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Kinder der Liebe

Frances Külpe: Kinder der Liebe - Kapitel 3
Quellenangabe
authorFrances Külpe
titleKinder der Liebe
publisherPaul Franke Verlag
yearo.J.
printrun40.-49. Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170725
projectid75b3e7a5
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Zweiter Teil

Im Arbeitszimmer des Hausherrn standen die beiden Fenster offen. Vom Garten her, wo die Sonne keck durch die alten Bäume schien, ertönte ein Wettgesang fröhlicher Vogelstimmen. Voll Duft und Frische wehte die Morgenluft in den ernsten Arbeitsraum, bewegte sacht und spielend die Gardinen und strich leise über die beschriebenen Blätter auf dem Schreibtisch hin.

Heinz saß schon seit früher Morgenstunde und arbeitete, und die ewige Qual aller Schaffenden hielt ihn gepackt wie nur immer. Als gärender Gefühls- und Bewußtseinsinhalt stand sein Werk vor ihm, leuchtend und fertig, aber immer bitterer hatte er mit der deckenden Form zu ringen, und immer mehr fehlte es ihm an Zeit. Was er bisher geleistet, schien ihm nur allzu armselig und ungenügend. Wieder und immer wieder fühlte er sich am Anfang, fühlte sich dieser ungeheuren Welt gegenüber, die mit Allzumenschlichem gefüllt war bis an den Rand, und die er sich vermaß, in dem Brennpunkt seiner Seele zu fassen und widerzuspiegeln, als ein armselig stammelnder Schüler. Seine Sehnsucht, sein heißer Drang, hinauszuringen über das Erreichte, hinauszuschaffen über sein Selbst, das nicht mehr als das zerrissene Selbst seiner Jünglingsjahre hin- und herschwankte, sondern sich zur Reife und Klarheit eines aufwärtsstrebenden Mannesalters gefestigt hatte, gab sich mit seinem vornehmen Erzählerstil nicht mehr zufrieden. Ihm schien seinen Arbeiten der ureigene Ton, der zarte Schmelz, der ihn an den Werken anderer entzückte, nur zu sehr zu fehlen.

Je mehr er als Mensch gelernt hatte, ernste Anforderungen an seinen Willen, seine Tatkraft und sein Können zu stellen, desto weniger genügte ihm seine ruhig dahinströmende Prosa. Eine feine Wortkunst, eine schillernde Erlesenheit um seine Gedanken zu breiten, selbst einen spröden Stoff durch den farbigen Glanz seiner Worte zu beseelen, das war seine Sehnsucht geworden. Dazu aber fehlte ihm mit der wachsenden Arbeitslast und Verantwortung seiner Stellung immer mehr und mehr die Ruhe. So zehrte das heilige Ungenügen an ihm, schon seit Monaten, und wie er sich auch mühte, die Zeit zu schaffen, es blieben doch immer nur seltene Stunden, und der inzwischen verflogene Schaffensjubel kehrte nicht wieder.

War hier seine Grenze? Sollten ihm für jetzt die goldenen Tore verschlossen bleiben? Würde er, ein sehnsüchtiger Bettler, vor diesen Toren liegen, oder hatte er die Kraft, ihnen den Rücken zu kehren und einstmals, wenn das Leben des Alltags müde geworden war, sich den Eingang zu erzwingen?

Lange saß er schweigend vor seinen Manuskripten. Sein Herz pochte schwer, die Adern an seinen Schläfen weiteten sich, der Schweiß trat ihm auf die Stirn. Er schüttelte langsam den Kopf. Mit einer ruhigen Bewegung packte er die Papiere zusammen, tat sie in einen grauen Umschlag, verschnürte und versiegelte sie.

Zu teuer war ihm seine Arbeit, um sie schwunglos und müde fortzusetzen. So mochte sie ruhen, Monate oder Jahre, was kam darauf an? Entweder er durfte etwas von sich fordern, oder er durfte es nicht. Er war kein Jüngling mehr, dem es genügen mochte, überhaupt etwas zu schaffen.

Müde lehnte er sich in seinen Sessel zurück, voll Trauer. Sein Blick schweifte glanzlos über den sommerlichen Park, seine Lippen zuckten. Er saß wie betäubt.

»Ist durchaus kein Opfer, nur stille Notwendigkeit ...« dachte er laut. Er griff nach einem Paket Geschäftsbriefe, die mußten durchgesehen und beantwortet werden.

Da ward draußen an seiner Tür gekratzt, und ein helles Kinderstimmchen tönte silbern: »Papa duten Morgen sagen!«

Ein Ausdruck schlichter Gemütsinnigkeit, schalkhafter Freude flog über seine Züge.

»Wer ist denn da?« rief er kosend und wieder: »wer ist denn da? Ist es die Mama?«

»Nein – dar nicht!« Ein jauchzendes närrisches Gelächter draußen.

»So ist's der Heino?«

»Nein, nein, rat', Papa!«

»So nun weiß ich's, das wird wohl der lange Iwan sein!«

Das Silberstimmchen hinter der Tür stieß Springfluten von Gelächter hervor und wollte sich gar nicht beruhigen.

»Nein, nein ... der Erik!«

»Der Erik! Ist das die Möglichkeit? Das hab' ich mir doch gar nicht gedacht.«

Die Tür ward aufgestoßen, und ein zartes Bübchen in weißem Kleidchen trippelte selig auf den Vater zu.

Er hob es hoch in die Arme: »Mein Erik!«

»Mein Papa!«

Dann hielten sie sich fest umschlungen. Hier bedurfte es keiner Worte mehr. Die zwei verstanden sich.

Und nun ward der Mann zum Kinde. Er ließ sich auf alle viere nieder und verwandelte sich in einen Schimmel. »Aber Sßimmel is ßon bald müde,« und da wurde der Papa zum großen Wagen, dann zur Eisenbahn, ganz nach Bedarf, und endlich sollte er gar zur Eidechse werden.

»Was, was soll ich sein?« rief Heinz ungläubig.

Das blonde Köpfchen schmiegte sich zärtlich an ihn.

»Bitt ßön, ein Eidetschen, doldner Papa,« lispelte der kleine Erik, der sonderbarerweise alle R-s in seiner Gewalt hatte, »eine danz danz tleine drüne Eidetse, und sie hat ein weiß Bauchchen und kommt alle Tage zu Erik im Darten, und erzählt was Hübßes und is dar teine Eidetse, sondern ein Prinz.«

Da hatte nun Heinz die gewünschte Aufklärung und somit war ihm seine nächste Rolle zugewiesen. Eriks Ansprüche mußten befriedigt werden, das verstand sich von selbst. Er nahm seinen kleinen Buben auf die Knie, setzte sich behaglich mit ihm zurecht und indem er den Duft des flaumigen Blondhaars in sich einzog, begann er: »Also richtig, ich seh' nur so aus wie eine Eidechse, kleiner Erik, aber ganz gewiß bin ich früher einmal ein Prinz gewesen. Damals trug ich ein grünes Röckchen mit einer weißen Weste –«

»Und drüne Sßuh,« ergänzte Erik ernsthaft.

»Und grüne Schuh, natürlich. Auch trug ich ein goldenes Krönlein auf dem Kopf und durfte immer dicht neben meinem Papa, dem König, auf dem Thron sitzen. Der war über alle Maßen mächtig und liebte mich sehr, fast so sehr wie meine liebe Mutter, die Königin.«

»O ja!« seufzte Erik beseligt.

»Wenn wir zwei so nebeneinander auf dem Throne saßen und die Leute von fern und nah mit Bitten und Sorgen zu uns kamen, sagte mein Vater: ›Echslein, du lernst jetzt also regieren, nimm dein Krönchen wohl in acht, wenn du's verlierst, darfst du nimmermehr Prinz sein.‹ So war ich achtsam und hütete mein Krönlein wohl.

Einmal aber kam eine dicke, alte Kröte zu uns herangehupft, blieb vor den Stufen des Thrones sitzen, patschte sich auf den runden Bauch und sprach: ›Gnädigster Herr König Echserich, regieren könnt Ihr schon, aber sagt, wißt Ihr mir ein Mittel, wie ich wieder jung und schlank werden soll, und so schön wie Eure holde Königin?‹

›Ei, da müßt Ihr nicht soviel essen, liebe Frau Kröte,‹ sagte mein Vater, ›so schön aber wie meine Frau Königin könnt Ihr doch nimmer werden, die tut alle Stunden jemandem etwas Liebes, oder wenn sie das nicht kann, so sagt sie doch jedem, der zu ihr kommt, ein freundliches Wort. Davon wird sie dann immer lieblicher und schöner. Das kann aber nicht jede.‹

›Warum denn nicht?‹ rief die dicke Kröte und blähte sich, so daß sie noch einmal so dick wurde. Dabei sah sie ganz giftig aus vor Hochmut und Galle.

Ich aber sah die häßliche Kröte an, und sie kam mir so komisch vor, daß ich laut auflachte. Beim Lachen aber mußte ich mich schütteln, mein Krönchen fiel mir vom Kopf und rollte vor den Thron auf den Boden nieder, und was meinst du, was die alte Kröte tat?«

»Aufdehebt?« fragte der kleine Erik blinzelnd, sein zartes Gesichtchen färbte sich langsam rosig.

»Ach nein, verschluckt hat die böse Kröte das Krönlein, und da war ich mit einem Male kein Prinz mehr, sondern ein armes grünes Eidechslein!«

»Aber warum denn?« fragte das Kind bedrückt.

»Weil sie eine böse neidische Hexe war.«

»Unds Eidetelein? Tanns nu dar tein Prinz mehr sein?«

»Wenn es sein Krönlein wiederfindet. Da muß es aber lange Geduld haben. Die Kröte wird das Krönlein sicher gut versteckt haben.«

Der kleine Erik rieb seine Wange nachdenklich am Rock des Vaters und blieb eine Weile still.

»Wollen's suchen dehn!« meinte er endlich energisch. Damit machte er sich steif und rutschte von dem väterlichen Schoß.

Heinz sah der winzigen Gestalt seines Kindes nach, wie es die Tür mühsam aufklinkte, er hörte die weichen, eiligen Schrittchen, wie sie munter davontrippelten, er hatte noch das ernsthafte kleine Gesicht vor Augen, wie es in konzentriertem Entschluß jäh aufgeleuchtet war, und er lächelte.

Den Kopf in die Hand gestützt, blieb er nachdenklich sitzen. »Sonnenschein! Kronensucher! Wenn einer, so findest du die Krone des Lebens!«

Endlich warf er einen Blick auf die Uhr, stand eilig auf und begab sich zum Wartezimmer, wo schon mehrere Leute seiner harrten.

Im Treppenflur begegnete ihm ein langaufgeschossener, dünner Jüngling in der russischen Realgymnasiastenuniform, sein Halbbruder Iwan, der seit ein paar Jahren mit Petja hier die Sommerferien zubrachte.

»Nun, Iwan, wie geht's, Junge?« fragte Heinz freundlich und sah ihn scharf an. »Noch immer in den alten Grübeleien? Komm nachher um halb neun auf mein Zimmer, ich habe mit dir zu reden.«

Der junge linkische Mensch griff nach der dargebotenen Hand mit einem Feuer, das Heinz ein Lächeln abnötigte. Sein melancholisches Gesicht wurde von einer hastigen Röte übergossen, unsicher sah er Heinz in die Augen und murmelte: »Ich werde gewiß kommen.«

Im Weitergehen zog er ein abgegriffenes Heft aus der Tasche, machte kehrt, lief eilig die Treppen hinunter, blieb unschlüssig stehen und begab sich mit langen, nachdenklichen Schritten in den Garten. Hier setzte er sich auf die erste beste Bank unter die alte Trauerweide und starrte sinnend vor sich hin.

Seine Züge waren scharf, mager und von Sommersprossen und Pickeln übersät; sein ganzes Wesen hatte etwas hilflos Gedrücktes, etwas Unausgeruhtes. Hastig begann er mit einem Blaustift etwas in sein Heft zu schreiben, es waren Verse. Von Zeit zu Zeit hielt er inne, murmelte etwas, strich das eben Geschriebene durch und ersetzte es durch eine neue Zeile.

Endlich schien er befriedigt, lehnte den Kopf an den Baumstamm, schloß die Augen und versank in ein waches Träumen. Das Sonnenlicht sickerte durch das überhängende Gezweig, warf bewegliche Flecken auf die schmale Gestalt, flirrte über die hohe, eckige Jünglingsstirn hin, die sich fast schmerzhaft zusammenzog, als ein voller, satter Geigenton aus den offenen Fenstern des Hauses daherklang. Eine wehmütige Spannung, ein Lächeln dumpfer Wonne zuckte um die schmalen Lippen. Der ganze Bursche war nur noch ein andächtiges Lauschen.

Jetzt hörte er Stimmen; hinter den Fliederbüschen trotteten Knabenschritte. In kameradschaftlicher Umarmung kamen Heino und Petja gegangen. Offenbar waren sie sehr beschäftigt, da sie den jungen Menschen nicht bemerkten.

»Mein Vater ist aber furchtbar mächtig!« hörte Iwan Heino prahlerisch sagen. »Alle Verwalter müssen ihm gehorchen, sogar der alte Pawel Dimitritsch!«

»Ho, und mein Vater, der jetzt tot ist, war noch viel mächtiger. Alle Arbeiter in der Fabrik mußten springen, wenn er nur winkte!«

Die Jungen waren stehengeblieben und sahen einander herausfordernd an. Der stämmige braune Heino war um einige Zoll größer als sein schwächlicher Kamerad, der, die Daumen in den Achselhöhlen des ärmellosen Sweaters, mit den Fingern auf seiner schmalen Brust trommelte und ihn listig von unten herauf anblinzelte.

»Und ich bin außerdem dein Onkel,« fuhr Petja gemächlich fort, »du hast mir also zu gehorchen.«

»Pah!« Heino blies die Luft verächtlich aus den Backen. »Ein schöner Onkel! Kleiner und schwächer als ich. Ich kann dich ja einfach zusammenhauen, wenn ich nur will, ich tu's nur nicht,« schloß er großmütig.

»Ich weiß aber noch was,« begann Petja nörgelnd und geheimnisvoll, »da kannst du schon gar nicht aufkommen, wenn du auch möchtest.«

»So? Was wird denn das Großes sein?« fragte Heino wider Willen gespannt.

»Was gibst du mir, wenn ich's dir sag'?«

»Du darfst auf meinem Pony reiten.«

»Auf dem schwarzen Bock? Nein, macht mir keinen Spaß. Schenk mir die bronzene Uhr, die mit den beiden nackigten Bengeln.«

»Hoho!« Heino lachte und warf den Kopf zurück. »Da kannst du warten, bis du schwarz wirst. Die hab' ich von Mama, die darf keiner anrühren.«

»Und wenn ich's doch tu'.«

»So kriegst du eine saftige Ohrfeige.« Heino sprühte seinen Kameraden aus wilden Augen an. Er war bildschön in seinem Zorn.

Petja meckerte höhnisch.

»Da hast du sie!« schrie Heino wütend. Eine schallende Ohrfeige saß sicher und wohlgezielt auf Petjas Wange.

Die Buben stürzten aufeinander los wie junge Kampfhähne. Sie hielten sich umschlungen, sie waren nur noch ein zappelnder, ringender Knäuel in einer Wolke von Staub.

»Dreckpinsel, Schwein, dummer Teufel!« kreischte Petja, sich unter den Hieben windend, die munter auf ihn einregneten, »und ich bin doch klüger als du, – wenn du auch stärkere Fäuste hast, denn ich – ich – ich bin unehelich geboren! Das sind immer die klügsten Leute!«

»Was?« schrie Heino, »was bist du?« Schon kniete er auf seinem Gegner, jetzt hielt er mit seinen Püffen inne.

Petja hatte seinen Vorteil erspäht. »Wir, ich und Iwan, wir sind uneheliche Kinder!« brüstete er sich atemlos. »Ihr anderen seid nur ehelich – – Kunststück!«

»Petja!« schrie eine bebende Stimme hinter dem Gebüsch hervor, »schämst du dich denn nicht, auch damit noch zu prahlen? Nimm das und das, du Lump!«

Eine Hand schob Heino zur Seite und riß Petja vom Boden. Iwans rotgeränderte Augen sahen Petja voll Zorn und Kummer an.

Der bedeckte den Kopf mit dem Ellenbogen.

»Nicht schlagen!« greinte er, »das ist gemein, du, so ein Großer!«

»Geh!« sagte Iwan traurig, »komm mir nicht mehr unter die Augen. Was würde der Vater von dir denken? Komm mit, Heino, laß ihn allein und hör' nicht drauf, was er da faselt, er weiß ja nicht, was er tut.«

Widerwillig ließ sich Heino von Iwan mitziehen.

Petja blieb stehen und bleckte den beiden höhnisch nach.

Heino sah vorwurfsvoll zu dem langen Menschen empor. »Weshalb hast du ihn geschlagen? Ich wurde allein fein mit ihm fertig. Was hat er dir denn getan?«

Iwan schwieg.

In Heinos Kopfe schwirrten unausgesprochene Fragen durcheinander wie wilde Hummeln. Unehelich geboren – hatte Petja gesagt. Das mußte wohl etwas ganz Nobles sein, trotzdem offenbar Iwan anderer Ansicht war. Immerhin schien Heino Petjas Auffassung die glaubwürdigere, denn Iwan war auch sonst zuweilen so kurios. War es zum Beispiel notwendig, daß Iwan sich in harmlose Späße mischte, die Heino und Petja miteinander vorhatten, wie damals, als sie den kleinen Erik im Dunkeln mit vor Phosphor leuchtenden Gesichtern, glimmende Kohlestücke zwischen den Zähnen, erschrecken wollten? Oder damals, als Heino sich heimlich trotz des Vaters Verbot auf den wilden Schimmelhengst hinaufpraktiziert hatte? Immer und überall kam dieser Iwan dazwischen, wenn man so recht lustig war, immer nur hatte er zu hindern und zu verbieten – das war eine richtige Gouvernante. Heino beschloß in seinem Herzen, kein weiteres Wort wegen des interessanten Ausdrucks »unehelich« an ihn zu verschwenden, dagegen aber die Mama gründlich darnach auszuforschen.

Vor der Haustreppe kam ihnen Janina mit Erik entgegen. Der Kleine war eben dabei, ihr das Eidechsenmärchen zu erzählen, und Heino hörte die Worte: »Da hatte der Prinz seine Trone verlort und war so traurig, so traurig ...«

Janina leuchtete übers ganze Gesicht. »Ach der Arme,« sagte sie und schüttelte bedauernd den Kopf – »was tat er nun, Erik?«

»Warte, dleich!« rief der Kleine und lief mit ausgebreiteten Armen auf Iwan zu. – »Das is mein Onkel!« jauchzte er und verbarg sein Köpfchen an Iwans Bein.

»Nein, meiner!« schrie Heino in plötzlich erwachter Eifersucht. »Petja ist dein Onkel.«

»Dar nicht, Iwan, sag, bis du mein Onkel?«

Iwan hob den Kleinen zärtlich auf und setzte ihn sich auf die Schulter. »Ja, Erik, ja, dein Onkel und dein Pferd, alles, was du willst.«

»Siehst du, Heino!« rief der Kleine strahlend, »mein Onkel is Iwan, und nu tannst du ihn haben, tomm, Janina, Erik muß weitererzählen.«

Er strampelte sich glücklich wieder auf den Boden zurück, faßte Janina bei der Hand und zog sie mit sich fort.

Heino war mit gerunzelter Stirn stehengeblieben und nagte an seiner Unterlippe. »Erik ist ein dummer Aff',« sagte er grimmig, »alle verwöhnen ihn.«

»Du bist aber gar nicht gut mit Erik«, sprach Iwan vorwurfsvoll. »Was würde die Mama dazu sagen?«

»Hoho, Mama!« trotzte Heino, »die hat mich doch lieber!«

»So ...?«

»Ja, immer sagt sie, Erik soll so groß und tapfer werden wie unser Heino.«

»Aber sie freut sich doch gewiß nicht, wenn du unfreundlich zu ihm bist.«

Heino blitzte den großen mageren Burschen triumphierend an. »Bist du denn immer freundlich zu Petja? Ich hau' den Erik nicht, du aber hast Petja gehauen, das ist doch auch dein Bruder.«

Iwan schüttelte resigniert den Kopf. »Du weißt ja nicht, was du sprichst. Petja war sehr ungezogen, das ist Erik niemals.«

»Weil er eine Schmeichelkatze ist, und ich hab' Petja viel lieber.«

Iwan zuckte die Achseln. »Gratuliere zu dem Geschmack. Da müßtest du ja ebenso herzlos sein wie er.«

Heino machte große Augen und verstummte. Petja war also herzlos. War das denn aber auch wahr?

Iwan zog die Uhr und sagte rasch: »Ich muß jetzt zu deinem Papa.«

In dem Buben würgte eine schwere Wut. Wie durfte Iwan seinen Freund Petja so verleumden? »So geh doch, ich brauch' dich ja nicht«, sagte er wegwerfend.

Und als Iwan die Treppenstufen zum Hause emporsprang, machte Heino ein Sprachrohr aus seinen hohlen Händen und rief ihm höhnisch nach: »Du bist ja gar kein Onkel, weißt du, was du bist? Eine alte Tante, etsch Tante, ja Tan–te!«

In wilden Sätzen galoppierte er zu seinem geschmähten Freunde Petja zurück. –

Als Iwan an Heinzens Tür klopfte, lag ein schmerzlich-energischer Zug um seinen Mund. Nein, so ging das nicht weiter, Petja war ja der reine Verderb für Heino. Er, Iwan, hatte die Pflicht, Heinz vor diesem Umgange für Heino zu warnen, und wenn auch Petja zehnmal sein eigener Bruder war.

Heinz öffnete ihm selbst, die Uhr in der Hand. »Gut, daß du pünktlich bist, mein Junge. Nun setz' dich nur, wir haben gute zwanzig Minuten Zeit.«

Iwan nahm Heinz gegenüber in einem der kühlen, tiefen Ledersessel Platz, stieß einen beklommenen Seufzer hervor, öffnete den Mund und schloß ihn wieder.

Heinz betrachtete ihn eine Weile schweigend. Sein tiefer, ruhiger Blick wirkte hypnotisierend auf Iwan.

»Nun?« fragte er freundlich – »noch immer nicht fertig mit deinem Geschick? Ist es denn so ungeheuer schwer zu tragen?«

Iwans Hände krampften sich ineinander. Er schluckte und nickte ... »Du weißt ja nicht, wie das ist, Heinz, ich bin als Kind der Hinterstube groß geworden. Das geht mir nach auf Schritt und Tritt. Wie soll ich denn jemals befehlen lernen? Immer nur hab' ich gehorcht. Und die Mutter ... ich muß mich ja schämen, wenn ich sie ansehe. Von einem Verhältnis ins andere ... ist das überhaupt noch eine Mutter?«

Er schwieg verwirrt und entkräftet. Hatte er nicht schon zuviel gesagt? Zwei brennrote Flecken flogen auf seine Wangen. Ein Häuflein schweres Leben saß er da.

»Wenn ich dir jetzt sagte, das alles ist übertrieben, so wäre das unwahr«, sprach Heinz gelassen. »Es ist, wie du sagst, und ich will nichts entkräften. Folgt aber notwendig daraus, daß du über diese verwirrten Verhältnisse nicht innerlich Herr werden sollst? Willst du dich dein Leben lang mit ihnen herumschlagen?«

Da Iwan schwieg, fuhr Heinz lebhaft fort: »Heute bist du der Hinterstube entwachsen. So halte den Kopf hoch und schau um dich. Die Welt pflegt einen jeden zu behandeln, wie er es von ihr erwartet. Nicht hochmütig sollst du werden, aber selbstbewußt. Verhältnisse, an denen du nicht schuld bist, dürfen auch nicht dauernd auf dir lasten. Gib das ewige Vergleichen und Abwägen mit dem Schicksal anderer auf, es führt zu nichts. Was nützt es dir, daß du dich in deinen Kummer vergräbst? Bist du der einzige in ähnlicher Lage? Deine Empfindlichkeit in diesem Punkt ist nicht nur gekränktes Ehrgefühl, es ist – seien wir ehrlich, Iwan, es ist Hochmut.«

Steif und gerade wie ein Denkmal saß der junge Mensch da und starrte seinen Halbbruder mit einem Ausdruck verschlossener Qual an.

»Hochmut ...?« wiederholte er fragend. »Hab' ich nicht die Demut der Hinterstuben in mich gefressen, bis ich daran zu ersticken glaubte?« murmelte er leidenschaftlich zwischen den Zähnen.

Heinz reichte ihm die Hand. »Siehst du wohl!« sagte er und nickte mehrmals bestätigend, »es ist Hochmut, denn sonst hättest du deine Ausnahmestellung nicht so bitter empfunden. Wir wollen das vorderhand nur festlegen, denn wie soll ich dir helfen, gegen etwas anzukämpfen, wenn du es nicht klar erkannt hast? Wir reden aber jetzt nicht von Werten oder Fehlern als solchen. Auch Fehler tragen ihre Werte in sich. Dich selbst will ich auf einen anderen, höheren Plan stellen – darum ist es mir zu tun. Sag', bist du nicht vor allem Mensch, das heißt, hast du nicht große schöpferische Kräfte in dir? Bedenk', was das heißt, ein gesunder, denkender Mensch zu sein. Das ist ein so königliches Geschenk, daß die unbedeutende Tatsache, ob du ehelich oder unehelich geboren bist, dagegen nicht in Betracht kommt. Überhaupt gesund geboren zu sein, leben zu dürfen, voll gesunden, naiv vorwärtsdrängenden Lebenshungers – das ist ein Glück, so tief, daß es nur noch eines gibt, das ihm gleichkommt, das ist reif sein zu sterben.«

»Ein ... Glück?« murmelte Iwan.

»Jawohl,« fuhr Heinz mit leuchtenden Augen fort, »jawohl, Iwan, Mensch, Bruder, bedenk' es recht: du bist ja der Schmied deines Lebens, du, du allein, nicht in demselben Maße deines Glücks, denn darauf kommt es nur in zweiter Linie an. Aber du hast es in der Hand, dein Sein, dein Werden zu gestalten, zu formen, zu meißeln zu einem Kunstwerk, ja mehr noch, zu einem Meisterwerk. Und die Gelegenheit hat dir die gegeben, die dich geboren hat, sei dessen eingedenk. Was ist dagegen äußerer Druck oder inneres Leid? Auch sie kannst du zu Werten umschaffen. Bedenk', was das heißt – nicht Sklave bist du, sondern ein geborener König, denn du schaffst mit an den Kräften, die im Kosmos wirken, wenn du deine einsame hungernde Seele emporhebst zu den Höhen des reinen Erkennens und selbstlosen Wirkens. Der Gottesfunke, der in dir, der in einem jeden von uns lebt, stammt aus demselben Quell, der Welten entstehen und vergehen läßt. Die Sonne der ewigen Kraft hat auch in dich einen Strahl geworfen. In deinem Willen und Können liegt es, ob du, ein armseliger Wurm, am Boden klebenbleibst oder dich mit dem stolzen Fluge eines Adlers hinaufschwingst in reinere Höhen. Vorwärts – aufwärts ist immer die Parole. Verdiene dir durch ein tapferes Leben das Reifsein zum Sterben.«

Heinz brach ab und fuhr mit leiser, schwingender Stimme fort, während seine Augen vor innerer Glut brannten:

»Wer kann uns sagen, ab nicht über den Tod hinaus neue Aufgaben unserer harren? Alles strebt empor. Nirgends gibt es einen Stillstand. Hat die Seele aber einmal das organische Leben in seiner unermeßlichen Fülle erfaßt, ist sie sich der All-Einheit, die allen Wesen zugrunde liegt, bewußt geworden, so ist sie reif zur Tat, zum Wirken, um auf höherem Plane als bisher vorwärts zu ringen. Es gibt kein Ende, es gibt keinen Stillstand, sage ich dir. Jedes Ende ist ein neuer Anfang, und in diesem Sinne gibt es auch keinen Tod, nur Wandlungen. Nur wer kämpft, wer sich erneuert, wer sich verwandelt, ist wert zu leben, nur wer sein niederes Selbst überwindet, ist reif zu sterben!«

Iwan starrte mit zuckenden Wimpern seinem Bruder ins Gesicht. Das Verlangen, seine Begeisterung auszudrücken, preßte ihm die Kehle zusammen wie Finger. So hatte noch nie ein Mensch zu ihm gesprochen, und inwendig, in einem wogenden Nebel sah er Leben und Licht, empfand er die Wahrheit, nach der seine Träume sich unbewußt gesehnt hatten.

»Zu viel ... zu groß!« stammelte er endlich beklommen.

Heinz lehnte sich in seinen Sessel zurück und schlug ein Bein über das andere. Ein heller, scharfer, kühler Strahl der Freude flog über sein männliches, vornehmes Antlitz.

»Ich habe übrigens einen Vorschlag für dich«, sagte er in einem völlig veränderten, leichten Tone. »Du machst im nächsten Jahre das Abiturium, nicht wahr? Welches sind dann deine Pläne?«

Iwan hob die Arme und ließ sie an seinem Körper niederfallen. Da war das tägliche kleine Leben wieder. »Was kann ich für Pläne haben? Ein Brotstudium muß ich ergreifen. Die Mutter verlangt von mir, daß ich für Petja sorge. Schon jetzt weiß sie nicht, wie sie es für uns beide beschaffen soll.«

»Nun, mein Lieber, da wüßt' ich Rat. Komm auf einige Zeit zu uns. Heino wird bald einen Hauslehrer brauchen. Da wäre denn für deinen Bruder mitgesorgt. Hier kannst du dir's dann in aller Ruhe überlegen, was du für ein Fach ergreifen willst. An Zeit soll's dir nicht fehlen; und – das Befehlenlernen macht sich dann von selbst.«

Iwan blieb vor Überraschung der Mund offen. Linkisch streckte er Heinz eine zitternde Hand entgegen.

»O Heinz, o Bruder!« sagte er nur. Aber seine Augen waren feucht.

