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Kilian Menkes Veränderung

Hanns Heinz Ewers: Kilian Menkes Veränderung - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorHanns Heinz Ewers
titleKilian Menkes Veränderung
publisherJ. L. Schrag-Verlag
year1941
correctorreuters@abc.de
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created20131102
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XVI.

Als nach dem Arrest Elja ihm die erste Mahlzeit brachte, sagte sie:

»Wie ging's mir nah, Sie da im Dunkel zu wissen. Ich habe jede Stunde mit Ihnen durchlitten.«

»Das ist sehr lieb von dir, kleine Elja. Aber sieh, ich habe da im Dunkel meine Lust gebüßt, und da ist man zum Leiden besonders fähig.«

»Es ist aber schlimm, wenn der Böse über den Guten Macht gewinnt.« Und flüsternd raunte sie ihm ins Ohr: »Ich hasse diese Bösewichter, daß ich's gar nicht sagen kann.«

»Ja, Teufel sind es, die mich hier einsperren, das glaube mir, Elja. Bisher habe ich es zwar auch schon gewußt, aber der leibhaftige Teufel ist mir doch erst in diesem schlangenäugigen Kleinen begegnet. Die anderen haben irgendwo noch menschliche Züge, sie sind klug oder gewandt, der Mann, der sich von dir Vater anreden läßt – es ist der reine Hohn! –, ist wenigstens bärenstark. Aber diese Viper, der Kleine, ist nur ein boshaftes, nichtswürdiges Geschöpf, nichts als stinkende Gemeinheit.«

»Ach, lieber Herr Kilian, loben Sie mir die anderen nicht! Sie führen Arges im Schilde.«

»Welch eine Gnade des Schicksals, daß du da in meinem Unglück um mich sein kannst. Daß die Bösewichter das zulassen, gibt allein mir noch Lebensmut.«

»Lassen sie's zu? Ich weiß es nicht. Ich glaube, der Vater läßt mich nur um seiner Bequemlichkeit willen um Sie sein. Denn immer, merk ich, wenn vorne einer von den Bösen ist – aber sie kommen nur noch selten –, dann läßt er mich nicht zu Ihnen, dann trägt er selbst das Essen her und reißt mir's aus der Hand.«

»Das ist sehr wichtig, Elja, da mußt du genau aufpassen, daß kein Böser es bemerkt, wie du um mich bist.«

»Ich bin schon wach. Inzwischen schau ich, daß ich Ihnen helfe. Hier dies Stück Wurst hab ich aus der Küche für Sie genommen; die Milchsuppe allein gibt nach all der Dunkelhaft nicht Kräfte genug. Hier nehmen Sie!« Und sie holte aus ihrer Schürzentasche ein tüchtiges Ende jener herrlichen Landmettwurst hervor, die Kilian von seinen guten Tagen her kannte. Mit einer Träne im Auge antwortete er:

»Du Heinzelmännchen, wo wäre ich, wenn du nicht wärst!«

In der nächsten Woche, während derer er viele solche Gespräche mit Elja über die »Bösen« führte – das Wort wurde zwischen ihnen zum feststehenden Begriff –, gab sich Kilian Menke wieder weiträumigen und bohrenden Gedanken hin. Da man ihm aber nur noch zehn Zigaretten täglich bewilligte, so wollte sein Gehirn nur schwerfällig in Gang kommen, wenn das nicht auch noch Nachwehen seiner Kopfverletzung waren. Zwar brachte ihm Elja häufig Extrazigaretten, aber das konnten stets nur einige wenige sein, da sonst die Entwendung bemerkt und der Vorrat unter Verschluß gehalten würde. Mühsam und allmählich kam er so zu folgenden Erwägungen:

Der Verlauf des Gesprächs mit diesem Stieler hatte schon vor seinem turbulenten Abbruch gezeigt, daß man von Seiten der »Bösen« irgendwelche Unterhaltungen nicht mehr mit ihm zu führen wünschte. Also fand er seine Vermutung bestätigt, daß der Zweck, den man mit ihm vorhatte, jedenfalls, soweit seine aktive Mitwirkung in Frage kam, inzwischen hinfällig geworden war. Aber aufgefallen war ihm gleich bei dem Gespräch, daß man ihm die voreilige Flucht gar nicht so sehr verargte, wie er angenommen hatte. Stieler hatte sich damit begnügt, ihm seine Auffassung, daß das eine Dummheit von ihm gewesen sei, kurz zu bestätigen, war aber von sich aus darauf gar nicht weiter eingegangen. Man konnte eher den Eindruck gewinnen, daß den Bösen die Flucht sehr willkommen gewesen sei, da es ja bei einem Versuche geblieben war. Wenn dem aber so war, so hing die Hinfälligkeit des mit seiner Reise verbundenen Zweckes ja gar nicht mit seiner Flucht zusammen, sondern ergab sich aus ganz anderen Gründen.

Das zweite, was eine Fülle von Gedanken vernotwendigte und schwere Rätsel aufgab, war die Tatsache dieses unheimlichen Gelächters, das der Schuft angestellt hatte. Was war daraus, ganz unabhängig von dem beleidigenden Charakter dieses Auslachens, zu folgern? Stieler hatte sich vor Lachen ausschütten wollen, als er erfuhr, Menke glaubte, das Endziel der Reise solle Lüneburg sein. Wenn dies ihn so über die Maßen komisch anmutete – und, es gab keinen Zweifel: dieses widerliche Gelächter war völlig ernst gemeint, da war nichts von Schauspielerei darin, deshalb war es ja so unheimlich kränkend gewesen! –, wenn also ein ernster Grund zur Heiterkeit vorhanden war, dann ... ja dann ...? Um des Himmels willen! Dann war ja Lüneburg ein Witz! Dann hatte ja niemand jemals im Ernst daran gedacht, mit ihm nach Lüneburg zu fahren! Dann war er zum zweitenmal diesem aalglatten Wilster ins Garn gegangen; denn Wilster hatte doch ausdrücklich ... Wie war das Einmal in Dortmund, das erinnerte er genau! – hatte Wilster ausdrücklich gesagt, daß es am nächsten Tag nach Lüneburg gehen solle. Aber sonst? Hatte Wilster ihm wirklich vor Antritt der Reise jemals deutlich gesagt, daß man nach Lüneburg fahren wolle? War es nicht vielmehr, genau besehen, immer so gewesen, daß er, Kilian Menke, Vermutungen über das Reiseziel ausgesprochen hatte, wobei er glaubte, besonders schlau zu sein, wenn er nicht allzu deutlich wurde, und daß der andere ihn bestenfalls in diesen Vermutungen bestätigt, ihm nur nicht klar widersprochen hatte? Das alles sollte unrichtig, sollte nichts als ein Trugbild gewesen sein, das seine genarrte Kombinationsgabe ihm vorgegaukelt hatte?

Aber dann ist und war ja in Lüneburg überhaupt nichts los! Dann war ja seine Sorge um das Wohl seiner Firma eitel Wahn und Trug gewesen, dann war sein Doppelgänger ja überhaupt gar nicht in Lüneburg, um ihn dort zu »vertreten«! Und als er so weit gelangt war in seinen schleppend arbeitenden Gedanken, da fiel es ihm plötzlich wie Schuppen von den Augen, da ging es ihm auf, daß der ganze Zweck der Reise nur gewesen war, daß er in Dortmund die Rolle des anderen spielen sollte, während jener sich gar nicht unterfangen hatte, ihn darzustellen. Und Kilian Menke, betroffen darüber, wie sehr die Betrachtungen in die Irre gehen konnten, wenn man die Zusammenhänge nur lückenhaft übersah, fand jetzt, daß diese Entdeckung ja eigentlich unendlich nahe gelegen hatte, begriff kaum mehr, daß er sich so sehr in seinen Wahn hatte einwiegen lassen: Denn dieser andere, der Baskow, den er nie gesehen hatte, der ihm so ähnlich sah, er wohnte ja weiß Gott wie lange schon in der »Pension Kröchel«, als er ihn mimen mußte, er war ja Hinz und Kunz in Dortmund bekannt, es war ja einfach hirnverbrannt, anzunehmen, daß dieser Mann in Dortmund und scheinbar häufig auch in Essen sich aufhalten und gleichzeitig seine, Kilian Menkes, Stellung in Lüneburg einnehmen sollte! Daß ihm das nicht sogleich in Dortmund während der ersten Minuten aufgegangen war, schien beinahe unbegreiflich.

