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Kilian oder Die gelbe Rose

Paul Kornfeld: Kilian oder Die gelbe Rose - Kapitel 5
Quellenangabe
typecomedy
authorPaul Kornfeld
year1926
firstpub1926
publisherErnst Rowohlt Verlag
addressBerlin
titleKilian oder Die gelbe Rose
pages127
created20120928
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dritter Akt

Garten mit Gitter, im Hintergrund die Front des Hauses. Nacht, später kommende Dämmerung.

 
Vierfuß (auf einer Bank vor dem Gitter).

Vierfuß (aus dem Schlaf erwachend, allein:) Noch immer Nacht! Welch traurige Kraft, die mich hier niederhält, welch arme Schwäche, die mich nicht nach Hause gehen läßt! Es läuft heute alles so, wie er will, es läuft heute so – aber es wird doch nicht sein, es wird doch nicht sein, daß ich sterbe? Oh nein, es wird nicht sein! (Er schläft wieder ein und bleibt von allen unbemerkt.)

 
Julius.

Julius: O Welt! O Geist! O Liebe! Was ist die Welt? Sie sprechen weiter, sprechen immer weiter, und ich kann nicht mehr denken, kann nicht mehr folgen, nicht ihren Worten und nicht den Ereignissen! Alles, jedes einzelne, das geschieht, und jeder Satz, den ich höre, alles macht mich hilflos und ratlos und sprengt mich – sie 89 aber – ja, das ist das sonderbarste und unbegreifliche: sie nehmen alles zusammen so hin, zwar staunend und doch, als wäre alles in Ordnung! Wahrscheinlich leben sie schon in einer anderen Sphäre. – Und ich? Wer hilft mir? mit wessen Hand kann ich gehen? wo ist ein Freund? Erika –? Sie? O nein! Fata Morgana! die schön anzusehen ist und uns doch verdursten läßt! Welch ein Zusammenbruch!! Und doch –! wie schwach bin ich! trotz allem, trotzdem doch der Dunst verflogen ist und ich sie ganz und ganz entlarvt habe, trotz allem, von jenem Bild, das meine Phantasie von ihr gelogen hat, kann ich mich, kann ich mich nicht trennen –! (Ab.)

 
Frau Samson .

Frau Samson: Was ist's mit mir? Er wächst und wächst und steigt und steigt, und ich sinke vor ihm immer mehr in mich zusammen, und wenn er mich ansieht, dann ist's, als wäre ich gar nicht mehr da, und ich bin wie zerschmolzen. Wer hätte gedacht, daß noch solche Empfindungen über mich kommen können! Was soll ich tun? Es gibt Stunden, in denen sich das geistige Leben des Menschen entscheidet, und je älter man wird, desto schneller folgen diese Stunden aufeinander; denn immer mehr häufen sich vor uns die Probleme! – Ach, diese Regungen! Wie sie an mir nagt, wie sie an mir frißt, wie sie mich vernichtet – die fürchterliche Scham! (Ab.) 90

 
Schiroga .

Schiroga: O selige Nacht! o selige Nacht! Wie fühle ich mich erhoben! – Dort eilt noch jemand her, in die Einsamkeit, wie ich!

 
Kummer .

Kummer (ohne Schiroga zu bemerken:) Die Gehirne schwitzen schon! Aus den Köpfen steigen Wolken! Der Blick kann nicht mehr den Nebel durchdringen! Wenn man wenigstens sagen könnte: alles, was er tut, ist Betrug! Doch so kann man's nicht sagen! Verfluchtes Gesindel!

Schiroga: Kummer –! Kleine Laus! Knie nieder!

Kummer: Wovor? – Sie sind ein Narr!

Schiroga: Aber ein trunkener Narr! – auch ohne Alkohol! Knie nieder! Vor ihm! Ich liebe und verehre ihn – und du nennst ihn einen Schwindler? Nennst du ihn so?

Kummer: Wollen Sie raufen? – Nein, ich nenne ihn nicht so.

Schiroga: Ah –?

Kummer: Ah –! Bei den genauesten Beobachtungen kann ein Irrtum geschehen. Ich habe mich nachträglich einer schnellen Bewegung Erikas erinnert –: natürlich hat Mantl die Rose in seine Tasche gesteckt, und Erika hat sie herausgezogen!

Schiroga: Ah –! Also ist er kein Betrüger?

Kummer: Nein! Außerdem bin ich Psychologe 91 genug, um einen ertappten Schwindler von einem unschuldig Verdächtigten zu unterscheiden!

Schiroga: Bravo! Endlich! Endlich, du Hund! Solch einen Mann zu verleumden! War nicht jener Augenblick einer der schönsten meines Lebens?

Kummer: Welcher Augenblick?

Schiroga: Welcher Augenblick –! Jener, da er den alten Mann verflucht hat! Wie er ihn angedonnert hat: wer jetzt geht, wird nur auf einer Bahre wiederkommen! Schien da die Welt nicht einzustürzen?

Kummer: Ja! Sie schien einzustürzen! Aber sie ist nicht eingestürzt! Und wird nicht einstürzen! Verflucht hat er ihn, aber nichts ist geschehen!

Schiroga: Nichts ist geschehen? So wird noch geschehen!

Kummer: Was?

Schiroga: Sie werden sehen, es wird noch geschehen!

Kummer: Was wird geschehen?

Schiroga: Sie werden es sehen!

Kummer: Schweigen Sie!

Schiroga: Gut, ich schweige. Aber Sie werden sehen, es wird noch geschehen! Und dann, wie er allein geblieben ist, allein im Zimmer, von allen Seiten eingesperrt, da haben wir zuerst seine Stimme allein gehört, dann aber plötzlich eine andere fremde Stimme – woher kam sie? Und sie haben eine Zwiesprache gehalten, die fremde Stimme und er, wie wir aber zurückkamen, war 92 er wieder allein. Und haben Sie nicht wieder alles untersucht und nichts gefunden, Sie großer Untersucher? Nun? Wie ist's damit?

Kummer: Ich weiß es nicht. Vielleicht ist er ein Bauchredner! Ich weiß es nicht! Es ist nichts geklärt. Eine geordnete Kontrolle war nicht möglich! Aber ich verstehe natürlich Ihre Erregung!

Schiroga: Gut! Endlich, du Hund! – Und ist er ein Schwätzer und Scharlatan?

Kummer: Das habe ich nie behauptet! Ich habe mich nur um die Ereignisse gekümmert!

Schiroga: Ah! Also ist er doch ein großer, ein bedeutender, ein seltsamer Mensch?

Kummer: Ich weiß es nicht! Jedenfalls ist er eine suggestive Persönlichkeit. Er hat viel studiert, auch die Resultate der modernen Forschung, hat viel gearbeitet und denkt in kühnen Kombinationen. Manches ist phantastisch und undeutlich, aber vielleicht nur mir, der ich in bestimmten Geleisen zu denken gewohnt bin!

Schiroga: Gut! Gut! Ich liebe Sie! Ich liebe die Wissenschaft!

Kummer: Danke!

(Im Hintergrund wird Samson sichtbar.)

Schiroga: Sehen Sie! Dort!

Kummer: Was?

Schiroga: Eine fremde Gestalt! im Dunkel!

Kummer: Wo? Ich sehe nichts!

Schiroga: Dort, dort! Zehn Schritte weit! Sie müssen doch den Menschen sehen! 93

Kummer: Ja – aber das ist keine menschliche Gestalt!

Schiroga: Herr! Da gibt's doch keinen Irrtum! Das ist ein Mensch!

Kummer: Nein! Das ist kein Mensch! Sie halluzinieren! Kommen Sie!

Schiroga: Aber vielleicht ist es ein ganz gewöhnlicher Mensch –?

Kummer: In diesem Fall wäre es vollkommen uninteressant, wenn er hier spazieren geht! Kommen Sie! (Ab.)

Schiroga: Wie kann man nur solche Angst haben vor ein bißchen Gespenst! (Ab.)