Heinz stand auf und legte dem Jüngling die Hand auf die Schulter. »Werde ein Mann!« sagte er ernst. »Es ist mir lieb, daß ich dich noch einige Jahre unter Augen haben soll.«

Während die Halbbrüder miteinander die Treppe hinunterschritten, wurde Heinz von einem der Unterverwalter aufgehalten, der ihn bat, mit ihm durch die Ökonomie zu gehen und die neueingetroffenen Wirtschaftsgeräte, namentlich aber einen Dampfpflug zu besichtigen, den er probeweise in Tätigkeit setzen wollte. Iwan schloß sich ihnen an und sah sich nach Heino und Petja um. Die Jungen pflegten sonst immer zuerst auf dem Platz zu sein, wo es etwas Neues zu sehen gab. Diesmal aber lungerte Petja, die Hände in den Hosentaschen, allein unter den Arbeitern herum und drückte sich, als er Heinz und Iwan kommen sah, scheu beiseite, wie das leibhaftige schlechte Gewissen. Jetzt fiel es Iwan schwer aufs Herz: er hatte ja Heinz vor Petjas Umgang mit Heino warnen wollen, warum hatte er denn nur geschwiegen? – –

*

Heino saß indessen in einer Ecke des Musikzimmers über einem Bilderbuche und wartete ungeduldig auf den Moment, da Verena ihre Geige aus der Hand legen würde. Wenn sie übte, durfte er nicht stören, das wußte er wohl.

Da stand sie, schlank und geschmeidig, und spielte im Pianissimo Tonleitern in Doppelgriffen. Es klang fast geisterhaft, mit solcher Schnelligkeit und Präzision, und so leise wirbelten die Tonketten auf und nieder. Heino warf ihr von Zeit zu Zeit einen zärtlichen Blick zu, den sie mit stillem, fast wehmütigem Lächeln erwiderte.

Es hatte sich seit Eriks Geburt ein eigentümliches Verhältnis zwischen Verena und ihrem kleinen Stiefsohn herausgebildet, ein Verhältnis, in welchem sie die Leidende war. Von dem reinsten und wahrsten Wollen geleitet, hatte sie sich halb unbewußt in eine Art Abhängigkeit von Heino begeben, durch eine beständige Schonung seiner leidenschaftlichen Natur, die sie allein zu lenken wußte. Sie, deren Wesen die Wahrheit selbst war, sie hatte die wunderliche Entdeckung machen müssen, daß sie teils aus Furcht vor den Ausbrüchen seines jähen Temperaments, die auch den kleinen Bruder bedrohten, teils aus asketischem Pflichtgefühl unwahr gegen sich selbst wie gegen Heino geworden war. Jedenfalls hatte sie ihn in dem beglückenden Wahn gelassen, er stünde ihr ebenso nahe, wenn nicht noch näher, als ihr kleiner Erik, und – nichts getan, um diesen Wahn zu bekämpfen.

Jetzt trug sie an den Folgen dieser Schwäche. Wohin war ihre leichte Sicherheit geraten? Freilich war ihr Heino bedingungslos ergeben, und dennoch fühlte sie sich in ihrer seelischen Freiheit so beschränkt, daß sie seine Anwesenheit manchmal qualvoll empfand. Dabei ließ sich nichts ändern. Die Zeit war noch nicht gekommen, wo er erfahren sollte, daß nicht sie ihn geboren. Dazu kam Heinzens inbrünstige Liebe zu seinem Jüngsten. Mußte sie nicht Heino zu ersetzen suchen, was ihm an Liebe von des Vaters Seite abging? Wen hatte denn Heino auf der Welt so lieb wie sie?

O seltsame Verkettungen des Lebens! Verena sah noch viel tiefer, sie wußte, der Urgrund dieser Zustände, die sich wie von selbst ergeben hatten, lag in Heinzens einstmaliger Verschuldung gegen sein junges Weib, die verstorbene Hildegard; das lebende Denkmal aber dieser sturmvollen Zeit war Heino. Es kam alles, wie es kommen mußte, Ursachen und Wirkungen hingen eben unerbittlich zusammen. Ja, es ist doch eine harte Gerechtigkeit hienieden! Ihr Weg war aber Stille, Schweigen und Geduld. Durfte sie etwa den Finger auf die so schwer vernarbte Wunde legen?

Und heute fühlte sie, es lag Gewitter in der Luft. Sie brauchte ja nur zu Heino hinzublicken. Der Junge war eine leidenschaftliche Spannung. Sein ganzes Wesen, seine Augen, seine Stirn, sein Mund sprachen ohne Worte – lebten, glühten, sprühten, fragten ...

Sie ließ den Bogen sinken und lächelte ... ein wenig müde, ein wenig scheu.

»Wo brennt's denn schon wieder, Heino?« fragte sie tonlos.

»O Mama!« Der Junge war wie ein Sturmwind bei ihr und hing an ihrem Halse.

»Du Wildfang!« schalt sie, »laß mich doch die Geige verschließen.«

Er stand da, zitternd, wie ein ungeduldiges Füllen; seine Nüstern stießen den Atem hörbar hervor.

»Mama, ach komm in die Sofaecke! Laß mich ein bißchen, nur ein ganzes bißchen bei dir sitzen, wie früher!« bettelte er und zerrte sie ungestüm zu den gelben Möbeln.

»Na also – ich sitz' ja schon da.«

»Hurra!« schrie er und schwang sich mit einem Satz auf ihren Schoß. Vor Wonne strampelnd, begann er sie zu küssen.

»Ist das alles, was du mir zu sagen hast?« fragte sie wider Willen lächelnd.

»Nein, o nein, das kommt noch. Aber zuerst dies ... immer haben dich die anderen nötig, der Papa und der Erik.«

»Du Armer!« spottete sie, »du hast ja auch nie was von mir.«

»O Mama,« seine Augen glühten, »dich darf mir keiner fortnehmen, du bist auch meine allersüßeste Mama!«

»Und du bist hoffentlich mein großer, vernünftiger Junge. Also was hast du auf dem Herzen? Heraus damit.«

Er faßte zärtlich ihr Gesicht zwischen seine festen Jungenshände, so daß sie es nicht rühren konnte, und sah sie fest und dringlich an.

»Mama, was ist das: unehelich geboren? Ist das was Gutes oder was Schlechtes?«

»Wie kommst du nur auf so etwas?«

Die strammen Knabenfäuste hielten ihr errötendes Gesicht tyrannisch fest. »Das sag' ich dir später – erst sag du mir: ist's was Gutes?«

Sie machte seine Hände von ihrem Gesicht los. »Du fragst ja dumm, Heino!« sagte sie wehrlos. »Es ist – es ist nichts Gutes, nichts Schlechtes, es ist für manche Leute was Schweres, für andere nicht.«

Ratlos sah er sie an. »Ja, was ist's denn?«

Sie hielt diesem fragenden Kinderblick, der förmlich in sie hineindrang, nicht stand. »Nun, komm her, ich will's dir erklären,« sagte sie leichthin, »leg' deinen Kopf an meine Schulter – so ...« Und nun, nicht mehr im Bereich seines lebendigen Blickes, begann sie ihn auf ihren Knien zu wiegen, wie damals, als er noch ganz klein gewesen. »Sieh', wenn also zwei Leute, ein Mann und eine Frau, verheiratet sind und immer beieinander leben, so nennt man das eine Ehe. Gibt ihnen dann der liebe Gott ein Kind, so ist es in der Ehe, also ehelich geboren. Sind aber solche zwei Menschen nicht verheiratet, leben sie nicht immer beieinander und haben sie ein Kind, so ist es unehelich geboren.«

»Dann hat ihnen wohl der liebe Gott das Kind nicht gegeben?«

Die unschuldige Grausamkeit dieser Frage entzückte ihr künstlerisches Empfinden. »Kinder sind immer ein Geschenk Gottes.«

Er schmiegte sich ganz fest an sie heran, so wohlig war ihm zumute. Nach einer Weile fragte er nachdenklich: »Warum aber sind unehelich geborene Kinder die klügsten Leute?«

Sie mußte in sich hineinlachen, so befreit fühlte sie sich, daß das Gespräch keine gefährlichere Wendung genommen hatte.

»Wer hat dir denn das eingebildet?«

»Petja sagt so, und weißt du, Mama, er und Iwan sind unehelich geboren.«

»Petja ist ein Prahlhans und ein dummer Bub!« sagte Verena gelassen.

Aber Heino war noch nicht fertig. Vielleicht wollte er nur das Beisammensein durch neue Fragen noch länger hinausziehen. »Warum hast du aber gesagt, daß das etwas Schweres für manche Leute ist?«

Da erfaßte sie ein großes Mitleid mit dem kleinen Kerl, der mit seinen Fragen unbewußt um sein eigenes Schicksal herumtastete.

Mit einem fast unhörbaren, dunklen Ton von Trauer sagte sie: »Sieh, Heino, wenn du größer bist, wirst du das alles einmal verstehen. Du wirst begreifen, warum Eltern ihre Kinder so lieb haben müssen, ganz gleich, ob diese ehelich oder unehelich geboren sind. Wenn Kinder undankbar gegen ihre Eltern sind und sie nicht so lieb haben, wie sie sollen, ist das ein großes Unrecht, und der liebe Gott ist dann sehr traurig.«

Ihre Stimme klang so weich und schön, voller Wärme.

Er hob den Kopf und sah sie strahlend an. »Ich will nie undankbar zu dir sein!«

Ach, was sie auch tat und sagte, immer nur diente es dazu, seine Liebe zu ihr, zu ihr allein zu befestigen. Er dachte ja kaum an seinen Vater.

Und plötzlich schoß die gefährliche und gefürchtete Frage durch sein Hirn, spielerisch und jäh.

»Bin ich auch unehelich geboren, Mama?«

Sie wurde bleich. »Warum denkst du das?« fragte sie flüsternd.

»Ich denk' gar nicht – ich frag' – nur so.«

Mit einem warmen Klang weiblicher Hochherzigkeit und einem Märtyrerlächeln antwortete sie:

»Und wenn du's wärst, hätt' ich dich denn, oder hätte dich dein Vater weniger lieb?«

Sie hatte ihn ja lieb, bei allen Heiligtümern, aber dieser Bub umstrickte die Freiheit ihrer Seele mit tausend Fäden, daß sie in dem Gespinst gefangen saß und sich nicht regen konnte. So sei's drum, besser sie als Heinz.

Er schlang seine Arme um sie und küßte sie, stürmisch und triumphierend. »Ich weiß, ich weiß!« jubelte er, »du hast mich schrecklich lieb, aber ich hab' dich doch noch viel schrecklicher lieb!«

Ja, das mußte wahr sein. Sie stand auf und ließ den Jungen vom Schoß gleiten. »Ziehst du auch immer schön deine Uhr auf, und denkst du daran, was du mir versprochen hast?« fragte sie ernst.

Diesmal war die drohende Gefahr an ihnen allen vorübergeglitten. Wie lange noch würden diese Klippen zu umsegeln sein?

*

Der kleine Erik wuchs anders auf als die meisten Kinder; er sah und hörte und fühlte anders. Ein lebendig gewordener kleiner Lichtkörper, strahlte er überall Licht aus. Es war gar nicht möglich, ihn zu kränken, weil seine kleine Seele so reich und frei war, daß sie keine Beachtung für sich beanspruchte, und dennoch war er das zartbesaitetste Geschöpfchen von der Welt. Etwas Lichteres, Klareres, Fröhlicheres war gar nicht zu denken. Aus den Händen verhüllter Götter schien er täglich und stündlich neue Wundergaben zu empfangen, und wie eine Melodie, wie ein Luft- und Lichtspiel in traumhafter Unwirklichkeit – auf Silberfüßen sorglos und zärtlich durch das Leben zu tanzen.

Das Lernen machte ihm viele Mühe. Er war durchaus nicht, was man außerordentlich begabt oder klug nennt, aber er war mehr als das alles zusammen. Er wußte, ohne zu lernen, was reine Seelen wissen und was Erwachsene ahnen sollten, aus helldurchleuchteten, geheimnisvollen Seelentiefen heraus. Die spielende Anmut seines Wesens klammerte sich weder an bestimmte Gegenstände, Personen noch Wünsche; jeder Tag brachte ihm seinen eigenen Sonnenschein, seinen Blütenduft, und selbst aus Spinnfäden und grauen Regenwolken wußte er sich goldene Brücken zu schlagen, auf denen seine eilige kleine Seele ohne Hast und Unruhe ins Sonnenreich hineinwanderte.

Er liebte Heino zärtlich. Gab es etwas auf der Welt, das er nicht liebte? Er sah bewundernd zu dem größeren Bruder auf, der turnen und reiten und kopfstehen konnte, er ließ sich geduldig von ihm schurigeln und meistern, und er brachte es ohne alle Mühe endlich so weit, daß Heino nicht mehr neidisch auf ihn war und ihn auf seine egoistische Weise protegierte und gern hatte. Freilich wurde der kleine Erik hierin von Verena mit allen Mitteln einer stets wachsamen und opferbereiten Mutterliebe unterstützt. Um ihm das Leben sonnig zu gestalten, um Heinos schlummernde Eifersucht nicht zu wecken, hielt sie sich ruhig fern von ihrem Kleinen; um der Vorliebe ihres Mannes für Erik ein Gegengewicht zu halten, neigte sie sich Heino zu, tiefer und intensiver als sie gewollt, und Heino hielt ihre stille und große Frauenseele in seinen herrischen Knabenhänden fest und fühlte sich bald abwechselnd, bald zugleich als ihr Tyrann und Page.

Zum ersten Male hatte sich eine leise Schranke zwischen Verena und Heinz geschoben. Es gab etwas, worüber sie sich nicht mit ihm aussprach, denn reden hieß hier soviel wie wehtun. Er seinerseits konnte es nicht begreifen, daß sie für Heino scheinbar ebensoviel Liebe und durchaus mehr Zeit übrig hatte als für den wunderseltsamen Kleinen. Wenn sie ihm auch hin und wieder die Wahrheit nahelegte, so war er doch in seiner impulsiven Treuherzigkeit weit davon entfernt, Verenas ausgleichende Handlungsweise mit einem eigenen Mangel in Verbindung zu setzen. Auch begannen die täglichen Berufsgeschäfte immer schwerer und verantwortungsvoller auf ihm zu lasten. Immer mehr Einzel- und Ehrenämter wurden ihm aufgebürdet, so daß die Stunden, die er daheim zubringen konnte, immer knapper wurden und ihm unter keinen Umständen getrübt werden durften. Dafür sorgte Verena mit zartester Umsicht.

Unter all diesen leisen, unmerklichen Veränderungen in dem glücklichen, weißen Hause aber gab es zwei Augen, die stetig und aufmerksam über den Schatten auf Verenas Stirn wachten, die genau Ursachen und Wirkungen miteinander verketteten und sich schwermütig trübten, wenn Verenas Gang müde schien, wenn ihr Geigenspiel voll unbewußter Trauer klang. Diese Augen gehörten Janina. Ihre hellblauen, abwesenden Tiefen trugen Verenas Bild und alles, was zu ihr gehörte, mit unverbrüchlicher, unaufdringlicher Treue in sich, und immer, wenn Verena strahlende Glückstage hatte, leuchteten sie in stiller, herber Freude.

Auch noch ein Paar Augen gab es, nicht so erfahren und weise, doch feuriger und jugendlicher, die in die unglaubliche Harmonie dieses gesegneten Hauses wie in ein Märchenreich hineinstaunten und sich in heiliger Wunschlosigkeit an dem Anblick Verenas satt und voll tranken – Iwans Augen. Wer von den beiden, ob Janina oder Iwan, mit tieferer Liebe an Verena hing, war schwer zu entscheiden. Jedenfalls störten sie einander durchaus nicht. Bei dem Jüngling war das Begehren nach Befreiung von sich selbst von Monat zu Monat gewachsen. Wie aus tiefem, tiefem Schlafe erwachend, hatte er die stumpfe Beklommenheit seines gedrückten Wesens allmählich abgeschüttelt. Die märchenhafte Empfindung eines höheren Daseins floß oft in gleitenden Strömen durch ihn hin und befähigte ihn, wahrzunehmen, was er zuvor nicht gesehen, zu empfinden, was bisher für ihn verschlossen geblieben.

Zu Janina fühlte er sich kameradschaftlich hingezogen. So manchen Abend, wenn alles im Hause im Schlafe lag, saß er bei ihr in ihrem luftigen oberen Eckzimmer, denn seit er als Heinos Lehrer angestellt war, hatte er mit dem Knaben ihre frühere Stube neben Verena bezogen, während der kleine Erik noch Verenas Schlafraum mit ihr teilte und so wenigstens im Schlummer ihr nahe und ganz zu eigen war.

Janinas Stübchen war ein seltsames Gelaß, seltsam geworden durch die Eigenheiten seiner Bewohnerin. Dicht an das eine Fenster gerückt war ein einfacher, ungestrichener Tisch, darauf standen in Reih und Glied viereckige Zinnbüchsen voller getrockneter Kräuter und Flaschen mit Abkochungen heilsamer Pflanzen. Das niedrige Regal in der Ecke trug einen Kasten mit Verbandzeug, gereinigter Watte, Pflastern und chirurgischen Instrumenten, auch einige dickleibige medizinische Werke, die jedoch nicht allzu häufig aufgeschlagen wurden. Spuren eines häufigen Gebrauchs trugen dagegen eine Reihe Bücher mit Titeln wie »Kneipps Wasserkur«, »Kneipps Testament«. Vor dem zweiten Fenster, das in die Kronen der Kastanienbäume hineinschaute, machte sich ein richtiger Schusterschemel breit samt dem dazugehörigen Handwerkszeug. Da lagen mehrere Paar halbfertiger Kindersandalen. Von den Querbalken der Zimmerdecke hingen an festen Stricken ein paar Turnringe, und weiter in der Nähe des schmalen eisernen Bettgestells baumelte in beträchtlicher Höhe ein Trapez, an welchem Janina morgens nach einem kalten Bade in völliger Nacktheit ihre Kräfte zu erproben und ihre Glieder wieder zu erwärmen pflegte.

In diesem puritanischen, selbstgewählten Dachzimmer hauste Janina zufrieden und selbstherrlich wie ein indischer Heiliger. Sie war der bedürfnisloseste Mensch von der Welt.

Für etwaige Besuche der Hausgenossen hatte sie ein paar Rohrstühle um den weißgewaschenen Tisch gestellt, und unter diesen standen ernsthaft und putzig zwei Kinderstühlchen, die sie eigenhändig aus Weidenzweigen geflochten hatte. Ihre Vorliebe für den kleinen Erik tat sich in diskretester Weise durch eine besonders zierliche Arbeit kund. Wenn Erik auf seinem Stühlchen bei ihr saß, war es Festtag für Janina. Sie führten die wunderlichsten Gespräche miteinander. Anfangs hatte Janina dem Kleinen oft Märchen erzählen müssen, in den letzten Jahren aber war sie die staunende Zuhörerin geworden; denn was Erik vorbrachte, war aus einer anderen, lichteren Welt und oft voll geheimer Wahrheiten, deren tieferen Sinn sie nachträglich mit einem andächtigen Schauergefühl erfaßte.

So war es dem Kleinen eigen, daß er wie ein Alter von seinem Vorleben sprach und mit unbeirrbarer Sicherheit auf einen Zustand zurückwies, den er auf Erden nicht durchlebt haben konnte.

Er sagte dann »dort« – »als ich dort war«. Man konnte nie heraushören, ob er von seltsamen Traumblüten erzählte oder in wachem Zustande die wunderlichen Gebilde leibhaftig gesehen hatte.

Nie vergaß Janina eine Dämmerstunde im vorigen Spätherbst. Draußen pochte der Regen an die Fensterscheiben, der Wind fuhr klagend durch die entlaubten Baumwipfel. Erik, mit seinem weißen, aparten Kindergesichtchen, die blauen Augen voll ahnungsvoller Klarheit zu ihr aufgeschlagen, erzählte: »Du, Janina, ich will dir mal was sagen. Die weiße Frau kam wieder, sie war hoch und hatte eine Geige wie Mama, aber sie war noch viel schöner ... ganz schön!« sagte er nach einigem Besinnen. »Und sie sagte: ›Ich will nicht mehr spielen, Erik kann nichts mehr hören, ich will die Geige vergraben.‹ Und da grub sie ein Loch in die Erde und legte die Geige hinein und war sehr traurig. Aber in der Nacht, da spielte die Geige von alleine, und Heino hat sich gefürchtet und geweint; aber ich hab' mich gar nicht gefürchtet, und was ich wollte, das hat die Geige gespielt, und gesungen hat sie auch: Stille Nacht, heilige Nacht, O Tannenbaum und Kinderlein kommt.«

Ein anderes Mal sagte er ernsthaft und mit besorgtem Ausdruck: »Heino muß viel lernen, viele dicke, rote Bücher, und die Mama kann ihm gar nicht helfen.« Und mit fröhlichem Auflachen fuhr er fort: »Aber ich hab' nur ein weißes, ganz dünnes Buch nötig, da ist nur eine silberne Seite darin, und darauf steht nur ein Wort. Aber das Wort hab' ich vergessen.«

Ein paar Tage später kam er eilig die Treppen hinaufgetrippelt, lief auf Janina mit ausgebreiteten Armen zu und sagte selig: »Jetzt weiß ich das Wort, es heißt Sonne.«

Als einmal im Dorf ein krüppliges Kind gestorben war, das Janina längere Zeit gepflegt hatte, erfuhr Erik zufällig vom Begräbnis. Vor Freude strahlend sagte er da: »Das kleine Mädchen ist jetzt ein Samenkörnchen, und im Frühling, da wächst es wieder aus der Erde, dann ist es aber ganz schön grade und hat gar keinen Buckel mehr. Da ist es froh, nicht, Janina?«

Was sollte man zu solchen Aussprüchen sagen, die in ihrer kindlichen Form von einem tiefsinnigen Bewußtsein überirdischer Dinge zeugten? Wer konnte sie ohne beklemmendes Angstgefühl anhören? Janina hütete sich wohl, dergleichen Verena zu wiederholen. Da aber Erik fast alle Tage so wunderliche Dinge vorbrachte und in seiner fröhlichen Weise jedem, der ihm zuerst begegnete, damit kam, so hatte sich unter den Erwachsenen ein stillschweigendes Einvernehmen gebildet, demgemäß ein jeder solche Reden sorgsam für sich behielt und wie ein Kleinod in seiner Seele hütete. Eine etwaige Haussuchung hätte zudem die eigentümliche Tatsache ergeben, daß sowohl Verena wie auch Heinz und Janina in sicherem Verwahrsam lose Blätter aufhoben, worauf sie Eriks Aussprüche sorgsam notiert hatten. In allen dreien lebte die gleiche ahnungsvolle Angst, alle drei klammerten sich an das liebliche Kind mit einer inbrünstigen Hingabe, die sie voreinander nie völlig unbefangen zu äußern wagten. Namentlich hatte Verena die fast übermenschliche Kraft erworben, mit ihren Zärtlichkeitsäußerungen gegen ihren Liebling zurückzuhalten, zurückzutreten in den Schatten und sich mit einer unerschöpflichen Geduld der Erziehung Heinos hinzugeben. Gewiß lag diesem täglichen Opfer der rührende Glaube zu Grunde, sie könne sich dadurch Eriks Leben sichern. Dennoch aber litt sie bitter an dieser Entsagung, und sie mußte es immer wieder an sich erfahren, daß sie sich in eine Zwangslage begeben hatte, in der entweder die Wahrheit gegen sich selbst oder die Liebe zu Heinz und die Pflicht an Heino leiden mußte. Was konnte, was sollte sie tun, um frei zu werden? Sie gab sich eine heilige Mühe, Heino in der Tat so lieb zu gewinnen, wie es den Anschein hatte. Es gelang ihr nicht. Sie teilte Heinz jeden Fortschritt, jede Überwindung seines Ältesten gewissenhaft mit, in der Hoffnung, seine Vaterliebe werde sich endlich auch für dieses Kind zu regen beginnen wie für den Kleinen. Er dankte ihr, er küßte ihre Hände, und im wesentlichen blieb es beim alten. So von Liebe beglückt und gequält, durch Liebe gefesselt, in Liebe fehlend und mißverstanden, war sie eine Heldin und Märtyrerin der Liebe geworden, eine Heilige und eine Sünderin zugleich.

In ihrer Kunst konnte sie sich aussprechen, das war ihr geblieben. Nie war die dämonisch fesselnde Beseelung ihrer Musik größer gewesen, nie die lichtvolle Einfachheit ihres Spiels inniger und ergreifender, nie die Hoheit ihrer Auffassung einsamer und vornehmer.

Und Janinas Ohren wachten über ihren Tönen, über dem Tonfall ihrer Stimme, wie ihre Augen über der leisesten Trübung ihrer Züge.

Es war draußen eine wilde Winternacht, eine wehende Finsternis voll Schnee. Iwan hockte mit krummem Rücken bei Janina auf dem Schusterschemel und summte eine Melodie vor sich hin, die Verena am Morgen gespielt hatte. Seine Finger strichen liebkosend über eine winzige Kindersandale hin. Janina kauerte vor dem Ofen und schob ein paar neue Holzscheite in die prasselnde Glut.

»Das ist ein Galgenwetter heute!« murmelte sie.

»Gott sei Dank!« erwiderte er philosophisch, »so sitzt man wenigstens heute warm bei Ihnen.«

»Eh, mein Lieber, Sie brauchen sich ja auch sonst nicht zu mir heraufbemühen. Es muß Ihnen doch bei mir gefallen.«

»Will ich gar nicht leugnen. Sie sind doch eine gemütliche Haut, Janina Pawlowna.«

Sie wandte sich um und drohte ihm mit der Faust. »Was haben wir denn wieder auf dem Herzen?« fragte sie gutmütig.

Er stieß einen kläglichen Seufzer aus. »Sagen Sie, Janinuschka,« hob er an, »wollen Sie mir auf ein paar Fragen kurz und bündig antworten?«

»Es kommt auf die Fragen an.«

»Nun ja, das versteht sich. Also erstens: Glauben Sie an einen persönlichen Gott?«

Sie stand auf, nahm die kleine Schirmlampe vom Tisch, trat an Iwan heran und ließ den Lichtschein scharf auf sein Gesicht fallen.

»Na, Waniuschka, mir machen Sie nichts weiß!« sagte sie trocken. »Ihre Frage lautet ganz anders.«

»Wie denn?« fragte er errötend.

»Ganz einfach so: Glaubt meine verehrte Schwägerin Verena an einen persönlichen Gott?«

Er biß sich auf die Lippen. »Nun?« machte er.

»Nun?« wiederholte sie spöttisch.

»So antworten Sie doch!«

»Ich habe nie mit ihr darüber gesprochen«, sagte sie gleichmütig. »Sie ist aber tief religiös, das weiß ich.«

»Das heißt, sie glaubt an eine allerhöchste Macht, die Welten lenkt und Einzelgeschicke, das heißt, vertraut ihr«, schloß er.

Sie nickte. »Mag sein; weiter.«

Verlegen sagte er: »Ob wohl mein – Bruder eine Hölle gelten läßt?«

»Gehen Sie schlafen«, meinte Janina unwirsch, »und stehen Sie morgen findiger auf. Warum fragen Sie nicht einfach der Wahrheit gemäß, was Sie fragen wollen?«

»Nun denn,« rief er beschämt, »glaubt sie an die Tradition der Kirche?«

»Sie respektiert sie; ist das nicht genug?«

»Jedenfalls aber nimmt sie eine unendliche Evolution der Seele an?«

»Sie etwa nicht?« fragte Janina verwundert.

Da sprang der junge, magere Mensch auf und packte sie beim Handgelenk, daß die Lampe klirrte.

»So seien Sie doch kein solcher Bär!« schalt sie.

»Hören Sie, hören Sie doch nur, ich muß es mir ja einmal von der Seele reden«, brach er aus. »Da bin ich nun schon zweiundeinhalb Jahre in diesem Hause. Es ist ein einziges, ein außerordentliches Haus, voller außerordentlicher Menschen, mit Ausnahme vielleicht von Heino, ja auch Sie, Janinuschka, sind ein außerordentliches Wesen, bei Gott, ohne Schmeichelei.«

»Ich glaube, bei Ihnen spinnt's«, warf sie trocken ein.

»Aber darum handelt sich's jetzt nicht, weiß schon. Also, was ich sagen wollte: da lebe ich in diesem Hause – nirgends habe ich so wenig über Religion reden hören, nirgends wird mehr Religion, oder sagen wir Christentum, gelebt. Das eine geht in dem andern auf, das eine opfert sich still und wortlos für das andere. Mein Bruder – er wird im Dorfe »unsere Gerechtigkeit« genannt, sie heißt »unser Seelchen«, bei Gott, sie ist eine große Seele, eine Heldin der Mutter- und Gattenliebe, davon ahnen ja die Dorfleute nichts. Sie selbst, Janinuschka –«

»Ich weiß, ich weiß schon,« knurrte sie verschämt, »seien Sie still.«

»Nein, hören Sie mich bis zu Ende. Es geht etwas in diesem Hause um, ein besonderer Geist, meine ich, der sich kundgibt ohne Worte. In dem Kleinen hat er – wie soll ich nur sagen? – seine feinste Blüte getrieben, aber auch ihr andern, ihr seid davon gepackt. Ob ihr der Tradition anhängt oder nicht, du lieber heiliger Nikiphor – wie ist das im Grunde gleichgültig! Aber irgendwie beeinflußt jedes von euch das andere, und ich selbst, ich fühle diesen Einfluß auch an mir. Wenn mein moskowitischer Beichtvater mich heute fragen sollte: ›Lieber Sohn, was glaubst du?‹, ich würde ohne Besinnen antworten: ›Was die drei glauben, denn das sind die feinsten Menschen, die einzigen »Menschen«, die ich kenne.‹ Und dennoch weiß ich nicht, was ihr glaubt!«

Atemlos schwieg er. Er war aufgesprungen.

Über Janinas klares Bubenantlitz flog ein sonniges, humorvolles Lächeln.

