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Kilian oder Die gelbe Rose

Paul Kornfeld: Kilian oder Die gelbe Rose - Kapitel 3
Quellenangabe
typecomedy
authorPaul Kornfeld
year1926
firstpub1926
publisherErnst Rowohlt Verlag
addressBerlin
titleKilian oder Die gelbe Rose
pages127
created20120928
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erster Akt

Ein Zimmer im Hause der Familie Samson.

 
Erika .

Erika (allein): Wäre doch dieser Abend schon vorbei, nach diesem Tag! Draußen, es kommt eine heitere Sommernacht über das Land, und es wäre gut, beim halben Licht durch die Felder zu jagen – doch nein, ich darf ja nicht, ich muß zu Hause bleiben; es kommt ja einer der größten Männer aller Lebenden, angefüllt mit ungeheueren Erkenntnissen und begabt mit außerordentlichen Kräften, und es wird Worte regnen und Worte und Worte! – Wenn aber statt dessen lieber die Kräfte sich entfalten wollten und etwas geschähe, irgend etwas geschähe! – Der Abend ist noch schwül vom Tag her, doch die Nacht muß sich abkühlen, und dann löst sich alles im Schlaf – und verwirrt mich wieder im Traum! – Was war das? Ist nicht ein Stein gegens Fenster gekommen? – Und jetzt wieder einer? (Durchs offene Fenster wird eine Rose ins Zimmer geworfen.) Und jetzt – eine Rose? (Beim Fenster:) Ist jemand hier? Niemand. 8 Niemand zu sehen. Sonderbar! Der Scherz eines Unbekannten? Oder eines Bekannten –? – Nun, ich nehme sie auf, als kleines Geschenk, als kleinen Teil des Sommers draußen, und ich fürchte, sie wird das einzig Lebendige sein in diesem Haus, heute nacht. – Doch was ist das? Auch sie ist nicht lebendig, nicht einmal verblüht – eine künstliche Rose, aus altem, abgeschabtem Samt; einmal war sie gelb, jetzt ist sie fast grau, und statt des Duftes nur der Geruch von Staub! Wie schade! – Ist jemand hier? – Ist jemand hier? Nein. Niemand. Sonderbar. Niemand hier.

 
Frau Samson .

Frau Samson: Nun, mein Kind, bist du bereit? Unsere Gäste müssen im Augenblick hier sein. Auch er wird gleich kommen; denn der Weg vom Bahnhof hierher dauert ja nur eine Viertelstunde. Mein Kopf zerspringt! Ich weiß gar nicht, wie ich all die geistigen Ereignisse verarbeiten soll. Gestern erst fuhr der italienische Dichter weg, heute morgen der Astronom, und jetzt kommt wieder dieser Mensch, der nach allem, was ich von ihm gehört habe, einer der bedeutendsten und geheimnisvollsten Männer sein muß! Wie er wohl aussehen mag? Aber denk nur: die Nachricht von seiner Ankunft scheint sich schon verbreitet zu haben!

Erika: Ach –?

Frau Samson: Ja! Ich habe eben diesen Brief bekommen, von einem ganz fremden Menschen!

Erika: Ach –? 9

Frau Samson: Ja! Denk nur! Er schreibt: »Sehr geehrte gnädige Frau! Verzeihen Sie, daß ich als Fremder mir erlaube –« und so weiter, und er hätte gehört, welcher Gast sich bei uns einfinden würde, und von der heutigen Zusammenkunft – »und da es schon immer mein glühendster Wunsch gewesen ist, in dieses geistige Zentrum eindringen zu dürfen –« – und so weiter – »werde ich mir gestatten, nach neun Uhr anzufragen, ob mein Wunsch erfüllt und ich vorgelassen werde. Ich bitte Sie, zu entschuldigen –« und so weiter, und so weiter. – Es ist doch erfreulich, zu sehen, daß die bedeutenderen Interessen im Wachsen zu sein scheinen. Ich wollte, es wäre auch bei dir der Fall! – Doch was hältst du in der Hand? – Was ist es?

Erika: Eine künstliche Rose. Sie ist durchs Fenster hereingeflogen.

Frau Samson: Was soll das bedeuten?

Erika: Sie kam durchs Fenster und fiel hier nieder. Ich bin hingelaufen, es war aber niemand im Garten.

Frau Samson: Bist du gleich hingegangen?

Erika: Im selben Augenblick!

Frau Samson: Selbst wenn derjenige, der sie hereingeworfen haben könnte, gleich geflohen ist, hättest du ihn doch sehen müssen, ehe er zum Gartentor kam –?

Erika: Ich habe auch gestaunt.

Frau Samson: Wann war es?

Erika: Eben jetzt. Vor zwei Minuten.

Frau Samson: Fünf Minuten vor neun Uhr –. 10 Um diese Zeit soll der Zug in die Stadt einfahren. Ob ein Zusammenhang besteht –?

Erika: Ich verstehe dich nicht –?

Frau Samson: Nun ja, ich kann es im Augenblick nicht gleich formulieren, jedoch –: ein Vergleich, ein Symbol –: es kommt ein Mann, um gleichsam die Blüten seines Geistes über uns auszustreuen – und im selben Moment, da der Zug, der ihn bringt, in die Bahnhofshalle einfährt, im selben Moment fällt eine Blüte, unbegreiflich wieso, woher, hier nieder!

Erika: O weh! Ich hätte es nicht sagen dürfen! Man kann bei meiner Mutter nicht vorsichtig genug sein! Ich werde lügen, sonst nimmt's kein Ende.

Frau Samson: Nun? Was meinst du?

Erika: Es ist ja nicht wahr, Mutter, ich habe gescherzt. Ich habe die Rose gefunden.

Frau Samson: Was soll das nun wieder? Was also ist wahr?

Erika: Ich habe ein wenig phantasiert. – Als ich am Nachmittag nach Hause ging, lag sie mir auf der Straße vor den Füßen, und ich habe sie in Gedanken aufgehoben.

Frau Samson: Sag lieber: in Gedankenlosigkeit! Denn gingest du in Gedanken versunken, du würdest den alten Plunder vor deinen Füßen nicht erblicken, geschweige denn aufheben! Und du würdest nicht vollkommen haltlose Aussagen machen über einen aus dem Äther hergeflogenen Gegenstand! Wirf sie weg! wirf sie weg! – Aber ich sehe an dir jenen Gleichmut allen geistigen 11 Sensationen gegenüber, der ein Erbteil deines Vaters an dich ist! Mein Kind, ich will dich nicht kränken, dich klage ich nicht an. Die Schuld ist mein, die Schuld und die Tragik meines Lebens: daß ich in unklarer Jugend mich von irdischer Liebe habe gefangennehmen lassen und die Frau eines ungeistigen Mannes geworden bin. – Aber sieh diesen Brief! Fremde Menschen bringen meinen Bestrebungen mehr Interesse entgegen als meine eigene Tochter! Hier ist er! Lies ihn!

Erika: Du hast mir seinen Inhalt ja gesagt –!

Frau Samson: Armes, armes Kind –! – Liebe Gräfin!

 
Gräfin Ziegeltrum .

Gräfin Ziegeltrum: Liebe Frau Samson! Wie danke ich Ihnen –! Ist er schon hier? Wann kommt er? Wirklich, Sie machen Ihr Haus zum Paradies des Geistes! Ah, Ihre Tochter! Liebes Kind, wie glücklich sind Sie, eine solche Mutter zu haben! Wann kommt er? Wie alt ist er? Ob er auch hypnotisiert? Sie kennen ihn auch noch nicht?

Frau Samson: Nein, ich kenne ihn noch nicht. Wieder ein neuer bedeutender Mensch! Ist das nicht die einzige Freude, die wir haben? Ich stand nur in Korrespondenz mit ihm. Jetzt ist er bei meiner Cousine in Oldenburg. Sie schreibt mir: er ist geradezu ein Übermensch!

