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Kilian Menkes Veränderung

Hanns Heinz Ewers: Kilian Menkes Veränderung - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorHanns Heinz Ewers
titleKilian Menkes Veränderung
publisherJ. L. Schrag-Verlag
year1941
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131102
projectidfaf9020b
wgs9110
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VI.

Tatsächlich währte es fast zwei und eine halbe Woche, ehe man Kilian Menke Gelegenheit zu einer Aussprache bot, in der über den Sinn seiner Gefangensetzung wenigstens einige Andeutungen gemacht wurden, und die Vermutung ist begründet, daß selbst diese wenig ergiebige Unterhaltung auch dann noch nicht stattgefunden hätte, wenn er durch einen Gewaltakt sie nicht geradezu erzwungen hätte.

An der Güte seiner Versorgung änderte sich in dieser Zeit nichts. Er wurde jeden Morgen mit verbundenen Augen an der Hand von Robert eine reichliche halbe Stunde herumgeführt, anscheinend in einem waldartigen Park, jedenfalls auf gebahnten Wegen, auf denen man das Rauschen von Bäumen und das Gezwitscher von Vögeln hören konnte. Er bekam pünktlich seine wohlzubereiteten Mahlzeiten und fand stets nach den Morgengängen seinen Kerker gut gesäubert und aufgeräumt vor. Man hatte ihm auch weitere Wäsche und einen Anzug zum Wechseln zur Verfügung gestellt, Bekleidungsstücke, die ihm wie für ihn gemacht paßten. Außer diesem Robert bekam er in all dieser Zeit keinen Menschen zu Gesicht, nur hörte er außerhalb der Zelle seinen Wärter manchmal mit jener Elja reden und vernahm auch ihre Antworten, sachliche und kurze Worte, die aber mit lieblicher, jugendlicher Stimme an sein Ohr klangen. Durch den Klang dieser Stimme war es ihm eingegeben worden, daß er eines Tages, am fünften seiner Haft, den Wunsch äußerte, daß man ihm einige Blumen hinstellen möge; seit diesem Tag zierten sein Zimmer jeden Tag nach dem Reinmachen frische Blumen, ein rührender Gruß aus einer entschwundenen Welt.

Aber alles dies vermochte nichts daran zu ändern, daß, je länger und sinnloser die Zeit fortschlich, quälende Bitternis sein Gemüt befiel. Seine Gedanken – inzwischen waren ihm alle irgendwie verdächtigen Umstände aus seiner Vergangenheit eingefallen – liefen sich immer wieder in dem gleichen Kreise fest; er verwarf heute, was er gestern geglaubt hatte, um morgen wieder den alten Gedankengang aufzunehmen, ein müßiges und trostloses Unterfangen, da es ja belanglos war, ob das eine oder das andere der Wahrheit näherkam; denn an seinem unerklärlichem Schicksal, an der Tatsache, daß er sinnlos eingekerkert war, wurde durch keine noch so spitzfindige Gedankenarbeit etwas gebessert. Tagelang setzte er seine Hoffnung darauf, daß durch Eingriffe von außen an seinem Los etwas geändert werden würde; denn sein Verschwinden mußte ja ungezählte rettende Arme mobil machen, und es war kein Zweifel daran, daß Frau Lengfeldt alles daransetzen werde, um die Stütze ihres Betriebes zu retten. Daß er nicht von aller Welt abgeschnitten sei, war ihm eines Nachts aufgegangen, als er schlaflos dagelegen hatte. Er vernahm durch die Stille der Nacht plötzlich ein fernes, fernes Raunen, in dem er das Geräusch eines durch das Land jagenden Zuges erkannte. Seitdem horchte er oft in der Nacht auf diesen Klang aus der belebten Welt; aber offenbar gehörten besondere meteorologische Umstände dazu, um die akkustische Wirkung hervorzurufen; sehr häufig horchte er vergeblich in die weite Nacht hinaus.

