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Kilian oder Die gelbe Rose

Paul Kornfeld: Kilian oder Die gelbe Rose - Kapitel 4
Quellenangabe
typecomedy
authorPaul Kornfeld
year1926
firstpub1926
publisherErnst Rowohlt Verlag
addressBerlin
titleKilian oder Die gelbe Rose
pages127
created20120928
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweiter Akt

Ein anderes Zimmer im selben Haus.

 
Kummer (bei den Apparaten), Vierfuß (schlafend), Frau Samson, Schiroga.

Schiroga: Prosit, gnädige Frau, prosit! – Diese Flasche ist wie eine Sanduhr: sie ist halb leer – und die Nacht ist halb vorüber. Mystisch hat die zwölfte Stunde längst geschlagen. Was war's für eine Zeit! Um wieviel bin ich reicher geworden! Jedes Wort dieses geheimnisvollen Menschen nehme ich in die Hand, als wär's ein Schlüssel, jedem Augenblick sehe ich entgegen, als wär's eine Tür, hinter der sich Entscheidendes vorbereitet –.

Frau Samson: Er wird immer größer. Es ist, als würde er sich von Stunde zu Stunde mehr entfalten.

Schiroga: Und was haben wir gesehen! Ereignisse, die eine wahre Wissenschaft der Zukunft wird in sich aufnehmen müssen, wenn sie vor dem Geist bestehen und dem Weltall gerecht werden will! 48

 
Gräfin Ziegeltrum .

Gräfin Ziegeltrum: Hier sind Sie! Ich denke immer, ob wir nicht zur Aufklärung des Geschehenen noch eine zweite spiritistische Sitzung veranstalten sollten!

Kummer: Noch eine? Nein! Durch mich wird aufgeklärt, was geschehen ist! Einen Augenblick, einen Augenblick! lassen Sie mich das Material zusammenstellen und sichten! Noch eine? Danke! Ist's nicht genug mit dem Humbug? Sind Sie nicht lange genug – anderthalb Stunden! – um diesen Tisch gesessen? Und das Resultat? Mager! Erbarmungswürdig! wie diese ganze Methode!

Vierfuß (aufwachend): O bitte, sagen Sie nichts gegen diese Methode! Sie ist zwar sehr veraltet, hat aber den Vorzug der Aufrichtigkeit, ja, sogar des Mutes. Ich weiß wohl, ein Gespenst, das etwas auf sich hält, geht nach der Mode, heute also im Kleid der Wissenschaftlichkeit.

Kummer: Wagen Sie etwa, die offenen Auges weiterschreitende Forschung zu mißachten?

Vierfuß: Wie Sie mich mißverstehen! Ich wage es nicht. Warum sollten wir nicht die Natur, die wir lieben, sie und ihre Bahnen nicht auch zu erkennen suchen? Warum sollten wir meinen, daß wir erst gestern die letzten Erkenntnisse hatten und heute also keine neuen hinzufügen können?

Schiroga: Mir kann die eiskalte Wissenschaft nichts geben, denn sie wird von erlebnislosen Menschen ausgeübt.

Vierfuß: Und Sie wären doch unendlich 49 geschmeichelt, wenn das Vorhandensein Ihrer Visionen – der objektive Tatbestand! – experimentell nachgewiesen werden würde. Dann erst würden Sie von der Welt den ganzen Glauben verlangen! – So wenig vertrauen Sie Ihrem eigenen Erlebnis!

Kummer: Herr Schiroga, ich bringe jedem Dilettantismus die angemessene Verachtung entgegen!

Vierfuß: O weh! Und Sie brauchen doch erst Ihre Apparate, Maschinen und Protokolle, um Wissenschaft von Dilettantismus zu unterscheiden! – Verzeihen Sie!

Kummer: Nein! Ich verzeihe nicht! um so weniger, als ich Sie nicht verstehe! – Seien wir sachlich und betrachten wir die Ereignisse!

Gräfin Ziegeltrum: Ja, ja, das wollen wir tun!

Kummer: Sie haben gesehen, daß ich die ganze Zeit über gearbeitet und experimentiert habe, und die Resultate strahlen geradezu Sonnenlicht aus! Was also ist geschehen? Sie haben sich um den Tisch gesetzt, haben gewartet, gewartet, bis uns allen die Eingeweide aus dem Leib gekrochen sind, schließlich hat er gewackelt und sich geneigt. Kolossal! Man plappert immer wieder das Alphabet, und bei manchen Buchstaben verbeugt er sich, und auf diese Art haben sich Worte gebildet. Kolossal! Kolossal! Und weiter? Der so vergeistigte Tisch gab unvermittelt Herrn Mantl den sinnvollen und geistsprühenden Auftrag, nach Schluß der Sitzung hier allein im Zimmer zu bleiben. Warum? wozu? Wir werden es erraten! Zuerst aber hat Ihre allergrößte Aufregung 50 hervorgerufen, daß Herr Mantl mit seinem Vornamen Robert angesprochen wurde, obwohl doch diesen niemand gekannt hatte und sein Brief nur mit dem Familiennamen unterzeichnet war. Kolossal! Kolossal! Kolossal! Er selbst ist seit diesem unerhörten Ereignis ganz konsterniert. War wirklich allen Anwesenden sein Vorname absolut unbekannt? allen ohne Ausnahme? Das war zu untersuchen! Vor allem hier die Skizze mit der genauen Sitzordnung! Wer saß an jener Seite, nach welcher sich der Tisch neigte? Herr Vierfuß, Frau Samson, Fräulein Samson! Was also habe ich getan? Zuerst habe ich einmal mit diesem relativ einfachen, aber äußerst exakt arbeitenden Apparat, der eine Vereinigung des Sphygmographen, des Kardiographen und eines Jaquetschen Chronometers darstellt, zuerst also habe ich festgestellt: daß von jenen drei Personen, die an der Seite saßen, nach welcher sich der Tisch neigte, zwei Personen einen vollkommen normalen Puls hatten, die dritte Person aber – Fräulein Erika Samson! – einen Puls mit 110 Schlägen!

Vierfuß: Kolossal!

Kummer: Ein höchst interessantes Resultat! Und was habe ich weiter getan? Auf dem bisherigen Ergebnis fußend, habe ich Fräulein Erika veranlaßt, sich während der weiteren Sitzung auf diesen Sessel, der – wie Sie jetzt sehen! – zugleich eine Wage darstellt, die sogenannte Mareysche Wage, niederzulassen. Nun hatte ich hier am Rand des Tisches eine von einem präzisen Uhrwerk 51 getriebene Rolle befestigt, auf der zu ersehen ist, wann und wie tief sich der Tisch niedergebeugt hat. Eine ebensolche, vom gleichen Uhrwerk getriebene Rolle hatte ich hier an der Wage angebracht, deren Zeiger mit einem Kohlenstift in Verbindung steht. Auf dieser zweiten Rolle ist also abzulesen, wann und um wieviel die Belastung der Wage abgenommen hat. Hier die beiden Tabellen! Absolut parallel! Am Anfang, als der Tisch noch ruhig stand, zeigte die Wage das normale Gewicht der Versuchsperson, dann aber, je tiefer er sich neigte, ein desto geringeres Gewicht zeigte sie, ein Beweis dafür, daß die Versuchsperson einen Teil ihres eigenen Gewichtes auf die Platte übertrug, in Form eines Druckes, der den Tisch sich neigen ließ! – Aus diesen Beobachtungen ziehe ich den unwiderleglichen Schluß, daß Fräulein Erika den Tisch niedergedrückt hat, daß also auch sie es gewesen sein muß, die den Vornamen des ihr vollkommen unbekannten Herrn Mantl gekannt, durch einen wahrscheinlich unerforschlichen, aber auch ganz uninteressanten Zufall erfahren hat! Warum nun aber – sagen wir: der Tisch mit Herrn Mantl allein zu bleiben gewünscht hat, übergehe ich. Das dürfte mehr ins Gebiet der Psychoanalyse gehören. – So ist des Rätsels Lösung, und so muß man arbeiten!

Vierfuß: Kolossal, kolossal! Was Sie ans Licht ziehen! Wer hätte das von Erika gedacht!

