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Kinder der Liebe

Frances Külpe: Kinder der Liebe - Kapitel 4
Quellenangabe
authorFrances Külpe
titleKinder der Liebe
publisherPaul Franke Verlag
yearo.J.
printrun40.-49. Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170725
projectid75b3e7a5
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Dritter Teil

So war es wirklich Wahrheit, der lange, einsame Winter war vergangen, wieder flogen die Schwalben zwitschernd durch die sonnige Frühlingsluft, die Steppe blühte und duftete, die Obstbäume am Dorfrande trugen ihre weißen Festgewänder, grün lachten die Hecken, silberblau schillerte der Fluß, all dieser Zauber von Schönheit hatte sich von neuem entfaltet und harrte nur des Tages, da Verena und Erik, ja und auch Janina, die längst bei ihnen weilte, heimkommen würden, um Freude und Wärme vollkommen zu machen, wenn auch in veränderter Gestalt.

Heinz ging zuweilen einher wie ein Träumender. Es war jetzt Mitte Mai, und Mitte August erwartete er seine Lieben zurück. Die drei Monate waren ja nur noch ein Kinderspiel. Verwundert schüttelte er manchmal den Kopf, hatte er denn überhaupt an Sehnsucht gelitten? Die Trennung, einfach hingenommen hatte er sie als notwendig für alle Teile. An dem Schönen, das Verenas Briefe so köstlich zu schildern wußten, hatte er immer einen so lebendigen Anteil genommen, daß ihm war; als habe er die Herrlichkeit ihres blauen Sees und die duftigen Bergketten dahinter selber täglich vor Augen gehabt. Nun aber überkam ihn beim Gedanken an ihre Wiederkehr oft ein so ungestümes Herzklopfen, daß er es an seinem Arbeitstische nicht aushielt, aufsprang und in seinem Jubel davonstürmte wie ein Knabe.

Es gab ja auch überall noch soviel zu schaffen und zu bedenken, ehe sie kam. Mit der Vollendung des neuen Schulgebäudes sollte sie überrascht werden. Schon standen die roten Ziegelmauern da, schon begann das Holzgerüst des Dachwerks den stattlichen Bau zu krönen; zwischen den Dachsparren lachte der blaue Himmel oft auf den Glücklichen nieder, der bis in alle Einzelheiten selbst die Pläne gefertigt und ausgearbeitet hatte. Seine Kaiserliche Hoheit, der Großfürst, hatte, als er vom Plan dieser Schule vernommen, eine größere Summe bewilligt, die Heinz nach Gutdünken zum Besten des Dorfes verwenden durfte, und so sollte sich denn im Anschluß an die Schule bald das heißersehnte Greisenheim erheben mit Wärmehallen nach deutschem Muster. Ja, es war gut gewesen, daß die Kugel statt in Heinzens Herz bloß in seinen Arm gefahren war, er war zu etwas nütze auf der Welt!

Auf einem seiner weiten Ausritte war er noch einmal dem Attentäter begegnet; der hatte grüßend tief die Mütze vor ihm gezogen und ihm mit einem wunderlich verklärten Ausdruck lange nachgestarrt. Sein Name war Gawril Fedotoff, das hatte Heinz in Erfahrung gebracht, so konnte er dafür sorgen, daß Gawril bei den ausgedehnten großfürstlichen Schafzüchtereien eine dauernde Anstellung erhielt, die ihn und seine Familie vor Not bewahrte.

Dieser Tag des Attentats war überhaupt ein Glückstag für ihn gewesen. Gern erinnerte er sich des spontanen Zärtlichkeitsausbruches Heinos, als der Knabe erfahren hatte, daß sein Vater verwundet worden sei. Während der Doktor damit beschäftigt gewesen war, die Kugel aus der Wunde zu entfernen, war Heino wie ein Rasender tränenüberströmt in das Zimmer gestürzt und hatte sich dem Papa an den Hals geworfen.

Somit war das Verhältnis zwischen Vater und Sohn wiederhergestellt. Heinz durfte die schwierige Aufgabe, sich seinen Sohn zu gewinnen, als gelöst betrachten, soweit sie zu lösen war, freilich, und mit fremder Hilfe. Auch sonst hatte er allen Grund, mit dem Jungen zufrieden zu sein, die böse Krisis schien überwunden; zudem lernte Heino ziemlich brav und begann sich sogar auf die Schule, im Hinblick auf die vielen Kameraden, zu freuen, um so mehr, da der Papa ihm versprochen hatte, daß er zugleich mit den Doktorsbuben zu allen Ferien wieder nach Hause kommen dürfe, und daß die Mama ihn in der Stadt besuchen werde. Das einzige, was Heinz ihm im Einvernehmen mit dem Doktor verschwieg, war die nah bevorstehende Ankunft Verenas. Heino glaubte, die Mama käme erst im Laufe des Winters wieder. Die beiden Männer aber waren der Ansicht, es sei besser für alle Teile, daß Heino Verena erst später wiedersähe, wenn das Leben in sein tägliches Gleis zurückgekehrt sein würde, denn die veränderte Stellungnahme Verenas zu Erik mußte den heißblütigen Buben von Anfang an befremden und ihn von neuem in alle Qualen einer hitzigen Eifersucht stürzen, die jetzt glücklich zur Ruhe gewiegt schien. Vorderhand schwärmte er ebenso ausgiebig wie respektvoll für die liebliche Eliane, und sie hatte nicht wenig dazu beigetragen, daß er ohne Widerstand der Schule gedachte. Sie könne nur eigentlich Schüler in der schmucken Gymnasiastenuniform leiden, behauptete sie ernsthaft, und Heino hatte sich diesen Ausspruch gründlich zu Gemüte gezogen. Zu seiner Ehre aber mußte gesagt werden, daß er trotz dieser neuen Beziehungen seinem alten Freunde Moses Silberstein durchaus die Treue wahrte, an der der Alte selber gezweifelt hatte. Diese Eigenschaft der Treue in ihrer Einseitigkeit schien er auch von seiner Mutter überkommen zu haben, denn in Heinz waren, solange er denken konnte, Treue und Treulosigkeit seltsam vereint gewesen, und nur seit seiner wundervollen Ehe mit Verena, die seine Natur nach allen Richtungen ergänzte, war Treue etwas so von selbst Verständliches für ihn geworden, daß er unwillkürlich errötete, wenn irgendwo von einer ehelichen Untreue nur die Rede war.

Als Janina im November fortgezogen war, hatte er sich trotz Verenas Bitten geweigert, Nora Seeberg, seine Jugendfreundin, zu sich einzuladen, und sich mit einer einfachen Wirtschafterin beholfen, so gut es eben gehen wollte. »Ich brauche ja niemanden und nichts,« hatte er an Verena geschrieben, »habe ich nicht immer Dich? Bist Du nicht alle Tage bei mir? Was sollen Worte wie Trennung, Entfernung? Zwischen uns beiden gibt es im eigentlichen Sinne keine Trennung, oder sagen wir, nicht mehr.« Worauf sie ihm geantwortet hatte, sein rührender Idealismus mache es ihr nur allzu leicht, sich zur Egoistin auszubilden. Übrigens wußten sie nur zu gut, welche Opfer die Trennung ihnen beiden auferlegte, und wäre nicht der ausdrückliche Wunsch des Arztes gewesen, den auch ein deutscher Professor bestätigt hatte, daß Verena um Eriks willen den Winter am Gardasee verbleiben solle, sie hätte es schwerlich ausgehalten.

Nun aber ernteten sie die Früchte ihrer Entsagungen, denn Erik war zusehends kräftiger geworden. Während des Winters hatte Verena den stürmischen Bitten Ephraim Rosenblüts nachgegeben, und mit ihm, in Begleitung eines deutschen Pianisten von Ruf, eine Konzerttournee durch Oberitalien unternommen. »Ich muß doch für unsern Heino ein wenig Vermögen erspielen,« hatte sie damals scherzend geschrieben, »da unser Erik durch seinen wunderlichen Paten zu einem reichen Erben geworden ist. Immer noch kommt mir das Lachen, wenn ich an Erik in Verbindung mit Vermögen denke, und ich weiß, Dir geht es ebenso. Heino könnt's, weiß Gott, besser brauchen. Die Reise unternehme ich mit um so leichterem Herzen, als unser Liebling jetzt blüht wie ein Maienröschen, und unsere gute Janina ihn keinen Moment aus den Augen läßt, selbst wenn ich dabei bin.«

Die Tournee war denn auch über Erwarten glänzend ausgefallen. Heinz hatte ein ganzes Paket Konzertbesprechungen erhalten, die er mit Hilfe einer italienischen Grammatik und eines Wörterbuches studierte. Oft mußte er über die blumenhafte Ausdrucksweise der begeisterten Lobeserhebungen lachen, und doch trieben sie ihm wieder die Tränen in die Augen. Man verglich die nordische Violinistin mit der Eleonora Duse im Reich der Töne. Verenas Erscheinung gab zu allerhand poetischen Vergleichen Anlaß. »Die nordische weiße Lilie ... eine Gestalt, wie sie unser Botticelli einst geschaffen hat, voll süßer Hoheit, Reinheit und Güte ...« hieß es. Man zitierte Heines »Du bist wie eine Blume –« in deutscher Sprache, und die Tatsache, daß die große Künstlerin mit der geheimnisvoll bezwingenden Musik Italien liebe und den Winter am Gardasee, dieser Perle Oberitaliens, verbringe, ging durch alle Zeitungen und machte die Seelen der enthusiastischen Italiener für ihre Kunst erst recht empfänglich.

»Es war doch ein ganz eigenes Hochgefühl, wieder einmal auf dem Podium zu stehen,« schrieb sie, »und ich gestehe, daß es mich beglückte. In traumwacher Sicherheit gab ich mein Bestes her und freute mich über den rasenden Applaus wie ein rechtes Kind. Im Grunde genommen war er mir weniger wert, als wenn mein Liebster mir freudig zunickt, oder mein kleiner Erik mich mit seinen verträumten Seeaugen strahlend anschaut, und doch, und doch ... es ist und bleibt eine alte Wahrheit, daß wir von der Kunst – des Publikums bedürfen, um des Maßstabs willen, den wir an unsere Kunst zu legen berechtigt sind, denn nur das Vergleichen führt zu einer richtigen Wertung. Der Schriftsteller, der seine Manuskripte im Schreibtisch verschließt, der Musiker, der vor tauben Ohren spielt, der Maler, der seine Bilder nie ausstellt – alle diese würden bald nicht mehr wissen, wie hoch sie ihre Leistungen einschätzen dürften. Freilich arbeitet der rechte Künstler im letzten Grunde für sich selbst, aber dieses persönliche Ich ist dann eben kein persönliches mehr, sondern hat sich zum reinen Ich der Gesamtheit erweitert.«

Heinz war von dieser letzten Wendung entzückt. Sie traf genau mit seinem eigenen Empfinden und seinen tiefsten Erfahrungen zusammen. Nur ging er noch weiter: Das höchste Wissen, die tiefste Erkenntnis, das reinste Selbstgefühl, die größte Kraft, das alles quillt aus der innerlichen Wahrnehmung des einen Wesens aller Dinge, aus der Vereinigung mit der in uns webenden All-Einheit hervor. In tausendfachen Formen und Kräften, Beziehungen und Wirkungen offenbart sich diese ewige Einheit in uns als der Grund aller Dinge, wir aber sehen die Einzelheiten und gehen an dem Ganzen blind vorüber. Glücklich der, dem eine geheimnisvolle Macht in einer heiligen Stunde die verhüllenden Schleier von den Augen zog!

Ja, in der Tat, Heinz war glücklich. Ihm war zumute, als könne nichts und niemand ihm den inneren Reichtum rauben, den ihm die stillsten Augenblicke der seelischen Vertiefung, und nicht Lehre und nicht Dogmen, geschenkt hatten. In ihm schien ein neuer, innerer Sinn erwacht zu sein wie aus dumpfem Schlafe.

Und er begann, von seinem Licht und von seiner Fülle auszustrahlen. Er war mit den italienischen Zeitungen zu dem alten Moses Silberstein geeilt und hatte ihm übersetzt, was die Blätter Schönes von seinem Neffen sagten. Der alte Mann war vor Schrecken verstummt, als er den gnädigen Herrn Oberverwalter vor seiner Hütte sah. Als Heinz aber gegangen war, hatte er einen vor Freude Weinenden zurückgelassen.

Es wurde ihm allmählich Bedürfnis, seinen Frieden, seine Ruhe, seine Freude und seine Erkenntnis mit denen zu teilen, die es nötig haben mochten. Wer mit ihm in Berührung kam, wurde durch seine Gegenwart beruhigt, ermutigt und gestärkt. Die Leute verließen ihn manchmal verwundert und sagten einander heimlich: »Immer ähnlicher wird er unserer Gnädigen.« Wer ein böses Gewissen mitbrachte, der fühlte sich oft von Heinz durchschaut, noch ehe er den Mund aufgetan hatte, und es kam vor, daß ihm Heinz die Gedanken von der Stirn ablas.

So hatte sich in aller Stille und Einsamkeit eine tiefgreifende Wandlung an Heinz vollzogen, die freilich schon lange vorbereitet und in seinem Wesen begründet war, und es gab viele, die ihn fürchteten, bei weitem mehr aber gab es solche, die ihn liebten. Die dumpfe Erbitterung, die er noch im Herbst unter dem Volk gespürt hatte, war vollends gewichen, ohne daß er auch nur einen Finger dazu gerührt hätte. Aus seinem einstmaligen Gegner Gawril Fedotoff war sein heißester Anhänger geworden. Der wies die Hetzer, deren es überall welche gab, wütend zur Ruhe. Die Beamtenschaft hatte sich natürlich von jeher möglichst günstig zu dem Oberverwalter zu stellen gesucht, da sie wußte, daß Heinz keine Unordnungen duldete und ein Ersatz für einen unehrlichen Unterbeamten wenigstens für eine Zeitlang immer zu finden war.

Während es vollends Sommer wurde, und Heinz seinen Schulbau täglich um ein Stück fortschreiten sah – fühlte er mehr wie je das Bedürfnis, zu der Natur Beziehungen zu finden, in ihrem köstlichen Frieden von seinen Berufspflichten auszuruhen. Er machte oft einsame, lange Ritte in die Tiefe der blühenden Steppe hinein, warf sich froh wie ein Knabe in das hohe, wilde Gras und träumte zum seligen, wolkenlosen Himmel empor. Wenn so die grünen Wogen über ihm zusammenschlugen, und er mitten unter dem Gewirr zahlloser feiner, hoher Grashalme die bunten Blumen sah, die ihm so vertraut und innig entgegenlachten, blaue Kornblumen, wilde Stiefmütterchen, Klee und Ginster, wenn die heilige Stille um ihn her vom Zirpen, Schwirren und Summen von Insektenmyriaden und jubelnden Vogelstimmen erfüllt war, wenn ein leichter Wind kosend über die ungeheure grüne Fläche dahinstrich und die Spitzen der Gräser wiegte und neigte, dann war ihm zumute, als sei es fast zuviel der Herrlichkeit, und er könne sie nicht mehr tragen.

Er war sich nicht bewußt, daß es die Sehnsucht nach Verena war, und eine größere, vollkommenere Sehnsucht, das Heimweh derer, die ein Bild der Vollendung ihres Selbst in sich tragen, das ihn so empfänglich für die Schönheit ringsum machte.

Oft war ihm, als müsse dieses grüne, wogende Meer, über welches er abends, wenn die Sonne unterging, die Schatten hinfliegen sah, dieses weite Meer von Grashalmen, das einen Rausch von balsamischen Düften ausströmte, noch schöner sein als die Wälder seiner Heimat, noch schöner als die grenzenlose, wilde See, als Gebirgswelt und Dolomitenpracht. Immer wieder und zu allen Tageszeiten entdeckte er neue, liebliche Wunder. Wie gebannt hing sein Blick an dem Habicht, der mit ausgebreiteten Flügeln unbeweglich in der blauen Luft hing, und er empfand einen leisen Schreck, wenn der große Vogel plötzlich nach einer längst erlauerten Beute niederstieß, oder er folgte sehnsüchtig einer Schar Wildgänse, die in gezackter Linie mit scharfem Schrei hoch oben vorüberzogen. Nachts sah er goldene Leuchtkäfer über der grünen Weite schimmern und schwirren, lebendig gewordene Sterne, während der schwarzblaue Himmel voll ruhig kreisender Sternenwelten sich dehnte in majestätischer Pracht, und endlich gab er alles Vergleichen auf, die Natur war in jeder ihrer Erscheinungen vollkommen und unübertrefflich.

Verena schrieb jetzt begeistert von den Tiroler Bergen, in die sie sich vor der brütenden Hitze Italiens geflüchtet hatte, und Heinz erlebte mit ihr allen Zauber der neuen, gewaltigen Umgebung und freute sich wie ein Kind schon auf ihre Briefe vom Nordseestrande, dem Endziel ihrer Reise, von wo aus sie endlich, endlich zurückeilen würde zu ihm.

Wie hatte sie doch gesagt? »Wenn ich wiederkehre – dann kommt das selige Vergessen!«

Das selige Vergessen ... aber ... auf wie lange?

*

Nach einem lastenden Julitage voll schwingender Glut schritt Heinz an einem schwülen Abende am Flußufer entlang. Wolken zogen tief und träge über das ebene Land, das durstend zu ihnen aufsah. Der Fluß unten am Abhange murmelte mit tausend klanglosen, gleichmütigen Stimmen in die versunkene Abendstille hinein. Schwarz und müde kauerte die zusammengedrückte Hütte des alten Juden am dunklen Nachthimmel, armselig und traurig.

Heinz war das Herz schwer, und er wußte nicht, warum. War es, weil das glänzende Licht seiner Aufwärtsstimmung, die ihn seit Wochen erfüllt hatte, durch die Mühsal des Alltags verblaßt, durch Ärger und Reibungen aller Art matt und trübe geworden war? Drückte ihn die zu lange angespannte Sehnsucht nieder? War es nur die unbarmherzige Hitze dieser sonnendurchglühten Tage, oder – eine zitternde, bange Ahnung von etwas Unerbittlichem, Nahendem, Großem ...? Er wußte es nicht.

Dunkelnd und lastend lag seine Traurigkeit auf ihm, er seufzte tief auf.

Der Fluß murmelte und rauschte mit kleinen, aufblinkenden Wellen, lockte und rief.

Heinz blieb stehen und starrte in das ziehende Wasser.

Schon tastete er sich an dem schrägen Abhang hinunter. Hastig riß er sich den Rock von den Schultern und zog die Stiefel aus – da schrak er zusammen.

Wie aus dem Boden getaucht stand neben dem Weidenbusch, der seine Zweige ins Wasser hängen ließ, eine krumme, dunkle Gestalt, ein altes Weib.

Er bückte sich zu ihr nieder und sah ihr in das verschrumpfte Gesicht – die verrückte Bettlerin Axinja.

»Was tust du hier bei der Nacht?« murmelte er.

Aus der erloschenen Glut fieberkranker Augen starrte sie ihm entgegen.

»Es ist heiß und kalt, heiß und kalt, heiß und kalt ...« schwatzte sie in gleichgültiger Hast und schüttelte sich.

Auf ihren Stock gestützt, kroch sie ganz nahe zu ihm heran, richtete ihre verkrümmte Gestalt mit Mühe so weit auf, daß sie ihm ins Gesicht blicken konnte und fragte jäh und keuchend: »Ist es wahr, daß du ein warmes Haus für die Armen und Alten bauen willst? Wo sie Betten haben sollen, und Lehnstühle zum Sitzen?«

»Es ist wahr«, erwiderte Heinz.

»Und wird da auch ein Bett und ein Lehnstuhl für mich sein?«

»Auch für dich.«

Das verwitterte Gesicht mit den tausend Falten und Runzeln sank und sank immer tiefer, so daß das Kinn die magere Brust berührte. Ein glucksendes, boshaftes Kichern schüttelte die kleine verhutzelte Gestalt.

»Du lügst!« schrie sie plötzlich hämisch und gellend; – »bist du denn der Zar?«

»Geh nach Hause, Axinja, ich will baden«, befahl Heinz ruhig.

»Ich geh' ja schon, schöner Barin, ja ja – ja ja, ich geh' schon«, murmelte sie verdrossen. »Ja ja, ja ja, du wirst wohl der Zar sein ... der Zar, der mir ein Bett und einen Lehnstuhl schenken will ...«

Sie wandte sich und humpelte kichernd davon, daß ihr magerer Körper geschüttelt wurde – wieder war sie hinter dem Weidenbusch verschwunden, versunken in die Nacht.

Heinz trat ins Wasser und kühlte die brennenden Glieder. Er bückte sich, schlug sich mit beiden Händen das laue Wasser ins Gesicht und über die Brust. Zu müde war er zum Schwimmen. Das Herz war ihm schwer, er wußte nicht, warum. Nur das Haupt an deine Knie lehnen, mein Lieb, mein Weib, dahinten lassen, abstreifen all das Häßliche, Traurige, Gemeine, Ruhe finden bei dir ... in dir ...

Er watete tiefer hinein und schlug mit den Armen ins Wasser, daß es hoch aufspritzte, endlich warf er sich auf den Rücken und ließ sich von der Flut treiben.

Nun ward ihm wohler.

Alle Leiden entspringen aus der Nichterkenntnis des Wahren! kam es ihm in passiver Intuition in den Sinn. Was habe ich heute versäumt, was verschuldet? Dasein ist der unendliche Geist der Liebe. In der Einheit des Alls lebe ich, atme ich und bin ich. Wie die Sonne und ihre Strahlen eins sind, so bin ich eins mit der Sonne des Daseins und der Wahrheit. Dauernde Ruhe findet der menschliche Geist nur in der Wahrheit allein; denn sie ist göttlich.

Er kam auf die Füße und schwamm gegen den Strom die Strecke zurück bis zur Stelle, wo seine Kleider lagen. Erfrischt stieg er ans Ufer.

Ein wilder, unirdischer Schrei gellte durch die Stille der Nacht. Heinz fühlte sich von knochigen, zitternden Armen umfaßt, – ein Häuflein Glieder, lag die verkrümmte Alte am Boden und tastete an seinem Leibe aufwärts.

»Väterchen, lieber Zar,« winselte sie, »kannst dein Bettchen, dein Lehnstühlchen behalten, nur lieb' mich, wie ich dich liebe – nur ein einziges Mal, ich war auch schön und jung ... die schöne Axinja hieß man mich im Dorf –«

In maßlosem Erstaunen trat Heinz zurück, als hätte eine Viper ihn berührt. »Schweig!« donnerte er sie an.

