie sind so erregt …

Melanija:  Das kannst du nicht verstehen, Boris! Nein, ich danke bestens … ich werde keinen Tee trinken … ich muß gehen. Sie müssen mich entschuldigen, Jelisaweta Fjodorowna. Ich habe Sie nervös gemacht! Ich gehe. Auf Wiedersehen! Ihm sagen Sie nur … daß ich gegangen bin … daß ich ihm dankbar bin … Gott, wie groß, wie herrlich er ist! – Ab durch die Verandatür. 

Tschepurnoi:  Was ist mit ihr los? Ich versteh's nicht ..

Lisa:  Ich – versteh's. Einst hat Pawel auch auf mich so gewirkt … Er sprach, und mir war's, als fiele mir die Binde von Augen und Hirn … Dann war alles so klar, so harmonisch, rätselhaft, und doch einfach, klein und doch großartig, aber dann habe ich das wahre Leben kennengelernt, das Leben voller Schmutz, voll Bestialität und unsinniger Grausamkeit. Zweifel und Entsetzen überwältigten mich … und dann kam ich ins Krankenhaus …

Tschepurnoi:  Sie sollten nicht daran denken … Lassen Sie das Krankenhaus? Das war einmal und ist nun vorbei …

Lisa:  Genug davon. Auf der Veranda erscheinen Jelena und Wagin. 

Tschepurnoi:  Ach, da kommt jemand … Aha, Jelena Nikolajewna … und der Maler … Na, es ist Zeit, daß ich gehe …

Jelena:  Ah, Boris Nikolajewitsch! Lisa, ist Pawel in seinem Zimmer? Lisa, bitte gieß mir etwas Tee ein … Geht in das Zimmer ihres Mannes. 

Tschepurnoi:  Warum sind Sie so blaß und fassungslos, Dimitrij Sergejewitsch?

Wagin:  Wirklich? Ich weiß nicht! Machen Sie im Malen gute Fortschritte, Lisa?

Lisa:  Heute hab ich nicht gemalt.

Wagin:  Schade, die Farben beruhigen die Nerven …

Tschepurnoi:  Nun, Ihnen merkt man das gerade nicht an …

Wagin:  Nicht alle, selbstverständlich …

Lisa  seufzend:  Auch – die rote nicht ...

Tschepurnoi:  Auf Wiedersehen … Ich geh … Ich geh an den Fluß Krebse fangen. Und dann – werde ich sie kochen und essen, Bier trinken und rauchen. Bemühen Sie sich nicht, bleiben Sie sitzen, Jelisaweta Fjodorowna, ich komme wieder … Schon morgen. Jelena kommt zurück  Auf Wiedersehen, Jelena Nikolajewna!

Jelena:  Sie gehen – auf Wiedersehen … Tschepurnoi und Lisa ab. 

Wagin:  Arbeitet er?

Jelena:  Ja … er wird bald kommen …

Wagin:  Ist er noch immer mit dem verrücken Versuch beschäftigt, den Homunkulus zustande zu bringen …

Jelena:  welch ein Ton … Schämen sollten Sie sich!

Wagin:  Mich ärgert diese alberne Marotte eines Pedanten! Und ich kann ihm nicht verzeihen, wie er sich Ihnen gegenüber benimmt. Das ist geradezu ungeheuerlich …

Jelena:  Ich bereue, daß ich mich habe hinreißen lassen, aufrichtig mit Ihnen zu sprechen …

Wagin:  Sie müssen frei werden, und den, der Sie nicht zu schätzen weiß, dürfen Sie nicht bedauern …

Jelena:  Das werde ich auch tun … Sie sollen sehen!

Wagin:  Wann? Worauf warten Sie?

Jelena:  Ich muß mir Gewißheit darüber verschaffen, welchen Platz ich in seinem Herzen einnehme …

Wagin:  Gar keinen!

Jelena:  Wenn das so ist, dann gut, Dann ist die Lösung einfach: bin ich ihm nichts – so geh ich. Aber wenn nicht? Wenn seine Liebe nur müde ist, wenn sie nur zurückgewichen ist in die Tiefe seiner Seele, vor der Gewalt der Idee, die ihn ergriffen hat, was dann? Wenn ich von ihm ginge, und plötzlich in seinem Herzen von neuem …

Wagin:  Das wäre Ihnen wohl lieb, ja?

Jelena:  Bedenken Sie, das wäre eine Tragödie! Und ich – kann Tragödien nicht leiden.