Frau Samson: Sehr interessant! Doch weiter! weiter! 52

Kummer: Was denn –: weiter? – Ach so! Was dann geschah? Was dann geschah, da nun einmal die Geister gekommen waren und die richtige Stimmung geschaffen hatten? – Das allerdings ist noch merkwürdiger und ist besonders für unsern Meister zum Mittelpunkt des Geschehenen, zum Gipfelpunkt des Interessanten geworden! – Doch er kommt selbst!

 
Kilian, Schiroga, Julius, Erika, Mantl, Schumpeter .

Frau Samson: Ja! – Hier, Meister, setzen Sie sich!

Kilian: Wir müssen die Klarheit bewahren, vor allem das: die Klarheit! – Wenn wir einem neuen Phänomen gegenüberstehen, dann müssen wir uns immer zuerst fragen: in welcher Richtung gelangen wir zu seiner Erforschung? Es gibt die naturwissenschaftliche Richtung, die philosophische Richtung und so weiter, und so weiter! Oder aber, können wir nicht all diese Richtungen zusammenschieben zu einer breiten Straße, auf der wir dann alle Hand in Hand und freundschaftlich dem gemeinsamen Ziel entgegenmarschieren? Ja, meine Damen und Herren, es ist ein weiter Weg für den Menschen von seiner Geburt bis zu seinem Ende, und immer wandelt er sich, je weiter er vordringt ins Innere der Erscheinungen, und doch bleibt er immer der Gleiche, das gleiche forschende, grübelnde, phantasierende Wesen! Schon als Kind, auf alles, was man mir sagte, habe ich immer mit dem gleichen Wort erwidert – meine Mutter 53 sprach oft davon! – mit dem Wort: warum? Das Spielzeug, das man mir gab, zerbrach ich; als müßte ich seine Seele schauen, als müßte ich seine Eingeweide betrachten, als wäre ein Drang in mir, der es verbietet, daß irgend etwas mir verborgen bleibt! – Das dämonisch-suchende Wesen ist eben manchen Menschen eingeboren – und das ist es übrigens, was ich die dritte Seele nennen möchte!

Schumpeter: Es rundet sich! Vorhin schon – in anderem Zusammenhang – sprachen Sie von der ersten Seele und der zweiten Seele.

Kilian: Ganz recht –!

Schumpeter: Die Seele des Lebens, die Seele des Gefühls, und jetzt die dritte –.

Kilian: Ganz recht! Man muß sich alles aufbauen, damit man's versteht! Doch sehen wir die Begebnisse an! Klarheit! Klarheit!

Kummer: Die ist bei mir, und ich will Sie lehren, wie man den Gespenstern das Leintuch vom Leibe reißt!

Kilian: Bitte, bitte, ich habe nie behauptet, ein Geisterbeschwörer oder Hexenmeister zu sein! Meine Kraft liegt anderswo! Der Aberglaube sei mir fern, aber denken muß man, denken! Schon oft hat etwas Kleines zu großen Erkenntnissen geführt. Nichts ist zu klein für den Geist! Unscheinbar begonnen, vom Schicksal wie als Scherz hingeworfen, sehen wir ein kleines Problemchen, doch je länger wir es betrachten, desto mehr wächst es zum Problem, und je länger es ungeklärt bleibt, 54 desto mehr beunruhigt es uns und desto mehr gewinnt es an Bedeutung.

Gräfin Ziegeltrum: Er meint die Rose.

Erika: Ach, die Rose! Lassen Sie's doch, das alte, verstaubte Ding!

Frau Samson: Du hast es den ganzen Abend in der Hand gehalten, als wäre es mehr als ein altes, verstaubtes Ding!

Erika: Die Gegenstände haben eben ihren Atem von der Hand, die sie hält, und sie führen ein anderes Leben mit uns als für sich allein!

Kilian: Mein Fräulein, ob ein Ding alt ist oder neu, ob es verstaubt ist oder nicht, das ist für die Wissenschaft gleichgültig. – Wie war es? wie kam es? – Fräulein Erika hatte die Rose immer in der Hand – ihre Mutter, damit unzufrieden, fordert sie auf, sie wegzugeben; sie tut es und legt sie dort auf den Kamin; ein Vorgang, den wir alle bemerkt haben, ohne ihm – in die Gespräche vertieft – die geringste Beachtung zu schenken. Es kommt die spiritistische Sitzung und bringt nur die alltäglichen Sensationen, und schon sind wir enttäuscht; und wie wir nun aus diesem Zimmer gehen, um Herrn Mantl hier allein zu lassen, sehen wir sie noch dort, auf dem Kamin, wiederum ohne Gewicht auf diese Tatsache zu legen; und als wir nach einer Minute wiederkamen, fragt Fräulein Erika harmlos: wo ist meine Rose? Wir sehen hin, und sie ist nicht dort. Nun, fragen wir, haben Sie sie vielleicht eingesteckt, Herr Mantl? Nein, sagt er, ich habe sie nicht eingesteckt. – Nun, denken 55 wir, sie ist vielleicht heruntergefallen, und sehen nach, doch nein, sie ist nicht auf der Erde. Nun, sagen wir, man muß suchen – wir suchen und finden sie nicht. Suchen immer weiter, immer mehr und finden sie nicht, finden sie nicht! Und endlich müssen wir es aufgeben, ohne sie gefunden zu haben. Aber schließlich, irgend etwas muß doch geschehen sein, da sie auf keine Weise aus dem Zimmer entfernt werden konnte! Was ist vor sich gegangen?

Kummer: Ja, was ist vor sich gegangen, da sie auf keine Weise aus dem Zimmer verschwinden konnte und doch verschwunden ist? Höchst rätselhaft, höchst rätselhaft! Ich selbst habe Herrn Mantl aufs gründlichste untersucht, seinen Körper, seine Kleidung, das ganze Zimmer, alle Gegenstände, Möbel, Teppiche – und nichts gefunden! In diesem einen Zimmer links waren wir, das andere zur Rechten war versperrt, im übrigen hatte ich seinen Boden mit einem kaum sichtbaren Puder bestreut, der seine Fußspuren hätte zeigen müssen, wenn er darin gewesen wäre. Verbrannt kann er sie nicht, aus dem Fenster oder hier durch die Tür in den Garten kann er sie auch nicht geworfen haben, denn ich hatte da und dort Fäden gespannt, die hätten reißen müssen, wenn Tür oder Fenster geöffnet worden wäre. Auch war sie nicht aus einem Material, das, zu einem kleinen Kügelchen zusammengerollt, verschluckt oder in einer Körperöffnung versteckt werden kann. Kurz, sie war vom Erdboden verschwunden! Und doch, ich 56 zweifle nicht, daß ich auch diesem Problem auf den Grund kommen werde, und es wird mir eine grenzenlose Freude, eine Wollust sein, Ihnen die Lösung mitzuteilen!

Kilian: Nun? Bitte! Sprechen Sie!

Kummer: Noch muß ich warten!

Kilian: Aha! Da hat auch dieser Alleswisser, dieser Skeptiker nichts zu sagen!

Kummer: Ich denke, dieser mysteriöse Gegenstand wird desto eher zum Vorschein kommen, je eher wir die gleichen Bedingungen schaffen, wie sie vorhin bestanden: daß das Zimmer nämlich wieder leer oder fast leer ist.

Kilian (aufstehend): Bitte, bitte, wir können das Zimmer verlassen!

Kummer: Ich kann warten!

Gräfin Ziegeltrum: Vielleicht hat er sie im Trancezustand verschluckt?

Kummer: Ich glaube nicht, Gräfin, ich glaube nicht!

Frau Samson: An der Decke? Nein, an der Decke ist sie auch nicht.

