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Kilian Menkes Veränderung

Hanns Heinz Ewers: Kilian Menkes Veränderung - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorHanns Heinz Ewers
titleKilian Menkes Veränderung
publisherJ. L. Schrag-Verlag
year1941
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131102
projectidfaf9020b
wgs9110
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III.

Das Abenteuer selbst nahm an einem Mittwoch Mitte April seinen Anfang. Kilian Menke hatte eine geschäftlich sehr anstrengende Zeit hinter sich. Er hatte wochenlang alle Hände voll zu tun gehabt, war oft bis in die späten Abendstunden im Geschäft gewesen, hatte mehrfach sogar seine Mittagspause drangeben und einen Schnellimbiß in einem benachbarten Restaurant einnehmen müssen. Seit Wochen hatte er für persönliche Vergnügungen keine Zeit gefunden, war während des ganzen März nicht ein einzigesmal zum Bummeln nach Hamburg gefahren. Im April waren dann noch zum Überdruß eine Woche lang Betriebsprüfer des Finanzamtes im Geschäft gewesen und hatten in alle Abgründe der kaufmännischen Buchführung hineingeleuchtet. Das war nun einigermaßen glimpflich überstanden, Frühlingslust regte sich in den Adern Kilians und seit Tagen hatte er sich vorgenommen, an diesem Mittwoch den überfälligen Ausflug nach Hamburg steigen zu lassen. Beim Kegelabend am Tage davor ließ er die Bemerkung fallen, daß er sich unbändig auf diesen Ausflug freue; er müsse mal Geschäft Geschäft sein lassen, wenn irgend möglich wolle er schon mit dem Nachmittagszug auf und davon.

Hochaufatmend ließ Kilian Menke sich in die Polster des Fensterplatzes fallen, als er den mäßig besetzten Nachmittags-Eilzug bestiegen hatte. Außer ihm saß noch ein älterer Herr im Coupé, und zwar an der Schiebetür zum Seitengang. Da er über einer bettlakengroßen Zeitung eingenickt war, fuhr er hoch, als Menke über seine Beine hinwegstolperte. Kurz bevor sich der Zug in Bewegung setzte, erschien noch ein dritter Fahrgast im Abteil, der mit höflichem Grußwort, nachdem er gewandt über die Stiefel des wieder entschlummernden Alten hinweggeklettert war, auf dem rückwärtigen Fensterplatz, Menke gegenüber, Platz nahm. Dieser neue stand im gleichen Alter wie Menke, war elegant gekleidet und machte einen wohlerzogenen Eindruck, wie Menke bei jenem flüchtigen Blick, mit dem man Reisegefährten abzuschätzen pflegt, feststellte. Der Zug setzte sich in Bewegung, und Menke machte sich über seine Illustrierte.

Eine halbe Stunde lang geschah nichts, als daß die Telegraphenstangen an den Augenwinkeln der Reisenden vorüberhuschten. Bald hinter Winsen, wo man einen Augenblick gehalten hatte, ohne daß in dem Menkeschen Abteil sich die Lage geändert hätte, zog Menkes Gegenüber eine Zigarrentasche hervor und entnahm ihr ein offenbar besseres Kraut, eine Sandblatt-Zigarre, wie Menke sah; der Reisende entfernte umständlich den Papierreif und schnitt mit einem zierlichen Taschenmesser sorgfältig das Mundstück ab. Sodann entnahm er seiner Hosentasche ein silbernes Streichhölzeretui. Aber, es waren keine Hölzer mehr drin, beim Schütteln gab die Büchse keinerlei Laut. Kilian Menke beobachtete alle diese Vorgänge, die sich unmittelbar vor seinen Händen auf dem gemeinsamen Klapptisch abspielten, mit halber Anteilnahme. Noch ehe er jenem aus der Verlegenheit helfen konnte – er überlegte gerade, daß dies ein Gebot der Höflichkeit sei –, wandte sich der Mann an ihn:

»Verzeihung, mein Herr, Sie sehen, ich bin ohne Feuer. Darf ich um ein Streichholz bitten?«

»Aber gewiß doch, gern.« Und mit eilfertiger Gefälligkeit zog Menke ein Feuerzeug aus der Tasche, das er vor der Nase des Fremdlings anknipste und ihm hinhielt.