Aber sie rutschte ihm auf den Knien nach und wand sich im Sande. »Ach Väterchen, lieber Zar, veracht' mich doch nicht, was hab' ich dir getan? Bin ich denn eine Hündin? Sieh, es hat mich keiner lieb,« kreischte sie mit schluchzendem Gurgeln, »keiner, keiner!«

In Heinz erwachte ein tiefes Erbarmen, vermischt mit Ekel, aber das Erbarmen überwog. ›Auch das ein erloschener Strahl,‹ dachte er, ›einst lebte er!‹

»Geh!« sagte er ruhig. »Du bist krank!«

Sie sank in sich zusammen und blieb liegen wie ein geschlagenes Tier. Mit den dürren, krummen Fingern begann sie im Ufersande zu wühlen und kratzte ihn zu kleinen Häufchen zusammen, hastig und umständlich. Ihr Kopf sank vornüber in den Sand.

Heinz warf sich rasch in seine Kleider und bückte sich zu ihr nieder: »Steh auf, Axinja,« gebot er gelassen, »und geh' nach Hause.«

Die Irre stand gehorsam auf und kletterte, von seiner Hand gestützt, die steile Böschung keuchend empor.

Oben angelangt, warf sie sich zu seinen Füßen nieder und bemühte sich, seine Stiefel zu küssen.

»Väterchen lieb, gold – goldner Falke, lieber Zar,« lallte sie irr, »wirst mir doch noch mein Bettchen schenken – mit 'ner Seidendecke, und mein Lehnstühlchen dazu, bin doch deine gute, brave Axinuschka, tu alles, was du willst, hab' ja den Großfürsten auf diesen Armen gewiegt, war seine Amme ...«

»Ist gut. So geh heim!« sprach Heinz. Er wußte, daß sie log.

Und sie ging wirklich.

*

Der Direktor des Jekaterinoslawschen Stadtgymnasiums, Konstantin Arkadjewitsch Jaslenko, geleitete Heinz mit ausgesuchter, schmunzelnder Höflichkeit aus seinem Sprechzimmer in den Vorsaal, und rief einen der examinierenden Lehrer aus dem nächsten Klassenzimmer zu sich, mit dem er eine kleine Weile leise verhandelte, nicht ohne Heinz zuvor ein suaves »Pardon, Sie entschuldigen gütigst!« zugerufen zu haben.

Dann wandte er sich, die Hände reibend, wieder strahlend an Heinz.

»Eine ganz famose Durchschnittsnummer, Ihr Sohn ist überhaupt ein aufgeweckter, begabter Knabe, freue mich, freue mich wirklich sehr über diesen Zuwachs an unserem Gymnasium, Exzellenz!«

Heinz hatte in der Tat vor einigen Tagen einen Orden erhalten, der ihm diesen Titel verlieh. ›Wie schnell doch so etwas bekannt wird!‹ dachte er verwundert.

»Also das Examen für Quarta ist bestanden – das ist die Hauptsache!« sagte er erleichtert. »Ich muß Sie aber darauf aufmerksam machen, Konstantin Arkadjewitsch, der Junge hat einen harten Kopf, er dürfte Ihnen noch manche Schwierigkeiten bereiten!«

»Oh, ich bitte!« machte der Direktor lächelnd und wiegte den dicken Kopf mit dem blonden Vollbart überlegen hin und her, »dazu sind wir Pädagogen ja da, um den ›Schwierigkeiten‹ unserer Jugend standzuhalten und sie mit Vernunft und Milde zu beseitigen.«

»Kann ich meinen Jungen sehen?« fragte Heinz, nicht ganz überzeugt und ein wenig bedrückt.

»Aber mit dem größten Vergnügen! Peter Pawlowitsch, Sie schicken uns den Knaben sofort!« wandte sich der Direktor wieder an den Lehrer, der respektvoll dagestanden hatte und jetzt eilig davonschritt.

Nach wenigen Augenblicken kam Heino munter angetrabt. Er war hochrot, seine Augen glänzten.

»In der Geschichte und in der Geographie hab' ich am besten gewußt, Papa«, berichtete er strahlend. »Bibse und Schanno werden noch examiniert.«

»Sie erlauben, daß ich mich verabschiede, Konstantin Arkadjewitsch – Heino, mach' dein Kompliment! Nun gehen wir.«

Die Männer schüttelten sich die Hände, und der Direktor öffnete eigenhändig die Tür.

»O bitte, bemühen Sie sich nicht.«

»Es ist mir eine Ehre und ein Vergnügen, Exzellenz.«

Vater und Sohn gingen die breite Treppe hinunter. Heino war noch ganz aufgeregt von dem Erlebten.

»Examiniert werden ist aber fein, Papa. Die Lehrer fragten g'rad alles, was ich wußte!«

Heinz lächelte gütig, ihm wurde weich zumute. Wieviel älter war er selbst gewesen, als er aufs Gymnasium gekommen war! Er blieb stehen und drückte seinem Knaben fest die Hand.

»Nun mußt du aber auch ein ganzer Mann werden, Heino, der Mama und mir zuliebe. Das Lernen tut's nicht allein. Es ist nicht immer leicht mit den Kameraden. Keine Angebereien, mein Junge, auch keine unnützen Prügeleien!«

»Hoho!« rief Heino und reckte die Arme, »von den Neuen bin ich der Stärkste, das merke ich schon, und reiten kann keiner!«

»Dein Wort sollst du halten, wenn du etwas versprichst,« fuhr der Vater eindringlich fort, »darum versprich nie etwas voreilig. Ein Mann, ein Wort, heißt es.«

Heino nickte ernsthaft und trabte neben dem Papa her. Er war ganz benommen von dem vielen Neuen. »Wohin gehen wir jetzt, Papa?«

»Zu dem deutschen Herrn Pastor, bei dem du wohnen sollst. Es ist derselbe, der Erik getauft hat.«

In Heino stieg eine vage und unangenehme Erinnerung auf. Ihm war zumute, als müsse der Pastor kein guter Mensch sein, und als hätte er immer schon etwas gegen ihn, Heino, gehabt. Der Papa war ja auch damals wegen Erik so furchtbar böse gewesen. Jetzt war das ein ganz anderer Papa, der neben ihm herschritt.

Mit umwölktem Gesicht, ein wenig unsicher sah er den Vater an.

Heinz mochte seines Sohnes Empfindungen erraten haben. »Der Pastor ist einer der feinsten und besten Menschen, die ich kenne«, sagte er nachdrücklich. »Du wirst mir bei ihm keine Schande machen.«

»Nein, Papa. Sind da auch Kinder?«

»Nein. Ihr drei Jungen werdet also ordentlich zusammenhalten und dem Pastor Freude machen, auch der Frau Pastor.«

»Wie soll ich denn zu ihm sagen?«

»Herr Pastor – versteht sich. Und immer höflich und rücksichtsvoll sein, Heino, besonders gegen die Frau Pastor, du weißt, gegen Damen ist man immer ritterlich. Wenn ich Gutes von dir höre, sollst du auch in die Reitschule, damit wollt' ich dich eigentlich überraschen.«

Heinos Augen füllten sich mit Tränen. Der Abschied vom Pferdestall war ihm besonders schwer gefallen, fast noch schwerer als der von Eliane. Sie schritten durch lange, breite Straßen hin, mit unzähligen Häusern und blinkenden Fenstern. So viele Straßen gab es hier, und Menschen und Gefährte! Nie hatte Heino so viele Menschen in einer Straße gesehen. Er betrachtete die Passanten verwundert.

»Eine Stadt ist aber doch eigentlich fein!« brach seine Anerkennung endlich aus ihm hervor.

Nun standen sie auch schon vor dem niedrigen freundlichen Hause. Heinz läutete.

Ein schmuckes Dienstmädchen öffnete. »Sie wünschen?« fragte sie in deutscher Sprache.

»Die kann ja auch Deutsch, Papa«, flüsterte Heino beeindruckt.

Heinz gab ihr seine Karte. Eine kleine, zierliche Dame trat sofort ins Vorhaus und reichte ihm mit einem herzlichen »Willkommen, Herr Oberverwalter!« verbindlich die Hand.

»Das ist also mein Junge, gnädige Frau«, sagte er und schob Heino ein wenig vor.

Heino machte sein allerschönstes Kompliment und sah die Dame neugierig an.

»Du bist also unser lieber Pflegesohn!« sagte die zierliche blonde Frau, »wohl der Älteste von den dreien?«

»Nein, der Jüngste, gnädige Frau«, erwiderte Heino flott in Nachahmung des Papas.

Sie lächelte ein wenig schüchtern. »Du mußt mich einfach Frau Pastor nennen, Heinrich.«

»Ich heiß' Heino«, verbesserte er.

»Aber Junge, so sei doch höflich!«

Heino sah den Papa gekränkt an. »Aber wenn ich doch Heino heiß'!«

»Bitte, wollen Sie näher treten, Herr Oberverwalter, mein Mann ist eben beschäftigt, er wird gleich kommen. Die anderen jungen Herren Gymnasiasten erscheinen wohl mit dem Herrn Doktor? Ich muß mir zuvor ihre Namen einprägen.«

»Bibse und Schanno, Frau Pastor!« half Heino bereitwillig ein.

Ganz verdutzt sah ihn die kleine Dame an. Dann brach sie in ein helles, fröhliches Lachen aus. »Was für Namen sind das eigentlich?« fragte sie hilflos.

»Fritz und Hans, gnädige Frau,« erwiderte Heinz lächelnd, »aber Fritz wird aus irgendeinem geheimnisvollen Grunde Bibse genannt, und Hans Schanno. Wahrscheinlich wird einer eigenen frühen und freien Wahl damit Rechnung getragen. Der Doktor wollte, soviel ich weiß, später mit seinen Knaben kommen, da er noch eine Nacht hierbleibt.«

Sie waren mittlerweile in den kleinen Salon getreten und hatten auf den einfachen, ein wenig altväterlichen Möbeln Platz genommen. Heino sah sich neugierig um, während der Papa mit der Frau Pastor sprach.

Jetzt trat der Pastor, ein schlanker, ernster Mann von imponierender Ruhe und gütiger Würde in den Salon zu den übrigen.

»Sieh da – Herr Oberverwalter!« sprach er mit kräftiger, wohltönender Stimme. »Und du, mein lieber –«

»Heino!« half die Pastorin lachend ein.

Sie sah schelmisch und niedlich aus, wenn sie lachte; auf ihren runden, unschuldigen Wangen bildeten sich zwei allerliebste Grübchen, und wenn sie ihren Mann ansah, strahlte sie.

»Heino!« wiederholte der Pastor. »Gott segne deinen Einzug in dieses Haus, mein Sohn. Gib mir einmal fest die Hand – so! Einen kräftigen deutschen Händedruck! – Der kann's!« sagte er darauf lachend zu Heinz.

»Nun, ich hoffe, wir werden gute Freunde, mein Junge.«

»Ich denk' auch, Herr Pastor!« meinte Heino treuherzig. Alle seine Bedenken waren geschwunden.

Der Pastor sah den schönen, rassigen Buben mit herzlichem Wohlwollen an.

»Darf ich Sie noch auf mein Zimmer bitten, Herr Oberverwalter? Ich hätte noch einiges mit Ihnen zu besprechen.«

»Soeben wollte ich Sie darum bitten, Herr Pastor.«

Die Herren verließen den Salon und Heino blieb mit der Frau Pastor allein. Sie gefiel ihm, wie sie so rosig und lächelnd dasaß. Er dachte, er müsse sie nun unterhalten, der Papa hatte ihm ja eingeprägt, besonders höflich zu der Frau Pastor zu sein.

Gezähmt und in Zucht gehalten durch das viele Neue, voll ungewöhnlich guten Willens, sah er ernsthaft vor sich nieder.

»Sie haben keine Kinder, Frau Pastor,« sagte er nach einigem Besinnen, »das ist aber wirklich sehr schade.«

Die kleine, zarte Frau starrte den hübschen, großen Buben verblüfft an – so einer war ihr noch nicht vorgekommen! Sie wußte nicht, sollte sie lachen oder ernst bleiben? Mühsam entschloß sie sich zu letzterem.

»Sehr!« sagte sie leise.

»Vielleicht kriegen Sie noch mal eins!« meinte Heino tröstend. Ihm tat die hübsche, kleine Frau leid, denn sie war gewiß traurig, daß sie kein Kindchen hatte. Da fiel es ihm plötzlich ein, wie es mit diesen Dingen bestellt sei, daran hatte er lange nicht mehr gedacht; und nun wurde er sehr rot.

Die Frau Pastor sah ihn lange und forschend an. Der Junge schien ja mehr zu wissen, als nötig war, dachte sie.

»Ich hab' noch einen kleineren Bruder Erik«, fuhr Heino eifrig fort, um sich aus der Verlegenheit, die ihm diese Situation bereitete, zu befreien. »Der ist jetzt mit der Mama in Deutschland.«

»Den hast du wohl sehr lieb?« fragte die kleine Dame, froh, auf ein anderes Gebiet zu kommen.

»Nu, es geht an!« meinte Heino ehrlich. »Wenn ich in den Ferien nach Haus komm', werd' ich ihn das Reiten lehren.«

»Das kannst du wohl gut?«

»Besser als der Papa!« sagte Heino vergnügt. »Mit und ohne Sattel. Ich kann stehen auf dem Pferd, wenn es Trab läuft, und aufspringen und so allerhand feine Kunststücke.«

»Wer hat dich denn das gelehrt?«

»Kein Mensch. Ich hab's mich selbst gelehrt. Ich wollte Mama damit überraschen. Sie kennen meine Mama noch nicht, Frau Pastor? Aber sie wird schon noch herkommen und mich besuchen, sobald sie erst da ist.«

»Das hoffe ich sehr. Siehst du deiner Mama ähnlich?«

»O nein!« rief Heino bescheiden. »Mama ist viel, viel schöner. Sie ist überhaupt – die Allerschönste!« fügte er leise hinzu.

Die Augen der kleinen Frau leuchteten liebevoll.

»Aber dein kleiner Bruder sieht ihr doch wohl ähnlich?«

»Erik?« rief Heino geringschätzig, »nicht ein bißchen, der ist ja so schmal und blaß und so schwach, daß ich ihn mit einer Hand umknipsen kann, und dann hat er blaue Augen. Mamas Augen aber sind dunkelgrau, und manchmal schwarz,« sagte er fast feierlich, »und so wunderschön! Und schönes dunkles Haar hat sie, und Geige kann sie spielen – und sie ist eine große Künstlerin!« schloß er stolz.

»Da bist du aber stolz auf die Mama!«

»O ja!« sagte Heino mit Selbstgefühl und seufzte. Er dachte daran, daß er ihr nur Postkarten und keine Briefe mehr geschrieben hatte. Das fiel ihm jetzt schwer aufs Herz.

»Jetzt werd' ich ihr aber einen schönen langen Brief schreiben, vom Examen!« tröstete er sich selbst, indem er es aussprach.

»Aber das versteht sich, alles mußt du ihr schreiben, wie du dich hier einlebst, und von der Schule.«

»O ich werd' mich hier schon einleben«, sagte Heino wohlwollend und sah sie an. »Sie haben auch so hübsche blonde Haare – wie Eliane«, fügte er hinzu.

»Wer ist denn Eliane?«

»Die Schwester von Bibse und Schanno, die wird einmal Doktor studieren«, erklärte Heino wichtig.

Jetzt kamen die beiden Herren aus dem Nebenzimmer zurück.

Heinz schüttelte dem Geistlichen kräftig die Hand.

»Darauf bitte ich Sie, ein ganz besonderes Augenmerk zu haben, verehrter Herr Pastor, und ich danke Ihnen für Ihr großzügiges Verständnis. Es sind eben außergewöhnliche Verhältnisse, und die bedingen ein außergewöhnliches Verhalten, nicht wahr?«

Sehr ernst und mit einem Ausdruck besorgter Güte betrachtete der Pastor Heino und legte ihm mit einer liebevollen und feinen Gebärde die Hand auf den Kopf, als wolle er ihn dadurch sich aneignen und ihn zu schützen suchen.

»Nun gehst du wohl noch ins Hotel mit dem Papa,« sagte er, »und dann kommt der Abschied. Schwer, aber unausbleiblich!« fügte er teilnehmend hinzu.

»Ja, Junge, komm!« sagte Heinz.

Heino verbeugte sich zuerst vor der Frau Pastor und küßte ihr höflich die Hand, dann gab er mit einem Kratzfuß die Hand dem Herrn Pastor.

Der sah ihm forschend in die Augen.

Und nun gingen sie.

Lange schwiegen beide. Heinz war noch erfüllt von dem Gespräch mit dem Pastor; er hatte ihm alles mitgeteilt, was sein Herz um Heino drückte, und er fühlte, er war verstanden worden.

»Papa,« brach endlich Heino das Schweigen, »die Frau Pastor, weißt du, ist ein so kleiner, furchtsamer Spatz, immer wird sie rot. Gegen die werd' ich immer gut sein«, schloß er großmütig.

Heinz hätte fast laut aufgelacht. Doch er verstand ja seinen Jungen. »Vor zarten Frauen hat ein rechter Mann immer besonderen Respekt«, sagte er ernst.

Nach einer Stunde kam der Abschied. Heinos Lippe zuckte bedenklich, als er seine Hand zum letztenmal in die seines Vaters legte.

Aber er hielt an sich, Männer weinen nie!

»Und Mama soll gleich, wenn sie da ist, kommen! Grüß' sie tausend-, tausendmal!« rief er, als der Wagen davonrollte, und schwenkte seine Mütze.

Mama – war sein Abschiedsgedanke.

*

Und nun war die selige Ruhe des Tages gekommen, da Heinz Verena erwarten durfte.

Er war ihr nicht entgegengeeilt, als ihm eine Depesche die Stunde ihrer Ankunft gemeldet hatte, nicht zu Pferde und nicht zu Fuß, er stand nur harrend in Janinas hochgelegenem Stübchen und schaute und schaute über die weite, sonnengebadete Ebene.

Im Spiel der untergehenden Sonne ruhte still und braunrot die Steppe, rotes Gold zitterte in der Luft über den hohen Parkbäumen; aus dem Garten stieg der berauschende Duft der Blumen zu ihm empor und benahm ihm fast den Atem, Lilien, Rosen und Heliotrop, alle sandten sie ihre Düfte, und matt leuchteten im blaugrünen Schatten der Bäume weiße Tuberosen.

Jetzt sah er in der Weite einen nahenden Punkt, der sich allmählich vergrößerte, und sein Herzschlag setzte aus – waren sie es? Kamen sie? In einer seligen und wehen Ahnung beugte er sich weit aus dem Fenster und sah und sah, bis ihm die Tränen den Blick verdunkelten.

Wie laut der Springbrunnen rauschte, lauter als je zuvor, wie weit, wie weit war rings die Welt, wie still und wie schön!

Sein Glück kam, mit jedem Augenblick kam es näher, und er mußte tief Atem schöpfen. Ihn erfüllte eine tiefe Ruhe, fast schmerzhaft in ihrer Gewalt, und er vergaß Zeit und Raum. Etwas Zartes und Ehrwürdiges, etwas Heimliches und Inbrünstiges, etwas Ausgelassenes und Heiliges war in dieser Ruhe – eine ungeheure Vereinfachung aller Beziehungen, über den Dingen, über der Zeit und über dem Denken.

Auf Augenblicke erwachte er daraus, und dann wußte er, wie arm er gewesen war. Aber nur Arme können reich, nur Dürstende gelabt werden, und wieder versank er in jenen geheimnisvollen Zustand glückseliger Ruhe. Vergangenes und Zukünftiges schien in einen einzigen Moment zusammenzufließen, und der Moment war zeitlos.

Aber näher und näher kam das Gefährt. Jetzt unterschied er die Gestalten im Wagen, da – und jetzt, jetzt verbargen ihm die hohen Bäume den Ausblick, aber er hörte schon das ruhige, ebenmäßige Räderrollen.

Und Heinz schritt die Treppe hinab wie ein selig Träumender – sie würde nicht im Wagen, nein, nicht im Wagen würde sie zu ihm kommen – er wußte es, sie kam zu ihm zu Fuß, und Erik mit ihr, und er lächelte.

Sein angespanntes Ohr hatte eben noch das Rollen vernommen – jetzt, jetzt setzte es aus. Sie war ausgestiegen.

Heiß bäumte es sich in ihm empor, wild wie ein Knabe setzte er durch den Garten, erkletterte den hohen Gartenzaun und sprang darüber hinweg. Mochte der Wagen derweil um die scharfe Ecke biegen, über die kleine Brücke und vor die Rückseite des Hauses rollen, was ging ihn der Wagen an? Sie war ja nicht darin – sie kam zu Fuß mit Erik, allein.

Und er stand still an der Zaunecke, gerade und hager wie ein Denkmal, und weiß. Nur in seinen Ohren hörte er es sausen wie rauschende Ströme, und die Worte hörte er: Und es ward Licht.

Während er also stand und in sich hineinlauschte, bogen zwei Gestalten leicht und voll Helle um die Ecke des Zaunes – und er sah sie an und stand doch wie angewurzelt, hager und gerade und weiß.

In seinen Augen war die ganze schmerzhafte Inbrunst seiner Liebe. Noch einmal strömte Gegenwärtiges und Zukünftiges in einem einzigen Augenblick übermenschlichen Lichts zusammen – – dann lag sein Weib an seinem Herzen, und ihre dunkle Stimme stammelte schluchzend: »Heinz, Heinz, nie wieder, hörst du, nie wieder eine Trennung für uns!«

Der kleine Erik aber umfaßte sie beide und sagte ganz still und vor Freude strahlend: »Nein, jetzt bleiben wir bis zum Tode bei Papa!« – – –

Immer wieder neu wird dem Inbrünstigen das Altgewohnte.

Heinz konnte sein Glück nicht fassen. Trunken war er vor Glück, trunken. War dieses blühende, herrliche Weib mit den märchengroßen, grauen Augen, dem schmalen, geistvollen Gesicht und dem genialen Zug um den ausdrucksvollen Mund – sein Weib? Dieser zarte, langaufgeschossene Knabe mit dem betörend feinen, jungen Mund und den frühreifen, blauen Sternenaugen – sein Sohn?

Er hielt sie immer wieder beide auf Armeslänge von sich, staunte und staunte.

»Bist du gekommen?« sagte er, »seid ihr da?

Ich wußte nicht mehr, wie schön du bist – wie schön ihr seid, beide, beide ...«

Mit einer rührenden Anstrengung auch seines anderen Sohnes zu gedenken, um den er so schwer gerungen hatte, sagte er leise: »Heino ist schon fort – er hat mich lieb!«

Über Verenas schmale Wangen strömten die Tränen unaufhaltsam. Wie hatte ihr Heinz gelitten! So hager sein Gesicht, so feine Furchen in seiner Stirn!