Gräfin Ziegeltrum: Ach, ich schwärme für Übermenschen! Sie ersetzen mir die Liebe! Ich habe 12 jetzt seine Bücher gelesen: »Betrachtungen zum Leben«, »Ethische Fundamente«, »Mystische Weltanschauung« – Offenbarungen! Seitdem ich die Beschreibungen seiner inneren Erlebnisse gelesen habe, kann ich selbst keine anderen Erlebnisse mehr haben! – Aber warum haben Sie ihn nicht an der Bahn abgeholt?

Frau Samson: Ich wollte es tun, doch ich habe mich eines Satzes erinnert, den ich gelesen habe: es ist ein eigenartiges, nachdenkliches Gefühl, allein in einer fremden Stadt anzukommen und durch die Straßen zu schlendern – und dieses Erlebnis wollte ich ihm nicht nehmen.

Gräfin Ziegeltrum: Sie wissen das Leben der Menschen reicher zu gestalten!

Frau Samson: Wollen wir hineingehen?

Gräfin Ziegeltrum: Ja! Ach, dieses Zimmer! Welche Sensationen haben wir darin schon erlebt!

Frau Samson: Es hat geschellt!

Gräfin Ziegeltrum: Ob er das ist?

Frau Samson: Nein, es ist Julius' Stimme. – Sehen Sie, welchen Brief ich eben bekommen habe! Von einem ganz fremden Menschen! – Erika, empfange ihn! und wirf doch endlich die Rose weg! (Ab mit Gräfin Ziegeltrum.)

 
Julius .

Julius: Guten Abend! Ich heiße Julius. – Gnädiges Fräulein, zwar bin ich das erstemal hier, doch wenn ich Sie sah, wußte ich, wer Sie sind.

Erika: Sie kennen mich? 13

Julius: Ja; ehe ich nämlich Zutritt zu diesem Haus hatte, bin ich oft um seine Mauern geschlichen, träumend von all dem Leben, das sich hier abspielt; und da habe ich Sie einmal bemerkt, wie Sie von der Straße kamen und in den Garten gingen. Wie habe ich Sie damals beneidet! Sie schwebten dahin wie ein Geist, der von der lärmenden Erde kommt und die Gruft der Weisheit betritt. Ja, wie habe ich Sie damals beneidet! Und heute darf ich selbst hier sein! Welch ein herrliches Dasein für Sie, immer in dieser Atmosphäre zu leben! Umringt von den Freunden Ihrer Mutter, umgeben von Geistern, die auf allen Wegen Wahrheiten und Erkenntnisse suchen und sammeln, bis sie einmal die eine, letzte, endgültige Wahrheit finden! – Nicht?

Erika: Gewiß, gewiß!

Julius: Sie können nicht ahnen, welch eine Erlösung es für mich ist, hier sein zu dürfen!

Erika: Ach –?

Julius: Ja, sehen Sie, was führt man für ein Leben? Immer das Studium, immer das Studium! Was aber können mir meine Lehrer geben? Plumpe Mitteilungen, nackte Tatsachen, von dürrem Kopf zu dürrem Kopf überlieferte Mitteilungen, doch von den Wundern und Geheimnissen wissen sie nichts! Und die Welt ist doch voller Wunder und Geheimnisse –?

Erika: Gewiß ist sie es!

Julius: Oh, ich glaube, wir werden einander verstehen! Sie sind wunderschön, gnädiges Fräulein! 14 Ah, wie gewaltig und erfüllt spüre ich heute das Leben! – Ist Ihr Gast schon hier?

Erika: Nein. Wir erwarten ihn eben jetzt! Doch was wissen Sie von ihm?

Julius: Nicht viel. Eigentlich nichts. Aber ich zittere vor Spannung, – genau wie Sie! – ihn zu, sehen und zu hören! Ich kenne nur die Titel der Bücher, die er geschrieben hat: »Betrachtungen zum Leben«, »Ethische Fundamente«, »Mystische Weltanschauung« – aber eben, daß er mir so unbekannt ist, das Geheimnis, das ihn für mich umgibt und das sich hinter diesen Titeln verbirgt, macht ihn mir noch großartiger! Denn danach, was mir Ihre Mutter von ihm sagt, ist er groß nach allen Seiten hin! Er scheint geradezu ein Genie zu sein! Gnädiges Fräulein, ich liebe alles Große! Sind wir nicht immer auf der Suche nach dem Großen, Wunderbaren, und man findet es, wenn man es will und es in sich hat und die Arme öffnen kann, um es an sich zu reißen! – Doch Sie sagen nichts, und immer spreche nur ich –!

Erika: Ich höre Ihnen zu –.

Julius: Gibt's etwas Schöneres, als einander seine Gedanken zu verraten und von seinen Ideen zu sprechen? Denn man ist ja immer so einsam, immer eingesperrt in die Höhle seines Alleinseins!

Erika: Es werden sich Brücken finden in die Welt!

Julius: Glauben Sie's wirklich? – Denken Sie –: ich habe noch nie geliebt! vielmehr, ich habe 15 unendlich oft geliebt, aber immer nur in der Ferne schwebende Gestalten, doch nahe, haltend, selbst geliebt – so nie! so nie! Wahrscheinlich, weil ich eine verschlossene Natur bin, und doch will ich geben und alles teilen, was ich denke und fühle; denn denken Sie! so sonderbar ist es mit mir! zugleich bin ich eine mitteilsame Natur! Dennoch dürfen Sie nicht glauben, daß ich zu jedem so spreche, wie jetzt und hier, aber zu Ihnen habe ich – ich weiß nicht, wieso und warum – ein unendliches Zutrauen!

Erika: Nun denn! so sprechen Sie weiter!

Julius: Oh, Sie sind gut! Ich habe das Gefühl, wir verstehen einander! Ach, ich verschmachte ja in der Steppe meines Studiums! Hier aber, hier will ich alles in mich saugen und es mit meiner Seele verschmelzen; was aber in mir ist, in meiner Seele an Erfahrungen, Wissen, Gedanken und Gefühlen, das soll heraus! denn bin ich auch erst achtzehn Jahre alt – in meinen Gedanken und meinem Gefühlsleben bin ich schon ur-, uralt! (Er weint.)

Erika: Der Knabe –! Warum weinen Sie? Weinen Sie nicht!

Julius: Ich weiß nicht, was es ist. Verzeihen Sie!

Erika: Diese grundlosen Tränen, sie strömen aus dem Allgemeinen ins Allgemeine. Sie werden sich bald in grundlose Heiterkeit verwandeln. – Sprechen Sie! Öffnen Sie sich! Ich meine es gut mit Ihnen!

Julius: Ich weiß es. Ich fühle es. Oh, Sie trösten mich schön! – Alles ist unfaßbar! Nichts ist 16 begreiflich! Die Welt ist so groß! Alles voller Geheimnis! alles so voller Wunder! – Gnädiges Fräulein! Glauben Sie nicht, daß ich nur aus dem Überschwang des Augenblickes spreche – ich weiß, was ich sage! – aus tiefster Überzeugung, aus tiefster Seele sage ich es! staunen Sie nicht! gewiß, es muß Sie überraschen, aber was sich vielleicht seit Äonen vorbereitet hat, erfüllt sich in einem Augenblick! – antworten Sie! antworten Sie, was Sie wollen, aber ich muß Sie fragen –: wollen Sie meine Frau werden?

Erika: Oh! ich bin bestürzt! – Was soll ich ihm nun sagen?

Julius: Die erste und letzte Frau meines ganzen Lebens!

Erika: Sehen Sie, der Abend hat ja noch kaum begonnen, und ehe die Nacht zu Ende geht, wollen wir noch viel miteinander sprechen –; jetzt aber, ich kann Ihnen keinen Bescheid geben, nicht einmal eine Antwort, denn hören Sie? man kommt! – doch für jeden Fall –: halten Sie nicht etwa bei meiner Mutter um meine Hand an!

Julius: Warum?

Erika: Still!

 
Vierfuß .