Da bis zum Ende der ersten Woche nichts erfolgte, was an seinem unsinnigen Zustand etwas geändert hätte, sann er auf Selbstbefreiung. In einer Nacht machte er sich daran, den Stacheldraht vor seinem Fenster zu entwirren. Das war eine sehr harte und schmerzhafte Arbeit. Nach endlosen Bemühungen gelang es ihm, zwei Drähte aus ihrer Klammer zu lösen, so daß sie jetzt herabhingen und ein kleines Maschenloch entstanden war. Der Versuch, diese losen Enden, die seine Tätigkeit verrieten, abzureißen oder abzubiegen, glückte ihm nach stundenlanger Bemühung nur bei dem einen Ende. Als Robert an dem Morgen mit dem Kaffee erschien, ereignete sich daher folgendes:

»So so«, sagte er, »Sie denken wohl, Sie könnten da hinaus? So was Saudummes! Draußen, lassen Sie sich das gesagt sein, liegen Selbstschüsse; außerdem werde ich jetzt den Draht mit Strom versehen, damit dieser Unfug aufhört.«

Zur Strafe mußte Kilian Menke an diesem Morgen zwei Stunden im Klosett verweilen, da Robert so lange brauchte, um den Schaden wieder gut zu machen. Aber der Freiheitsdrang war in Kilian Menke erwacht und ließ sich durch einen Fehlschlag nicht betäuben. In den folgenden Tagen steigerte sein Ingrimm sich häufig bis zur wahnsinnigen, selbstvergessenen Wut. »Alles, nur dies nicht länger!« war die Empfindung, die ihn beherrschte, und so kam, was kommen mußte:

Beim Spaziergang am Sonntag, nachdem er zwei Wochen sein Schicksal hingenommen hatte, bekam er einen Koller, als auf eine Bemerkung von ihm – er konnte es nicht lassen, dann und wann doch immer wieder ein Wort an diesen Robert zu verschwenden, obwohl er bei klarem Verstand das Reden mit diesem Unmenschen längst aufgegeben hatte, – als also auf die Bemerkung von ihm, wie lange dieser Wahnsinn eigentlich noch dauern solle, Robert die lakonische Antwort gab: »Weiß ich's?« In berserkerhafter Empörung riß er sich das Seidentuch vom Gesicht und saß im nächsten Augenblick dem Riesen an der Kehle.

»Verfluchter Hund!« schrie dieser auf, schleuderte mit der Linken den Rasenden von sich, daß er taumelte und holte gleichzeitig mit der Rechten zu einem Kinnhaken aus, der ungedeckt traf und Kilian Menke besinnungslos zu Boden streckte. Als er wieder zu sich kam, fand er sich in einem nachtdunklen Räume wieder, der beim Abtasten sich als ein niedriges Loch entpuppte, in dem gerade die Holzpritsche, auf der er gelegen hatte, Platz hatte. In dieser Arrestzelle mußte Kilian Menke genau vierundzwanzig Stunden aushalten; ein halbes Schwarzbrot und ein Krug Wasser bildeten seine Nahrung. Als er wieder in seine Wohnzelle gebracht war, erklärte ihm Robert:

»So viel Grips hätte ich Ihnen zugetraut, daß Sie wüßten, daß ich Ihnen über bin. Das hat keinen Zweck, Männeken! Das nächstemal, wenn Sie sich wieder mausig machen, bleiben Sie nicht einen Tag, sondern eine Woche in Dunkelarrest bei Wasser und Brot. Richten Sie sich danach ein.«

Kilian steckte diesen Anschnauzer ohne Erwiderung ein; seit längerem hatte er sich vorgenommen, Unterhaltungen mit diesem Unhold zu vermeiden, und während der qualvollen Stunden in dem dunklen Loch sich selber gesagt, daß er seine Nerven behalten müsse und daß er sich nicht wieder hinreißen lassen dürfte, der rohen Übergewalt frontal entgegenzutreten. In seiner Erschöpfung mundete ihm das gewohnte opulente Frühstück, das er nach seiner Entlassung nachträglich vorgesetzt bekam, ausgezeichnet, und seine Lebensgeister sammelten sich wieder. Mit Rührung stellte er fest, daß an diesem Morgen wie zum Tröste ein besonders herrlicher Busch Apfelblüte auf seinem Tische prangte, und mit Dankbarkeit gedachte er jener nie gesehenen Elja, die wie ein Heinzelmännchen für sein Wohl sorgte. Auch im übrigen blieb der Zwischenfall ohne nachhaltige Folgen, an seiner Behandlung änderte sich nichts.