»Sie sind gar nicht so einfältig«, sagte sie anerkennend und reichte ihm die Hand.

»Danke«, meinte er verlegen. In einem plötzlichen Impulse aber hielt er die Hand fest und küßte sie.

»Na, hören Sie mal!« rief sie entrüstet und wischte sich energisch den Kuß von der Hand.

»Das gebührt Ihnen!« sagte der junge Mensch mit herzlicher Einfachheit. »Aber sagen Sie mir noch eins: Warum müssen auserlesene Menschen auserlesene Leiden haben?«

»Warum müssen tapfere Menschen Gefahren bestehen?« fragte sie zurück. »Oder warum finden die Fleißigen immer etwas zu tun?« Mit dem Finger auf seine Stirn deutend, sagte sie mit einem komischen Seufzer: »Logik schwach, Lieber.«

Iwan hatte sich wieder rittlings auf den Schusterschemel niedergelassen und blickte sie nachdenklich an. »Sie meinen also, das liegt in der Natur der Sache?«

»Allerdings, das mein' ich.«

Er ergriff mechanisch ein scharfes Schusterwerkzeug und begann damit auf der Bank herumzustochern. »Sie soll aber nicht leiden!« knurrte er bedrückt.

Ruhig nahm sie ihm das Instrument aus der Hand und gab ihm damit einen Klaps auf die Finger.

»Können Sie es ändern?«

Der Jüngling unterdrückte einen Seufzer. Kleinlaut sagte er: »Ich wollte, ich könnte es.«

Janina blieb vor ihm stehen und fuhr ihm mit einer mütterlichen Geste durch das struppige Haar.

»Seien Sie ruhig, großes Kind, wenn mich nicht alle Anzeichen trügen, so ändert sie es selbst.«

Er fuhr auf: »Wie? Wieso denn?«

Herbe erwiderte Janina: »Sie wird eben mit Erik wegreisen, wenn es Zeit ist.«

»Hat – hat sie das gesagt? ...«

»Mir braucht man nichts zu sagen, ich kenne sie. Und nun gehen Sie schlafen, Iwan. Noch einige Wochen oder Monate, und wir hausen hier allein!« sprach sie wehmütig.

*

Janina war eine gute Prophetin, und dennoch, als sie ihre Behauptung aussprach, war Verena noch weit davon entfernt, an eine Abreise zu denken. Ein kleiner Zwischenfall sollte sie auf eine unvorhergesehene Weise dazu bestimmen.

Sie befand sich eines Märztages in dem kleinen Durchgangsraum, der an Iwans und Heinos Zimmer stieß, und war bei den Wäscheschränken beschäftigt, da hörte sie die Kinder, die eben nebenan hereingestürmt waren, eifrig miteinander reden.

»Du mußt ordentlich kopfstehen, Erik, nicht immer umfallen und nicht so mit den Beinen wackeln!«

»Es tut aber so weh, Heino.«

»Dummheiten. Mir tut's auch weh, und ich steh' doch Kopf! Denk' nur, wie sich die Mama freut, wenn du's zum Geburtstag schön kannst.«

»Wenn ich was kann, freut sich der Papa«, zirpte Erik nachdenklich. »Die Mama freut sich vielmehr, wenn du was kannst.«

Verena zuckte zusammen, als hätte sie einen Schlag erhalten. So weit war sie also in ihrer Selbstverleugnung gegangen, daß ihr eigenes Kind nicht ahnte, wie sehnsüchtig und durstig sie es liebte.

Gönnerisch und selbstbewußt erwiderte Heino: »Nun ja, du gehörst ja auch dem Papa, ich aber, ich gehör' ganz allein der Mama!«

»Ich gehör' doch auch ein bißchen der Mama!« sagte der kleine Erik still, »ein ganz kleines bißchen, nicht Heino?«

Wie weh sein bettelndes Silberstimmchen der lauschenden Mutter tat, wie weh! »Oh, Heuchlerin! Lügnerin! Feigheit und Jammer!« flüsterte sie heiß und ingrimmig vor sich hin. »So weit also ist's gekommen!«

Oh, jetzt die Lüge dieser Jahre zertreten können – jetzt hineinstürzen, den Kleinen in ihre Arme nehmen, an ihr wundes Herz drücken – rufen, nein, hinausschreien dürfen: Du, du bist ja nur mein einzig süßes Kind, Heino ist nicht mein Sohn!

Verena stand da, vorgebeugt, leichenblaß, die Finger an die pochenden Schläfen gepreßt, in ihren schlanken Gliedern eine wütende Spannkraft, wie ein zum Sprunge bereites Tier, das sich zu seinem Jungen bekennt, um jeden Preis – sie tat einen Schritt vor, taumelte, warf die Arme in die Luft – »oh, Heinz, hilf!« ächzte sie und stürzte besinnungslos zu Boden. –

Die Stunden schlichen langsam dahin wie große faule Schnecken, und als der Abend dämmerte, da war Verena mit sich im reinen. Sie wollte fort mit Erik, gleichviel, wohin, fort wollte sie, ehe es zu spät war, einmal die drückende Last der Unwahrheit, die Last der unerträglich gewordenen Falschheit ihrer Stellung zu Heino von sich abschütteln, ihr wahres Selbst wiederfinden in ihrem Kinde, rückhaltlos, verschwenderisch, es überschütten mit Liebe. Und sie wollte sich zuvor vollkommen mit Heinz verständigen, aussprechen ohne Worte und schauderte doch davor zurück. Würde er sie noch verstehen? Ihr Nervenleben, das zartbesaitete Nervenleben der Künstlerin, des liebenden Weibes war jetzt auf einen Grad der Spannung geraten, wo sie keinen anderen Ausweg mehr fand – fort mußte sie, das eine war ihr klar. Ihre Kunst war ihr jetzt Nebensache. Ob sie noch öffentlich auftrat, ob nicht, war ja so gleichgültig. Ihr Kind mußte sie gewinnen, nach neuem Anfang schrie ihre Seele.

Erst spät abends kehrte Heinz von einer Revisionsfahrt zurück. Er hatte schweren Ärger gehabt, hatte Komplikationen vorgefunden und war einem Unterschleif mehrerer Unterbeamten auf der Spur. Voll Ingrimm und Sehnsucht nach einer friedlichen, schönen Stunde trat er in das Kaminzimmer.

Noch brannte Licht. Seltsam starr und bleich kam Verena ihm entgegen, mit schleppenden Schritten, krank und müde.

Sie ging auf ihn zu, legte ihre Hände auf seine Brust und ihren Kopf an seine Schultern.

»Lieb, was fehlt dir? Bist du krank?« fragte er sie besorgt.

»Ja, Heinz, ich bin krank – schon lange ... hilf mir gesund werden!«

Er nahm sie in seine Arme und senkte das Haupt. Was war geschehen? Der ureigene Ton ihrer Worte hatte ihn erschüttert, mehr als ihr Inhalt. Mit schmerzlicher Schwere fiel in ihn eine Ahnung, daß sie ihn verlassen wolle.

»Willst du ... willst du jetzt fort?« flüsterte er beklommen.

Sie nickte und nestelte sich fester an ihn heran.

»Ja,« murmelte er, »ja, Kind ... deine Kunst –«

Da trat sie von ihm zurück. »Was, Kunst?« sprach sie mit schneidendem Ton, »mehr, viel mehr muß ich mir retten: mein Kind, die Wahrheit, unsere Liebe!«

Er aber starrte sie fragend an.

»Heinz, verstehst du mich nicht mehr?« rief sie bebend vor weher Inbrunst, »o versteh mich diesmal ohne Worte! Laß mich diesmal schweigen, um deinet-, um meinetwillen!«

Ihr Hunger danach, verstanden zu werden, ihre große Trauer machten sie ungerecht, taumelnd stürzten ihre Worte wie Schreie, schneidend und fürchterlich hervor:

»Seit Jahren verblute ich mich an der Pflicht gegen Heino ... weil du ihn zu wenig liebst, und mein Kind muß um sein Recht betteln, mein Kind weiß nicht, daß ich es liebe – und du, du hast es nicht einmal gespürt, wie ich hungere und dürste nach meinem Kinde!«

Schwer, zentnerschwer fiel die Wahrheit in die Seele des Mannes und machte ihn plötzlich sehend. Das also war das verschämte Geheimnis ihres täglichen Opfers gewesen, das er für kein Opfer gehalten, das der stolze, blutende Sieg ihrer Liebe – und alles war seine Schuld! Ja, nun verstand er.

Wo hatte er denn seine Augen gehabt? War mit diesem Bekenntnis sein Werk nicht zerbrochen? Zerbrochen seine Träume von Glück und Helligkeit? Hatte sie nicht in Entsagung und Dunkel gelitten? Furchtbar gelitten neben ihm?

Hundert versteckte Erkenntnisse strömten auf ihn ein, höhnisch, nachdrücklich, tragisch und beschämend.

Er stöhnte auf. Etwas Letztes und ganz Persönliches, aus Resignation, Selbstironie und Weh wundersam gemischt, das er intuitiv erkannte, wachte in ihm auf, öffnete seine grellen Traumblüten vor ihm mit jäher Deutlichkeit.

»Also Komödie einander vorgespielt!« sagte er bitter. »O ich Glücksnarr!«

Jetzt mißverstand sie ihn in ihrer Nervenerregung. Sie wand sich vor innerer Qual – »Das ... hab' ich von dir nicht verdient ...« flüsterte sie, bleich bis in die Lippen. »Gelogen hab' ich, doch nur um –«

»Still!« sprach er, »still, ich weiß alles – – aus Liebe, aus einer hundertfachen Liebe, vor der ich stumm bin, in die ich versinke wie in ein Meer – – o Verena Luwa, kannst du jemals vergessen?«

Sie sah ihn an, betreten, ungläubig, voll angstvoller, wiedererwachter Hoffnung.

»Also hast du mich doch verstanden!« murmelte sie. »Wirst du Heino zu lieben versuchen um meinetwillen, wenn du mit ihm allein bist?«

»Wenn ich mit ihm allein bin!« wiederholte er schwer.

Er wandte sich ab und brach in ein stöhnendes Weinen aus.

Da schmiegte sich ihr bebender Leib an ihn, sehnsüchtige Arme umschlangen ihn, die geliebte Stimme klang gebrochen an sein Ohr: »Heinz, o mein Heinz, ich komme ja wieder, – – ach, und dann kommt das selige Vergessen!«

Er schwieg und ließ seine Hand auf ihrem Haar ruhen. So war das Unerhörte geschehen: aufgehört hatten sie für eine Weile, einander zu verstehen. Jetzt sollten sie es wieder lernen! Sein war die Schuld. An ihm war es, den Willen und die Kraft zu haben, einsam zu bleiben, um ihr zu helfen.

Eine schwere Aufgabe stand noch bevor: die Mitteilung an Heino. Wie würde das leidenschaftliche Kind es aufnehmen, daß Verena mit dem kleineren Bruder reiste und nicht mit ihm?

In aller Stille begann sie ihre Vorbereitungen. Heinz und sie lagen stundenlang über Karten und Kursbüchern. Endlich hatte Verena sich für einen stillen Ort am Gardasee entschieden. Das märchenhaft blaue Wasser dieses Sees, den sie einst aus den Fenstern ihres Zuges auf dem Wege nach Verona von weitem erblickt hatte, zog sie mächtig an; an seinen Ufern wollte sie längere Zeit verweilen. Für das zarte Kind war ja auch ein Aufenthalt im Süden, ohne besonders jähen Klimawechsel, gewiß zuträglich.

Janina und Iwan wurden mit ins Vertrauen gezogen, und nun entstand zwischen den Gatten ein rührender Wettstreit: jeder Teil gönnte Janina dem anderen. Endlich wurde Janina die Entscheidung, ob sie bleiben oder mitgehen wolle, selbst überlassen. Sie geriet dadurch in eine schmerzliche Verwirrung. Ihr Herz zog sie zweifellos zu Verena und dem Kleinen, ihre Pflicht glaubte sie besser am verwaisten Haushalt und an Heino erfüllen zu können. Nach langem Hin und Her entschloß man sich, Janina zunächst auf dem Gute zu lassen und sie späterhin, sollte Verena eine Kunsttournee in Aussicht nehmen wollen, nachzusenden, damit es Erik in dieser Zeit nicht an der nötigen Aufsicht fehle. Heinz wollte sich inzwischen um eine passende Vertretung bemühen, und Verena war es, die ihn auf den guten Gedanken brachte, eine Jugendfreundin, Nora Seeberg, mit der Heinz zur Zeit seiner Schülerschaft in Riga die Leiden und Freuden einiger bewegter Jahre geteilt hatte, zu sich einzuladen. Das war ein ernster und feiner Mensch, Diakonissin von Beruf und Heinz seit vielen Jahren in schwesterlicher Liebe zugetan.

So waren denn alle Verhältnisse geordnet, die schmerzliche und notwendige Trennung stand hart vor der Tür, nur Heino wußte noch nichts davon. Mit inbrünstiger Hingabe hatte sich Verena in den letzten Wochen wieder dem Knaben gewidmet. Wie einst vor Eriks Geburt unter ihren Andenken und Angebinden, sonderte sie mit sorgender und zarter Liebe das Wertvolle von dem Minderwertigen in seiner Seele, bald herzlich erfreut, bald mit ruhigem Tadel und aufmunternden Worten. Jetzt endlich war es ihr gelungen, Heinzens rege Anteilnahme an seinem Ältesten zu wecken und Vater und Sohn einander ein wenig zu nähern. Diesem störrischen, heißblütigen und doch so liebesfähigen Kinde mußte Heinz jetzt selbst beizukommen suchen. Somit war ihre Arbeit getan, ihr Vermächtnis lag in treuen, willigen Händen. Nun konnte sie reisen.

*

Es war im Musiksaal. Am Abende vor ihrer Abreise zog Verena in Heinzens Gegenwart den großen Jungen auf ihren Schoß und sagte scherzend: »Nun hat die Mama ihr kleines Schoßkind für lange Zeit zum letztenmal auf den Knien, und Heino hat nicht erst darum betteln müssen.«

Heino schloß die Augen und schmiegte sich, vor Wonne tief atmend, an ihre Brust.

»Jetzt werden wir also bald Abschied nehmen müssen, mein Junge, ich will mit Erik verreisen.«

Nie vergaß sie den Ausdruck wilden Entsetzens, mit dem der Knabe sie anstarrte.

»Du – mit Erik? – – und ich?« Er schrie diese Worte heraus wie unter einem körperlichen Schmerz.

»Mein großer Sohn bleibt bei mir«, sprach Heinz liebevoll, »und wird mir helfen, lange Briefe an die Mama zu schreiben.«

Heino hörte gar nicht hin. »Und du nimmst Erik mit, nicht mich?« schrie er noch durchdringender.

Er war von ihren Knien und hielt ihr Gesicht in seinen Händen fest. »So sieh mich doch nur an, Mama, ist es wirklich wahr? Nein, es ist nicht wahr, du nimmst mich mit, nicht Erik!«

Voll Kühnheit, Trotz und blitzender Kraft stand der Junge da und forderte, was er für sein Recht hielt. Wie durfte man es wagen, ihm etwas zu weigern?

Starr vor Staunen sah ihn der Vater an. So hatte er seinen Sohn noch nie gesehen. »Junge, Junge, so komm doch zu dir!« rief er ihn an. »Wie sprichst du mit Mama?«

Verena winkte ihm mit den Augen. »Heino, du tust mir weh«, sagte sie schmerzlich und löste seine Hände von ihrem Gesicht. »Du mußt dich drein finden, ich reise diesmal mit Erik, nicht mit dir. Du hast ja Schule – wie kannst du deine Stunden versäumen? Du mußt lernen – sei brav!«

»Ich will nicht lernen, wenn du fort bist! Ich kann nicht brav sein! Nimm mich mit, und ich will alles lernen, was du mir aufgibst, und noch viel mehr. Mama, so höre doch!« rief er verzweifelt – »wirst du mich mitnehmen?«

Sie schüttelte langsam den Kopf. Da warf sich Heino zu Boden, umklammerte ihre Knie und biß, sinnlos vor Erbitterung und Schmerz, in ihr Kleid, ein ungestümes Schluchzen unterdrückend.

Ein eisiger Schrecken stieg in Heinz auf. Solche Szenen hatte Verena stumm und klaglos ertragen! Das da war sein Sohn – und diesen Vulkan sollte er durch Liebe beschwichtigen!

»Verstehst du dich nicht anständig zu betragen, so sollst du Mama wenigstens nicht quälen!« sprach er streng. Er faßte seinen Buben mit hartem Griff, zog ihn empor und stellte ihn auf die Füße; aber Heino hatte die Zähne nicht auseinandergeklemmt, der lichte Beigestoff gab nach und zeigte einen klaffenden Riß.

»Mama, ach Mama, verzeih, das wollt' ich nicht!« schluchzte Heino, »nimm meine ganze Sparkasse, kauf' dir ein anderes Kleid, nur laß mich bei dir bleiben, hörst du, ach Mama!«

Er war außer sich, wieder warf er sich vor ihr nieder und hob die Arme empor.

Verena traten die Tränen in die Augen. Ein bitteres Weh um Heinz und sein leidenschaftliches Kind zog ihr das Herz zusammen.

Sie legte ihre Hände auf den Kopf des Knaben.

»Heino, eins zuliebe kannst du mir tun, und ich will's dir nie vergessen, das versprech' ich dir, hab' deinen Vater lieb, Heino, und gehorch' ihm in allen Dingen. Sieh, er wartet ja nur darauf, daß du ihn lieb hast, und er wird ebenso einsam sein wie du, da sollst du ihm helfen.«

Ein paar Hände griffen von rückwärts an Heinos Schultern, sacht und verlangend. Aber der harte Griff von ehedem brannte noch in den jungen Gliedern, und dumpf, mit leerem Blick, sah Heino sich um.

»Laß Erik hierbleiben, Papa!« murmelte er zwischen den Zähnen, »du hast ihn ja auch viel lieber.«

Erschüttert sah der Mann dem Sohn ins Gesicht. War das alles? Hatte ihm das Kind nichts mehr zu sagen? Ja, hier war viel gutzumachen, das fühlte er, hier mußte um das starre, vernachlässigte Kindesherz geworben werden, langsam und geduldig.

»Heino,« sprach der Vater innig, »hier meine Hand, schlag' ein, mein Junge, wir wollen wie ein paar tapfere treue Kameraden zusammenhalten, wenn wir allein sind. Gelt, du und ich, wir wollen einander kennenlernen?«

Heinos Gesicht wurde von einer dunklen Röte übergossen. Überraschung, etwas wie Verlegenheit und dann wieder das alles überbrausende Gefühl: es nützt alles nichts, sie geht ja doch fort, spiegelten sich auf seinen Zügen.

Trocken und herbe nickte er nur, doch er schlug nicht ein in die dargebotene Hand.

»Willst du nicht deines Vaters Kamerad sein?« fuhr Heinz schmerzlich fort, »sein lieber Freund, Heino?«

Er sah dem Knaben durchdringend in die Augen.

Auf einmal fuhr er zurück – in diesen braunen Kinderaugen zuckte ein kühles, überlegenes Licht, blitzte ein ironisches, eifersüchtiges Verstehen – es waren Lulus Augen.

»Antworte, mein Kind!« sprach er gezwungen.

»Ich kann's nicht auf einmal, Papa«, erwiderte Heino schwerfällig.

Da sank des Vaters Hand langsam nieder.

»Geh zu Bett, mein Sohn, und wünsch' Mama gute Nacht!«

Heino faßte mit eiskalten Fingern Verenas Hand und küßte sie wie immer, dann besann er sich, blieb einen Augenblick unschlüssig stehen und warf die Arme um ihren Hals wie ein Ertrinkender.

Endlich wandte er sich ab und schritt wie im Traum zur Tür.

»Und Papa, Heino?« sagte Verena vorwurfsvoll.

Er kehrte wieder um, seine Lippen zuckten. »Gute Nacht, Papa!«

Heinz hob das runde Gesicht empor und küßte seinen Buben auf die Stirn; mechanisch zog Heino die väterliche Hand an die Lippen, scheu und kalt.

Als er hinausgegangen war, trat eine schwere, kummervolle Stille in den Musiksaal ein wie eine fremde, verschleierte Gestalt.

*

In dieser Nacht hatte Iwan keinen guten Schlaf. Immer schien es ihm, als höre er Heino auf bloßen Füßen im Zimmer umherschleichen. Er rief ihn an, er machte mehrmals Licht, aber immer wieder sah er seinen Zögling ruhig in seinem Bett liegen, allerdings mit offenen Augen und einem seltsam starren Ausdruck.

»Heino, warum schläfst du nicht?« flüsterte er erregt.

»Ich schlafe ja schon, laß mich!« war die wunderliche Antwort.

Als der Morgen matt und grau durch das verhängte Fenster dämmerte, erwachte Iwan aus unruhigem Schlummer und sah die weiße, kleine Gestalt, wie sie mit hochgezogenen Beinen in ihrem Bett kauerte. Vor einigen Augenblicken, so schien es ihm, hatte die Tür geknarrt, die zu Verenas Schlafzimmer führte.

»Heino,« rief er den Knaben an, »was ist dir? Hast du Schmerzen?«

»Ja!« knurrte Heino widerwillig.

»Wo denn?«

»Im Leib, nein, im Fuß.«

»So so!« meinte Iwan und musterte Heino blinzelnd.

»Mach' nur die Augen fest zu und schlaf, dann vergehen alle Schmerzen.«

Er stieg aus seinem Bett, nahm den Plaid vom Stuhl und wickelte Heino sorgfältig hinein. ›Armer Schelm,‹ dachte er, ›das ist der Abschied.‹ Mitleidig streichelte er ihn und legte ihn sanft nieder. Da fühlte er sich von des Knaben Armen hastig umklammert. »Du, Iwan!« kam es zögernd aus den Kissen hervor.

»Was denn, mein Junge?«

»Es war jemand drin bei der Mama heute.«

»Ach geh, du hast geträumt.«

»Nein, nein, wirklich, ich glaub', nein, sicher, es war der Papa.«

Iwan schoß das Blut heiß in den Kopf. »Hm, kann schon sein, er wird ihr eben noch etwas über die Reise gesagt haben.«

»Aber er war so lange drin, und sie haben ganz leise gesprochen – und sich geküßt – –« würgte Heino heiser.

»Du küßt deine Mama doch auch«, sagte Iwan nach einigem Besinnen.

Heino knurrte in sich hinein, drehte sich zur Wand und tat, als ob er schliefe. Aber Iwan sah bei dem bleichen Morgenschimmer an dem Zucken seiner Schultern, daß der Junge heimlich in sich hineinschluchzte.

Am Morgen um acht Uhr kam Erik fertig angekleidet und strahlend zu Heino, der eben aus dumpfem Schlafe erwacht war, hereingelaufen. »Du, Heino, weißt du's schon? Ich fahr' mit Mama weit fort zu einem großen, blauen See.«

»Da wirst du hineinfallen,« sagte Heino böse, »und dann fressen dich die Fische.«

Der kleine Erik schien diese Prophezeiung als guten Witz zu betrachten. Er warf den Blondkopf zurück und lachte hell und fröhlich auf.

»Nein, ich fall' gar nicht hinein, die Mama hält mich ja fest. Und ich bring' dir auch was Hübsches mit, was du nur haben willst, so hat Mama gesagt. Was willst du denn haben, Heino?«

Mit gerunzelter Stirn dachte Heino eine Weile nach, dann sprang er hurtig aus dem Bett und lief an sein Schränkchen. Da stand seine tönerne Sparbüchse, er schüttelte sie, die Silberstücke klirrten darin.

»Du sollst dafür der Mama ein feines Kleid kaufen, ganz schneeweiß, mit Goldfäden, hörst du – da sind zehn Rubel darin. Die Büchse mußt du an einem Stein zerschlagen, solange draufhauen, bis sie kaputt geht. So, siehst du!«

Er schlug die Büchse kräftig gegen den Boden.

»Ja, ja,« rief Erik eifrig, »ich weiß, nur noch viel stärker, Heino, nicht?«

»Ja. Also nimm sie nur mit, verlier sie ja nicht, steck' sie gleich in die Tasche. Warte – so!« Er zog und riß an der Blusentasche des Kleinen und hatte endlich die dicke Büchse hineinpraktiziert. »So, nun will ich mich schnell anziehen, geh fort.«

»Heino,« rief der Kleine bittend, »nachher laufen wir noch zusammen zu den Pferden und Schafen und Hühnern, ich muß doch dem Quirinal Adieu sogen. Wirst du ihn auch manchmal füttern, wenn ich weg bin?«

»Ja, ja!« rief Heino ungeduldig, »geh schon, ich komme ganz schnell nach.«

Der Frühstückstisch war schon abgeräumt, als Heino in das Speisezimmer trat. Nur seine Milch stand noch auf seinem Platz. Er warf kaum einen Blick darauf und lief ans Fenster. Da saß Janina und hatte etwas an Eriks Mäntelchen zu nähen. Iwan wanderte mit langen Schritten vor der Rückseite des Hauses auf und nieder.

Heino riß das Fenster auf und beugte sich hinaus. »Wo ist Mama, Iwan?«

»Bei Papa, in seinem Zimmer.«

»Und Erik?«

»Er lief eben hier vorüber zu den Ställen.«

Schon polterte Heino die Treppe hinunter. Im Flur standen die verschnürten Koffer bereit. Scheu stürmte er an ihnen vorüber ins Freie.

»Erik, Erik, wo bist du?«

Er fand den Kleinen beim Hühnerstall, ein großes Brot in den Händen. »Ich kann die Tür nicht aufmachen,« klagte Erik, »hilf mir, Heino. Sieh, ich hab' auch heute Weißbrot gekriegt.«

Heino klinkte die Tür auf und ließ Erik vorgehen.

»Ach, du lieber, schöner Quirinal,« jauchzte Erik, »weißt du, ich fahr' fort, nimm, mein Herzchen, und friß!«

Er hielt dem stattlichen rotbraunen Gockelhahn ein großes Stück Brot hin. Aufgeregt flatterten die Hühner durcheinander, gackerten begehrlich, drängten sich um den Kleinen, traten ihm auf die Füße, zerrten ihm das Brot aus den Händen und vollführten einen Heidenlärm. Da klappte plötzlich die Tür hinter ihm zu, und Heino jagte davon wie ein Besessener.

»Heino, Heino, mach' doch auf!« tönte ein klägliches Stimmchen hinter ihm.

Aber Heino wollte nicht hören. Der Erik sollte doch nicht mitfahren! Einen andern Gedanken hatte er nicht.

Jetzt trabte das stattliche Dreigespann vor das Haus. Kutscher und Diener luden die großen Koffer hinten auf den Wagen und banden sie mit Stricken fest.

Heino fühlte das Blut in seinen Ohren sausen; er setzte eine nichtsnutzige Miene auf, stellte sich in Positur, steckte die Hände in die Hosentaschen und pfiff schrill vor sich hin ... so machten's die Großen auch, wenn sie nichts Besseres zu tun hatten.

Janina steckte den Kopf zum Fenster hinaus. »Heino, wo ist Erik?« rief sie.

Heino trat von einem Fuß auf den anderen, pfiff gellender und tat, als hörte er nicht.

Iwan kam langsam schlendernd auf ihn zu. »Du warst doch eben mit Erik bei den Ställen,« sagte er, »wo ist er denn geblieben?«

»Ich hab' ihn nicht gesehen«, log Heino ohne Scham noch Reue und kniff die Lippen aufeinander.

Eilig machte sich Iwan auf die Suche, er trabte davon wie ein Windhund.

Verena und Heinz kamen die Treppe herunter. Heino blinzelte der Mama erbleichend entgegen. Sie hatte rotgeweinte Augen und trug ein neues Ledertäschchen an einem Riemen über dem langen Reisemantel.

Janina lief mit rotem Kopf, ein Paket im Arme, an ihr vorüber zum Wagen.

»Machen wir's kurz, Janina«, sagte Verena. »Wieviel ich in Ihren Händen lasse, wissen Sie am besten. Schreiben Sie fleißig, und nachher, wenn Sie kommen, dann soll's ein Fest geben!«

Sie schloß sie in ihre Arme. Janina schluchzte heiß und trocken auf.

»Und nun du, mein lieber Herzensjunge, Heino, mein liebes, liebes Kind, sei gut zum Papa, werde ihm ein Freund, damit machst du mich froh!« flüsterte sie dem Knaben ins Ohr.

Er hing an ihrem Halse. »Mama, ach Mama!«

In diesem Augenblick kam Iwan mit Erik im Arm dahergetrabt. Der Kleine sah ganz verstört aus, sein Gesichtchen zuckte vor verhaltenem Weinen.

»Still, still, Erik,« raunte Iwan ihm zu, »sag' kein Wort davon, sonst wird Heino noch heute schwer gestraft.«

»Nun, kleiner Spatz, wie siehst du denn aus?« rief Heinz. »Du bist ja voll Hühnerdreck.«

Janina kniete schon neben dem Kleinen auf der feuchten Erde, putzte und schabte an seiner Bluse und zog ihm sein Mäntelchen an.

Mit starkem Arm hob Heinz Verena in den Wagen.

»Wir zwei zuletzt!« sagte er.

»Iwan, guter Iwan, leben Sie wohl!« rief Verena, »und tausend Dank für Ihre Treue!«

Der junge Mensch beugte sich stotternd über ihre Hand.

Janina konnte sich von Erik nicht losreißen, sie bedeckte ihn mit Küssen.

Die Pferde scharrten ungeduldig. Heinz nahm Erik aus Janinas Armen und sprang mit ihm in den Wagen.

»Vorwärts. Ich fahr' mit bis zum Fluß«, sagte er kurz.

Fort stob der Wagen.

Aus Heinos rundem Gesicht war alle Farbe gewichen. Er riß sich von den Umstehenden los, stürzte dem Wagen nach, packte ein Strickende, das von einem der Koffer herunterhing, und galoppierte wie ein Rasender hinterdrein.

Das Gefährt bog hinter dem Gartenzaun scharf um die Ecke, und Heino schlug mit Gewalt zu Boden.