Kilian: Wir begeben uns hier in gefährliche Gebiete. Wir dürfen auch hier die Klarheit nicht verlieren. Noch will ich nichts deuten, nichts erklären. Vielleicht ist alles nur ein verwickelter Zufall; vielleicht können wir es wissenschaftlich erklären. Sie werden gehört haben –: es gibt das Phänomen der Materialisation und das der Dematerialisation. Alle Körper bestehen aus ihren 57 winzig kleinsten Bestandteilen, den Atomen, Ionen, Elektronen, welche jedoch nur in den seltensten Fällen einzeln auftreten, vielmehr nur in großen Anhäufungen, die wir dann Körper oder Ding oder Masse nennen. Wenn nun solch eine Masse in ihre winzigsten Bestandteile zerfällt, können wir diese nicht mehr wahrnehmen. Nicht einmal mehr mit dem Mikroskop. Und von einem solchen Ding sagen wir dann: es ist verschwunden, was jedoch wissenschaftlich durchaus ungenau ausgedrückt ist. Wie aber kommt es zu einem solchen Zerfall, zu einer solchen Zerstäubung? Mit physischer Gewalt nicht – das ist wissenschaftlich nachgewiesen! Auf elektrischem Wege? Dieser kommt hier nicht in Betracht! Also – vielleicht! – mit dem Willen des Menschen? Sie wissen, dieser, der Wille des Menschen, ist unendlich – ich erinnere Sie nur an die indischen Fakire, ja, schon im Tierreich die Schlange, die den Vogel bannt –! Hypnose, Suggestion, Autosuggestion und so weiter, und so weiter! Was ist Materie? Was ist Natur? Was ist solch ein verschwundenes kleines Ding? Ungeheuer sind die Probleme! Ungeheuer die Fragen! Geheimnis türmt sich auf Geheimnis! Der Wille des Menschen im Weltall, die Liebe, die Erde und der Kosmos, Tod und Leben –!

Gräfin Ziegeltrum: Ach, Meister, lebt der Mensch noch einmal nach dem Tode?

Kilian: Ob der Mensch noch einmal nach dem Tode lebt? Wenn er will, wenn er wirklich will, wenn er mit ganzer Kraft will, wenn er sagt: ich 58 will und muß, dann wird er auch noch einmal nach dem Tode leben!

Schumpeter: Mit allen Seelen?

Kilian: Nein! Natürlich nur mit den höheren! Die niederen vergehen mit dem vergänglichen Leib!

Schiroga: Mir ist's, als hätten wir alle schon unsere Körper verloren – mein armes irrendes Herz läuft frei im Raum und greift nach den Geheimnissen und Wundern!

Kummer: Geheimnisse? Wunder? Fällt auch noch dieses sinnloseste aller Worte? Darf ich Sie fragen, was in dieser Welt der durch die menschlichen Gesetze geordneten Natur ein Wunder ist?

Kilian: Das wird der kleine Mensch ohne Seele und Aufschwung nie begreifen!

Kummer (in die Hände klatschend): Antworten Sie doch! Was ist ein Wunder?

Vierfuß (aus dem Schlaf aufwachend): Ein Wunder? Sie fragen, was ein Wunder ist? Es ist die Legitimation einer überirdischen Macht an einen Menschen, daß er ausgewiesen ist auf der Erde, als von ihr geschickt!

Kilian: Sehr gut! Eine ausgezeichnete Erklärung!

Vierfuß: Damit man weiß, daß auch, was er spricht, göttlicher Natur ist, und die Welt wird gut tun, solch einen Mann sehr zu verehren. Denn nur für diese ihre Lieblinge und Gesandte – die allerdings sollen die Lieblinge der lebenden Menschheit zu sein pflegen – verleugnet die Gottheit sich selbst und verzichtet für einen Augenblick 59 auf ihr ewig scheinendes Gesetz. Das ist der Sinn des Wunders!

Kilian: Sehr gut! Eine ausgezeichnete Erklärung! – Selig solche Menschen, die dahinkriechen wie alle andere Kreaturen auch – eines Tages aber –: ein Toter! Sie sagen: Toter, werde lebendig! – und er wird lebendig! Ein Blinder! Sie sagen: Blinder, werde sehend! – und er wird sehend! – Welch ein Jubel, welch eine Erschütterung muß solch einen Menschen durchströmen, wenn er erkennt, daß er nicht nur ausgezeichnet ist mit den natürlichen Gaben des Geistes und Herzens, sondern auch mit den höheren, himmlischen Gaben! – Gehen wir! (Alle ab außer Vierfuß und Erika.)

Vierfuß: Erika, Erika, armes Kind! – Doch warten Sie nur – es wird alles noch gut werden! (Ab.)

Erika (allein): Warum kommt er nicht? – Warum kommt er nicht? – Er soll doch kommen! – Ah, statt seiner Julius!

 
Julius .

Julius: Fräulein Erika –! Endlich sehe ich Sie allein! Ich zittere nach diesem Augenblick! Noch erwarte ich von Ihnen die Antwort auf meine Frage – sagen Sie mir nicht Ihre Entscheidung! Etwas anderes muß ich wissen! Was ist's mit Ihnen? Ich sehe Sie abseits! Den ganzen Abend betrachte ich Sie! Während ich die Worte jenes Menschen in mich trinke und umrauscht bin von ihnen, hören Sie kaum hin, wenn er spricht!

Erika: Weil ich ihn nicht recht verstehe, Julius. 60

Julius: Und meinen Sie, daß ich ihn immer verstehe? Haben Sie gedacht, wir könnten seine Lehren in einer Nacht begreifen? Was er ein Leben lang gedacht, könnten wir in fünf Stunden erfassen? Aber versuchen müssen wir es doch! Oder nicht –? Ihm folgen, soweit wir können! Es aufnehmen und uns damit abgeben, uns reicher machen, klüger, weiser! Oder nicht –? All das nicht? O Fräulein Erika! sind Sie nichts als schön?

Erika: Sehen Sie nur, armer Julius, wie schnell ich Sie enttäuschen muß!

Julius: Ich dachte, wir würden zusammengehen auf allen Feldern! Ich dachte, wer aussieht wie Sie, ist auch unendlich reich! Wollen wir nicht die Welt mit allen Armen umfangen? Wollen wir sie nicht mit tausend Augen betrachten? Ich dachte, wir würden heute die Brautnacht feiern des Geistes! Nicht, daß ich die Sinne verachte oder die Liebe der Sinne, o nein! ich kenne die Wildheit des Fleisches, die Wildheit des Mannes, und Ihre Schönheit brennt noch in mir – aber so fern von Ihnen brennt sie in mir! Ich dachte, jeder große Gedanke, den man ausspricht, würde unsere Augen leuchtend entgegenkommen lassen! Es geschehen hier unfaßbare Dinge – ich dachte, wir würden im Feuer der Ereignisse miteinander verschmelzen –! Statt dessen bin ich wieder allein, zittere ich allein! Welch ein Traum verfliegt mir hier! (Er weint.)

Erika: Ein Traum, Julius, ja! Und dieser Schmerz gehört zu ihm, zum Traum – warten Sie die Nacht ab und den Morgen! 61

Julius: Es ist eine Katastrophe. Doch von Schuld sei nicht gesprochen. Leben Sie wohl!

 
Gräfin Ziegeltrum .

Gräfin Ziegeltrum: Wo sind Sie, Julius? Sie versäumen so viel!

Julius: Ist wieder etwas geschehen?

Gräfin Ziegeltrum:: Geschehen ist nichts, aber er spricht vom Kosmos!

Julius: Vom Kosmos? Den ganzen Abend habe ich's auf der Zunge, ihn zu fragen: wie weit reicht das Weltall? Ich weiß, noch weiter als die Sterne, immer noch weiter, aber die Grenze – wo ist sie? wann beginnt das Nichts? Und ist das Nichts grenzenlos? Was bedeutet dieses Wort: grenzenlos? Einmal muß doch die Grenzenlosigkeit ein Ende haben, und was beginnt dann? Oh, Gräfin, man muß wahnsinnig werden!

Gräfin Ziegeltrum: Fragen Sie ihn doch! Fragen Sie ihn!

Julius: Und wie ist alles entstanden? Wenn sich alles erst entwickelt hat, etwas muß dagewesen sein, das sich entwickeln konnte! Wann kam's? Vor undenkbaren Zeiten? Oder war es immer da? Immer? Was bedeutet das Wort: immer? Auch da die Grenzenlosigkeit? Oh, Gräfin –!

Gräfin Ziegeltrum: Wir wollen ihn fragen, wollen ihm zuhören und wollen wieder miteinander darüber sprechen. Dann aber wollen wir seine Bücher lesen, Seite für Seite und Wort für Wort miteinander lesen und studieren! Wollen Sie? 62

Julius: Ja, Gräfin, das wollen wir tun!