»Zu liebenswürdig, entschuldigen Sie die Belästigung«, sagte der andere, indem er mit hohlen Backen das Feuer in seine Zigarre hineinsog. Mit einem »Bitte, bitte, nicht der Rede wert« wollte Menke die Angelegenheit abschließen. Aber der andere witterte eine Gelegenheit für eine Unterhaltung:

»Nicht alle Mitreisenden sind gefällig. Es gibt Ausnahmen.«

Das eröffnete die Möglichkeit zu einer weiteren Replik, aber Menke begnügte sich mit einem Brummlaut und beugte sich entschlossen über seine Illustrierte, um sich an die Lösung der buchten- und inselreichen Figur eines Rösselsprungs zu machen. Sein Verhalten war so sehr auf Zugeknöpftheit eingestellt, daß der Sandblattraucher, selbst wenn er wirklich ernste Neigung zu einem Gespräch gehabt haben sollte, als taktvoller und unaufdringlicher Mensch unmöglich die unnötige Plauderei fortsetzen konnte. Mit einem Anhauch von Befriedigung stellte Kilian Menke fest, daß er seine kleine Gefälligkeit keinem Unwürdigen erwiesen hatte. Während der Alte in seiner Ecke mit herabhängendem Kinn schnarchte und Menke seinen Rösselsprung mit kunstvoll symmetrischen Linien durchkreuzte, döste der Taktvolle, stumm wie ein Fisch, in den Vorfrühling hinaus, indes er dann und wann an seinem wohl duftenden Kraute sog.

Bei der Einfahrt in Hamburg begab sich Menke als Erster mit einem unverbindlichen Abschiedsgruß in den Seitengang. Ohne seiner Reisegefährten weiter zu achten, verließ er den Hauptbahnhof. Er schlenderte durch die Mönkebergstraße, den Jungfernstieg, den Neuen Wall, indem er hier und da kleine Einkäufe machte. Dann begab er sieh in das Schlemmerlokal von Forster, wo er mit Genuß für gutes Geld sich vorzügliche Sachen anrichten ließ und dazu entsprechende Getränke in zwar geringen Mengen, aber vorzüglicher Auswahl schlürfte. Angeregt und leicht beschwingt machte er sich auf den Weg ins Hansa-Theater, aber bei einem Blick auf die Rathausuhr befiel ihn Sorge, ob er sich nicht verspätet habe und ob er nicht Eile habe, wenn er an der Kasse noch einen guten Platz erhalten wollte. Er rief daher ein gerade vorbeifahrendes Taxi an und ließ sich hinkutschieren.

Im Eingang war das übliche Gedränge, und Kilian Menke mußte sich in die lange Schlange der Billettkäufer einreihen. Kurz bevor er an die Reihe kam, entstand hinter ihm eine störende Unruhe, weil ein jüngerer Mann sich rücksichtslos nach vorne vorschob und erst durch Menke, der sich nicht von seinem Platz abschieben lassen wollte, angehalten wurde. Menke wandte sich in großer Ungehaltenheit zurück, blickte dem Flegel erbost in die Augen und brüllte ihm zur Genugtuung der Umstehenden zu: »Sie haben es anscheinend nicht nötig, zu warten, bis Sie dran sind! Ungebildeter Mensch Sie!« Dabei hatte er das Gefühl, als ob er, Gott weiß wo, dieses Gesicht doch schon einmal gesehen habe. Der Angeredete nahm die Zurechtweisung ohne Erwiderung hin, und Menke sah auch keine Veranlassung, der Frage weiter nachzugehen, warum ihm seine Mienen bekannt vorkommen mochten.