An beiden Händen blutend, raffte er sich wieder auf.

»Mama! Mama!« schrie er gellend.

Doch das dumpfe Rollen des Wagens, das Pferdegetrappel übertönten seine Stimme.

*

Es schien, als hätte Verena die Sonne vom Oberhof mitgenommen, denn das mächtige Tagesgestirn, das jetzt ins Eckzimmer Janinas auf den verzweifelten Heino hinabglänzte, war die alte Sonne nicht mehr. Der Junge stand am Fenster und blinzelte trotzig in sie hinein. Nein, das da war seine Sonne nicht. Boshaft und spöttisch schaute sie seinen Tränen zu, sie sah auch den Wagen mit der Mama immer weiter fortrollen, immer weiter – Heino selbst konnte ihn von diesen Dachfenstern aus schon längst nicht mehr sehen. Aber sie, die Alte da, die sah ihn, und Heino ballte die Fäuste, schüttelte sie und spuckte ihr in weitem Bogen entgegen. Ach, nicht bloß der Sonne hätte er seinen Gram und seinen bittern Neid ins Angesicht speien mögen, sondern auch allen Menschen, mit Ausnahme vielleicht – von Janina. Wenn er bloß gedurft hätte!

Zur gleichen Zeit, nur ein Stockwerk tiefer, stand an seinem Fenster der Vater und dachte bekümmert an seinen Ältesten. Aus Eriks stummem Erröten, aus seinen stammelnden Worten hatte er ungefähr den richtigen Zusammenhang herausgebracht. Heino war es also gewesen, der den Kleinen mit Absicht in den Hühnerstall gesperrt hatte. Aber Verenas Augen hatten für den abwesenden Sünder gebeten, der häßliche Streich sollte also übergangen werden. Dann war der heiße, schmerzliche Abschied gekommen, und nun war Heinz allein. Letzte Schwingungen des Glücks zitterten noch in ihm nach, letzte Worte, die letzte Umarmung ... er strich sich über die Stirn – vorbei das alles. Jetzt aber galt es, und neue Kräfte brauchte er: die Seele seines Sohnes gewinnen, sich den Sohn zu eigen machen. Er gab sich keinen Illusionen mehr hin. Nie würde er im Sturm über diesen harten Kindeswillen siegen. Ein langer, mühseliger Weg, voller Hemmungen und Enttäuschungen, stand ihm bevor, Geduld, Vorsicht und nimmer erlahmender Wille sollten ihn leiten.

Er beschloß, den Jungen zunächst in Ruhe zu lassen, und drückte Iwan gegenüber den Wunsch aus, er möge Heino an diesem Tage nur obenhin beschäftigen. Als man sich zum Mittagessen um den verkleinerten Tisch sammelte, starrte der Knabe finster in brütendem Gleichmut vor sich hin, unzugänglich und störrisch, ein unselig vereinsamtes, armes Kind.

Dem Vater schnitt der Anblick ins Herz. Voll Frische und Güte im Ton sagte er: »Na, Heino, mein Junge, was meinst du zu einem gemeinsamen Ausritt? Unser Fluß, der Bazaluk, hat da allerhand Verwüstungen angerichtet; wir wollen in die deutsche Kolonie reiten und uns den Schaden besehen.«

Heino sah ihn an, als habe er nicht recht verstanden. Sein Blick war stumpf und trübe.

»Du darfst auch den großen, schwarzen Potemkin reiten,« fuhr der Vater herzlich fort, »ich habe mich neulich gefreut, wie sicher du im Sattel sitzest. Das Pony aber kannst du Erik schenken, wenn er wiederkommt.«

»Erik kann ja noch gar nicht reiten«, knurrte Heino.

»Wenn du's ihn lehrst, wird er's bald können,« fiel Janina munter ein, »und weißt du, Heino, magst du noch ein Stück Braten, nein?, drüben am Fluß habe ich schon Veilchen gesehen, da könntest du eine Menge pflücken und der Mama eine Schachtel voll schicken.«

Zum ersten Male belebte sich Heinos Gesicht. »Werden sie denn noch frisch ankommen?« fragte er zögernd.

»Janina, Sie sind ein famoser Kerl!« rief Heinz erfreut. »Natürlich, Heino, du packst die Veilchen in feuchtes Moos, dann halten sie sich drei bis vier Tage, und die Mama bekommt einen lebendigen Gruß von dir.«

Heino nickte ernsthaft, sein Gesicht überzog sich mit dunkler Röte.

Als Vater und Sohn von ihrem Ausritt wiederkehrten, hielt Heino eine Papiertüte voller Veilchen behutsam vor sich auf dem Sattel des hochbeinigen Pferdes. Stumm und düster war er neben dem Vater hingeritten.

Ach, tief und scharf sah Heinz in ihn hinein. Er sah seine bittere, blutende Sehnsucht, seinen Trotz, seinen harten Willen, die Pforten seiner Seele verschlossen zu halten vor den bittenden, pochenden Vaterhänden.

Er sollte noch mehr sehen und erkennen.

Wenige Tage nach Verenas Abreise trieb ihn die Sehnsucht, sich wenigstens mit den Dingen zu umgeben, die sie täglich berührt hatte, nachts in ihr Schlafzimmer. Ohne dem Dienstmädchen einen besonderen Befehl zu geben, beschloß er, sein Zimmer mit Verenas zu vertauschen, und schaffte selbst die nötigen Gegenstände hinüber. Seit Stunden lag er schlaflos in ihrem Bett, während seine Seele in der tiefen Stille der Nacht den Weg zu ihr suchte.

Da hörte er die Zimmertür leise gehen. Im Finstern empfand er mehr, als er es sah, daß eine kleine Gestalt sich vorsichtig an den Möbeln näher tastete. ›Sollte der Junge etwa schlafwandeln?‹ ging es ihm durch den Sinn, dann mußte er sich davor hüten, ihn anzurufen. Er blieb mit verhaltenem Atem liegen und wartete.

Ein schluchzendes Aufatmen schlug dicht an sein Ohr, ein Wehlaut: »Mammi, liebe Mammi!« und Heino faßte die Decke und hob sie auf, um sich in Verenas Bett zu bergen. Voll tiefen Mitleids streckte ihm der Vater die Hände entgegen und faßte den kleinen zitternden Leib. »Ich bin es, Heino, mein Junge, zu Mama willst du – so komm.«

Aber in Schrecken erstarrt blieb der Junge stehen, wand sich jäh aus den väterlichen Armen und floh zur Tür zurück.

»Heino, Heino, so komm doch nur. Morgen lasse ich dir dein Bett hierher stellen, willst du? So sind wir beide der Mama näher.«

»Nein, nein, laß mich, ich will nicht,« klang es sonderbar hart und dumpf aus dem Dunkel. Wieder ging die Tür, wie ein Spuk war der Knabe verschwunden.

Am nächsten Tage war er finsterer und verschlossener denn je. Als der Vater ihn am Morgen vor dem Frühstück ruhig und freundlich begrüßte, überzog sich Heinos Gesicht mit fahler Blässe. Verlegen senkte der Sohn die Lider.

Ein langer, forschender Blick noch, und mit einem Male stand ein grelles, jähes Wissen auf vor Heinz. Nein, es war kein bizarres Spiel seiner Phantasie, bittere, furchtbare Wahrheit war es: Sein kleiner Sohn war sein Nebenbuhler, sein Sohn liebte Verena anders, als Kinder sonst ihre Mütter lieben. Er liebte sie – mit der Unschuld einer unwissenden Kinderseele, freilich, zugleich aber auch schon mit der frühreifen, eifersüchtigen, heißen Leidenschaft eines Erwachsenen. Ein wunderliches Grauen überlief den Vater. Stand er nicht hier vor einer Monstrosität? Mußte nicht all sein Werben und Ringen um seines Sohnes Liebe nutzlos, mußte es nicht wesenlos bleiben? Denn Heino empfand ja in ihm instinktiv seinen glücklicheren Rivalen. Hundert versteckte Erinnerungen, hundert kleine Augenblicksbilder wurden in ihm lebendig, krochen aus dunkeln Winkeln hervor und standen plötzlich da, so nachdrücklich, so einfach, so ohne Pathos und darum eben so tragisch. Und diese kleinen Erinnerungsbilder zerbrachen seinen Glauben, zertrümmerten seine Träume und Hoffnungen, verwandelten, was ihm die Wirklichkeit an Aufgaben stellte, durch die heimliche Wahrheit seiner Erkenntnis zu einer traurigen Verzerrung.

Zum ersten Male empfand er Verenas Abwesenheit als ein Glück. Sie sollte nicht noch leiden müssen, wie er litt. In einer Mischung von Hellseherei und Gefühl wußte er, daß nur eine langandauernde Trennung seinem armen Jungen helfen könne, daß er alles daransetzen müsse, in Heino andere Interessen zu wecken. Er glaubte kaum an einen Erfolg, aber die Vornehmheit seines Wesens rechnete mit Aufgaben und Pflichten, nicht mit Erfolgen. In dem alles verstehenden Mitleide, das sich langsam, langsam in seine Seele stahl, ruhte der Keim zu jener heiligen Vaterliebe, wie sie ihn für Erik beseelte, und diese Liebe begann stetig und allmählich an den Hemmungen und Wällen zu wachsen, die Heino ihr täglich entgegentürmte.

Einer der folgenden Tage brachte einen unerwarteten Gast. Ein großer breitschultriger Mann in schwarzem Rock, mit einem roten, viereckigen Gesicht, war vor das Haus gefahren und traf Heino im Flur, wie er rittlings auf dem Treppengeländer hockte.

»Mein lieber Sohn,« begann er mit salbungsvollem Tone, »willst du den Seelsorger von Alt-Liebental bei deinem Vater anmelden?«

Heino sah ihn neugierig an und schüttelte den Kopf. »Das macht immer der Diener, gehen Sie nur die Treppe hinauf.«

»Ei, ei, warum so hochmütig?« sagte der geistliche Herr tadelnd und hob seinen feisten Zeigefinger warnend in die Höhe. »Hochmut kommt vor dem Falle, sagt ein altes Sprichwort. Du gerade solltest dich vor Hochmut besonders hüten, mein Sohn.«

Heino sah fasziniert auf diesen zahmen, blassen Finger. »Warum denn ich?«

Der Geistliche seufzte vielsagend, brummte etwas vor sich hin, schüttelte bedauernd den dicken Kopf und begann die Treppe hinaufzusteigen. Ärgerlich lief ihm Heino nach und hielt ihn am Rockzipfel fest. »Mama sagt, es ist unhöflich, nicht deutlich zu antworten, wenn man gefragt wird.«

Verwundert blieb der Seelsorger stehen. »So – so so? Das ist also unhöflich. Nun, wenn deine Mama das sagt, muß sie es natürlich wissen; deine Mama ist eine große Künstlerin, – weiß das alles – selbstverständlich.«

»Warum sagen Sie immer so deine Mama?« rief Heino gereizt.

»Ist sie denn etwa meine Mama?« fragte der Geistliche mit einem breiten, ironischen Lächeln, das Heino in helle Wut versetzte. »Du scheinst keine Ahnung zu haben, mit wem du sprichst, mein Sohn, sonst wärest du hoffentlich, wir wollen's hoffen, ein wenig respektvoller.«

Er strich sich das breite, bartlose Kinn und sah zwinkernd auf Heino nieder.

»Sie haben vorhin gesagt,« rief der Junge, am ganzen Leibe zitternd, »daß gerade ich nicht hochmütig sein darf. Warum sagten Sie so?«

»Ich werde dafür schon meine Gründe haben, denk' ich, ja ja, Hochmut kommt vor dem Fall, mein lieber Sohn. Hat dich deine Mama das Sprichwort nicht gelehrt?«

»Ich bin nicht Ihr lieber Sohn!« schrie Heino außer sich. »Sie sollen nicht so von Mama sprechen, überhaupt nicht von Mama – verstehen Sie?«

Der würdige Herr zog die Augenbrauen hoch. »Ich versteh' allerdings: du bist ein ungezogener, hochmütiger Junge, und der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seine Seele dem Teufel des Hochmuts überliefert. Den Hochmütigen zerbricht der Herr, dem Demütigen aber gibt er Gnade.«

Heino sah ihn starr an, drehte sich kurz auf dem Absatz um und ging, sprachlos vor verhaltenem Zorn, an ihm vorüber. –

Als Heinz in den Salon trat, erhob sich der Geistliche und kam ihm voll geschmeidiger Würde entgegen. »Pastor Graupenhahn aus der schwer heimgesuchten Kolonie Alt-Liebental,« stellte er sich vor, »ich rechne es mir zur Ehre an, bei Ihnen, Herr Oberverwalter, für meine geschädigte Gemeinde, namentlich für einige besonders schwere Fälle, um Unterstützung zu bitten, wenngleich Sie an meiner Tür immer vorüberzugehen pflegen. Gebet, so wird euch gegeben, so spricht der Herr. Den fröhlichen Geber hat Gott lieb.«

Heinz verbeugte sich förmlich.

»Bitte, wollen Sie Ihren Platz behalten. Ich hatte bisher nicht die Ehre Ihrer persönlichen Bekanntschaft, Herr Pastor, habe mir aber nichtsdestoweniger erlaubt, im Namen des Großfürsten bei der Gemeindeverwaltung eine Summe für die Geschädigten niederzulegen. Sollte Ihnen das entgangen sein?«

»Seiner Großfürstlichen Hoheit ist unser Dank bereits untertänigst ausgesprochen worden. Als treuer Diener meines Amtes aber hege ich die nicht unberechtigte Hoffnung, durch meine persönlichen Besuche in der Umgegend noch mehr Interesse für besondere Einzelheiten zu erwecken. Es gibt da Fälle von himmelschreiender Not, Herr Oberverwalter, eine arme Witwe von gottgefälligem Lebenswandel hat ihr ganzes Hab und Gut verloren, dazu kleine unversorgte Kinder, liegt selbst krank darnieder. Die Hand des Herrn liegt schwer auf ihr, doch wen der Herr lieb hat, den züchtigt er, so sagt die Schrift.«

Heinz stand auf, ging aus dem Zimmer und kam mit einem größeren Betrag in einem offenen Kuvert wieder.

Die wurmweichen fleischigen Finger des Pastors schlossen sich um das Kuvert und die Hände Heinzens, wie nackte, klebrige Schnecken.

»Soll ich den gütigen Geber« – der Geistliche verbeugte sich dankend – »von der Kanzel vielleicht erwähnen?«

»Beileibe nicht.« Heinz hob abwehrend die Hände. »Mir ist dergleichen durchaus unangenehm.«

Der Pastor sah ihn bedeutungsvoll an und seufzte resigniert. »Es scheint so,« sagte er gehalten, »ich habe ja auch nie die Freude, Sie, Herr Oberverwalter, in meiner Sonntagsgemeinde als Gast zu begrüßen.«

»Ich muß Ihnen leider die Freude auch ferner versagen,« erwiderte Heinz kühl, »aus sehr beachtenswerten Gründen.«

»Und darf ich nach diesen fragen?«

»Gewiß. Ich stehe auf einem anderen Boden.«

»So sind Sie nicht Christ?« Der Geistliche hob betreten die fleischigen Hände. »Da sei Gott für!«

»Was ich bin, hoffe ich durch mein Leben zu beweisen.«

»Jedoch, es gibt Lasten, die man um der Schwachen willen auf sich zu nehmen verpflichtet ist,« warf der Pastor in sichtlicher Unruhe ein, die Handflächen nervös aufeinander reibend, »dächt ich wenigstens.«

»Sie sprechen von Ihrer Gemeinde?«

»Allerdings. Meine kleine evangelische Herde –«

»Bedarf eines Leithammels?«

»O Herr Oberverwalter, ich bitte, welcher Ausdruck! Das darf ich nicht zulassen!« Beschwichtigend bewegte der Pastor die Hände, als hätte er vor sich ein tosendes Meer, das er zu besänftigen befugt wäre.

»Der anstoßerregende Ausdruck sollte sich ja nur auf mich beziehen«, sprach Heinz mit ruhiger Ironie.

»Eben darum. Sagen wir lieber so! Jede kleine Gemeinde bedarf mehr oder weniger einer schwerwiegenden, sozusagen repräsentativen Persönlichkeit, als welche ich Sie einschätzen muß.«

»Sehr verbunden.« Heinz verbeugte sich auf seinem Sessel. »Nun, nehmen wir aber an, es handelte sich hier um eine Inkongruenz der Pflichten –«

»So hätte die größere Pflicht vorzugehen!« sagte der Pastor mit Vollgewicht.

»Diese einzuschätzen nach meinem Vermögen müssen Sie mir wohl selbst überlassen.«

»Aber, verehrtester Herr Oberverwalter, die Quantität –«

»Bitte um Schluß dieser Debatte, Herr Pastor«, sprach Heinz sehr energisch, und eine tiefe Falte grub sich in seine Stirn. »Haben Sie mir noch sonst etwas mitzuteilen?«

Der Geistliche räusperte sich, schluckte und rieb sich langsam die Hände. »Sie haben da einen sehr temperamentvollen jungen Sohn«, begann er von neuem. »Ich hatte ein kleines Renkontre mit ihm auf dem Treppenflur. Gleicht ungemein Ihrer Frau Gemahlin!«

»Haben Sie meine Frau gesehen?«

»Schon öfters, jawohl, schon öfters. Eine so exponierte Stellung, wie Sie sie einnehmen, bringt das wohl mit sich. Häufig habe ich Ihre Frau Gemahlin gesehen, jawohl, auch früher als Künstlerin in Petersburg gehört.«

»Nun, Heino gleicht meiner Frau keinesfalls. Ist ja auch schwer möglich«, versetzte Heinz trocken.

Der Geistliche beugte sich weit vor. – »Ach so – verzeihen Sie! – Ich hörte so etwas – er ist aus erster Ehe – nicht wahr?«

Heinz sah dem behäbigen Herrn fest ins Gesicht.

»Da ich annehmen darf, daß Sie genau über meine Personalien orientiert sind, halte ich diese Frage für überflüssig.«

Pastor Graupenhahn räusperte sich gekränkt.

»Da irren Sie sich, da irren Sie sich aber sehr, Herr Oberverwalter, die Ähnlichkeit zwischen Ihrer Frau Gemahlin und Ihrem Söhnchen schien mir im Gegenteil sehr prägnant. Man kann sich freilich täuschen. Ich will durchaus damit – nichts weiter gesagt haben,« fuhr er, von Verlegenheit zu Verlegenheit stürzend, fort, »durchaus gar nichts.«

In diesem Augenblick ging die Tür, und Heino trat mit vor Haß blitzenden Augen ein.

»Bitte, Papa, frag' diesen Herrn Pastor, warum er zu mir gesagt hat, ich gerade, ich darf nicht hochmütig sein, und warum er immer sagte: Deine Mama muß es wissen.«

Hier war eine Gelegenheit, sich zu dem Sohne zu bekennen und das Vertrauen seines Kindes zu gewinnen. Heinz schlang den Arm um die Schulter des erregten Knaben und sah den Geistlichen erwartungsvoll an. »Bitte, wollen Sie die Güte haben, sich zu diesen Fragen meines Sohnes zu äußern?« sagte er mit eisiger Höflichkeit.

»Aber mein verehrtester Herr Oberverwalter, – wieso denn? Ich erlaubte mir einen kleinen Scherz. Der kleine Mann da war durchaus nicht entgegenkommend.«

»So? Warst du unhöflich, Heino?«

»Nein, Papa. Ich sagte ihm nur, der Diener wird ihn anmelden, als er wollte, ich soll es tun. Und da sagte er, ich darf am allerwenigsten hochmütig sein und Hochmut kommt vor dem Fall. Da sagte ich, was er damit meint, und Mama sagt doch immer, es ist unhöflich, undeutlich zu antworten, wenn man gefragt wird, und da hat er wieder nicht geantwortet und nur immer so herumgedruckst und Gesichter gemacht und gesagt: ›Deine Mama weiß das selbstverständlich, deine Mama, o ja, – die.‹ Und ich erlaube keinem, so von meiner Mama zu sprechen.«

»Da hast du vollkommen recht, mein Sohn.«

Der Geistliche fuhr auf, als sei er mit kaltem Wasser begossen worden. »Aber das ist doch unerhört! Un–erhört!« rief er, und seine Stimme überschlug sich und wurde kreischend. »Der Mangel an Respekt wird hier ja geradezu künstlich eingeimpft! Wo es daran fehlt – freilich –«

»Respekt – wovor? Vor der Wahrheit, wollten Sie vielleicht sagen, Herr Pastor, Respekt vor dem Kinde – möchte ich mir vorzuschlagen gestatten.«

Völlig aus der Fassung gebracht starrte Pastor Graupenhahn Heinz an.

»Das geht zu weit,« rief er voll Empörung, »ich habe mir schon viel gefallen lassen in diesem Hause, aber das –« er atmete heftig und suchte nach Worten.

Heinz war aufgestanden. »Ich habe nicht die Absicht, mir ferner etwas von Ihnen gefallen zu lassen, Herr Pastor, ich dächte, wir machten unserer Unterredung ein Ende.«

Sittlich entrüstet warf ihm der Geistliche einen zornlodernden Blick zu und stand mit einem harten Ruck auf. »Ich empfehle mich!« sagte er dröhnend.

Höflich geleitete ihn Heinz bis zur Tür.

Als sie sich hinter dem Gast geschlossen hatte, stürmte Heino auf den Vater zu und warf sich ihm in die Arme. »Papa! Lieber ... Papa!«

Wahrhaftig, er hatte ›Lieber Papa‹ gesagt.

*

Garda, Pension Violetta.

Verena an Heinz.

»Zwei riesige Hände voll Segen über Dich, mein Heinz! Es ist so schön hier, so still und köstlich, daß ich fast glückselig sein könnte, wüßte ich Dich nicht in so weiter Ferne. Und vor allem, ich bin so gesund-egoistisch, daß ich's mir fast zum Vorwurf mache: eine so reine, heilige Freude hab' ich an unserm Kind.

Es gehört schon mir, wie zuvor Dir, also wie es recht und billig ist, uns beiden. Ich halte nichts mehr zurück an Liebe und Zärtlichkeit, eine selige Verschwenderin bin ich geworden, Erik und ich, wir sind beide Verschwender. Bei unserm Wundermännchen fällt mir immer unser lieber Springbrunnen zwischen den Gladiolenbeeten ein. Immer noch von Becken zu Becken hat er etwas abzugeben übrig. Ganz so ist unser Jüngster. Die Liebe, die ihm wird, teilt er gleich mit vollen Händen weiter aus an Mensch und Tier und Stein und Pflanze, und es bleibt für jedes immer noch übrig. So ist er denn immer froh und reich, ganz Liebe, ganz Seele. Nichts von der heißen Leidenschaft in ihm, die sich ausschließlich an einen Gegenstand klammert. Wie ein freundlicher kleiner Lichtgeist, wie ein Sonnenstrahl gaukelt er hierhin und dahin, liebt jeden, der ihm begegnet, als seinen Nächsten – im Sinne aller Religionen – und niemanden mit aussondernder Heftigkeit. Versteh' mich recht, die ersten Plätze in seinem kleinen Herzen haben wir zwei ganz fest und sicher inne, dann Heino und Janina und Iwan. Es ist rührend, wie er seinen großen Bruder kennt, aus einer intuitiven Kraft heraus, die mir wunderbar erscheint. ›Der arme Heino,‹ sagte er neulich, ›er ist so traurig, weil er dich so schrecklich lieb hat, Mammi, und nun bist du weg. Du bist ganz allein in seinem Herzen, und darin hat er die Tür zugemacht und läßt keinen mehr herein.‹ – ›Und du, Erik, wie ist denn dein Herz?‹ – ›O ich, mein Herz ist ganz offen, aber du und der Papa, ihr seid drin und wollt gar nicht mehr heraus – weil es hübsch drin ist!‹ fügte der kleine Schelm hinzu. – Nun sag', kann sich ein Erwachsener präziser und zugleich kindlicher ausdrücken? – ›Du willst uns doch auch nicht herauslassen?‹ fragte ich. ›O nein!‹ rief er und strahlte mich mit seinen blauen Seeaugen an, ›ich halte euch ganz fest an einem dünnen, langen Fädchen!‹

Ach, Heinz, Heinz, womit hab' ich mir den Segen eines solchen Kindes verdient? Du nanntest mich immer Deine Harmonie – ich bin ja meines eigenen Kindes Schülerin, ich lerne von ihm. Ach nein, ich war nicht harmonisch in den letzten langen Jahren, nun will ich's aber wieder werden.

Dann noch etwas, Heinz, Du mein lieber Träumer, mit der großen Tatkraft, es muß einmal ausdrücklich gesagt werden: Erik bist ja Du. Nein, widersprich nicht, es ist so, nur gesteigert, nur verfeinert. Und Heino bist Du auch nach der anderen, entgegengesetzten Seite. Es ist, als ob Du Dein Wesen in den beiden Kindern auseinandergeteilt und gespalten hättest. Aber auch das ist noch nicht alles. So eine hoffnungslos ›verliebte‹ Frau bin ich, – ich hasse übrigens das Wort – trotz oder vielmehr wegen unserer fast zehnjährigen Ehe, daß ich immer und überall Dich wiederfinde, in Menschen und Büchern, in der Musik und in meinen Träumen, ein Beweis dafür, wie ganz Mensch Du bist. So ist hier in unserer Pension eine ältere Schriftstellerin mit einem grauen, klugen Charakterkopf und einem kindlichen Wesen; sie soll ein paar gute Bücher geschrieben haben und ist ein besonderer, vertiefter Mensch. Ich kann Dir gar nicht sagen, wie sehr sie mich in der Art, sich zu geben, an Dich erinnert. Ich hab' sie schrecklich gern und will mir ihre Bücher durchaus kommen lassen. Weißt Du, wovon wir miteinander reden? Von Dir natürlich und unsern Buben. Auch bist Du ihr als Schriftsteller nicht unbekannt. Unsern Erik hat sie ganz fest in ihr jung-altes Herz geschlossen, und gestern sagte sie mir: ›Liebe junge Frau, Ihr Erik kann Ihnen nie und nimmer genommen werden. Der hat immer gelebt und lebt wieder in allem, was lieblich und schön ist. Das ist solch ein Lichtseelchen, wie es aus den Augen des Rafaelschen göttlichen Kindes herausschaut, nicht des Sixtinischen allein, denn das ahnt schon das kommende Leid.‹ Diese Worte erschütterten mich, ich brach in Tränen aus. Da nahm mich dieses wunderliche alte Menschenkind fest in die Arme und streichelte mich, als sei ich ein Kind, und sprach: ›Kennen Sie nicht die alte indische Weisheit, daß wir Eltern oft Kinder unserer Kinder sein mögen?‹ Ich gestehe, ich habe sie nicht ganz verstanden, ich muß sie ein anderes Mal darauf zu sprechen bringen. – – – – Mein Brief ist einige Tage liegen geblieben, verzeih. Ich war nicht recht wohl, so unruhig war mir zumute, so gequält. Heinz, Liebster, – mir sind hier in der Ferne ganz seltsame Gedanken gekommen, – sie trafen mich buchstäblich wie ein Blitz – Gedanken, die ich anfangs voller Entsetzen zurückzudrängen suchte, bis ich mir endlich den Mut nahm, ihnen ruhig ins Angesicht zu sehen. So sind sie denn noch freilich düster genug, aber ihren unmittelbaren Schrecken haben sie für mich verloren, weil ich mir darüber klar bin, daß wir die Tatsachen ein wenig in der Hand haben. Es kommt ja alles darauf an, wie wir die Dinge betrachten, nicht wahr? Also, um es kurz zu machen, ich fürchte, unser Heino liebt mich mit einer Art frühreifer, erotischer Leidenschaft. Jetzt, wo ich das vor mir selber einzugestehen wage, ist mir zumute, als hätte ich's irgendwo in dunklen Tiefen immer gewußt. Seine Liebkosungen, seine Zärtlichkeiten hatten, solange ich daran zurückdenke, eine leidenschaftliche Färbung. Natürlich ist an der Unschuld des Kindes nicht im mindesten zu zweifeln. Es ist ein Unglück, nie darf's zur Schuld werden, davor müssen wir unseren armen Jungen zu hüten suchen. Denke ich an mich selbst zurück, wie ich schon als achtjähriges Mädel mit allen Fasern an Dir hing und ohne das Ventil der Musik an meinem übervollen Herzen vielleicht zugrunde gegangen wäre, so wird mir die Sache immer verständlicher. Wie aber schaffen wir ihm ein Ventil? Wahrlich, wäre mir die Kunst nicht zu heilig, um als Mittel zum Zweck zu dienen, so könnte ich heiß wünschen, dieses heilige Feuer glühte auch in ihm, und ich wäre fähig, es zu entfachen, denn nur eine Leidenschaft kann die andere auslösen. Spricht nicht auch das wilde Blut seiner Mutter in ihm? Von ihr hat er den Wagemut, die Liebe zu Pferden. Wenn unser Heino auch Kunstreiter werden wollte ... ich würde ihm nichts in den Weg zu legen wagen.

Ich gestehe Dir, die Schwere dieser Erwägungen drückt mich nieder und füllt mich mit einer atembeklemmenden Angst. Es kommen aber auch Stunden, in denen mir alles wunderbar klar wird, so, als hätte ich das alles längst gewußt und erlebt. Dann bin ich fähig, uns selbst und unsere Schicksale zu übersehen, wie sie ein Fremder übersieht, die einzelnen Fäden zu verfolgen, zu entwirren, zu verknüpfen, zu verstehen, warum dies so und nicht anders werden mußte, wie dieses mit jenem zusammenhängt. Gewöhnlich aber fehlt mir die nötige Distanz dazu, ich stehe mir selbst, Dir und unseren Kindern viel zu nahe, um uns objektiv zu überschauen.

