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Kilian Menkes Veränderung

Hanns Heinz Ewers: Kilian Menkes Veränderung - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorHanns Heinz Ewers
titleKilian Menkes Veränderung
publisherJ. L. Schrag-Verlag
year1941
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131102
projectidfaf9020b
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V.

Als Kilian Menke wieder zum Bewußtsein kam, bestand seine erste Wahrnehmung in dem Gefühl eines unerhörten Schädelbrummens. In schmerzhafter Dumpfheit schlug er die Augen auf, es war heller Tag. Was er aber als seine Umgebung sah, war so unwahrscheinlich, daß er seinen Sinnen nicht trauen wollte. Energisch rieb er seine verschwierten Augen, indem er krampfhaft sich der letzten Geschehnisse zu entsinnen versuchte. Wo war er? Richtig, natürlich in Hamburg! Das war ja ein wüster Abend gewesen, gestern! Nun also lag er da irgendwo in einem Bette, ausgekleidet übrigens und mit seinem eigenen Pyjama angetan. Aber was war denn das für ein merkwürdiges Gelaß? Und mit Staunen, das langsam in Beunruhigung überging, stellte er folgende Situation fest:

Er befand sich in einem nie gesehenen Raum, in den durch ein in über Mannshöhe an der Schmalseite zu Häupten des Bettes angebrachtes Fenster die Sonne hineinschien. Das Fenster war stall- oder schuppenartig, es bestand aus vielen kleinen in Eisen gefaßten Scheiben; sonderbar aber war, daß der Fensterrahmen kreuz und quer mit Stacheldraht übersponnen war. Zu Füßen des Bettes stand ein Stuhl, auf dem etwas unordentlich seine Kleider lagen. Neben dem Bett stand ein Kleiderschrank aus Tannenholz. An der gegenüberliegenden Wand fanden sich ein dazu passender, einfacher Waschtisch und eine gleichartige Kommode, auf der seine geöffnete Handtasche lag. An der Schmalseite gegenüber dem Fenster befand sich ein mit einer sauberen weißen Decke versehener Tisch und daneben ein bequemer Ohrenlehnstuhl. Auf dem Fußboden, der übrigens aus Dielen bestand, war ein gefälliger Teppich, an der Decke ein elektrisches Pendel. Die Wände waren weiß gekalkt, einige Buntdrucke verzierten sie, die Gardinen wurden durch den Stacheldraht ersetzt. Am peinlichsten aber berührte ihn (neben dem Stacheldraht) die Tür; denn sie war eisern und hatte an der Innenseite keinen Drücker; es handelte sich um eine solche, wie sie in Gefangenenanstalten üblich sind, nämlich mit einer von außen zu öffnenden Klappe und mit einem Guckloch in der Mitte. Das Gemach mochte reichlich vier Meter tief und drei Meter breit sein, alles in allem eine besonders geräumige und verhältnismäßig ansprechend ausgestattete Haftzelle. Es währte geraume Zeit, ehe Kilian Menke mit seinem dumpfigen Schädel alle diese befremdlichen Wahrnehmungen verarbeitet hatte. »Herr im Himmel, wo bin ich hier?« flüsterte er beklommen vor sich hin. Er faßte sich mit beiden Händen an seine schmerzende Stirn und holte die Vorgänge seiner gestrigen Bummelei aus dem Düster des Gedächtnisses hervor. Er war nach Hamburg gefahren und hatte sich, obwohl er von Anfang an die Absicht hatte, dort zu übernachten, kein Quartier besorgt gehabt. Folglich war es Sache seines Freundes Wilster, ihn irgendwo unterzubringen, wenn dieser hierzu noch nüchtern genug gewesen war. Aber wieso denn gerade in so einem intrikaten Verlies? Vermutlich handelte es sich bei dem Raum um irgendein Nebengelaß der Pension, in der Wilster wohnte, ja, so mußte es sein, und vielleicht hatte der humorige Wilster gerade diese sonderbare Zelle ausgesucht, um sich einen Spaß mit ihm zu erlauben.