Vierfuß: Guten Abend, Erika! – Und Julius –! Nun? Sie stehen da in Erwartung des großen Mannes? Oder sollte irgend etwas anderes die Begeisterung in Ihre Augen gebracht haben? – Sie, Erika, sehe ich gleichmütiger. Es wäre auch 17 sonderbar, wenn Sie nicht in Erwartung anderer Dinge vibrieren würden, als der Ankunft eines Propheten.

Erika: Und Sie?

Vierfuß: Ich? Ein Prophet ist immer interessant – auch wenn er kein Prophet sein sollte. Und spielt man nicht mit, so setzt man sich doch gern an den Tisch und sieht den andern zu und dem Spiel ihrer Gesichter.

Julius: So glauben Sie nicht an ihn? Sind Sie ein Zweifler? ein Skeptiker?

Vierfuß: Keine allgemeinen Worte! Lieber Julius, Sie sind ein reizender Junge, doch müssen Sie mir auch verzeihen, wenn ich, der viermal so alt ist wie Sie, anders spreche und denke. – Je älter man wird, desto weniger glaubt man – und desto frömmer wird man. Beides zugleich! – Doch die Gläubigen versammeln sich!

 
Frau Samson und Gräfin Ziegeltrum.

Frau Samson: Es hat geschellt!

Erika: Es ist Schiroga.

Gräfin Ziegeltrum: Lieber Julius, ich freue mich, Sie in diesem Haus zu finden. – Schiroga –? Kommt er auch? Ein dämonischer Mensch!

 
Schiroga .

Schiroga: Gnädige Frau, ich bin Ihnen ungeheuer dankbar für Ihre Einladung. Ist er schon hier? Es ist für mich eine Frage nach Tod und 18 Leben, – im geistigen Sinn natürlich! – mit diesem Menschen zu sprechen.

Vierfuß: Wir alle warten auf ihn.

Schiroga: Für niemand aber, glaube ich, ist es im tiefsten so entscheidend. Ja, es wird immer geheimnisvoller um mich. Die mystischen Erlebnisse mehren sich, merkwürdige Zusammenhänge zeigen sich immer wieder.

Gräfin Ziegeltrum: Was ist geschehen? Sprechen Sie, sprechen Sie!

Schiroga: Es sind sonderbare, im gewöhnlichen Sinn kaum erklärliche Phänomene, die mich gleichsam planmäßig verfolgen.

Vierfuß: Und war es immer so?

Schiroga: Nein; erst seit zwei Jahren; gerade, denken Sie! gerade an meinem fünfzigsten Geburtstag haben sie begonnen – als Krönung meines Lebens, als Endakkord einer chaotischen Symphonie. Ich weiß nicht – es gehört eins zum andern und alles zusammen – ich weiß nicht, ob Sie die Geschichte meines Lebens kennen?

Julius: Nein! Ach, bitte, bitte!

Erika (für sich): Ich kenne sie; er erzählt sie jedem in den ersten fünf Minuten der Bekanntschaft.

Gräfin Ziegeltrum: Sprechen Sie, sprechen Sie! Ich habe sie oft gehört, doch ich möchte sie Wort für Wort noch einmal hören!

Schiroga: Nun denn! – Es ist wie der Lauf eines stürmischen, seinen Gang immer wieder ändernden Stromes. – Meine Familie entstammt einem 19 alten slawischen Fürstengeschlecht. Ich wurde in einem Kloster erzogen, wurde Mönch und blieb es bis zu meinem dreißigsten Jahr, beschützt von einem sicheren Gott, Diener einer Religion, die die Augen niederschlägt vor dem Diesseits – so lebte ich wie in einem hohlen Baum, bis mich der Wunsch ankam und zur Leidenschaft wurde –: nach langen Kämpfen stürzte ich hinaus –: um das Dasein zu erkennen und um sein Glück zu erleben. Zuerst – mit der Erkenntnis wurde es nichts, denn am Anfang lockte mich die Freude: es war eine Frau, die erste Frau, die ich in meiner Freiheit kennengelernt habe. Ich heiratete sie, doch die erste Katastrophe: gierig nur auf körperliche Sensationen, hat sie mich betrogen – und in einer furchtbaren nächtlichen Aussprache mir die Schuld zugemessen! – Seitdem glaube ich nicht mehr an die Liebe. Enttäuscht und verzweifelt warf ich mich in die andere Welt der Freude: des Genusses – das ist die traurigste Zeit meines Lebens: Spiel, Trunk, Duelle, Weiber – oh! wie wurde ich ausgenützt! – und damals zerschmolz in wenigen Jahren mein großes Vermögen. – Doch nichts ist vergebens erlebt, und aus dem Sumpf wuchs ein gereinigter Mensch. Die Sehnsucht meiner Kindheit erfüllte sich: ich wurde Maler und erlebte die Vibrationen der Kunst – hunderte kühne, ekstatische Bilder sind Zeugen. Aber der Krieg kam, und ich erinnerte mich, daß ich ein Vaterland habe. Ich kämpfte, habe alle Orden bekommen, war dreimal schwer verwundet – bis ich erkannte – leider 20 so spät, denn es nahte schon das Ende des Krieges – bis ich erkannte: Krieg ist Wahnsinn! Haß ist Irrsinn! Liebe! Friede! – Und die Folge dieser meiner inneren Wandlung? Ich kam ins Gefängnis! Doch heraus trat ich als Revolutionär im tiefsten Herzen, als glühender Kämpfer für einen neuen Staat – um abermals – als einzige Individualität, als einzig Unbedingter, als einziger Idealist im Getriebe der Politik! – um abermals enttäuscht zu werden! Ich floh den ganzen Wirrwarr und stand da, nachdem ich durch alle Höllenstationen der Erde gegangen war, stand da, nackt wie ein Kind, und dann kam es –: an meinem, denken Sie! gerade an meinem fünfzigsten Geburtstag hatte ich meine erste Vision. Seitdem ist es eine Kette von mystischen Erfahrungen, von jenseitigen Erscheinungen. – Mein Leben war wie ein schwarzer, von Blitzen durchzuckter Himmel.

Julius (leise): Ach, Fräulein Erika, daß ich das alles mit Ihnen erleben darf!

Gräfin Ziegeltrum: Ich sehe, Julius, Sie sind entflammt, wie ich!

Frau Samson: Man wagt nach dieser Erzählung gar nicht zu sprechen. – Nicht wahr, Ihr Leben war wie ein Sturm? – Wollen Sie sich setzen? Hierher, hier ein Kissen!

Schiroga: Danke, danke! – Gnädige Frau, ich kenne Ihren Grundsatz, Ihren Gästen keine alkoholischen Getränke anzubieten, doch ich kenne auch Ihren anderen Grundsatz: den Willen des Nebenmenschen nicht hemmen zu wollen. So 21 werden Sie es mir verzeihen, daß ich mir meine eigene Flasche mitgebracht habe. Bitte, kein Glas, danke, ich trinke aus der Flasche! Habe ich getrunken, dann wird mein körperliches Auge trübe, doch mein inneres Auge öffnet sich, wird sehend, und ich ahne viele, ungeheuere Zusammenhänge –.

Vierfuß: Und Ihre Visionen? die mystischen Geschehnisse? Wir sind aufs äußerste gespannt!

Schiroga: Ja, wie soll man's sagen? Jede Beschreibung entkleidet sie der Seele. Und doch, es wird der Tag kommen, da die Wissenschaft den Menschen und die Welt mit neuen, ungeahnten, erschütternden Gesetzen erfassen wird! – Ich glaube nur noch an zweierlei: an die wahre Erkenntnis der Welt und an die große Persönlichkeit!

Gräfin Ziegeltrum: Es hat geschellt!

Frau Samson: Eine fremde Stimme! Das ist er! Erika, geh ihm entgegen, ihn begrüßen!

 
Mantl .

Mantl: Guten Abend!

Erika: Was soll das –?

Gräfin Ziegeltrum: Wie seine Augen leuchten!

Frau Samson: Sehen Sie meine Tochter! Ganz blaß!

Gräfin Ziegeltrum: Schon in seinem Bann! So jung und schon ein Übermensch!

Frau Samson: Wie danke ich Ihnen, daß Sie gekommen sind!