Vor allem aber halten wir eines fest: Vertrauen und Wahrheit. Daß ich es daran fehlen ließ, das hat mir diese Jahre so bitter getrübt. Dich zu schonen, hab' ich kein Recht mehr, wo unser aller Glück auf dem Spiele steht. Und du, mein geliebter Heinz, Du hast ja erkannt und verstanden, was ich gewollt und wo ich gefehlt habe, Du hast vergeben. Du tust alles, um Dir Deinen Sohn zu gewinnen, ich weiß es. Du wirst nicht müde in Geduld und Liebe, ich sehe Dich langsam und allmählich Dein Ziel erreichen.

Dann aber, wenn es gelungen – o dann feiern wir Feste! Nicht wahr? Ich bin ja bei Dir, alle, alle Tage, ich lebe Dein Leben wie mein eigenes, mehr als mein eigenes. Meine Liebe folgt dir auf allen Wegen, umschwebt Dich und vereinigt sich mit der All-Liebe, die uns Erdgeborne hält und trägt.

Vielleicht sorgen wir uns um Schatten – wer weiß es? Kinder vergessen ja so schnell. Daß mich Heino vergessen lerne, das ist der bange Schrei meines Herzens.

Küsse mich, mein Heinz, sage Deinem Sohn, was Du für recht hältst. Erik küßt Dich und Heino, und ich, ich liebe Dich –? O nein, das ist ja zu wenig. Ich bin ja Du.

Verena.«

 

»Dein erster Sieg, Liebster, hat mich mit zitternder Freude erfüllt. Gottes Segen über das würdige Haupt dieses unwürdigen Herrn Graupenhahn! Ich habe ihn ordentlich in mein Herz geschlossen – um Deinet-, um Heinos willen. Unsere Erkenntnisse sind sich also wieder einmal auf halbem Wege begegnet. O Heinz, gibt es etwas Scharfsichtigeres und Dämonischeres als Liebe? Unser armes, armes Kind, unser lieber Heino! Wie recht hast Du, ihm die Fesseln zu lockern, ihm alle Freiheit beim Reiten zu geben. Daß er so wunderliche Dinge treibt, wovon mir Janina übrigens ausführlich berichtet, ich meine jene spartanisch-asketischen Züge, das Aufstehen in der Nacht, das Sichbegießen mit eiskaltem Wasser, das Salz in der Milch und so weiter, wundert mich nicht. Dazu glaube ich den Schlüssel zu haben. Es sind alles sogenannte ›gute Werke‹, Taten, mit denen er sich zur Selbstachtung aufpeitscht – mir zuliebe natürlich. Er kann ja nichts direkt für mich tun, daher diese Überwindung von Schwierigkeiten und Widerwärtigkeiten – alles um meinetwillen. Heinz, es ist doch ein prächtig gesunder Kern in dem Jungen, trotz der unglücklichen, ungesunden Leidenschaft. Dürfte ich ihm doch immer eine Segenspenderin bleiben, welch' ungeheure Macht hätte ich über ihn!

Wie es mir geht, fragst Du. Ich bin müde von dem Reichtum meiner Tage. Sie ziehen an mir vorüber wie die lichten, festlichen Wolken über den blauen See, und unser Erik ist der Zauberkünstler, der sie durchleuchtet und beseelt, er, unsere süße kleine Sonne. Liebster, das Kind ist beängstigend reif. Das Genie des Herzens wohnt und webt in ihm. Ich muß oft vor banger Seligkeit weinen, denn er ist nicht von dieser Welt.

Das Wunderbarste ist, daß er nie und nimmer verdorben werden kann. Alle Häßlichkeiten fallen von ihm ab, ohne ihn je zu berühren. Was er an schmerzlichen Dingen sieht und erfährt, sucht er auf seine Weise zu lindern oder doch umzudeuten. Die Italiener hier sind ein gutartiges Volk, anmutig und ehrlich, aber unglaublich roh gegen Tiere. › Non è christiano‹ ist ihre Ausrede. Vor ein paar Tagen sah Erik, wie sie ihre Hühner zu dreien und vieren an den Füßen zusammengebunden in der Sonnenglut zu Markte trugen. Kraftlos hingen die Köpfe der armen Tiere nach unten, ihre Schnäbel öffneten sich vor Durst. Das bemerken, auf das häßliche alte Weib zuspringen, sie flehend umklammern, war für Erik eins. Mit seinem Silberstimmchen rief er: › Non, non così, cara, prego per carità ...!‹ Du siehst, was er schon von der fremden Sprache aufgeschnappt hat – und als die Alte ihn stumpfsinnig lachend und verwundert ansah, – küßte er ihr gar die runzlige Hand. Und das Wunder geschah. › Mamma mia, proprio un angelo del cielo!‹ Sie nahm die Hühner unter den Arm, schlug ein Kreuz über unseren Liebling und humpelte weiter, sich die Tränen von dem verwitterten Gesicht wischend. Die anderen Frauen folgten ihr still, eine oder die andere blieb stehen, lächelte, faßte ihre Hühner anders, so zogen sie vorüber. Die Geschichte ist im Dorfe bekannt geworden. Die gedankenlose Tierquälerei hat ja gewiß nicht aufgehört, wird aber ab und zu unterbrochen, wenn unser Erik da ist, ihm zuliebe. Mir sagte er nachher bekümmert: ›Die armen Menschen, sie wissen nicht mal, daß sie den Tieren weh tun. Sonst würden sie nicht lachen.‹ Jedes andere Kind hätte die ›bösen‹ Menschen gesagt, das aber fiel ihm gar nicht ein.

Und dann seine Träume. Es ist, als ob seine kleine Seele sich mit der Urseele aller Welten unterhielte. ›Es‹ nennt er dieses Phänomen. ›Heute war Es wieder da und sagte: Alles ist schön, alles ist gut, und du sollst Tränen abtrocknen, Erik.‹ – ›Es ist ein ganzer See von Tränen da, noch größer als der Gardasee.‹ – ›Wie willst du denn so viele Tränen abtrocknen, Liebling?‹ fragte ich ihn. ›Ach,‹ sagte er fröhlich, ›alle Tage ein paar, dann sind's schon weniger!‹ Damit hüpfte er lächelnd davon.

Wie viele Tränenbäche werden einst noch um ihn selber fließen müssen! Heinz, mir graut, wenn ich daran denke! Sollte Erik auch einmal alt werden – eine Seele wie die seine geht immer zu früh von hinnen.

Ich habe Dir noch gar nichts von meiner Umgebung gesagt. Die Landschaft ist wunderschön, aber es liegt wie ein wehmütiges Sterben über diesen braunen Bergzügen – eine erstarrte Schwermut über diesen Tälern, in denen Zypressen trauern und Pinien träumen, ein Hauch von geisterhafter Reglosigkeit über diesen olivenbestandenen, silbergrauen Hängen, wo es still und stumm ist und wo keine munteren Vögel singen. Der wolkenlose Himmel spricht zu mir, so sehnsuchtsweit, so feierlich, und ein zweiter blauerer Himmel dehnt sich unten zu meinen Füßen, der See. Ich höre sein feines Rauschen, ich sehe sein ständig wechselndes Farbenspiel und kann mich doch nimmer daran satt sehen. Bald lacht er mich an, selig, satt, verklärt, schimmernd unter leuchtenden Abendwolken. Dann wächst das schmutzige Städtchen Garda weit in seine Spiegelfläche hinein und wird darin märchenhaft und lieblich wie ein schönes, gekröntes Bettlerkind. In seine geheimnisvolle Klarheit legt sich vertrauend auch die mächtige Rokka mit ihrem stumpfen Kegel und taucht, so in ihrem Spiegelbilde verschönt, wie ein köstlicher Teppich in matten Farben wieder aus dem Gewässer. Darüber hin gleiten durchleuchtete Segel, gespensterschwarze Kähne, und immer lichter und goldener färbt sich der Himmel, immer schwerer und düsterer werden die Felsengruppen. Wie feurige Pfeile und Schwerter schweben spitze Wolkenstreifen endlich in einem glutroten afrikanischen Firmament, und die Berge ducken sich und kauern zusammen wie müde Glieder schlafender Riesen.

Bald aber tobt der See und schüttelt zornig seine Schaummähnen und peitscht die flatternden Wogenkämme vorwärts mit wildem Hallo, daß sie zischend an das geängstigte Ufer prallen. Oder er tut nichts von alledem und ist müde und verdrießlich wie einer, der zuviel erlebt hat, und sagt: Jetzt will ich Ruhe haben! Dann umhängt er sich und die Berge mit grauen Silberschleiern, drückt die Augen zu und spinnt und simuliert. Plötzlich aber fällt es ihm ein, seine Possen mit den Fischern zu treiben, hier blitzt er schalkhaft auf und dort wieder, es ist, als höre man ihn heimlich kichern, die Nebel wandern, ärgerlich heult das Nebelhorn durch die feuchten Schleierwände, und ob die kleinen Dampfer auch die Seefläche durchschneiden, die Passagiere bekommen doch nichts zu sehen von all der Pracht, denn seine Majestät, der See, haben eben seine Launen wie andere Majestäten auch.

So könnte ich Dir stundenlang von meinem lieben Freunde, dem See, erzählen und von Sankt Vigilio, dem zypressenumstandenen köstlichen Kleinod einer längst verklungenen Kultur, vom Monte Baldo, dem Schweigsamen, der von der niedrigen Welt hier unten nichts wissen will und sich in Schnee und Wolken hüllt, von dem traumhaft winkenden Gestade gegenüber, den Orten Salò, Gardone, Fasano, Maderno und ihren zerklüfteten Bergketten, aber ich kehre zu uns kleinen Leuten zurück und stelle Dir meine Pensionsdame Madame Müsette vor, oder soll ich Dir zuerst von unserm Hause erzählen? Unsere Villa Violetta also – bitte um allerhand Hochachtung – ist ein ganz apartes, vornehmes Haus, nicht zu verwechseln mit den üblichen Dutzendpensionen, in altitalienischem Stil gebaut, mit einem hohen viereckigen Aussichtsturm und offenem Altan, mit einer Menge Balkone, von welchen aus es sich so anmutig nach den vorüberleuchtenden weißen Dampfern winken läßt, wenn nur zum Begrüßtwerden jemand da wäre – und beansprucht ein durchaus respektvolles Benehmen. Villa Violetta liegt abseits von Garda, das versteht sich von selbst. Herrliche Treppenaufgänge, peinlich saubere Räume, Dampfheizung, – gut situiertes, gut zahlendes, anspruchsvolles Publikum. Zurzeit bevölkert sie eine Kolonie Ägypter aus Kairo, nicht etwa Eingeborene, sondern Franzosen, die sich hier im ›Norden‹ von ihrer afrikanischen Tropenglut zu erholen beabsichtigen. Wohlerzogene, nur zu wohlerzogene Leute mit vielen, vielen Töchtern. Aber von denen redet man nicht – was wäre denn auch von ihnen zu sagen, als daß sie wohlerzogen sind?

Nun aber kommt endlich Madame Müsette an die Reihe, die pulsierende Blutader unseres Hauses, denn um sie Dir als Seele desselben vorzustellen, dazu habe ich einen zu hohen Begriff von Seelen. Meiner Meinung nach ist's klein Erik, der das Haus beseelt, wenn auch nur vorübergehend. Also Madame Müsette. Eine wirklich elegante Figur, nicht etwa im Sinne von zurechtgemacht, sondern wirklich rassig, es existiert auch irgendwo ein Wappen in der Familie, also wir haben Traditionen.

Nun, wir sind gut bei ihr aufgehoben. Unsern Erik hat sie sehr gern, vielleicht ebenso gern wie ihr Leibgericht, englisches Roastbeef mit Spargeln in Butter und Parmesan. Das will schon viel sagen.

Unter den Gästen nenne ich Dir nur einen italienischen Sänger, Maestro Carusini. Er ist ganz Nase, Spitzbauch und Kunstenthusiasmus, natürlich auch Tenor, und was für mich das Wertvollste, der Lehrer unseres unvergeßlichen ›E ... Ephr ... Ephraim Rosenblüt‹. Von dem hält er übrigens große Stücke, und dieser wird sich nächstens die freudige Ehre geben, mich hier zu besuchen. Ich bin recht neugierig auf ihn.

So, mein Liebster, ich bin heute übermütig geworden, das macht alles der Herr Pfarrer Graupenhahn. Nun aber Schluß. Ich küsse Dich, wie Du geküßt sein willst, ich liebe Euch alle, und jeden anders, ich bin und werde stündlich und täglich immer mehr Eriks Mutter und sein Werk. Jetzt beginne ich auch, die Schriftstellerin mit ihrem rätselhaften Ausspruch zu verstehen. Ja, wir werden Kinder unserer Kinder.

Immer Dein.
Verena.«

*

Die Tage, Wochen und Monate begannen sich mit einer eigentümlichen stumpfen Hast zu beeilen, zu verfolgen, zu überstürzen. Es war ganz gleichgültig, was man tat, was man zu unternehmen oder zu lassen vorgab, die Seele des Hauses fehlte ja doch bei allen Dingen, und so schien alle Arbeit nur freudloses Stückwerk zu bleiben, wie sehr man sich auch mühte. Heino hatte sich endlich halbwegs an seinen Vater geschlossen, mehr gewohnheitsmäßig als freiwillig, denn er empfand instinktiv, daß der Papa um ihn warb, daß er sich die treueste Mühe gab, ihm gerecht zu werden, ihn zu fördern, mit einem Wort, daß er ihn lieb hatte. Er wußte sich gut bei ihm aufgehoben und verstand, sich die größere Freiheit zunutze zu machen. Aber ihm fehlte das vibrierende Etwas, die beseligende Begeisterung, die Verenas Nähe immer in ihm entfacht hatte, nur zu sehr. Er stürzte sich in allerlei wilde Spiele und abenteuernde Unternehmungen, trieb sich heimlich bei den Dorfbewohnern herum, riskierte lange, einsame Ausflugsritte und erwarb sich durch tollkühne Experimente mit den verschiedenen Reit- und Stallpferden eine für sein Alter imponierende Herrschaft über diese Tiere. Jedoch der Reiz des Verbotenen fehlte, und es wurde nach und nach langweilig, ohne Anerkennung und Beifall die schwierigen Kunststücke auszuführen. Auch war der Papa nur zu beschäftigt; Iwan saß neuerdings brütend über dickleibigen Büchern, und Janina hatte immerzu im Hause oder bei ihren Kranken im Dorf zu tun. Die Mama aber schien Heino ganz und gar vergessen zu haben. Nie antwortete sie ihm eingehend auf seine langen Briefe, die glutvollen und ungeschickten Ergüsse seiner leidenschaftlichen Seele; sie schickte ihm nur ab und zu ein winziges Zettelchen oder durch den Papa einen schönen Gruß.

War man dazu eigentlich auf der Welt? Da hatten's doch die Dorfbuben tausendmal besser, die wußten wenigstens nichts von einer süßen Mama, die fortgereist war und sich nun gar nicht mehr um ihren Sohn kümmerte, als gehöre er gar nicht zu ihr. Heinos sehnsüchtig schweifende Gedanken fanden nirgends einen Halt. Janina und Iwan schienen sich gegen ihn verschworen zu haben, in seiner Gegenwart niemals von der Mama zu sprechen, allenfalls redeten sie von Erik. Das brachte ihn in Wut. Der freilich, der hatte es gut, der durfte Tag um Tag bei ihr sein, wurde geliebkost und gehätschelt, o ja, Heino konnte es sich genau vorstellen. Nachdem er so einen Tag um den anderen seinen Neid und seinen Groll gegen Erik mit seiner nimmer rastenden Sehnsucht genährt hatte und der Papa ihm einmal von Eriks ritterlichem Eintreten für die gequälten Tiere erzählt hatte, verfiel er in ein langandauerndes krankes Brüten. Sein Neid und seine Liebe rangen wütend um die Oberhand miteinander, und endlich kam er eines Abends heiß errötend und verstört mit einem mühsam vollgeschriebenen Briefbogen, dem Resultat einsamer Stürme, ins Arbeitszimmer zu dem Papa.

Er hatte Erik zu seinem Fürsprecher ernannt.

Der Brief lautete:

»Lieber Erik!

Du sollst gleich die Mama fragen, ob sie mich gar nicht mehr lieb hat. Ich hab' ihr viele Mal geschrieben, sie hat mich aber vergessen. Sie darf mich aber gar nicht vergessen, das sollst Du ihr sagen. Ich will auch Deinen Quirinal alle Tage füttern, wenn Du es ordentlich sagst. Wenn sie mich aber vergißt, soll der Quirinal nichts bekommen, und ich bin so bös, daß ich ihm noch mal was Schlechtes tun muß. Wenn Mama mich also gar nicht lieb hat, will ich lieber ganz tot sein, wie die kleine bucklige Aniuta und die alte Dascha mit dem Wackelkopf. Die haben sie gestern begraben. Ich hab' der Mama doch gar nichts Schlechtes getan, ich hab' mit einem dicken, häßlichen Mann, der ein Pastor war, wegen Mama gezankt, und Papa hat gesagt, ich hab' recht. Ich kann auch jetzt auf dem Potemkin reiten, ohne Sattel, ich kann auch auf ihm stehen, wenn er Schritt geht. Ich kann auf allen Pferden reiten, Papa hat es erlaubt, und wenn Du Mama alles sagst, werd' ich Dir mein Pony schenken und Dir schön zeigen, zu reiten. Auf dem Reck kann ich mich schon zehnmal hochziehen und auch die kleine Welle, und ich lern' auch schon Latein und Alexander den Großen. Der war aber forsch, und der gefällt mir am besten. Und ich will auch Alexander der Große sein, und dann soll Mama sich sehr wundern. Hast Du ihr auch das weiße Kleid gekauft von der Sparbüchse? Zieht sie es oft an? Hat sie es sehr gern? Du sollst ihr sagen, sie muß dann an Heino denken, Heino denkt immer an sie. Und dann sollst Du ihr einen Kuß geben auf den Fuß, und einen auf die Hand, und zwei auf die Augen, und drei, nein viele auf den Mund, und Du sollst immer sagen: Von Heino, von Heino, von Heino. Und keiner hat die Mama so zum Tode lieb wie Heino. Gar keiner. Und ich bin auch nicht mehr bös mit Dir, aber ich war sehr bös, weil Du dort bei ihr bist. Wenn Ihr auf dem blauen See im Boot fahrt, dann paß nur ja auf, daß die Mama nicht ins Wasser fällt und auch nicht nasse Füße kriegt, denn dann wird sie krank und muß sterben. Und dann will ich niemals brav sein. Jetzt aber bin ich furchtbar brav, und ich kann noch viele Sachen machen, die sie nicht weiß. Jetzt will ich Dir noch etwas sagen: Wenn die Hühner mit dem Kopf nach unten getragen werden, so schmerzt das ihnen gar nicht so sehr, wenn aber Mama ihren Sohn Heino vergißt, dann ist er bald tot und ganz kaputt, und ich will gewiß lieber mit dem Kopf nach unten hängen. Das ist gegen das nur ein Spaß. Es ist dumm, soviel an die Hühner zu denken. Denk lieber mehr an

Heino.«

Heinz hatte seinen Sohn aus dem Zimmer geschickt und vertiefte sich in diesen schmerzlichen, ungelenken Kinderbrief, der von einer so dunklen Leidenschaft überströmte, als sei er mit rotem Herzblut geschrieben, und dennoch in seiner unbewußten Unschuld etwas Rührendes hatte. Sinnend saß er lange davor, den Kopf in die Hand gestützt. War es recht von Verena gewesen, Heinos Briefe an sie mit Schweigen zu übergehen? War dadurch seine Sehnsucht nicht erst recht genährt worden, eine Sehnsucht, die um so bitterer war, als sich dazu der Zweifel an Verenas Liebe gesellt hatte? Wie schwer war es, in einem so außerordentlichen Falle das Rechte zu treffen! Wie hilflos, wie vereinsamt fühlte er sich, da er die wirren und bunten Fäden in seines Kindes Seelenleben übersah, und sich doch nicht jene stille und innige Erziehungsarbeit, die allein Früchte trägt, zuzutrauen vermochte! In welcher Art würde wohl Verena auf Heinos wunderlichen Brief einzugehen für recht halten?

Bekümmert fügte Heinz einige Zeilen an sie hinzu, steckte Heinos Schriftstück in einen Umschlag und adressierte ihn sorgfältig.

Dann rief er seinen Sohn zurück.

Heinos Blick fiel sofort auf das Kuvert. Erleichtert atmete der Knabe auf. Der Vater zog ihn liebevoll an sich. »Die Mama hat dich nicht vergessen, Heino, ich weiß es«, sagte er mit einer Stimme, der er mühsam einen festen Klang zu geben versuchte.

Ein sprühender, rätselhafter Blick blitzte ihm aus Heinos dunklen Augen entgegen.

»Warum aber – schreibt sie dir immer so viel und mir gar nichts?«

»Aber Heino, sieh, ich stehe der Mama doch noch näher als du. Sie ist doch meine Frau.«

»Aber sie ist meine Mama!« kam es blitzschnell und bitter zurück. »Sie darf mich nie vergessen.«

»Das ist richtig, Heino, das tut sie auch nicht. Sie denkt viel und oft an ihren großen Sohn, sie sorgt sich um dich.«

»Warum sorgt sie sich?« fragte Heino mit verstörtem Gesicht. »Sie soll sich nicht sorgen, nur liebhaben soll sie mich!«

»Mein lieber Junge, kannst du daran zweifeln? Sie hat dich lieb, sehr lieb.«

»Aber nicht wie ich sie!« murmelte Heino und senkte schmerzlich den Kopf.

»Heino, hör' mich mal an: Du weißt, daß ein Kind seine Eltern anders lieb hat, als die Eltern das Kind. Vater und Mutter sorgen für ihre Kinder, erziehen sie, behüten sie, sind traurig, wenn sie ihnen Kummer machen, und freuen sich über alles, was sie vorwärts bringt und besser macht, denn sie sind für ihre Kinder verantwortlich, nicht umgekehrt. Ein Kind aber liebt seine Eltern mit Vertrauen und Dankbarkeit, nicht mit Leidenschaft.«

Heino schaute dem Vater mit unschuldigem Kinderblick ernsthaft in die Augen: »Was ist Leidenschaft, Papa?«

Eindringlich und ruhig sprach Heinz: »Das ist die Art Liebe, die sich und andere quält, die beständige Zärtlichkeitsbeweise braucht, um sicher zu sein, die nur in der Nähe derer, die sie liebt, glücklich ist und den anderen für sich allein haben will, das ist eine unruhige, unglückliche, eifersüchtige Liebe, mein Sohn.«

Heino sah bedrückt und kummervoll vor sich nieder.

»Hast du denn die Mama – nicht »so« lieb?« fragte er stockend.

Diese Frage hatte Heinz erwartet. »Meine Liebe zu der Mama ist so groß und ruhig und so voll Vertrauen, daß ich nimmer an ihrer Liebe zweifeln kann«, antwortete er still. »Wenn du einmal groß bist, wirst du deine Frau so lieben.«

»Ich werde niemals eine Frau haben!« sprach Heino finster, und ein frühreifer Ausdruck dunkler Entschlossenheit trat auf sein rundes Gesicht. »Ich kann nur Mama liebhaben, und ... und ... es ist schrecklich, daß ... daß sie –«

»Daß sie mir gehört, meinst du?« half ihm der Vater ein.

Der Knabe sah ihn mit gramvollen Augen an und nickte.

Nun war es heraus, das schwere Zugeständnis; die trennende Schranke des Schweigens zwischen Vater und Sohn war gefallen. Jetzt durfte die seltene Blume des Vertrauens wachsen, gedeihen und sich entfalten, und zugleich, Heinz fühlte es mit schmerzlicher Klarheit, wurden neue trennende Schranken aufgerichtet. Heiß stieg es in ihm empor: dies war keine Tändelei, wie sie sonst wohl zwischen Vätern und Söhnen vorkommen mochte, hellseherisch erkannte er: die nicht beanspruchen, die sich begnügen, die wenig empfinden, das sind im letzten Grunde die Armen und Oberflächlichen. Heino aber war in aller seiner Verwirrung, in der Qual seiner unkindlichen Liebe, die aus einsamen, dunklen Tiefen in ihm emporwuchs, trotz alledem reich.

»Du wünschest mich also hinaus aus der Welt, mein Kind«, sagte er mit einem gütigen, zarten Lächeln.

Da warf sich Heino aufschluchzend in seine Arme. »Nein, nein – ach nein, Papa!« – –

Wie Feuer, das zugleich verzehrt und leuchtet, wirkte diese Aussprache in Heino fort. Wohl hatte sein übermanntes Gefühl für die Güte seines Vaters ihn diesem in die Arme geworfen, wohl empfand er sich ihm näher gerückt denn je, dennoch aber war erst jetzt ein eigentlicher, bewußter Zwiespalt in ihm erwacht, hatte sich in jäher Schmerzlichkeit entfaltet und nagte an ihm fort durch die halblauten, alltäglichen Ereignisse, die die Gegenwart mit sich brachte. Sie gehört ja doch dem Papa, und der Papa ist gut, und ich soll ihn niemals fortwünschen!

Diese einfache Gedankenfolge begann an der schweigsamen, unverwandten Kraft seiner Leidenschaft zu zehren, ohne sie zu erschöpfen. Instinktiv fühlte er das Bedürfnis, sich irgendwo neue Kräfte zu schöpfen, mit irgendwem über seine Mama zu reden und sich ihr fernes Bild klar und leuchtend wieder vor das Bewußtsein zu bringen. Janina und Iwan, die seine Sehnsucht durch Schweigen zu schonen meinten, waren dazu nicht zu gebrauchen, und so sah sich Heino an einem schönen Herbstsonntage, er wußte kaum selbst wie, vor der Tür Moses Silbersteins.

Er hatte den alten Mann seit Monaten nicht wieder gesehen. Das letzte Mal war's im Dorf gewesen, als Heino, hoch zu Pferde, an ihm vorübergesprengt war und den lächelnden Gruß des alten Juden ein wenig hochmütig erwidert hatte. Darum schämte er sich jetzt und wußte nicht, wie er ihm entgegentreten sollte. Er besann sich nicht lange, klopfte an die Tür und wartete.

Die schlurrenden Schritte Moses Silbersteins ließen sich vernehmen, die Tür ward aufgetan. Gebückt und lächelnd stand der Alte da.

»Das junge Herrche vom Oberhof! Ei, welche Freude! Kommen Sie doch herein, junges Herrche!«

Verlegen gab Heino dem Uhrmacher die Hand und sah ihn treuherzig an. »Bitte, sag' doch du zu mir und Heino!«

Lächelnd wehrte der Alte ab. »Wo werd' ich denn können sagen du? Is doch nicht passend für einen alten Juden!«

Aber Heino hielt ihn fest. »Wenn du nicht gleich du sagst, geh' ich wieder fort, und ich möcht' gern hierbleiben!«

Gütig legte der Uhrmacher die feine Hand auf Heinos Kopf. »Werden wir uns doch nicht gleich streiten vor der Tür, also Sohnchen, wie du willst. Aber mußt du gleich hereinkommen und trinken ein Glas Milch auf die neue Bruderschaft.«

Sie gingen durch den finstern Flur in die Werkstätte hinein, wo die vielen Uhren tickten, rasselten und schnurrten. Heino sah sich neugierig um. Auf dem Fenstersims bemerkte er in einem Glase eine rote Rose, die sich in dieser mechanischbewegten Umgebung in ihrer stillen Schönheit ganz wunderlich ausnahm.

»Nu' mußt du vor allem nehmen Platz, will ich dir gleich holen die schönste Milch.«

Geschäftig ging der Uhrmacher hinaus und kehrte mit einem tönernen Kruge Milch und einem Glas wieder. »Genau so vor fast sieben Jahren hat gesessen die liebe Frau Mutter auf diesem gleichen Stuhl und hat mer gebracht das schöne Bronzeuhrchen zum Reparieren. Hab' ich doch gehabt damals eine große Freud', wahrhaftig, eine große Freud'!« Er wiegte seinen grauen Kopf hin und her und schenkte Heino das Glas voll.

»Nu' trink, mein Sohnchen, zur Gesundheit, sollste lange leben und glücklich!«

Heino seufzte tief auf. »Trink du zuerst –« sagte er voll überströmender Herzlichkeit, »und dann gibst du mir die Hand, und ich sag' Moses und du sagst Heino.«

Der Alte tat ihm den Gefallen, sie reichten einander feierlich die Hände, sahen einander an und lachten beide.

»Du hast meine Mama sehr lieb, Moses?«

Strahlend hob der Alte die Hände. »Wie soll einer nicht haben lieb die gütige Sonne? Hab' ich doch in meinem ganzen Leben nicht gekannt noch gesehen eine hohe und reine Frau wie deine Mutter!«

Heino horchte auf. Ja, das war der Rechte, so mußte man von seiner Mama sprechen! Überwältigt rief er: »Sie ist das Schönste und Beste in der ganzen Welt, und jetzt ist sie schon so lange fort und bleibt noch lange, lange, niemand weiß wie lange, und ich bin so allein.«

Die Tränen traten ihm in die Augen.