Sie strich darüber hinweg. »Ach, daß du so gelitten hast, Lieber, Liebster!«

»Gelitten – nein, ich wußte es nicht, erst in der letzten Stunde. Ich hatte ja soviel zu tun. Es ist vieles anders geworden, ringsum und auch in mir.«

»Es ist schön geworden!« sagte sie innig und schmiegte sich an ihn. »Ich sehe es – an deinen Augen, an deinem Munde –«

Wieder und wieder hielten sie sich umschlungen.

»Nur hier, hier sitzt das Leid und ein seltsames Wissen« – sie deutete auf seine Stirn. »Kann ich dir das nicht wegnehmen, Lieber?« fragte sie traurig. »Liegt das nicht mehr in meiner Macht?«

»Laß es da bleiben, Lieb, es ist vielleicht das – Tiefste an mir.«

*

Lieben heißt, das Bedürfen des anderen als sein eigenes fühlen; hier aber gab es kein Bedürfen mehr, denn jedes war satt und trunken in der Hingabe an das andere.

Als wollten sie voneinander nimmer wieder lassen, so schritten die drei – sich eng umschlungen haltend – um den Garten herum, auf das Haus zu.

Auf der Vortreppe standen harrend Iwan und Janina und das ganze Hausgesinde.

»Willkommen, willkommen!« riefen sie alle wie aus einem Munde.

Heinz hob seinen Sohn hoch in die Arme und trug ihn jubelnd über die Hausschwelle und die Treppen empor.

»Verzeih, Lieb,« wandte er sich lächelnd an Verena, »beide konnte ich nicht tragen.«

»Schadet nichts, Mama,« tröstete der kleine Erik, »es macht ihm so Freude!« Er hatte seine dünnen Arme um den Hals des Papas gelegt und streichelte leicht sein Haar.

»Sieh, er hat ja neue graue Haare!« sagte er erschrocken, beugte sich über das Haar seines Vaters und küßte es.

»Du darfst nicht mehr graue Haare kriegen, gerade die eine weiße Locke ist so schön. Sonst wird die Mama traurig.«

Heinz trug seinen Sohn durch alle Zimmer und setzte ihn endlich in seinen eigenen Ledersessel vor dem Schreibtisch, kniete vor ihm nieder und sah ihn an. Die blauen Augen des Kindes blickten hell und unschuldig in seine suchenden, und doch schien ihm eine eigene Sehnsucht darin zu leben, wie die der aufblühenden Blume, die um ihrer Sehnsucht willen schon wieder am Welken ist und sich vom Sein ablösen will. Die schmerzhaft bittere Ahnung, daß sie dieses Kind nicht würden behalten dürfen, wurde wieder groß in ihm und preßte sein Herz mit einem namenlosen Weh zusammen. Es schoß ihm heiß in die Augen.

»Du Eigentum Gottes!« flüsterte er.

*

Das erregte Gefühl, das zuerst in großen, stürmischen Wogen gegangen war, begann sich allmählich zu beruhigen, und Verena hatte nun auch Zeit, sich dem strahlenden Iwan zuzuwenden und sich von ihm, seinen Zukunftsplänen und von seiner letzten Zeit mit Heino erzählen zu lassen.

Der junge Mann erschien ihr über alles Erwarten gefestigt, gereift und von einer frohen und sicheren Ruhe getragen, die sie wohltuend berührte.

Als sie es ihm sagte, reichte er Heinz die Hand. »Der hat mich ja erst zum Menschen gemacht, Verena Iwanowna, oh, Sie wissen nicht, was ich alles ihm zu danken habe!«

»Ob ich es nicht weiß!« sagte sie leise und sah ihren Heinz an.

Sie saßen wieder im Musikzimmer beieinander, Janina ein wenig abseits mit Erik, dem sie eine Geschichte erzählte.

»Sie wollen uns also jetzt verlassen, lieber Iwan?«

»Ja, ich habe nur noch Sie sehen wollen. Ich gehe zunächst nach Moskau, um Petja und meine Mutter aufzusuchen, und dann nach Petersburg, um zu arbeiten. Jetzt, wo ich weiß, was ich soll und was mein rechter Beruf ist, darf ich nicht mehr zögern. Ich freue mich auf meine Arbeit wie ein Kind auf einen Festtag.«

»Sie haben recht, Iwan. Aber eins dürfen Sie nie vergessen, Sie haben hier eine Heimat, und hierher sollen Sie immer zurückkehren, wenn das Leben Sie müde gemacht hat. Ach, es ist schön, zurückzukehren!« sagte sie lächelnd und reichte ihm die Hand.

Er beugte sich tief über ihre Finger und küßte sie.

»Ehe ich aber abreise, muß ich Sie noch einmal spielen hören!« sagte er mit glänzenden Augen.

Sie nickte ihm zu. »Hoffentlich nicht nur einmal. Eine kleine Woche sollten Sie immer noch hierbleiben.«

»Na, hören Sie mal, Iwan,« rief Janina aus ihrer Ecke erbost, »ich bin doch auch noch da. Man reist nicht ohne weiteres so fort, wenn man sich drei Vierteljahr nicht gesehen hat. Denken Sie etwa, ich wollte nicht haarklein über alles Bescheid wissen, was sich inzwischen hier zugetragen hat? Im Dorf, bei meinen Armen und Kranken, bei Doktors, vor allem mit unserm Heino?«

Alle lachten. Verena sagte neckend: »Janina stellt einmal Ansprüche! Auch ein Fortschritt. – Findest du übrigens nicht, Heinz, daß sich unser lieber Hausgeist erstaunlich modernisiert hat?«

»Nein, der Herr Oberverwalter sieht so etwas nicht, am wenigsten bei mir«, versetzte Janina trocken.

»Da irren Sie sich aber gewaltig!« rief Heinz lachend, »gleich als ich vor die Treppe trat, wo Sie standen, war ich geblendet.«

Der kleine Erik kam jauchzend auf den Papa zugelaufen und bedeckte ihm die Augen mit seinen Händchen.

»Nun, Heinzchen, sag', was hat sie denn an?« schmeichelte er.

Diese Anrede war so allerliebst, so unerwartet und neckisch, daß alle in ein fröhliches Lachen ausbrachen.

Heinz zog das eine Händchen seines Sohnes an seine Lippen und küßte es. »Hm, was sie anhat? Zunächst einen dunkelgrünen, modernen Rock, schmal um die Hüften und halblang, eine blau- und weißgestreifte ›Herrenbluse‹ – so ist doch der technische Ausdruck, nicht wahr? – mit zurückliegendem Kragen, einen blauen Schlips, korrekt zu einem Schifferknoten gebunden, und wirklich elegante Sandalen.«

»Bravo! Bravo!« rief man erstaunt.

Verena lachte in sich hinein. »Oh, für dergleichen hat er immer Augen gehabt. Das hat auch Heino von ihm geerbt. Er ist wie die Gaumont-Woche im Kinematographen, hört, sieht und weiß alles.«

Janina schüttelte verwundert den kurzgeschorenen Schädel. »Immer neue Überraschungen!« sagte sie nachdenklich.

Wenn ernste und tiefe Menschen fröhlich sind, so hat ihre Heiterkeit etwas Ursprüngliches und Mitreißendes. Verena begann in humorvoller Weise von dem Eindruck zu erzählen, den Janina bei ihrem Erscheinen in ihrer ursprünglichen Tracht in der Pension Violetta hervorgerufen habe. »Unsere gute Müsette kriegte beinahe Krämpfe vor Entsetzen und beschwor mich mit hochgehobenen Händen, ihrer erstklassigen Pension nicht den Skandal anzutun und das wunderliche Fräulein doch lieber auf ihrem Zimmer, statt in der illustren Gesellschaft und bei Tisch speisen zu lassen. Ich aber blieb gänzlich ungerührt. Eine alte italienische Marchesa, die offenbar sehr kurzsichtig war, erkundigte sich nach Tisch teilnehmend, wer der schweigsame Herr mit dem zarten Teint gewesen sei. Auf den Straßen wurden wir direkt verfolgt und verursachten einen Auflauf. Kurz, nirgends wollte man es begreifen, daß unsere gute Janina sich doch nur kleidete, wie es ihrer Wesensart entsprach. Da blieb mir denn nichts übrig, als einen Schneiderkünstler aus Verona kommen zu lassen –«

»War das ein Kreuz!« warf Janina entrüstet ein.

– »Der die Mängel und Schäden ihres Äußeren in Begleitung blumiger Redensarten zu reparieren versuchte.«

»Da lob' ich mir die Künstler!« sagte Janina voll Anerkennung, »sie allein haben mich in Ruh' gelassen und mit keinem Blick belästigt, weder der dicke Tenor, noch auch Herr Ephraim Rosenblüt. Was der übrigens für ein Stutzer geworden ist!«

»Dafür waren's eben Künstler, das heißt Menschen, denen nichts Menschliches fremd ist. Und Ephraim, das ist ein besonderes Kapitel, da muß ich doch extra seinetwegen zum alten Moses Silberstein hinspazieren.«

»Ich komm' dann mit, Mama, ja?« rief Erik fröhlich, »ich soll doch dem alten Moses etwas mitbringen, du weißt doch – das Schöne.«

Er blinzelte vergnügt und geheimnisvoll.

»Du hast ja allen so viel Schönes mitgebracht, daß ich gar nicht weiß, was du meinst, Erik.«

»O ja, du weißt es!« rief der Kleine überselig, »denk' nur ein ganz kleines bißchen nach.« Dann sagte er leise: »Das Allerschönste kriegt aber Heino, und das hab' ich selbst ausgesucht.

Nur für Papa haben wir nichts!« fügte er betrübt hinzu.

»Für Papa haben wir das Allerschönste – uns selbst.«

Abends, als Erik schon längst in seinem Bettchen schlief, saßen Verena und Heinz noch in ihrem Schlafzimmer beisammen, eng aneinandergeschmiegt.

Sie hatten keine Worte mehr. Jedes lebte und webte in dem anderen, und dennoch ruhte auf dem Grunde ihrer Seelen eine heimliche Angst, lastete eine bange, heiße Frage, die keines auszusprechen wagte, und die doch jedes im andern empfand.

Nach langem Schweigen, während sie ihre Herzen aneinander pochen fühlten, kniete Verena vor ihm nieder, nahm seine Hände und legte ihr Gesicht hinein.

»Heinz,« sprach sie erstickt, »ich fühle deine ungesprochene Frage – ob ich stark genug geworden bin, in dieser Zeit mit Erik – – ihn auch verlieren zu können. Ach Heinz, Heinz, ich weiß es nicht.«

Er fühlte seine Hände naß werden von ihren strömenden Tränen.

»Sieh, als er krank war, da glaubte ich es zu können, ach, er war sehr krank, es war viel schlimmer, als ich schrieb. Hätte ich denn sonst so unendlich lange von dir fortbleiben können? Aber als er wieder kräftiger wurde, und er ist jetzt viel kräftiger denn jemals, da wußte ich, ich würde mit ihm gehen müssen, wenn er uns genommen würde. Ach Heinz, und das – das mußt' ich dir sagen. Du bist der Stärkere von uns beiden, ich mußt' es dir sagen ...«

»Lieb!« flüsterte er erschüttert.

Sie sah zu ihm auf. »Vergib mir!« ächzte sie.

Er nahm sie in seine Arme und zog sie auf seine Knie. Sie bettete ihr Haupt an seine Schulter, still flossen ihre Tränen nieder.

»Ach, bei dir ist's gut ruhn!« sagte sie müde. »Du verstehst, du vergibst alles.«

Sie schwiegen lange. Wie Gold und Purpur leuchtend, versank in ihnen diese schmerzhafte Liebe, dieses zerreißende, ahnungsvolle Weh, und ein weißes Licht brach in ihnen an, und ihre Seelen rangen sich vereint durch diese neue schimmernde Lichtflut aufwärts wie auf Mövenflügeln. In ihnen ward es still.

»Du, ich weiß noch ein Anderes,« murmelte Heinz, »ein Größeres, das Letzte und Höchste – das kümmert sich nicht um Tod und Trennung, es ist immer da, wenn wir es nur zu halten wissen. Überwunden ist darin beides ...«

Sie sah ihn mit schweren Augenlidern an. »Sprich weiter!«

»Das ist das Lied von der All-Einheit, von dem Gottgeist, welcher im Menschen ist, von den enthüllten Nähen. Wie kann uns etwas genommen werden, das mit uns Eins geworden ist? Kann dir deine Kunst genommen werden? Sie ist Eins mit dir! Du und ich, wir sind Eins, und wir sind Eins mit unserm Erik.

Ich hab' das alles durchlebt, Lieb, als du fort warst – hätt' ich es denn sonst tragen können? Früher, in deiner Leidenszeit mit Heino, als ich stumpf und blind daran vorüberging, da war ich noch nicht ganz Eins mit dir, obwohl es so schien, denn ich fühlte dein Bedürfen nicht. Nachher – hab' ich's gelernt: Du warst immer bei mir, du wirst immer bei mir sein. Nicht Raum noch Zeit vermag uns zu scheiden.«

Sie fühlte seinen Körper vor Inbrunst beben.

»Auch nicht der Tod?« fragte sie hingerissen.

»Auch nicht der Tod!«

Sie richtete sich auf und sah ihn lange an, als sähe sie ihn zum erstenmal.

»Heinz, du mußt Wunder erlebt haben!« sagte sie leuchtend. »Du hast Flügel, ach, lehre mich fliegen! Ich bin müde.«

*

Es lag ein Glanz über den Tagen, die nun kamen.

Verena und Heinz schienen eine neue Kraft in sich aufgenommen zu haben, wie sie bei ihnen bisher so nicht gewaltet hatte; vielleicht war sie durch die Trennung genährt und entfaltet worden – diese Kraft des Miterlebens. Nicht nur erfaßte Verena alle Phasen des Kampfes, den es mit und um Heino gegeben hatte – sie sah seine Entwicklungen und Wendungen, die Höhepunkte und Krisen mit deutlicher Bildhaftigkeit vor sich, sie empfand das Ringen, die Niederlagen und die Siege Heinzens aus kleinen Beiwörtern, unwillkürlichen Gesten und Ausrufen. Aus der Schattierung dieser Töne und Halbtöne schaffte sie sich vermittelst ihrer künstlerischen Intuition den Hergang der Zustände, die Vater und Sohn durchlaufen haben mußten, wieder und von neuem, und sie kam zu dem beseligenden Schluß, daß das Opfer der Trennung nicht umsonst gebracht worden sei. Auch seinerseits versenkte sich Heinz in die Einzelheiten ihres Lebens und Empfindens da draußen. Er erfaßte ihre durch die Angst um Erik stetig genährte, gesteigerte Gefühlshingabe an dieses Kind als das Natürlichste von der Welt, und er mußte über seine eigenen früheren Anwandlungen von Eifersucht gegenüber seinen Kindern mitleidig lächeln.

Wovon sie auch ausgehen mochten in ihren Gesprächen, immer endeten sie bei ihrem Erik.

»Dieses Kind ist nichts weniger als ein Wunderkind,« sagte Verena eines frühen Morgens versonnen, während sie mit Heinz durch den taufeuchten Garten schritt, »aber es ist ein Wunder. Überall, wo Erik einmal war, blieb etwas von ihm zurück wie ein helles Lächeln, und alle Dinge erschienen den Menschen auf eine Weile wie von einem neuen Dufte verklärt. Als wir fortfuhren, gab's schmerzliche Tränen in der ganzen Pension, sie galten unserm Kleinen.«

»Was bei mir als Kind nur Mitleid war, hat sich bei ihm zur Liebe verklärt,« erwiderte Heinz, »das ist das liebliche Geheimnis seines Wesens.«

»Ja, und es äußert sich in tausendfacher Art. Er empfindet mit den Organen der anderen. Aber nicht nur mit den Menschen, sondern mit allen Wesen. Gestern zum Beispiel, als ich die Blattpflanzen begoß, stand er lauschend still und sagte: ›Jetzt trinkt die arme Pflanze, sie war so durstig. Wie sie saugt! Ich höre das Wasser, wie es in ihr emporsteigt.‹«

»Sagte er das?« fragte Heinz bewegt.

»Ach, und wieviel tausend Dinge der Art! Immer ist er im tiefsten Grunde seines Seelchens beschäftigt. Nicht wie andere Kinder stellt er im Spiel ein Tier, eine Pflanze, einen Baum vor, nein, er ›ist's‹ auch sofort mit allen Sinnen, mit seinem ganzen Sein. So trägt er das Leben eines Baumes in sich, mit allem Treiben und Dehnen, mit dem dumpfen Träumen und Saugen der Wurzeln und den tausend Verästelungen der Zweige, mit dem Knospen und Entfalten und Sichspannen der Blätter. Sein Gesicht nimmt dann einen tiefernsten, lauschenden Ausdruck an, als sei er weit, weit fort, feierlich, wenn er sich als Zypresse fühlt, lieblich und strahlend, wenn er ein blühender Pfirsichbaum sein will. Tausend Leben hat er in sich, ähnlich wie du, Heinz, und doch noch ganz anders. Oft hab' ich denken müssen, unser kleiner Schatz sei wunderbar begnadet – ein Genie.«

»Ein Genie der Liebe vielleicht – –« sagte Heinz erschüttert, »ein Kind der Liebe ist er gewiß.«

Und in seinem Herzen stand jäh ein anderer Gedanke vor ihm auf, vor dessen Größe er erschrak. War das nicht die Erfüllung, das höhere Leben, das, wonach er sich selbst von seiner Kindheit an gesehnt hatte, die Einheit – hieß man es nicht auch das – Reich – Gottes?

Eine königliche Scheu gebot ihm, mit Worten nicht an diesen Dingen zu rühren.

Im Gehen waren sie die Terrassen emporgeschritten und standen jetzt in der Allee, von der aus sie einen Durchblick über das Dorf hatten.

Die Strohdächer schliefen noch im Morgenlicht, hier wehte ein Rauchfetzen unruhig und aschgrau, dort in der Ferne rührte sich etwas Neues, etwas Buntes.

»Sieh nur noch ein wenig hin, Liebling.«

»Eine Fahne? Was ist das für eine Fahne, Heinz?«

»Das ist meine große Überraschung für dich, mein Schulhaus.«

»Aber Heinz! Und das sagst du mir erst jetzt! Hast du Zeit? Können wir gleich hingehen?«

Er hatte Zeit. Sie riefen Erik und Janina und gingen. Hatte sich Heinz vorahnend auf diese Stunde gefreut, sie ward in ihrer Herrlichkeit und Süße bei weitem von der Gegenwart übertroffen.

Aber noch eine andere, schönere Stunde stand ihm bevor.

Am Abend kam Heinz zu ihr im Tenniskostüm nach einem Tage erdrückender Glut. Er hatte soeben ein erfrischendes Bad genommen und die Ärmel seines Hemdes hoch aufgestreift.

»Darf ich in dieser Toilette?« fragte er lächelnd.

Sie sah ihn mit leuchtender Freude an. »Wie du nur fragst, Lieber! Was ist denn aber das für eine Narbe? Eine Wunde hattest du am Arm? Woher? Davon weiß ich ja nichts.«

Erschrocken zog er den Ärmel herunter. »Du solltest auch nichts davon wissen – .«

Doch nun half kein Sträuben, er mußte berichten. Und er sah, wie ihr liebes, schmales Gesicht immer blasser und blasser wurde, sah, wie ein zitterndes Entsetzen wie mit grauen Flügeln darüber hinstrich, fühlte eiskalte, tastende Hände, hörte einen erstickten Wehelaut.

Nur noch Auge, nur noch Seele war sie, sah ihn an und schwieg – atemlos.

»Und ich ... habe nur um Erik gebangt!« sagte sie leise nach einer wehen Pause – »und dich – dich! O Heinz, Heinz, das ... wäre das Allerfurchtbarste gewesen!«

Von nun an wurde ihr Ineinanderleben fast vollkommen. Ein großer, stiller Morgenrausch jedes neuen Tages war ihr Lieben, blühend wie aus tiefem Gelübde einander alles zu geben, gehalten in seiner Vielfarbigkeit und Buntheit, gesammelt in seiner Einzigkeit und voll zarten Schweigens.

In ihrem Schweigen aber offenbarte sich ihnen eine eigene Wahrheit. Sie erkannten, daß dieser Tage Glanz einzig und einmalig sei, daß er so und in dieser Leuchtkraft nie wiederkehren würde, sie empfanden, daß sie selbst in einem Hochzustande seelischer Kraft waren, wie sie ihn nie zuvor erlebt hatten, und darum zählten sie die Stunden und Minuten ihres Beisammenseins, darum zögerten sie mit ihrer Reise zu Heino und verschoben sie von einem Tage zum anderen.

Iwan war schon längst abgereist. Auf die hitzige Glut des Sommers war ein leuchtender Herbst gefolgt. An dieser Tage goldener Sonne, an dieser Farben ruhiger Tiefe, an dieser Fülle stetigen Schaffens und Erntens freuten sie sich und tranken sie sich satt. Verena begann, Heinz zu Pferde zu begleiten; auf Heinos kleinem Pony machte Erik seine ersten schüchternen Reitversuche. Die Doktorsfamilie, die ihre Jungen bitter vermissen mochte, gesellte sich manchmal in den Abendstunden zu ihnen, und wenn jene Eltern schmerzlich über die Stille in ihrem Hause klagten, empfanden es Heinz und Verena fast wie einen Vorwurf, daß ihr Heino ihnen nicht sonderlich fehlte.

Einmal war Eliane allein gekommen. Sie hatte eine bewundernde Zuneigung zu Verena gefaßt und sprach sich ihr gegenüber offener über ihre kleinen Angelegenheiten aus, wie sonst wohl mit der Mutter. Diesmal hatte sie einen Brief von Bibse in der Tasche, den sie Verena vorlesen wollte, denn, da jeder der Buben einmal die Woche nach Hause zu schreiben verpflichtet war, so brachten die Briefe der Doktorsjungen doch auch indirekte Nachrichten von Heino.

Verena und Eliane saßen auf der Terrasse unter den hohen Säulen, vor sich die bunte Pracht des Gartens, dessen Bäume schon in herbstlichen Farben spielten.

Eliane hatte sich zu Verenas Füßen auf einem Polsterschemel niedergehockt und schmiegte sich zärtlich an sie. Auf ihrem stillen, länglich ovalen Gesicht ruhte ein grübelnder Ernst. Ihr duftiges Blondhaar hing gelöst über die kindlichen Schultern. Der ganze Reiz zarter, eben erst erwachter Jungfräulichkeit war in ihr.