 
Samson (kommt nach vorn).

Samson: Das ist wieder eine Nacht! Bin ich der Hausherr? Nein, ich glaube nicht. Man tut, als wäre ich gar nicht auf der Welt. Die ganze Nacht Lärm im Haus, und ich kann nicht schlafen; jetzt auch noch Lärm im Garten – ich denke: Einbrecher – und schleiche mit diesem Revolver her – ja! Was sehe ich? Gäste meiner Frau! – Jetzt aber, wirklich, jetzt möchte ich mit dem Revolver meine Frau erschießen. Aber das wäre unklug. Denn habe ich ihr schon in der Ehe meine ganze Jugend dargebracht, dann will ich ihretwegen nicht noch ins Zuchthaus kommen. – Aber all diese Gäste könnte ich hinauswerfen! – Ja, wie oft habe ich mir das schon vorgenommen und doch nicht getan. – Heute aber werfe ich sie wirklich hinaus! – Das habe ich schon oft gesagt. – Heute 94 aber werfe ich sie ganz bestimmt wirklich hinaus. (Ab.)

Schiroga (vorübergehend:) Weg ist das Gespenstchen! Weg! – Ich gehe nicht hinein – was sollte ich denn drin? Ich bin so selig, schwebend im All –! (Ab.)

 
Schumpeter .

Schumpeter: Ich kann nicht mehr. Mein Arm schmerzt mich und ist lahm vom Schreiben. Ganze Bände habe ich geschrieben. – Hoffentlich sagt er indessen nicht etwas Besonderes. Alles, was er sagt, ist besonders. Und die Persönlichkeit kann man doch nicht einfangen in den Worten. – Weiter, weiter! Wie es schmerzt! Ich werde mit der linken Hand zu schreiben versuchen. (Ab.)

 
Gräfin Ziegeltrum .

Gräfin Ziegeltrum: Es treibt mich heraus! Ach, diese Nacht! Könnte man doch die häßlichen, rohen Tage ausstreichen und eine Nacht wie diese an die andere reihen! Die Männer, die Männer, sie sind stark, sie kennen keine Grenzen, sie nehmen die schwersten Worte in die Hand, als wär's ein Flaum! – Die Erde ist nur ein im All dahinwirbelndes Atom. – Der Geist ist alles. – Acht Leiber hat der Mensch, darunter den Astralleib. – Bei jedem Satz durchrieselt's mich! Die Männer, die Männer! – ein herrliches Geschlecht! – Lieber Julius! 95

 
Julius .

Julius: Gräfin –!

Gräfin Ziegeltrum: Ich kann nicht mehr in meiner Seligkeit!

Julius: Es ist zuviel dies alles, zuviel!

Gräfin Ziegeltrum: Nicht wahr?

Julius: Wenn aber nur alles ganz in mich überginge, daß ich mitaufsteigen kann! Wenn ich nur alles ganz verstünde!

Gräfin Ziegeltrum: Wir müssen uns mit dem Schauer begnügen, den wir empfinden!

Julius: Ja. Aber nicht wahr, wir wollten seine Werke studieren?

Gräfin Ziegeltrum: Das wollten wir, und wir werden es auch tun, und dann wollen wir einander sagen, was wir über die tausend Gegenstände denken, und wollen sprechen und sprechen und unsere Seelen ganz weit öffnen!

Julius: Könnte es mir so entströmen, wie ich alles empfinde!

Gräfin Ziegeltrum: Wollen Sie heute nachmittag zu mir kommen? zum Tee?

Julius: Vielen Dank! Sehr gern. –

Gräfin Ziegeltrum: Sie haben noch nie geliebt?

Julius: O Gräfin, wie Sie mich nicht kennen!

Gräfin Ziegeltrum: Sie haben mich mißverstanden. – Ich meine: Sie haben noch nie die Freuden eines Frauenkörpers genossen?

Julius: Nein. Noch nie.

Gräfin Ziegeltrum: Süßer Junge! Bleiben Sie keusch! Bleiben Sie, wie Sie sind! Diesen Kuß der 96 Freundschaft! Sie kommen heute zu mir, unsere Geister werden einander küssen, unsere Astralleiber einander umarmen –! Süßer Junge! Bleiben Sie keusch! Noch diesen Kuß! Bleiben Sie keusch, bleiben Sie keusch! (Mit Julius ab.)

Vierfuß (erwachend:) Es ist anders geworden. Am Himmel ein Schein, in der Ferne der Tag und schon, weit weg, Geräusch und Schritt! – Und doch, noch immer, dieser Druck in meiner Brust! (Er schläft wieder ein.)

 
Schiroga .

Schiroga: Ich gehe nicht hinein – Geschwätz, immer nur Geschwätz! laß sie schwätzen! – Ich schwebend im All, schwebend im All – was fehlt mir noch? Eine Seele, eine Seele, eine Frau mit einer Seele, daß ich ihr alles zuflüstern kann, und sie gläubig und hingegeben hört! Und kleine Zärtlichkeiten, kleine harmlose Zärtlichkeiten für mein aufsteigendes Herz –! – Doch so sind diese Frauen: sie sagen: ich liebe nur den Geist – und wenn man ihnen antwortet: ausgezeichnet, sehr verehrte gnädige Frau, ich habe auch nichts anderes zu bieten als den Geist – seelisch fühle ich mich jugendlich und schwärmerisch, mein Geist voll überstürzender Kraft – im übrigen aber, vorzeitig und seit langem schon – wie sagte mir einmal ein Nebenbuhler –? Impotenter Mystiker –!

 
Samson (am Fenster des ersten Stockwerks).

Samson: Ach, bitte, verzeihen Sie! Mein Name ist Samson. Dürfte ich Sie höflichst bitten, nur ein 97 wenig ihre Stimme zu dämpfen –? Entschuldigen Sie, bitte!

Schiroga: Eine fremde Stimme aus der Höhe! Was sie gesagt, habe ich nicht verstanden, aber gehört habe ich sie, gehört, die fremde Stimme! – Und dort! Dort eine Gestalt am Fenster! Hast auch du die fremde Stimme gehört? Und wer bist du? Wenn du eine Frau bist, komm zu mir herunter, in meine Arme –! (Samson verschwindet.) – Du wirst Sensationen erleben, ein Glück von nie geahnter Art an meiner Brust, du wirst mit jedem Nerv vibrieren – ich bin ein toller Kerl! – Schon weg! –

    Hast du's gehört? Der erste Vogel hat gepfiffen. Das kann ich auch. Ft. Ft. Ich kann es nicht. Ich bin nur Geist und Herz.

 
Verwandlung: Das Zimmer des zweiten Aktes. Künstliche, düstere Beleuchtung.

Kilian, Frau Samson, Gräfin Ziegeltrum, Schiroga, Kummer, Julius, Schumpeter, Erika, Mantl .

Schumpeter: Kein Papier, kein Papier, kein Papier mehr da! Kein Papier im ganzen Haus! Und niemand mehr ein Notizbuch –? Die Manschetten sind auch schon fast vollgeschrieben –.

Julius: Bitte, nehmen Sie meine!

Frau Samson: Die Läden werden ja bald geöffnet, dann wird Julius Papier holen. Draußen muß doch schon Tag sein.

Gräfin Ziegeltrum: Sprechen Sie weiter, Meister, sprechen Sie weiter! 98

Frau Samson: Sprechen Sie weiter! Ich will Sie nicht stören, nur das noch –: Vor zwei Jahren – das Ganze stand mit allen Einzelheiten und Zeugenaussagen in der Zeitschrift »Wissenschaftliche Untersuchungen sonderbarer Fälle« – vor zwei Jahren also ist ein Herr in London in ein Auto gestiegen und hat als Ziel eine bestimmte Adresse angegeben. Es war Mittag, der Weg ging durch die belebtesten Straßen, wie aber der Wagen vor dem betreffenden Haus stehenbleibt – ist er leer. Ein Verbrechen war am Tag und in dieser Gegend ausgeschlossen, herausgesprungen kann er auch nicht sein, denn der Chauffeur war mit achtzig Kilometer Geschwindigkeit gefahren und wurde deshalb auch nachher bestraft. Der Fremde war verschwunden. Man hat im Wagen nach irgendwelchen Hinweisen gesucht, wer er gewesen sein mag – doch vergebens. Nach zwei Tagen aber fand man mitten auf seinem Boden einen Zettel, auf dem stand mit zitteriger Hand geschrieben: forschet nicht nach mir!