Wagin:  So ängstigen Sie sich um ihn?

Jelena:  Ich will ihm sein Leben nicht verbittern …

Wagin:  Sie überlegen, das heißt, Sie wollen nicht. Getrieben von einem mächtigen Verlangen, überlegen nicht …

Jelena:  Die Bestien! – Die Tiere … überlegen nicht, aber der Mensch muß überlegen, damit das Schlechte auf Erden vermindert wird …

Wagin:  Sich selbst der Pflicht zum Opfer bringen und so weiter … Lisa übt mit ihrer herben Philosophie einen schlechten Einfluß auf Sie aus ..

Jelena:  Das Schlechte ist widerwärtig. Das Leiden ist abstoßend … Ich empfinde das Leiden als persönliche Demütigung; und anderen Leiden zufügen ist häßlich und gemein.

Wagin:  Wie überlegen Sie reden! Aber aus Ihren Worten spricht doch die Seele einer Sklavin … Sie bringen sich zum Opfer … wem? Einem Menschen, der das Leben in dem dumpfen Bemühen, seinen Ursprung zu finden, vertrödelt! Eine alberne Idee! Er dient dem düsteren Tode … und nicht der Freiheit, nicht der Schönheit und der Freude. Es bedarf Ihres Opfers nicht …

Jelena:  Ruhe, mein Freund! Ich spreche nicht von Opfer … Und ich habe keine Veranlassung, an die Tiefe Ihrer Gefühle zu glauben …

Wagin:  Sie glauben nicht an meine Liebe?

Jelena:  Nehmen wir an … ich traue mir selbst nicht. Lisa kommt herein. 

Wagin:  Wie sind Sie kaltherzig!

Jelena:  Ich spreche aufrichtig …

Lisa:  Heute hat man Pawel den ganzen Tag gestört …

Jelena:  Wer?

Lisa:  Alle, die Wärterin, dieser Schlosser, der Hauswirt …

Jelena:  Pawel war wohl ärgerlich?

Lisa:  Ich glaube wohl …

Jelena:  Wie unangenehm … Wagin tritt auf die Veranda. 

Lisa:  Verzeih mir, aber du kümmerst dich sehr wenig um ihn.

Jelena:  Er hat mir nie etwas gesagt …

Lisa  steht auf:  Vielleicht, weil sich mit dir nicht gut reden läßt … Will ab nach oben. 

Jelena  weich:  Lisa! Du fängst wieder an … Lisa, du hast unrecht … hör doch … Lisa antwortet nicht; Jelena sieht ihr nach, zuckt mit den Achseln, zieht die Brauen zusammen und geht langsam auf die Veranda. Fima kommt aus dem Speisezimmer heraus. 

Fima:  Gnädige Frau!

Jelena:  Ah … Was gibt's?

Fima:  In Ihrer Abwesenheit kam Melanija Nikolajewna zu mir und sagte … Pause. 

Jelena  nachdenklich:  Na, was hat sie denn gesagt?

Fima:  Es schien mir so unpassend …

Jelena:  Wenn es unpassend ist, muß man's nicht wiederholen …

Fima:  Sie sagte zu mir: »Paß auf die gnädige Frau auf – das heißt auf Sie!

Jelena:  Was soll das? Sie setzen sich immer Dummheiten in den Kopf … Fima, bitte gehen Sie!

Fima:  Das sind keine Dummheiten, Ehrenwort! »Paß auf sie auf« sagte sie »und auf Herrn Wagin ...«

Jelena  halblaut:  Gehen Sie fort!

Fima:  Ich bin doch unschuldig! Und hier hat sie mir auch einen Rubel gegeben …

Jelena:  Hinaus! Fima entfernt sich schnell. Protassow kommt eilig hinter der Portiere hervor. 

Protassow:  Was schreist du, Lena? Aha, Krieg mit Fima … Weißt du, das ist ein merkwürdiges Frauenzimmer. Sie hat so kuriose Röcke: Sie bleiben überall hängen, werfen alles herunter und zerschlagen alles … Ich bleib ein paar Augenblicke bei dir … gieß mir, bitte, etwas Tee ein … Und Dimitrij ist nicht gekommen?

Jelena:  Er ist auf der Veranda.

Protassow:  Ist Lisa auch dort?

Jelena:  Lisa ist in ihrem Zimmer …

Protassow:  Du scheinst schlechter Laune zu sein?

Jelena:  Ich bin ein wenig müde …

Protassow:  Macht dein Porträt Fortschritte?