Am folgenden Dienstag sagte Robert, als er ihm das Abendessen hinstellte:

»Sie sollen sich bereithalten. Es ist jemand da, der Sie sprechen will.«

»Wer denn? Soll ich ...?«

»Warten Sie ab. In einer Stunde etwa hol ich Sie.«

Kein Zeitraum seiner Haft war Kilian Menke so endlos vorgekommen, wie diese verwartete Stunde. Endlich – inzwischen war dunkle Nacht eingefallen – kam Robert, verband ihm das Gesicht und führte ihn auf verschlungenen Pfaden fort. Zuletzt, nachdem man einige Stufen hinaufgegangen war, ging es durch eine hallende Diele, eine Tür wurde geöffnet und von Robert wieder hinter ihm geschlossen. Eine unbekannte Stimme sagte:

»Nehmen Sie das Tuch ab und treten Sie näher.«

Kilian riß sich das Tuch über den Kopf. Er befand sich in einem vornehm ausgestatteten Herrenzimmer mit ledernen Klubsesseln; an einem weit ausladenden Schreibtisch saß ein etwa vierzigjähriger Mann in Kniehosen und Gürteljacke, der Kilian Menke mit einer einladenden Geste aufforderte, auf dem Sessel dem Schreibtisch gegenüber Platz zu nehmen. Der Mann in seiner weidmännischen Tracht war nicht unsympathisch anzusehen; er hatte schütteres blondes Haar, an den Schläfen leicht ergraut, mit einer Neigung zur Glatze. In seinem schlanken, ovalen Gesicht mit gerader, scharf geschnittener Nase standen ein paar Augen, die blau und freundlich blickten, die aber eine Anwandlung von Geschlitztheit zeigten, was den Zügen besonders bei gewissen Blicken zur Seite etwas falsch-mongolisches verlieh. Sein Organ war freundlich und gewinnend, in seiner lässigen Haltung drückte sich Überlegenheit und Sicherheit aus. Kilian Menke starrte den Weidmann mit böse forschenden Blicken an. Dieser sagte:

»So setzen Sie sich doch bitte! Ja, es stimmt, wir kennen uns flüchtig. Ich bin jener, der Ihnen an dem Sonnabend damals unter dem Namen Brechert vorgestellt wurde. Aber Ihre Erinnerung an mich dürfte nur verschwommen sein, denn Sie waren damals nicht mehr recht aufnahmefähig.«

»Doch, o doch«, erwiderte Kilian mit kurzen Atemstößen, »ich erkenne Sie sehr wohl wieder, ich erinnere mich nur allzu genau.«

»Um so besser. Ich habe das Bedürfnis, mich mit Ihnen auszusprechen, denn man berichtete mir, daß Ihre Nerven zu versagen drohen. Ich nehme an, daß Sie sich über Behandlung und Verpflegung nicht zu beklagen haben; also scheint es Ihnen an gedanklichem Austausch zu fehlen. Dem möchte ich abhelfen.«

Mit zornfunkelnden Augen hörte Kilian Menke sich diese offenbar höhnische Anrede an, indem er seine Augen in des anderen Gesicht bohrte. Mit jähem Ruck sprang er in die Höhe. Im gleichen Augenblick ließ Brechert einen leisen Pfiff ertönen, die Tür öffnete sich und der schmutziggraue Wolfshund wurde ins Zimmer gelassen, dem aber Brechert im selben Moment »Ajax, ablegen« zurief, worauf er sprungbereit sich neben dem Schreibtisch hinsetzte. Aber alle diese bedrohlichen Anstalten vermochten Kilian Menke nicht mehr zurückzuhalten; es schrie aus ihm heraus:

»Sie hundsgemeiner Menschenräuber Sie! Was haben Sie Teufel mit mir zu schaffen? Was haben Sie mich hier wie eine Bestie einzusperren, Sie Bandit? Was wollen Sie von mir eigentlich?«

»Da ich für Ihre Erregung in gewisser Weise Verständnis habe, werden Sie begreifen, daß mich Ihre Verbalinjurien nicht weiter tangieren; ohne diese Voraussetzung allerdings wäre ich nicht bereit, mir derartige Ungehobeltheiten so ins Gesicht brüllen zu lassen. Aber so setzen Sie sich doch nur erst mal wieder hin.«

»O, Sie Satan Sie! Mit diesen meinen Händen könnte ich Sie kaltblütig erwürgen«, knirschte Menke zurück.