Mitleidig sah ihn Moses Silberstein an. »Wird sie aber haben eine Herzensfreude, wenn sie wird wiederkommen zu dem lieben Sohnchen!«

Heino schüttelte gedrückt den Kopf. »Ich weiß nicht,« murmelte er, »sie hat mich ganz vergessen, weißt du, Moses. Niemals hat sie mir einen langen Brief geschrieben, und der Papa kriegt immerzu ganz, ganz lange Briefe.«

»Aber Heinchen, hat der gnädige Papa doch auch das erste Anrecht – dann können erst kommen die Kinderchen.«

Wieder schüttelte der Knabe den Kopf. Düster sagte er: »Ich lieb' sie noch mehr wie der Papa, ja, viel mehr, wenn's auch keiner weiß. Der Papa, ach ja, ist ja immer gut zu mir, auch die anderen, aber keiner ist so gut und so schön wie die Mama. Keiner.« Sein Blick flog leuchtend durch die kleine Stube und blieb auf der einsamen Rose auf dem Fensterbrett hängen. Er sprang auf, deutete auf die Rose und flüsterte glühend: »So – so ist sie!«

Ein verwundertes Lächeln huschte über das kluge, aufmerksame Gesicht des alten Juden. Väterlich – liebevoll faßte er Heino an die Schultern und sah ihm forschend in die Augen. »Was ist das für ein schwer reicher junger Mann!« sagte er scherzend, »hab' ich noch nie geschaut so einen schweren Reichtum beisammen, hat er eine Mutter wie die liebe Sonne, ein Vaterherz, treu wie Gold, und ein klein Bruderleben, so hell und lieblich wie ein Frühlingsmorgen – und hat noch immer nicht genug!«

Heino sah ihn mit einem sonderbar wissenden, schwermütigen Blick an und seufzte: »Wenn ich allein wäre –« sagte er stockend, »würde Mama mich viel lieber haben. Es sind – es sind – so viele da!«

Der alte Mann schrak jäh zusammen. Aus seiner gebückten Haltung richtete er sich auf, herbe und hager. »Heinchen, mein Sohn, laß nicht werden groß in dir den Neid!« sagte er eindringlich und hob die Handfläche empor wie eine Warnungstafel. »Schau her, der Neid is gewesen ein grausamer Totschläger alles Lebens und aller Liebe von jeher, der Neid hat getrennt und zerrissen, wo hat gebaut und vereint die Liebe, der Neid is der furchtbarste Gast im Herzen, wühlt er sich ein wie ein Wurm und frißt, und frißt ... und frißt –« seine Stimme sank zu einem tonlosen Flüstern hinab. Da sah er, wie Heino entsetzt und blaß auf ihn hinstarrte. »Heinchen, mein Goldheinchen, hab' ich dich doch so lieb in meinem alten Herzen!« Er faßte erschüttert nach dem Knaben, streichelte ihn mit beiden Händen am Körper entlang, setzte sich erschöpft auf den Stuhl und barg seinen grauen Kopf an Heinos Brust.

Gerührt und erschrocken brach Heino in Tränen aus.

Moses Silberstein ließ ihn ruhig weinen und fuhr fort, ihn mit einer scheuen, verhaltenen Zärtlichkeit zu streicheln. Endlich hob er den Kopf und sagte pfiffig mit einem sonnigen Lächeln: »Nu, was meinste wohl, was ich kann dir Neues erzählen?«

»Was denn?« knurrte Heino zwischen zwei schluchzenden Seufzern.

»Ein neuer Doktor is gekommen ins Dorf mit zwei Buben und einem gar hübschen Fräuleinchen. Is gezogen der alte Doktor zur Stadt. Nu wird anfangen ein schönes, munteres Leben fürs Heinchen, wird er gar nicht mehr wollen denken an den alten Meischke.«

»Doch!« schrie Heino heftig. »Warum sagst du aber Meischke? Du heißt doch Moses.«

»Moses heißt Meischke«, erklärte der Alte zwinkernd und zog eine wehmütige Grimasse. »Hast du nicht gehört den schönen Gesang vom Meischke?«

Mit dünner, krähender Stimme hob er an:

»Meischke zog durchs Rote Meer
Mit die Israelites,
Pharao zog hinterher
Mit die ganze Suites.
Meischke hat sich 'nommon Zeit,
Is nich mal geloffen,
Pharaos große Herrlichkeit
Aber is ersoffen.«

Heino fühlte es unklar: Um ihn zu erheitern, vergaß sein neuer Freund alle Würde und machte sich in einer läppischen Weise lächerlich. »Du sollst nicht so singen!« sagte er rauh, »ich will's nicht hören, du bist nicht Meischke, sondern Moses.«

Der Alte hatte ihn verstanden und wiegte lächelnd den Kopf. »Ei, ei,« meinte er mit einem liebevollen Blick, »seh' ich's kommen, wird der Heinchen werden ein ganzer und gerechter Mann, werd' ich's aber nicht mehr erleben!«

»Warum nicht?«

»Bin ich doch schon ein alter Mann. Hab' ich verloren alles, was ich hab' geliebt, meine Frau und zwei feine Söhne. Sind mir nur nachgeblieben meine paar Verwandten und meine Uhren.«

»Nein, noch was!« rief Heino herrisch. »Sag's gleich!«

»Und mein Freund, der Heinchen!« sagte Moses Silberstein.

*

Durch die offenen Fenster wehte der frühe Morgenwind in das hochgelegene Stübchen der Studentin. Janina stand in einer niedrigen, runden Blechwanne und drückte ächzend vor Behagen den vollgesogenen Schwamm über Schultern und Rücken, Brust und Leib aus. Sich schüttelnd wie ein Pudel, ließ sie das kalte Wasser an ihren schlanken Beinen niederrinnen und ergriff die volle Wasserkanne, die sie mit einer kraftvollen Bewegung hochschwang und über ihrem Haupte langsam ausleerte. Dann schlang sie ein rauhes Handtuch nachlässig um ihre Schultern und begann mit großen Schritten in ihrer Kammer auf und nieder zu laufen wie ein gefangenes Raubtier.

»Hm, also heute gibt's den Verband für die alte Maruschka,« murmelte sie vor sich hin, »dann die drei Jöhren mit den zerschundenen Füßen – daß ich den Jodoform nicht vergesse! Heinos Hosen zu flicken, Hauswäsche durchsehen, der Verwalterstochter die Leviten lesen. Richtig, da ist ja noch der alte Soldat mit der Hüftwunde!«

Sie packte das hängende Trapez und schwang sich mit einem knabenhaften Satz hinauf. Hier blieb sie eine Weile ruhig sitzen. »Daß diese Mädchen die Dummheiten nicht lassen können!« simulierte sie vor sich hin. »Weshalb heiraten die meisten? Aus Liebe? I bewahre – einfach aus Neugierde. Na, die schöne Sascha soll's gründlich zu hören kriegen!«

Mit neuerwachter Energie warf sie sich kopfüber hinten herum und blieb an den Knien hängen, dann wirbelte sie einigemale rund um die Stange und saß, hochrot vor Aufregung, wieder still. »Ob ich nicht auch mit dem neuen Doktor aneinandergerate? Sanft genug sieht er freilich aus, aber wer weiß? Der Alte machte es sich leider allzu bequem. Nun, wir werden ja sehen. Heino muß mir ja noch von gestern erzählen!«

Mit einem Satz war sie wieder unten und warf sich an die Turnringe. Langsam und kunstgerecht begann sie sich aufzuziehen – fünf-, acht-, zehn-, zwölfmal.

»Mußt dich zusammennehmen, Janinuschka«, brummte sie lächelnd. »Der Heino holt dich bald in diesen Künsten ein. Was er nur hatte, gestern abend?«

Die Treppe hinauf polterten eilige Schritte, ein Pochen an ihrer Tür. »Just wie gerufen!« murmelte Janina lachend.

»Guten Morgen, Janina, ich bin's!« rief Heinos Stimme.

»Warte nur, Jungchen, gleich.«

»Turnst du noch?«

»Ja, ich turne, bin gleich fertig. Nur noch fünf Minuten.«

Mit langen, ruhigen Schritten ging sie ein paarmal auf und nieder, mit den Armen taktmäßig ein paar präzise Freiübungen ausführend, dann nahm sie frische Wäsche vom Stuhl und schlüpfte eilig hinein. Ein kurzes Leibchen, ein grober Rock, darüber eine leinene Hemdbluse, wie sie die russischen Studenten tragen, ein Ledergurt, die offenen Sandalen, die Toilette war fertig. Sie nahm ihre Haarbürste zur Hand, fuhr sich energisch durch den kurzgehaltenen blonden Schopf, bearbeitete ihn nach allen Seiten und schloß die Tür auf.

Heino stand da, hochrot, erregt.

»Du, es war fein beim Doktor!« sagte er strahlend.

»Na, komm nur herein, Goldjunge, und erzähl'.«

Er war im Nu bei ihr. »Also die Jungen heißen Hans und Fritz, Fritz wird aber Bibbula oder Bibse genannt, und der Hans Schanno. Und dann das Mädchen, die ist schon viel älter, schon vierzehn Jahre, die heißt Eliane, nach einer französischen Pate. Blond ist sie, so lange, seidene Haare, weißt du, und große, blaue Augen hat sie, und sie lernt Anatomie und will auch Doktor werden.«

»Und die Frau Doktor?«

Heino machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ach die! So – so langweilig, weißt du, so stramm, immer muß sie kommandieren. Aber der Doktor gefällt mir, der hat so freundliche, blaue Augen, und immer sagte er: ›Danke, danke se–hr!‹«

»Wem hat er denn gedankt?«

»Mir, denk' nur, als ich ihm den Gruß von Papa sagte. So: ›Danke, danke se – ehr!‹ So fürchterlich höflich, und wenn er ein Glas Tee kriegt von ihr, auch: ›Danke, danke se – ehr, liebe Emmeline!‹ Was ist denn da so zu danken? Aber er kann alle möglichen Sachen, die man nicht denkt, er kann Boomerang werfen, fein, sag' ich dir, immer kommt der Boomerang zu ihm zurück, wie ein Apportl, und die Eliane liebt ihn sehr, auch die Jungen, viel mehr als ihre Mama. Und dann hat er auch nach Mama gefragt und gesagt, er hat sie in Petersburg spielen gehört, auch nach Erik, und ob Erik Mama gleicht. Da hab' ich gesagt: ›Nein, gar nicht, Erik ist blond und die Mama ist dunkel und so schön.‹ Und da hat er gelacht und mir den Kopf gestreichelt. Die Eliane aber hat mich so gut angesehen und gefragt, was ich einmal werden will. Da hab' ich gesagt: ›Jockey!‹ und dann haben sie alle gelacht. Ich wurde beinahe böse und sagte: ›Ich kann aber sehr gut reiten, auch stehend, und Papa erlaubt mir alle Stallpferde.‹

Da wurden sie ganz still und wunderten sich, und der Doktor sagte: ›Alles, was man gut macht, ist wertvoll, nur keine Pfuscherei!‹ Der Bibse aber will Förster sein und der Schanno Pastor. Der Doktor sagte noch: ›Keiner von den Jungen schlägt mir nach, nur mein Töchterchen.‹ Da hat Eliane ihm einen Kuß gegeben und ihn so lieb angesehen, und er hat gefragt, ob sie den Schädel schon kann, und vom Großhirn und Kleinhirn hat er gesprochen, furchtbar kurios war das, und sie hat ihm immer fein geantwortet, alles hat sie gewußt.«

Atemlos hielt er inne. Janinas Gesicht hatte sich immer mehr aufgehellt. »Hat er auch was von mir gesagt?«

»Hm! Und ob!« meinte Heino schlürfend. »Großartig! Er freut sich drauf, dich zu kennen und von dir zu hören, wie die Leute hier sind, und das Hospital muß ganz ausgesäubert werden, sagte er, und neue Betten bekommen, und nächstens kommt er her, extra zu dir.«

Janina sah ganz glücklich aus. »Gott sei Dank!« sagte sie. »Das wird eine neue, bessere Zeit!«

»Ja, und dann hat er gefragt, ob ich und Erik schon die Masern gehabt haben und den Scharlach, und ob ich schon Latein kann, und wer mir in der Geschichte am besten gefällt. Ich hab' gleich gesagt: ›Alexander der Große!‹ Und Eliane hat Friedrich der Große gesagt, und die beiden Jungen haben gar nichts gewußt – und zuletzt hat der Bibse gesagt: ›Unkas‹ – der war ein Indianerhäuptling, weißt du, und der Schanno hat sehr lange nachgedacht, ist ganz rot geworden und sagte ›Abel.‹ – ›Warum denn? Weil ihn der Kain totgeschlagen hat?‹ hat der Doktor gefragt. ›Ja ... nein ... ich weiß nicht ... ‹ Der Schanno war ganz blöde. ›Das ist doch kein Grund!‹ hab' ich gesagt, ›dann schon viel lieber Jesus.‹ ›Gewiß!‹ hat der Doktor gesagt, ›Heino hat ganz recht. Jesus war der Allergrößte.‹

Da hat sich die Frau Doktor hereingemischt, und den Finger aufgehoben hat sie, ganz wie der dicke Pastor, und mit so einem heiligen Gesicht gesagt: ›Aber Paul! Das war doch kein Mensch! Ich muß mich wirklich wundern!‹ Warum hat sie sich eigentlich gewundert, Janina?«

Janina schwieg und lächelte vor sich hin: »Erzähl' weiter, Heino, was hat Eliane gesagt?«

»Gar nichts, die hat nur den Papa angeschaut und den Kopf auf seine Schulter gelegt und ihn geküßt. Das sah sehr hübsch aus, und ich hätt' ihr auch so gern einen Kuß gegeben.«

»Warum tatest du es denn nicht, Heino?«

Der Junge fuhr zurück und wurde ganz rot. »Ich hab' ihr aber später beim Abschied die Hand geküßt«, sagte er leise. »Sie ist sehr lieb und so hübsch, und ihre langen hellen Haare sind wie ein goldener Mantel!«

*

Sorgenvoll ging Heinz in seinem Arbeitszimmer auf und nieder, die Arme auf dem Rücken verschränkt, den Blick zu Boden gerichtet. Soeben hatte ihn der neue deutsche Arzt, Doktor Friedberg, verlassen. Welch rührend-schüchterne Bescheidenheit in diesem kleinen, zierlichen Manne, trotz seiner umfassenden Kenntnisse! Welche stille, hartnäckige Zähigkeit des Willens! Endlich wieder ein Mann von echter deutscher Art, ein Bundesgenosse mitten unter diesem verrotteten slawischen Beamtentum, dem man immer wieder auf die Finger sehen mußte, stets neuer Unordnungen und Durchstechereien gewärtig!

Den beiden Männern war das Herz aufgegangen, während sie miteinander von ihren langjährigen Erfahrungen sprachen. Stillschweigend, nur mit einem warmen Händedruck, hatten sie sich gelobt, fest zueinander zu stehen im Kampf gegen Leichtsinn und Gemeinheit.

Schon vor Monaten war es Heinz aufgefallen, daß er im weiteren Umkreis seines Revisionsgebietes von den Bauern nicht mehr mit dem üblichen freundlichen Entgegenkommen begrüßt worden war. Das mußte seine Gründe haben. Unermüdlich hatte er geschafft und geforscht, überall war er bei den Beamten auf die gleiche Unterwürfigkeit, bei den Bauern auf ein stumpfes, gedrücktes Schweigen gestoßen. Was steckte dahinter? Wo war die Ursache dieser heimlichen Unzufriedenheit zu suchen? War das arme, geduldige Volk wieder einmal mißbraucht und gegen ihn verhetzt worden?

Mit seinem stillen, ironischen Lächeln hatte der Doktor Heinz einen Fall berichtet, der sich zur Zeit seines Großvaters in einem der östlichen Gouvernements zugetragen hatte. Ein Landrichter, dessen hübsche Frau nur zu vergnügungssüchtig war und wieder einmal neuer Toiletten für die nächsten Kasinobälle bedurfte, hatte einen riesigen erratischen Block in der Nähe seines Hauses auf dem Gemeindegebiet liegen. Mitten in der Erntezeit, während die Bauern alle Hände voll zu tun hatten, um das Getreide zu bergen, ließ der Richter das Volk zusammenberufen, zeigte ihm ein Dokument mit dem kaiserlichen Siegel und befahl, den Block unverzüglich nach Petersburg zu schaffen; denn so sei es der Wille Väterchens, des Zaren. Bestürzt, vernichtet standen die Bauern. Das hieß ja, ihre Ernte preisgeben. Endlich wagte einer der Ältesten eine Einrede. Ob das nicht einen Monat später geschehen könne? »Keineswegs,« donnerte der Richter, »jetzt gleich bedarf der Zar dieses Blocks. Geschwind also an die Arbeit!«

Die Menge stürzte in die Knie und flehte um Erbarmen. Da kam ein kühner Bursche auf den Gedanken, ob das Wegschaffen des Blocks da – nicht durch ein – Steuerchen abzulösen möglich sei? Der Richter kratzte sich den Kopf. Das wäre kein schlechter Einfall, die Gnade des Zaren sei ja unendlich, vielleicht ließe sie sich auch in diesem Falle erbitten. Er wolle das seine tun, gleich nach Petersburg telegraphieren. Die Bauern sollten tags drauf Bescheid erhalten.

Und am nächsten Tage, hatte der Doktor geschlossen, sei die Sache in Ordnung gewesen. »Das Volk küßte den Rocksaum seines gütigen Richters, der Zar war also wieder einmal unendlich gnädig gewesen, der Richter strich schmunzelnd seine ›Steuern‹ ein, und die Frau Gemahlin hatten Toiletten und konnten sich amüsieren.«

Heinz blieb vor seinem Tische stehen und seufzte schwermütig. Heutzutage war man ja freilich aufgeklärter, aber noch immer war der Bauer der Packesel für die Sünden der übrigen. In Aberglauben und Unterwürfigkeit fristete er mühselig sein Leben dahin, sein Paradies auf Erden war der Branntwein, ein kurzer Rausch des Vergessens, und die Macht hatten nach wie vor die Aufgeklärten und das Kapital. Gute Volksschulen waren ebenso notwendig als selten, und wo die Lehrer zu finden, die sich um kargen Lohn in die dörflichen Einöden vergraben mochten? Ein jeder seufzte nach Karriere. Dennoch hätten vereinzelte, tüchtige Männer, jeder an seinem Platz, schon reichen Segen wirken können. Anzufangen galt es, in der nächsten Umgebung, wo man stand und wirkte.

Wieder und wieder hatte Heinz für den Bau einer Musterschule plädiert, immer hatte es Schwierigkeiten und Ausreden gegeben. Jetzt aber würde er Ernst machen, und sollte er durch seine Hartnäckigkeit dem passiven Widerstande gegenüber das Vertrauen des Verwaltungsrates verlieren. Schon jetzt hieß man ihn gutmütig-spöttisch den »Volksfreund«. Nun wohl. Mit Recht wollte er sich diesen Titel verdienen. Was gab es denn mehr zu verlieren als seinen Posten?

Während er so finster vor sich hinbrütete, brachte ihm Fedjka, der Diener, die Posttasche.

Eine Reihe Geschäftsbriefe, ein Brief Verenas an Heino adressiert, den hob er sich auf, den mußte er mit Muße und freien Sinnen lesen – und ein gerichtliches, versiegeltes Dokument.

Er riß es auf, sah hinein und fuhr zurück. Es war ein Auszug aus einem rechtsgültigen Testament. Der alte Graf Rahden hatte seinen Paten Erik zum Erben seines nicht unbeträchtlichen Barvermögens und seines Gutes Baluschta, an der Südküste Tauriens, eingesetzt.

Heinz stützte sich schwer auf den Tisch und sank in seinen Sessel. In trockenen, dürren Worten stand es da: Der Graf war, ohne erkrankt zu sein, plötzlich gestorben. Man hatte ihn eines Morgens tot in seinem Bette gefunden. Und Erik war sein Erbe!

Wie hatte denn Heinz bisher nichts von seinem Ableben erfahren?

Zur Ordnung der Verhältnisse und Einsicht in das Testament sei die persönliche Gegenwart des großfürstlichen Oberverwalters Herrn Heinrich Stürmer im Interesse seines minderjährigen Sohnes Erik auf dem Gute Baluschta an der taurischen Südküste zu einem anberaumten Termine erwünscht. Ausdrücklich war bemerkt, daß das Gut durch Schulden unbelastet sei und daß die Nutznießung des Barvermögens sowie der Gutseinkünfte den Eltern Eriks bis zu dessen Volljährigkeit zugesprochen sei, und im Falle eines vorzeitigen Ablebens des jugendlichen Erben das Gut selbst dessen Mutter, Verena Iwanowna Stürmer, geborenen Frank.

Abgefaßt war das Dokument in der üblichen geschäftsmäßigen Form. Heinz suchte umsonst nach einem Wort, das auf die wunderliche Idee seines alten Freundes, er werde bei Lebzeiten entrückt werden, hingewiesen hätte. Nichts von alledem. Sollte der Graf demnach in seinen letzten Jahren davon zurückgekommen sein? Rätsel über Rätsel! Wer konnte sie ihm lösen?

Erschüttert lehnte sich Heinz in seinen Stuhl zurück und schloß die Augen. Langsam rannen zwei Tränen über seine gebräunten Wangen. Warum war ihm das Herz so schwer?

Sein Erik, sein kleiner Lichtgeist, mit seinem weißen fernen Seelchen, leicht und fein wie Spinnweb – ein reicher Erbe! Was hatte äußerer Reichtum mit Erik zu schaffen? Konnte er noch reicher werden, als er schon war? Welch seltsame, welch grausame Ironie des Geschicks!

Und über die bewegten Wasser seiner Seele klang es wie ein Traum, wie ein fernes, heimliches Summen. Sein wundes Gefühl gab ihm einen Gedanken ein: sein kleiner Erik sollte anderen, ärmeren Kindern von seinem Überfluß, von seinen Zinsen geben dürfen, was er selbst nicht brauchte – eine gute Volksschule.

Von dem Gedanken völlig erfüllt, begann er ihn auszuspinnen. Er sah das neue Schulgebäude mit seinen breiten Korridoren, mit seinen hellen, luftigen Räumen vor sich aufsteigen, er sah die freundlichen Fenster, die neuen hygienischen Einrichtungen. Ein Kinderhort sollte sich daranschließen für die ganz Kleinen, und tüchtige Mädchen und junge Männer sah er, die sich um die Kinder mühten. Wie? Sah er nicht auch Janina? Und von kleinen jubelnden Gesichtern umringt, von kleinen braunen Händen gestreichelt, sah er in geheimnisvoll durchsichtiger Klarheit eine schlanke Gestalt in Trauerkleidung, sah er ein Antlitz, so sterbensmüde, so weherfüllt und dennoch lächelnd – Verenas Gesicht. Und er wußte: sie würden ihren Liebling, ihren Erik sollten sie verlieren!

Er legte den Arm auf den Tisch, beugte den Kopf darauf nieder und weinte, weinte bitterlich.

*

Ein Besuch im Doktorhause galt für Heino bald als ein Gipfel des Vergnügens, besonders wenn er allein hingehen konnte. Da vergaß er am schnellsten, daß er nun schon seit Wochen mit bitterer Spannung auf eine Antwort von seiner Mama wartete. Er wußte ja nicht, daß sein Vater, durch den ungewöhnlich strengen Ton von Verenas Brief betroffen, diesen zurückbehalten hatte und mit ihr eifrig darüber korrespondierte, ob er sich nicht mildern ließe. Heinz war mit seinem Sohne ungewöhnlich zufrieden, er fürchtete, in ihm durch Enttäuschung die bösen Geister zu wecken, und sah seinen Verkehr mit dem Doktorhause, namentlich aber seine Schwärmerei für Eliane, die ihn von der Sehnsucht nach Verena ablenkte, herzlich gern. Dieses ernste, liebliche Mädchen, der Stolz und die Freude seines Vaters, konnte nur veredelnd auf den wilden Jungen wirken.

Wenn sie so nebeneinander über einem Lehrbuch der Anatomie saßen, und Eliane Heino mit sachlichem Ernst ein Skelett oder einen Muskelmann zeigte und ihm die verschiedenen Funktionen der inneren Körperteile erklärte, sich die lateinischen Namen von neuem einprägend, wirkte das ebenso seltsam wie rührend. Heino hockte mit roten Wangen und blitzenden Augen neben ihr, schaute bald ins Buch, bald in das zarte Gesicht seiner jugendlichen Lehrerin und merkte sich mehr von diesen Dingen, als aus dem täglichen Unterricht bei Iwan. Dazu kam, daß Eliane, die hauptsächlich von ihrem Vater unterrichtet wurde, keine Spur von Prüderie besaß und mit einer köstlichen Unschuld, ja mit einer andächtigen Bewunderung ebenso liebevoll von den Gedärmen und Eingeweiden wie von den Lungengeweben und dem Kreislauf des Blutes zu erzählen wußte.

Auch in den sexuellen Fragen war sie bereits aufgeklärt, freilich in der zartesten Form, die der Doktor hatte finden können. Sie wußte von dem Entstehen des Kindes im Mutterleibe, von seinem allmählichen Wachstum, von der schmerzhaften Loslösung; sie wußte, daß die Natur die Geschlechter zum Zweck der Vermehrung zusammenführt, daß eine solche Vereinigung in Liebe geheiligt sei, und daß sie häufig mißbraucht werde. Sie war daran gewöhnt, ihren eigenen Körper mit Scheu und freudiger Ehrfurcht zu betrachten, als ein Heiligtum, das einst einem neuen Wesen Leben zu schenken bestimmt sei, und sie hatte vor allem Leben einen zärtlichen Respekt. Auch die Jungen Bibse und Schanno waren von dem Vater in der gleichen Richtung unterrichtet worden, nur weniger ausführlich, und so geschah es, daß sie den Dingen, denen Landkinder mit offenen Augen in der Tierwelt zu begegnen pflegen, völlig harmlos und ohne jene krankhafte Neugierde, die immer ein Zeichen besonders ausgesprochener Anlagen oder einer falschen Erziehung ist, gegenübertraten. Bei Heino war der Zeitpunkt, da sein natürliches, aus der Anschauung der Umwelt gewonnenes Wissen noch ergänzt werden sollte, durch Verenas Abreise hinausgeschoben worden, zudem erschien Heinz seines Sohnes leidenschaftliche Liebe zu seiner Mutter nicht dazu angetan, ihn durch ein frühes Wissen auf neue, erregende Gedankenzusammenhänge zu leiten. Daß der Verkehr mit den Doktorskindern Heino keinesfalls schaden könne, stand ihm jedoch fest. In herzlichem Vertrauen zu dem reinen Geist dieses Hauses und zu den Erziehungsprinzipien des Doktors, überließ er seinen Knaben und dessen Entwicklung ruhig dem leisen Einfluß einer gesunden Atmosphäre.

Heinos körperliche Kraft und Gewandtheit, besonders sein außerordentlich gutes Reiten imponierte den Buben gewaltig, und es gab kein größeres Vergnügen für sie, als wenn Heino ihnen seine Kunststücke zu Pferde vormachte, oder gar mit drei von dem Vater erbettelten Arbeits- oder Stallpferden angeritten kam und seine Kameraden und Eliane zu einem gemeinsamen Ausritt aufforderte.

Dann hielt er sich immer in der Nähe Elianes, um sie besorgt wie ein Erwachsener, ritterlich und aufmerksam. Für sie hatte er einen Paßgänger, eine sanfte, graue Stute, ausgewählt, die ihm bei ihrer Unsicherheit zu Pferde für sie besonders geeignet erschien.

Eines Sonntagsmorgens aber kam er in Begleitung eines Stalljungen mit einem anderen Pferde für sie an. »Die Stute hat ein Junges!« rief er Eliane schon von weitem zu, die mit den Brüdern vor der Haustreppe stand, »da kann sie das Kleine nicht allein lassen. Ich hab' dir einen anderen ruhigen Gaul mitgebracht, Eliane.«

Vor dem einstöckigen Hause des Doktors, das am Ende der Dorfstraße lag, dem Prachtbau des Oberverwalters gegenüber und durch die Länge der Dorfstraße von ihm getrennt, trappelten ungeduldig die vier Pferde. Der Doktor stand lachend am Fenster neben seiner Frau und winkte Heino. »Nur vorsichtig, Junge, gib auf Eliane acht!«

»O, und ob!« gab Heino selbstbewußt zurück. Er führte das Damenpferd sorglich an einen Prellstein und ließ Eliane von diesem aus aufsteigen. »Sitzt du gut?« fragte er. Sie nickte fröhlich und faßte die Zügel. Ihre großen, weitgeöffneten Augen leuchteten in tieferem Blau als sonst. Das dunkle, einfache Kleid gab ihrem schmiegsamen, jungen Körper etwas Rassiges.

Die Buben waren nun auch in den Sätteln. Heino nahm von einem der beiden ebenen Treppenausläufer, die die Stufen zu beiden Seiten einschlossen, einen kurzen Anlauf und schwang sich wie ein rechter Zirkusreiter mit einem gewaltigen Sprung, ohne die Steigbügel zu berühren, auf seinen Potemkin.

Wie lange er an diesem Stückchen geübt hatte, verschwieg er weislich. Jedenfalls machte es Eindruck. Ein lautes Bravo und allseitiges Händeklatschen belohnte ihn. Aber Elianes Pferd nahm diese enthusiastischen Kundgebungen offenbar übel. Es legte die Ohren zurück und nahm Reißaus – in gestrecktem Galopp setzte es durch die offene Gartenpforte in den von Obstbäumen bestandenen großen Garten hinein.

Wie ein Blitz sauste Heino dicht hinter ihm her, überholte es, warf seinen Potemkin dem erschreckten Tier mitten in den Weg, sprang ab und hatte schon die Zügel Elianes gepackt, an denen er sich festklammerte und von dem aufsteilenden Roß hochziehen ließ.

Es war das Werk eines Augenblicks gewesen, ein Meisterstück von Geistesgegenwart, Kraft und Geschicklichkeit. Eliane hing zitternd in ihrem Sattel, die Hände vors Gesicht geschlagen. Der Doktor und seine Frau waren schreckensbleich in den Garten gestürzt, da führte Heino schon das schnaubende Pferd mit seiner unversehrten Reiterin den besorgten Eltern entgegen.

Dem Doktor traten die Tränen in die Augen. Diesmal sagte er nicht: »Danke, danke se–ehr!« sondern nur: »Junge, Junge! Du bist ein ganzer Mann!« Und nach einigem Zögern fast bittend: »Heute, meine ich, läßt Eliane das Reiten sein.«

»Dann reite ich auch nicht!« rief Heino schnell entschlossen, »Bibse und Schanno können ja mit dem Stalljungen allein –«

Eliane sprang aus dem Sattel.

»Lieber Heino,« sagte sie, tief atmend, »ich hab' mich so erschreckt. Wie hast du nur das alles so schnell gemacht?«

»Große Sache!« meinte der Junge und warf den hübschen Kopf zurück. »Was ein ordentlicher Reiter ist, muß so was doch können!«

»Wer hat dich denn reiten gelehrt?« fragte der Doktor.