Als Menke in seiner aufgeräumten Grundstimmung, ausgerüstet mit einem vorzüglichen Billett für den Orchestersitz, das bunt belebte Foyer betrat, hatte er den kleinen Zwischenfall schon wieder völlig vergessen. Die Kapelle hatte soeben mit der ersten Programmnummer, einer aufpeitschenden Galoppmelodie, begonnen. Kilian Menke bewegte sich, die Hände in den Seitentaschen, langsam durch den Mittelgang auf seinen bevorzugten Platz dicht an der Bühne zu. Um ihn herrschte betriebsames Gewoge, das Theater füllte sich, das Haus schien ausverkauft zu sein. Das erwartungsvolle Getriebe, verbunden mit den rasend-lockenden Klängen des Orchesters, verstärkte die menschenfreundliche Stimmung Menkes; ihn beschlich so etwas wie Lebenslust, ein Anliegen, ein Gefühl war in ihm, das ziemlich genau dem Dichterwort »diesen Kuß der ganzen Welt« entsprach, als er seinen Platz, den dritten links in der zweiten Bankreihe, einnahm, übrigens einen bequemen Polstersitz, auf dem man sich wohlig räkeln konnte. Alle Plätze um ihn herum wurden bis zum Aufgehen des Vorhangs besetzt, nur derjenige zu seiner Linken, der vierte in seiner Reihe, war noch leer. Die Galoppweise wurde durch einen getragenen Fanfarenmarsch abgelöst, eine weckrufhafte Kriegsmelodie, die Assoziationen von schimmernder Wehr mit Gloria und Viktoria hervorrief. Kaum brach mit jubelndem Aufschwung das Geschmettere ab, so verdunkelte sich schlagartig die blendende Helligkeit des Saales, und mit schwungvoller Raschheit teilte sich der Vorhang seitwärts und nach oben. Aber, siehe da! auch die Bühne war stockdunkel, bis nach einigen Sekunden, die die Musik mit zögernden Rhythmen untermalte, urplötzlich und zielsicher irgendwo angebrachte Scheinwerfer aufzuckten und ihre Lichtfülle auf den Mittelpunkt der Bühne vereinigten. Dort stand ein schneeweißer Zelter, ein festlich aufgezäumtes Tier, straff und gerafft und ohne mit der leisesten Muskel zu zucken, leblos wie ein Marmormal, und auf seinem Rücken trug es die kriegerischste aller Amazonen. Auch diese, bekleidet nur mit einem anmutig drapierten, fellartigen Schurz und ausgerüstet mit einem im Glanze funkelnden Speer, einem auf dem Rücken getragenen Bogen und einem mit Pfeilen gespickten Köcher, verharrte wohl eine Minute lang – es schien eine Ewigkeit – in fernhin äugender, statuenhafter Haltung. Dann, als man schon zu zweifeln begann, ob die Gruppe wirklich belebt sei, bei einer lockenden Passage der Musik löste sich die unwahrscheinliche Erstarrung und das Haus brach in tosenden Jubel aus. Roß und Reiterin führten die Hohe Schule der Amazonen vor. Die schneidige Artistin hatte mehrere Gäule in petto, auf denen sie in wechselnden Attitüden alle erdenklichen Sprünge und Pas der akrobatischen Dressur darbot. Zwischen ihren Auftritten gab es jedesmal eine kleine musikerfüllte Pause; während der letzten schob sich mit einem höflichen »Pardon« ein Herr an Kilian Menke vorbei und nahm den Platz zu seiner Linken ein.

Es folgten noch zwei Nummern, ein Drahtseilakt und musikalische Clowns, während deren der Saal verdunkelt blieb. Dann aber kam die Hauptattraktion der ersten Programmhälfte, ein berühmter Illusionist und Spiritist, der sich Al Sibiro nannte. Da er seine rätselhaften Kunststücke teilweise inmitten der Zuschauer zeigte, wurde der Saal erleuchtet. Kilian Menke warf daher kurz vor dem Auftritt des Magiers einen knappen Orientierungsblick zu seinem neuen Nachbarn nach links hin; da dieser im gleichen Augenblick sich nach rechts hin umsah, schauten sich beide in die Augen, und Kilian Menkes Verblüffung kannte keine Grenzen:

»Na, hören Sie mal, das nenne ich einen Zufall«, platzte er in höchster Verwunderung heraus; denn der da neben ihm saß, war niemand anderes als sein Reisegefährte von heute Nachmittag, der Mann mit der Sandblatt-Zigarre.

»In der Tat, erstaunlich, die Welt ist lächerlich klein«, antwortete jener, ebenfalls im Tone völliger Überraschung.