Und Kilian Menke wurde verzagt und irre an sich selbst. Mit all seinen scharfsinnigen Erwägungen, seiner hingegebenen Gedankenarbeit war er einer Schimäre nachgejagt, hatte geglaubt, wunder welche Gerissenheit zu betätigen, und dabei in Wahrheit nur den Bösen für ihm gänzlich fremde Zwecke zur Verfügung gestanden. Das amüsante Baskowspiel, dem er zum Schluß sogar sportliche Reize abgewonnen hatte, das war seine Mitwirkung bei den dunklen Zwecken der Bösen gewesen, um ihn dazu gefügig zu machen, hatte man ihn gepäppelt und wie ein rohes Ei behandelt; und nun, wo der Mohr seine Schuldigkeit getan hatte, gab es natürlich nur noch Kohlsuppe und Schwarzbrot. Und Kilian Menke kam es so vor, als sei um ihn gellendes Spottgelächter, so schrill und unbeherrscht, wie es dieser Basilisk von Stieler ausgestoßen hatte.

Es waren die quälendsten Tage seiner Leidenszeit, als ihm diese Zusammenhänge langsam aufgingen, und es währte eine ganze Woche, ehe er wieder ein wenig Selbstgefühl und -achtung erschwingen konnte. Er wies die Versuchung, nun weiter zu kombinieren, welchen Sinn es etwa gehabt haben könnte, daß er da zwölf Stunden lang Baskow sein mußte, weit von sich; denn nun wußte er, daß unser Dichten und Trachten dem Irrtum unterworfen ist von Anbeginn, daß es zu neuer Täuschung und zu neuem Wahne führen müsse, wenn er aus Stückwerk die Wirklichkeit nachbauen wollte. Er hielt sich davon überzeugt, daß man ihn sicher zu einer abgefeimten Gemeinheit mißbraucht haben werde, mochte sie im einzelnen nun welchen Namen immer tragen. Viel wesentlicher für ihn war die Frage, wie lange seine Qual denn nun noch dauern solle, wo der Zweck seiner Freiheitsberaubung vollendet war. Das sicherste war es für die Bösen zweifellos, wenn sie ihn stumm und kalt machten; denn, solange er lebte, war er ihnen eine Gefahr. Aber die Bösen schienen keine Mörder zu sein und vor dem Äußersten, solange es vermeidlich war, zurückzuschrecken. Vielleicht waren sie hierin nicht alle eines Sinnes, vielleicht gab es unter ihnen solche, die die in ihm lauernde Gefahr am liebsten sofort beseitigt und es begrüßt hätten, wenn damals Robert ihn tödlich getroffen hätte. Aber andre, Wilster bestimmt und auch, wie ihm scheinen wollte, dieser an sich gefährliche Brechert wollten seinen Tod nicht. Aber auch sie mußten mit allen Mitteln auf ihre Sicherheit bedacht sein und konnten daher an seine Freilassung erst denken, wenn er ihnen keine Gefahr mehr war. Wann aber mochte das sein? Da er über die Natur des mit seiner Gefangennahme bezweckten Verbrechens keinerlei Vorstellung oder auch nur begründete Vermutung hatte und es verschmähte, sich abermals auf mangelhaft begründete Kombinationen einzulassen, so kam für ihn nur die Annahme in Betracht, daß, solange auch nur einer von der Bande im Inland sei, seine Freilassung nicht erfolgen werde. Es war völlig unabsehbar, wie lange dies noch dauern konnte; das hing sicherlich wesentlich davon ab, wie sicher die Bösen sich fühlen durften, wie weit also die polizeilichen Nachforschungen nach seinem Verbleib gediehen waren. Nachdem er jetzt länger als ein Vierteljahr in Gefangenschaft war, ohne daß es gelungen war, seinen Aufenthalt ausfindig zu machen, dünkte es ihm in hohem Maße unwahrscheinlich, daß ihm jetzt noch von außen Hilfe kommen könne. Denn je mehr Zeit verstrich, um so mehr mußten sich die Spuren, die vielleicht einmal zu seinem Haftort geführt hatten, verwischen, um so entfernter erschien die Möglichkeit, daß man die Täter noch stellen konnte. Seine einzige Hoffnung war die Flucht; und diese mochte ein Wagnis sein, unmöglich dünkte sie ihm keineswegs mehr, da er ja in Elja fast eine Leidensgefährtin, jedenfalls eine Kameradin gewonnen hatte, die ihm treu ergeben war.