Kilian: Sehr interessant, was Sie da erzählten! Doch es ist etwas anderes, als wovon wir sprachen. Wo sind wir geblieben? wovon haben wir gesprochen? –

Frau Samson: Sind Sie müde, Meister?

Kilian: Durchaus nicht, nur angeregt, nur angeregt! Im übrigen, meine Damen und Herren, ich habe ganz vergessen, ihnen eine Mitteilung zu machen. Als Herr Vierfuß gegen meinen Willen dieses Haus verließ, habe ich gesagt: er wird 99 wiederkommen, aber nur als Leiche. Nun denn, ich kann Ihnen sagen: es ist bald so weit.

Mantl: Was soll das bedeuten?

Kilian: Ja, kurz, nachdem er von hier weggegangen war, ist er draußen auf einer Bank gesessen und ist gestorben.

Schiroga: Hören Sie es, Herr Kummer, Sie Hund?

Kummer: Lassen Sie mich!

Schiroga: Gestorben –?

Kilian: Nun ja, er war noch nicht tot, aber er war nahe daran.

Mantl: Woher wissen Sie es?

Kilian: Ich habe genaue Nachrichten darüber.

Erika: Und warum ist man ihm nicht helfen gegangen?

Kilian: Ihm war nicht mehr zu helfen. Er hat es selbst gesagt.

Mantl: Sie erzählen das so, als wäre es nichts! Doch es ist etwas, wenn einer stirbt! Begreifen Sie's! Es wäre furchtbar –!

Kilian: Furchtbar –? Er hätte eben hierbleiben sollen! – Doch – furchtbar –? Nun ja, andererseits wäre es furchtbar. Gewiß. – Hatte er Kinder? Oder war er allein auf der Welt?

Frau Samson: Ich weiß es nicht.

Kilian: Wie? Sie wissen es nicht? Er war Ihr Freund, und Sie wissen es nicht?

Mantl: Es ist ja alles Unsinn, was Sie sprechen!

Kilian: Nun denn, wir werden ja sehen, ob alles Unsinn ist! Lassen wir's! – Wo sind wir 100 geblieben? Sie haben etwas sehr Interessantes erzählt, gnädige Frau –. Doch vorher sprachen wir von etwas anderem. Ja, nun denn: ich sagte also: wir wollen keine Materialisten sein und glauben an den Sieg des Geistes und des Fortschritts. – Die Wissenschaft hat bisher den Tieren alle Vernunft abgestritten. Ich hasse alle Vorurteile und frage: warum sollte der Mensch das einzige gehirnbegabte Wesen ohne Denkfähigkeit sein? Es ist nachgewiesen, daß alles radioaktiv ist, und ich sage nun: warum sollte gerade das Gehirn nicht radioaktiv sein? Ja, ich behaupte: die Gedanken sind lediglich Ausstrahlungen des Gehirns. Herr Kummer, es wird eine lohnende Aufgabe sein, diese meine Hypothese experimentell nachzuweisen! Psychisches gibt es, wissenschaftlich gesehen, nicht. Der Wille – alles ist lokalisiert! – hat seinen Sitz im Gehirn. Auch er ist eine Seele, also aber auch eine ausstrahlende Seele. Der Tod ist – äußerlich betrachtet – ein chemischer Auflösungsprozeß, innerlich ist er etwas ganz anderes. Als ganz von außen kommend, ist er ein Wunder. Wir aber müssen auch die Wunder, soweit sie nicht, wie es meistens, ich möchte sagen: im Alltag, der Fall sein wird, durch die Forschung aufklärbar sind, mit unserm Verstand zu erfassen suchen durch Gesetzmäßigkeit, Analogien, Parallelitäten. Frau Samson hat uns durch ihre Erzählung eine solche Parallelität gegeben: zuerst verschwindet ein Ding, die Rose, und jetzt, hier, wie wir eben gehört haben, ein lebendiger Mensch 101 – dies alles unter der Voraussetzung, daß nicht jeder dieser beiden Fälle durch Aufdeckung eines Zufalls erledigt wird, was ich nun nicht mehr glaube, wobei jedoch auch dann noch immer zu sagen wäre: selbst wenn wir den Tatbestand des Zufalls als volle Wahrheit aufgedeckt hätten, müßten wir immer noch fragen: was ist Wahrheit?

Frau Samson: Wie richtig! wie richtig!

Kilian: Wir sagen von etwas: so ist es, und ein Echo kommt zurück und ruft: ist es so? – Kurz also, wir müssen der Mystik eine wissenschaftliche Grundlage geben und müssen andererseits die Wissenschaft mystifizieren!

Schumpeter: Augenblick, Augenblick, ich komme kaum nach –!

Julius: Verwandte von mir kamen unlängst auch aus London, und sie haben erzählt: ein Herr ist auch in ein Auto gestiegen, um nach Haus zu fahren, er liest Zeitung, wie er aber dann aufschaut, ist er in einer ganz fremden, menschenleeren Gegend, die Türen waren zugesperrt, er schreit, aber das Auto rast und rast, und plötzlich fährt es in den Hof eines riesigen, schloßartigen Hauses, dort wird er von fremden Männern herausgezerrt, ausgeraubt, dann wahrscheinlich chloroformiert, denn er erinnert sich an nichts mehr, und erst am nächsten Morgen an einer Straßenecke bewußtlos aufgefunden. Die Polizei hat Wochen und Wochen nach diesem Haus gesucht, es aber nicht gefunden. Wahrscheinlich war es ganz weit draußen außerhalb der Stadt. – 102

Kilian: Sehr interessant! – Man spricht immer vom Wärmetod oder Kältetod der Erde – ich habe da andere Gedanken –. Wer weiß, ob nicht eines Tages die Erde statt dessen – wie sie entstanden ist! – plötzlich in ihre Atome zerfällt und sich so im All verliert –. Doch das ist eine sehr weit hinreichende Hypothese – und nicht alles, was ich sage, ist nun auch schon ganz bestimmt!

Schiroga: Was Sie erzählt haben, Julius, war vielleicht von diesem Menschen nur ein Traum, oder der Kerl war ein Großmaul. Unlängst wurde einer ermordet; erstochen. Man hat einen Hellseher gefragt, und er –: ich sehe eine Hand, dort und dort, sie wird euch weisen. Man hat gesucht, dort und dort, und hat sie wirklich gefunden, dort und dort, eine Menschenhand, und nachher auch bemerkt, daß dem Toten eine Hand fehlt; abgehackt; aber der rechte Zeigefinger war ausgestreckt bei dieser Hand, und unterm Nagel ein Haar des Verbrechers – so konnte man ihm den Mord nachweisen. Tod, Hinrichtung.

Frau Samson: Schrecklich, schrecklich! Unlängst ist ein Mann bei einer spiritistischen Sitzung fast ermordet worden. Er blieb allein mit dem Tisch, und wie man wiederkam, waren alle Gegenstände zerschlagen und er selbst furchtbar verprügelt. Er hatte aber niemanden gesehen.

Kilian: Sehr interessant!

Schiroga: Das waren vielleicht feindliche Geister aus einem früheren Leben.

Gräfin Ziegeltrum: O! Entsetzlich! Denken Sie, 103 ich habe eine Tante, die weiß genau, was sie in ihrem früheren Leben war!

Julius: Ist es wahr –: wenn man einem Huhn den Kopf abhackt, läuft es noch weiter, immer noch weiter und lebt noch –?