Aber die Unterhaltung ließ sich nicht fortsetzen; schon ertönten unwillige Zischlaute der Umsitzenden, denn in unnahbarer Eleganz mit Zylinder und in einem Raglanmantel stand Al Sibiro auf der Bühne. Mit einer unnachahmlichen Kavaliergeste nahm er seinen hohen Hut vom Kopf und hielt ihn, die Öffnung schräg nach oben, in seiner Rechten. Doch, siehe da – wie war das eigentlich? –, sah man richtig, so verflüchtigte sich der Haarhut ja zusehends, ohne daß der Zauberer auch nur die leiseste Bewegung machte. Es war kein Zweifel, der Hut war verschwunden! Kaum hatte man sich von dieser Unmöglichkeit einigermaßen erholt, so stellte es sich heraus, daß auch der faltenreiche Raglan in Nichts zerging. Man rieb sich die Augen, es schien undenkbar, aber die Sinne konnten nicht umhin, wahrzunehmen, was undenkbar war. Nach kurzer Zeit stand der Unheimliche unbestreitbar in einem eleganten, knapp anliegenden Messejakett auf der Bühne, ohne daß ihm irgend jemand den Mantel abgenommen hatte. Doch das war nur der Auftakt, es kam noch Verblüffenderes. Der Wundermann aber ließ in seinen Reden, mit denen er in fremdartig klingendem Deutsch seine Vorführungen begleitete, durchblicken, daß er auf diese illusionistischen Kunstkniffe weniger stolz sei, daß seine eigentliche Leistung, sein wirkliches Können erst in der zweiten Hälfte, nämlich bei den spiritistischen Experimenten, zur Geltung kommen würden. Zu dem Erstaunlichsten, was er auf diesem Gebiet zum besten gab, womit er seinen Namen berühmt gemacht hatte, gehörte das Kunststück, daß er sich anheischig machte, jedem einzelnen Besucher seinen Nachnamen zu nennen; dieser hatte dazu nur nötig, ihm mit der Rechten einen Händedruck zu geben und ihm gleichzeitig fest in die Augen zu blicken, wobei er gehalten war, an seinen Nachnamen zu denken. Sehr häufig glückte dies auf Anhieb, und es kam vor, daß Al Sibiro sozusagen die Bankreihen durcheilte, indem er einen richtig getroffenen Namen nach dem anderen laut bekanntgab. Nur dann und wann benötigte der Künstler längeres Nachsinnen, wobei es dann geschehen konnte, daß er den Namen nur verstümmelt wiedergeben konnte oder erst nach einigen unrichtigen Anläufen auf das Zutreffende kam. Daß er überhaupt nichts zuwege brachte, kam fast gar nicht vor. Al Sibiro hatte die erste Bankreihe glanzvoll absolviert, es hatten sich kaum Verzögerungen ergeben; auch bei Kilian Menke kam der Name, kaum daß der Kontakt zwischen Händen und Augen hergestellt war; jetzt war der Nachbar dran, dessen Hand der Spiritist ohne Förmlichkeiten ergriff. Aber hier zum erstenmal gab es Schwierigkeiten, eine geraume Weile kam nichts.

»Fester zupacken, klar in die Pupille sehn«, wies er sein Objekt an, indes er mit seiner freien Linken sich nervös die Schläfe rieb und an der Stirn herumfingerte. Nach äußerster Konzentration sagte er, indem er mit einer beschwichtigenden Geste Schweigen gebot:

»Aber das ist ein höchst merkwürdiger Fall! Haben Sie zwei oder gar noch mehr Namen?« Mit ein wenig irritiertem Lächeln antwortete Kilians Nachbar:

»Nein doch. Wieso zwei Namen?«

»Also speziell höre ich den Namen Wilster; aber dahinter, daneben, darüber hinaus taucht aus Unklarheiten ein Name auf, der etwa Zinkewitsch oder so lautet. Wie ist das?«

»Mein Name ist – ganz richtig – Wilster, fabelhaft einfach.«

»Nichts für ungut, mein Herr, also Wilster ist getroffen«, und Al Sibiro eilte zu weiteren Erstaunlichkeiten.

Kilian Menke fand das alles im höchsten Maße aufregend und fesselnd. Wiederholt während dieser Experimente und auch während der beiden folgenden Nummern bis zur Pause, Parterreakrobaten und einem Bauchredner, tauschte er mit seinem Nachbarn, Herrn Wüster also, Bemerkungen über die empfangenen Eindrücke aus; dieser antwortete aufgeweckt und mit überlegen humoristischem Einschlag, so daß Menke an der Art des Herrn Wilster Gefallen fand. Während der großen Pause gingen beide so, als ob sie selbstverständlich zueinander gehörten, zusammen ins Foyer, wo sie sich munter zutranken. Dann schlenderten sie umher. Kilian Menke bemerkte:

»Immer noch muß ich mich über den unglaublichen Zufall wundern, der uns beide heute an einem Tage zweimal zu Nachbarn gemacht hat. Es gibt doch zu drollige Dinge im Leben.«

»Merkwürdig ist es schon. Aber schließlich, wir sind beide jung und lebensfroh, das Programm hier ist vorzüglich, da trifft man sich eben an Stätten, die die weise Vorsehung für Männer wie unsereins geschaffen hat.