Mantl: Im Gegenteil! ich danke Ihnen, daß ich kommen durfte. 22

Schiroga: Wie schlicht!

Mantl: Bitte –?

Frau Samson: Nein! Sie sind für uns der mit Sehnsucht erwartete Meister!

Erika: Nein –!

Frau Samson: Was sagst du da –?

Mantl: Die junge Dame, die ich für Ihre Tochter halte, hat: nein – gesagt. Sie hat das Richtige erraten, daß ich kein Meister und kein Übermensch bin, sondern nur ein Mann – ich bin derjenige, der Ihnen heute abend den Brief geschickt hat, mit der Bitte, vorgelassen zu werden. Ich heiße Mantl.

Frau Samson: Ein Mißverständnis! Verzeihen Sie!

Gräfin Ziegeltrum: Nun, sind Sie auch noch kein Übermensch, so können Sie ja immer noch einer werden!

Schiroga: Er ist es nicht? Gleichgültig! Für einen Augenblick war er es doch! Diese Stimmung, diese Atmosphäre in der einen Minute! Sehen Sie, ich werde verfolgt von sonderbaren Zufällen – das dritte Erlebnis dieser Art am heutigen Tag!

Gräfin Ziegeltrum: Ach, erzählen Sie doch! – Sehen Sie Julius! Wie seine Augen glänzen! – Kommen Sie, Julius, mit uns! Herr Schiroga erzählt uns von seinen Erlebnissen! (Ab mit Schiroga und Julius.)

 
Schumpeter .

Schumpeter: Komme ich zu spät? komme ich zu spät? 23

Frau Samson: Wir warten noch, wir warten! – Doch was bringen Sie mir?

Schumpeter: Einige Zeitschriften und Bücher. Hier ein Aufsatz über das Verhältnis der Chemie zur Physik – sehr interessant! Hier über die sexuelle Aufklärung der Kinder – sehr gut! sehr gut! Hier über Graphologie, hier ganz neue, aber doch recht einleuchtende Behauptungen eines Astronomen, hier über Telekinese, hier – sehr wichtig, sehr wichtig! – über die Notwendigkeit von Gedächtnisübungen, und hier – hier wird geradezu experimentell bewiesen, daß sich das menschliche Geschlecht bei genügendem Fleiß und ununterbrochener Konzentration innerhalb von drei bis fünf Generationen zu einem Geschlecht von Menschen mit höheren geistigen Kräften und Erkenntnissen entwickeln könnte.

Frau Samson: Hörst du, Erika? Bei ununterbrochener Konzentration!

Vierfuß: Und wodurch?

Schumpeter: Vor allem durch die Konzentration selbst und durch den Willen zu einem höheren Dasein.

Frau Samson: Hörst du, Erika?

Erika: Ach, ich bin in diesem Dasein noch nicht ganz zu Hause!

Frau Samson: Dieses Dasein? Das kannst du getrost als eine Bagatelle ignorieren! – Gehen wir zu den andern! (Mit Schumpeter und Vierfuß ab.)

Erika: Was soll das? Warum sind Sie hier? Was soll das? 24

Mantl: Haben Sie meinen Brief nicht gesehen?

Erika: Nur gehört! ohne Unterschrift! Wie konnte ich ahnen, daß er von Ihnen kommt! Warum aber der Brief? Warum die erheuchelte Begeisterung für dieses Haus?

Mantl: Ich wußte kein anderes Mittel, mich hier einzuführen. Ich dachte, wir würden lachen, wenn wir einander sehen. Statt dessen –! wie empört Sie sind, daß ich hier bin!

Erika: Ich bin nicht empört, bin nur erschrocken, doppelt erschrocken über die Art, mit der man Sie begrüßt hat!

Mantl: Und ich hatte Lust, sie fortzusetzen und mich als Meister zu gebärden, doch im letzten Augenblick – ich habe mich erinnert, daß ja doch der echte Meister gleich kommen muß. – Wie verwirrt Sie sind!

Erika: Ich bin's! Alles wirbelt um mich! Der Ekel erstickt mich – ich weiß nicht, wovor –: ob vor diesen Menschen oder vor mir, daß ich sie nicht verstehe, oder vor meiner Schwäche, daß ich nicht weglaufe, irgendwohin! All diese Menschen! Und nun auch noch Sie!

Mantl: Soll ich wieder gehen?

Erika: Nein! Bleiben Sie! – Ah, jetzt kommt er! Gehen wir! Ich will nicht die erste sein, die ihn begrüßt! – Bleiben Sie! Sind Sie gekommen, so bleiben Sie auch! (Mit Mantl ab.) 25

 
Kilian .

Kilian (allein): Ein schönes Zimmer! – Viele Bücher! Man sieht: hier leben Menschen des Wissens! – Wie spät ist es? – Halb zehn! – Was Buchbindermeister Kilian auch für eine Aufgabe sich setzt – er führt sie durch! Frau Samson hat heute morgen in meiner Abwesenheit meiner Werkstatt einen Besuch abgestattet und war enttäuscht, wie mir der Lehrling berichtet hat, daß diese Bücher erst morgen fertiggebunden sein sollten, sie brauchte sie heute abend, ja, sie war untröstlich und hat lamentiert! Schön, habe ich gesagt, sie soll nicht lamentieren, die Dame soll ihre Bücher haben! Bis spätestens halb zehn! – Es ist halb zehn! – Und nun? Ich könnte die Bücher herlegen und wieder gehen, doch vielleicht erscheint Frau Samson, will sie selbst in Empfang nehmen, ich könnte so ihre Bekanntschaft machen und sie ihr persönlich überreichen –: Madame, hier Ihre Werke!

    Daneben eine Gesellschaft, Damen und Herren, in lebhafter Unterhaltung begriffen. Wahrscheinlich wollen Sie heute einander aus diesen Werken vorlesen und dann ihre Meinungen über das Gehörte austauschen. Die gebildete Welt – die glückliche Welt! Hier hätte man geboren, hier hätte man groß geworden sein müssen! Mit der Muttermilch werden gleichsam die Bazillen der Bildung eingesogen, das Spielzeug der Kinder sind Bücher! – Bücher, Bücher, viele Bücher, Originalgemälde, Porträts bedeutender Männer des Geistes, der 26 Leuchten an den Himmeln der Künste und der Wissenschaften! In dieser Atmosphäre kann sich die Knospe des Geistes entwickeln, die in jedes Menschen Gehirn verborgen ist! – Doch auch in der Werkstatt bleibt der Mensch ein Mensch! Auch der Handwerkermeister Kilian ist nicht zu verachten, wenn er auch, zwar aus eigener Kraft Meister geworden, dennoch nur die Bücher zu seinen Kunden austrägt. – Eine Dame –? Es wird wohl die Dame des Hauses sein.

 
Frau Samson .

Kilian: Madame –!

Frau Samson: Oh! – Verzeihen Sie! Ich wußte nicht, daß Sie schon hier sind! Sie sind der Meister?

Kilian: Der Meister selbst!

Frau Samson: Wie danke ich Ihnen, daß Sie gekommen sind!

Kilian: Ich hab's mir vorgenommen – ich bin hier!

 
Nacheinander: Gräfin Ziegeltrum, Erika, Mantl, Schiroga, Julius.

Gräfin Ziegeltrum: Da ist er! Jetzt sehe ich erst, wie Augen leuchten können! – Meister, ich sage nur eines: ich kenne Ihre Bücher!

Kilian: Es ist mir ein Vergnügen, das zu hören, und ich glaube selbst, sagen zu dürfen, daß meine Bücher erstklassige Arbeit darstellen!

Frau Samson: Hier, Meister, das ist meine Tochter. 27

Kilian: Mein Fräulein –! – Ein schönes Mädchen, gnädige Frau, ein schönes Mädchen!

Frau Samson: Nur äußerlich, nur äußerlich! Ich erwarte sehr viel von Ihrem Einfluß!

Kilian: Von meinem Einfluß? Ein Scherz, Madame, ein Scherz!