Gräfin Ziegeltrum: Ich habe eine Tante, die weiß genau, was sie in ihrem früheren Leben war!

Kilian: Was war sie denn?

Gräfin Ziegeltrum: Eine Pinie auf Sizilien. An einem Sommertag stand sie in der Nähe des Baumes, da wurde ihr ganz sonderbar, sie schwankte hin zum Baum, hat ihn umklammert und hat gefühlt: wir sind verwandt, der Baum und ich. Das war ich einst in einem früheren Leben. Denken Sie!

Kilian: Aha! Da haben wir's!

 
Samson (erscheint unbemerkt in der Tür).

Schumpeter: Alles, was Sie uns heute einzeln und verstreut gesagt haben, schließt sich nun für mich zu einem großen System, und ich übersehe seinen ganzen Bau. – Sieben Seelen, lehren Sie, sind im Menschen wirksam?

Kilian: Sieben Seelen!

Schumpeter: Doch sprachen Sie noch davon, was wirksam ist im erhöhten Menschen?

Kilian: Ganz recht! Was man gemeinhin ein Talent nennt –. Das Talent hat acht! – Und das Genie neun!

Frau Samson: Und wie nennen Sie Ihr System? Die Lehre von Gott? vom Menschen? von den Seelen? vom Leben? Vitasophie? 104

Kilian: Gut! Vita – das Leben! Vital!

Frau Samson: Und Sie haben noch nicht von der Liebe gesprochen?

Schiroga: Und von Gott?

Gräfin Ziegeltrum: Und vom Tod?

Kilian: Einen Augenblick, meine Damen und Herren, eins nach dem andern! Der Tod – ich kann es ihnen nicht genauer ausführen–nur kurz: der Tod ist eine Form des Lebens, das Jenseits eine andere Form des Diesseits.

Schiroga: Ich ahne, was Sie meinen! – Sehen Sie! Dort! Ein fremdes Wesen!

Gräfin Ziegeltrum: Huch!

Frau Samson: Hinaus!

Kummer: An die Apparate!

Julius: Hilfe!

Schiroga: Gegrüßt, wolkenhaftes Wesen aus geahnten Welten! Der letzte Schluck der Flasche sei dir zugetrunken!

Kummer: Verflucht, verflucht, wo ist das Blitzlicht? – Hier, drücken Sie Ihre Finger in diese Masse!

Kilian: Ruhe, Ruhe! Wir dürfen die Besinnung nicht verlieren! Bist du ein Mensch oder ein Wesen welcher Art?

Samson: Sie werden es erfahren, daß ich ein lebendiger Mensch bin!

Kilian: Ein lebendiger Mensch! – Hören Sie alle? – Das habe ich nicht erwartet!

Gräfin Ziegeltrum: Ein lebendiger Mensch –!

Schiroga: Die Stimme kenne ich! Alles ahne 105 ich immer voraus! Auch diese Nacht habe ich vorausgeahnt! Alles verstehe ich, alles weiß ich – Visionen, Visionen!

Kummer: Was wissen Sie? Was verstehen Sie? Sprechen Sie!

Schiroga: Das bleibt für immer mein heiliges Geheimnis! (Er fällt hin und reißt die Apparate mit.)

Kummer: Meine Apparate, die Apparate! Idiot! Jetzt ist alles zu Ende!

Samson: Ich habe Sie wohl sehr erschreckt?

Frau Samson: Geh wieder! – Meister, das ist mein Mann, ein Ignorant, ein vollkommen ungeistiger Mensch. – Geh, wohin du gehörst! In dein Bureau!

Samson: Ich bitte vielmals um Entschuldigung. – Ich wußte ja nicht, daß die Herrschaften noch hier sind. Ich wollte nur sehen, ob die Zeitung schon gekommen ist. – Ich hoffe, Sie haben eine angenehme Nacht in meinem Haus verbracht, in angeregter Unterhaltung. – Gestatten Sie übrigens, daß ich mich ihnen allen vorstelle. Samson. – Samson. – Samson. – Samson. – Sie, mein Herr, sind gewiß der berühmte Herr Natterer. Ich freue mich besonders, Sie kennenzulernen. Meine Frau hat viel von Ihnen gesprochen. Leider kenne ich noch keines Ihrer Bücher, aber jetzt, da ich Sie kenne, werde ich wohl daran gehen. Es ist doch interessant, ein Buch von einem Menschen in der Hand zu haben, den man persönlich kennt. – Ich wäre ja gern die Nacht über bei Ihnen gesessen, 106 aber ich bin aufrichtig: ich verstehe nichts von diesen Dingen. Ich sage immer: de gustibus non est disputandum. Das ist doch richtig, nicht? – Ich vergleiche es immer mit einem Sammler. Ich sage immer meiner Frau: es gibt ja auch Leute, die Porzellanpantoffeln sammeln. Ich interessiere mich nicht für Porzellanpantoffeln und verstehe nichts davon. So sammeln auch Leute Bilder und Bücher und interessieren sich für Kunst und Wissenschaft und allerlei Probleme. Gewiß auch die anwesenden Herrschaften. Aber ich bin aufrichtig: das alles ist nichts für mich. – Der berühmte Lionardo hat gemalt, aber ich habe gelesen, alle seine Bilder sind verdorben. Nun also! Heute gibt es andere Maler, die andere Bilder malen. Ich bin Finanzrat, und nach mir werden andere Finanzräte kommen. – Meine Frau ist ganz anders als ich. Und sie hat mich doch geheiratet. Ich war nämlich ein schöner, starker Mann. Wenigstens galt ich dafür. Man soll sich nicht selbst loben. – Ich habe einmal gehört, wie jemand von uns beiden gesagt hat: die passen zusammen, wie Topf und Deckel. Wieso? Wir passen eigentlich gar nicht zusammen. – Mit Politik befassen sich die Herrschaften wohl nicht? Wie? – Also ich werde nicht weiter stören und mich verabschieden. – Auf Wiedersehen. Auf Wiedersehen. – Auf Wiedersehen. – Es hat mich sehr gefreut, Sie alle kennengelernt zu haben. – Guten Morgen! – Es hat mich sehr gefreut. – Guten Morgen! (Ab.) 107

Frau Samson: Meister, ich schäme mich vor Ihnen –! (Sie weint.)

Kilian: Meine Damen und Herren, das war ein großer Schrecken; doch wir haben gesehen, daß es ein Mensch ist. Allerdings ein sehr kleiner Mensch, eine Laus, die über die Erde kriecht. So aber ist es gefügt, daß das Kleine klein und das Große groß ist. Niemals kann das Kleine groß sein. Doch so lange jene Wesen aus den Niederungen unten, wo die Nebel wallen, emporsehen zu den Bergesgipfeln, ist alles gut. – Wovon sprachen wir? – Ja – ich werde Ihnen eine Geschichte erzählen – nennen Sie's eine Legende oder ein Märchen –.

    Es lebte einst ein Mann, irgendwo, kärglich von seiner Hände Arbeit und ernährte sich schlicht und bescheiden. An einem Abend, da ging er hinaus, kaum war man aber seiner ansichtig geworden, da riefen alle: unser Prophet! – denn siehe, man hatte ihn, man hatte sein Gesicht verwechselt mit dem Gesicht eines großen Propheten. Und sie fragten ihn, und da sie in ihn drangen und ihm keine Ruhe ließen, öffnete er den Mund und sprach und sprach und gab ihnen Auskunft, und siehe, sie hörten ihn und riefen: heil unser Prophet, wie ist er noch größer geworden! – Er war aber gar nicht der erwartete Prophet, sondern er war der schlichte Mann aus dem Volk. Siehe, sie aber wußten es nicht. Und er sprach und sprach, und aus allen Poren quoll Weisheit hervor, und sie jubelten und machten ihn – sie machten ihn nicht zu ihrem König – aber sie nannten ihn ihren 108 Meister. – Und er, den man erwartet hatte, der aber nicht gekommen war, hieß Natterer –!

Schiroga: Er ist nicht der Natterer –!