»Auch dafür gebricht es mir nicht an jedem Verständnis. Allerdings bitte ich zu bedenken, daß Ihnen die Ausführung Ihrer Absicht schwerlich gelingen dürfte; denn auf derartige Anwandlungen bin ich ja immerhin nicht ganz unvorbereitet. Sie sehen hier den Hund zu meinen Füßen, und ich versichere Sie, daß er tadellos auf den Mann dressiert ist. Weiter habe ich hier eine geladene Waffe griffbereit in der Schieblade, und zu allem Überfluß steht Ihr Freund Robert draußen Posten, wie Sie bemerkt haben werden, jeden Winkes gewärtig. Also was wollen Sie? Ihre Chancen sind unter Null.«

»Das weiß ich und ich weiß auch, daß Sie der Kerl sind, diese Chance rücksichtslos zu nutzen; daß im Augenblick die Gewalt bei Ihnen und nicht bei mir ist, haben Sie mich schon zwei Wochen lang erbarmungslos fühlen lassen. Ich bin durchaus im Bilde.«

»Also was soll denn das alles? Zügeln Sie Ihre Nerven. Sie haben ja schon gemerkt, daß wir Ihnen nicht an das nackte Leben wollen. Kommen wir doch nun endlich zur Sache.«

»Sie haben recht, kommen wir zur Sache. Ich möchte Ihnen zunächst eine Frage stellen, auf deren Beantwortung ich größten Wert legen muß. Für wen halten Sie mich?«

»Wieso? Mein Freund Wilster hat Sie mir als Kilian Menke vorgestellt; Sie sind Prokurist und Leiter der Firma Lengfeldt Söhne in Lüneburg. Stimmt das etwa nicht?«

»Doch, das stimmt ganz genau, das hat seine Richtigkeit. Ich hielt es nämlich für möglich, daß man sich in meiner Person geirrt habe, daß da eine Verwechselung vorgekommen sei.«

»Eine Verwechselung? Mit wem? Nein, das kommt gar nicht in Frage. Just um Ihre werte Person, Herr Menke, ist es uns zu tun.«

»Das wundert mich, ich bin ein armer Schlucker, wie Sie bei näheren Erkundigungen leicht hätten feststellen können. Um welche Summe handelt es sich denn?«

»Über Ihre finanziellen Verhältnisse sind wir einigermaßen unterrichtet. Die sind allerdings nicht so, daß irgendwelche Zahlungen, die Sie aufbringen könnten, für uns von Belang wären. Wie Sie zu sehen belieben, sind meine Freunde und ich um Beträge, die von Ihnen zu erlangen wären, nicht verlegen.«

»Aber dann erklären Sie mir doch um aller Heiligen willen, was Sie in aller Welt mit meiner Person wollen! Da ist doch weder Sinn noch Verstand drin, da muß einem ja der Schädel platzen, das ist ja menschenunmöglich auszuhalten!«

»Es stehen, wie Sie sich denken können, gewichtige Interessen auf dem Spiel, die es erheischten, daß wir uns Ihrer Person bemächtigten. Sie können sich denken, daß wir das nicht ohne hinreichende Ursache getan haben. Denn daß uns nicht daran gelegen ist, Sie ohne Not zu quälen, haben Sie aus der Behandlung, die wir Ihnen widerfahren lassen, denke ich, selbst schon entnommen.«

»Was für Interessen? Was haben diese Ihre Interessen mit mir zu tun?«

»Das sind zwei Fragen auf einmal, die beide das Gemeinsame haben, daß ich leider verhindert bin, Ihnen darauf eine schlüssige und für Sie verständliche Antwort zu erteilen. Nur darüber möchte ich für heute einige Andeutungen fallen lassen, welche Rolle Sie bei Verfolgung unserer Interessen spielen sollen.«

»Ihre Interessen, sind Unrecht und Verbrechen. Sie werden mich durch nichts zwingen können, Ihnen bei Ihren Schandtaten Handlangerdienste zu leisten.«

»Über die Rechtlichkeit und Anständigkeit Ihres Charakters sind wir ziemlich genau im Bilde. Es liegt uns fern, von Ihnen irgend etwas zu begehren, was Sie mit den Gesetzen in Konflikt bringen könnte. Wenn es um derartiges zu tun wäre, würden wir niemals ein Auge auf Sie geworfen haben.«

Bei dieser Redensart, daß man auf ihn ein »Auge geworfen« habe, durchzuckte Kilian Menke plötzlich wie ein Blitz eine Erinnerung. Nach einer kurzen Pause des Nachsinnens sagte er unvermittelt:

»Sie waren voriges Jahr im Herbst in Lüneburg bei dem Schwimmfest in der Badeanstalt, nicht wahr?«