Als Kilians Gedanken – der Juli näherte sich seinem Ende – bis hierher gediehen waren, begann er an einem Abend mit Elja folgende Unterhaltung:

»Höre, mein Kind, ich habe mit dir zu reden, dein Stiefvater ist doch nicht in der Nähe?«

»Nein, er ist vorn, in seiner Kammer.«

»Gut. Die Stunde ist nun da, ich muß jetzt fort, muß fliehen, hilfst du mir?«

»Wenn ich nur könnte, wie gern! Aber es geht nicht.«

»Wieso meinst du, daß es nicht geht? Weil du nicht willst? Oder warum nicht?«

»Aber, Herr Kilian, wie können Sie denken, daß ich nicht wollte? Aber es ist zu schwierig, es ist unmöglich.«

»Wieso? Wenn wir beide jetzt zusammen mit dem Köter da draußen uns auf und davon machten, warum sollte es nicht gehen?«

»Wir sind doch gegenwärtig beide hier im Stallgebäude eingeschlossen. Das sind wir immer, wenn Vater, der Robert, mich zu Ihnen alleine läßt, ohne selbst hinten zu sein.«

»Und wenn wir einfach die Tür erbrächen? Oder wenn wir durch ein Fenster kletterten?«

»Das machte Lärm, auch schlüge Ajax dann bestimmt an, und Roberts Kammer liegt nach hinten, er müßte es hören. Die Fenster sind hier im Stall alle wie dieses hier, man kann nicht einfach durch. O, glauben Sie, ich bitte, es wär unmöglich, es wär Ihr sicherer Tod!«

»Da magst du recht haben. Doch laß uns heute abend wegen Ajax mal einen Versuch machen. Paß auf! Du schließt mich jetzt hier wie immer ein. Draußen legst du an eins der Fenster eine Leiter und machst dich daran zu schaffen; es war heut windig, eine Klappe könnte sich geöffnet haben. Wenn man dich fragt, so sagst du das. Mach tüchtig Lärm, und dann laß uns abwarten, was geschieht.«

»Das ist sehr klug, ich will es tun. Wenn der Stiefvater etwas merkt, komm ich heut abend nicht zurück.«

»Schön, kleine Elja, und sieh nur zu, daß er keinen Verdacht schöpft.«

Elja verschloß die Zelle und Kilian spannte alle Sinne an, um zu lauschen, was sich begeben würde. Eine Weile vernahm er nichts. Dann war ein leises Gepolter zu hören, das sich verstärkte, und schon schlug mit eifrigem und fragend klingendem Gebell der Hund an. Im selben Augenblick brüllte die Stimme Roberts: »Elja, verflixt, was gibt's? Was ist da für ein Höllenlärm?« Elja rief zurück: »Ich schließ nur eben das Fenster hier, das der Wind gelockert hat; ich rutschte etwas mit der Leiter aus.« Dann hörte Kilian eilige Schritte, die sich seiner Zellentür näherten, das Guckloch wurde geöffnet, und Roberts Stimme sagte: »Laß doch das verdammte Fenster, du hast mir einen blödsinnigen Schrecken eingejagt! Ruhig Ajax! Bei Fuß!« Und dann kehrte die gewohnte Ruhe wieder ein.