Gräfin Ziegeltrum: So haben wir einen gemeinsamen Altar! Kommen Sie! (Mit Julius ab.)

Erika (allein): Jetzt wird er wohl kommen –? Ja. Endlich.

 
Mantl .

Mantl: Erika, ich werde verrückt! Wissen Sie, wie die Rose verschwunden ist, vom Kamin verschwunden ist? Ich habe sie mit dieser meiner Hand in diese meine Tasche gesteckt! Gut! Daran läge nichts? Gut! Aber hören Sie! Ich bin hier allein, wütend und nervös, sehe dort die Rose, erinnere mich, daß Ihre Mutter um ihretwillen ewig zankt, will nicht, daß sie von Hand zu Hand geht, und stecke sie zu mir! Gut! Man kommt herein, und wie man mich fragt, ob ich sie habe, sage ich aus Befangenheit: nein – ahnungslos, was sich daraus ergeben wird. Nachher aber war es zu spät, meine Lüge einzugestehen. Gut, alles gut! Wie man aber darangeht, mich zu untersuchen, und wie ich denke: jetzt bin ich ertappt, jetzt wird man sie finden! jetzt werde ich hinausgeworfen – als sie alle hereinkamen, habe ich sie hier noch gespürt, und nachher hatte ich die Hand nicht mehr in der Tasche! – wie er dann aber die Hand in meine Tasche steckt, ist sie nicht mehr drin, weg, verschwunden! Ich gehe ins Irrenhaus!

Erika: Ja! Gehen Sie! Aber nehmen Sie mich mit! Hier ist sie! Wenn jene Menschen Sinne hätten, dann hätten sie sehen müssen, daß Sie gelogen 63 haben, daß Sie verlegen waren, daß Sie errötet sind! Ich habe Sie angesehen und alles verstanden! Ich war neben Ihnen, habe sie sofort aus Ihrer Tasche gezogen und hier versteckt! Das ist alles! – Ich aber kann nicht mehr! (Sie weint.)

Mantl: Was soll ich jetzt sagen? Wie habe ich mich blamiert! Aber warum weinen Sie? warum Sie?

Erika: Weil ich vor dem Geheimnisvollen erschauere – und ist es nichts Geheimnisvolles, erschauere ich doch! Weil mich alles erfaßt, ohne daß ich's erfassen kann! erfaßt bei allem, was sie unbegreiflich nennen, und mich erfaßt's, wenn sie's begreiflich machen wollen! Ja, ich ahne die Rätsel, und ich weiß nicht, wie sie zu Ende gehen –! Aber ich will nichts mehr vom Grenzenlosen hören, wenn ich das Begrenzte nicht kenne, ich will nichts von der Unendlichkeit wissen, solange ich das Endliche nicht lieben gelernt habe!

Mantl: Sie sollen nicht in den Räumen fliegen! Bleiben Sie hier!

Erika: Sie ziehen mich fort mit ihren Worten! Was sie denken, weiß ich nicht, will ich nicht wissen, aber ihre Worte höre ich, und sie vibrieren, wenn sie sprechen, und ich erzittere mit! Sie wünschen, daß Gespenster kommen, ich aber habe eine fürchterliche Angst davor! Diese Stunden um den Tisch in dem Strom dunkler Gespräche!

Mantl: Was jene tun und reden, es ist ja nur ein Spiel mit Spielmarken, die sie niemals einlösen können.

Erika: Wenn aber etwas so Einfaches geschieht, 64 daß jemand in Ihre Tasche greift und, ohne daß Sie es wissen, einen Gegenstand herausnimmt – was ist dann? Oh, Sie haben Ihre Ruhe und Kraft schnell wiedergefunden!

Mantl: Weil ich sehe, daß ich sie für uns beide brauche!

Erika: Ich höre vom Weltall – ja, aber sind wir nicht wirklich seine Bewohner? Ich höre vom Tod, und werden wir nicht wirklich einmal vergehen? Und vielleicht umschweben uns wirklich die fernen Toten, flügelrauschend und liebevoll oder sehnsüchtig nach einer blühenden Erde? Umlauern uns, eifersüchtige Vampire? Umarmen uns, sie die wahrhaft Lebendigen? Und ist nicht wirklich unser Dasein, alles Vergängliche nur eingeflochten ins Unvergängliche? und wirklich alles, Zeit und Leben, grauenhaft rätselvoll und geheimnisvoll?

Mantl: Diese Hunde, daß sie wagen, all das auszusprechen!

Erika: Diese nebelhaften Kräfte, von wo kommen sie und wohin gehen sie? Aber sie gehen durch mich!

Mantl: Durch uns beide!

Erika: Ich weiß nicht, was es ist. Ich spüre mich vergehen.

Mantl: O Erika –! (Kuß und Umarmung.) – Man kommt.

 
Kummer .

Kummer: Ich will nur nochmals nachsehen, ob sie nicht in den Kamin gefallen sein kann. – Nein. Ausgeschlossen! Alles in Ordnung! (Ab.) 65

Mantl: Sie suchen noch immer! – Sehen Sie, und nun lachen Sie schon ein wenig darüber! – Hören Sie das Gewitter? Es kommt zu uns.

Erika: Ja. Sturm. Und schon die ersten Tropfen. – Was aber sollen wir tun, wenn man Sie nochmals oder mich untersucht und sie bei uns findet?

Mantl: Wegwerfen –? Wohin –? – Ich werde sie dorthin legen, wo sie war!

Erika: Und was ergibt sich daraus?

Mantl: Was kümmert's mich! Wir beide wissen ja Bescheid!

Erika: Und wenn man uns beobachtet hat?

Mantl: Das könnte nur Kummer getan haben. Die anderen haben gewiß nichts gesehen. Und wir leugnen ihm, der alles durchschaut, alles ab! – Schnell, schnell! – Hier sei sie niedergelegt. – So!

 
Kilian .

Kilian: Man soll uns nicht den Vorwurf des Leichtsinns machen dürfen. – Ich muß auch den Kamin – aber hier ist sie ja! Haben Sie's gesehen? Seit wann liegt sie da? (Nach außen:) Meine Damen und Herren! Hier ist sie!

 
Frau Samson, Schiroga, Schumpeter, Kummer .

Kilian: Ahnungslos komme ich her, und dort liegt sie friedlich und stumm, als wäre es nichts!

Schumpeter: Seit wann?

Frau Samson: Ganz plötzlich –? O Meister –!

Kilian: Da stehe ich nun, und was soll ich denken? Jetzt, mein Schicksal, bewahre mich vor 66 Hochmut! All unsere Kenntnisse, all unseren Geist müssen wir aufwenden, um auch dieses Phänomen zu erklären!

 
Gräfin Ziegeltrum, Julius, Vierfuß .

Frau Samson: Sie ist wieder hier! Dort –! Plötzlich!

Vierfuß: Wer? Ach die Rose! Das freut mich, denn ich hatte den Eindruck, Erika, als wäre Ihnen an ihrem Besitz ein wenig gelegen?

Gräfin Ziegeltrum: Mehr haben Sie nicht zu sagen –?

Frau Samson: Ein Ignorant!

Kilian: Wir dürfen die Besinnung nicht verlieren! Sie, Herr Kummer, waren vor einer Minute hier und haben nichts gesehen –?

Kummer: Allerdings!

Kilian: Und nur diese beiden jungen Menschen waren hier und können sie doch nicht hingelegt haben, denn sie hatten sie doch nicht –!

Schiroga: O Welt, o Welt, o Welt!

Kilian: Was soll man denken! Oder hört hier das Denken auf? Oder beginnt es hier in Wirklichkeit erst?

Schiroga: Ja, hier beginnt es erst!

Kilian: Oder beginnt das Unbegreifliche, nicht Erklärliche, das Wunderbare? – Bewahre mich vor Hochmut! – Sie, Herr Kummer, der Sie alles zu wissen glauben, haben Sie nichts zu sagen? Retten Sie uns vor diesem Schauer! Sie, auch Sie, wenn auch auf anderen Wegen, ein Sucher der 67 Wahrheit, können Sie uns nicht wenigstens auf Ihre Art eine Deutung geben? Sprechen Sie, sprechen Sie!