Schumpeter: Wer ist er?

Gräfin Ziegeltrum: Und Sie? Wer sind Sie?

Frau Samson: Eine heilige Stimmung durchströmt mich! (Es schellt.) Was ist das? Wer ist das, Meister?

Gräfin Ziegeltrum: Was denken Sie, Julius? Was wird's nun sein?

Frau Samson: Erika, geh nachsehen!

Mantl: Sie schicken Ihre Tochter –? Ich gehe. (Ab.)

Schiroga: Das ist die schönste Nacht meines Lebens!

Kilian: Meine Damen und Herren, wir wollen die Besinnung nicht verlieren! – Wir wollen mit Ruhe warten, mit Ruhe! – Schon ist ja Herr Mantl gegangen, nachzusehen – und schon höre ich seine Schritte wiederkommen. – Nun –?

 
Mantl (mit zwei Männern, die Vierfuß auf einer Bahre bringen).

Mantl: Vierfuß! – Sie bringen Vierfuß!

Kilian: Tot –?

Julius: Hilfe! (Er fällt in Ohnmacht.)

Kilian: Wirklich tot? – Vielleicht nur eine Ohnmacht? – Man soll nachsehen! Wirklich tot?

Frau Samson: Um ihre Größe zu beweisen!

Kilian: Ich danke Ihnen, Madame! Doch ich bedauere, daß es dafür eines Menschenlebens bedurft 109 hat! Ich bedauere es! – Meine Damen und Herren, ich muß denken, denken, immer denken, alles soll ich wissen, alle Fragen soll ich beantworten, alle Probleme lösen, über alles Auskunft geben, immer denken, denken – und indessen stirbt mir einer unter den Händen!

Mantl: Bitte setzen Sie doch Ihre Gespräche im andern Zimmer fort. Ich werde alles in Ordnung bringen.

Kilian: Ja, gehen wir. – Ich bedauere es. – Gehen wir! (Alle ab, außer Erika, Mantel und Julius.)

Erika: Der gute Mann! Wäre er doch hier geblieben! – Er war der einzige, der mir manchmal, als wollte er mich trösten, zugelächelt hat, und ich glaube, er hat mich auch getröstet. Denn seine Worte sind doch sanft in mich gefallen. Und auch nicht ein Wort des Dankes! Der gute Mann – ich trauere sehr um ihn.

Mantl: Hätte doch lieber sein Fluch alle die andern niedergeschlagen, als daß die Schwäche eines alten Mannes hinfallen mußte vor dem leeren Wort eines Hergelaufenen!

Erika: Ist das der Tod? Welch grauenvoller Schauder! Ist so das Ende?

Mantl: Es ist das ferne Ende, und unser Leben ist, daß wir's vergessen!

Erika: Nein, nein, ich will nichts wissen vom Leben! Ich spüre den Geruch des Grabs! Sehen Sie doch hin! Unter der Decke das starre Ding!

Mantl: Sehen Sie nicht hin! Ich halte Sie bei mir! 110

Erika: Nein, nein, ich will nichts wissen vom Leben!

Mantl: Doch ist es da und tönt in allen Akkorden!

Erika: Ich sehe nichts, ich höre nichts! Ich will nichts wissen vom Leben, wenn so das Ende ist!

Mantl: Das Ende! Doch bis dahin umwehen uns die Düfte aller Gärten, daß wir fortgetragen werden von ihnen und sind!

Erika: Wohin? wohin? – Ach, lieber Freund, lassen Sie mich aus Ihren Armen! Ich spüre einen Wind des Grauens!

Mantl: Und doch, er trägt ein Licht der Ewigkeit mit sich!

Erika: Lieber Freund, ich will's nicht sehen!

Mantl: Sie glauben's nur, Sie glauben's nur!

Erika: Lassen Sie, lassen Sie! – Sie retten mich aus einem Abgrund in den andern!

Mantl: Ja –! (Er trägt sie, die Tür zum Garten eintretend, hinaus.)

Vierfuß (nachdem er sich von der Bahre erhoben hat:) Nicht lachen! nicht lachen! Es waren schwere Stunden für mich! Es war kein Spaß, diese Bahre, kein Spaß! – Jetzt allerdings geht es mir gut, und ich bin heiter. – Wie ich hier weggehen wollte, lustig und siegesbewußt – doch seine Worte, sie klangen wie ein Befehl, und das macht schwach, und die Schwäche macht ängstlich und die Angst noch schwächer – und wie ich durch den Garten gegangen bin, die Worte im Rücken, da wurde ich immer ängstlicher und schwächer, und wie ich auf 111 der Straße stand, da ging mein Herz nur noch wie ein im Winde zitterndes Blatt, bevor's vom Zweige fällt. – Ich habe mich niedergesetzt auf einer Bank, um mich auszuruhen für einen Augenblick – und konnte nicht mehr aufstehen! Und ich habe Bilder gesehen –! und habe gehört: auf einer Bahre! auf einer Bahre –! – Auf diesen Worten lief die Zeit an mir vorbei, und ich lag dort, halb träumend und halb wach, halb lebendig und halb tot, Stunden und Stunden, bis es Morgen war. – Zwei Arbeiter sind gekommen –: was ist denn, alter Mann? Sollen wir Sie nach Hause führen? – In dieses Haus, in dieses Haus, auf einer Bahre, auf einer Bahre – zum Scherz, zum Scherz! – habe ich gesagt, denn ich habe mich geschämt! und habe ihnen alles Geld gegeben, das ich hatte, gegeben, gegeben, denn ich hatte mich gerühmt: ich habe keine Angst mehr vor dem Tode – aber erschrocken bin ich doch! –

Hier liegst du, kleiner Junge! – Er rührt sich schon. – Der Mantl hat gesagt: ich werde alles in Ordnung bringen – und läßt mich hier liegen! Gut, gut, er soll mich liegen lassen – ich aber habe mir vielleicht noch ein Jahr gerettet –. Was ist ein Jahr vor der Ewigkeit? Ich aber messe nicht mehr nach der Ewigkeit und habe mir noch einige Jahreszeiten gerettet, vielleicht ein Jahr, ein kleines Jahr! – Sie sind an der Tür. Was soll ich tun? Mich wieder niederlegen? Ich bin ja tot und bin so übermütig – als hätte ich die Flasche Schirogas ausgetrunken – daß ich fähig wäre zu jedem 112 kindischen, törichten Knabenstreich. – Sie kommen. Schnell, schnell! (Er legt sich nieder.)

 
Kilian .

Kilian: O mein Herr, wären Sie doch hier geblieben! – Ich hätte an mich auch geglaubt ohne Ihren Tod! – So ernst war es nicht gemeint. Es war nur Jähzorn. Und nun liegen Sie da! – Wären Sie doch hier geblieben! Ich will keine Opfer. Sie machen mich schwach. – Hätte ich noch Kräfte! Ich würde Sie wiedererwecken! – Oh, gebt mir Kräfte! Gebt meinen Worten Gewalt! – Steh auf! steh auf! – Er rührt sich nicht! – Steh auf! steh auf! – Er rührt sich nicht. (Julius erwacht aus der Ohnmacht und erhebt sich.) – Er rührt sich nicht! Es ist auch eine Roheit, einen Toten anzuschreien. Ich werde es ihm leise sagen. – Steh auf! steh auf! – Er rührt sich! Er steht auf! – Leg dich nieder! leg dich nieder! – Leg dich nieder!

Vierfuß: Was denn, was denn? Auf – nieder! Auf – nieder! Tot – lebendig! Tot – lebendig! Nein, jetzt bleibe ich stehen und bleibe lebendig.

Kilian: Sie waren ja gar nicht tot –!

Vierfuß: Doch, doch. Ich war tot.

Kilian: Nein. Es ist nicht wahr! – Ich glaube es nicht.

Vierfuß: Warum zweifeln Sie? Glauben Sie nicht an Ihre eigene Macht?