Jelena:  Du fragst jeden Tag danach …

Protassow:  Wirklich? Aha, da kommt Dimitrij … Und böse! Weshalb?

Wagin:  Also, ich werde euch einmal euern Garten malen … so zur Dämmerstunde.

Protassow:  Und darüber ärgerst du dich schon im voraus?

Wagin:  Bist du aber witzig!

Jelena:  Wünschen Sie Tee?

Protassow:  Ihr seid beide schlechter Laune … Ich geh in die Küche … Dort habe ich … Gieß mir noch Tee ein, Lena! … Steht auf, geht ab. 

Wagin:  Eines schönen Tages wird er sie ins eine Retorte stecken, mit irgendeiner Säure begießen und Ihre Empfindungen dabei notieren.

Jelena:  Reden Sie keinen Unsinn! Wenn Sie nicht wollen …

Wagin  einfach, herzlich:  Ich habe noch nie ein so heftiges Gefühl empfunden, wie für Sie. Es quält mich … aber es erhebt mich auch.

Jelena:  Wirklich?

Wagin:  Ich möchte Ihnen besser, größer, erhabener erscheinen, als alle anderen …

Jelena:  Das ist gut … Das freut mich für Sie …

Wagin:  Jelena Nikolajewna, glauben sie mir …

Protassow  aus dem Speisezimmer, tritt an den Tisch heran und hält in der Hand ein Metallgefäß:  Alte, laß sein! Was kümmere ich mich um die Köchin nebst ihrem Mann? Nimm die Köchin als Ding an sich … und mich laß in Ruh!

Jelena:  Antonowna! Ich habe Sie gebeten …

Protassow:  Diese Alte! Klebt an einem wie Harz, wie Naphtaablagerung! Geht in sein Zimmer. 

Jelena:  Ich hatte Sie gebeten, Pawel nicht zu ärgern.

Antonowna:  Gestatten Sie, Mütterchen Jelena Nikolajewna, wer ist Herr in diesem Hause? Pawluscha – ist beschäftigt, Lisa – krank, und Sie sind den ganzen Tag nicht zu Hause ...

Jelena:  Aber Pawel darf man nicht mit Kleinigkeiten belästigen …

Antonowna:  Darauf passen Sie ja auf – nicht wahr? …

Jelena:  Das hat gerade noch gefehlt, daß Sie mir gute Lehren geben …

Antonowna:  Was denn? Wenn ich sehe, wie das Haus sich selbst überlassen ist und kein Mensch auf Pawluscha achtet …

Jelena  sanft:  Ich bitte Sie recht sehr, gehen Sie jetzt fort!

Antonowna:  Gut. – Aber die selige Generalin hat nie geruht, mich aus dem Zimmer zu jagen … Geht gekränkt ab. Jelena steht auf und geht nervös im Zimmer auf und ab. Wagin sieht sie lächelnd an. 

Jelena:  Das macht Ihnen Spaß?

Wagin:  Etwas Dummheit ist immer lustig! Leidenschaftlich.  Sie müssen fort aus diesem Hause! Sie sind geschaffen für ein schönes, freies Leben …

Jelena  nachdenklich:  Ist ein solches Leben möglich, wenn man überall von rohen Menschen umgeben ist? Es ist merkwürdig, je bedeutender ein Mensch ist, umso mehr ist er mit Abgeschmacktheiten behaftet … So treibt der Wind die Spreu gegen die Mauer eines hohen Gebäudes … Protassow tritt ein, er ist niedergeschlagen und bleich. Es liegt in ihm etwas Kindliches, Hilfloses, etwas Flehendes in seiner Aufrichtigkeit; er spricht nicht laut, als fühle er sich einer Schuld bewußt.  Was ist denn, Pawel, was fehlt dir?

Protassow:  Es hat sich zersetzt – verstehst du? Ja, es hat sich zersetzt … Und doch war das Experiment sehr sorgfältig gemacht … ich habe nichts außer acht gelassen … Er blickt auf seine Frau, aber als ob er sie nicht sähe, tritt an den Tisch, setzt sich. Bewegt nervös die Finger … holt aus der Tasche ein Notizbuch hervor, zeichnet rasch mit dem Bleistift und vertieft sich darin. Wagin drückt Jelena die Hand und geht. 

Jelena  halblaut:  Pawel … lauter  lieber Pawel … du bist wohl sehr betrübt? ja?

Protassow  durch die Zähne:  Wart … warum hat es sich zersetzt …

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