Kummer: Gerne, gerne! Ich warte ja darauf! Es ist so weit! Meine Damen und Herren! Ich bin als Forscher hergekommen und bedauere, mich als Detektiv betätigen zu müssen. Es ist ein Betrüger unter uns!

Julius: Was –?

Frau Samson: Wer ist es?

Schumpeter: Ausgeschlossen!

Gräfin Ziegeltrum: Ich sterbe!

Kummer: Jawohl, ein Betrüger, ein Schwindler! und zwar ein sehr läppischer, der nicht berechnet hat, daß ich hier bin!

Kilian: Wer sollte es gewagt haben, mich zu narren?

Mantl: Mein Herr! Ich habe mich von Ihnen untersuchen lassen, soviel Sie wollten; wenn Sie mich aber noch einmal verdächtigen, haue ich Ihnen eins in die Fresse!

Kilian: Nicht solche Worte! Sie passen schlecht in diesen Augenblick! Er soll sagen, was er zu sagen hat, und wir wollen alles prüfen! Doch dieser junge Mann ist gewiß nicht schuldig – sehen Sie ihn an und seine Miene!

Kummer: Wozu noch weiter dieses lächerliche Spiel? Verteidigen Sie nicht Herrn Mantl – ich habe ihn nicht angegriffen. Er hat nicht gelogen –!

Kilian: Sondern?

Frau Samson: Sprechen Sie's aus! 68

Julius: Wer?

Kummer: Unser verehrter Meister!

Kilian: Wer –? Ich –?

Frau Samson: Er ist verrückt!

Schiroga: Mensch!

Kilian: Ich betrogen –? Ich –? Ich schwöre es bei allen Heiligen: es ist nicht wahr!

Gräfin Ziegeltrum: Meister, wir lassen uns nicht beirren!

Julius: Das ist die größte Roheit, die man je erleben kann!

Mantl: Er soll's beweisen!

Kummer: Sehr richtig! Schreien Sie doch nicht! Warten Sie! Ich will's Ihnen beweisen! Es ist psychologisch interessant, aber ein durchaus unorigineller Fall. – Sie starren alle fasziniert auf die eine Minute, in der Herr Mantl hier allein war, untersuchen das Zimmer, untersuchen ihn und finden nichts. Nun ist es ein alter Trick der Taschenspieler, die Aufmerksamkeit des Publikums in eine bestimmte Richtung hinzulenken, etwa auf die sehr tätige rechte Hand – und währenddessen kann die Linke um so ungestörter den Zauber vollführen. So auch hier! Gab's nicht außerhalb dieser einen Minute, in der allerdings die Rose unmöglich verschwinden konnte, gab's nicht außerhalb dieser einen Minute dafür eine Gelegenheit? Jawohl! Als wir nämlich ins andere Zimmer gingen, trat ich, alles beobachtend, als Vorletzter hinaus, und es entging mir nicht, daß unser Meister noch einen Augenblick hier blieb, um einige gewichtige Worte 69 an Herrn Mantl zu richten. Es ist mir sofort verdächtig erschienen! Herr Mantl, vollkommen naiv, gesteht selbst ein, daß er nicht weiß, was hier vorgegangen ist. Was war nun leichter, als in dieser einen Sekunde mit einem kurzen Griff den betreffenden Gegenstand in seine Tasche zu praktizieren? Nachher läßt man das Zimmer und die einzige verdächtige Person untersuchen und hat währenddessen in aller Gemütsruhe das Ding bei sich!

Kilian: Ich schwöre, ich schwöre –!

Kummer: Einen Augenblick! Es hat mich gejuckt, während Sie so erschüttert waren, Ihnen zu sagen: greifen Sie doch in seine Tasche; doch wollte ich es natürlich zu Ende führen lassen, und ich habe Ihnen ja auch prophezeit: der Gegenstand wird wieder auftauchen, wenn das Zimmer leer oder fast leer sein wird; denn er ist geschickt genug, nie allein zu bleiben, um keinen Verdacht zu erregen. Und dann, während zwei vollkommen ahnungslose Menschen hier sind, die womöglich – wiederum sehr geschickt von ihm – womöglich mit anderen Dingen beschäftigt sind, taucht sie ganz leicht auf ähnliche Weise wieder auf!

Kilian: Aber ich bin doch gar nicht zum Kamin getreten –! Herr Mantl –!

Kummer: Ein Wurf, und sie liegt dort!

Mantl: Ich finde die Beweisführung ausgezeichnet. Sie nicht auch, gnädiges Fräulein?

Kilian: Sie auch –?

Erika: Ich enthalte mich des Urteils.

Kilian: Sie auch –? 70

Frau Samson: Hinaus!

Mantl: Sie dürfen mich, den so lange Verdächtigen, nicht hinausweisen – er will rehabilitiert sein!

Kilian: Das wird der Himmel bestrafen! Ich gelogen und betrogen? Ich, ich? – Hören Sie den Donner? – Gewaltige Stunde! Wer hinausragt übers Allgemeine, muß Märtyrer werden! – Hören Sie den Donner? – Was macht man aus mir –?

Frau Samson: Seit zwanzig Jahren zum erstenmal spüre ich eine Träne –.

Kilian: Ich zermartere mein Gehirn und grüble und suche alles in mir hervor, was ich weiß von der Welt, und er sagt: Betrüger! Ich bete: bewahre mich vor Hochmut, und er sagt: Schwindler!

Gräfin Ziegeltrum: Wir glauben an Sie!

Julius: Ja!

Kilian: Aber ein Zweifel bleibt doch! Und wie beweise ich ihm meine Unschuld? Bin ich gefesselt? Kann ich nichts sagen? – Ich will Ihnen alles verzeihen, aber strengen Sie Ihren Geist an, bemühen Sie sich –: gibt's keine andere Erklärung?

Kummer: Nein! Keine!

Kilian: Und wenn ich nun kein Betrüger wäre –?

Kummer: Dann allerdings müßte ich an Ihre übermenschlichen Kräfte glauben!

Kilian: Dann – dann –! Ich bin keiner, ich bin keiner! O Herr, gibt's eine wissenschaftliche Erklärung, gib Kraft meinem Geist, daß ich sie finde! Vielleicht können sich die Atome, Ionen, 71 Elektronen zur alten Form wieder zusammenfinden? Ist's aber ein Wunder, laß andere Wunder geschehen, die er nicht anzweifeln kann!

Frau Samson: Sehen Sie ihn an, sehen Sie seinen Kummer, und glauben Sie noch immer, was Sie gesagt haben?

Kummer: Ja! – So bleibt auch hier nichts Zweideutiges, meine Mission ist erfüllt, und die Ehre der Natur ist gerettet! Gute Nacht!

Vierfuß: Sie wollen gehen? – Gestatten Sie mir, daß auch ich mich bei dieser Gelegenheit verabschiede!

Kilian: Auch Sie –? Auch Sie –? Und warum?

Vierfuß: Es ist spät, und dies alles ist mir nicht wie Ihnen eine Sensation.

Kilian: Ist's Ihnen gleichgültig, was hier geschehen ist, wie es geschehen ist, wie es und ob es erklärt wird? Und ob ich ein Betrüger bin? Ist's Ihnen gleichgültig?

Vierfuß: Ja. – Ich denke nämlich: es wird schon irgendwie sein. Ich mache nicht den gewaltigen Unterschied, wie Sie, zwischen dem Bekannten und Unbekannten. Das Bekannte und Alte verachten Sie, das Neue lieben Sie, und das Unbekannte machen Sie zum Gespenst!

Frau Samson: Er hat Angst, Meister, vor dem Fremden, Gewaltigen und Wunderbaren!

Kilian: Materialist!

Vierfuß: Aber, aber! Im Gegenteil, es ist mir zu unmystisch, und wenn Sie mystisch werden, ist es mir zu materialistisch! Sie wollen immer irgend 72 etwas Jenseitiges – ich weiß nicht, was es ist, aber irgend etwas Jenseitiges mit diesseitigen Dingen beweisen. Das aber ist eine gottlose Spielerei! Das Wunderbare! Was habe ich nicht schon Wunderbares erlebt! Sehen Sie mich an! Wie lange ist's her, da habe ich so ausgesehen wie dieser Knabe, und jetzt – sehen Sie mich an!

Kilian: Kleiner Mensch! Wissen Sie nicht, daß das allerdings nur ein Naturgesetz ist?