Kilian: Ich weiß es nicht. – Aber wenn Sie wirklich tot gewesen wären – wie war es denn? wie 113 eine tiefe Ohnmacht? oder – was haben Sie erlebt?

Vierfuß: Nicht viel. Es verging ja erst eine kurze Zeit, – Dort oben ist nämlich eine Terrasse, von der man niedersehen kann auf das Diesseits. Zu ihr drängen sich immer die jüngsten Bewohner des Jenseits, die eben Verstorbenen. Und ich war natürlich unter ihnen –.

Kilian: Eine Terrasse –? – Und was haben Sie gesehen? Wie bietet es sich dar, das Diesseits?

Vierfuß: Ein großes Getriebe; Bäume, Menschen, Tiere wachsen, Bäume, Tiere, Menschen wollen sich nähren und fortpflanzen – ein großes Getriebe, man könnte sagen: ein geordnetes Chaos. Aber man ist enttäuscht, wenn man niederschaut, denn was man sucht, findet man nicht, und in diesen ersten Stunden des Überganges weiß man auch gar nicht recht, was man sucht.

Kilian: So. – Und ragt nichts besonders hervor?

Vierfuß: Jedem das, was ihn anging auf der Erde. Später allerdings, sagte man mir, soll das anders werden.

Kilian: Und die großen Männer?

Vierfuß: Wie? – Ach so! Nein, nein, die sieht man nicht! von denen weiß man nichts! von dort ist hier alles anonym. – Zwar, natürlich, manchmal steigt etwas hinauf, etwas Getanes, etwas schön Getanes, etwas Gesagtes, etwas schön Gesagtes, doch langt es oben leise an, und man empfängt's, dann hat man nur ein kleines Gefühl, als wollte man mit dem Kopf nicken, nichts mehr, und 114 dazu nur sagen: ja, ja, es stimmt! Es fliegt etwa eine rührende Melodie hinauf – man hört's und sagt: ja, ja, es stimmt! – doch woher sie kommt, aus welchem Menschen, das weiß man nicht!

Kilian: Sehr sonderbar!

Vierfuß: Nicht wahr? – Es gingen gerade Hölderlin und Sokrates vorbei, und sie sprachen darüber, daß es doch eigentlich ein großes Unglück sei, als großer Mann dahinzuvegetieren und einzugehen ins Jenseits, denn hier auf der Erde sei es nur Qual – man wird ja doch nur verkannt und gekreuzigt, nicht wahr? – und nach dem Tod hat man auch weder Nutzen noch Freude davon –!

Kilian: Aha!

Vierfuß: Aber das merkwürdige war: sie unterhielten sich weiter: was sie sein möchten, wenn sie wiederkämen auf die Erde, und denken Sie! sie waren einig, sie möchten – unbegreiflicherweise! – dasselbe sein wie das erstemal!

Kilian: Allerdings: unbegreiflicherweise!

Vierfuß: Nicht wahr?

Kilian: Sie lügen! Das alles ist nicht wahr! Sie waren gar nicht tot!

Vierfuß: Doch, doch, zweifeln Sie nicht! – Es ist eben eine sonderbare Verwirrung, diese Sehnsucht, groß zu sein oder es zu scheinen. Wie ich vor dem Tor stand – bevor ich gestorben bin – ist ein Mann gekommen und hat behauptet, er wäre der Natterer! – Allerdings, wie er wieder hinaustrat, da hat er sich nicht mehr getraut, es zu wiederholen. Denn als ich ihn ansprach: Herr 115 Natterer – da hat er gesagt: so heiße ich nicht! Natterer war gar nicht da! Wer er also sei, frage ich ihn – da wurde er ganz verlegen, hat gestottert, als müßte er sich erst auf seinen Namen besinnen, und schließlich kam's herausgeschossen –: Kilian!

Kilian: Aha! Da hat er sich schon meinen Namen angeeignet, um zu prahlen!

Vierfuß: Wie? Er hat geprahlt, wie er sich Natterer genannt hat?

Kilian: Nein, er hat geprahlt, wie er sich Kilian genannt hat! Ich heiße Kilian! –

Vierfuß: Nicht möglich, nicht möglich! Sie sind nicht der Natterer? Ich gratuliere, ich gratuliere!

Kilian: Wieso –?

Vierfuß: Nun, das müssen Sie ja am besten wissen, da Sie ihn so gut dargestellt haben! Ich kenne seine Bücher – ein Lausedreck, ein Lausedreck! Und warum haben Sie's getan? Aus Spaß? Nur um uns zu necken? Ausgezeichnet! Und wie Sie's durchgeführt haben! Ausgezeichnet! Es gehört eine rührende Selbstverleugnung dazu, sich für den Natterer halten zu lassen, und es gehört viel Geist dazu, einen Dummkopf so gut zu kopieren! Sie sind ein Genie, mein Herr, Sie sind ein Genie!

Kilian: Ich danke Ihnen, doch mag Ihr Urteil über Herrn Natterer ein wenig über die Grenzen hinausgehen –?

Vierfuß: Durchaus nicht! Glauben Sie mir: was Sie gesprochen haben, das könnte Wort für Wort in seinen Büchern stehen! So blöd ist er! – Oder 116 ist Ihnen mein Urteil unangenehm? Sind Sie befreundet mit ihm?

Kilian: Nein, bitte nein, bitte nein!

Vierfuß: Es wäre auch schade um Sie! Nachdem Ihr Geist ihn ausgelacht hat, lassen Sie Ihre Gutmütigkeit ihn nicht verteidigen! Doch sprechen wir nicht mehr von ihm! Wozu –? Ich freue mich, Sie nun wirklich kennenzulernen. Wer sind Sie? Was sind Sie? Sie heißen Kilian, gut, doch weiter: wer sind Sie? was sind Sie? Sind Sie auch Philosoph –?

Kilian: Nein –.

Vierfuß: Sondern?

Kilian: Handwerker.

Vierfuß: Oh, das ist besser als ein Prophet in diesen Tagen! Und weiter? Was für ein Handwerker?

Kilian: Buchbinder.

Vierfuß: Bei der Intelligenz, die Sie bewiesen haben, bei Ihrer Klugheit müssen Sie Ihre Arbeit ausgezeichnet leisten. Sie haben gewiß schon eine ausgedehnte Werkstatt?

Kilian: Nein, groß ist sie nicht.

Vierfuß: So wird sie's werden! Sie haben sie geerbt?

Kilian: Nein. Selbst gegründet. – Mit eigenem ersparten Geld.

Vierfuß: Ja, dann kann sie doch noch gar nicht groß sein!

Kilian: Nun, klein kann man sie auch wiederum nicht nennen –. 117

Vierfuß: Im Vergleich zu den andern –?

Kilian: Ich habe schon manchen meiner Kollegen überholt.

Vierfuß: Sehen Sie! Ich frage mich immer: wie kommt das nur: zwei Menschen beginnen dasselbe – dem einen gelingt's, und dem andern gelingt's nicht. Wie kommt das nur?

Kilian: Darauf könnte man wohl eine Antwort geben: es kommt eben auf die Arbeit an, die man leistet!

Vierfuß: Das ist natürlich wahr –.

Kilian: Vor allem aufs Material!

Vierfuß: Leicht gesagt! Da muß man aber auch vom Material etwas verstehen!

Kilian: Allerdings! mein Herr, allerdings! – Und dann auf die Ausführung!

Vierfuß: Alles leicht gesagt!

Kilian: Aus meiner Werkstatt kommt kein Exemplar, bevor ich es nicht selbst noch einmal aufs genaueste geprüft habe.

Vierfuß: Eine gute Methode! – Und sagen Sie mir noch etwas –!

Kilian: Einen Augenblick! Dieses Buch ist von mir gebunden, bitte sehen Sie es an! Und dieses von – von wem? Kuhn! Von diesem Kuhn sind in den letzten Wochen zehn bis zwanzig Kunden zu mir übergegangen. – Ich habe gehört, er säuft.

Vierfuß: Sind Sie verheiratet?

Kilian: Nein.