»Wieso, wie kommen Sie darauf; ich kann mich nicht entsinnen.«

»Weichen Sie mir nicht aus. Sie waren da, und ich kann Ihnen auch sagen, mit wem zusammen.«

»Da bin ich gespannt, mit wem denn also?«

»Sie waren da mit Ihrem jüngeren Kumpan, der mir bei der Falle in den »Erossälen« als Jarchau oder so ähnlich vorgestellt wurde.«

»Farchau war der Name, nicht Jarchau.«

»Ob Far- oder Jarchau ist belanglos, der Name ist ja doch auf alle Fälle nicht der richtige. Waren Sie in der Badeanstalt oder nicht?«

»Wozu soll ich das leugnen? Ja, wir waren da.«

»Und damals warfen Sie das Auge auf mich, von dem Sie eben sprachen! Aber warum denn bloß? Was war denn in aller Welt da los, daß diese Schwimmerei so in mein Schicksal eingreifen konnte?! Wodurch habe ich denn mich hervorgetan, was habe ich verbrochen, daß ich alles dieses erdulden muß?«

»Beruhigen Sie sich, Herr Menke, und hauptsächlich lassen Sie das unnötige Grübeln nach. Ich gebe Ihnen die Versicherung, daß Sie keinerlei Schuld daran trifft, daß wir uns Ihrer Person bemächtigen mußten, daß dies jedenfalls davon, ob Sie sich nun so oder so verhalten haben, nicht im mindesten abhängig ist. Ihre Aufgabe ist, sich in das für Sie Unvermeidliche nach besten Kräften zu fügen und die kleinen Wohltaten, die wir Ihnen leider wegen unserer eigenen Sicherheit nur erweisen können, sich mit so viel Humor wie möglich angedeihen zu lassen.«

»Humor, Humor, wenn der Teufel von Humor spricht, kann man eine Gänsehaut kriegen. Sie scheinen sich über die Größe der Schandtat, die Sie mir antun, durchaus nicht im klaren zu sein.«

»Doch das bin ich einigermaßen und ich meine, ich hätte Sie schon ausdrücklich meines Bedauerns versichert. Es ist unser Bestreben, Sie, soweit es in unsern Kräften steht, bei Laune zu erhalten, eben weil wir gezwungen sind, Ihnen etliche seelische Strapazen zuzumuten. Ich habe daher angeordnet, daß Sie Schreibzeug erhalten; selbstverständlich können wir Ihnen irgendeine Korrespondenz nach außen keineswegs gestatten. Aber wenn Ihnen die Führung eines Tagebuches Erleichterung verschafft, bitte sehr. Natürlich müssen wir uns vorbehalten, späterhin Ihnen das Geschreibsel vor Ihrer Freilassung wieder abzunehmen. Des weiteren wird Ihr Zimmer ein Radio erhalten, damit Ihnen die Zeit nicht lang wird. Ob noch sonstige Erleichterungen möglich sind, werden wir von Fall zu Fall prüfen. Alle Wünsche in der Beziehung bitten wir Robert zu melden.«

»Die größte Erleichterung wäre es, wenn Sie mir diesen entmenschten Kerl vom Leibe halten würden. Schon wenn ich seine viehische Visage sehe, läuft mir die Galle über.«

»Das wird leider nicht angehen; denn er bringt andrerseits manches mit, was ihn für sein Amt hervorragend qualifiziert, wie Sie beobachtet haben werden. Aber auch in der Beziehung soll das letzte Wort noch nicht gesprochen sein. Sie würden uns in unserem Bestreben, Ihr Los Ihnen nach Möglichkeit zu erleichtern, wesentlich unterstützen, wenn wir von Ihnen eine ehrenwörtliche Versicherung erhielten, solche Dummheiten wie in den letzten Tagen zu unterlassen, und versprächen, keinen aussichtslosen Fluchtversuch zu begehen.«

»Mein einziger Gedanke bei Tag und mein einziger Traum bei Nacht ist Flucht, lassen Sie sich das gesagt sein!«

»Es spricht ebensosehr für die Anständigkeit Ihres Charakters wie für Ihre Unklugheit, daß Sie mir das so offen ins Gesicht sagen. Denn Sie dürfen Ihrerseits versichert sein, daß wir alles tun werden, um Ihnen die Flucht unmöglich zu machen.«

»Nun, meine Befreiung wird ja nicht allein möglich sein, indem ich fliehe; ich habe zur Findigkeit unserer Polizei ein sehr großes Vertrauen und bin überzeugt, daß Ihnen meine Verwahrung auf die Dauer gefährlicher als mir werden könnte.«