Vierfuß: Vielen Dank! Doch ist es mir schon seit langem vollkommen gleichgültig, ob die Natur ihr Unbegreifliches vollbringt, indem sie ihre Gesetze durchbricht, oder indem sie sie befolgt. Es ist, als wären zwei Gottheiten –: die eine läßt die alte Ordnung abrollen, die sie einmal geschaffen, und die andere, ja, sie bewirkt das Wunderbare und, wenn sie wollen, das Wunder – ich sagte: es ist als wären zwei Gottheiten, doch denken Sie! diese und jene, beide sind eine! – Gute Nacht!

Kilian: Nein! Sie sollen bleiben! Und dann vor meine Füße und flehen: verzeih uns!

Gräfin Ziegeltrum: Und haben Sie nicht Angst? jetzt? in dieser Stimmung? in den dunkeln Straßen?

Vierfuß: Wovor? Wenn Gespenster kämen, ich meine: wirkliche, richtige Gespenster, ich würde sagen: sieh an, sieh an, gibt's das also wirklich? Und was könnten sie mir tun? Hier stehe ich, heute noch lebendig, aber ein Greis – und dennoch habe ich keine Furcht mehr vor dem Tode. Sehen Sie, das ist etwas, worüber ich nicht genug staunen 73 kann. – Sie, Julius, hätte ich gern mitgenommen – doch ich weiß, ja, ja, Sie bleiben unbedingt hier.

Kummer: Genug gesprochen! Gehen wir endlich! Genug geschwindelt!

Kilian: Satan der kalten Vernunft! Bleib! Und prüf' noch einmal! Ich fühle, es werden noch ungeheure Dinge geschehen!

Kummer: Es bleibt Ihnen gläubiges Publikum genug!

Kilian: Erwürgt ihn niemand? – Was wird aus mir gemacht! Gehen Sie nicht! Sie würden es bereuen! (Es donnert.) – Ja, das sage ich euch: wer jetzt geht, wird wiederkommen, wird wiederkommen – aber auf einer Bahre wird er hereingetragen werden müssen!

Frau Samson: Bleiben Sie!

Gräfin Ziegeltrum: O Gott!

Vierfuß: Das hätten Sie nicht sagen dürfen! das war nicht schön, das hätten Sie nicht sagen dürfen, so mit aller Kraft es mir entgegenwerfen. – Wenn ich trotzdem gehe, so gebe ich dennoch zu, daß Ihre Prophezeiung sich sehr wohl erfüllen könnte. Denn oft schon ist es geschehen, daß einem Menschen sich jene Voraussage, die er nicht beachtet hat, weil sie ihm sinnlos schien, sich erfüllt, und Warnungen, die er überhört hat, weil sie ohne Vernunft waren, sich später doch als gar zu berechtigt gezeigt haben. Ja, es gibt geheimnisvolle Zusammenhänge, doch spricht man von ihnen, sind sie nicht mehr wahr. – Sehen Sie: ich bin erschrocken. Meine Schritte gehen schwerer. Sie 74 hätten nicht so zu mir sprechen sollen! Wie kann man auch so etwas einem achtzigjährigen Mann sagen! – Aber hören Sie: ich will noch nicht sterben! zum Donnerwetter! ich will noch nicht sterben! Wir wollen doch sehen! – Gehen wir, Herr Kummer? – Sie hätten nicht so zu mir sprechen sollen! – Gehen wir, Herr Kummer?

Kummer: Ich will ihm den Gefallen tun und bleibe noch; es interessiert mich selbst, was es noch Ungeheures geben wird.

Vierfuß: So gehe ich allein. Gute Nacht! (Ab.)

Kilian: Gehen Sie ihm nach, gehen Sie ihm nach! Er soll bleiben! (Frau Samson ab.)

Kummer: Ach, dieses Geschrei! (Ab.)

Mantl: Kommen Sie! (Mit Erika ab.)

Kilian: Schleichen sich alle weg? vom Schwindler? vom Betrüger? Ja, gehen Sie! Gehen Sie alle! Zuviel kommt über mich! Lassen Sie mich allein!

Gräfin Ziegeltrum: Ja, wir wollen ihn allein lassen. – Meister, aber wir glauben an Sie! (Mit Julius und Schiroga ab.)

Kilian (allein): Herr, Schicksal, Allmacht, Gott, Idee, deus – wie man dich nennen mag: welche Prüfungen schickst du über mich? Womit habe ich dich erzürnt? Der du die Dinge geschehen läßt, rette mich, rette mich! Ich bin ja nichts, nur dein Diener, dein Knecht, Sklave, Magd, hätte ich fast gesagt – vernichte die Zweifler, laß andere Wunder geschehen! – Laß andere Dinge verschwinden, diesen Tisch, diesen Schrank, dieses Haus, laß Menschen verschwinden, laß meine Feinde 75 verschwinden vom Erdboden! Laß Wunder geschehen! Laß sie regnen, laß sie regnen! (Es klopft ans Fenster.) Wer ist da? (Es klopft noch einmal.) Wer ist da?

Natterers Stimmes: Lassen Sie mich doch hinein!

Kilian: Wer bist du?

Natterers Stimmes: Das will ich Ihnen sagen. Aber lassen Sie mich doch zuerst hinein!

Kilian: Bist du ein Mensch –?

Natterers Stimmes: Ein richtiger Mensch! Ich stehe hier im Regen und finde die Klingel nicht in der Dunkelheit. Lassen Sie mich hinein! Es ist unerhört!

Kilian: Und was willst du?

Natterers Stimmes: Nichts Schlimmes. Ich bin durchnäßt und will vor allem ins trockene Zimmer kommen.

Kilian: Schwöre!

Natterers Stimmes: Ich schwöre.

Kilian: Nun denn! (Er öffnet das Fenster.)

 
Natterer
(mit einem Koffer und einem Strauß Rosen).

Kilian: Mensch! Hilfe! Die Rosen! Vervielfältigt!

Natterer: Erschrecken Sie doch nicht! Was geht denn hier vor? Die Rosen? Ich habe sie bei einer Händlerin gekauft, um sie Frau Samson mitzubringen. Sind Sie der Hausherr?

Kilian: Nein. – Wer sind Sie?

Natterer: Ich heiße Natterer.

Kilian: Und –?

Natterer: Haben Sie nie von Natterer gehört? Jakob Natterer? 76

Kilian: Nein.

Natterer: Und wissen Sie auch nicht, daß hier ein Gast erwartet wird? ein Schriftsteller, ein Philosoph?

Kilian: Jetzt? um diese Stunde?

Natterer: Nein. Früher – um neun Uhr. Mein Zug hatte aber fünf Stunden Verspätung. Und ich komme an, fremd, niemand kümmert sich um mich, niemand erwartet mich, ich irre im Gewitter durch die menschenleeren Straßen, natürlich kein Auto zu bekommen, verirre mich, finde nicht das Haus, dann nicht das Tor – eine Stunde wate ich im Regen. Das ist die Verehrung, die Liebe, die man genießt! Gib uns die Produkte deines Geistes, liefere sie nur ab, deine Schmerzenskinder, im übrigen kannst du verrecken! – Aber ich will nicht klagen, wahrscheinlich verdiene ich es nicht besser. Ich habe nur zu arbeiten, zu arbeiten, und so meine Mission zu erfüllen.

Kilian: Jetzt verstehe ich alles! Auf den Gedanken bin ich nicht gekommen –.

Natterer: Wo ist die Hausfrau?

Kilian: Einen Augenblick –! Die können Sie jetzt nicht sehen.

Natterer: Und mit wem spreche ich? – Bitte? Mit wem spreche ich?

Kilian: Ich heiße Kilian.

Natterer: Sie sind Gast in diesem Haus?

Kilian: Ja.

Natterer: Und wurde gar nicht von mir gesprochen? Hat man mich vergessen? vergessen, daß 77 ich kommen soll? Die Leute glauben immer: wenn einer mehr ist als sie im Geist, dann spürt er keinen Hunger, keinen Regen, nicht seinen Körper – soll's ihm gehen, wie's will! Nach dem Tod werden dann aus dem Elend und aus den Mißhandlungen Anekdoten gemacht, dann werden die Denkmäler gebaut. – Gut, gut, was bin ich denn; ich bin ja auch nur ein kleiner Mensch, ein Nichts. Aber dieser kleine Mensch wird doch auch, solange er lebt, ein wenig mißhandelt.