Vierfuß: Nun, nun, Sie sagen es in einem Ton,

118 als würde dieses Nein nicht lange mehr Gültigkeit haben? Da gibt's etwas, da gibt's etwas!

Kilian: Worüber man noch nichts Bestimmtes sagen kann!

Vierfuß: Wir sind so schön ins Gespräch gekommen! Was gibt's, was gibt's?

Kilian: Nun ja, es gibt da eine Witwe mit zwei Kindern –.

Vierfuß: Aha, Sie Don Juan! Und wie ist sie denn? Jung? hübsch? zärtlich? vielversprechend? liebevoll?

Kilian: Ich denke, dies alles kann man wohl mit einem Ja beantworten.

Vierfuß: Und die Kinder?

Kilian: Ein Mädchen von sechs Jahren und ein vierjähriger Knabe.

Vierfuß: Und die Kinder haben Sie gewiß schon gern?

Kilian: Ja, wenn ich komme, gibt es immer schon ein rechtes Hallo.

Vierfuß: Ein lautes Hallo von den Kindern und ein stilles von der Mutter –? Und wie ist sie? Groß? blond?

Kilian: Groß, stattlich, aber rabenschwarz!

Vierfuß: Herr Kilian, ziehen Sie die Gardinen zurück und öffnen Sie die Tür und das Fenster! Noch immer die Lampen! – öffnen Sie und holen Sie sich den Tag herein! (Kilian öffnet Tür und Fenster.) – Welch ein Tag! Welch ein Wiedersehen an jedem Morgen mit dem Licht und mit den Farben! Daß man noch immer, noch einen Tag, noch einmal wiedergeboren wird –! 119

Kilian: Mein Herr, Sie waren gar nicht tot –?

Vierfuß: Aber beinahe!

Kilian: Und haben Sie sich sehr gefürchtet? Sind Sie sehr erschrocken?

Vierfuß: O ja. Doch lassen wir's!

Kilian: Wie bedauere ich das! – Aber wirklich, ein großer, ein lustiger Tag! Ich spüre die frische Luft!

Vierfuß: Nicht wahr? Noch ein wenig vom Regen in ihr, schon ein wenig von der Sonne, und der ganze Duft der feuchten Blätter und der nassen Erde! – Hier ist noch Julius! Ich habe dich ganz vergessen! – Hier stehst du –! Nun, kleiner Junge, bist du wieder wach? Und hast du hier gehört? Was sind das für Ereignisse, Erlebnisse, Geschehnisse, bei denen man ohnmächtig werden muß? Du gehst mit mir, und ich werde dir noch manches sagen, obwohl ich denke, daß es schon überflüssig ist! – Aber sehen Sie dort! Erika und Mantl! – (In den Garten rufend:) Erika! – Erika! – Ja, mein Kind, ich lebe, ja! – Später! alles sollen Sie später hören! Später! – Ja! – Nun rühren Sie sich und kommen Sie!

 
Erika. Mantl .

Erika: Herr Vierfuß –!

Vierfuß: Ich weiß es, daß Sie sich freuen. Ihre kleine Leichenrede hat mir wohlgetan. – Kein Wort, kein Wort! Ich ahne, was Sie denken. Ich konnte nicht aufstehen von der Bahre! Aber wüßten Sie, wie entzückt ich war, daß noch an der kalten Flamme meines Scheintodes sich ein lebendiges 120 Feuer angezündet hat! Sie werden sich doch vor mir altem Mann nicht schämen! Doch nun, Julius, komm her! Sieh Erika an! Ist sie schön? Sie und dieser Mann, sie gehören zusammen, wir können's nicht ändern. Dennoch wird sie dir einen guten und sanften Kuß geben – aber unter einer Bedingung: keine Freundschaft mit der Gräfin!

Julius: Ich habe ihr versprochen, gerade heute zu ihr zu kommen.

Vierfuß: Und gerade das sollst du nicht! Nun? Entscheide dich! Nichts weiter! – Sieh Erika an und entscheide dich!

Julius: Fräulein Erika –.

Vierfuß: Er ist gerettet!

Kilian: Da haben sich ja in meiner eigenen Anwesenheit Dinge ereignet, von denen ich nichts geahnt habe –?

Erika: Ja! Denken Sie! Sehen Sie dieses Ding an! Was hat es uns geärgert! Und jetzt – wir kamen in den Garten – und sehen Sie, was wir gefunden haben – diese blühende Rose und dort noch eine und noch eine, als hätte man einen ganzen Strauß über die Erde hinverstreut!

Mantl: Wie kamen sie hin? Es wird schon irgendwie sein! Warum sollten wir uns nicht entschließen, etwas nicht zu wissen! Es wird schon irgendwie sein. Und dennoch ist es uns ein kleines Wunder!

Kilian: Nun, wenn man sich hier ans Fenster stellt und –. Ich könnte Ihnen wohl Auskunft geben, wie diese Blüten dorthin gelangt sind. 121

Erika: Wir wollen sie gar nicht, Ihre Auskunft! Wir aber könnten Ihnen sagen, wie dieses Ding verschwunden und wiedergekommen ist!

Kilian: Danke! das will ich wiederum nicht wissen!

Vierfuß: Es sei Ihnen nämlich verraten, aber niemandem sagen, niemandem sagen: es war alles nur ein Spaß!

Erika: Ein Spaß –?

Vierfuß: Doch wie gut, daß Sie ihn beendet haben! Ich habe schon gefürchtet, Sie würden nicht mehr zurückfinden. Es könnte ja zur Verwirrung und Wahnsinn führen –!

Kilian: Nicht wahr, nicht wahr –?

Vierfuß: Wenn man nicht darüber steht –!

Kilian: Nicht wahr –? Eben.

Erika: Und was haben Sie mir mit Ihrem Spaß für eine Nacht bereitet!

Kilian: Nun, mein Fräulein, zu etwas war dieser Spaß, war diese Nacht denn doch gut! – Wir treiben unsern Scherz, und währenddessen macht die Natur ihren Ernst!

Vierfuß: Bravo, Herr Kilian! Nicht wahr, wenn wir wählen müßten, wir wählten eher Natur ohne Geist als Geist ohne Natur?

Kilian: Bitte –?

Vierfuß: Nun, Sie, der Sie uns alle so gut angeführt haben, Sie wissen's doch am besten, was jenen fehlt. Diese ewigen Denker, sie sind ja so bodenlos dumm, diese ewigen Sucher sind ganz verloren. Die Handvoll Erde, die ein Samenkorn 122 nährt, ist mehr als sie, denn sie sind keine Erde. Sie essen das Brot und verachten es, sie haben einen Körper und mißachten ihn, und wissen doch nicht, die Narren, daß er die Mitte ist von allem. Sie sehen nicht, sie hören nicht, sie leben nicht, sie haben keine Sinne – und wollen denken!

Kilian: Dann allerdings können sie alles denken!

Vierfuß: Sehr richtig, Herr Kilian!

Kilian: Nicht wahr –? Dann brauchen Sie nur in die Luft zu greifen, dahin zu greifen und dorthin zu greifen, und schon haben Sie etwas und alles ist interessant!

Vierfuß: Sehr richtig, Herr Kilian! Interessant! Das ist's! Sie lieben nicht das Schöne und Geradgewachsene – sie lieben das Interessante! Das ist's, daß sie alles zum Chaos machen müssen, das ist's, daß sie nichts zur Blüte kommen lassen wollen! Interessant! Aber die Welt ist doch ein Bild und kein Panoptikum, in dem man von einer Nummer zur andern rennt! Nicht wahr?

Kilian: Sehr richtig, Herr Vierfuß!

Vierfuß: Nun, kurz: sie haben keine Natur und also keinen Gott!

Kilian: Sehr richtig! Und deshalb brauchen sie ja nur zu phantasieren und können immer spazieren gehen in den Wundern und im Jenseitigen und im Unendlichen und so weiter und so weiter!

Vierfuß: Sehr richtig, Herr Kilian! Es ist ein gottloses Pack!