Schiroga: Mein Herr, ich begrüße Sie. Ich heiße Schiroga. Eine innere, geheimnisvolle Stimme sagt mir, daß wir Freunde sein werden. Ich bin ein Mensch, der sich durch alle Wildnisse des Lebens durchgekämpft hat, jetzt aber auf die unendliche Ebene der freien Erkenntnis gelangt ist. Doch zu gewaltig sind die Erlebnisse! Lassen Sie uns Freunde sein!

Kilian: Es wird mir eine ungeheuere Ehre sein, Herr Schiroga, jedoch –.

Frau Samson: Das ist Julius. Sie sehen, er zittert und kann den Mund nicht öffnen, da er vor Ihnen steht.

Gräfin Ziegeltrum: Der reizende Junge! Wie ihn die Sensation durchbebt!

Kilian: Meine Damen und Herren, ich weiß nicht, was ich sagen soll – ich fürchte, ich bin nicht derjenige, für den Sie mich halten!

Gräfin Ziegeltrum: Oder Sie sind mehr, als Sie selbst ahnen!

Frau Samson: Doch legen Sie endlich Ihren Hut ab! Haben Sie einen Koffer?

Kilian: Einen Koffer –? Wofür? Hier das Paket, das ich zu bringen hatte!

Frau Samson: Bitte –? 28

Kilian: Die Bücher.

Frau Samson: Bitte –? – Erika, geh hinein, den Herren sagen, daß unser Gast gekommen ist!

Kilian: O bitte, bitte –!

Erika (leise zu Mantl): Kommen Sie! (Mit Mantl ab.)

Julius: Fräulein Erika, welchen Eindruck haben Sie? Ungeheuer, nicht wahr? (Ab.)

Gräfin Ziegeltrum: Der arme Junge ist ganz aufgelöst! (Ab.)

Kilian: O bitte, bitte, ich kann es nicht dulden, daß um meiner geringfügigen Persönlichkeit willen irgend jemand gestört wird!

Frau Samson: So wollen wir hineingehen?

Kilian: Gern, gnädige Frau, gern –.

Schiroga: Sehen Sie, wie er versunken ist!

 
Schumpeter .

Schumpeter: Hat er schon etwas gesagt?

Frau Samson: Stören Sie ihn nicht! Er ist mir geradezu unheimlich! Gehen wir, er wird nachkommen! (Ab mit Schiroga und Schumpeter.)

Kilian (allein): Ich glaube, man verwechselt mich. Ja, sie verwechseln mich mit irgendeinem bedeutenden Menschen oder Genie. Wahrscheinlich eine Ähnlichkeit der Gestalt oder der Gesichtszüge! Sehr interessant! Sehr schmeichelhaft! – Doch die Komödie sei beendet! denn sie ist dieser so liebenswürdigen und durchaus sympathischen Menschen, und sie ist vor allem meiner nicht würdig! Ich werde vielmehr vor die Gesellschaft hintreten 29 müssen und frei und offen sagen: meine Damen und Herren, nicht bin ich derjenige, für den Sie mich halten, kein großer Mann und kein Genie – vielmehr bin ich nur der schlichte Buchbindermeister Kilian! – Ich danke Ihnen für die Ehre, die Sie mir durch diesen Irrtum bezeugt haben, wenn ich auch nicht weiß, wodurch ich sie verdient habe. – Gewiß, wie oft sagen meine Freunde am Stammtisch: Kilian, du bist ein Künstler! – und wenn ich ihnen über dies oder jenes Auskunft geben und manchen Zweifel lösen kann: Kilian, du bist ein Gelehrter! – und ich antworte ihnen: ja, glaubt ihr denn, daß ein Handwerker nur wie eine Maschine sein muß oder wie ein mechanisches Tier? Hat die Natur nicht jedem Menschen Verstand, Vernunft und ein Gehirn gegeben? Auch er kann denken, auch er kann sich emporschwingen – und gerade wir Buchbinder! haben wir nicht das edelste Material in unserer Werkstatt: Bücher, aus denen wir bei unserer Tätigkeit lernen können? Und während die Hände sich das tägliche Brot erarbeiten, kann der Geist in andere Höhen steigen und sich dem und jenem Problem zuwenden. Ja, meine Damen und Herren, auch ich habe gedacht und gegrübelt, auch ich weiß von den zahlreichen Rätseln, die hinter allem sich verbergen, auch ich habe meine Meinungen und Theorien über die Welt und das Dasein! Aber natürlich, ich kann mich nicht messen mit den Philosophen und Denkern – ich bin nur ein schlichter Sucher der Wahrheit, der schlichte 30 Handwerker Kilian; und es sei fern von mir, zu beurteilen, ob das vor Gott gar nichts bedeutet oder vielleicht doch – im Kosmos! – ein ganz klein wenig!

 
Frau Samson .

Frau Samson: Sie sind noch immer allein! Sagen Sie mir – wir sprachen eben darüber –: welches ist die fruchtbarste Religion für den Menschengeist?

Kilian: Ein tiefes Problem, gnädige Frau, ein tiefes Problem!

 
Schumpeter, Gräfin Ziegeltrum .

Schumpeter: Nun, was hat er geantwortet?

Gräfin Ziegeltrum: Meister! Hat der Mensch einen Astralleib?

Kilian: Bitte –?

 
Schiroga, Julius .

Schiroga: Ja oder nein! Glauben Sie an mystische Zusammenhänge?

Kilian: Warum denn nicht, Herr Schiroga, warum denn nicht?

Gräfin Ziegeltrum: Haben Sie sich mit Graphologie beschäftigt? Und vor allem: glauben Sie ans Hellsehen?

Kilian: Ich sage immer, Frau Gräfin: es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde –!

Frau Samson: Wie richtig! wie richtig! – Herr Schumpeter, Sie müssen mitschreiben – was er sagt – wenigstens Schlagworte! 31

Schumpeter: O nein, ich schreibe alles mit, alles! Geben Sie mir Papier! – Haben Sie sich mit dem Problem des Spiritismus befaßt?

Kilian: Es ist mir durchaus nicht unbekannt.

Frau Samson: Nichts scheint ihm unbekannt zu sein.

 
Erika, Mantl, Vierfuß .

Gräfin Ziegeltrum: Ach, bitte, eine spiritische Sitzung!

Julius: Ja, bitte, bitte!

Schiroga: Tun Sie es! Ich ahne eine große Nacht!

Kilian: Meine Damen und Herren, Sie irren! Noch nie versuchte ich es, und ich bin gewiß nicht der Geeignete, solche Phänomene hervorzuzaubern.

Gräfin Ziegeltrum: Die Macht Ihrer Anwesenheit erzwingt alles! – Soll man sich psychoanalysieren lassen?

Frau Samson: Sie sehen –: wenn wir uns öffnen, was finden Sie in uns? Fragen, Fragen, nichts als Fragen! Die Not des Geistes, des Herzens, der Seele! Wie unbefriedigt sind wir alle! Wie gern wäre ich bereit, mich einer Religion anzuschließen, und wäre es die exotischste, denn interessant sind ja alle!

Kilian: Sehr richtig!

Frau Samson: Aber welches ist die fruchtbarste für den Menschengeist?

Kilian: Ein tiefes Problem, ich sagte es schon, ein tiefes Problem, das ein einfaches Menschengehirn schwer im Augenblick lösen kann. 32

Gräfin Ziegeltrum: Ein einfaches Menschengehirn, ein einfaches Menschengehirn –!

Frau Samson: Sie haben doch gewiß darüber nachgedacht?

Kilian: Nachgedacht, nachgedacht – worüber hat man nicht in einsamen Abendstunden sich seinen schweifenden Gedanken hingegeben und so ein wenig phantasiert?

Schiroga: Ich sehe es: Sie haben eine bestimmte Idee darüber. Sprechen Sie! Ein Wort kann die Krise, in der ich mich befinde, lösen!

Frau Samson: Sprechen Sie!