Das etwa waren die Kreise, in denen sich Kilian Menkes Gedanken bewegten, während sein weher Schädel ihm zuwidre Molesten bereitete. »Zunächst mal einen frischen Kopf!« rief er sich selber zu, indem er aufstand und seinen Kopf in die Waschschüssel steckte. Er säuberte sich gründlich vom Scheitel bis zum Fuß, da seine Haut jene klebrige Struktur zeigte, wie es nach zu reichlichem Genuß von Schwedenpunsch der Fall zu sein pflegt. Dann zog er sich an und machte dabei die beunruhigende Wahrnehmung, daß man ihm außer den Taschentüchern alle Gegenstände, die er in seinen Taschen getragen hatte, also insbesondere seine Geldbörse und seine Brieftasche, aber auch Messer, Uhr, Schlüsselbund und anderes weggenommen hatte. Außerdem fehlten seine Hosenträger. Der Scherz, wenn es einer sein sollte, ging recht weit, stellte er betroffen fest.

Nachdem durch die sorgfältige Toilette sein Allgemeinbefinden sich merklich gehoben hatte, machte er sich daran, nunmehr mit freierem Kopf nochmals Umschau zu halten. Er untersuchte zunächst die Tür genauer und konnte nur bestätigen, daß es sich um eine typische Zellentür handelte, und daß keine Möglichkeit bestand, sie von innen zu öffnen, er also vorderhand gefangen sei. Sodann stieg er auf einen Stuhl und versuchte, aus dem Fabrikfenster an der Decke hindurchzugucken, um einen weiteren Überblick zu gewinnen. Mit den Augen ließ sich aber kaum mehr als bisher wahrnehmen: das Blickfeld wurde von dem neuen Standpunkt aus nur um die Wipfel einiger Bäume bereichert, die in mäßiger Entfernung den Horizont abschlossen. Dagegen drängte sich eine andere Sinneswahrnehmung auf: Man hörte ja keinen Laut! Und dabei mußte es, nach dem hohen Stand der Sonne zu urteilen – das Gelaß lag offenbar nach Südosten –, später Vormittag sein. Da draußen herrschte mehr als Stille, da war völlige Weltabgeschiedenheit, auch nicht das leiseste Raunen, keine Hupe, kein Fahrgeräusch, keine Stimme von Menschen, nichts, einfach nichts! Wo in aller weiten Welt war er? Er stieg vom Stuhl herunter und setzte sich in beklommenen Gedanken in den Ohrensessel.

Scherz? das kam offenbar nicht in Betracht, hier handelte es sich um eine bitterernste Angelegenheit; es schien erwiesen, man hatte ihn auf das flache Land verschleppt, irgendwohin in die Einsamkeit. Aber wie konnte das denn geschehen? Wo war Wilster? Hatte man den auch festgesetzt? Was waren das eigentlich für dunkle Gesellen gewesen, mit denen er da in den »Erossälen« zusammengetroffen war? Die hatten ihn verschleppt, da war kein Zweifel dran. Aber Wilster hatte ihn doch mit diesen Leuten, die ihm selbst in seiner Betrunkenheit gar nicht gefallen hatten – mit Beschämung fiel ihm die Standpauke ein, die er den Burschen gehalten hatte –, Wilster hatte ihn doch mit diesem Gelichter zusammengeführt, sie ihm als seine Freunde vorgestellt. Und blitzartig fiel ihm das Gesicht dieses Jarchau (oder wie er sich nannte) ein, den er schon irgendwo gesehen hatte. Und im gleichen Augenblick wußte er auch, wo das gewesen war, nämlich an der Kasse des Hansa-Theaters am Mittwoch abend; dieser Jarchau war derselbe, der sich da so unverschämt vorgedrängt hatte! Folglich ... Herr im Himmel, was ergaben sich daraus für Folgen! Kilian Menke schwindelte der Kopf, der nun wieder kräftig zu brummen anfing.