»Blendend gesagt«, bemerkte Menke, »ich finde auch, wir können diesmal mit dem Zufall ganz zufrieden sein.«

Die Pause war zu Ende und man nahm wieder seine Plätze ein. Der zweite Teil des Programms war unter der Sammelbezeichnung »Launen der Terpsichore« der Tanzkunst gewidmet. In künstlerischer Beziehung war der Höhepunkt ein mondänes Tänzerpaar, das in lieblicher Grazie akrobatische Meisterstücke zum besten gab, wobei der Eindruck erweckt wurde, als ob die Partnerin völlig gewichtlos sei; so lautlos und ohne Beschwer kehrte sie von den tollsten Schwüngen in taktsicherer Gehaltenheit immer wieder auf den Boden zurück. Kilian Menke war einfach hingerissen. Als er mit seinem neuen Gefährten das Theater verließ, pries er immer wieder die Freude, die ihm solche Beschwingtheiten bereiteten. Wilster schlug deshalb vor, noch ein Kabarett aufzusuchen, um noch weitere Genüsse ähnlicher Art einzuheimsen. Aber Kilian Menke mußte am nächsten Morgen wieder früh im Geschäft antreten und war daher allenfalls nur bereit, statt mit dem früheren Eilzug mit dem letzten Nacht-D-Zug zurückzufahren.

Sie suchten daher eine Bar in der Nähe des Hauptbahnhofs auf. Bei einigen Cocktails machten sie sich wechselseitig mit ihren persönlichen Umständen bekannt. Wilster teilte ihm mit, er sei als selbständiger Kaufmann Generalvertreter eines bedeutenden chemischen Industriewerkes in dem Hamburger Bezirke; er habe auch dann und wann in Lüneburg zu tun, heute auf der Rückfahrt von einem solchen Geschäftsbesuch habe sich zufällig die Bekanntschaft angesponnen. Er sei Junggeselle und habe Freude an großstädtischen Vergnügungen. »Nicht daß ich grade ein Lebemann wäre, das nicht, aber am süßesten ist das Leben doch, wenn es darin ein wenig sündig zugeht«, äußerte er. So zeigte er sich auf allen Gebieten des Hamburger Vergnügungsmarktes wohl beschlagen und wußte einzelne Stätten gehobener Lustbarkeiten launig und amüsant zu schildern. Dagegen ging er auf kaufmännische Fragen, die Menke anschnitt, kaum ein und wußte das Gespräch immer wieder auf die Reize des Nachtlebens zu lenken. Das war nicht schwer, denn Kilian Menke war ja außer sich und witterte in Begleitung dieses wortgewandten Kavaliers Weltstadtluft um sich. Er hörte daher dem fröhlichen Gerede Wilsters mit Genuß zu, auch wenn er selbst zum Thema nicht allzuviel beisteuern konnte. Als Menke im Laufe des Gespräches wiederholt einfließen ließ, daß er sich kaum etwas Belebenderes denken könnte, als so ein Tänzerpaar, wie es im Hansa-Theater aufgetreten sei, meinte Wilster:

»Da ist es besonders dumm, daß Sie heute abend keine Zeit oder Lust mehr hatten, noch weiterzugehen. Ich sage Ihnen, da im »Nachtasyl« treten jetzt, ›Rio und Rita‹ auf; so nennen sie sich wenigstens, vermutlich heißen sie schlichtdeutsch Müller und Schulze. Dagegen sind die von heute abend der reine Kinderspott!«

»Das möchte ich mir aber eigentlich wirklich nicht entgehen lassen. Wie lange bleibt das Paar noch in Hamburg?«

»Ich glaube, nur bis Ende dieser Woche. Kommen Sie doch wieder zu einem Bummel!«

Die beiden verabredeten ein Wiedertreffen für den kommenden Sonnabend, und zwar sollte und wollte Menke wieder mit dem frühen Nachmittagszug kommen; man wollte zunächst einen kleinen Ausflug machen, dann an der Elbe irgendwo gut essen, dann ins »Nachtasyl«, und für den Sonntag würde man schon Weiteres ausfindig machen, auf jeden Fall sollte Menke mindestens eine Übernachtung vorsehen. Das alles wurde in ausgelassenster Stimmung ausgemacht. Sollte wider jedes Erwarten Menke verhindert sein, so sollte er schreiben und einen anderen Tag vorsehen, auf die Gefahr hin, daß dann Rio und Rita nicht mehr da seien. Wilster gab ihm eine Karte, auf der seine Adresse, eine Pension in Harvestehude, verzeichnet war; Menke steckte die Adresse in seine Brieftasche, und damit basta.

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