Kilian: Nun, denn, wenn ich wagen darf, meine Meinung zu äußern – nun denn: ich sehe eine Religion vor mir, die alle bisherigen Religionen in sich zusammenfaßt, alle Vorteile, die verstreut in ihnen allen ruhen, in sich, als der einzigen vereinigt, also gleichsam ein Esperanto der Religionen!

Frau Samson: Haben Sie's?

Schumpeter: Ja.

Schiroga: Weiter!

Kilian: Nicht wahr, nicht schlecht?

Schumpeter: Eine Vision von weltumfassender Bedeutung!

Kilian: Nicht wahr, das ist doch eine Meinung, die sich durchaus sehen und hören lassen kann?

Schiroga: Weiter! Was Sie sagten, ist groß!

Frau Samson: Erika, du stehst teilnahmslos da, bist zufrieden mit dem Spielzeug in deiner Hand – ich schäme mich deiner, daß ich sterben könnte! 33

Erika: Auch dadurch würde ich nicht klüger werden!

Frau Samson: Haben Sie's gehört, Meister? Sagen Sie ihr doch ein Wort!

Kilian: Mein liebes, gutes Fräulein, immer Geduld, immer Respekt vor der Mutter!

Frau Samson: Wie er das sagt! Der Ton seiner Stimme durchfährt das Herz! Dieses eine Wort wiegt dein ganzes bisheriges Leben auf!

Schiroga: Aus allen Ihren Worten spricht die Tiefe! Es lebe die menschliche Seele, es lebe das große Unbekannte, das Fremde, Tiefe! Prosit!

Kilian: Prosit!

 
Kummer .

Kummer: Guten Abend!

Frau Samson: Ah! Das ist Professor Kummer, ein großer Gelehrter, der uns mit den Werkzeugen der Wissenschaft und Forschung begleitet!

Kummer: Haben schon irgendwelche Experimente begonnen? Dann sind sie ungültig! Denn ich muß von Anbeginn die Kontrolle ausüben!

Julius: Was für Experimente? Ich zittere! Fräulein Erika, hören Sie doch!

Frau Samson: Was meinen Sie?

Kummer: Ja, sagten Sie mir nicht, Ihr Gast verfüge über außerordentliche, ja, übermenschliche Kräfte? Nun, das muß sich doch irgendwie feststellen, irgendwie beweisen lassen! Oder bin ich im Irrtum, war es nur übertreibend-bildlich gemeint, und sollte sich seine Macht – an der ich 34 natürlich nicht zweifle! – etwa nur darin zeigen, daß er in unbefriedigtem Fortpflanzungstrieb sogenannte Liebesgedichte verfertigt oder in langen Tiraden irgendeine Weltanschauung offenbart? Ich, der ich zwanzig Stunden am Tage arbeite, ich bin nicht gekommen, um Worte zu hören, Debatten zu führen, Meinungen auszutauschen, die persönlichen Äußerungen des einzelnen Individuums interessieren mich nicht! Ich suche Größeres: ich suche die Wahrheit!

Vierfuß: Und sind das etwa Ihre Helfer?

(Es werden verschiedenartige Apparate hereingetragen.)

Kummer: Diese Apparate, meine Damen und Herren, sind klüger als wir alle! Wir Menschen, wir lieben und suchen die Wahrheit – diese aber, sie bringen die Wahrheit an den Tag!

Kilian: Meine Damen und Herren, lassen Sie mich Ihnen endlich ein Wort sagen –!

Kummer: Wie ich aus Ihren Büchern erraten kann, werden Sie den ganzen Abend über sehr viel sprechen, so gestatten Sie mir zuerst, Sie zu warnen, indem ich Ihnen sage, wer vor Ihnen steht: der Vertreter der exakten Forschung! Ihre übermenschlichen Kräfte in allen Ehren – beweisen Sie sie! – Lassen Sie mich zu Ende sprechen! – Auf Erzählungen gebe ich nichts, Hypothesen kenne ich nicht, Theorien nur insofern, als sie sich auf die Resultate der exakten Forschung aufbauen! Ich bin bereit, Ihnen auf jedes Gebiet, und sei es das okkulteste, geheimste, unbekannteste, zu folgen. Denn mein Wissensdurst und 35 Forschungsdrang ist unbegrenzt! Ich habe keine Vorurteile, deshalb bin ich zu jedem Urteil zu bringen; ich habe keine Weltanschauung – ich sehe nur die Dinge an! Spiritismus? Mediumismus? Telepathie? Telekinese? Bitte! Zwar haben Sie in Ihren Büchern bisher nur Ihr ethisch-mystisch-sentimentales Weltanschauungswasser abgeschlagen, aber ich kann mir sehr wohl denken, daß Sie nun zu diesen Phänomenen übergegangen sind. Bitte! Aber Tatsachen, Tatsachen, Tatsachen! – Lassen Sie mich zu Ende sprechen! – Ich glaube nur an das, was ich sehe, und was ich nicht sehe, bin ich von Berufs wegen zu bezweifeln verpflichtet. Doch ist der Mensch ein schwaches Geschöpf, von labiler Konstitution, und seine Nerven und Sinne funktionieren niemals einwandfrei – also ist es seine erste Aufgabe, sich Krücken zu verschaffen, daß er gehen, Brillen, daß er sehen kann – kurz, Hilfsmittel für seine Forschung! Der Betrunkene glaubt in seinem Rausch, zwei Laternenpfähle zu sehen, doch hätte er einen photographischen Apparat bei sich, er könnte mit geradezu göttlicher Sicherheit feststellen, daß er nur einen Laternenpfahl vor sich hat!

Kilian: Ausgezeichnet! Ausgezeichnet! Gehen wir denn nicht alle den Weg zur Wahrheit hin?

Kummer: Ja! Und deshalb stolpern wir ja übereinander! Einer muß dem andern Platz machen auf diesem Weg!

Kilian: Ich kann Ihre Feindschaft gegen meine Person nicht begreifen! 36

Kummer: Weil Sie mich nicht kennen! Ich aber kenne Ihre Bücher!

Kilian: Aber –!

Kummer: Kein Aber! Kein Friede zwischen uns! Nur keinen Rückzug! keine Feigheit!

Kilian: Solange ich lebe, hat mir noch niemand von Feigheit gesprochen! Sehe ich so aus, daß Sie das wagen dürfen? Ich könnte Sie durch eine Bemerkung, durch die Feststellung einer nackten Tatsache von einem Irrtum überzeugen, in dem sie sich über meine Person – komisch genug! – befinden!

Kummer: Die nackten Tatsachen festzustellen, wird meine Aufgabe sein! Auch ich bin Okkultist! Aber um Wahrheit, Klarheit, Licht und Deutlichkeit zu bringen! Hier ist meine Vernunft, mein Auge, meine Logik, mein Verstand! Die Gespenster sollen kommen! Blitzlicht und Linse halten sie fest zur Untersuchung! Geisterhände bewegen Dinge? Dieser feine Puder auf den Dingen wird uns die Fingerabdrücke der Geister zeigen! Und der Gesang der Toten wird aufgenommen von dem Aufnahmeapparat eines Grammophons! Mediumistische Substanz? Der von ihr befreite Körper muß also leichter wiegen – hier die zarteste Wage! Und wenn Sie um fünf Uhr morgens etwa neue Erkenntnisse und Erscheinungen haben, dann wollen wir den Blutdruck, die Herztätigkeit, den Körper auf Ermüdungserscheinungen untersuchen, um zu erkennen, ob der gesunde Körper diese Erscheinungen und Erkenntnisse hatte! – Wohin soll man die Apparate bringen? 37

Frau Samson: Hier, ins andere Zimmer, bitte!

Kummer: Zugleich werde ich das Zimmer, Decke, Boden, Einrichtung untersuchen und nachher absperren. Und auch Sie, meine Damen und Herren, werden sich, wenn Sie Wert auf meine Anwesenheit legen, einer gründlichen Untersuchung unterziehen müssen!

Gräfin Ziegeltrum: Ja, nicht wahr, wir werden uns alle untersuchen lassen? – Wie schön wäre eine spiritistische Sitzung!