Er erhob sich aus seinem Sessel und ging umher, indem er den feuchten Schwamm sich auf die Stirn hielt. Wie war das mit Wilster? War es wirklich ein Zufall, daß er ihn kennengelernt hatte, von seiner Seite aus gewiß, aber hatte Wilster es nicht gerissen darauf angelegt? In das Abteil im Zuge konnte er ihm absichtlich gefolgt sein, denn er kam ja nach ihm. Und im Hansa-Theater? Jarchau, der Freund Wilsters, hatte sich vorgedrängt, bis er hinter ihm zu stehen kam. Warum? Das lag ja am Tage! Um für Wilster den Platz neben demjenigen zu kaufen, den man ihm, Menke, verkaufen würde. So und nicht anders kommen so »merkwürdige Zufälle« zustande, wenn man plump genug ist, darauf hereinzufallen! »0 ich harmlosester aller Idioten!« stöhnte der brave Kilian Menke vor sich hin, »da habe ich mir ja was Schönes eingebrockt!« Und: »Wilster, dieser aalglatte Schweinehund!« fuhr er in seiner Zerknirschung fort, »umgaukelt und eingesponnen hat er mich, und ich aberwitziger Esel habe ihn für meinen Freund gehalten!«

All dieses dachte er nicht bloß, nein, er sprach es ausdrücklich und artikuliert vor sich hin, denn es tat ihm wohl, wenigstens seine eigene Stimme zu vernehmen. Dann aber beschloß er, den Dingen auf den Grund zu gehen und sich Klarheit über seine Lage und den Sinn all dieser Geschehnisse zu verschaffen. Er machte also Lärm. Zunächst schrie er laut mit Stentorstimme mehrfach und in kurzen Zwischenräumen: »Hilfe, Hilfe!« Als das nichts half, fluchte er in brüllenden Schimpfreden, indem er etwa: »Gottverdammte Schweinerei, hundsföttische Gemeinheit!« und ähnliche Kraftausdrücke vor sich hin brüllte. Aber auch das fruchtete nichts. Nun schlug er mit seinen Fäusten, und als diese zu schmerzen begannen, mit den Stiefeln gegen die Eisentür, was einen solchen Höllenlärm verursachte, daß endlich sich schlürfende Schritte näherten. »Nun man immer mit der Ruhe!« rief es ihm von draußen zu; dann hörte er Schlüsselgerassel, das Schloß knarrte und langsam öffnete sich die schwere Tür.

In ihrem Rahmen erschien die athletische Gestalt des Chauffeurs mit dem grimmigen, bärbeißigen Gesicht, über dessen Treue und Zuverlässigkeit dieser Wilster so beruhigende Worte zu sagen gewußt hatte. Diesem fragwürdigen Burschen stand die Rolle eines Gefangenenwärters wesentlich natürlicher zu Gesicht als die angemaßte eines herrschaftlichen Wagenlenkers. Kilian Menke hatte Besonnenheit genug, für sich diese Feststellung zu treffen, so wenig Beruhigung aus ihr auch gezogen werden konnte. Und dabei war der Anblick des Gewaltigen noch furchteinflößender als gestern. Denn über die Litewka, die er trug, hatte er eine Koppel geschnallt mit einem großen Revolver dran, und zu seiner Linken führte er an einer ganz kurzen Leine einen Wolfshund von schmutzig-grauer Farbe mit schwabbernden Lefzen und einem mißtrauisch falschen Blick aus gelben Augen von unten her. Dieser bedrohliche Gesamteindruck dämpfte Kilian Menkes Erbitterung und Wut jäh. Mit lässiger, sich gehenlassender Geste sank er auf den Ohrenstuhl zurück und starrte dem, was kommen würde, entgegen. Der Scherge aber sprach mit so gelassener Stimme, wie man sie ihm kaum zugetraut hätte:

»Solchen blödsinnigen Lärm dürfen Sie hier nicht machen. Es hat auch keinen Zweck, denn es hört Sie hier doch niemand. Wenn Sie was von mir wollen, dann drücken Sie nur hier auf die Klingel. Aber nicht zu oft, bitte ich mir aus, sonst schneide ich die Strippe ab. Also nur wenn's wirklich dringend ist, Sie auf den Lokus müssen, oder so.«

»Klingel? Die habe ich noch nicht bemerkt; ich werd mir's merken. Aber um aller Himmel willen, wo bin ich hier?«

»Mit dem Himmel haben wir hier nichts zu schaffen. Wünschen Sie jetzt das Frühstück?«

»Frühstück, gibt's das hier auch? Menschenskind, ich beschwöre Sie! Sind Sie verrückt, bin ich verrückt?«

»Ob Sie meschugge sind, weiß ich nicht, ich bin's nicht. Kaffee oder Tee?«

»Wieso? Was heißt...? Ich trinke morgens immer Kaffee.«

»Also gut, Kaffee. Bin in zehn Minuten wieder da.« Und der Unheimliche mit seinem Köter wandte sich zur Tür, die er sorgfältig wieder abschloß. Kilian Menke blieb zurück, ein geschlagener Mann. Sein Kopf begann wieder infam zu schmerzen. Plötzlich sprang er auf und drückte auf die Klingel. Binnen kurzem kehrte der Athlet zurück, öffnete aber diesesmal nur die Klappe und fragte ungehalten:

»Was soll der Unfug? Was wollen Sie?«

»Ich, ja ich;... Ach so. Haben Sie Aspirin oder sowas?«

»Das kann angehn.«

»Darf ich um etwas bitten, und ein Glas Wasser.«

»Wird gemacht.«

Kilian Menke versank wieder, kaum eines Gedankens fähig, in den Ohrensessel. In seinem Kopf bohrte und rumorte es auf das entsetzlichste, es war ein grausiges Elend. Er schloß die Augen und wartete. Es dauerte nicht lange, bis der Scherge wiederkam, diesmal ohne Köter. In beiden mächtigen Tatzen trug er ein geräumiges Teebrett, auf dem in einem gefälligen Majolikaservice ein opulentes Frühstück angerichtet war. Außer Kaffee, Sahne und Zucker gab es da verschiedene Marmeladen, zwei Eier, Aufschnitt, ein wenig Obst, kurz alles, was ein gut aufgezogenes Hotel bei dieser Gelegenheit seinen anspruchsvolleren Gästen zu bieten pflegt. Dabei lag eine unangebrochene Schachtel Pyramidon nebst einem Glase Wasser mit einem Eisstückchen darin. Der Gewaltige wollte diese Herrlichkeiten wortlos auf den Tisch stellen und sich entfernen. Aber Kilian Menke beschwor ihn:

»Nein bitte, nur ein paar Worte, ich muß nur erst...« Und in großer Hast nahm er zwei von den Tabletten zu sich, die er mit gierigen Schlücken hinunterspülte.

»Was soll denn also noch?« fragte der Wachmann.

»Ich bitte Sie um Aufklärung, was ich von all diesem hier zu halten habe. Ich begreife einfach nicht...«

»Da kann ich Ihnen nicht helfen. Das werden Sie alles zur rechten Zeit schon gewahr werden.«

»Das heißt, Sie wollen oder dürfen mir nichts sagen. Aber auf diese Weise macht man mich ja verrückt. Bedenken Sie doch...«

»Da gibt es für mich nichts zu bedenken. Von mir erhalten Sie keine Aufklärung, da sind andere für da.« Der Mann wandte sich zur Tür.