»Sie unterschätzen uns. Es ist umfangreich vorgesorgt, daß etwaige Nachforschungen nach Ihrem Verbleib ergebnislos verlaufen werden. Sie tun nicht gut daran, irgendwelche Hoffnung auf Hilfe von außen zu setzen. Ihr Interesse geht, seien Sie dessen gewiß, einzig dahin, mit uns sich auf eine vertrauensvolle Basis zu stellen.«

»Ich bewundere Ihren Zynismus. Auf abgefeimte, hinterhältige Weise berauben Sie mich meiner Freiheit, lassen mich über den Sinn Ihres Verbrechens im Dunkeln und verlangen Vertrauen! Sie überschätzen meine Dummheit.«

»Nein, umgekehrt, ich stelle offenbar zu hohe Anforderungen an Ihren Verstand. Sie müssen das, was Sie als Verbrechen bezeichnen, als gegebene Tatsache, als Voraussetzung unserer gesamten Beziehungen hinnehmen und unterstellen. Warum soll auf dem Boden dieser Voraussetzung zwischen uns nicht eine Art von Vertrauensstellung hergestellt werden?«

»Weil dazu denn doch eine zu lange Probezeit gehörte, nachdem Ihr Bandengenosse Wilster meine blöde Vertrauensseligkeit in schnöder Weise mißbraucht hat.«

»Zeit, um Vertrauen zu erringen, steht uns vorläufig noch zur Verfügung. Noch sind die Dinge nicht reif. Es läßt sich noch nicht übersehen, wie lange wir durch die Verhältnisse, die keineswegs allein von unserem Willen abhängig sind, noch aneinander gefesselt sein werden.«

»Sie gedenken also meine Einsperrung noch beliebig lange fortzusetzen?«

»Nicht beliebig, sondern nur so lange, wie unser Plan es erheischt. Ich sagte ja schon, daß Sie in unserem Plan eine gewichtige Rolle zu spielen haben werden.«

»Und wenn ich jede Mitwirkung verweigere?«

»Das werden Sie nicht tun, da dazu für Sie kein Anlaß gegeben ist. Sie werden vielmehr zu gegebener Zeit, wie ich nicht zweifle, uns mit Freuden zur Verfügung stehen, einmal, weil damit die Stunde Ihrer Befreiung herbeigeführt wird, und zum anderen, weil es für Sie eine höchst erfreuliche Abwechselung bedeuten wird. Daß Ihnen nichts zugemutet werden wird, wovor Ihre Rechtlichkeit zurückschrecken müßte, sagte ich Ihnen ja schon.«

»Sie tun ja, als wären Sie Ihrer Sache verflucht sicher. Ich aber glaube, daß Sie sich täuschen, besonders in meiner Person täuschen. Ehe ich nicht weiß, zu welchem Zweck ich mißbraucht werden soll, werden Sie in mir kein Werkzeug finden.«

»Warten wir das doch in Ruhe und Gelassenheit ab, Herr Menke. Im Augenblick ist es noch nicht so weit. Und nun, ich glaube, können wir diese Unterhaltung, die so stürmisch begann und dann doch nicht ohne jedes Ergebnis verlief, schließen. Sie werden weiteres von uns hören.«

»Wann?«

»Sobald die Dinge dafür reif sind.«

»Himmelherrgott! Wann, wann in aller Welt wird das sein, Menschenskind!?« Kilian Menke ballte die Fäuste auf seiner Sessellehne und richtete sich halb auf, indem er sein Gegenüber zornfunkelnd anstarrte. Auch der Hund Ajax kam vorne hoch; nur der Mann, der sich Brechert nannte, beharrte in ungestörter Lässigkeit.

»Ruhe, immer mit der Ruhe, mein Freund. Es bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als sich mit Geduld zu wappnen. Niemand kann Ihnen den genauen Zeitpunkt heute sagen; zu einem Teil hängt er auch von Ihrer Bereitwilligkeit ab, und an der fehlt es im Augenblick ja leider noch. Auf etliche Wochen müssen Sie sich auf alle Fälle schon gefaßt machen.«

Kilian Menke sank schlaff und ohne ein Wort der Erwiderung auf den Sitz zurück. Auf einen leisen Pfiff Brecherts erschien Robert, verband seinem Häftling die Augen und führte den nicht Widerstrebenden in sein Gelaß zurück.

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