Kilian: Wie ich Ihnen das nachfühlen kann, mein Herr, oh, wie gut! – Er tut mir leid. Was aber soll ich tun? Aus dem Fenster und weg –? Aber dann –? Dann war ich nur eine Mystifikation – und was geschah, war dann natürlich nur Schwindel!

Natterer: Führen Sie mich doch, bitte, endlich zur Hausfrau! Ich will in mein Zimmer gehen, mich vor allem umkleiden.

Kilian: Das geht nicht, mein Herr, das geht nicht!

Natterer: Und warum? warum?

Kilian: Was soll ich tun? – Ich will Ihnen alles sagen. Man hat uns beide, wie ich kam, miteinander verwechselt. Man hat mich für Sie gehalten.

Natterer: Und Sie haben den Irrtum nicht aufgeklärt? – Es ist dabei geblieben? – Und warum?

Kilian: Das läßt sich nicht mit einem Wort sagen und hat vielleicht eine tiefere Bewandtnis. Vielleicht hat das Schicksal hier mitgespielt. 78

Natterer: Wieso? wieso? Ich verstehe Sie nicht. – Sind Sie auch Philosoph?

Kilian: Ja!

Natterer: Haben Sie irgendwelche Werke veröffentlicht?

Kilian: Noch nicht!

Natterer: Was sind Sie von Beruf?

Kilian: Buchbinder.

Natterer: Und was Sie gesprochen haben?

Kilian: Hat große Bewunderung geerntet, große Bewunderung!

Natterer: Sie kennen meine Werke nicht?

Kilian: Nein.

Natterer: O Ruhm! Das ist die Welt! Das sind meine Verehrer, die mir flammende Briefe schreiben, die Gläubigen an mich, die mich einen Weisen nennen und das größte Genie der Zeit – und dann kommt ein Buchbinder, spricht, was ihm in den Sinn kommt, und sein Humbug wird so beklatscht wie meine Lehren, über denen ich seit drei Jahrzehnten grüble. In diesem Augenblick fühle ich mein Leben nutzlos versprengt.

Kilian: Einerseits verwahre ich mich dagegen, Humbug gesprochen zu haben; Sie haben mich nicht gehört und haben nicht das Recht, es so zu nennen – andererseits verstehe ich Ihren Kummer.

Natterer: Ihnen, lieber Mann, verzeihe ich! Sie sind nicht der Schuldige hier! Die Verlockung war wahrscheinlich zu groß. Wir sind alle kleine Menschen, auch ich, auch ich! Keine Gewissensbisse – reichen Sie mir die Hand! 79

Kilian: Ich habe kein schlechtes Gewissen, es kam so, mußte so kommen; nur Sie, wie Sie dastehen! Ich bedauere Sie, aber trösten Sie sich damit, daß Ihr Name Wunderkraft besitzt, und wer sich mit ihm umkleidet, gilt schon als großer Mann; denn ich wurde von Anbeginn sehr ehrfurchtsvoll, mit großer Auszeichnung empfangen!

Natterer: Mein Name, mein Name! Was liegt am Ruhm! Aber was hinter dem Namen steht? Der Mensch! Und hinter dem Menschen? Die Gedanken, die Lehren, der Glaube! – Und haben Sie nicht bedacht, daß man gelernt haben muß? Auch das Denken muß man lernen! Selbst bei den besten Anlagen! Studieren, studieren, studieren!

Kilian: Ja, gewiß, gewiß, das ist wahr –.

Natterer: Sie haben einen Beruf, Sie können keine Zeit haben, Sie müssen die Dinge nur von der Oberfläche sehen –! Nun, trösten Sie sich, lieber Mann, trösten Sie sich! Zum Schluß gibt's eben eine Anekdote von Natterer. – Und worüber haben Sie gesprochen?

Kilian: Man hat mich gefragt, und ich habe gesagt, was ich denke.

Natterer: So, so. Und was nun etwa haben Sie gesagt?

Kilian: Manches könnte, denke ich, trotz allem in Ehren in Ihren Büchern Aufnahme finden; aber es deckt sich vielleicht nicht mit Ihren Meinungen, auch bin ich nicht so gebildet wie Sie, in meiner Ausdrucksweise nicht so fachmännisch, und zu 80 debattieren ist nicht meine Sache –. – Sagen Sie mir lieber, was ich hätte antworten sollen!

Natterer: Fragen Sie, guter Mann, fragen Sie!

Kilian: Man hat die schwerwiegendsten Fragen an mich gerichtet! Zum Beispiel –: welches ist die fruchtbarste Religion für den Menschengeist?

Natterer: Und darauf haben Sie geantwortet? Eines der gewaltigsten Probleme, über das ich seit Jahren nachdenke. O Gott, o Gott! – Nun denn: ich habe die Vision einer Religion, die alle Religionen in sich zusammenballt, das Fruchtbarste aus ihnen allen addiert, gleichsam also eine Universalreligion! –Verstehen Sie das?

Kilian: Ja! – (Für sich:) Das habe ich auch gesagt! – Was denken Sie über den Spiritismus?

Natterer: Ich bin kein Gaukler und kein Hexenmeister! Meine Arbeit liegt auf anderem Gebiet.

Kilian: Das habe ich auch gesagt! – Lebt der Mensch noch einmal nach dem Tode?

Natterer: Welch ein Problem! – Das ist eine Frage des unbedingten Willens zur Wiedergeburt!

Kilian: Das habe ich auch gesagt! – Hinaus! Sie sind ein Buchbinder!

Natterer: Was bin ich?

Kilian: Hinaus! Entweder bin ich ein Prophet wie Sie, oder aber Sie sind ein Schwindler so wie ich! Für zwei Schwindler aber ist in diesem Haus kein Raum und auch nicht für zwei Propheten! Hinaus!

Natterer: Ich denke, ich habe einen Verrückten vor mir –? 81

Kilian: O nein, doch einen Narren, einen Narren der Bescheidenheit, der sich hat einschüchtern lassen, doch nur für einen Augenblick, und meine natürliche Kraft wogt wiederum in mir! Was Sie in dreißig Jahren Tropfen für Tropfen herausgeschwitzt haben, das strömt, ist meine Brust einmal geöffnet, in fünf Stunden hervor! Hinaus! Wie Sie gekommen sind! Hinaus!

Natterer: Der Mensch, der sich einen Namen angeeignet, will seinen Träger, der einige Gedanken gestohlen hat, will ihren Schöpfer hinausjagen –? Es ist grotesk!

Kilian: Weniger, als Sie glauben! Gestohlen? Ich kenne Ihre Bücher nicht, nicht einmal Ihr Name ist zu mir gedrungen! Ich war behangen mit Gedanken, wie der Baum mit Blüten! Wenn ich geschaut, wenn ich geatmet habe, war's schon ein gigantischer Gedanke!

Natterer: Und mein ganzes Werk? Sechzehn Bücher, neun Broschüren –!

Kilian: Das kommt!

Natterer: Über unzählige Themen Vorträge gehalten!

Kilian: Das kommt!

Natterer: Und was ich sonst geleistet –?

Kilian: Unmöglich mehr – im Verhältnis – als ich in den letzten fünf Stunden!

Natterer: Vor närrischen Weibern!

Kilian: Vor Ihren Anbetern!

Natterer: Indem Sie meinen Namen trugen!

Kilian: Und von niemand die Verwechslung 82 bemerkt wurde! – Und von den mystischen Ereignissen spreche ich gar nicht!

Natterer: Ob Sie auch wagen würden, so zu sprechen, wenn Sie mein neues Werk kennen würden?

Kilian: Was ist es?

Natterer: Sie verstehen es ja gar nicht, wenn ich Ihnen sage, worum es sich handelt! Es heißt: Visionen – und ist halb philosophisch und halb dichterisch. Alle Träume und Visionen, die ich jemals hatte, sind darin gesammelt.

Kilian: Visionen? Das kann ich auch!

Natterer: Sie sind größenwahnsinnig!