»Halt, halt, nur noch einen Augenblick! Was wollte ich noch? Richtig. Sie sind hier mein Wärter, nicht wahr?« »Das sehn Sie ja.«

»Werde ich immer so gut und reichlich verpflegt, wie es hier mit diesem Frühstück geschieht?«

»Das hängt ganz von Ihnen ab. Wenn Sie sich anständig führen, werden Sie anständig gehalten.«

»Was heißt ›anständig führen‹? Was verlangt man von mir?«

»Daß Sie jedenfalls nicht solchen sinnlosen Lärm wie heute morgen machen. Daß Sie nicht auszubrechen versuchen, was ich Ihnen übrigens, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist, sowieso nicht geraten haben möchte. Das übrige wird Ihnen alles zu seiner Zeit gesagt werden.«

»Wie lange soll denn dieser Wahnsinn hier dauern?«

»Das hängt nicht von mir ab, darüber weiß ich nichts.«

»Aber wer hat denn darüber zu bestimmen? Wer ist denn für diesen Skandal verantwortlich?«

»Ich habe Ihnen schon mal gesagt, daß Sie von mir keine Auskünfte bekommen können. Nun aber Schluß!«

»Aber das ist ja nicht menschenmöglich! Halt, gehen Sie noch nicht! Ein Wort nur: Wie heißen Sie denn? Das will sagen, wie soll ich Sie anreden? Sie müssen doch wenigstens einen Namen haben!«

»Das geht Sie nichts an. Nennen Sie mich meinetwegen Robert.«

Der Mann wandte sich entschlossen zur Tür und ließ Kilian Menke mit seinem Frühstück und seinen Sorgen allein. Dieser starrte eine Weile mit ödem Kopf vor sich hin; dann regte sich ihm beim Anblick all der guten Sachen der Appetit und er machte sich an die Mahlzeit. Der Kaffee war vorzüglich, ebenso alle Zutaten; insbesondere gab es da eine Landmettwurst von hoher Qualität. Was blieb Kilian Menke in seiner Weltverlorenheit anderes übrig, als sich schmecken zu lassen, was ihm ausgezeichnet mundete? Während des Mahles belebten sich spürbar seine Lebenskräfte, das Schädelweh klang ab, und ein Anflug von Humor kehrte zurück. »Fideles Gefängnis!« zitierte er, als er sich wohl gesättigt den Mund wischte. Dann machte er von der Möglichkeit zu klingeln Gebrauch, neugierig, wie wohl die Bedienung funktionieren würde. Der Mann, der Robert angeredet werden wollte, erschien in kurzer Zeit.

»Das Frühstück, Herr Robert, war gut und reichlich, ich bin zufrieden. Es kann abgeräumt werden«, sprach er ihn mit lauerndem Humor an.

»Deshalb brauchen Sie nicht extra zu schellen, das kommt von selber.«

»Vortrefflich, ich werde es mir merken. Ich habe noch mehr auf dem Herzen.«

»Was noch?«

»Gibt es hier nichts Rauchbares, Zigarren oder Zigaretten?«

»Ist vorgesehen, ich bringe welche.«

»Immer besser. Wie wäre es weiter mit Schreibzeug, man hat mir Füllfederhalter und Bleistift entwendet, auch etwas Papier hätte ich gern.«

»Darüber habe ich keine Instruktion, da müssen Sie sich jedenfalls gedulden.«

»O, wie ärgerlich. Aber dann muß ich auf alle Fälle um etwas zu lesen bitten, sonst wird das hier ja zum Sterben langweilig.«

»Bücher sind genug da. Ich werde Ihnen einen Stapel bringen.«

»Sehr liebenswürdig. Und nun noch eins: Ich möchte austreten.«

»Da muß ich Ihnen die Augen verbinden«, und Robert zog ein großes Seidentuch aus der Tasche, das er stramm über das Gesicht Kilians knotete. Dann nahm er ihn an die Hand und führte ihn hinaus. Es ging einen verschlungenen, eckenreichen Weg, hier einige Stufen hinauf, dort hinab, einmal auch anscheinend über freies Gelände. An dieser Stelle blieben sie stehen und Robert rief mit lauter Bärenstimme: »Elja, Elja!« Als darauf etwas Weibliches »Ja« antwortete, ordnete er an: »Mach das Kabinett in Ordnung.« An Ort und Stelle sagte Robert zu Kilian:

»Ich schließe Sie hier von außen ein und komme wieder, sobald Ihr Zimmer fertig ist. Verstanden?« Kilian befand sich in einem gut ausgestatteten Wasserklosett, dessen hochgelegenes Fenster auf einen Lichtschacht hinausging. Es war unmöglich, von hier aus irgendwelche weitere Orientierung zu gewinnen, zumal auch hier völligste Stille herrschte. Nach geraumer Zeit wurde er von Robert wieder abgeholt; wieder wurden ihm die Augen verbunden. Die Zelle war sauber aufgeräumt, das Bett gemacht, der Tisch mit einer frischen Decke bezogen, der Waschtisch gesäubert und mit neuem Wasser versehen. Eine Kiste 20-Pfennig-Zigarren und mehrere Schachteln Zigaretten, genug, um den Wochenbedarf eines mittleren Rauchers zu decken, waren bereitgestellt, ein Stoß Bücher, ausschließlich Unterhaltungslektüre, wie ein flüchtiger Blick lehrte, stand auf dem Tisch.

Kilian Menke aber stand der Sinn weder nach Rauchen noch nach Lesen. Er setzte sich in den Ohrensessel und begann angestrengt nachzudenken. Was lag eigentlich vor? Wilster, oder wie dieser Mensch, bei dem der Zauberkünstler Al Sibiro noch einen weiteren Namen zur Wahl gestellt hatte, in Wirklichkeit heißen mochte – (ihm fiel erst jetzt auf, daß sie sich ja wechselseitig überhaupt nicht vorgestellt hatten) –, Wilster also und seine Spießgesellen hatten ihn in die Einöde verschleppt. Wohin, wußte er nicht, es war auch vorderhand nicht von Bedeutung. Der Ort seiner Verwahrung konnte ebensogut dicht bei Hamburg, wie viele Autostunden (je 140 Kilometer!) davon entfernt liegen. Wilster und Genossen hatten also ein Interesse daran, ihn seiner Freiheit zu berauben, und zwar ein sehr lebhaftes Interesse, denn sie hatten tagelang, vielleicht auch schon wesentlich länger, dieses Ziel mit viel Aufwand von List und Tücke verfolgt. Gut, so weit war alles klar.

Den Banditen – welch eine Unverfrorenheit, daß die Burschen sich selbst scherzhaft so bezeichnet hatten! – lag zur Zeit ersichtlich ganz allein daran, ihn dingfest zu machen. Dagegen waren sie offenbar bestrebt, ihn bei Gesundheit und möglichst guter Laune zu erhalten. Dafür sprach zunächst die ausgezeichnete Behandlung, die man ihm als Gefangenen angedeihen ließ, und ganz besonders, daß dieser Verbrecher Robert angewiesen war, sich so freundlich zu geben, wie es seiner Raudinatur nur irgend möglich war.«

Aber welchen erdenklichen Zweck, welche Vernunft konnte das alles haben? Ein Menschenraub pflegte in der Regel stattzufinden, um damit Erpressungen zu begehen, das war bekannt. Aber dann raubte man entweder steinreiche Leute oder deren Angehörige, und dann behandelte man die Geraubten möglichst unglimpflich, um das Lösegeld um so wahrscheinlicher zu erhalten. Gewiß, er hatte einige tausend Mark Ersparnisse; aber deshalb war er noch lange kein geeignetes Objekt für Erpressungsversuche. Das Risiko stand ja in gar keinem Verhältnis zu dem möglichen Gewinn im günstigsten Falle.