Kummer: Und dann reden Sie nicht, sondern zeigen Sie, beweisen Sie! Und ich und diese meine besten Freunde, wir wollen allem auf den Grund gehen!

Kilian: Ja, Donnerwetter und dreckiger Kuckuck, was soll ich denn beweisen?

Kummer: Ihre übermenschlichen Kräfte! Aber Tatsachen, Tatsachen! Wir wollen nicht waten im Sumpfe der Worte, in dessen Ausdünstungen Sie allerdings, wie ich weiß, sich sehr wohl fühlen!

Schiroga: Gerade durch jedes Wort beweist er seine Größe! Antworten Sie doch, Meister!

Frau Samson: Sprechen Sie, sprechen Sie!

Kilian: Nun denn, ich habe nie behauptet, ein Übermensch zu sein, aber was Sie einen Sumpf nennen, den Sumpf der Worte, das ist für mich ein tiefer See!

Schumpeter: Tiefer See!

Kilian: Sehen Sie sich um! Bücher, Bücher! Gibt es etwas Schöneres? Und was steht in den Büchern? Worte! Worte! 38

Frau Samson: Bravo! Sehr gut!

Kilian: Nicht wahr? – Seitdem die Welt besteht, seitdem das Licht in den Gehirnen leuchtet, hat sich der Geist ins Wort ergossen! Und jene Menschen, die wir am meisten verehren, hatten als Werkzeug das Wort!

Gräfin Ziegeltrum: Prachtvoll!

Julius: Wunderbar!

Kummer: Alle diese Redner, alle diese Schreiber werden eines Tages als Clowns betrachtet werden!

Kilian: So werden wir eben bis ans Ende unsrer Tage die Clowns verehren!

Alle: Bravo! – Prachtvoll! (Sie applaudieren.)

Kummer: Genug! Gehen wir! Tragen Sie die Apparate hinein! (Ab.)

Kilian: Jawohl, mein Herr, gehen wir! (Ab.)

Frau Samson: War es nicht herrlich?

Schiroga: Die Luft schien zu zittern! (Mit Frau Samson, Gräfin Ziegeltrum, Julius ab.)

Vierfuß: Erika, armes Kind, Sie und ich – am Ende auch Sie, Herr Mantl? – wir fühlen uns sehr verirrt hier, nicht wahr?

Erika: So sehr, daß ich, nach einem Weg zu suchen, bald aufgeben werde.

Vierfuß: Sie müssen ja hier bleiben – aber Sie, Herr Mantl? Ich selbst, ich bin nur noch aus Neugier da – denn geben Sie nur acht! an solch einem Abend steigen gern von allen Seiten die Gespenster nieder. Bleiben Sie bei Erika – ich gehe zu den Apparaten; das sind schon die ersten Gespenster; die von der einen Seite. (Ab.) 39

Erika: Nun? Sie haben mir noch immer nicht gesagt, warum Sie hier sind?

Mantl: Was ist da viel zu sagen? Würden Sie es nicht ahnen auch ohne den heutigen Tag? und jetzt, da ich doch offenen Herzens zu Ihnen gesprochen habe, wissen Sie's nicht? – Ich wünsche immer, bei Ihnen zu sein. Das ist's. Heute aber – manchmal wünsche ich es noch mehr als sonst, dann ist's wie ein Wind hinter meinem Rücken; als müßte ich hergeweht werden. Sie sind in irgendeinem Haus unter irgendwelchen Menschen, und ich anderswo, unter anderen Menschen – wie unnatürlich! wie seltsam, sich eine bestimmte Zeit zuzumessen und dann, kommt eine Mahlzeit, kommt ein Gast, voneinanderzueilen, während doch Mahlzeit und Gast und dies und jenes uns beiden so wesenlos ist wie die Gespräche dieser Menschen drin. Das war's auch heute –: wir waren im Wald gegangen, dann haben wir einander die Hände gereicht, und Sie gehen her und ich anderswohin. Ich konnte es nicht begreifen, es schien mir ein Irrtum, ein Mißverständnis. – Doch zu alldem allerdings kam dann noch etwas –.

Erika: Was war's? – Haben Sie diese Rose hereingeworfen?

Mantl: Ja, und ich hatte gehofft, Sie damit ans Fenster zu locken, daß ich Ihnen schnell ein Wort sagen kann – Sie kamen auch, aber gerade in diesem Augenblick mußte ich mich, weil der kleine Julius ums Haus herumgeschlichen ist, an die Mauer drücken und verstecken. 40

Erika: Was also ist's damit?

Mantl: Warum sind Sie so ungeduldig? – Es war so: nachdem ich Ihnen am Nachmittag gezeigt hatte, was ich empfinde, und Sie mir eigentlich mit nichts geantwortet hatten, außer mit einer großen Verwirrung, und wir dann voneinandergegangen waren, kam ich nach Hause – und was finde ich dort? Irgend etwas war im Hause vor sich gegangen, man hatte aufgeräumt, umgeräumt und hatte in einem versteckten Winkel eine Schachtel gefunden mit alten Liebesbriefen, von irgendwelchen Ahnen, und dazwischen diese Rose, wahrscheinlich irgendein Geschenk oder eine Erinnerung.

Erika: Nun denn! So ist's also doch etwas Geheimnisvolles mit diesem Ding!

Mantl: Warum so ärgerlich? Etwas Geheimnisvolles? Wer sprach davon? Ich sagte es Ihnen doch: ein Zueinandertreffen, ein Zueinanderfinden von Umständen und Tatsachen. – Wenn aber hier etwas Geheimnisvolles wäre, dann läge es ganz anderswo! – Hören Sie doch! Was ich sagen wollte, kommt erst. Ich saß also in meinem Zimmer, vor meinem Tisch, vor mir die Briefe und die Rose, betrübt, verwirrt, zerrissen, und eigentlich gedankenlos habe ich sie angestarrt. Da kam eine Vorstellung aus der andern, ein Gedanke aus dem andern, eine Empfindung aus der andern – und nachdem ich sie fünf Minuten angesehen hatte, war ich sehr glücklich und sehr heiter. – Ja, ich habe mich mitgeschwemmt gefühlt mit den Zeiten, sehr 41 gut geborgen; mein Gott, jede Generation nur eine neue Jahreszeit; ich habe für einen Augenblick gleichsam mein Ich verloren, und es war, als wäre ich dadurch gesünder geworden; alles schien mir einfach und selbstverständlich. – Gewiß, es war nur ein Augenblick, aber ich denke, auf diese Art müßte auch der Tod nicht mehr grauenhaft sein. – Und es schien mir, als müßte sich auch zwischen uns alles einfach und selbstverständlich lösen; so war es nur Hoffnung und Freude, freudige Sicherheit, daß ich unbedingt noch heute hier, bei Ihnen sein wollte – und alles andere ergab sich dann wie aus Übermut von selbst. – Aber wie ich dann hergekommen bin, war's anders, und ich fühle, daß ich weniger sieghaft hier stehe, als ich es gedacht hatte.

Erika: Sie dachten, weil etwas mit Ihnen geschehen ist, wäre auch ich in den drei Stunden anders geworden? Nein, ich bin die gleiche, habe Mißtrauen gegen alles, auch gegen alles, was meine eigene Natur ist.

Mantl: Das kommt von jenen Narren drin.

Erika: Ja, jene drin – sehen Sie nur den Meister!

Mantl: Wie heißt er eigentlich?

Erika: Jakob Natterer. – Sehen Sie, wie ihn alle umkreisen! Wenn er den Mund auftut, sind ihm alle schon hingegeben, ehe er das Wort gesagt hat. Und er selbst mit seiner affektierten Bescheidenheit! – Ja, jene drin, Sie sagen, es sind Narren, ich sage dasselbe; dafür werden sie uns beide verachten. Gut, wie aber, wenn ich einmal einsehen 42 sollte: was jene drin sprechen, sind Weisheiten, und ich war nur zu taub und zu dumpf –? Immer wieder, immer wieder muß ich es hören! Ja, wenn ich es eines Tages einsehen sollte, dann wären Sie so gehaßt und verachtet, wie es mein Vater immer war.