»Ich möchte Sie immer um so viele Dinge fragen, gnädige Frau«, sagte sie schüchtern. »Immer lege ich mir alles mögliche zurecht, bin ich aber erst bei Ihnen, so habe ich alles vergessen.«

Verena lächelte. »Sie müssen sich's nächstens aufschreiben, liebe Kleine.«

Eliane blickte vor sich nieder. »Ach ja,« sagte sie ernsthaft, »das will ich ganz gewiß tun.« Nach einer Weile hob sie den Kopf und sah Verena mit einem hellen Blick an. »Wie kommt es nur, daß man manchmal Dinge weiß, die einem doch niemand gesagt hat, und die eher nach dem Gegenteil aussehen?«

»Wie meinen Sie das, Kind?«

»Es ist so schwer auszudrücken,« erwiderte Eliane zögernd, »ich möchte es Ihnen an einem Beispiel sagen. Eben habe ich an Ihre Knaben denken müssen. Heino kenne ich ja gut, er war ja so lange bei uns im Hause, nun, er hatte mich auf seine Art gewiß sehr lieb und zeigte mir seine Zuneigung beständig in seiner warmen, raschen Weise. Ihr kleiner Erik aber hat so was Stilles, Kühles, Zurückhaltendes, und doch weiß ich ganz sicher, daß in Erik viel mehr Liebe ist als in Heino.«

Verena sah sie erstaunt an und nickte vor sich hin. »Da haben Sie ganz recht, es ist auch so. Kühle nach außen ist meist nicht Leere, sondern Beweis von Fülle. Übrigens dürfen Sie Eriks Beziehungen zu Ihnen nicht mit Heinos vergleichen, da der Kleine Sie noch viel zu wenig kennt, und nichts von Heinos ausschließender, leidenschaftlicher Zuneigung hat. Aber Liebe hat er in sich, das weiß der Himmel!«

Versunken und glücklich lächelte sie, schaute in die Ferne und wiederholte: »Nein, Kühle nach außen ist nicht Leere! Denken Sie etwa an Goethes Unnahbarkeit, sie war ihm Selbstschutz gegen die Glut seines Innern. Seine Organisation war so zart, daß ihn das Geringste, sagen wir, ein fallendes Blatt, schon in Schwingungen versetzen konnte, während andere, gröber veranlagte Naturen, wie zum Beispiel Napoleon, Kanonendonner brauchten, um davon erschüttert zu werden. Die Griechen hatten ihre lydische Flöte, sie war ihnen genug, unsere Zeit braucht rauschende Orchestermusik mit Paukenschlag und Trommelwirbel.«

Nachdenklich sah Eliane in die dämmernde Stille hinein. »Woher wissen wir aber die Dinge, ich meine, das Echte vom Unechten zu unterscheiden? Wie kommt es, daß wir uns im Innersten doch nicht täuschen lassen?«

»Weil in jedem, der Wahrheit sucht, auch Wahrheit ist!« sagte Verena rasch. Nach langem Schweigen fuhr sie fort: »Die Wahrheit, der Geist, das Leben ist Eins und unteilbar. Wir Menschen in unserer unübersehbaren Vielheit und Verschiedenheit haben alle mehr oder minder Wahrheit, Geist und Leben in uns, und dennoch hat keiner allein das Ganze. Je selbstloser aber einer ist, desto echter ist er, desto mehr nimmt er zu an Wahrheit, Geist und Leben.«

Eliane küßte Verena still die Hand.

»Sehen Sie, wie wundervoll groß und rot der Mond da aufsteigt, Kind«, sagte Verena mit einem tiefen Seufzer des Glücks.

»Ach, da will ich Ihnen doch gleich Bibses Brief vorlesen, ehe es dunkel wird. Nicht wahr, ich lese nur die Stellen über Heino.«

Eliane zog den Brief aus der Tasche und suchte nach den rechten Zeilen. »Ah, hier, also: ›Heino ist ganz komisch; er sagt, er hat Heimweh, und er wird nächstens nach Amerika ausreißen. Wir haben sehr gelacht, aber dann wurde er zornig, und da haben wir uns tüchtig verhauen. Nachher hat er uns Schokolade gekauft, und auf dem Boden hat jeder heimlich eine Zigarette geraucht, und die Frau Pastor hat nichts gemerkt. Sag' das aber ja nicht Mama, Eliane, ich hab' die Stelle eingeklammert, damit Dir beim Vorlesen kein Malheur passiert.‹«

Sie lachte. »Dummer Bub'!«

»Heimweh hat Heino – der arme Jung'!« sagte Verena teilnehmend. In Gedanken fuhr sie sehr energisch und ein wenig unzufrieden mit sich fort. ›Nun wird aber auch nicht länger mit der Hinreise getrödelt, morgen fahren wir!‹ dachte sie. Laut fragte sie: »Von wann ist der Brief datiert, Eliane?«

»Von vorgestern. Es ist schrecklich, wieviel Zeit die Briefe aus der Stadt hierher brauchen. Ganze zwei Tage für nur fünfzig Werst!«

Jetzt trat Heinz mit Erik an der Hand aus dem Musiksaal zu den beiden auf die Terrasse und begrüßte Eliane.

»Brüten Sie wieder über tiefsten Dingen und unauflösbaren Geheimnissen, Fräulein Eliane?« fragte er neckend.

Die Kleine wurde rot, und Verena legte ihr gütig die Hand auf den Arm.

»Es ist ein ganz besinnliches Mägdlein, Heinz, nächstens schicke ich das kleine Fräulein zu dir, wenn mir ihre klugen Fragen zu kompliziert werden.«

Heinz zuckte die Achseln. »Ja, ob ich immer vertrauenswürdig bin?«

Der kleine Erik sah Eliane aus seinen langbewimperten Augen an und faßte zutraulich ihre Hand.

»Du bist so wie Efeu!« sagte er leise.

Sie beugte sich zu ihm nieder und küßte ihn auf die klare Stirn. »Und du, wie bist denn du?«

»Ach ich, ich bin gar nichts, ich hab' nur alle, alle Menschen und Tiere und Dinge lieb.«

In diesem Augenblick hörten sie ein sonderbares Aufstampfen hinten am Gitterzaun, so als ob jemand aus beträchtlicher Höhe auf den Boden spränge, dann hastende Laufschritte –

Eine stämmige Knabengestalt kam den Kiesweg dahergestürmt, sprang die Treppenstufen der Terrassen in wilden Sätzen empor, schleuderte die Arme in die Höhe, jauchzte, keuchte, schluchzte: »Mama, o Mama!« – war wie ein Sturmwind oben und warf sich verstaubt, beschmutzt, zerlumpt und glückselig vor Verena nieder.

»Mama ..., o Mama!«

»Um Gotteswillen – Heino! Wo kommst du her?«

*

Im ersten Taumel des Wiedersehens sah er nur Verena und nur sie. Er hing an ihrem Halse, er bedeckte ihre Wangen, ihr Haar, ihre Hände, ihr Kleid mit wilden Küssen, er fühlte nicht, daß sie ihn leise zurückdrängte, und erst, als sie immer noch schwieg, schrak er in sich zusammen und hielt inne.

»Hast ... hast du mich denn gar nicht mehr lieb?« fragte er zitternd.

»Ich habe eine andere Frage an dich: Bist du heimlich davongelaufen?«

Er starrte sie an, er atmete schwer. »Ja!« sagte er endlich betreten, stockend fuhr er fort: »Ein Bauer von hier, der lahme Jerossim, war in der Stadt ... er sagte, du wärest schon lange angekommen, und ich wartete und wartete ... und zuletzt –«

»Die armen Pastors!« rief Verena schmerzlich.

Gleichzeitig fühlte Heino eine ruhige Hand an der Schulter. »Ach Papa!« sagte er erschrocken.

Aber in des Vaters Augen leuchtete ein seltsamer Glanz von Mitleid und Verständnis.

»Junge! Junge!« sagte Heinz nur, »weißt du denn auch, was du getan hast? Hast du denn gar kein Pflichtgefühl?«

Und als müsse der Knabe sich zu dem Vater flüchten vor all der bitteren Enttäuschung dieses Wiedersehens, warf sich Heino laut aufschluchzend in seine Arme.

Der Vater ließ ihn ruhig an seiner Brust ausweinen. Verenas Augen hingen freudig an den beiden und wurden sanft und schimmernd.

Endlich zupfte der kleine Erik seinen Bruder am Kittel. »Heino, Heino, – guten Tag!«

Heino löste sich widerstrebend vom Halse des Vaters – »Ach so, Erik!«

Er gab ihm unsicher die Hand. Der Kleine reckte sich an ihm empor in dem Bemühen, ihn zu küssen, aber da Heino wie in einem seltsamen Bann steif stehenblieb und den kleinen Bruder staunend betrachtete, beugte sich Erik über Heinos Hand und küßte sie zärtlich.

Diese Bewegung hatte in ihrer hilflosen Einfalt etwas so lieblich Rührendes, daß Verena die Tränen in die Augen traten.

»Aber Erik, was machst du? Laß doch!« knurrte Heino rauh und entzog ihm beschämt die Hand. Er faßte den Kleinen beim Kopf, wendete sich ab und preßte ihn an sich, so als wollte er sich und ihn vor aller Welt verstecken.

»Du bist wohl schrecklich müd' und hungrig, armer Heino – wir haben dir aber auch so was Schönes mitgebracht – gelt, da bist du wieder froh?«

Heino stand da mit gesenktem Kopf, er fühlte sich auf einmal ganz verlassen in der Welt, ihm war, als sei er, wie vorhin auf der Straße, in einer öden Weite allein. Er hörte noch Eriks schmeichelndes Stimmchen in sich nachklingen, er wußte auch, Erik meinte es gewiß gut, aber er brauchte keine schönen Sachen – etwas anderes, ja, ganz etwas anderes brauchte er.

Er fühlte aller Augen auf sich gerichtet und bemerkte jetzt auch Eliane, die sich hinter Verenas Stuhl zurückgezogen hatte.

»Guten Tag, Eliane«, sagte er tonlos und ohne Freude und hielt ihr die Hand hin.

»Lieber Heino ...« sie sah ihn mit guten Augen an.

Nur auf diesen Augenblick hatte sie gewartet, um sich geräuschlos zu entfernen.

»Ich gehe jetzt, gnädige Frau, gute Nacht«, flüsterte sie Verena zu und gab allen schnell die Hand.

Bei Erik aber kniete sie in einer plötzlichen Eingebung nieder, legte seine dünnen Ärmchen um ihren Nacken, bog den Kopf ein wenig zurück und bat: »Küss' mich, Erik!«

Die weichen, kühlen Lippen des Kindes berührten ihre Stirn wie ein Hauch. Beglückt erhob sie sich und schritt in die dunkle Stille der Kastanienallee hinein, die auf der Rückseite des Hauses aus dem Garten führte.

Heinz war inzwischen in das Haus zurückgegangen, um eine Depesche an Pastors aufzusetzen. Verena blieb mit den beiden Knaben allein.

»Komm einmal zu mir, Heino,« sagte sie ruhig, »und du, Erik, spring in die Küche und sag', man möge Heino gleich etwas zu essen bringen.«

Während Erik vergnügt davonlief, stand Heino mit gesenktem Kopf und rührte sich nicht.

»Nun ... Heino?«

Er warf einen verzehrenden Blick auf sie: »Du hast mich ja – nicht mehr lieb!« murmelte er.

Verena seufzte schmerzlich. Eine heiße Ungeduld stieg in ihr auf. Zu lange war sie dieser quälenden Art, die sie, ach, nur zu gut kannte, entwöhnt gewesen. Würde er denn niemals dieses Schwanken zwischen den Gefühlsgegensätzen lassen können? Aber war sie nicht mit an seinem unerhörten Übergriff schuld, den er sich doch ausschließlich aus Liebe zu ihr erlaubt hatte? Warum hatte sie die Fahrt zu ihm von Woche zu Woche hinausgeschoben?

Sie fühlte das brennende Verlangen in sich, wieder gutzumachen, zugleich ihm ein für allemal alle Möglichkeit zu neuen leidenschaftlichen Ausbrüchen abzuschneiden. Feurig sprang sie auf und trat auf ihn zu mit hängenden Armen und fest geschlossenen Händen.

»So, Heino!« sprach sie mit fester Entschlossenheit, »ich hab's satt, dich immer und immer wieder an mir und meiner mütterlichen Liebe zweifeln zu hören. Was willst du, was verlangst du von mir? Wie ich fühle und denke, weißt du. Daß ich dich liebhabe, bedarf keiner Worte, keines Beweises mehr. Ich habe jahrelang fast nur für dich gelebt, nun bist du meinen Händen entwachsen. Aber daß du nicht einmal Vertrauen zu meiner Mutterliebe behalten hast, das ist traurig, das hab' ich nicht um dich verdient.«

Ihre Stimme schwankte, sie brach in Tränen aus.

Entsetzt starrte der Knabe sie an. In diesem Tone hatte die Mama nie zu ihm gesprochen.

Er warf sich ihr mit einem Ausdruck heißester Leidenschaft entgegen und umfaßte ihre Gestalt.

Sie wich von ihm zurück. »Rühre mich nicht an!« rief sie, glühend vor Schmerz und Zorn. »Glaubst du, ich hätte es nicht empfunden, daß du beständig zwischen Liebe und Mißtrauen herumschwankst? Weiß ich denn nicht, was in dir vorgegangen ist all die Zeit? Kenne ich dich denn etwa nicht? Wie wagst du es, nach allem, was du erlebt und erfahren hast, nach all der Liebe und Geduld, die dir dein Vater Tag um Tag geschenkt hat, an deiner leidenschaftlichen Art festzuhalten? Wie wagst du es, mich zu berühren, mich zu küssen, wie du es zuvor getan hast? Muß ich dich den Respekt vor mir lehren? Fühlst du ihn nicht selbst? Du bist noch ein Kind, und dennoch bist du leider nicht mehr Kind genug, um nicht zu wissen, daß das häßlich und unvernünftig ist, daß ich es nicht dulden kann, nicht dulden will. Du bist jetzt über solche Dinge aufgeklärt, ich lese es in deinen Augen, ich weiß es durch den Doktor. Was sollen also diese Ausbrüche? Mich ekelt vor ihnen – ich will sie nicht mehr ertragen!«

Heino sah sie mit weit aufgerissenen, gläsernen Augen an. Er war bleich geworden wie ein Tuch. Langsam war er von ihr zurückgewichen, bis an den Rand der Balustrade.

Sie erschrak vor seinem Ausdruck. War sie nicht in ihrem Zorn zu weit gegangen? Hatte sie es nicht vergessen, daß sie doch noch zu einem Kinde sprach? Ach, sie wußte es wohl.

»Heino,« sagte sie zitternd und schmerzlich, »Heino – tu mir nicht unrecht, mein Sohn. Lerne doch ein für allemal erkennen, daß ich dich liebhabe wie zuvor, daß ich mit dir leide und gelitten habe. Ich weiß, was dich die fünfzig Werst zu Fuß und hungernd zu mir hergetrieben hat, ich weiß, daß du mich in Treue in deinem Herzen trägst, das eine aber, das ich nicht wissen will, ist die Art. Nicht gegen deine Liebe bin ich zornig, nur gegen die Art deiner Liebe!«

Es lief ein Zucken durch seine Züge. Er wandte sich ab. »Du hassest mich!« brach es schneidend und bitter aus ihm hervor.

Ihre Geduld, ihre Kraft, ihr Glaube waren am Ende.

Erschöpft sank sie in ihren Stuhl zurück und weinte, weinte leise und schmerzlich.

Sehr zur Unzeit kam das Mädchen mit einem Tablett guter Sachen und einem Windlicht; sie stellte alles auf einen kleinen Tisch und rückte ihn zu Heino heran. Als sie die weinende Herrin gewahrte, entfernte sie sich leise, ohne Heino zu begrüßen.

»Setz' dich und iß!« gebot Verena mühsam.

Heino stand, an das Terrassengeländer gelehnt, und starrte verzweifelt vor sich hin. Geekelt hatte die Mama sich vor ihm! Nacht anrühren durfte er sie! Das war's, was hundertstimmig in ihm nachklang – war er denn ein böses Tier? Das andere hatte er kaum gehört.

»Setz' dich, Heino, und iß!« sagte sie noch einmal.

»Ich mag nicht!« schrie er heiser, wandte sich um und jagte wie ein Verlorener die Terrassen hinab in das Dunkel des Gartens hinein.

»Heinz! Heinz!« rief Verena außer sich.

Heinz stürzte auf die Terrasse und seinem Jungen nach.

Nach langem Suchen hatte er ihn unter einem Fliederbusch gefunden. Ein Häufchen Elend, von schluchzenden Zuckungen geschüttelt, hatte sich Heino dahin verkrochen.

Mit sanfter Gewalt brachte der Vater den Widerstrebenden, der sich mehr schleppen als führen ließ, wieder auf die Terrasse zurück.

Da saß der Junge stumm und stumpf vor den lockenden Speisen und weigerte sich, sie anzurühren.

»Ich will nichts, ich bin nicht hungrig«, waren die einzigen Worte, die er hervorbrachte.

Endlich schickte ihn der Vater zu Bett.

*

In Unruhe blieben die Eltern zurück.

»Ich bin doch wohl zu heftig, zu scharf gewesen!« ächzte Verena. »Wenn er sich nur nichts antut! Soll ich nicht noch zu ihm hineingehen?«

Heinz hielt sie zurück. »Wir wollen Janina zu ihm schicken. Wir zwei, wir haben getan, was wir konnten, ich fürchte, unsere Eingriffe wären von verlorener Wirkung.«

Zuvor mußte Janina über die ganze Sachlage unterrichtet werden. Sie war soeben von einem Armenbesuch zurückgekehrt und wußte noch nichts von Heinos tollem Streich. Wenn ihre unveränderliche Liebe zu Verena ihr auch die Augen über die Verhältnisse im allgemeinen geöffnet hatte, und sie sie klar genug durchschaute, so konnte sie doch nicht wissen, inwieweit die Dinge zwischen den Eltern und Heino zur Aussprache gelangt waren. In einer zarten Scheu hatte sich Verena bisher davor gehütet, daran zu rühren. Heute aber brauchte sie ihre Hilfe.

Mit Tränen in den Augen beugte sich Janina über ihre Hand und dankte ihr in herzlichen, schlichten Worten für das Vertrauen, das sie bisher schmerzlich entbehrt hatte.

»Was in meiner Macht steht, das will ich tun, das versteht sich ganz von selbst, liebe, verehrte Freunde«, sagte sie bewegt und bestimmt. »Daß Heino sich kein Leid antut, dafür stehe ich Ihnen mit meiner ganzen Person. Sollten Sie glauben, daß ich ihm auch späterhin in der Stadt nützlich sein kann, so schicken Sie mich nur hin.«

Während sie miteinander verhandelten, war Erik freudig zu seinem Bruder ins Schlafzimmer gelaufen. Erschrocken machte er halt. Heinos Zustand brannte ihm Entsetzen und heißes Mitleid ins Herz.

Heino saß halb ausgekleidet auf seinem Bett und stierte finster vor sich hin. In seinen Augen glühten dunkle Mächte, eine wilde Schönheit lag über ihm.

»Heino, lieber Heino, was ist dir?« rief der Kleine atemlos, zärtlich umfaßte er den Bruder.

Von einem harten Stoß getroffen, flog er ein paar Schritte zurück.

Wieder war Erik bei ihm, zitternd umschlang er seine Schultern. »Heino, lieber, lieber Heino, warum bist du so traurig?«

»Geh! Laß mich! Ich kann dich nicht leiden.«

»Aber Heino, Herzens-Heino – was hab' ich dir denn getan?« ächzte der kleine Erik, glitt auf den Boden nieder, umklammerte Heinos Knie und legte zutraulich sein Köpfchen darauf.

Aus den großen blauen Augen strömten Tränen.

Heino tat es wohl, ihn weinen zu sehen. Er verhärtete sein Herz mit Wut und Wonne. »Heulfritze!« sagte er verächtlich.

»So sag' doch nur ein Wort, Heino,« bettelte Erik mit einer klanglosen, dünnen kleinen Stimme, »du bist auf einmal so ganz anders. Hat – Mama dich gescholten?«

Mama! Dieser Name riß alle Wunden wieder auf. »Sie haßt mich!« schrie Heino wie ein Wahnsinniger, sein Körper wand sich vor zurückgehaltenem Schluchzen, in heiseren Lauten brach ein Stöhnen aus ihm hervor.

»Aber Heino!« Erik hob ihm sein Gesicht entgegen, von Tränen gebadet war es nur ein strahlendes Lächeln, »lieber dummer Heino, wie kannst du das glauben? Mama hat dich ja so lieb, wie hat sie immer von dir gesprochen!«

»Das ist nicht wahr!« bellte Heino wütend.

Eifrig rief Erik: »Doch, ja, es ist ganz wahr, ganz, ganz wahr! – Sieh nur, alle Tage haben wir in Garda von dir gesprochen. ›Was macht der Heino jetzt?‹ hat sie immer gesagt, und: ›Sieh, er gibt sich soviel Mühe, Heino ist so geschickt und tüchtig, das mußt du auch werden‹; ja, so hat sie gesagt.«

»Das ist doch nicht wahr, du lügst!« sagte Heino verbissen. Es stieß und stieß in ihm, er wollte es nicht wahr sein lassen.

»Heinochen, ich lüge doch niemals!« rief Erik schmerzlich und hob die dünnen, zitternden Hände.

»So sag' ›bei Gott!‹ Steh auf und heb' die Hand – – und schwöre.«

Erik stand auf. Wie eine zarte Lichtgestalt stand er da und hob eine bebende Hand. »Bei Gott!« kam es langsam und ausdrucksvoll von den bleichen Lippen.

Heino war bewegt, wider Willen. »Aber dich liebt sie ja doch viel mehr!« sagte er endlich, nach einem anderen Grunde haschend, an dem er seine Erbitterung rechtfertigen konnte.

»Nein, ach nein, das glaub' ich nicht!« rief Erik ängstlich.

Und grausam sprach Heino: »Du glaubst es nicht nur, du weißt es.«

Erik umklammerte ihn von neuem und sah ihm bittend in die Augen. »Heino, sieh, sie liebt uns doch beide ganz gleich.«

»Das lügst du!« schrie Heino von neuem in Wut.

Diesmal wurde Erik rot. Eine fahle, durchsichtige Blässe folgte auf die jähe Röte und wechselte einigemal wie Licht und Schatten auf seinem feinen Gesicht.

Heino sah ihn durchdringend und boshaft an.

»Du weißt, daß du jetzt gelogen hast!« sprach er mit dem Ausdruck und der Würde eines Richters, dem es nach einem endlosen Kreuzverhör endlich gelungen ist, den Delinquenten seiner Schuld zu überführen.

»Nein, ach nein, Heino, ich weiß es nicht.«

»So schwöre es!«

Erik ward von Schauern geschüttelt. Mit zitternden Lippen fragte er: »Was soll ich denn schwören, Heino?«

»Daß sie dich nicht lieber hat als mich.«

Erik sah ihn hilflos, sah ihn gequält und flehend an und sank wieder vor ihm nieder.