Kilian Menke kam zu der wenig beruhigenden Ansicht, daß er schwerlich festgesetzt sein könne, um ihm die Freiheit abzukaufen; wenig beruhigend deshalb, weil Erpresser normalerweise das Bestreben haben mußten, ihr Opfer möglichst bald wieder loszuwerden. Was kam sonst in Betracht? Hier war der Punkt, wo zum erstenmal Kilian Menke in seinem Gedächtnis zu bohren anfing und sich nach und nach der zunächst so belanglos anmutenden Vorgänge erinnerte, die wir um der zeitlichen Reihenfolge willen zu Beginn dargestellt haben. Das alles fiel ihm nicht mit einemmal, sondern, wie schon gesagt, erst im Laufe von Wochen ein. Aber an eins entsann er sich auf Anhieb, nämlich an die Tatsache, daß er einen Doppelgänger haben mußte, von dem er zwar bisher noch nie etwas gesehen hatte und den er nicht kannte, dessen Person aber mit dem an ihm begangenen Verbrechen nach seiner früh gewonnenen unverrückbaren Überzeugung in irgendeinem mysteriösen Zusammenhang stehen mußte.

Kilian Menke dachte also daran, daß sowohl dem Inspektor Michels in Birkenbüttel, wie auch dem unbekannten Manne in der Feuerbachstraße eine Verwechselung zwischen ihm und seinem Doppelgänger vorgekommen sei; es war also ein Irrtum nach beiden Seiten hin möglich. Diese Tatsache führte ihn zu der Vermutung, daß auch den Verbrechern eine Personenverwechslung begegnet sei. Je mehr er nachdachte, um so wahrscheinlicher erschien ihm, daß die Menschenräuber sich gar nicht seiner Person, sondern jenes unbekannten anderen hatten bemächtigen wollen. Er beschloß, dieser Frage, wenn sich nur irgendeine Gelegenheit böte, auf den Grund zu gehen.

Als nach etwa drei Stunden, diesmal ungerufen, Robert wieder bei ihm erschien, um ihm das Mittagsmahl zu bringen, suchte er daher abermals ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Er begann:

»Bleiben Sie bitte einen Augenblick. Ich möchte Sie noch etwas fragen.«

»Ich habe Ihnen doch schon mehrmals gesagt, daß das keinen Zweck hat.«

»Doch, doch, warten Sie ab. Sie sollen mir nichts verraten; ich möchte Sie fragen: wer bin ich?«

»Quatsch, Sie sind Sie, und damit basta.«

»Gewiß doch, ich bin ich, na ja, wer sonst auch? Aber ich meine: wie heiße ich?«

»Ihr Name ist mir völlig schnuppe.«

»Das mag ja sein, aber bitte sagen Sie mir, wer bin ich nach Ihrer Ansicht? Wie hat man mich Ihnen gegenüber bezeichnet.«

»Sie sind der Mann, den ich hier zu bewachen habe, alles andere kümmert mich nicht. Ein Name ist mir nicht genannt.«

Es war und blieb unmöglich, von diesem Schergen Robert irgend etwas, das im geringsten aufschlußreich sein könnte, zu erfragen. Vermutlich wußte er selbst nichts oder nur sehr wenig, jedenfalls war er nicht gewillt, ein Sterbenswörtchen zu sagen, und ein viel zu grobschlächtiger und gewissenloser Mensch, um durch Einwirkungen irgendwelcher Art ihn zum Reden zu veranlassen.

Nach dem wiederum sehr reichlichen und schmackhaften Mittagessen verfiel Kilian Menke in eine wohltuende Müdigkeit, die ihn für ein paar Stunden seine Misere vergessen ließ. Danach versuchte er in einem dieser Schmöker zu lesen, bemerkte aber, daß er für Abenteuer dritter Personen nicht im mindesten aufnahmefähig sei und immer wieder mit seinen Gedanken abirrte. Die Ungewißheit seiner Umstände und seines Schicksals legte sich wie ein Alpdruck auf seine Brust. Ein letztes Gespräch versuchte er mit Robert, als dieser das Abendbrot brachte. Er wollte erfahren, wann denn nun endlich jemand käme, mit dem er über den Zweck seiner Gefangensetzung sprechen könne. Robert antwortete hierauf aber nur, indem er sich zum Fortgehen wandte.

»Das weiß ich nicht. Vielleicht morgen, vielleicht in einem halben Jahr«, und dann verriegelte er die Tür.

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