»Zuerst der Papa. Er kann's ja auch recht schön, aber die Kunststücke, die hab' ich von alleine gelernt, dazu hab' ich Talent, sagt der Papa. Das liegt im Blut, und die kann er mir auch nicht nachmachen, auch der Wanjka nicht.«

Sie waren in das Haus getreten. Die Dorfstraße entlang trabten die beiden Buben in Begleitung des Stalljungen.

»Wir müssen schon warten, bis die graue Stute wieder mobil ist,« sagte der Doktor, »das dürfte ein wenig lange dauern, sie hat jetzt andere Pflichten.«

»Natürlich!« bekräftigte die Doktorin. »Ich will mich nicht noch einmal so ängstigen müssen.«

Sie sah Heino scharf an und ging aus dem Zimmer.

»Ach, Herr Doktor,« rief Heino bittend, »da ist noch eine ganz, ganz zahme Stute mit einem größeren Fohlen. Das wird nur immer mitlaufen wollen, aber das sperren wir ein.«

»O nein!« sagte Eliane mitleidig, »es wird doch Sehnsucht nach der Mutter haben. Wie sieht denn das neue kleine Fohlen von der Grauen aus?«

»So komisch!« rief Heino, »so wacklig ist es auf den langen, dünnen Beinen, und immerzu leckt es die Alte. Es sieht aber ganz anders aus, ganz dunkel, wie der Vater, der Hengst Taifun.«

»Ob sich die Mutter sehr gequält hat?« fragte Eliane.

Heino sah sie an. »Ich ... ich weiß nicht«, sagte er nachdenklich. »Quälen sich denn die Tiere immer, wenn sie Junge kriegen?«

»Jede Geburt ist ein furchtbar ernster Kampf, voller Qualen, mein Sohn«, sprach der Doktor ernst.

»Auch – auch bei den Menschen?« stotterte Heino, von einer jähen erschreckenden Ahnung betroffen.

»Erst recht bei den Menschen. Komm mit auf mein Zimmer, Heino, da will ich's dir erklären.«

Heino folgte dem Doktor in das einfache Studierzimmer. Und hier lernte er das ewige Wunder der Entwickelung des ungeborenen Kindes in stufenweiser Folge kennen. Staunend, betreten, blaß vor Erregung folgte er den Erklärungen von einer Bildertafel zur anderen. Als der Doktor ihn einfach auf den Unterschied der Größenverhältnisse zwischen dem ausgereiften Kinde und den mütterlichen Organen aufmerksam gemacht hatte, brach er in Tränen aus. »O wie schrecklich! Wie muß ... sie mich geliebt haben!« stöhnte er.

Der Doktor streichelte Heinos Kopf. Noch jedesmal hatte er durch die einfache Wahrheit bei gut gearteten Kindern eine Festigung ihrer Liebe zu ihren Müttern erlebt.

»Ja, deine Mutter hat dich sehr geliebt, mein Kind,« sagte er fast feierlich, »und mehr noch hat sie deinen Vater geliebt, der ihr den Sohn mit allen Schmerzen gegeben hat.«

Nun aber geschah etwas Unerwartetes.

»Sie soll aber den Papa nicht mehr lieben!« murmelte Heino und sah den Doktor aus gequälten Schmerzensaugen an.

So etwas war dem Arzt in seiner ganzen Praxis noch nie vorgekommen.

»Warum denn nicht?« fragte er schnell gefaßt. »Ich denke, du selbst mußt deinen Vater noch einmal so lieb haben, seit du weißt, daß er dir das Leben gegeben hat.«

»Er – er ist aber doch kein Tier – kein Pferd!« schrie Heino außer sich.

Welche wilde Rasse in seiner Haltung, welches Feuer, dachte der Doktor voll unwillkürlicher Bewunderung.

»Mein Kind, wir Menschen sind alle Tiere in diesem Sinne. Kein Mensch ist je auf einem anderen Wege oder in einer anderen Art zur Welt gekommen, solange die Erde steht. Die herrlichsten Menschen, die es je gab und noch gibt, auch dein Alexander der Große, sind von Müttern unter Schmerzen geboren worden und haben neues Leben geschaffen.«

»Ich werde es nie!« sagte Heino dumpf, und in seinen Augen zuckte ein seltsames Licht.

Nicht der Schrecken über die Qualen seiner Mutter, ein anderes, viel tieferes Grauen hatte ihn gepackt und geschüttelt. Das – das hatte sein Vater – seiner Mama, seiner einzig geliebten Mama anzutun gewagt, was so über alle Maßen wild, häßlich, unheimlich und rätselhaft war! Und dieser selbe Papa war dann höflich, zuvorkommend und rücksichtsvoll gegen die Mama, hob ihr das Taschentuch auf, wenn sie es fallen ließ, gab ihr immer den Vortritt, erwies ihr alle möglichen Gefälligkeiten, küßte ihr die Hände und schien sich ihr in allen nebensächlichen Dingen unterzuordnen. Wie konnten die Menschen, die so etwas getan hatten, ruhig und freundlich miteinander fortleben, als sei nichts geschehen? Heino wäre es viel natürlicher erschienen, wenn sie sich gegenseitig zerfleischt hätten! Man hatte ihn gelehrt, beim Ankleiden dezent und anständig zu sein, selbst vor Erik, nicht unnütz einzelne Körperteile zu entblößen, noch zu betasten und – was taten denn die Großen?

Der Doktor betrachtete den glühenden Knaben und las ihm seine wechselnden Empfindungen vom Gesicht.

»Du denkst nicht daran, mein Sohn,« sprach er eindringlich und leise, »daß Menschen, die sich so nahe kommen dürfen, einander über alles lieb haben.«

»Schöne Liebe!« murrte Heino empört.

Und in dem Doktor blitzte es auf: dieser Junge da war von einer seltenen Erotik erfüllt! Bei seinen eigenen Kindern war von einem so starken nachhaltigen Eindruck gar nicht die Rede gewesen. Sie hatten die Dinge einfach hingenommen und sich nur fester und voll ehrfurchtsvoller Scheu an ihre Eltern geschlossen. Er nahm sich vor, über Heino eingehend mit dem Oberverwalter zu reden.

»Jawohl, schöne Liebe!« sagte er mit einer nachdrücklichen Energie, die sein ganzes Wesen hob und adelte. »Liebe ist das Größte, Schönste und Heiligste auf der Welt, aber sie äußert sich in tausend Dingen, nicht nur in dem einen. Ein ganzes Vertrauen, Verstehen, Mitfühlen, Mitleben – das ist Liebe! Und du, mein guter Heino, du bist ja noch ein junges Kind, aber ich sehe es kommen, daß du wirst lieben können, heißer und kraftvoller als die meisten.«

Heino stützte sich schwer auf den Tisch vor ihm, worauf die Tafeln lagen, und verbarg das Gesicht in den Händen.

Tat er das nicht jetzt schon? Was war sein Entsetzen anders als die zurückgedrängte Sehnsucht, rückhaltlos lieben zu dürfen? Dumpf und unklar mochte er etwas Ähnliches empfinden. Er schluchzte heiß auf.

Aber seine Mama gehörte dem Papa. Nie, nie durfte er ihr nahen, liebeverlangend – wie es ihn unbewußt und mächtig dazu trieb.

Hatte ihn diese ernste Stunde vorzeitig in das Bewußtsein eingeführt? ...

*

Als Heino zu Mittag nach Hause kam, war er von einer vorlauten, wilden Lustigkeit, in die er sich künstlich hineingearbeitet hatte, um sein aufgestörtes Empfinden zu verbergen. Er renommierte unangenehm mit seinen Heldentaten, er hätte Eliane das Leben gerettet, des Doktors Buben wären nur Knirpse gegen ihn, und der Doktor habe mit Tränen in den Augen gesagt, er, Heino, sei schon ein ganzer Mann.

Janina sah ihn mehrere Male besorgt und warnend an. Iwan zuckte ärgerlich die Achseln und versuchte, das Gespräch auf andere Dinge zu leiten. Heinz aber, der mit allerhand Ärger zu tun gehabt hatte, überhörte den Ton inneren Aufruhrs bei seinem Knaben und hielt den Zeitpunkt für gekommen, ihm Verenas Brief zu übergeben. Der sollte ihn tüchtig dämpfen.

Sehr ernst rief er ihn in sein Arbeitszimmer, gab ihm den Brief und sprach: »Lies ihn mit Aufmerksamkeit, Verstand und Liebe, mein Sohn!«

Wie ein Pfeil war Heino zur Tür hinaus, mit rotem Kopf, mit hochklopfendem Herzen, den kostbaren Brief in der Hand. Verena schrieb:

»Mein lieber, großer Sohn!

Erik war sehr stolz auf Deinen langen Brief und hat alle Deine Aufträge ganz gewissenhaft ausgeführt. Aber ich muß meinen lieben Jungen gründlich schelten. Weiß er auch warum? Zuerst weil Heino an Mamas Liebe zweifelt – das darf nicht sein, und dann, weil Heino aus seiner Mama einen Götzen gemacht hat, den er anbetet.

Ich habe an unsere armen russischen Bauern dabei denken müssen, die ihre Heiligenbilder mit allerhand buntem Tand, mit Bändern und Flittern herausputzen. Ganz so machst Du es mit Deiner Mama. Du schmückst sie mit allerhand schönen Eigenschaften, und dann, wenn das geschehen ist, guckst Du sie entzückt an und vergötterst sie. Deine Mama ist aber nur ein Mensch, mein Junge, sie hat auch ihre Fehler, daher ist so etwas häßlich und albern und kann ihr nicht gefallen. Oder Du bildest Dir ein, die Mama sei ein hilfloses Kind und müsse ohne Deine Hilfe ins Wasser fallen, oder sich wenigstens nasse Füße holen. Junge, Junge, so komm doch zu Dir! Denke doch, daß die Mama selber auch einmal ein Kind war und ohne Heinos Hilfe groß geworden ist und ganz genau weiß, was sie tut. Das Allertraurigste ist aber, und darüber hab' ich bitter geweint, daß Heino auf seinen einzig lieben Papa eifersüchtig und neidisch ist. Dazu hast Du kein Recht, mein Herzensjunge. Der Papa steht mir am aller-, allernächsten, ihn hab' ich seit vielen, vielen Jahren lieb, noch lange, ehe Du auf der Welt warst. Den Papa werde ich auch immer vor allen Menschen am liebsten haben, selbst wenn das furchtbare Unglück einträte, daß er vor mir stürbe, ja, dann erst recht. Niemals kannst Du Papas Stelle in meinem Herzen einnehmen, das ist unmöglich. Aber nicht das allein: es ist anmaßend, lieblos und hochmütig von Dir, das zu wollen. Wie darfst Du Dich mit Papa vergleichen? Werde ein Mann wie er und lerne Dich bezwingen. Dann werde ich Dich einmal vielleicht so hoch achten können wie ihn, lieben werde ich Dich aber nie wie ihn, sondern geradeso, wie ich es tue, und wenn Dir das nicht genug ist, so machst Du es mir schwer, Dich wie meinen alten, großen Jungen zu lieben, und ich sehe einen fremden trotzigen Buben vor mir, der gar nicht meinem Heino gleicht.

Willst Du mein großer, vernünftiger Sohn sein, vor dem ich Respekt habe, so nimm Dich zusammen, tue alles, was dem Papa und mir Freude macht, und reiße diese eifersüchtige, neidische Liebe aus Deinem Herzen wie eine Pflanze aus der Erde mit allen Wurzeln, verstehst Du, denn diese Liebe ist häßlich, weil sie nur Zärtlichkeiten sucht, alles nur für sich haben will und niemandem ein Krümchen gönnt.

Nur wenn Du das tust, darfst Du mir wieder schreiben, und ich will Dir immer antworten. Solange Du's aber nicht kannst, kann auch ich keine Achtung vor Dir haben und will keine Briefe mehr von Dir.

Innig in alter, treuer Mutterliebe küßt Dich
Deine
Mama.«

Nach einer guten Stunde rief Heinz nach seinem Sohn.

Heino aber war und blieb verschwunden.

Nach langem Suchen fand Janina ihn oben auf dem Dachboden hinter einer alten Kiste. Da hockte er mit verzerrten, bleichen Lippen, mit bösen, harten Augen, stumpfsinnig vor sich hinstarrend, den zerknitterten Brief in der Faust.

Nein, nie, nie wieder würde die Mama einen Brief von ihm kriegen!

*

Es begann nun eine böse Zeit für Heino. Der Augenblick, da er Verenas Brief erhielt, hätte nicht übler gewählt werden können. Was den Jungen früher nur erschüttert hätte, jetzt schlug es über ihm zusammen wie brandende Wogen. Er glaubte nicht mehr an die Liebe seiner Mama, er wollte nicht daran glauben. Wenn sie ihn früher auch lieb gehabt hatte, jetzt liebte sie ihn nicht mehr. Hätte sie denn sonst so an ihn geschrieben? Das Innerlichste und Zärteste in ihm war verwundet, albern und häßlich hatte sie seine heiße Liebe gescholten, gerade die Saite seines Wesens, die am selbstlosesten zu vibrieren vermochte – und keinen Respekt hatte sie vor ihm! Oh, sie sollte nur zusehen, ob er Respekt vor ihr haben könnte, sie ... die sich hatte lieben lassen wie – ja, wie ein Tier!

Unglücklicherweise mußte Heinz gerade jetzt nach Taurien verreisen. Nur Janina war in die Erbschaftsangelegenheit eingeweiht worden. Diese wenigen Wochen der väterlichen Abwesenheit genügten, um Heinos verstörtes Gemüt vollends zu verwildern. Nicht Janina und nicht Iwan vermochten es, dem Sturm, der in ihm wütete, Einhalt zu tun, da sie ja weder von dem Gespräch des Doktors mit Heino wußten, noch von den Auseinandersetzungen des Vaters mit ihm. Den Brief Verenas aber hatte der Junge in tausend Fetzen zerrissen. Wohl war es Janina nicht entgangen, wie es im allgemeinen um ihn stand, sie ahnte aber nicht, daß an diese zarten Dinge gerührt worden war, und hütete sich selber ängstlich, daran zu tasten.

Den verheerenden Gewalten waren also Wälle und Dämme geöffnet. Heino wurde unaufmerksam, nachlässig, faul während des Unterrichts, wurde aufsässig und störrisch gegen Iwan wie gegen Janina. Dahin war seine herzhafte Fröhlichkeit, er steckte voller Trotz und Bitternis, voller Heimlichkeiten. Vor allem aber war er im tiefsten Grunde seiner Seele unglücklich.

In jeder Freude wußte er einen Stachel zu entdecken, in allem Schönen schien er höhnisch das Häßliche suchen zu wollen.

So hatte sich an ihm die traurige Tatsache bewährt, daß gütige, kluge und wohlwollende Menschen durch den schlechtgewählten Zeitpunkt ihrer Bemühungen Unheil angerichtet hatten statt Segen.

Wie der Heißhungrige sich über jeden Bissen stürzt, so begann Heino, Nahrung für sein zur Unzeit gewecktes erotisches Empfinden zu suchen. Seine Phantasie, die bisher in lieblichen Bildern um seine Mama kreiste, versuchte es jetzt, sie sich in Situationen vorzustellen, die durch ihre geheimnisvolle und schwüle Unklarheit ihm die Röte der Empörung ins Gesicht trieben, einer Empörung, die um so qualvoller wurde, je ferner die Mama ihn von sich geschoben hatte. Mit Vorliebe trieb er sich jetzt in den Geflügelhöfen, unter Rindern und Pferden herum, und in wilder Selbstzerstörungslust wohnte er mit heißem Interesse den Szenen bei, die ihm so qualvoll anziehend und unerträglich zugleich erschienen. Wenn er sich unbeobachtet und allein wußte, stellte er sich manchmal nackt vor den Spiegel und betrachtete sich aufmerksam, und endlich begann er, dem geheimen Reiz, den das Verbotene immer hat, nachzugeben.

Der arme, vereinsamte Junge befand sich in einer bösen Krisis, die ihn schüttelte wie ein Fieber und ihm Schlaf und Selbstbeherrschung raubte.

Nur ein einziges Wesen gab es jetzt, mit dem er herzlich wie bisher verkehrte, Eliane. An sie hatte er sich mit der ganzen Glut seiner zurückgedrängten Empfindung geschlossen, sie allein konnte mit ihm machen, durfte von ihm verlangen, was sie wollte.

Sein rundes, braunes Kindergesicht hatte sich gestreckt, war länger und schmäler geworden. Um die Augen lagen bläuliche Schatten, sein Blick war unsicher und glühend oder schlaff und trübe. In seinem Körper empfand er eine pulsierende, quälende Spannung, die er auf eine heimliche und verbotene Weise zu stillen versuchte.

Oh, er war klug geworden, klug und elend! Die Aufklärung, die anderen Knaben Halt und Ehrfurcht geben mochte, ihm hatte sie trotz der feinen und sachlichen Form Gift in sein Dasein geschüttet, denn die Achse, um die sich alles bei ihm drehte, die unglückliche, leidenschaftliche Liebe, die fast in Haß umgeschlagen war, konnte er nicht aus seinem Herzen reißen. In allem und jedem fand er neue Nahrung für sie, im Häßlichen sowohl wie im Schönen, in der Natur ringsum, in dem treuen und herzlichen Gedenken seiner Umgebung an seine Mama, in der Sorgfalt, womit ihre Wünsche respektiert, ihre Lieblingsblumen gepflegt, ihre Sachen sauber gehalten wurden. In seinem Herzen war er in Wahrheit und erst jetzt der verachtete und verstoßene Nebenbuhler seines Vaters geworden, nicht unbewußt wie bisher, sondern bewußt mit heimlichem, giftigem Neide.

Seine Klugheit äußerte sich zunächst in Verstellung. Er schien nichts von den Dingen zu wissen, die ihn unablässig beschäftigten. Einmal fragte er Iwan in Janinas Gegenwart ganz harmlos, warum denn die Waschfrau Matriona, die ihrer Niederkunft entgegensah, einen so großen Leib habe.

Als Heinz von seiner Reise zurückkehrte, fand er seinen Knaben völlig verändert. Kalt und gleichgültig trat ihm Heino entgegen. Das so schön angebahnte Vertrauensverhältnis war jäh abgebrochen. Es schien, als habe es nie existiert.

War denn alle Arbeit zerstört und verloren? Wo lagen die Ursachen zu dieser traurigen Veränderung? Sollte wirklich Verenas Brief allein so verheerend gewirkt haben? Heinz stand diesen Fragen ratlos gegenüber und durfte sich doch nicht die Zeit nehmen, ihnen auf den Grund zu gehen, denn während seiner Abwesenheit hatte sich eine erdrückende Arbeitslast für ihn angesammelt. Da gab es eine Unmenge Geschäftsbriefe zu erledigen, Revisionen vorzunehmen, Bauten zu beaufsichtigen, Entwürfe und Rechnungen zu prüfen. Endlich hatte er auch die Genehmigung erhalten, das neue Schulhaus, zum größten Teil aus seinen eigenen Mitteln, zu bauen.

Jetzt mit einem Male schien man es damit eilig zu haben. Man sah den ferneren Vorschlägen und Bauplänen »mit Interesse« entgegen.

Aber wichtiger als das alles war ihm das Verhältnis zu seinem Sohn. Mochten die Leute warten lernen, er selbst hatte ja auch gewartet. Sein Sohn ging ihm vor, und zwar nicht nur um Heinos willen allein. Die Herstellung seiner Beziehungen zu diesem Kinde war ja die Bedingung zu Verenas Wiederkehr.

Wie ein Schlag traf ihn ein Brief Verenas. Erik sei krank, eine Art Fieber, schrieb sie, nicht zu definieren, was es sei. Die Ärzte wünschten für das zarte Kind einen Winteraufenthalt im Süden und für den Sommer ein kräftigendes Nordseebad.

War das etwa schon der gefürchtete Anfang vom Ende? Heinz krampfte sich das Herz zusammen. Dieser neuen schmerzlichen Sorge gegenüber erschien ihm selbst die Angelegenheit mit Heino fast bedeutungslos.

Bei Tisch erzählte er bekümmert von Eriks Erkrankung. »Du solltest doch an Erik schreiben, Heino.«

Heino nickte stumpf vor sich hin.

»Hast du denn noch nicht an die Mama geschrieben?«

Der Junge schüttelte den Kopf.

Nach dem Mittagessen rief Heinz den Sohn zu sich.

»Sag', was hast du denn nur, Heino? Was ist inzwischen geschehen? Ich habe ja noch kein herzliches Gesicht von dir gesehen.«

Heino mühte sich, den Vater gerade anzuschauen, es kostete ihm eine Riesenanstrengung, und sein Blick war unruhig und flackernd.

»Gar nichts«, knurrte er endlich und hing den Kopf.

Heinz betrachtete ihn schmerzlich. Der Junge sah ja wie das leibhaftige böse Gewissen aus.

»Heino,« sagte er bedeutungsvoll, »ich hoffe, du hast keine Heimlichkeiten, du weißt schon, was ich meine ... nun?«

Des Knaben Stirn ward von flammender Röte übergossen.

»Hm – steht es so mit dir? – – Was würde wohl die Mama dazu sagen?«

»Die Mama!« Es klang wie ein Aufschrei von unterdrücktem Jammer und Hohn.

Ja, was war denn das? Da mußten ja Schichten über Schichten von Verirrungen, von Unverstand und Verbitterung hinweggeräumt werden, ehe man auf den Urgrund dieses Umschwungs stieß. Die Mühe wollte Heinz freilich nicht scheuen, aber wie ertrug er den Gedanken, daß er seinen Sohn Verena so verändert zuführen sollte? Was war aus dem Jungen geworden? Sollte Heino etwa durch irgendeinen unglaublichen Zufall erfahren haben, daß Verena seine Mutter nicht war? Heinz wurde es kalt, ein Zittern überlief ihn. Mit schwerem Ernste sprach er:

»Merk' dir eins, mein Sohn: Alles kann ich dir vergeben, nur nicht das eine, daß du mit Nichtachtung, und sei es auch nur im Tone wie eben, von der Mama sprichst. Wie darfst du das? Wie unterstehst du dich? Noch einmal einen solchen Ton und ich schicke dich aus dem Hause in die Schule. Hast du verstanden?«

Heino schwieg und ließ den Kopf immer tiefer hängen.

»Du verdienst gar nicht, eine solche Mutter zu haben«, sagte der Vater traurig und sah ihn lange an. »Wie kommst du nur auf diesen Ton?« fuhr er forschend fort. »Hat jemand dir etwas über die Mama erzählt?«

Er schlang den Arm um den Buben und zog ihn näher zu sich. »So sieh mich doch an, mein Junge.«

Steif und widerwillig ließ Heino sich näherziehen.

»Antworte mir, mein Kind, hast du denn die Mama gar nicht mehr lieb?«

Jetzt brach Heino in Tränen aus. » Sie hat mich nicht mehr lieb!«

Eine Last fiel vom Herzen des Vaters. »Aber Heino, du dummer Bub,« sagte er fast zärtlich, »warum meinst du wohl, hat sie dir den Brief geschrieben? Etwa nicht aus Liebe? Bring' ihn doch her, wir wollen ihn zusammen noch einmal lesen. Hat sie dich denn nicht wieder und wieder ihren Herzensjungen, ihren lieben, großen Sohn genannt? Ich will dir die Stellen zeigen und unterstreichen. Also geh, bring' den Brief!«

Der Junge rührte sich nicht. »Ich hab' ihn zerrissen«, stieß er zwischen den Zähnen hervor.

»Mamas Brief – zerrissen!?« wiederholte Heinz kummervoll. Ja, das ließ allerdings tief blicken.

Eine lange Pause. Die Augenblicke schienen vorüberzuschwirren, als seien sie beflügelte, blitzende Insekten. Ein neuer Gedanke flackerte in Heinz auf. Sollte der Junge im Doktorhause vielleicht von den Buben über sexuelle Dinge aufgeklärt worden sein? Wie konnte er das herausbringen? Vorsicht! sagte er sich – durch Ungeschicklichkeit konnte er alles verderben.

»Sag' mal, mein Sohn,« begann er in verändertem, leichterem Tone, »du bist in letzter Zeit oft mit Bibse und Schanno zusammengewesen, nicht?«

»Mehr mit Eliane«, sagte Heino unbefangener.

»So? Du hast wohl die Eliane sehr gern?«

»O ja.«

»Da hast du ganz recht, es ist ein allerliebstes Mädel. Was macht ihr denn meist, wenn ihr beieinander seid?«

»Sie erklärt mir allerlei, von Lungen und Eingeweiden und so ...«

»Richtig. Sie will ja Doktor werden. Hat sie dir nicht noch andere Dinge erklärt? Wie? Sag' mir's doch, Heino!« sprach der Vater fast bittend.

»Nein, sie nicht.«

»Also wer denn?«

»Der Doktor!« sagte Heino stumpf.

So, da war's also heraus. Dankbar war Heinz dem Doktor keineswegs. Ein schmerzliches Mitleid mit seinem Buben floß ihm lindernd durch die Seele. »Er hat dir also wohl Bilder gezeigt und erklärt, wie Kinder sich entwickeln, wie sie geboren werden und so weiter?«

Heino nickte.

»Was ist dir denn dabei so schrecklich gewesen?«

Schweigen.

Der Vater wiederholte seine Frage. Halt – ging er nicht etwa zu weit? Doch nein, er mußte dahinterkommen, ob Heino völlig unterrichtet war oder nicht.

Der Knabe richtete sich plötzlich stramm auf.

»Bitte, frage nicht weiter, Papa!«

In seinem Tone lag diesmal etwas von abwehrender Männlichkeit.

Nun verstand Heinz: Es war das alte Lied. Leidenschaft und Eifersucht waren die beiden furchtbaren Geißeln, die dem Buben zur Qual, zur Folter, zur brutalen Marter geworden waren.

»Nein, mein armes Kind, ich will nicht weiterfragen«, sagte er still. »Ich will dir nur etwas erzählen und einmal zu dir sprechen, als seist du schon viel älter. Sieh, wenn zwei Menschen sich recht von Herzen lieb haben, so lieb, daß sie ohne einander nicht leben mögen, so hat es die Natur so für sie eingerichtet, daß sie sich nach einem Kinde sehnen müssen, das von ihnen beiden kommt, das aus ihrem Blute ist, damit sie es lieb haben, und jedes, der Mann und die Frau, den anderen und auch sich selbst in diesem Kinde wiedererkennen können. Diese Sehnsucht ist natürlich und heilig. Auch die Tiere, die nicht denken können, sehnen sich, ohne es zu wissen, nach Kindern; darum hat ihnen die Natur Wildheit gegeben und Rücksichtslosigkeit statt des Bewußtseins, und Anhänglichkeit statt der Liebe. Sie kommen zusammen, wie du es wohl manchmal gesehen hast. Das hat dich entsetzt, angezogen und beschäftigt, ich weiß es, mein Kind, und nun hat dich die Vorstellung gequält, ob Menschen es auch so machen müssen.

Ja und nein kann ich dir darauf antworten. Je lieber die Menschen sich haben, desto zarter und rücksichtsvoller sind sie zueinander, desto heiliger wird ihnen ihr Zusammensein, desto höher hält eines das andere. Du bist noch sehr jung, Heino, aber ich meine doch, daß du verstehen kannst, daß Menschen in jedem Punkt höher stehen als Tiere. Sieh einen feinen Menschen essen – einen Hund schlingen – ist da nicht ein ungeheurer Unterschied? Der Mensch hat die tierische Gier überwunden, nicht wahr? So ist es mit allem übrigen. Ohne den Zeugungsakt müßte die Welt aussterben, es würden keine Kinder mehr geboren. Sie sollen aber geboren werden, damit sie besser und tüchtiger werden als ihre Eltern, denn alles in der Natur strebt nach Vervollkommnung. Darum ist es notwendig und gut, wie es ist. Die Natur weiß, was sie tut, und sie ist weise, rein und unschuldig. Weise, rein und unschuldig sollen auch die Menschen sein und werden.

Nun aber kommt das andere, Heino. Wer sich an diesen Dingen herumquält und damit nicht fertig werden kann, der ist entweder krank oder unrein. Du verstehst mich, nicht wahr? Nun solltest du aber täglich so handeln und leben, daß das Liebste, was du hast, dich immer sehen könnte. Denk' nach, ob du das kannst. Damit allein kannst du der Mama deine große Liebe beweisen, und dann wird sie Respekt vor dir haben, mehr als jemals.

Nun geh, mein Sohn, und werde ruhig.«

Heino stand da, zitternd und bewegt. Noch nie hatte der Papa so gütig mit ihm gesprochen.

Es zuckte in seinem Körper, er hätte so gern seinen Kopf an des Vaters Schulter gelegt und ihm ein gutes Wort gegeben. Eine falsche Scham und – noch etwas anderes hielt ihn davon zurück.

Endlich streckte er eine kalte, bebende Knabenhand vor und griff seufzend nach der Hand seines Vaters. Dann machte er kehrt und ging.

*

Heinz blieb mit schwerem Herzen zurück und faßte den Entschluß, sich frei und offen mit dem Doktor auszusprechen und diesen verständigen Mann wegen seines Jungen um einen freundschaftlichen Rat zu bitten. Jetzt mußte er an andere Dinge denken, die Arbeit lag ja bergeshoch vor ihm.

In den nächsten Tagen machte er dem Arzt einen längeren Besuch. Der kleine Doktor war außer sich, als er hörte, was er angerichtet. Er warf sich sofort auf ein gründliches Studium der erotischen Anomalien und kam zu dem Schluß, daß Heino mit besonderer Vorsicht und Sorgfalt behandelt werden müsse. Nachdem er sich den Fall nach allen Seiten gründlich überlegt hatte, machte er sich auf den Weg zu Heinz.

Er traf ihn in seinem Arbeitszimmer. Als er hineintrat, zog er die Tür sorgfältig hinter sich zu und wandte sich mit gedämpftem Tone an Heinz. »Verehrtester Herr Oberverwalter, Sie gestatten vielleicht, daß ich die Tür verschließe? O danke, danke se – ehr!«

Der kleine zierliche Mann versank in einem der Ledersessel, Heinz gegenüber, stützte die Hände auf die Knie und beugte sich erregt vor.