»Siehst du, das kannst du also nicht!« höhnte Heino.

»Heino, Heino, wie kann man denn das ausrechnen? Das kann man doch gar nicht, es ist doch genug, daß die Mama uns beide liebt, sag', ist das nicht genug, Heino?« Er wand sich allmählich an Heino empor und fuhr schluchzend fort: »Sieh, wenn dir etwas weh tut, ich will dir so gern helfen, Heino – weißt du noch, wie ich dir früher alle Stellen, wo du dich zerschlagen hattest, gesundküssen wollte? Da hast du mich immer ausgelacht, es war ja auch dumm, aber heute will ich's wirklich tun, heute ist's nicht mehr dumm, ach Heino, laß mich deine bösen Augen küssen, bis sie wieder gut sind, ach Heino, bitte, bitte!«

Er umhalste den Bruder und küßte ihm inbrünstig die Augen, wieder und wieder. Und Heino hielt ganz still. Wer konnte auch diesem Ansturm von Liebe widerstehen? In ihm begann sich das Gewissen zu regen, leise erwachte in ihm ein weicheres Gefühl, Tränen traten ihm in die Augen, und zum erstenmal öffnete er Erik die Arme.

»Dummer Erik ...« murmelte er.

Mit einem Jubelruf klammerte sich Erik fester an ihn und bat und flehte: »Nun sei wieder gut, Heino, sei wieder ganz gut, ja?« und er ruhte nicht eher, als bis Heino ihm einen Kuß gegeben hatte. Selig, tief atmend, lag er an seiner Brust, ein feines, schmerzendes Lächeln auf den Lippen, einen Ausdruck wunschlosen Friedens in den Zügen.

Doch allmählich fühlte Heino, wie sich die dünnen Arme um seinen Nacken lockerten, lösten und haltlos niederglitten, wie der schmale Körper in sich zusammensank, er sah, wie eine grünliche Blässe das kleine Gesicht überzog – bewußtlos, still und starr hing Erik in seinen Armen.

»Zu Hilfe ... zu Hilfe ...« gellte Heinos Stimme entsetzt – »zu Hilfe ... Erik ist tot ...«

In diesem Augenblick trat Janina atemlos zu ihm ins Zimmer, sie warf sich dem Knaben entgegen: »Um Gott, was ist geschehen? Was hast du Erik getan, Heino?«

Er sollte Erik etwas getan haben! »Nichts ... nichts ...« stotterte er heiser vor Qual, »wir küßten uns eben, da fiel er um.«

Sie streifte ihn mit einem seltsamen Blick. »Wer einen dieser Kleinen ärgert,« flüsterte sie mit gebrochenem Ton, »dem wäre besser ...« Sie raffte sich zusammen, nahm Erik aus seinen Armen und legte ihn sanft auf das Bett nieder. Sie hob ihm die Füße hoch, benetzte ihm Gesicht und Schläfen mit kaltem Wasser, rieb und massierte den leblosen Körper, wendete ihn hin und her.

Nach einer kleinen Weile schlug Erik mit einem leisen Seufzer die großen Blauaugen auf. »Lieber ... Heino ...« war sein erstes Wort.

Heino stand wie angewurzelt. Janina aber, der die heißen Tränen über die Wangen liefen, schloß den großen Jungen in ihre Arme und rief in schneidendem Weh: »Heino, vergib mir, ich hab' dir in Gedanken großes Unrecht getan!«

Und Heino – litt ihre Umarmung – duldete ihre Bitte um Vergebung? Ja, denn er hatte ja auch Erik »wirklich« nichts getan – – – er wußte es eben nicht besser.

*

War Heino das letzte Mal freudig und blühender Hoffnung voll ausgezogen in das neue Leben in Schule und Stadt, so gestaltete sich diesmal seine Rückkehr zu einer Art Bußgang.

Erik hatte die Gemütserregung doch wohl geschadet, ein fieberhafter Zustand war über ihn gekommen, so daß er einige Tage das Bett hüten mußte und Heinz und Verena in zitternder Angst um ihn besorgt waren. Zwar war der Kleine durch nichts zu bewegen gewesen, zu erzählen, was sich zwischen ihm und Heino zugetragen habe. »Heino und ich haben uns sehr lieb gehabt,« erklärte er einfach auf alle Fragen, »zuerst war er furchtbar traurig, und dann hab' ich ihn wieder getröstet«, und es schien wirklich, als sei er selbst davon überzeugt. Dennoch aber konnten die Eltern den drückenden Zweifel nicht abschütteln, daß Heino an der Erregung dieses überzarten Organismus ein gut Teil schuld habe.

So war denn Heino von seinem Vater am dritten Tage seiner Flucht wieder in die Stadt gebracht worden, und es hatte vielerlei Erklärungen und Auseinandersetzungen gegeben, zuerst mit dem Pastor, der die Angelegenheit in seiner tiefen Güte so verständnisvoll auffaßte, wie Heinz es von ihm erwartet hatte, dann mit der Frau Pastor, und endlich mit dem Direktor des Gymnasiums.

Die arme kleine Frau Pastor aber fühlte sich durch Heino in ihrem Verantwortungsgefühl und besonders in ihrem Manne gekränkt; sie konnte es trotz all der vermittelnden Einwände des Pastors nicht fassen, wie Heino es habe übers Herz bringen können, ihm einen solchen Schrecken einzujagen, ja, sie war geneigt, in Heino fortan einen bösen und verdorbenen Jungen zu sehen, vor dem sie ihre anderen zwei Schäflein, die Doktorsbuben, hüten müsse, und sie fuhr jedesmal errötend zusammen, wenn er sie anredete und etwas fragte.

Vollends aber war der Direktor schwer zu beruhigen. Er hatte es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, in dem Sohne der Exzellenz, des großfürstlichen Oberverwalters, eine Zierde seines Gymnasiums, ein Licht zu sehen, das den anderen Schülern auf ihrem Wege vorauszuleuchten habe – statt dessen war ihm dieser hoffnungsvolle Schüler gleich in den ersten Wochen ohne ausreichenden Grund einfach ausgerissen, war wie ein Landstreicher und schmutziger Betteljunge die fünfzig Werst nach seinem Heimatsort zu Fuß gelaufen, – ohne nach ihm zu fragen – das war ein Schlag gegen seine Würde, den der optimistische Pädagoge nicht so leicht verwand.

Aber auch das Elternhaus hatte Heino nicht gerade mit erhebenden Gefühlen verlassen dürfen. Es blieb etwas Fremdes zwischen ihm und der Mama bestehen. Wie sehr sich auch Verena bemühen mochte, des schmerzlichen Auftritts zwischen ihr und Heino nicht mehr zu gedenken, wie gut es ihr auch ab und zu gelungen war, den alten unbefangenen Ton zu treffen, über Eriks Erkrankung und deren geheimnisvolle Ursache hatte sie nicht so leicht hinwegkommen können. Heino fühlte es dumpf: es lag ein Mißtrauen gegen ihn in der Luft, und das bestärkte ihn in seiner quälenden Eifersucht. Nun war es nicht mehr der Papa, auf den er eifersüchtig war, es war Erik.

Gerade aber Erik war es gewesen, der zu ihm gehalten hatte in diesen Tagen, mit einer Hingabe, einer rührenden Liebe ohnegleichen. Halb Reue, halb Neid im Herzen, ein heimliches Weinen unterdrückend, hatte Heino an seinem Bett gesessen, und wenn der Kleine ihn mit seinen leuchtenden Augen anstrahlte, war ein kurzes Vergessen, daß seine Mama ihn nicht mehr so lieb habe, über ihn gekommen. So flatterte seine Sehnsucht hin und wieder wie ein loses, verlorenes Blatt im Winde und wußte nicht, wie sie sich anklammern, wo sie heimisch werden sollte.

Zwischen einem quälenden Hinausdrängen ins Weite und einem beklommenen Heimweh nach vergangenen Zeiten hin und her geworfen, fand sich Heino in dem gleichen trüben Zustande auch in der Stadt wieder, die er so jäh verlassen hatte.

Als er sich seinem Vater zum letztenmal gegenüber sah, stieg in jäher Bitterkeit alles, was er erlebt, alles, was er verloren wähnte, noch einmal vor ihm auf.

Heinz schloß ihn mit Wärme in die Arme.

»Also mein großer Junge macht keine dummen Streiche mehr!« sagte er liebevoll.

»Nein, Papa ...« murmelte Heino beklommen, »und grüß' Erik recht schön. Wenn ich in den Ferien wiederkomme, bring' ich ihm auch etwas Feines mit.«

Diesmal hatte er keinen Gruß für die Mama.

Diese Tatsache gab Heinz zu denken.

*

Es war so, wie es Heinz und Verena vorausgefühlt hatten: die leuchtenden Tage, wie sie sie vor Heinos Wiederkehr erlebt, kamen so nicht wieder. Eine gedrückte Stimmung begann sich Verenas zu bemächtigen, die nicht nur auf Eriks Erkrankung zurückzuführen war. Sie litt unter dem Bewußtsein, daß Heino in Fremdheit und Groll von ihr gegangen war, und sie gab sich die Schuld. Weshalb hatte sie es nicht verstanden, seine Leidenschaft zurückzuweisen, ohne ihn zu erbittern, sie umzulenken in eine seelischere Liebe? Es war ja so leicht, hart und schroff zu sein einem jungen Knaben gegenüber. Dazu hätte sie ja nicht der langen Trennung bedurft.

Längst schon hüpfte Erik wieder fröhlich umher, sein liebes Stimmchen tönte wieder in alter Weise munter und zärtlich durch die weiten Räume, Verena aber war und blieb gedrückt. Wie ein fremder Zwang lag es auf ihrer Seele und nahm ihr die Kraft und nahm ihr die Ruhe: sie glaubte, die lange und mühselige Arbeit ihres Heinz an seinem Sohn durch ihre Heftigkeit verdorben zu haben. Haltlos und verwirrt hatte sie den heißblütigen Jungen in die Fremde hinausziehen lassen, in den Zwang der Schule und eines Lebens, das täglich zahllose Anforderungen an seinen guten Willen stellte. Wie sollte er, ohne die stetige Wärme eines erhebenden Gefühls, das ihn bisher durchdrungen hatte, damit fertig werden können?

Es schien wirklich, als habe Heino seine zurückgedrängte Liebe zu ihr auf Erik übertragen. Wenn er dem Vater alle drei Wochen einmal schrieb, vergaß er nie, ein gutes Wort für Erik beizufügen oder ein apartes Zettelchen, und es war rührend, zu sehen, wie sehr sich der Kleine darüber freute.

Für die Mama gab es nur immer einen kurzen, gemessenen Gruß.

In der Schule schien es ihm leidlich zu gehen. Unter den Kameraden behauptete er ein gewisses Übergewicht, denn gerade sein Ausbruch, den ihm der Direktor so schwer verübelte, hatte ihm unter den Schülern eine Ausnahmestellung zugesichert. Das ging auch unzweifelhaft aus den Berichten Bibses und Schannos hervor. Mit dem Pastor stand er sich ebenfalls gut, und nur über die kleine Frau Pastor äußerte er sich gelegentlich in seinen Briefen mit einer kurzen Trockenheit oder spöttischen Überlegenheit, die nur durch Anerkennung ihrer Hilflosigkeit gemildert wurde.

Für Verena waren Heinos Briefe allmählich ein schmerzliches Studium geworden, da sie die Lücken darin auf ihre scharfsinnige Weise zu ergänzen wußte und zwischen den Zeilen zu lesen verstand. Sie konnte sich nicht verhehlen, daß der Junge im Innersten seines Gemüts an einer Wunde krankte, und sie nahm sich ernstlich vor, in den Weihnachtsferien, wenn er nach Hause kam, sein verlorenes Zutrauen wiederzugewinnen.

Alle diese Erwägungen, Zweifel und Sorgen teilte sie mit Heinz und ließ sich immer wieder von ihm beruhigen und aufmuntern. »Es ist ja so natürlich,« sagte er, »daß ein Rückschlag dieser Art eintreten mußte. Du hattest vor deiner Reise, und das durch meine Schuld, fast ausschließlich für Heino gelebt, es versteht sich von selbst, daß das nicht so fortgehen konnte, und daß er die Veränderung hat empfinden müssen, besonders seit er sich über die Art seines Gefühls halbwegs bewußt geworden ist. Immerhin spricht es für unsern Jungen, daß er sich jetzt Erik zugewendet hat, darüber können wir uns beide von Herzen freuen.«

Darin gab ihm Verena natürlich recht. Aber sie konnte doch nicht umhin, es schmerzlich zu empfinden, daß Heino hartnäckig litt und an ihrer treuen mütterlichen Liebe zu zweifeln fortfuhr.

Inzwischen war der Winter angebrochen, und die Traulichkeit des Familienlebens beschränkte sich wieder mehr auf das Haus. Verena hatte ihre Musikstudien wieder mit dem alten Ernst aufgenommen und widmete sich ein paar Stunden täglich der neuen Schule, in welcher Janina hauptsächlich rastlos tätig geworden war. Einen Lehrer zu finden, der den Anforderungen Heinzens genügte, war bisher noch nicht möglich gewesen. Entweder waren die Lehrer einseitig gebildet, oder sie waren es gar nicht und fuhren fort, die Kinder in dem alten, herkömmlichen Drillsystem zu unterrichten, das Heinz so sehr zuwider war. Was er wollte und bezweckte, war etwas ganz anderes. Nicht Kenntnisse sollten den Kindern eingetrichtert werden, sondern diese Kinder sollten zu freien und denkenden Menschen erzogen werden. Bewußt werden sollten sie sich ihrer Menschenwürde und Verantwortlichkeit, lernen sollten sie vor allem, daß sie aus der All-Einheit stammten, daß sie also gottgeboren seien, Geist vom göttlichen Geiste, lernen sollten sie Selbständigkeit, wecken sollte man in ihnen Liebe. Selbständigkeit und Liebe äußerten sich in Gedanken, Worten und Taten. Was aber konnte er von den Lehrern erwarten, die selber nicht selbständig waren? die sich entweder sklavisch und unfrei ihrem Gotte gegenüber fühlten, wenn sie einen Gott anerkannten, oder sich von der ewigen Urkraft zu emanzipieren suchten, indem sie sich rückhaltlos auslebten und ihren niederen Trieben und Regungen die Zügel lockerten.

Janina entsprach in ihrer Lehr- und Anschauungsweise noch am allermeisten seinen Erwartungen. Seit ihre ärztlichen Besuche der aufmerksamen Sorgfalt des neuen Doktors zufolge überflüssig geworden waren, hatte sie sich mit ganzer Liebe der Schule hingegeben und wurde auf ihren Wunsch darin provisorisch angestellt, bis zu der Zeit, da sich geeignetere Kräfte gefunden haben würden. Häufig wohnte Heinz ihrem Unterricht bei, und wenn es seine karg bemessene Zeit erlaubte, richtete er selbst das Wort an die Kinder und entwickelte ihnen einfach und klar die Grundbegriffe ihres Seins. Doch nur selten stieß er auf Verständnis. Der Pope, der den Religionsunterricht leitete, verstand es meisterlich in seiner dumpfen Unwissenheit und trägen Gedankenlosigkeit, die kaum gesäten Keime des Verständnisses immer wieder zu ersticken.

Wie aber auch die Dinge liegen mochten, immerhin begann sich diese Schule durch den lebendigen Geist der Liebe, der sie wenigstens von Zeit zu Zeit beseelte, durchleuchtete und erwärmte, vor allen anderen Volksschulen weit im Umkreise auszuzeichnen, und wenn auch Heinz sich des Ungenügens an allen Ecken und Enden schmerzlich bewußt war, ihre Früchte trug sie allmählich doch.

»Ich wüßte nur einen einzigen Menschen, der die Schule in meinem Sinne zu leiten imstande wäre,« sagte er einmal seufzend zu Verena, »und das ist Iwan. Aber wie darf ich ihm zumuten, seine Studien aufzugeben und Lehrer an einer Volksschule zu werden?«

Mit dem Doktorhause verkehrte man nach wie vor freundschaftlich, ohne daß die beiden Frauen einander nähergetreten wären. Aber Eliane bildete das vermittelnde Band zwischen ihnen und trug die aufdämmernden, neuen Gedankenreihen, die sie von Verena und Heinz empfangen hatte, begeisterten Sinnes in ihr Elternhaus zurück. Die Männer hatten sich von allem Anfang her vortrefflich verstanden.

In letzter Zeit war Verena, durch das Kränkeln des alten Moses Silberstein veranlaßt, häufiger zu ihm gegangen, immer enger hatte sich der einsame alte Jude an ihre lichte Persönlichkeit geschlossen. Wenn er in den Tagen seiner Einsamkeit grübelnd über seinen Uhren saß und in der Stille seines Gemüts, wie er es gewohnt war, Rundschau hielt über seine Welt, dann wollte ihm bedünken, als sei er ohne das Haus des Oberverwalters arm, alt und müde geworden. Wie grauer Nebel aber fiel es von seinen Tagen, wenn Verena und der kleine Erik bei ihm eintraten. Jugend und Freude waren es, die ihm not taten, und Jugend und Freude und Güte brachten ihm die beiden.

Durch Verena lernte er die Ziele und das Streben ihres Heinz kennen, lernte seine eigene kluge, aber doch mechanische Weltanschauung erweitern und eingliedern in ein lebendiges Ganzes, durch Erik lernte er es, auf seine alten Tage wieder kinderselig und sonnenfroh werden, und leidlos und wunschlos den stillen, langen Nächten und den hellen, kalten Tagen entgegenharren und auf die leisen, verklungenen Träume seiner eigenen Kindheit lauschen.

Immer fragte er liebevoll nach seinem Freunde, »dem Heinchen«, aber er konnte es nicht hindern, daß Erik in seiner leuchtenden Lieblichkeit seinem alten Herzen viel nähergetreten war, als Heino es jemals vermocht hatte.

Wie dem alten Silberstein, so ging es Eliane, so ging es allen Menschen, die mit den beiden Knaben näher in Beziehung getreten waren. Sie hatten ihre Freude an dem schönen, lebensprühenden Heino, gewiß, aber durch Erik wurden sie erst in das zarte Blütenreich des Seelischen erhoben, in dem doch zuletzt und endlich der Mensch zu Hause ist. Der kleine Erik verstand unbewußt den Augenblick mit sonnigsten Gefühlen zu erfüllen, mit seinen dünnen Händchen Blütenkränze der Liebe über Menschen und Dinge zu spannen. Die Liebe war in ihm und er in ihr. Und deshalb wurde er geliebt, und darum mußten ihm alle Dinge zum besten dienen.

*

Als nun die Weihnachtsferien herangekommen waren, hatte Verena, in dem Drängen ihres Herzens, sich mit Heino wieder in liebevolle Beziehungen zu setzen, den Entschluß gefaßt, den drei Buben, die der Doktor abholen wollte, auf halbem Wege entgegenzufahren und Heino zu sich in den Schlitten zu nehmen.

Mitten in der verschneiten Ebene, über der tief und grau die Wolken hingen, wartete sie nun schon eine geraume Weile pochenden Herzens auf das Nahen des Schlittens, Furcht und Hoffnung in der Seele. Wie würde es werden? War ihr reiner und starker Friedenswille ausreichend, um den Knaben, den sie kannte wie ihr eigenes Selbst, umzustimmen und zu versöhnen? Sie war auf einem eigentümlichen Eroberungszuge, das wußte sie wohl – seine Seele wollte sie wiedergewinnen, seine Sinne aber, war sie fest entschlossen, schlummern zu lassen und ihren Ansturm auf jede Art zurückzuweisen.

Deshalb hatte sie sich in einen alten Pelzmantel gehüllt, hatte ein dunkles Gewand gewählt, das sie älter erscheinen ließ, und ihr Haar in einer Weise geordnet, die fast unschön wirkte. So ausgerüstet, harrte sie mit einem seelenvollen, herben Lächeln ihrem Knaben entgegen, an dem sie manches gutzumachen hatte.

Jetzt gewahrte sie von weitem einen Schlitten und vernahm das lustige Klingen eines Glöckchens.

»Sind sie's, Terenti?« fragte sie den Kutscher.

Terenti hielt die Hand über die Augen und spähte ins Weite.

»Jawohl, Herrin, das ist unser Dreigespann.«

Noch eine kurze Spanne Zeit – dann würde sie wissen, ob sie den Sohn wieder hatte oder nicht.

Während Verenas Augen starr auf den heraneilenden Schlitten gerichtet waren, tanzten ihr nebensächliche Dinge durch den Sinn. Sie mußte plötzlich an die kleine Bronzeuhr denken, mit den beiden Knabengestalten, die sie Heino einstmals geschenkt, und es war ihr, als höre sie ganz deutlich den eigentümlichen Ton ihres silbernen Klingens, das sich scharf von dem Klingeln der Pferdeglocke unterschied.

›Es war dreieinhalb Töne höher!‹ sagte sie sich, ›o, ich weiß ... ‹

Und nun fiel ihr Madame Müsettes Wecker ein, der hob mit einem schnarrenden Mißton an und vollführte ein aufdringliches, herrisches Gebimmel zum Entsetzen Eriks. Ja, Madame Müsette freilich hatte Nerven von Stahl, die konnte einen solchen Wecker vertragen, ja mehr noch, er paßte zu ihr. Ob wohl auch Heinos verstorbene Mutter, die Kunstreiterin und Gräfin Lulu Courtenay, einen ähnlichen Wecker, wie ihn die gute Müsette besaß, geduldet hätte? Verena nickte still vor sich hin, ja, sicher, sie wußte es ganz genau – nun sah sie sie vor sich: schlank, herrisch, wild und verführerisch, mit grünen, heißaufblitzenden Augen – – und während sie noch saß und sann, war der Schlitten mit den Buben an den ihrigen herangeglitten.

»Gnädige Frau,« hörte sie die besorgte Stimme des Doktors – »ist etwas zu Hause passiert?«

»O nichts, nichts, ich wollte mir nur meinen Jungen selbst abholen.«

Drei Mützen flogen von den Knabenköpfen.

»Mama!« klang es erstickt aus dem anderen Schlitten herüber.

»Heino, willst du auch zu mir? Vielleicht fährst du lieber mit deinen Kameraden.«

Mit zwei Sätzen war Heino in ihrem Schlitten, an ihrer Seite. Gott, was für ein trotziges, wildes, schönes Knabengesicht!

»Guten Tag, Mama!« Er küßte mit gewollter Zurückhaltung ihren alten, zerknitterten Pelzhandschuh, der ihre schmale Hand umschloß.

»Guten Tag, mein lieber Sohn, und willkommen daheim! – Bitte, Doktor, fahren Sie nur voraus.«

Der Schlitten stob an dem ihren vorüber, in eine Wolke aufsprühenden Schnees gehüllt.