Kilian: Man schließt die Augen und versenkt sich. Versuchen wir's! Ich bin in Stimmung! – Sie können es nicht so schnell? – Ich versenke mich! – Setzen Sie sich! – Sind Sie so weit? – Was sehen Sie?

Natterer: Ich sehe eine paradiesische Landschaft, von einem Bach durchzogen –.

Kilian: Als der ehrliche Handwerker, der ich bis heute war, schwöre ich Ihnen: ich sehe dasselbe!

Natterer: Schwindler!

Kilian: Gut! So spreche ich weiter! – Entlang des Baches geht ein nacktes Liebespaar. Er ist etwas größer als die Frau. Sie sieht zu ihm auf, und er hat seinen Arm um ihre Schulter gelegt. – Gestehen Sie: sehen Sie dasselbe?

Natterer: Allerdings. – Jetzt bleiben sie stehen –.

Kilian: Und sehen zum ewig blauen Himmel empor! – Genug! Hätte ich studiert wie Sie, die 83 Welt läge vor mir, hätte ich so viele Bücher gelesen wie Sie, die Welt würde bersten! Dreißig Jahre – und noch ragen nicht überall Ihnen zu Ehren prachtvolle Denkmäler empor? Noch brüllt Ihnen nicht in der kleinsten Stadt ein millionenfaches Hurra entgegen? Sie sind ein Stümper!

Natterer: Sie wissen nichts von der Welt, nichts vom Schicksal des großen Mannes, nichts von den Feinden, Neidern und Verständnislosen!

Kilian: Die Neider sind fern, meine Freunde aber sind um mich! Die Feinde können nur die Köpfe schütteln, aber die Freunde jubeln laut! Die Hausfrau hat drei Cousinen in drei verschiedenen Städten, und jede ist umgeben von einer Schar wissensdurstiger Menschen; ich fahre hin und dorthin und dorthin und dann weiter, weiter, und überall bildet sich ein Kreis und noch ein Kreis und noch ein Kreis, und dann, wie der Rauch hinausdringt aus dem geöffneten Fenster ins Offene, so dringt mein Ruf in die Welt, und zuerst wird man's flüstern, dann aber rufen: ein neues Genie, ein neues Genie! Und glauben Sie nicht, daß man sich in der Literatur für mich interessieren wird? Und dem Himmel sei's gedankt, es gibt noch Frauen, die wissen, daß man sich der neuen Größe zuwenden muß, und es werden sich noch nicht verblödete, sondern moderne Universitätsprofessoren finden, die dem Fortschritt zuliebe die Geschehnisse hier untersuchen werden und sagen: es ist etwas daran, es ist etwas daran! Ja, dem Himmel sei's gedankt, der Charakter dieser Zeit ist 84 nicht so steif und hart, daß sie nicht wüßte: sie muß fortschreiten, immer suchen, immer suchen und sich strahlend dem Neuen zuwenden! Und wie der Komet mit seinem Schweif am Himmel dahinstolziert, so werde ich über die Erde schreiten, mit einem Schweif von Bewunderern, und alles wird rufen: seht ein Komet!

Natterer: Es wird anders kommen, bestimmt anders kommen; Sie werden wieder untergehen!

Kilian: Und warum?

Natterer: Vielleicht nur deshalb, weil Sie zu plötzlich gekommen sind, nur deshalb, weil Sie die schnelle Fahrt nicht vertragen werden. Dann aber werde ich noch schlicht und einfach als kleine Sonne am Himmel stehen.

Kilian: Sie? Sie sind größenwahnsinnig! Haben Sie denn nicht selbst von sich gesagt: ich bin ja nichts, ich bin ja nur ein kleiner Mensch!

Natterer: Narr! Wohl habe ich das gesagt, aber warum? Weil man sich selbst nie überschätzen soll! Wohl habe ich es gesagt, aber das war nur meine Demut! und meine Demut ist rührend, herzbezwingend, und Sie sind der erste, der sich ihr entziehen will!

Kilian: Und warum? Weil ich noch demütiger bin als Sie! Sage ich nicht selbst immer: ich bin ja nur ein schlichter Sucher der Wahrheit!

Natterer: Lügner! Das sage ich immer von mir!

Kilian: Genug! Hinaus!

Natterer: Ich gehe zur Hausfrau!

Kilian: Gehen Sie, und ich gehe mit! Doch jene 85 werden dann wissen, und morgen wird's die Stadt wissen, und weiter wird sich's tragen und weiter –: es wurde ein Prophet erwartet, doch siehe! es kam statt seiner ein einfacher Handwerker, der sein Leben in seiner Kammer verbracht hat – und er öffnete den Mund und sprach, und alle riefen: Oh, wie ist er gewachsen, wie ist er noch größer, als wir gedacht hatten, der Prophet – doch siehe, es war der einfache Handwerker! Wer ist dann der Große, der Held, die Leuchte des Geistes? Kilian, der Buchbinder! Und wer der überschätzte, kleine Mensch, der Aufgeblasene? der Schwindler? Herr Natterer!

Natterer: Es ist eine sonderbare Stunde. Glauben Sie es mir: ich habe immer ehrlich und aufrichtig gedacht und gearbeitet und nach der Wahrheit gesucht. Und wenn mir jemand gesagt hätte: Sie sind ein Schwindler, Herr Natterer, dann hätte ich geantwortet: wie das, mein Herr, wie das –? In dieser sonderbaren Stunde aber taucht mir langsam ein Gedanke auf: wer ein Schwindler ist vor höheren Instanzen, das läßt sich schwer sagen, schwer entscheiden –! Vielleicht ich nicht weniger als Sie! Und wer weiß, ob nicht gerade diese Erkenntnis entscheidend ist in meinem Leben, und ob nicht gerade sie meine Gedanken in ganz neue Richtungen lenken und so die Frucht dieser Stunde neue Theorien und Bücher sein werden! – Und wenn ich gehe?

Kilian: Dann soll nie ein Mensch auf Erden von dieser nächtlichen Zwiesprache erfahren! 86

Natterer: Ihre Hand!

Kilian: Hier!

Natterer: Nun denn, reichen Sie mir den Koffer! – Doch draußen auf einer Bank sitzt ein Mann – ich habe mit ihm gesprochen, ihn um Auskunft gebeten und dabei gesagt, wer ich bin – und wenn ich nun wieder gehe und er sitzt noch immer dort –?

Kilian: Ein fremder Mann?

Natterer: Er schien herzugehören; ein alter Mann; er war ganz schwach und krank.

Kilian: Ein alter Mann? schwach und krank? schien herzugehören? – Vierfuß!

Natterer: So ähnlich nannte er sich.

Kilian: Sie können getrost gehen! – Hier haben Sie ein Beispiel –: bevor Sie kamen, ging er weg, und ich habe gesagt, er wird als Toter, auf einer Bahre wiederkommen. Kaum habe ich es ausgesprochen, sitzt er draußen, krank und schwach. – Haben Sie schon etwas Ähnliches geleistet?

Natterer: Ich habe es noch nicht versucht. – Ich wollte ihm beistehen, doch er hat gemurmelt: gehen Sie, ich glaube, mir ist nicht zu helfen.

Kilian: Aha! – Sie haben es noch nicht versucht? in Ihrer dreißigjährigen Tätigkeit noch nicht versucht? – Sie können getrost gehen! Entweder ist der alte Mann jetzt schon tot, oder er wird gestorben sein, bevor er wieder hereinkommt. Sie können getrost gehen!

Natterer: Reichen Sie mir den Koffer! – Herr Kilian, wollen wir Freunde sein? 87

Kilian: Danke! Danke! Gehen Sie!

Natterer: Reichen Sie mir den Koffer! (Er klettert durchs Fenster hinaus. – Ab.)

Kilian (allein:) Und hier noch Ihre Rosen! (Er wirft sie hinaus.) – Schon weg. Er hat mich nicht mehr gehört. Nun denn, so mögen die Blüten im Garten liegenbleiben als Zeichen meines Triumphes! (Er schließt das Fenster.)

    Das war herrlich! Das war prachtvoll! Das war ein Sieg der geistigen und menschlichen Kraft! Das war mir geschickt, um mich aufzurichten nach meinen Prüfungen! – Und draußen sitzt Vierfuß und krepiert!

 
(Ende des zweiten Aktes.) 88

 

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