»Darf ich Sie um eine halbe Stunde Gehör bitten? Vor allen Dingen muß ich Ihnen für Ihr großes Vertrauen danken, das Sie mir, einem Fremden, geschenkt haben. Daß Sie mir die Verhältnisse, aus denen Ihr Sohn stammt, klargelegt haben, ist mir eine hohe Ehre. Ich will mich ihrer würdig zu erweisen suchen. Ich danke, danke wirklich se – ehr!«

Verwirrt und verlegen hielt er inne, errötete über und über wie ein Knabe und fuhr dann mit vollkommener Klarheit und Sachlichkeit fort: »Diesen Verhältnissen ist natürlich Rechnung zu tragen. Ich meine hiermit in erster Linie das wilde Blut seiner Mutter« – er zählte an seinen Fingern –, »also die Kraft, wenn ich so sagen darf, die brutale Kraft ihrer Persönlichkeit, die Zähigkeit ihrer Neigungen, die allgemeine phantastische, unbürgerliche Anlage. Alles das ist auch in dem Knaben vorhanden. Demnach wäre zu verhüten: erstens, und dies vor allen Dingen, daß er, ehe er diese unglückliche Krisis überwunden hat, jemals erfährt, daß Ihre Frau Gemahlin nicht seine Mutter ist, zweitens, alles, was ihn in diesem anormalen Zustande zu erhalten oder diesen zu steigern geeignet ist. Dazu rechne ich seinen Aufenthalt in Ihrem Hause. Er müßte durch eine völlig veränderte Lebensweise, veränderte Umgebung aus den Gedankenkreisen herausgehoben werden, in denen er jetzt unablässig steckt. Mein Rat ist: Geben Sie ihn aus dem Hause in eine Stadtschule.«

Heinz hatte aufmerksam zugehört. Jetzt schüttelte er den Kopf. »Ich habe ihm leider einmal unvorsichtigerweise die Schule als Strafmittel in Aussicht gestellt; auch will ich meiner Frau gegenüber das Versprechen halten, das ich ihr gab, das Versäumte so vieler Jahre nachzuholen und mir die Liebe meines Jungen zu erringen.«

Der Doktor sah gedankenvoll vor sich nieder und strich seinen blonden Schnurrbart hoch, dessen weiche Enden sich beharrlich immer wieder nach unten senkten. »Verzeihen Sie, das erstere war ein Fehler!« bemerkte er schüchtern.

Heinz hob die Hände. »Lieber Herr Doktor, wo begehen wir Eltern nicht Fehler? Auf Schritt und Tritt, trotz des besten Willens, des ehrlichsten Mühens. Und nun speziell ich: seit Heinos Geburt, seit wir ihn zu uns nahmen, habe ich nichts als Fehler begangen. Meine jahrelange Vernachlässigung seiner Kindesseele hat ihn ja geradezu in diese gesteigerte leidenschaftliche Empfindung für meine Frau hineingetrieben. Ich versichere Sie, in meinem ganzen Leben ist es mir spielend leicht geworden, die Zuneigung der Menschen zu gewinnen, an denen ich hing, nur zu leicht – mit einer einzigen Ausnahme, meinem Sohn. Wir müssen für alles einmal zahlen, auf Heller und Pfennig, lieber Freund.«

»Wahr, wahr!« murmelte der Doktor in ehrlichem Mitgefühl und fuhr sich nervös durch den blonden Schopf. »Aber ich habe da eben eine andere Idee«, sagte der kleine Mann strahlend und sah Heinz aus seinen guten, blauen Augen treuherzig an. »Geben Sie Ihren Sohn zu mir. Meine Jungen sind einfache, frische Kinder, vielleicht ein wenig zurückgeblieben, jedenfalls körperlich längst nicht so entwickelt wie Ihr Heino. Durch das beständige Zusammensein, das gemeinsame Schlafen würde ihm die Gelegenheit zu einsamen Grübeleien genommen, Sie verstehen mich. Eine veränderte Umgebung tut manchmal Wunder. Ich selbst, ich will ein wachsames Auge auf ihn haben. In Ihrem Hause erinnert ihn alles mögliche nur zu sehr an die Mama, wollen wir das für eine Weile unterbrechen. Mit meinem Mädel steht er sich glänzend, von der Seite droht keine Gefahr, im Gegenteil, wenn er ein wenig für sie schwärmte, könnten wir das nur gutheißen, nicht wahr? Nach Ihnen aber soll er sich sehnen lernen. Das erscheint mir von besonderer Wichtigkeit. Ebenfalls nach Fräulein Janina, die so rührend gut zu ihm ist. Den Unterricht bei seinem Hauslehrer könnte er ja ruhig fortsetzen. Der junge Mann wird wohl den kurzen Weg kaum scheuen. Was in meinen Kräften liegt, will ich tun, um meinen in Unkenntnis der Sachlage begangenen Fehler wieder gutzumachen«, schloß er eindringlich.

Heinz streckte ihm beide Hände entgegen. »Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, lieber Freund. Das wäre ein Plan, der viel, viel für sich hätte. Wenn sich Ihre Frau Gemahlin nur nicht mit dem wilden Jungen allzuviel Unruhe auferlegt!«

»Dafür lassen Sie mich sorgen. Meine Frau wird mit allem einverstanden sein, darauf können Sie sich unbedingt verlassen.« Mit einem pfiffigen Blinzeln fügte der kleine Mann ein wenig verlegen hinzu: »Meine Frau, das ist nämlich ihre Eigenheit, ergänzt mich in vortrefflicher Weise. Ich bin von jeher ein nervöser, schüchterner Mensch gewesen, dafür hat sie denn die äußeren Formen der Energie akzeptiert. Im Grunde hat sie weniger Initiative als ich, und mehr verborgene Weichheit.«

Heinz lächelte gerührt und drückte dem Doktor nochmals die Hand.

»O danke, danke se – ehr!« sagte der kleine Mann hilflos, und sein Gesicht wurde so rot, als sei es mit Blut übergossen. »Keine Ursache – danke wirklich se – ehr!«

*

Anfang Oktober begannen gewaltige Herbstregengüsse niederzugehen und den Staub der Steppe und der Straßen in einen schlammigen Brei zu verwandeln. Heinz machte seine Gänge durch die Ökonomie in hohen Schaftstiefeln, und statt zu Wagen, fand er es praktischer, seine Revisionstouren zu Pferde vorzunehmen. Gewöhnlich wurde er dabei von Terenti, dem Kutscher, begleitet, doch auch Heino, der sich im Doktorhause überraschend gut eingelebt hatte, fand sich zuweilen ein, um mit dem Papa auf kürzeren Strecken auszureiten. Heinz war es immer Freude, wenn der Junge so das Bedürfnis zeigte, mit ihm zusammen zu sein. Die Einsamkeit lastete schwer auf ihm, die Sehnsucht nach seinen fernen Lieben wurde an solchen aschgrauen Herbsttagen, wo die weite Öde der erstorbenen Steppe mit ihrem farblosen Netz verdorrten, struppigen Grases sich endlos vor ihm ausbreitete, fast zu einem physischen Schmerz.

Unheimlich still war es in seinem Hause geworden. Er meinte oft das Ticken der Wanduhr aus dem dritten Zimmer zu vernehmen, und seine Taschenuhr begann ihn durch ihr leises Geräusch zu stören, so daß er sie oft während seiner Arbeit im Nebenzimmer ließ. Die alte Empfindung seiner Jugendjahre machte sich wieder geltend; er meinte, es müsse das Einerlei seiner Tage durch ein besonderes, seltsames Ereignis unterbrochen werden, auf das er mit klopfenden Pulsen warte. Und doch geschah nichts, immer nur weinte der graue Himmel auf die graue, herbstliche Erde nieder, bald als schrägströmender, feiner Regen, der alle Freude auszulöschen schien, bald in stürmischen Fluten, und die wassergesättigte Ebene, die nichts mehr aufzunehmen gewillt war, bedeckte sich mit wandernden Nebelschleiern.

Verenas häufige Briefe brachten Licht in diese grauen Tage. Sie freute sich an ihrem strahlenden Himmelsblau, an ihrem leuchtenden See, deren Bläue nur durch kurze Gewitterstürme unterbrochen wurde, und Heinz freute sich mit ihr. Sie berichtete selig von Eriks Genesung, und ihm schlug das Herz vor dankbarer Wonne; sie konnte sich vor Staunen noch immer nicht fassen, daß ihr Erik Gutsbesitzer, ja ein reicher Erbe geworden sei, und er lachte leise und glücklich und gedachte der vielen einträglichen Verbesserungen, die er auf Baluschta einzuführen begonnen hatte. Es war ihm ein süßer Friedensgedanke, auf Eriks eigenem Grund und Boden einst mit ihr seine alten Tage verbringen zu dürfen, denn daß Erik nicht groß werden würde, das war wie mit eherner Schrift unvertilgbar und gramvoll in seine Seele geschrieben. Wie er ihr dann helfen könne, das Entsetzliche und Unabänderliche zu tragen, wie er dazu reif werden solle, um auch aus diesem tiefsten Schmerz ewige Güter des Lebens zu wecken, das wurde eine mahnende Sorge in seinem Innern.

An Heino hatte er wieder Freude. Der Junge schien die gefährliche Krisis überwunden zu haben. Er war munter und lustig mit den Doktorssöhnen, beteiligte sich eifrig an ihren Spielen und Balgereien und sah ein wenig hochmütig auf sie herab, während er an Eliane mit der respektvollsten Bubenverehrung hing, die man sich denken konnte. Heinz mußte zugeben, daß der Doktor richtig gerechnet hatte, denn auch die ruckweise Anhänglichkeit seines Sohnes für ihn selbst trat immer häufiger zutage und war jedenfalls der Trennung zuzuschreiben. Auch Verena war mit Heinos Verbleib im Doktorhause außerordentlich zufrieden. »Heino soll einmal merken, was für einen goldenen Papa er eigentlich hat,« schrieb sie, »die Trennung wird ihm sehr gut tun.«

Für den nächsten Herbst hatte der Doktor den Plan gefaßt, seine Jungen nach Jekaterinoslaw aufs Gymnasium zu schicken, und Heinz begann, den gleichen Gedanken für Heino zu erwägen. So hatte Iwan denn auch die Vorbereitung von Bibse und Schanno, die ein halbes und anderthalb Jahre älter waren als Heino, willig mit übernommen. Der Doktor war für diese Entlastung seiner eigenen Arbeit überaus dankbar und suchte seinerseits Iwan nützlich zu sein, wo er nur konnte. Iwans Hauslehrerschaft sollte sich demnach auf nur noch zehn Monate, mit Einschluß der Ferien, erstrecken, und noch immer war er über das Studium, das er ergreifen sollte, nicht mit sich im reinen.

Eines Abends klopfte es sacht an Heinzens Tür; Iwan stand auf der Schwelle.

»Störe ich?« fragte er zögernd.

»Niemals,« rief Heinz freundlich, »nur immer herein, Lieber.«

Iwan trat rasch näher und sah Heinz freudig an; er hielt ein paar Briefe in der Hand. »Ich bin so glücklich,« sagte er, »endlich einmal wieder gute Nachrichten über Petja! Er macht sich, die Lehrer sind mit ihm zufrieden, die Familie, bei der er lebt, auch.«

Heinz reichte ihm die Hand. »Das ist dein Werk. Gratuliere.«

»Nein, deines!« gab Iwan warm zurück, »ich habe ja nur weitergegeben, was ich von dir empfangen hatte.«

»Du aber hast ihm durch deine Arbeit diese gute Schule ermöglicht.«

»Das ist das Wenigste. Er selbst aber scheint anständiger, ist nicht mehr so haltlos, so zerfahren, gibt sich Mühe. Sieh, da ist ein Brief, willst du ihn lesen?«

Heinz nahm den Brief und las ihn aufmerksam durch. »Der ist also auch auf dem Wege, ein Mensch zu werden«, sagte er lächelnd.

Iwan strahlte. »Nun aber hilf mir,« bat er, »ich bin noch kein ›Mensch‹!«

»Hm!« machte Heinz.

»Sieh, damit bin ich nun endlich fertig geworden, daß ich unehelich geboren bin,« sagte Iwan mit einem herzlichen, ehrlichen Lachen, das sein dünnes Gesicht seltsam anziehend machte, »das ist aber doch schrecklich minim.«

»Schau, wie anspruchsvoll!« scherzte Heinz. »Wer hätte das gedacht? Vor nicht gar zu langer Zeit waren das noch unüberwindliche Mauern für dich.«

»Die sind überstiegen. Nun aber will ich weiter. Es ist mir ganz klar: nicht um Geld zu verdienen, in erster Linie soll ich was leisten, sondern um Nutzen zu schaffen.«

»Bravo!« sagte Heinz.

»Das Lehrfach erscheint mir vor allem das Notwendigste. Bei den Kindern sollte man anfangen. Auch liegt's mir und macht mir Freude, und doch interessiert mich so vieles andere, die Medizin zum Beispiel, und Naturwissenschaften und Philosophie.«

»Nun und?«

»Ich muß mich doch endlich für ein Fach entschließen. Bisher hab' ich nichts getan, als meine allgemeine Bildung ergänzt.«

»Hör', mein Junge,« sagte Heinz gütig und legte ihm die Hand auf den Arm, »wenn du meinst, ich würde dich in irgendeiner Richtung zu bestimmen suchen, so irrst du gewaltig. Es ist mit der Berufswahl genau wie mit der Wahl einer Frau. Man »wählt« nicht, man kann einfach nicht anders. Was würdest du dazu sagen, wenn ich dir riete: Du, nimm nicht die Schwarze, sondern die Blonde da, die hat ein sanfteres Temperament. Wenn's dich nicht mit ganzer Seele zu dem einen Beruf und nur zu diesem zieht, so warte mit der Entscheidung. Hast du nicht noch ganze zehn Monate Zeit?«

»Ach ja,« meinte Iwan, »aber dann bin ich auch noch nicht klüger als heute.«

»Abwarten!« sagte Heinz. »Sieh', geradeso wie du hab' auch ich mich einst gequält und gefragt, und dann habe ich doch noch eine falsche Wahl getroffen. Ich wurde Architekt und war doch im Grunde meiner Seele Schriftsteller. Meine liebste Arbeit habe ich im Laufe der Jahre aufgeben müssen, weil es mir einfach an Zeit dazu fehlt und ich sie nicht mehr mit den wachsenden Anforderungen meiner Stellung vereinigen kann. Ich hoffe ja, auch jetzt kein nutzloses Dasein zu fristen, aber hart war es doch.«

Er unterdrückte einen Seufzer und schwieg eine Weile. »Vor ähnlichen Kämpfen möchte ich dich bewahrt wissen durch eine von vornherein richtige Berufswahl«, fuhr er fort. »Es ist ja so begreiflich, daß ein junger Mann wie du in seinem Wissens- und Lebensdurst nach verschiedenen Gebieten greift, und daß vielerlei für ihn Interesse hat, denn überall gibt es Wahrheit. Wonach aber in deinem Innern die leise, sehnsüchtige Stimme ruft und drängt, abgesehen von Erwägungen praktischer Art, das ist dein rechter Beruf. Freilich mußt du Stille in dir und um dich haben, ehe du diese Stimme hören kannst. Auch nehme ich an, daß du unbescheiden genug bist, nicht bloß Tüchtiges in deinem Berufe leisten zu wollen, sondern besonders Gutes.«

Iwans Augen leuchteten. »Wenn ich nun aber – auch in der Medizin –«

»Das Wörtchen ›auch‹ hat dich schon verraten, sprich weiter, mein Junge.«

Iwan fiel seinem Bruder um den Hals. »Ich glaube, ich habe meine ›zukünftige Frau‹ schon gefunden«, sagte er zwischen Lachen und Rührung. »Ich kenne sie einigermaßen – die russische Sprache und Literatur.«

Heinz hielt ihn an den Schultern fest und sah ihm in die Augen. »Du liebe, goldene Jugend!« sagte er weich.

»Ach Bruder, bei dir bin ich ja erst wieder jung geworden. Nie und nirgends war ich so glücklich wie in deinem Hause.«

Einfach sprach Heinz: »Sind wir in diesem Hause denn nicht auch Kinder der Liebe?«

*

Aus dem Städtchen Nikopol, wo es Geschäfte zu erledigen gegeben hatte, ritten Heinz und Terenti an einem späten Oktobertage über die Steppe. Die Regenzeit hatte aufgehört, ein leichter Frost schien einzusetzen. Am glashellen Horizont ging die Sonne rot unter, feuerfarbene Wolkenstreifen, riesig und spitz, liefen über den Himmel. Das Abendlicht lag wie strahlender rötlicher Staub in der Luft und über der Ebene, die Ferne verschwand in rotem Glanz und Glimmer.

Von Zeit zu Zeit erhob sich ein kalter Wind und stieß die Reiter in den Rücken, als wollte er sie vorwärtsbringen helfen, dann sprang er plötzlich um und wehte ihnen scharf und beißend von der Seite entgegen.

Und Heinz gedachte der bitteren Not der Armen, die jetzt wieder dem harten Winter entgegengingen. In den südlichen Kulturländern gab es wärmende Stuben, die den Armen und Ärmsten umsonst die starren Glieder lösen halfen, gab es Suppenanstalten und Greisenheime – wann würde es hier soweit kommen? Seinen unermüdlichen Petitionen um solche Einrichtungen war man nur allzuoft mit dem bekannten Achselzucken begegnet, das soviel heißen sollte als: woher nehmen? Dennoch hielt er an seiner Überzeugung fest: wie Wasser und Luft, so sollte auch Brot und Wärme den Allerärmsten umsonst zuteil werden, für andere Bedürfnisse mochten sie arbeiten. War es ein Wunder, wenn die Erbitterung gegenüber den Besitzenden und Reichen, wenn Neid und Scheelsucht aus den verhärmten, mageren Gesichtern dieser Enterbten und Elenden ihm selbst immer wieder entgegenblitzten?

Die Reiter näherten sich der einsamen Scheunengruppe, die sie vor Jahren während jenes furchtbaren Schneesturms beherbergt hatte. In Glanz gehalten von dem rosigen Goldstrom, der sie umfloß, sahen die öden Gebäude da aus, als wären sie verzaubert, doch schon in wenigen Augenblicken erlosch das goldene Licht, mürrisch und liederlich standen sie da, grau und verdrossen.

Heinz bemerkte eine menschliche Gestalt, die gebückt und schleichend von einer Scheune zur anderen hastete und in der Nähe der Straße unbeweglich stehenblieb.

›Hm, einer, der mich wohl ansprechen will‹, dachte er und ließ sein Tier langsam traben. Schon war er vorüber, da hörte er, wie Terenti hinter ihm einen Schreckensruf ausstieß. Er wandte sich um, und in demselben Augenblick knallte ein Schuß, und eine Kugel pfiff dicht an seinem Ohr vorbei und streifte seine Mütze.

»Zum Teufel auch, was soll denn das?« schrie er verwundert und wandte sein Pferd – – noch ein Blitz, ein Knall – er fühlte einen Stoß in seinem Arm.

Wie der Wind war er aus dem Sattel und dem Manne, der geschossen hatte, nach.

»Gnädiger Herr, erbarmen Sie sich, ach, erbarmen Sie sich!« jammerte Terenti.

Aber Heinz hörte nicht und sah nichts als den krummen, breiten Rücken, der geduckt, mit eingezogenem Kopf auf schlotternden Beinen vor ihm hertaumelte.

»Hund du! Hab' ich dich!« murmelte Heinz und griff zu.

Der Mann warf die Büchse nieder. Es ging ein wütendes Ringen an, Brust an Brust und Leib an Leib. Wie verbissene Tiere hielten sie einander umschlungen, wankten hin und her, eine lebendige, verworrene Masse. Nach knapper Zeit war der Kampf entschieden, Heinz hatte den Gegner geworfen, kniete auf seiner Brust, die Faust an seiner Kehle. »Terenti! Du Tölpel!« schrie er keuchend – »her mit dir, einen Strick!«

»Hier, gnädiger Herr, ach, Sie bluten ja!« stöhnte Terenti.

»Schafskopf! Her damit, nun pack' zu – so! Umdrehen den Kerl!« kommandierte Heinz, »die Arme fest verschnüren – hm, 's langt leider nicht für die Beine ...«

Terenti riß dienstbereit seinen ledernen Riemen vom Leibe.

»Also gut. Noch fester, so ist's recht. – –

Nun wollen wir uns diese saubere Steppenfrucht einmal anschauen!«

Sie wälzten den Gebundenen wieder auf den Rücken.

Von Haar und Bart verfilzt, sah ihnen ein bleiches, verwildertes Gesicht, glühten ihnen ein paar fanatische Augen entgegen.

»Kennst du den Gesellen, Terenti, nein? Tut nichts, werden schon alles Nötige herausbringen. Jetzt setz' dich hurtig auf deinen Gaul, nimm den meinen mit und reite, was du kannst. Hole den Dorfgendarmen, er mag mein Tier reiten. Ich warte hier.«

»Aber Sie bluten ja, gnädiger Herr.«

»Nur eine Fleischwunde, der Knochen scheint unverletzt. Gib den Schal her, schnür' ihn fest um den Arm, noch fester. So ist's gut, und nun mach' fort, schnell!«

Terenti stob auf seinem Pferde davon, das Tier seines Herrn am Zügel. Das Geklapper der Hufe verlor sich allmählich in der Ferne. Heinz zündete eine Zigarre an und begann gemächlich auf und nieder zu schreiten.

Die wilden Augen des Gefesselten folgten ihm mit stumpf verwundertem Ausdruck.

›Hätt' um ein Haar auch anders werden können!‹ dachte Heinz während seines Aufundabgehens. ›Man muß halt noch zu etwas nütze sein auf der Welt. Verena, mein Lieb, wie gut, daß du weit fort bist! Dies würdest du am Ende noch schwerer ertragen haben als – das andere. Mein kleiner Erik – – ‹ die Augen wurden ihm feucht.

›Was mag sich der Gesell nur gedacht haben?‹

Er blieb stehen und sah ihn aufmerksam an.

Mit einem bösen, kranken Blick starrte ihm der Gefesselte unentwegt entgegen. Graubleich und leidend das Gesicht, verzerrt der große, farblose Mund in dem verfilzten Barthaar.

»Weshalb hast du auf mich geschossen – he?« fragte Heinz rauh. »Was hab' ich dir zuleide getan?«

Der Mann knurrte etwas Unverständliches in sich hinein. Seine Augen flammten vor Haß und Feindseligkeit.

»Sprich deutlich. Du weißt, die Verstocktheit nützt dir nichts. Erfahren werden wir's ja doch. Also heraus damit: weshalb hast du auf mich geschossen?«

Unter der Macht seines düsteren, willensstarken Blickes begann der Gefangene sich zu winden wie ein Tier.

»Du bist reich – –« stieß er endlich zwischen den Zähnen hervor, »und wir andern, wir hungern.«

Heinz schrak zusammen. Da war es wieder, dieses graue, entsetzliche Gespenst des sozialen Unterschiedes, das aus diesen elenden Zügen zu ihm sprach.

»Weiter hattest du keinen Grund?«

»Keinen, Herr.«

Und Heinz sah zurück und in sich hinein. Verstand er nicht manchmal die Sprache der Tiere, die stumme Sprache der Natur, der Abendnebel, des Sonnendunstes, der Waldesheimlichkeit, des Sternenhimmels? Sollte er nicht auch die ungesprochene Sprache seiner Brüder, der Menschen, verstehen?

Schrie nicht aus dem Hunger der Massen eine dumpfe Stimme um ihr einfaches Recht? Schaffte die soziale Not nicht allüberall Kampf? Griff sie nicht immer wieder nach verkehrten Mitteln, bis sie es einmal lernen würde, nach den rechten zu greifen in Einigkeit und gesetzmäßiger Entwickelung? Grünte nicht stets unter Blut und Tränen die junge Saat der kommenden Geschlechter?

»Höre, Bruder,« sagte er ruhig, »es ist wahr, daß ihr arm seid. Was nützt es dir, wenn ich dir sage, daß es mir bitter in der Seele weh tut? Ich bin nur einer und ich kann den vielen nicht helfen. Kannst du der Seuche Einhalt tun, wenn sie schleichend von Tür zu Tür geht und die Menschen dahinrafft? Vor Jahren hattet ihr die Cholera hierzulande – konntest du sie hindern? Ihr führt ein Leben der Eintönigkeit und Not, es ist wahr, ist es aber doch nicht besser als im Gefängnis oder in Sibirien? Warum hobst du die Hand wider mich? Bedachtest du nicht, daß du schwere Schuld auf dich ludst? Und wenn du mein Leben ausgelöscht hättest, gibt es nicht überall Leute, die reicher sind als du? Kannst du sie alle vernichten?«

Ein seltsames Zucken rann durch die Züge des Gefesselten. Hinter dieser niedrigen Stirn arbeitete und tobte es.

»Herr, laß mich frei!« sagte er heiser.

Heinz sah dem Manne lange und forschend in die Augen. »Hast du ein Weib? Hast du Kinder?«

»Ein krankes Weib, drei Kinder – – sie hungern!«

Und Heinz nahm sein Messer, beugte sich zu dem Manne nieder und zerschnitt seine Fesseln.

»Du bist frei!« sprach er. »Geh mit Gott!«

Der Mann stolperte auf seine Füße, sah Heinz mit einem Blick grenzenlosen Staunens an, warf sich demütig zur Erde nieder und küßte sie.

Heinz griff in die Tasche und gab ihm einen Silberrubel. »Für deine Kinder. Nun geh in Frieden.«

Noch einmal starrten ihn die dunklen Augen voll dumpfer Ergriffenheit an, noch einmal warf sich der Mann vor ihm nieder. Dann griff er nach seiner Büchse und sprang in langen, wilden Sätzen über die grau und farblos gewordene Ebene.

Heinz sah ihm lange nach und lächelte still.

Er beschloß, vorläufig zu Fuß den Heimweg einzuschlagen, und bedauerte, sein Pferd weggeschickt zu haben, denn die Wunde im Arm begann ihn bedenklich zu schmerzen. Gleichzeitig freute er sich auf Terentis verblüfftes Gesicht, wenn der jetzt im Vollgefühl seiner wichtigen Mission mit dem Gendarmen angetrabt kam und den Vogel ausgeflogen fand. Hm, hatte er sich da nicht einer ungesetzlichen Handlung schuldig gemacht? Es schien so – na, das ließ sich schon arrangieren. Das Vergeben sollte am Ende jedem freistehen dürfen.

Vor sich hinpfeifend, schritt er aus. Ihm war zumute, als hätte er sich ein Rüstzeug geschmiedet, das ihn unverwundbar machte, als hätte er wieder einmal den Schlüssel gefunden, den er schon manchmal besessen und nur zu oft verlegt und verloren hatte, den goldenen Schlüssel zum Leben im Ganzen, in dem Sinne, daß er in allen andern das eigene Selbst erkannte, sich mit allen andern Wesen verband und identifizierte. Sein Herz klang und blühte, eine frohe Liebe zu aller Kreatur wallte in ihm über, und er wußte, daß es die gleiche Veranlagung war, die seinen kleinen Erik so über alle Maßen liebenswert erscheinen ließ, nur daß sein kleiner Sohn ihm um ungeahnte Weiten voraus war.

Die Nacht senkte sich allmählich auf das weite Land, das beruhigt und dunkel um ihn lag wie ein stillgewordenes Meer, und die Stille war so groß, daß seine Schritt ihm wie taktmäßige, gedämpfte Hammerschläge die enteilende Zeit zu messen schienen. Wie verwandelt war der Heimkehrende im Vergleich zu dem, der am Morgen ausgezogen war! Auch dies ein Symbol! War nicht sich selbst zu suchen, die Besonderheit seiner Doppelnatur in getrennter Schärfe zu empfinden, die Arbeit seines ganzen Lebens gewesen? Und jetzt, in seinem reifen Mannesalter kehrte er wie eine große Woge zu seinem Ausgang zurück und wußte, daß sein wahres Ich, sein ewiges Selbst im All ruhte wie ein Kind an der Mutterbrust, unschuldig, einig und geborgen. Es war ihm, als habe er den Kreis seines Lebens vollendet, als sei, was jetzt noch kommen würde, nicht für ihn selbst mehr da, sondern als sei er nur noch für andere. Und zugleich atmete er tief und sog die reine Nachtluft in sich wie einen auserlesenen Genuß, und seine Sinne waren so scharf und so fiebernd-lebensvoll, daß er selbst das schmerzende Brennen in seinem Arm wie etwas Köstliches empfand. So war es keine verklungene Mär, es gab wirklich Zeiten, wo nur das Bewußtsein, zu leben, nur das Atmen allein eine Herrlichkeit war ohnegleichen! Ja, er empfand das glückselige Insichselbstversunkensein des von Licht und Luft gebadeten Baumes und der gesamten Pflanzenwelt – und sah er zurück in die Tiefen der sozialen Not, in den Jammer des blutigen Kampfes um Hunger und um Liebe, so hörte er eine zuversichtliche, große Stimme in seiner Seele, die ihm verkündete, daß eine Zeit kommen werde, wie sie für ihn, den einzelnen, heute angebrochen war, die alle Stürme zur Ruhe weisen könne und werde, jene Zeit der seligen Reife einer erleuchteten Menschheit, die voll des unsichtbaren Gottes in der eigenen Brust, kein Unrecht mehr sehen noch fordern könne. Bis dahin galt es für jeden, an seinem Teile die Steine zu dem gewaltigen und herrlichen Wunderbau zusammenzutragen.

So lag in seiner tiefen Einsamkeit das ungeheure Leben vor ihm da, ein Schauspiel.

Er sah, wie der Vorhang aufgezogen und wieder niedergelassen wurde. Er sah seinen Heino daherstürmen auf dieser Bühne des Lebens, fiebernden Blutes mit Klirren und Rasseln, er sah Erik leise, leise entweichen ... Verena sah er ... still, genug ... nicht mehr, nicht weiter ...

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