Verena sah Heino voller Liebe in die Augen. Er atmete schwer und biß sich auf die Lippen.

»Weshalb – bist du eigentlich gekommen?« brach er endlich los.

»Weshalb, Heino? Weil ich mich auf meinen großen Sohn freue und ihn gern ein wenig früher wiedersehen wollte.«

Er starrte sie an, ungläubig, betreten. Ja, war denn das auch wahr?

Sie lächelte schmerzlich. »Glaubst du mir denn noch immer nicht, Heino?«

Sein Blick glitt unsicher über sie hin und blieb an ihrer veränderten Frisur, an ihrem unkleidsamen Hut haften. »Oh!« sagte er mit einer Stimme, die vor Zärtlichkeit schwankte – »weshalb hast du das getan?« Er strich zaghaft mit seinen Fingern über ihre Stirn und versuchte, die glattgescheitelten Haare ein wenig in ihre frühere Lage zu bringen, dann lachte er hell und übermütig. »Es ist ja alles gleich, deine Augen, die sind ja doch dieselben!«

»Du hast eine Mama, die immer älter wird«, sagte Verena trocken.

Doch nun hörte sie ihn lachen, lachen wie ein kleines, übermütiges Kind; er krümmte sich vor Lachen, er erstickte daran, und endlich zog er mit einer feinen und doch herrischen Gebärde ihren Handschuh ab und küßte innig und hingebend ihre Hand.

»So hast du mich doch lieb!« sagte er mit blitzenden Augen.

»Heino,« begann sie ernsthaft, »ich hab' noch nie einen hartnäckigeren Jungen gesehen als dich! Wievielmal soll ich dir denn wiederholen, daß ich dich sehr, sehr lieb habe, daß es nie anders gewesen ist, nie anders sein wird. Laß endlich das Zweifeln, laß das Vergleichen. Du ruhst sicher in meiner mütterlichen Liebe wie ein Kind in der Wiege.«

Der Knabe lehnte seinen Kopf an ihre Schulter, faßte ihre Hände, schloß die Augen und blieb lange still sitzen.

Noch nach vielen Jahren hat er dieser Minuten des Schweigens gedacht und sich ihrer als der allerglückseligsten Zeitspanne seines Lebens erinnert.

Diese wenigen Ferienwochen wurden eine wunderschöne Zeit. Es schien, als ob sich endlich das Gleichgewicht in Heino hergestellt habe, als sei in der liebenden Gemeinsamkeit seiner Umgebung die freudige Gelassenheit in ihm erwacht, die seine Kräfte lebenswillig wachsen ließ, als habe er durch die ungekünstelte Herzlichkeit Verenas seinen Ruhepunkt gefunden und den Glauben an ihre Liebe wieder gewonnen. Da er früher in seiner leidenschaftlichen Anhänglichkeit so bitter enttäuscht worden und der Übergang aus seinen Zweifeln ein so jäher gewesen, so erschien ihm der gegenwärtige Zustand über alle Maßen köstlich und befriedigend. So hatte also wieder einmal Vernunft und stetige, unbeirrbare Liebe über die wilden und kranken Triebe dieser Knabenseele gesiegt!

Heinz und Verena gaben sich der Freude über diese Wendung dankbar hin, nicht ohne eine leise Bangigkeit freilich, und sie begannen ernstlich zu erwägen, ob es jetzt nicht an der Zeit sei, ihn über seine Herkunft mütterlicherseits aufzuklären und so den günstig vorbereiteten seelischen Boden für diese Eröffnung zu benutzen. Nur daß die Ferien so kurz waren, das hielt sie davor zurück. Sie beschlossen daher, die Angelegenheit bis zu den nächsten Sommerferien aufzuschieben.

Das Verhältnis Heinos zu Erik war auch erfreulich. Während Heino den Kleinen durch seine turnerischen Kraftleistungen in ein bewunderndes Erstaunen versetzte, durch seine sprühende Lebendigkeit immer in Atem hielt, wußte Erik den wilden Bruder durch seine leise und liebevolle Art in Schranken zu halten und hing mit rührender Zärtlichkeit an ihm. Es fiel Heino nicht einmal sonderlich auf, daß Erik seine Liebe zu beiden Eltern mit der gleichen Innigkeit äußerte, und von der Mama sowohl wie vom Papa mit einer hingebenden Zartheit berücksichtigt wurde. Er selbst litt nicht darunter. Ein frischer, fröhlicher vertrauender Ton, der ihm Selbstachtung einflößte und ihn der Achtung und des Verständnisses der Eltern vergewisserte, das war sein Teil und die Art, wie man mit ihm umging. Er hätte es selbst kaum anders gewollt. Ohne Scheu und Heimlichkeiten erzählte er von seinen Bubenstreichen in der Schule, kopierte die Kameraden, kritisierte frischweg seine Lehrer und befand sich, alles in allem, in einer gesunden, knabenhaften Stimmung. Nur vor dem Pastor machte er ehrerbietig halt.

»Das ist ein ganz feiner Mann, so wie du, Papa«, erklärte er eines Abends im Kreise seiner Lieben mit einer so ehrlichen Überzeugung, als habe er soeben eine fundamentale Entdeckung gemacht. »Immer ist er gerecht und ruhig, niemals schimpft er. Die Frau Pastor aber, weißt du, Mama, sie kommt mir vor, als wäre sie noch nicht ganz ausgewachsen. Sie kann ja sehr lieb sein, aber sie ist so schüchtern und ängstlich, bei allen Dingen sieht sie zuerst den Pastor an, wie der's meint, und manchmal tut sie mir leid. Darum bin ich eigentlich immer nett zu ihr!« schloß er großmütig.

Heinz lächelte belustigt vor sich hin, nickte befriedigt und befragte ihn nach seinem Reiten.

»Oh, das ist das Allerschönste!« rief der Junge elektrisiert. »Was ich kann, das macht mir keiner in der Manege nach. Der Manegendirektor kommt oft hin, wenn ich reite, und sieht zu. Und einmal hat er leise gesagt: ›Das reine Zirkusblut!‹ Aber ich hab's doch gehört. Ach Papa, ich möchte so gern mal einen wirklichen, feinen Zirkus sehen.«

»Wenn einmal einer durchkommt und der Pastor es gestattet, ich hab' nichts dagegen.«

»Das ist ja großartig!« rief Heino begeistert. »Wenn aber doch erst einer hinkäme!« seufzte er und fuhr lebhaft fort: »Und dann, weißt du, hat einer von den Stallmeistern ein feines Mädel, Tanja heißt die, und er selbst war früher mal auch beim Zirkus. Die kann allerlei Kunststücke: Kopfstehen, gerad so gut wie ich, und auf den Händen gehen, und mit zwei und drei und noch mehr Kugeln spielen und balancieren. Das will sie mich auch lehren. Früher hat sie sogar auf dem Seil getanzt. Sie ist ein Jahr älter als ich und sehr hübsch, noch hübscher als Eliane«, fügte er nachdenklich hinzu. »Augen hat sie wie Veilchen, und so kurze, hellbraune Locken, die fliegen ihr um den Kopf herum, und ein ganz feines, schmales Gesichtchen, und wenn sie lacht, muß man mitlachen. Ich glaub' aber, sie kriegt nicht genug zu essen. Immer ist sie furchtbar hungrig und so froh, wenn ich ihr was bring'.«

»Du vergißt aber über dem Reiten und der Tanja doch wohl nicht die Schule!« sagte Verena mahnend.

Er sah lebhaft auf. »O nicht die Spur. In der Schule ist's ja auch ganz gut. Schwer ist es nicht gerad' in meiner Klasse, in der nächsten, da soll es schon viel schwerer sein. Aber die Schule allein ist auch nichts, ich weiß nicht, wie es die anderen so aushalten können ohne Reiten oder wenigstens gründliches Turnen. Wenn du sehen könntest, wie die meisten turnen, so wie im Schlaf.«

Er stellte sich in Positur und machte ein paar charakterlose, lappige Turnbewegungen von grotesker Komik, so daß alle lachen mußten. »Ich mach' das natürlich ganz anders, stramm und kräftig, mit Schwung. Deshalb werd' ich ja auch jetzt Vorturner bei den Jüngeren. Der Michailoff liebt mich auch sehr.«

Erik hatte mit Hochachtung zugehört. »Ich will auch turnen, Mama«, sagte er sehnsüchtig.

»Du turnst ja schon bei Janina, Schätzchen.«

»Ja, das sind aber nur Atemübungen und Arm- und Beinübungen, aber so wie Heino – am Reck möcht' ich.«

»Die Atemübungen sind das Wichtigste«, erklärte Janina. »Nur wer richtig, methodisch und tief atmet, soll zu den anderen, schwereren Übungen fortschreiten. Sonst nützen sie nichts oder wenig und entwickeln die Muskeln einseitig auf Kosten der Nerven.«

»Da hörst du's, Erik, unsere Janina muß das wissen,« meinte Heinz, »nicht umsonst hat sie sich die neuen Bücher kommen lassen.«

Nachher sagte er zu Verena: »Unser Junge ist auf gutem Wege, aber die Schule ist es leider nicht, wie mir scheint. Viel zuviel Wissenskram, viel zuwenig praktische Anwendung für das Gelernte, das Übel der meisten Schulen! Und dann, wo bleibt der Ausgleich im Physischen? Die Manege ist im letzten Grunde keine Belohnung für Heino, sondern eine Notwendigkeit, und doch wird mir weh ums Herz, wenn ich mir vorstelle, er könnte in die Fußstapfen seiner Mutter treten wollen.«

Aber Heino selbst machte dieser Besorgnis ein Ende. »Papa, ich hab' einen Kameraden, der heißt Schulgin,« erzählte er einmal beim Mittagstisch, »und der will Marineoffizier werden oder Schiffskapitän. Immerlos spricht er vom Meer. Er sagt, das Meer ist noch viel schöner als die Steppe – so blau und weit und glänzend, manchmal so still wie ein Spiegel, dann wieder voller Sturm und schwarzer Wellen, noch höher als Häuser sind. Er hat so Heimweh nach dem Meer, weil er es früher, als er klein war, in Odessa und Sewastopol immer gesehen hat. Und ich möcht' es auch sehen,« schloß er nach einem tiefen Seufzer energisch, »und wenn ich nicht ein Jockey oder Bereiter werde, dann möcht' ich furchtbar gern aufs Meer und auch Schiffskapitän oder Marineoffizier werden.«

»Junge, du sollst das Meer sehen!« rief der Vater erfreut und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Im nächsten Sommer schon. Dann fahren wir zwei nach Baluschta, das liegt ja am Meer, und wenn du dann noch dabei bleibst, geb' ich dich in die Marinekadettenschule.«

»Nein, wirklich?« Heino strahlte den Papa mit glänzenden Augen an.

»Gewiß, ich verspreche es dir.«

So war denn ein Ausweg gefunden, der Heino vielleicht auf neue Bahnen leiten sollte. Waren die Eltern auch weit davon entfernt, eine Phantasie des Jungen, die ja noch jedes festen Bodens entbehrte, sofort zum Ausgangspunkt einer neuen Richtung für ihn zu machen, so leuchtete ihnen doch ein, daß sein Instinkt ihn durchaus sicher gelenkt haben mochte. Einem Knaben wie Heino konnte das Stillsitzen nicht bekommen, zum Grübeln und Denken war er nicht geschaffen. Sein kräftig entwickelter Körper bedurfte der physischen Leistungen, bedurfte des Kampfes und der Disziplin. Wie kam es, daß sie gerade an diesen Beruf nicht gedacht hatten?

Fast wäre diese ganze Zeit harmonisch und ungetrübt verlaufen, wenn sich nicht am Abende vor Heinos Abreise ein Vorfall ereignet hätte, der die bange Besorgnis um ihn wieder wachrief. Der alte Silberstein war gekommen, um von seinem »Freund Heinchen« Abschied zu nehmen. Bescheiden wartete der alte Mann in der Vorhalle auf den Jungen, der sich bei seinen geliebten Pferden herumtrieb, Erik unterhielt ihn derweil, damit ihm die Zeit nicht lang würde.

Eriks Art übte auf alle, die mit ihm in Berührung kamen, einen fast magnetischen Einfluß aus. Es war eine eigene, fröhliche Gelassenheit, eine zärtliche, kühle Ruhe in ihm, die sich unwillkürlich auf die Menschen übertrug, ihnen eine friedliche Stimmung mitteilte und sie beglückte. Er pflegte tief und langsam zu atmen, seine Augen leuchteten von heiterem Glanze, und seine kühlen, kindlichen Lippen sprachen oft seltsame Dinge aus. Auf entgegengesetzte Naturen, namentlich Heino, wirkte diese Gelassenheit aufreizend; unbewußt faszinierte sie ihn, seine Herrschsucht lehnte sich dagegen auf, und da er sich von diesem unbequemen Einfluß nicht freizumachen vermochte, suchte er den Bruder aus seiner Gelassenheit zu bringen, indem er ihn neckte und quälte, oder indem er ihm widersprach. Hatte er von Erik irgendeine lebhafte Äußerung seiner Liebe erreicht, dann ließ er ihn gewöhnlich in Ruhe und zog sich befriedigt, in dem stolzen Bewußtsein, ihm »über« gewesen zu sein, zurück. Denn er war ja durchaus nicht bösartig, er wurde nur auf eine unkontrollierbare Weise von seinen wechselnden und leidenschaftlichen Trieben beherrscht und hatte Erik auf seine Weise gewiß lieb, besonders wenn er sich ihm gegenüber als Beschützer oder Lehrer seiner Künste fühlen durfte. Auf Eriks ahnungsvolle Aussprüche aber, die wie aus der Tiefe unterirdischer, dunkler Brunnen hervorquollen, sah er unwirsch und verächtlich hinab, obwohl gerade sie ihn durch ihre geheimnisvolle und unerklärliche Wirkung fesselten und einschüchterten.

Heino war soeben gerufen worden, und da er durch eine Hintertreppe ins Haus gelaufen war und den alten Silberstein vergeblich in den oberen Räumen gesucht hatte, schlich er sich auf den Zehenspitzen am Treppengeländer leise tastend die Stufen hinunter und gedachte den guten Alten mit einer Umarmung aus dem Hinterhalt zu überraschen.

Da hörte er, wie der kleine Erik unten nachdenklich sagte: »Weißt du, Moses, die Mama hat's mir erzählt, die kleinen Kinder werden gar nicht vom Storch, auch nicht von den Engelchen gebracht, sondern sie wachsen inwendig in ihrer Mama, geradeso wie Samenkörnchen, bis sie reif sind, und darum haben die Mamas ihre Kinder auch so schrecklich lieb.«

Heino blieb wie angewurzelt stehen, beugte sich vor und lauschte. Warum hatte die Mama ihm diese Dinge nicht selbst erzählt? Warum hatte er sich damit so schrecklich abquälen müssen? Ein instinktives Bewußtsein, daß Erik das alles ganz anders als er, daß er es schön und lieblich zu empfinden fähig war, hatte ihn gepackt und durchdrang ihn mit einem schmerzlichen Neidgefühl.

Er sah, daß der alte Silberstein in einem Sessel saß und milde lächelnd Erik näher an sich zog. Erik aber fuhr fort: »Manchmal ist mir so, als wenn Heino gar nicht in der Mama dringewesen ist, nur ich allein!«

»Warum denn?« fragte der alte Jude beklommen. Verena hatte ihm die Wahrheit zwar nicht erzählt, aber ein dunkles Gerücht war auch ihm einmal zu Ohren gekommen, das Eriks Ahnung bestätigte.

»Ich weiß nicht ...« sagte Erik leise und betastete mechanisch mit niedergeschlagenen Augen den Westenknopf des Alten. »Gesagt hat's niemand! Mir ist nur so. Vielleicht ist Heinos Mama weit, weit weg oder gestorben, und er tut mir so leid, ich möcht' ihm so gern helfen.«

Das war zuviel. Wie ein Sturmwind sauste Heino rittlings auf dem Treppengeländer nach unten, sprang ab und stand zornglühend und dunkelrot vor den beiden.

»Untersteh dich noch einmal, so etwas zu sagen, Erik, und ich hau' dich zusammen, daß du daran denken sollst!« schrie er außer sich. »Die Mama gehört mir so gut wie dir, und ich hab' sie noch viel lieber!«

»Aber Heinchen, wer wird denn sein so ruchlos zornig?« sagte der alte Uhrmacher erschrocken und hob beide Hände.

Heino zitterte am ganzen Leibe und atmete keuchend.

»Komm sofort mit zur Mama!« herrschte er Erik an, »ich werd' ihr erzählen, was du gesagt hast.«

Der kleine Erik war ganz blaß geworden, sah Heino flehend an und schwieg.

Heino schnaubte vor Wut, seine Augen waren wie zwei schwarze Höhlen, er packte den Bruder an den Schultern und zerrte ihn vorwärts. »Komm nur, komm!« höhnte er. »Aha, du willst nicht, du fürchtest dich, also weißt du, daß es nicht wahr ist.«

»Ich hab' ja gar nicht gesagt, daß es wahr ist, ich hab' nur gesagt, ich fühl' manchmal so«, wehrte sich Erik.

»Du mit deinen dummen Gefühlen! Du hast ja auch einmal gefühlt, daß die kleine, bucklige Aniuta lebendig werden und ohne Buckel sein wird. Noch gestern hab' ich ihr Grab gesehen mit dem schiefen Holzkreuz. Nun ist sie vielleicht lebendig, dummer Kerl?«

»Hier nicht,« sagte Erik mit einem kleinen einsamen Lächeln, »wir können es vielleicht nur nicht sehen, aber sie ist ganz gewiß ohne Buckel. – Aber sieh doch,« bat er mit seinem rührenden Stimmchen, »Moses ist zu dir gekommen, um Abschied zu nehmen, den langen Weg im Schnee.«

»Wenn mein Freund Heinchen ist so zornig, werd' ich müssen wieder gehen«, lenkte der alte Uhrmacher ein.

Heino warf sich ihm entgegen. »Nein, nein, du sollst nicht gehen, Moses, wir wollen's nur der Mama sagen, dann kannst du ja sehen, wer recht hat und was für 'n Unsinn Erik da zusammengeredet hat.«

Von dem Lärm der Stimmen angezogen, trat Heinz aus seinem Arbeitszimmer auf den ersten Treppenflur, lauschte einen Augenblick und begann die Stufen hinunterzugehen. »Was gibt's da, was ist da los, Kinder?«

Heino stand trotzig und glühend vor dem Papa. »Denk' doch nur, Erik sagt, ich hätt' vielleicht eine andere Mama gehabt, und er allein, er wäre Mamas Sohn!«

Heinz trat langsam näher und legte den Arm mit einer Gebärde tiefster Zärtlichkeit um Erik.

»Guten Abend, lieber Silberstein – – wie kommst du denn auf diesen Gedanken, Spätzchen?« fragte er mit einem leisen Schwanken in der Stimme.

Erik schmiegte sich dicht an ihn. »Ach, ich weiß gar nicht, Papa, mir ist nur manchmal so, als ob Heino nicht in der Mama gewachsen ist wie ein kleines Samenkörnchen, und das hat Heino gehört, und darum ist er böse.«

Eine leichte Blässe zog über die Stirn des Vaters. Er beugte sich zu Heino nieder und sah ihn forschend an. »Wenn's wahr wäre,« sagte er leise, »so würde das doch jetzt gar nichts ändern – – oder meinst du doch, Heino?«

»Aha!« triumphierte dieser, »also ist's nicht wahr.«

»Wenn du ein halbes Jahr älter geworden bist, mein guter Junge,« fuhr der Vater eindringlich fort, »dann wollen wir uns einmal gründlich aussprechen, jetzt bist du noch zu jung dazu, aber auf unserer Reise nach Baluschta, wenn du das Meer gesehen hast, dann will ich dir manch liebe, große Dinge sagen. Dann wirst du deine Mama noch viel inniger und zarter liebhaben müssen als bisher. Nun gebt euch die Hand, ihr beiden, und denkt daran, daß keiner von euch einen zweiten so lieben Bruder hat.«

Erik drängte sich sofort an Heino heran und hob sich ihm auf den Zehenspitzen lächelnd entgegen, und Heino, dessen Wut vor den Worten des Vaters verflogen war wie eine Sturmwolke, beugte sich sogar großmütig zu ihm nieder und küßte ihn. Er würde also Grund haben, die Mama noch lieber zu haben als zuvor, ihm allein wollte der Papa im Vertrauen große und geheimnisvolle Dinge sagen, dann war es ja sonnenklar, daß die Mama ihm gehörte, vielleicht noch anders gehörte als Erik.

»Komm, Erik,« sagte er versöhnt, »du bist doch nur ein kleiner dummer Käse, wir wollen Moses unsere Weihnachtsgeschenke zeigen!«

*

Und wieder war es Sommer. Wieder grünte, blühte und duftete die Steppe und sandte ihre Wohlgerüche in Strömen und Wellen über das weite Land, über das Dorf und in die engen Behausungen der Menschen.

Unter den blühenden Fliederhecken auf der oberen Gartenterrasse ruhte Verena in einem Korbsessel und ließ ihre Blicke sinnend in die endlose, glänzende Ferne schweifen.

Rings tiefe Ruhe. Nur das gleichtönige, einsamstille Zirpen der Grillen, das heimliche Summen der Bienen, oder der durch die Mittagssonne gedämpfte Lockruf eines Vogels. Die zarten Wölkchen im Aetherblau verschwammen und verrannen ineinander, lösten sich und verrieselten, und wieder andere trieben noch höher über sie dahin und ballten sich zusammen und schienen eine wundervolle Geheimschrift, wie aus weißen Riesenblüten, in den Himmel zu schreiben. Über die grüne Erdenweite aber klang ein Traum von wunschlosem Frieden und von Glückseligkeit; ein heiliges Frohsein, eine tiefe Dankesstimmung schmeichelte sich Verena ins Herz und trieb ihr die Tränen in die Augen, und sie konnte es nicht fassen, daß ihre tägliche Welt so schön war.

Im weißen Matrosenanzug kam jetzt Erik über den Gartenkies gelaufen, einen großen Korb und eine mächtige Gartenschere in den Händen.

›Das ist untrüglichste, fröhlichste Wahrheit‹, dachte sie. ›O goldene Zeit! Du süße, spielende Torheit eines reinen Kindes, du allein bist Weisheit!‹

»Ich will Kränze winden für Heino, Mama, Janina wird mir dabei helfen«, jubelte er. »Über die Eingangstür kommt ein Kranz aus Grün und Flieder und Jasmin, und dann noch einer vor sein Zimmer.«

»Komm erst einmal zu mir, Liebling, und küß mich, auf die Augen.«

Erik ließ den Korb und die Schere fallen. »Du hast geweint, Mama – – warum hast du geweint?«

»Weil ich glücklich bin, Erik, weil du so gesund und fröhlich bist, weil ich alle meine Lieben noch habe.«

»Und weil Heino heute ankommt, nicht wahr?«

Sie nickte lächelnd und ließ sich von ihrem Sohn umarmen.