Kilian: Sehr richtig, Herr Vierfuß!

Erika: Das Endliche, das Unendliche! Als ob das 123 zweierlei wäre! Wir lieben das Endliche nur, wenn's ins Unendliche mündet, aber das Unendliche nur, wenn es im Endlichen ruht!

Kilian: O ja –. Das war gut, mein Fräulein.

Mantl: Gehen wir! mit unsern Füßen auf der Erde, und unser Mund auf einem andern! – Doch wenn unser Herz hinausgeht in andere Felder, dann sei's, weil es in seinen Wurzeln so genährt, hinaufwächst und hinaufblüht, und nicht, weil es so leicht und unbeschwert, immer emporflattern kann!

Vierfuß: Ja, gehen wir, und wir wollen leben, und alles andere ist Spaß! Wir kommen aus der Fremde auf die Erde und gehen mit dem Tod in die Fremde – so sei hier unsere Heimat, und ist sie auch der Sturm unseres Leides, so ist sie doch auch der Wald unserer Freuden – nicht wahr, Herr Kilian?

Kilian: Sehr richtig, Herr Vierfuß!

Mantl: Gehen wir, Erika!

Erika: Ja, und nehmen Sie diese Blüte als Andenken von mir! (Mit Mantl ab.)

Vierfuß: Danke! – Komm, Julius! – Er weint! – Komm Julius! – Und Herr Kilian, nehmen Sie das als Andenken von mir! (Mit Julius ab.)

Kilian: Danke! – (allein:) Das war gut. Das war schön. – Doch warum lassen sie mich allein? – Es wäre wohl auch für mich an der Zeit, zu gehen – aber wie? aber wie?

Frau Samsons Stimme: Dürfen wir zu Ihnen?

Kilian: Bitte! Bitte! 124

 
Schiroga, Kummer, Frau Samson, Gräfin Ziegeltrum, Schumpeter .

Schiroga: Kommen Sie! Stützen Sie mich, stützen wir einander! – Aber wo ist die Leiche? Weg! Was sagen Sie jetzt?

Kummer: Gar nichts! Ich bin ruiniert! Wenn die ganze Nacht über ein fremder Mensch, wie dieser Samson, im Haus versteckt ist und allen Schabernack tun kann, wie ist dann eine geordnete Arbeit möglich? Und wer hat die Tür geöffnet? Wer hatte einen zweiten Schlüssel? Ich will nichts mehr wissen! Man kann die Apparate doch nicht so vervollkommnen, daß man Wissenschaft treiben könnte! Ich bin ruiniert, die Wissenschaft ist ruiniert – Intuition ist alles! Sie waren auf dem richtigen Weg!

Schiroga: Wollen wir nicht einen Bericht über diese Nacht verfassen? Aber präzis, aber präzis!

Kummer: Ach was, präzis! Das gibt es nicht! Schlafen!

Schiroga: Wir legen uns her! Kommen Sie! (Sie legen sich.)

Frau Samson: Nun, Meister, sprechen Sie! Was ist hier geschehen? Wer hat die Tür geöffnet?

Kilian: Gezaubert! gezaubert! mit dem Finger habe ich sie geöffnet!

Frau Samson: Und wo ist die Leiche?

Kilian: Verschwunden, aufgelöst! In Atome aufgelöst, in Atome, Ionen, Elektronen!

Frau Samson: Und Erika? Und Mantl? 125

Kilian: Auch verschwunden! aufgelöst! alle meine Feinde sind verschwunden!

Frau Samson: Meine leibliche Tochter!

Gräfin Ziegeltrum: Und Julius?

Kilian: Der allerdings ist merkwürdigerweise auf natürliche Art mit den Füßen auf der Erde hier hinausgegangen!

Gräfin Ziegeltrum: Der arme Junge! So einsam in dem Sturm! (Ab.)

Frau Samson: Herr Schumpeter, lassen Sie uns allein!

Schumpeter: Aber –!

Frau Samson: Lassen Sie uns allein! (Schumpeter ab.) Meister, die beiden schlafen. Endlich bin ich mit Ihnen allein. Noch weiß ich nichts von Ihnen, von Ihrem persönlichen Dasein und Ihrem Leben auf der Erde!

Kilian: Von schlichten Eltern stamme ich ab und habe nicht studiert.

Frau Samson: Nicht das ist's, was ich meine. Sind Sie verheiratet?

Kilian: Nein.

Frau Samson: So dachte ich es. Ein Mensch wie Sie lebt nur allein, auf eigener Ebene, frei von triebhaft-körperlicher Verbindung. Auch ich habe versucht, mich so hoch emporzuarbeiten. Früher nämlich war ich erschreckend sinnlich, von besessener Erotik, bis einmal, denken Sie! bis einmal mein Mann mir die Abdrücke meiner Finger in seinem Fleisch zeigte. Damals bin ich im Innersten erschrocken! Das schrecklichste war: er schien 126 sich darüber zu freuen, ja, wie er sie mir lächelnd zeigte, da war er für mich der Teufel! Damals habe ich tief in mich hineingesehen, und damals habe ich die Bestie in mir erkannt, und damals habe ich gesagt: genug! nicht weiter! und habe das Tier in mir erwürgt!

Kilian: Nun –? Und –?

Frau Samson: Nicht für immer, Meister, nicht für immer! Ich schäme mich vor Ihnen, aber ich fühle, wie es in mir revoltiert!

Kilian: Nun –? Und –? Ihr Mann –?

Frau Samson: Ach, er! Meine Verehrung für Sie ist zu groß geworden! Ich weiß, daß ich Sie damit erniedrige, aber der Geist ist aus seinen Ufern getreten und hat das ganze Wesen ergriffen!

Kilian: Aha –! Stehen Sie auf! – Nun, ich denke, es ist durchaus erlaubt, der irdischen Liebe ihren Tribut zu zollen!

Frau Samson: Oh, und ich dachte, Sie in Ihrer Welt, Sie würden es verachten und verdammen!

Kilian: Nur unter Umständen, Madame, nur unter Umständen!

Frau Samson: Wie soll ich das verstehen?

Kilian: Lassen Sie mich einen Augenblick allein, ich werde nachdenken, und Sie sollen dann das Genauere erfahren!

Frau Samson: Ja! – (Für sich:) Er ist mir unheimlich! Als wäre er schon im Wahnsinn! (Ab.)

Kilian: Alles krumm, alles schief! Weg, weg! Sie soll in meine Werkstatt kommen, dann will ich ihr sagen, was ich denke! – Gnade mir Gott, 127 ein Übermensch zu sein! Weg, weg! – Und nehmen Sie das als Andenken von mir! (Ab.)

Schiroga: Wer schreit denn hier?

Kummer: Verflucht, ich will schlafen. Mir ist ekelhaft zumut!

Schiroga: Wollen Sie trinken?

Kummer: Die Flasche ist doch leer. (Er schläft ein.)

Schiroga: Schadet nichts, schadet nichts. Ich trinke immer aus der leeren Flasche und habe nur die Illusion: sie wäre voll, und dann bin ich schon ganz berauscht. (Er schläft ein.)

 
Gräfin Ziegeltrum, Frau Samson, Schumpeter .

Gräfin Ziegeltrum: Julius ist weg!

Frau Samson: Und der Meister? Er war so sonderbar –!

Gräfin Ziegeltrum: Ob er wiederkommen wird? – Aber sehen Sie hier! Er hat am Ende noch die künstliche Rose zur Blüte gebracht!

Schumpeter: Hat er noch etwas gesagt, bevor er weggegangen ist? – Wachen Sie doch auf! Hat er noch etwas gesagt?

Frau Samson: Glauben Sie, daß er wiederkommen wird?

Gräfin Ziegeltrum: Nein, ich glaube nicht.

Frau Samson: Ich glaube es auch nicht. – Doch eine Nacht war er bei uns! Und jetzt ist er zurück in jene Welt, aus der er kam!

 

Ende

 

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