Mantl: Sie nennen Ihren Vater zum erstenmal. Sagen Sie mir: lebt er eigentlich noch oder nicht? Ich habe niemals von ihm gesprochen, weil auch Sie ihn nicht erwähnt hatten.

Erika: Nehmen Sie sich ein Beispiel und erwähnen Sie ihn auch nicht!

Mantl: Es herrscht hier große Unordnung. Gewiß, das kommt von diesem Haus, vielleicht auch von Ihnen her – aber ich weiß nicht, was es ist, es scheint mir, als hätte auch ich ein wenig schuld daran.

Erika: Sie? Lieber, Guter, glauben Sie das nicht! Wie kommen Sie auf diesen Gedanken?

Mantl: Wie konnte ich meine Sicherheit so schnell wieder verlieren? hinunterstürzen in die Schüchternheit?

Erika: Gehen Sie und geben Sie mich auf, mich verwirrtes Wesen! Mein lieber, guter, armer Mensch, wie bedauere ich Sie! Die Tränen sind mir nahe, wenn ich an Sie denke!

Mantl: Still! Sehen Sie, wer da kommt!

Erika: In seine Gedanken eingetaucht! Wie ihm alle nachsehen – mit den Augen liegen sie auf den Knien vor ihm! – Kommen Sie! Schnell! Bevor er hier ist! (Mit Mantl ab.) 43

 
Kilian .

Kilian (allein): Ich ein Genie? ein Prophet? Sie umschmeicheln mich, sie bestürmen mich! Ich ein Prophet? Gab ich mich manchmal meinen Träumen hin, dann habe ich mich vielleicht als lorbeergezierter Dichter auf palmengeschmückter Estrade gesehen. Oder als Kaiser habe ich dem Volke zugerufen –: ich führe euch einer glorreichen Zukunft entgegen! – doch ein Prophet? Zuviel, zuviel, ein viel zu großes Wort! Zwar scheinen – nach dem allgemeinen Beifall! – meine Freunde mit ihrem Urteil über mich nicht so ganz unrecht gehabt zu haben – ja, das bestätigt mir auch mein eigenes Gefühl, und was ich in stillen Stunden gedacht, war nicht das Unkraut eines spielenden Gehirnes, nein, es waren vielleicht edle Gewächse, und manche meiner Gedanken mögen sehr wohl zu verwenden sein in einem der Bücher, die diese Herren drin schreiben!

    Habe ich nicht gedacht, gegrübelt, geforscht? Habe ich nicht jedes Buch, ehe ich es abgeliefert habe, wenigstens durchgeblättert? Und einmal habe ich ein Konversationslexikon gebunden – ein Jahr verging, ehe ich es abgeliefert habe! diese ungeheuere Anhäufung des menschlichen Wissens, diese gigantische Leistung des Menschenfleißes und Menschengeistes. Und wie in einem Teich, was in ihn geworfen wird, unten sich ablagert, kommt aber das Wasser in Bewegung, emporgewirbelt wird, so steigt jetzt alles in mir auf, was ich in mich gesogen habe! Manche Menschen, die 44 in der großen Welt leben, sind weniger, als sie glauben, und andere, die in ihrem Winkel dahinvegetieren, haben einen größeren Besitz an Geist und Wissen und Bildung, als sie selbst je geahnt! – Die Römer, als die Sieger, haben die Kultur der Griechen, als des besiegten Volkes, geerbt. – Optimismus – Pessimismus; Metaphysik – Transzendenz; Glaube, Skepsis, kühle Vernunft! – Hypochondrie. – Vor ur-, uralten Zeiten war der Mensch ein Affe – die Eiszeit kam viel später. – Ein Atom ist ganz, ganz, ganz klein, das Weltall über alle Menschenvorstellung groß! – Nirwana – Seelenwanderung! – Spiritismus: man setzt sich um den Tisch, und es geschehen sonderbare Dinge. – Lues ist das lateinische Wort für Syphilis; Synthese kommt vom griechischen Wort synthesis – ja, auf der ersten Silbe betont! carpe diem! Elektrizität ist negativ oder positiv, Quecksilber und Schwefelsulfat –! Und so fordere ich euch auf, ihr Anwesenden, edle Masse! Folgt mir durch das Tor der Forschung und des Fortschritts! Wir gehen den Weg der Wahrheit! Der Glaube jedes Menschen ist sein Heiligtum! Der menschliche Geist wird die Türen aus den Angeln heben! die menschliche Kraft wird den Riegel zurückschieben! Kämpft alle Vorurteile nieder! Unser Wahrheitstrieb wird siegen, weil er siegen muß! Per aspera ad astra! – Doch ich bin Kilian, und jene verehren mich, weil sie nicht wissen, wer ich bin, und wenn sie es dann erfahren, werden sie sagen: wir haben uns eben in ihm getäuscht, natürlich ist er kein Genie, 45 und seine Gedanken sind wohl gar anderen abgestohlen! – Doch Prophet, Genie und Übermensch – zuerst sei ein Mann! Sie sollen hören und erfahren, wer ich bin, und dann zurück in deine Werkstatt, Kilian, mit dir, lebe weiter, unerkannt denke weiter, unerkannt träume weiter, und die Strahlen meines Verstandes sollen sich an den Mauern meiner Kammer brechen, und jene sollen weiter glauben, daß sie allen Geist, alle Weisheit, alle Bildung nur für sich allein und ihren Kreis eingesammelt haben!

 
Frau Samson .

Kilian: Madame, ehe Sie weitersprechen –! Hier, dieses Paket habe ich gebracht, nicht wahr? Ich öffne es und überreiche Ihnen seinen Inhalt!

Frau Samson: Wie, Bücher? Und gar: »Ethische Fundamente«, »Mystische Weltanschauung«, »Betrachtungen zum Leben« – wie danke ich Ihnen!

Kilian: Ich habe nur getan, was meines Berufes ist!

Frau Samson: Wie –? Gerade diese Bücher hatte ich zum Binden gegeben –.

Kilian: Jawohl, ich weiß es –.

Frau Samson: War vormittags noch in der Werkstatt, um sie zu holen, doch sagte man mir, sie würden heute nicht mehr fertig sein –.

Kilian: Ich weiß es, ich weiß es –.

Frau Samson: Wie? Sie wissen es? Und da habe ich sehr gebeten, weil ich sie gerade doch heute hier haben wollte –.

Kilian: Ich weiß es, ich weiß es! Und deshalb habe ich sie Ihnen gebracht! 46

Frau Samson: Sie wissen es? Sie wissen alles? – Wenn ich Sie nicht so bewundern würde, ich würde Angst vor Ihnen haben!

Kilian: Sie staunen, gnädige Frau, weil Sie eben nicht wissen, wer ich bin!

Frau Samson: Doch! ich weiß es, ich weiß es, vom ersten Augenblick an habe ich es gewußt! Nicht, was Sie sagen, nicht, was Sie tun, nicht daß Sie diese Bücher geschrieben haben, nicht daß Sie sie mitgebracht und alles gewußt haben, nicht das ist es, was mich vor Ihre Füße bringt –!

Kilian: Sondern –?

Frau Samson: Die Macht Ihrer Person!

Kilian: Wie –?

Frau Samson: Ja, Segnen Sie mich! Ihr Blick ist es, Ihre Sprache, Ihr Gang, die Gewalt Ihrer Anwesenheit!

Kilian: Madame, ich warne Sie –!

Frau Samson: Wovor! Aus Ihrem Blick strahlt die Größe, aus Ihrem Wesen die Erhabenheit!

Kilian: Ich fürchte, Sie werden bald bedauern, daß Sie so gesprochen haben –!

Frau Samson: Nie, nie!

Kilian: Sie sagen hier gewaltige Worte –!

Frau Samson: Sie kommen aus dem Abgrund meines Herzens!

Kilian: Schwören Sie?

Frau Samson: Ja! Ja! Segnen Sie mich!

Kilian: Nun denn! Es sei!

 
(Ende des ersten Aktes.) 47

 

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