»Du freust dich wohl sehr auf Heino?«

»Ach ja, so sehr. Da wollen wir wieder soviel lachen und lustig sein, und er wird mich so viele Dinge lehren. Rudern werden wir und schwimmen und reiten. Du weißt, Papa hat's mir nur erlaubt, zu rudern, wenn Heino dabei ist.«

»Ja, ich weiß, Liebling.«

Aber sie wußte nicht, daß ihr wieder die Tränen in die Augen traten und langsam über ihre Wangen rannen, und sie wußte auch nicht, warum. Erik sah sie mit seinen leuchtenden Seeaugen still an und hielt seine dünnen Händchen wie Becher an ihre Wangen.

»Alle deine Tränen gehören mir!« sagte er leise und geheimnisvoll, »du sollst aber gar nicht weinen, Mama.«

»Auch nicht vor Freude?« fragte sie zärtlich und drückte einen leisen Kuß auf seine Finger.

»Ach weißt du,« sagte er ernsthaft und setzte sich mit gekreuzten Beinen auf den Boden nieder, indem er die Tränentropfen in seinen hohlen Händen aufmerksam betrachtete, »es ist alles zusammen in den Tränen drin – Schmerz und Freude. Schade, daß man es nicht sehen kann.«

»Woher weißt du denn das, Herzchen?«

»Ich weiß ...« meinte er leise. »Ich hab' doch auch manchmal geweint, früher, als ich noch klein war,« fügte er mit dem sonnigsten Lächeln von der Welt hinzu, »und in Garda, wenn sie die Tiere quälten.« Sein Gesichtchen wurde ernsthaft.

»Glaubst du, daß sie noch immer die Tiere quälen, Mama?«

Sie antwortete fast wider Willen: »Sie verstehen es nicht besser.«

Erik blinzelte zu ihr empor, immer noch die Hände vorsichtig hochhaltend, als hätte er etwas Kostbares darin. »Man muß sie lehren, nicht, Mama? Wenn ich groß bin, oder später, will ich herumziehen und den Menschen allen sagen, daß sie niemandem Schmerzen tun dürfen, gar niemandem.«

Seine Stimme klang vor Energie.

»Warum willst du denn herumziehen?«

»Weil dann mehr Menschen darauf hören müssen. Ich möchte ihnen noch viele, viele Dinge sagen, daß sie nicht traurig sein dürfen, immer, immer will ich herumziehen von einem Land ins andere, von einer Welt in die andere –«

Mit einem träumerisch-verklärten Ausdruck sah er in den blauen Himmel empor.

Ein Schauer überrieselte Verena. ›Du bist ja nicht von dieser Welt!‹ dachte sie mit einem jähen Schmerzgefühl.

Er sah den wehen Ausdruck in ihrem Antlitz.

»Nicht traurig sein, Mama!« bat er, »du kommst ja – später – mit mir ...«

»Komm ich mit dir?« flüsterte sie zwischen Leid und Seligkeit schwankend – »und der Papa?«

»Der hat so viel zu tun. Armer Papa! Aber er wird doch immer bei uns sein, so wie wir in Garda auch bei ihm waren – – ich hab' es oft gemerkt, daß er, gerad' wenn ich einschlafen wollte, bei mir auf dem Bett saß.«

Die seltsam-süße Art ihres Knaben war Verena freilich gewohnt, aber seine heutige Ausdrucksweise ließ eine andere, wundersame Deutung zu und schnitt ihr ins Herz mit heißem Weh. Nicht fähig, ihre neu aufsteigenden Tränen zurückzudrängen, beugte sie sich über sein Köpfchen wie über ein Heiligtum und hauchte einen Kuß darauf, ein wortloses Muttergebet.

»Geh' also deine Blumen schneiden, mein Kind«, sagte sie, unter Tränen lächelnd.

Er schüttelte den blonden Kopf. »Mit deinen Tränen auf den Händen –? und da sind schon wieder neue? Aber nein, das geht ja gar nicht, da muß ich warten, bis gar keine mehr kommen, gar, gar keine mehr.«

Er kniete vor ihr nieder und schmiegte sich an ihre Knie. »Aber Mütterchen! Kleines Verenchen!« sagte er zärtlich und spielerisch, »du bist ja heute ein ganz kleines Mädi, das unnütz weint!« Und dann nach einer Pause mit rührender Schelmerei: »Ist das wirklich nötig?«

Sie mußte lachen.

»Siehst du, es ist gar nicht nötig. Nun will ich dir aber was ganz Hübsches sagen, damit du nicht mehr traurig bist. Möchtest du nicht einmal so ein winzig klein Mädelchen haben? Ich möcht' so gern ein kleines Schwesterchen.«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich hab' ja dich!«

»Ja, aber wenn ich fortgeh' – zu den traurigen Menschen?«

»Dann hab' ich dich immer noch.«

Und nun strahlte er; über seinem feinen Gesichtchen lag es wie eine Erinnerung an eine einstige große Erkenntnis. Er hob sich zu ihr empor und zog ihren Kopf an sich. »Ich möcht' dir etwas ganz, ganz leise ins Ohr sagen, Mammi, ich sag' es auch niemandem weiter, nicht wahr, Heino ist nicht in dir gewachsen wie ein Samenkörnchen, nur ich?«

»Nur du!« schluchzte sie überwältigt und schloß ihn fest in ihre Arme und drückte ihn an ihr Herz, so, als wolle sie ihn nimmer von sich lassen.

*

Heino war bereits seit ein paar Wochen daheim und erfüllte Haus und Ställe, Garten und Umgegend mit seiner sprühenden, tatkräftigen Lebendigkeit. Es war ein sausendes Tempo in ihm. Wie ein Sturmwind fuhr er in vergessene Ecken und Winkel, stöberte häufig etwas Interessantes auf und unterwarf sich die Dienstboten und Bauernkinder im Handumdrehen. Es schien, daß das eine Gefühl, das bisher sein Leben erfüllt und beherrscht hatte, seine endlich beruhigte Leidenschaft zu Verena sich in der Hingabe an tausend Einzelheiten auslösen müsse und er das Bedürfnis hätte, sich ungebändigt auszutoben, abgesehen davon, daß das Stillsitzen in der Schule schon an sich einen solchen Rückschlag bedingte.

Wenn der bildschöne Junge trotzig und herrisch auf seinem wilden Rappen über die Ebene dahinflog, gab es keinen hübscheren Anblick, und die Leute blieben stehen und sahen ihm bewundernd nach. Wenn er zähe und gutherzig darauf bestand, Erik einen Teil seiner Künste zu lehren, so lächelten Heinz und Verena und ermahnten ihn immer wieder, dem jüngeren, zarten Bruder nicht zuviel zuzumuten. An Selbstsicherheit hatte er sehr gewonnen, besonders seit einer Prügelaffäre in der Schule, wobei er sich eine Schar Knaben völlig unterworfen und zu seinen bedingungslosen Anhängern gemacht hatte. Nacheinander hatte er sieben Jungen regelrecht verhauen und war überall als Sieger hervorgegangen. Wie durften sie es auch wagen, sich ihm zu widersetzen?

Unter diesen Kameraden war der Sohn des Pastors Graupenhahn, ein rothaariger, plumper Junge von robustem Gliederbau und tückischer Wesensart. Dieser hatte Heino die erlittene Demütigung nicht vergessen, und obwohl er sich ihm wie die übrigen willig zu unterwerfen schien und sich besonders um seine Gunst bewarb, so traute ihm Heino doch nicht recht und behandelte ihn mit hochmütiger Herablassung, wobei er sich besondere Mühe gab, die höflich-kalte Haltung seines Vaters gegenüber dem Pastor Graupenhahn nachzuahmen. Die Szene von damals war ihm deutlich in Erinnerung geblieben, und jedesmal, wenn sie vor ihm aufstieg, durchdrang ihn ein warmes Gefühl für den Papa, der sich vor dem würdigen Herrn zu seinem Sohne bekannt und Heino recht gegeben hatte.

Die bevorstehende Reise mit dem Papa nach Baluschta konnte er kaum erwarten und freute sich auf das Meer, besonders aber auf die geheimnisvollen Mitteilungen, die seine Liebe zur Mama zu einem ungeahnten Höhepunkt steigern sollten. Es war ihm zumute wie damals, als er noch ein kleiner Junge gewesen und vor einem besonderen Leckerbissen wartend gesessen hatte, um ihn mit vollem Genuß nach der Bewältigung der übrigen Mahlzeit langsam zu verspeisen. So hätschelte er auch seine Liebesempfindung für die Mama ein wie ein müde gewordenes Kind und sehnte sich mit herzklopfender Seligkeit den märchenhaften Dingen entgegen, die sich nach der versprochenen Eröffnung ereignen sollten. Welcher Art diese Aufklärung sein könnte, davon hatte er freilich nur eine äußerst unklare Vorstellung, aber Geduld und Selbstbeherrschung hatte er im Verkehr mit der Mama doch endlich lernen müssen, und so begnügte er sich einstweilen, sie heimlich verzückt anzuschauen, ihr von Zeit zu Zeit einen kleinen Ritterdienst zu leisten und ihr die Hände zu küssen. Später – wenn er wußte, sollte es gewiß schöner und anders werden. Dann durfte er ihr sicher mit den neugewonnenen und anerkannten Rechten, sie noch lieber zu haben als bisher, nahen, und sie würde ihn nicht mehr von sich stoßen wie damals, wie sie ja auch nie Eriks Liebkosungen abwehrte. Er aber würde ihr noch näher stehen als Erik, ja, viel näher.

Inzwischen nutzte er seine Zeit nach Knabenart und tummelte sich tüchtig mit Bibse und Schanno im Freien, denen er schon allein durch seine künftige Stellung als Marinekadett imponierte. Er nannte sie nur noch »Landratten« und befleißigte sich mit Vorliebe fachmännischer Marineausdrücke, die er irgendwo zusammengelesen haben mochte. Hätte er nicht immer großmütig für ihr Vergnügen mitgesorgt, sie würden ihm seine prahlerische Art übelgenommen haben, so aber lachten sie gutmütig dazu und wandten sich nach wie vor in allen Nöten an ihn. Er wußte immer Rat, wenn irgend etwas los war. Natürlich mußte jetzt vorzugsweise gerudert und gesegelt werden. Heino ruhte denn auch nicht eher, als bis er vom Papa für sich und seine Kameraden zum ausschließlichen Gebrauch ein schönes neues Boot geschenkt erhielt. Es trug den stolzen Namen »Columbia« und wurde dem alten Moses Silberstein, der am Flußufer wohnte, ausdrücklich in nächtliche Verwahrung gegeben. Von seiner Behausung aus unternahmen die Jungen, oft in Elianes und Eriks Begleitung, längere Fahrten. Erik hielt sich überhaupt mehr zu Eliane. Das junge, ernste Mädchen mochte allerhand innere Entwicklungen durchgemacht haben, die sie träumerisch und zärtlich stimmten, und sie fühlte sich durch Eriks kindliche Zuneigung ausgezeichnet und beglückt.

An einem warmen Juninachmittag erschienen Bibse und Schanno feierlich auf Heinos Zimmer und wünschten ihn in einer besonderen Angelegenheit zu sprechen.

Heino saß gerade über einer spannenden Weltumsegelungsgeschichte und hatte Karten und Kompaß vor sich auf dem Tisch.

»Nu, ihr zahmen Fregatten,« sagte er, »ihr habt euch ja riesig fein aufgetakelt. Was ist denn los?«

»Es ist morgen Bibses Geburtstag!« sprach der blonde Schanno mit Nachdruck – »und wir möchten unsere Schokolade im Boot trinken.«

»Ja, und der Pastor Graupenhahn hat hier in der Umgegend seinen Besuch angemeldet mit dem roten Julze. Nun ist die Frage, ob du ihn mithaben willst in der ›Columbia‹«, meinte Bibse.

»Oder ob wir lieber ausreiten sollen!«

Heino runzelte die Stirn und dachte nach. »In der ›Columbia‹ waren bisher nur feine Leute,« sagte er zögernd, »riesig anständige Kerls, mein' ich. Sollen wir das neue Boot entweihen? Der rote Julze ist so ein Schleicher!«

»Wir wollen das Boot nicht ›entweihen‹!« sprach Bibse mit Größe.

»Also reiten wir aus. Die Schokolade können wir ja in einer Kanne mitnehmen und drüben bei den Scheunen wollen wir sie trinken, mitten in der Steppe. Übermorgen segele ich sowieso schon ab mit dem Papa, und wenn ich zurück bin, dann bin ich Kadett, und das können wir im Boot feiern.«

»Ist gut!« sagten Bibse und Schanno einstimmig.

»Ist's euch auch ganz gewiß kein Opfer?« fragte Heino gutmütig.

»Nein!« schallte es wieder einig zurück.

»Na, dann sollt ihr aber auch ein Extravergnügen haben. Ihr kriegt die feinen Stallpferde, den Grosnoi und den Treswon, ich behalt' natürlich meinen Potemkin, dem Julze aber geben wir den bockenden Wassjka, das wird ein Heidenspaß!«

»Hm!« Über Bibses Gesicht zog ein vergnüglich breites Lachen. Schanno aber spitzte den Mund und sah moralisch aus. »Ne!« sagte er endlich und schüttelte den Kopf, »dann will ich schon lieber den Wassjka – der Julze ist doch unser Gast.«

Heino biß sich auf die Lippen. »Ach was! Wir haben ihn ja nicht eingeladen. Aber meinetwegen, Schanno, dann nehme ich eben den Wassjka, ich kann ja mit jedem Gaul fertig werden, und der ungeschickte Schlampel soll mal den Potemkin reiten. Das wird auch ein Gaudium, sag' ich dir. Das paßt zusammen wie die Faust aufs Auge, so sagt Papa immer. Kommt denn aber Eliane nicht mit?«

»Sie mag nicht. Aber Erik kommt doch auf seinem Pony?«

»Für Erik ist's zu weit!« sprach Heino väterlich.

»Eliane soll ihm aber von der Schokolade aufheben.«

So war denn die Angelegenheit völlig in Ordnung, und nachdem die Buben sich noch ein Weniges in Heinos Zimmer umgesehen und sich von ihm den photographischen Apparat, den ihm Erik aus Deutschland mitgebracht, hatten zeigen und erklären lassen, zogen sie zufrieden, in Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, ab.

*

Julze Graupenhahn hatte die drei Kameraden durch die Art seines Auftretens völlig aus dem Konzept gebracht und überrascht. Nicht nur, daß er keine Spur von seiner bisherigen Demut und Unterwürfigkeit vor Heino an den Tag legte, im Gegenteil, er hatte eine hochmütig überlegene Miene angenommen und trat Heino mit einer gewissen spöttischen Herablassung gegenüber.

So etwas war noch nie vorgekommen.

Der lange, plumpe fünfzehnjährige Junge hatte sich denn auch so unausstehlich gemacht, daß sogar Schanno es bedauerte, daß nicht er das bockende Pferd zu reiten bekommen hatte. Wohl sah er mit neidischer Lüsternheit zu, wie sicher und beherrscht Heino sein widerspenstiges Tier tummelte, aber sogar seine schönsten Kunststücke lockten kein Wörtchen der Anerkennung aus ihm hervor.

Heino war im Grunde seiner Seele mißgestimmt und erbittert, er gab sich einer lärmenden Lustigkeit hin, um sich seinen Ärger nicht merken zu lassen.

Als sie sich, bei den Scheunen angelangt, ins Steppengras gelagert hatten, das dies Jahr infolge häufiger Regengüsse noch kräftig und hoch stand, erwog er es heimlich, wie er es anstellen solle, um dem Störenfried einen gründlichen Denkzettel zu geben, ihn tüchtig zu verprügeln und damit sein Mütchen zu kühlen.

Die Gelegenheit dazu sollte nicht lange ausbleiben.

Schanno war gerade mit dem Austeilen der Schokolade und des duftenden Napfkuchens beschäftigt, da sagte Bibse, wohl in der freundlichen Absicht, den störrischen Julze zu einer anerkennenden Äußerung Heino gegenüber zu veranlassen: »Heino, du solltest mal Julze zeigen, wie du stehend reiten kannst«, und zu Julze gewandt: »Das kann er nämlich großartig!«

»Fällt mir nicht ein!« knurrte Heino wütend.

»Für den ist's doch kein Kunststück!« sagte der lange Julze hämisch vergnügt mit boshaftem Augenzwinkern. Das Wort den war mit einer besonders wegwerfenden Betonung gesprochen.

»So?« fragte nun auch Schanno gereizt. »Kannst du es denn etwa?«

»Ich! Keine Spur. Ich bin aber auch eines Pastors Sohn, und meine Mutter war Lehrerin. Ich brauch' solche Zirkuskünste nicht.«

»Was hat das denn damit zu tun?« fuhr Heino zornig heraus. »Ist das nicht gleich, was die Eltern von einem sind, wenn man nur selbst was Ordentliches kann?«

»O nein, das ist nicht gleich, das ist gar nicht gleich«, entgegnete Julze langsam und schwelgend. »Wenn einer aus einem anständigen Hause ist, gibt er nichts auf solche Kunststücke.«

In einem Nu war Heino über ihn her und versetzte ihm, da er eben im Begriff stand, seine Schokolade zum Munde zu führen, eine gewaltige Maulschelle.

Die Schokolade spritzte nach allen Seiten auseinander.

»Schwein du, – sind wir nicht aus anständigem Hause?« – – Und er hatte den rothaarigen Jungen wuchtig zu Boden geworfen und bearbeitete ihn ausdauernd mit seinen Fäusten.

»Du gewiß nicht!« kreischte der lange Julze unter seinen Püffen.

»Was? Was hast du da gesagt?« Heino verdoppelte seine Anstrengungen. »Wiederhol' das noch einmal und ich schlag' dich tot!«

Knirschend stürzte er sich wieder auf ihn und grub seine Finger klammernd um seine Kehle.

Blaurot im Gesicht lag Julze auf dem Rücken, die Augen quollen ihm aus den Höhlen, wehrlos schlug er mit Armen und Beinen um sich.

Bibse und Schanno warfen sich auf Heino und begannen ihn mit Gewalt von seinem Feinde wegzuzerren. »Laß! Laß ihn doch! Er nimmt's sicher zurück!«

»Wirst du's zurücknehmen – wirst du?« keuchte Heino atemlos – »Hund, Hund! ha – niederträchtiger Kerl!«

Julze hatte sich mühsam in eine sitzende Stellung gebracht, betastete blinzelnd seine Kehle und schluckte.

Die Brüder hielten noch immer den rasenden Heino krampfhaft umklammert.

»Ich ... nehme ... nichts zurück,« stieß Julze boshaft hervor, »du bist unehelich geboren, und deine Mutter – hihi – war eine Kunstreiterin!«

Heino wurde langsam weiß. »Laßt, laßt mich doch!« brüllte er – »Lügenmaul! Feigling! Schuft!«

Endlich hatte er sich losgerissen und stürzte wieder, schäumend vor Wut, auf seinen Gegner los.

Der aber sprang auf wie ein gehetzter Hase und flüchtete hinter die Scheune.

»Und es ist doch wahr!« kreischte er höhnisch von seinem Versteck aus – »ich hab's von Papa gehört, wie er es zur Mama sagte.«

Heino stand regungslos, als habe er einen Schlag vor die Augen erhalten. Vor seinen Blicken flimmerte alles durcheinander. Ohne ein Wort zu sagen, machte er kehrt, ergriff seinen Potemkin beim Zügel, schwang sich in den Sattel und stob in rasendem Galopp davon.

Die Wahrheit, die Wahrheit mußte er wissen. Wer würde ihm die sagen? Sein Gesicht war aschfahl, die Kehle zugepreßt, auf seiner Brust lag's wie ein Stein. Die Wahrheit, nur die Wahrheit! Grausam stieß er seinem Lieblingstier die Absätze in die Weichen und trieb es, stumm vor verhaltener Wut, zu immer rasenderen Sätzen. Das hohe Steppengras fegte er vor sich nieder, die Halme schwirrten gebeugt an ihm vorbei, um sich später wie erstaunt langsam wieder aufzurichten.

Immer wilder bäumte sich der Widerspruch in ihm auf. Es war gelogen – gelogen war es. War es denn aber auch wirklich gelogen? Ihn schüttelte ein Grauen, eiskalt rann es ihm durch die Glieder. Und durch den furchtbaren Aufruhr seines Innern klang plötzlich die Gewißheit: Erik weiß es, Erik muß es wissen!

Ja, Erik wußte. Hatte er nicht damals im Winter gesagt, er, Heino, wäre nicht in der Mama gewachsen? Oh, sie alle, sie hatten ihn betrogen, belogen und betrogen! Der Papa, die Mama und Erik! Zwischen seinen ächzenden Atemzügen kam es jetzt stoßweise und pfeifend hervor: »Und es ist doch wahr? Und Erik weiß. Ja, Erik weiß ...«

Eine eisige Besinnung kam in seine Seele, doch seine Augen glühten wie in tödlichem Haß. Wie ein wildes Tier brüllte Heino und schüttelte die Zügel und stieß und stieß die scharfen stählernen Steigbügel mit den Kanten in die Flanken seines Pferdes, ein irres, verzerrtes Lächeln auf den Lippen.

Das also war's! Und nie, nie, niemals würde ihn die Mama lieber haben als Erik, als den Papa – – alles, alles aus und vorbei!

In stumpfer Verzweiflung trieb er sein Pferd an, immer wieder. Ja, Erik mußte es ihm sagen, ob er wollte oder nicht, oh, er wollte ihn schon zwingen! Er fühlte ein scharfes Prickeln, als fliege ihm glühender Sand ins Gesicht. – »Hm, dich krieg' ich schon!« zischte er. Die ganze Wucht seines fiebernden Atems trieb er höhnisch in diese Worte.

Schon sah er das silberne Band des Flusses blinken, schon richtete er sein Pferd gegen die Überfahrtsstelle, da erblickte er ein leuchtendes Wolkengebirge, feierlich und einsam stand es gegen den Himmel getürmt, wie ein Warnungszeichen, wie ein drohendes Halt.

Einen Augenblick hielt er inne und zügelte sein schweißtriefendes Tier, halb unbewußt, und mit visionärer Gewalt empfand er, daß er nicht auf guten Wegen sei. Ein tiefes Lied der Ewigkeit mochte durch den Spalt seiner erregten Sinne einen kurzen Augenblick in seine Seele hineingeklungen haben. Doch er raffte sich zusammen und schüttelte den seltsamen Zauber ab: man hatte ihn ja doch betrogen – betrogen sein ganzes Leben lang, und Erik, Erik wußte – –

Er kniff die Augen ein, um nicht das stille, ungeheure Wolkengebilde zu sehen, beugte sich vor und versetzte seinem Potemkin einen rohen Faustschlag zwischen die Ohren.

Das geängstigte Pferd flog schnaubend gleich einem Pfeil vorwärts, solche brutale Behandlung war es nimmer gewohnt gewesen, und während Heino in den wiegenden, langgestreckten Galoppsprüngen dahinsauste, fühlte er seine Atemzüge kurz und stoßend gehen und empfand plötzlich einen matten Ekel – vor sich selbst, den Menschen, der ganzen Welt.

Müde öffnete er die eingedrückten Augen und sah vor sich her. Halt – war das nicht Erik auf der anderen Flußseite, der aus der Hütte des alten Silberstein trat? Er spähte schärfer hin – jawohl, das war er, Erik, »der rechte«, »der einzige«, »der eigentliche« Sohn!

Wieder ward Heino von seiner nagenden Wut gepackt und spornte sein Pferd – hier, hier mußte er mit Erik sprechen, abrechnen, nicht zu Hause – das traf sich ja gut.

Eine sonderbare Spannung, das Bedürfnis, die Sache schlau und listig anzufangen, regte sich in ihm, sonst würde er ja nichts erreichen ...

Er machte aus seinen hohlen Händen ein Schallrohr und schrie tönend hindurch: »Hal–lo! E–rik!«

Die zarte weiße Knabengestalt blieb auf den Ruf stehen und winkte freudig mit den Armen.

Jetzt hatte Heino das Ufer erreicht. Statt, wie sonst, die ihm gut bekannte seichte Flußstelle weiter unten zu durchreiten oder den Flößer Grischka herbeizurufen, der ihn auf seiner Fähre hätte übersetzen können, warf Heino sein Tier sofort ins tiefe Wasser.

Erik hob mit einem Schrei des Entsetzens beide Arme.

Aber wie von einer dunklen, dämonischen Macht beschützt und getragen, gelang Heino das Wagestück. Bis an die Rippen in der tiefen Strömung, saß er sicher auf seinem Tier und lenkte es mit jähem Zuruf in die Mitte des Flusses. Schnaufend trieb es dahin, nur der edle Kopf mit den schönen Augen und den geblähten Nüstern ragte aus dem Wasser – – jetzt – jetzt hatte es wieder Fuß gefaßt und arbeitete sich hastig durch das seichtere Wasser und sprang die steile Böschung hinan.

Erik stand mit gerungenen Händen neben dem Boot. »Aber Heino!« rief er schluchzend, »ich hab' mich so gefürchtet, ach Heino, lieber Heino –«

Heino war abgesprungen, keuchend schritt er auf Erik zu und packte ihn herrisch am Arm. »Du, komm mit mir ins Boot, ich muß dir was sagen.«

Verschüchtert folgte ihm Erik. »Du bist ja ganz naß, Heino, und auch der Potemkin – er wird sich erkälten, er muß doch jetzt gerad' laufen.«

»Komm und schwatz' nicht. Ich bin nicht aus Zucker, und der Potemkin wird schon noch heil bleiben! Setz' dich!« schrie Heino den Bruder an, als Erik zögernd im Boot stehenblieb. Mit ein paar geschickten Stößen hatte er es vom Ufer abgeschoben, watete ins Wasser und sprang selbst hinein.

»Was ... was hast du denn nur, Heino?«

Heino schwieg und ruderte bis an die Mitte des Flusses, dann zog er die Ruder ein.

»Erik, du sollst mir jetzt die Wahrheit sagen,« sprach er mit finsterem Ausdruck ohne weitere Einleitung und starrte dem Bruder fest in die Augen, »die ganze Wahrheit, hörst du, denn du weißt sie: bin ich Mamas Sohn oder nicht?«

Erik schrak sichtlich in sich zusammen und sprang auf, flehend hielt er die Hände vor sich, Heino entgegen.

»Ach Heino, frag' mich nicht, bitte, bitte! Frag' Mama!«

Heino wurde kreidebleich. Eine kalte Betäubung, eine unerklärlich bittere Ohnmacht schüttelte ihn wie im Fieberfrost.

»Antworte, schnell! Schnell!« brüllte er, »oder ich weiß nicht, was ich tu.«

Erik schwieg. War das sein Bruder, der so zu ihm sprach? Mit traumlahmen Lippen flüsterte er etwas Unverständliches.

»Antworte! Sofort!« zischte Heino. Er sah aus, als atmete er lähmendes Gift. »Ant–wor–te!« wiederholte er in irrer Dumpfheit.

Aber unbeweglich sah Erik ihn an mit einem sehnsüchtigen, wehen Ausdruck, nur der leise Gesang seiner blauen Augen redete und flehte.

»Zum letztenmal frag' ich ... antworte!«

Stille.

Und endlich kam es in geflüstertem Entsetzen hervor: »Heino, Heino, ich ... kann nicht.«

Da stieß Heino ein grelles, gräßliches Lachen aus, sprang auf und begann den Kahn von einer Seite zur andern zu schaukeln. Mit beiden weit auseinandergestemmten Beinen stand er da, wie ein Wahnsinniger, und bog das schmale Gefährt hin und her, daß es mit dem Rande ins Wasser tauchte und sich jäh füllte.

»Heino ...!« schrie Erik und stürzte vor ihm in die Knie.

Heino aber stieß und trat immerzu. Eine dämonische Wut war über ihn gekommen – er fühlte seine Seele nicht mehr, nur eine einzige Wunde ... zwei stiere Augen glühten und brannten über Erik hinweg – ins Weite.

Noch einmal erhob sich Erik. »Heino, lieber Heino ...«

Hatte er einen Stoß erhalten von Bruderhand? Hatte er nur das Gleichgewicht verloren – –? Mit einem markerschütternden Schrei stürzte er über den Bootrand und versank.

Schmal und weiß tauchten zwei zuckende Arme aus der Flut hervor und suchten ... den Bruder.

Stumpf und stier sah Heino auf das Wellengekräusel, das dort, wo Erik versunken war, leise plätschernde Ringe zog – –

Hatte er das – gewollt?

Ihn packte eiskaltes Grausen.

»Erik, Erik, wo bist du?« schrie er schneidend.

Und er stürzte ihm nach in das friedlich treibende Wasser, tauchte unter und suchte – – –

»Erik, Erik ...«

Aber kein Erik antwortete. Zweimal war er weiter unten noch für einen Augenblick aufgetaucht, während Heino nach ihm suchte.

Sein freiwilliges Versprechen hatte der kleine Erik seiner Mama gehalten, bis in den Tod, sein Geheimnis hatte er mit in sein strömendes Grab genommen.

Als Heino sich mühsam wieder hervorgearbeitet hatte, war die Welt still und leer.

Er stieß einen einzigen winselnden Schrei aus – das Boot trieb vor ihm her, stromabwärts – – irgendwie und halb bewußtlos gelangte er wieder ans Ufer.

Allein. Ohne seinen kleinen Bruder ...

Und dann begann er sinnlos zu laufen – wohin? er wußte es nicht, nur fort, fort – – fort!

*

Das ganze Dorf war auf der Suche nach den beiden verschollenen Knaben des Oberverwalters. Aber vergeblich.

Das leere, treibende Boot hatte man gefunden, Eriks Strohhut aus dem Wasser gefischt. Sonst nichts. Der Potemkin war mit eingefallenen Flanken und röchelndem Atem in der Abenddämmerung vor seinen Stall gekommen – in einem erbarmungswürdigen Zustande. Das edle Tier war völlig ruiniert und mußte erschossen werden.

Heinz, der Doktor und Janina suchten Tag und Nacht. Tag und Nacht waren auch die Unterverwalter, die Beamten und die Polizei tätig.

Sie ließen keinen Busch und keinen Strauch auf Meilen an den Flußufern unumgangen. Mit Netzen, mit Stangen und Bootshaken ward der Fluß aufgewühlt und durchstöbert – er gab nichts her. Am liebsten hätte man die Erde und selbst die Luft durchsieben mögen, wenn es tunlich gewesen wäre.

Verena wanderte nun schon seit achtundvierzig Stunden in den hohen, weiten Räumen ihres Hauses auf und nieder, ruhelos, tränenlos, ein erstarrtes, grauenvolles Lächeln auf den eingefallenen Zügen. Wenn Heinz oder Janina, die in langen Pausen hoffnungslosen Suchens zu ihr zurückkehrten, sie baten, sich niederzulegen, schüttelte sie stumm den Kopf. Nur einmal flüsterte sie mit einem herzzerreißenden Ausdruck: »Ich muß doch da sein, wenn mein kleiner Erik heimkommt.«

Erik kam nicht.

Endlich war sie in eine stumpfe Betäubung gesunken; sie saß unbeweglich in einem Sessel, ihr Antlitz in seiner gleichmäßigen Blässe so feierlich-regungslos wie ihr Körper, ihre Augen still und klar und ohne den lebenden Schimmer, um die Lippen noch immer jenes gramvolle Lächeln, das nicht von ihren Zügen wich.

Sie wartete noch immer, nicht mehr auf Erik selbst, nein, nur noch auf seinen entseelten Körper ...

Einmal übermannte sie der Schlaf.

Und da sah sie ihren Erik: Er lag unter strömenden Wassern, von einem abgestorbenen Zweige eines Weidenbusches festgehalten, nahe bei Moses Silbersteins Behausung, leise geschaukelt, auf dem Rücken, und er sah sie mit seinen toten Augen an und sprach wehmütig: »Mammi, mir ist so kalt ... Der Heino hat mich hineingestoßen ...«

Verena fuhr auf, erhob sich und ging wie eine Schlafwandelnde aus dem Zimmer, öffnete geräuschlos alle Türen und trat ins Freie.

Es dämmerte. Sie aber eilte mit schwebenden Schritten die Treppe hinunter in traumwacher Sicherheit, ihr weißes Gewand schleppte hinter ihr her. Sie schlug den Weg zum Flusse ein.

Ein paar Leute begegneten ihr mit Netzen und Fischergeräten und zogen grüßend tief die Mützen. Sie sah sie nicht.

Gebannt von der rätselvollen Stille in ihrem Gesicht, starrten ihr die Bauern kopfschüttelnd nach. Keiner sprach ein Wort.

Ruhig schritt sie weiter, die Augen blicklos ins Weite gerichtet – ein Unfaßbares umspannte ihre Seele, ein Unendliches nahm sie in sich auf.

»Mir ist so kalt, Mammi, ... der Heino hat mich hineingestoßen ...«

Und dort, wo Heinz einst beim Baden von der irrsinnigen Alten überrascht worden war, in der schwülen Sommernacht, dort stieg sie traumsicher die Böschung hinab und nickte dem Weidenbusch zu. Geheimnisvoll und düster spreizte er sein Gefieder und tauchte tote Äste hinab ins Gewässer. Verena trat ruhig und sicher in die leise murmelnde Flut, schloß die Augen und streckte die Hände vor in einer Gebärde blutender Sehnsucht. So umging sie in weitem Bogen den Busch. Das Wasser reichte ihr bis an den Gürtel. Je näher sie auf den Busch zutrat, desto tiefer ward es. Das spielende, rinnende Element hatte die überhängenden Erdschollen allgemach unterwühlt und die langen, saugenden Wurzeln des Weidenbusches bloßgelegt. Immer engere Halbkreise zog sie und verlor den Boden unter den Füßen. Sich an einem herabhängenden Aste festhaltend, glitt sie, von der Flut getragen, näher, immer näher, und jetzt – Himmel! jetzt fühlte sie einen starren Kinderarm an ihrem erschauernden Leibe.

»Gleich, gleich, mein Herzblatt ...« murmelte sie mit irrem Lächeln, »gleich, mein Liebling ...«, sie beugte sich tief unter das Wasser, verlor den Halt und hatte den Leichnam ihres Kindes ...

Nein, jetzt durfte sie nicht untergehen, jetzt nicht. Ihr Erik sollte nicht mehr frieren – – und sie rang sich hochatmend vorwärts, und ihre Füße fanden den Grund.

Langsam schritt sie aus dem Wasser, ihr totes Kind in den Armen, langsam trug sie ihre süße, entstellte Bürde ans Land, die Böschung empor.

Da blieb sie einen Augenblick stehen, legte den Knaben sanft nieder und öffnete ihr triefendes Gewand. Das spitzenbesetzte feine Hemd klebte an ihrer Brust, sie riß es mit einem jähen Ruck auseinander, nahm ihr Kind wieder auf, bettete sein armes Gesichtchen an ihr bebendes Herz und gab dem starren Körper mit den leblosen Gliedern eine ruhige, bequeme Lage.

So trug sie ihren Liebling heim.

Jetzt würde ihn nicht mehr frieren ...

*

Etwa anderthalb Kilometer hinter Moses Silbersteins Hütte lag ein morsches, umgestülptes Boot am Uferrande. Dort hatte sich Heino versteckt gehalten, dort lag er noch jetzt, halb irrsinnig vor Angst und Gram. Während der Stille der Nacht hatte er seinen Durst mit Flußwasser gestillt, seinen Hunger mit ein paar rohen Schnecken, die er vom Uferschilf abgelesen. Als die suchenden Leute hierher gekommen waren, hatte er sich unter dem Kiel des Bootes zusammengerollt, selber eine Schnecke, und als jemand mit einem brennenden Zündholz unter die Rippen des Bootes geleuchtet hatte, dessen Bretter an den Rändern schon fehlten, war er mit angehaltenem Atem und hochgezogenen Beinen liegen geblieben wie ein Knäuel.

Der alte Silberstein fand keinen Schlaf und keine Ruhe mehr, seit das Entsetzliche geschehen war. Im frühen Morgengrauen wanderte er das Ufer entlang und suchte – und suchte. Von Janina hatte er die letzten Geschehnisse erfahren, auch den Hergang des Streites zwischen Heino und dem Pastorssohn, den die Doktorsbuben unter heißen Tränen wiederholt und ausführlich berichtet hatten, und es war ihm gelungen, den roten Faden in diesem Gewirr herauszuknüpfen und festzuhalten. Alle Dinge und Zusammenhänge wurden ihm nach und nach genau sichtbar und verständlich, als schwebten sie aus nebeliger Ferne herbei: Heino lebte, nicht er war der eigentliche Mörder, der fremde, boshafte Bube trug die größere Schuld; Heino war nur das schwache, blinde Werkzeug seiner entfesselten Leidenschaften gewesen. Diese Erkenntnis würgte ihn, tröstete ihn, und er suchte, suchte ... suchte.

Und noch ein anderer ging mit starren, gebannten Augen suchend einher, gleich ihm, wie einer, der mit Grausen in eine schwindelnde Tiefe blickt – Heinz.

Die beiden Männer hatten einander nicht gesprochen, sie ahnten, fühlten und wußten jedoch dasselbe. Mit den tiefen, verschwommenen Lauten eines fernen Wassers war die Gewißheit in ihren Seelen lebendig: Heino lebte.

Sie suchten ... suchten, jeder an seinem Ort, jeder woanders.

So war Moses in die Nähe des Bootes gekommen. Gramvoll und müde setzte er sich darauf nieder, stützte das Haupt in die Hände und weinte. Mit einem Male war's ihm, als rühre sich etwas unter seinem Sitz, als höre er ein verzweifeltes Ächzen.

Er stand betreten auf und starrte vor sich nieder.

»Heinchen, mein Freund Heinchen ...« murmelte er verloren.

Mit bebenden, krampfhaften Händen griff er an das Boot und rückte und hob daran.

»Nicht – nicht! Moses!« schrie eine gellende Knabenstimme.

Die Erschütterung gab ihm Riesenkräfte. Wieder schob und wälzte er – umgekehrt lag das Boot da.

Vor ihm ein lebendes, zitterndes Häufchen Jammers – –

»Heinchen ... mein Freund Heinchen ...« schluchzte der alte Mann.

Der Knabe hielt den Kopf in den Sand geduckt wie ein verfolgtes, umkreistes Tier.

»Heinchen, mein Heinchen –«, der alte Jude sank zu ihm nieder auf den Boden, seine bebenden Hände streichelten den zusammengebogenen Rücken, streichelten das dunkle, wirre Haar.

»Hab' ich dich endlich gefunden! Hab' ich gehabt den großen Segen!« stammelte er.

Heino lag da, starr, mit abgewandtem Gesicht.

Sanft richtete Moses ihn auf – Herr Gott, welch abgemagertes, gramentstelltes Gesicht!

Heino kniff die Augen ein und duckte den Kopf. Zitternd, schwach in den Knien stand er da.

»Ich ... hab' ... Erik ... ins Wasser,« würgte er, »ich geh' nicht, niemals – nach Hause ...«

»Nein, Heinchen, sollste auch nicht, sollste bleiben bei mir, bei dem alten Moses ...«

Der unglückliche Knabe stieß einen qualvoll stieren Schrei aus – –

Wie an einen letzten Rettungsanker klammerte er sich an den alten Juden.

*

Heino lag in der sorgfältig verdunkelten Kammer und schlief. Der Uhrmacher saß an seinem Bett und horchte auf die fieberhaften, unregelmäßigen Atemzüge. Immer wieder floß ihm eine Träne in den weißen Bart, so oft er auch ärgerlich über sich selbst den Kopf schüttelte. Von Zeit zu Zeit stand er auf und lauschte in den frühen Morgen hinaus.

Ohne daß ihn jemand gesehen hatte, war er mit Heino in seine Hütte gekommen, hatte den erschöpften Jungen mit Milch getränkt, als sei er ein kleines Kind, und ihm vorsichtig kleine Stückchen Brot gegeben. Dann war Heino eingeschlafen, und Moses hatte einen kleinen Bauernjungen aufgespürt und diesen mit der Botschaft an den Oberverwalter gesandt, daß er ihm etwas Wichtiges zu sagen habe.

Der alte Mann stand in seiner Hüttentür und spähte hinaus. Die Sonne war eben aufgegangen. Er schaute andächtig in das strahlende Gestirn und bewegte leise die Lippen. An diesem regelmäßigen und täglich wiederkehrenden Ereignis entzündete sich immer wieder in ihm eine seltsame Inbrunst, die über den Tag hinausglänzte und ihn mit Weisheit und tiefen Blicken erfüllte. Denn trotz seiner ursprünglichen starren und mechanischen Lebensklugheit hatte sich der alte Jude in seiner Seele Grund durch den leisen Einfluß innerlich lebender und wachsender Menschen wie ein alter Baum mit dem Reichtum junger Reiser begrünt und entfaltet.

Jetzt hörte er eilende Pferdehufe – – ein Reiter nahte. Abwehrend streckte Moses Silberstein die Hände vor: »Sachte, sachte!«

Heinz saß ab und nahte sich ihm zu Fuß.

»Gefunden?« fragte er heiser.

»Ja, Herr – aber wie! Wie! Ein zerstoßenes Rohr, ein zerbrochenes Gemüt ...«

Heinz schloß den alten Mann aufschluchzend in seine Arme. »Und er hat den Kleinen ...?«

»Ja, Herr, im Zorn, in der Seelennot hat er wollen von ihm wissen, ob er ist der Gnädigen Sohn ...«

Heinz schluchzte hart auf. »Also zu spät ... ich weiß, ich weiß ... Führt mich zu ihm, Moses.«

Auf Zehenspitzen schlichen die beiden Männer in die Kammer, ans Lager. »Geht nicht fort, Moses – bleibt!«

Der Vater nahm Platz und wartete.

Und diese wunden Minuten am Lager seines schlafenden Sohnes, der das Leben des jungen Bruders zerstört hatte, riefen mit furchtbarer Gewalt längst Geschehenes, längst Gesühntes und Begrabenes in seiner eigenen Seele wach. War nicht Heino eine Fortsetzung seines früheren ungezügelten Selbst? War diese Tat nicht eine grauenhafte Wiederholung, eine gräßliche Vertiefung seiner eigenen Schuld? Hatte die gleiche Leidenschaft, nur in anderer Form, nicht auch in ihm gewütet? Und war er nicht viel älter und gefestigter gewesen, als es ihn mit fortgerissen hatte? Durfte er richten?

Er durfte es am allerwenigsten.

Heino lag wie im Starrkrampf, den rechten Arm straff auf die Decke gestreckt, die Hand zur Faust geballt, das Gesicht zur Wand gekehrt.

Ein schluchzender Seufzer erschütterte seinen Leib.

»Moses – bitte Wasser!« sagte er tonlos.

Dann öffnete er die Augen – – sah den Vater stier an – –

»Papa ...« würgte er entsetzt.

»Heino, ruhig, ruhig, – ich weiß. –«

Aber Heino war aus dem Bett wie ein Irrer und warf sich verzweifelt gegen die Tür.

Starke Vaterarme griffen fest zu und hielten ihn.

Die Knie knickten dem Knaben ein, das fahle Gesicht sank hintenüber, die Augen waren geschlossen, der Mund zusammengepreßt. Nur ein winselndes, gebrochenes Stöhnen.

»Ich ... hab' ... Erik, – ich ... hab' ... Erik ...« das letzte Wort vermochte er nicht auszusprechen.

Der alte Jude saß zusammengekrümmt in einer Ecke, hatte den greisen Kopf auf die Knie gelegt und schluchzte wie ein Kind.

»Papa ... Papa,« wimmerte Heino – »nicht nach Hause ... nicht zur Mama – –«

Und der erschütterte Vater vermochte es, diesen Sohn, der ihm fast das Liebste, der ihm das Lieblichste seines Lebens geraubt hatte, an sein Herz zu drücken. »Mein Kind, mein armes, armes Kind!«

Wie eine blutrote Sonne war, lebendig und glühend, die längst vorbereitete, längst erkämpfte, längst im stillen getragene Vaterliebe in ihm aufgegangen.

»Nicht – nicht Papa!«

Heino wand sich zu seinen Füßen, umklammerte seine Knie.

»Ach, ich will – auch sterben!« sagte er matt.

»Und ich, Heino? Soll ich denn keinen Sohn mehr haben? Einen tapferen, starken, tüchtigen Sohn will ich, der sich selbst überwindet. Das ist das einzige, was du Erik, was du uns zuliebe tun kannst!«

Zum erstenmal sah Heino seinem Vater in die Augen. Schauer der Ehrfurcht rannen über ihn hin. Welche Veränderung! Jäh ergraut das Haar, Furchen des Grames in den Zügen.

Todwund brach er wieder zusammen.

»Erik ... Erik ...« schluchzte er, »ach Erik, komm wieder, vergib!«

Und stark und voll inbrünstiger Wucht sprach der Vater: »Erik ist tot – und doch lebendig. Nie können wir ihn verlieren – er ist bei uns alle Tage.

Erik hat dir vergeben, mein Sohn.«

*

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