Am nächsten Mittag wurde das Gespräch fortgesetzt. Kilian begann:

»Du hast das wunderschön gemacht, liebste Elja, gestern abend. Ich sehe ein, so einfach, wie ich dachte, geht das auch mit deiner Hilfe nicht. Wir müssen eine besondere Gelegenheit auskundschaften.«

»Ja, wenn's nur eine gäbe!«

»Nun, Robert ist doch nicht tagein tagaus immer hier anwesend. Er geht doch auch mal aus.«

»Doch, das tut er, er fährt mit dem Motorrad ins Dorf, auch mal in den Flecken. Aber stets nimmt er dann die Schlüssel zu Ihrer Zelle mit sich. Nie ist er länger als eine, ganz selten vielleicht mal zwei Stunden fort.«

»Was denn, nie geht er länger mal fort? Dann ist er ja selber hier ein Gefangener.«

»Manchmal ist es mir so, als wär er's wirklich.«

»Aber warum denn? Was läßt er, der Bärenstarke, sich so knechten von den Bösen?«

»Ich glaub, sie wissen was von ihm; drum ist er Wachs in ihrer Hand. Deshalb ist er auch menschenscheu und geht nicht sonderlich gern aus. Doch dann und wann mal tut er's. Dann aber ist an seiner Statt immer mindestens einer von den Bösen hier anwesend, der ihn vertritt.«

»Und du meinst, zwei Stunden würden nicht ausreichen, das Fenster hier zu öffnen?«

»Mit allem, was zur Flucht gehört! Mit Entfernung der Fußangeln und der Selbstschüsse, die draußen vielfach angebracht, und mit Gewinn des Vorsprungs, den wir brauchen, o nein, gewiß nicht! Wir dürfen auch mit zwei Stunden nie und nimmer rechnen.«

»Laß sehn, wo sind wir hier denn eigentlich? Wie weit ist's zum nächsten Dorf, wie weit zum nächsten Ort, wieviel Wege gibt's von hier?«

»Dies hier ist Jagdschloß Wüstenheck in der Heide, es liegt ganz einsam und unwegsam. Das nächste Dorf, Krautborstel, ist eineinhalb Stunden zu Fuß, bei strammem Marsch. Die nächste Stadt ist Ülzen, doch die ist meilenweit, ich war noch nie dort, denn wir kamen damals über Celle.«

»Und wieviel Wege gibt's von hier?«

»Nach Süden einen bis nach Mittellüs, man geht mehr als drei Stunden; der andere nordwärts geht nach Krautborstel.«

»Und sonst, wenn man die Wege meidet?«

»Viel Moor und Bruch, sich zu verirren, und nirgendwo, soviel ich weiß, ein Haus.«

»Dann kann die Flucht nur abends vor Dunkelwerden erfolgen. Wir müßten ohne Wege gehn und, sind wir müde, uns im Moor verstecken. Wann ist der Robert abends aus?«

»Das war er nie, soweit ich es gewahr geworden. Ach, es ist schlimm!«

»Kopf hoch, kleine Elja! Der Himmel hat dich mir nicht umsonst geschenkt. Wir müssen schlau und durchtrieben sein, es muß uns glücken.«

»Ach, wenn ich denke, es könnt mißlingen, und wir kämen mit dem Leben davon, nie, nie würde man uns wieder zusammenlassen, und endloses Leiden wäre Ihr Los, Herr Kilian!«

»Wir wollen uns vor Tollkühnheit bewahren, doch bedenk, mein Kind: Meine Tage sind hier gezählt, ich muß hier fort, als Lebender oder Toter fort, alles, nur dies nicht weiter!«

»Ich bitte, ich beschwöre Sie, Herr Kilian, Geduld! Nach einem einzigen fehlgeschlagenen Versuch ist alle Hoffnung für immerdar dahin.«

»Gewiß, da gab es keine Hoffnung mehr, ich sage mir's auch. Doch Elja, mein Kind, bedenke, bedenke auch du, daß meine Nerven am Zerreißen sind, daß daher die unvernünftige Kühnheit, wie damals zu Beginn schon einmal, wieder über mich kommen wird, kommen muß, wenn ich es zuletzt nicht mehr ertragen kann. Drum, Liebste, sei wachsam und voll List, achte darauf, was der Bärbeißige tut und vorhat. Kind, wenn wir eine einzige Gelegenheit versäumten, die vielleicht unwiederbringlich ist, ich trüg es nicht!«

»Hier meine Hand, ich will schaun und merken, was geschieht, will meinem Stiefvater auf der Lauer liegen jede Stunde, abwägen, ob's geschehen kann, und Ihnen alles melden, was von Wert ist. O, daß Sie ein wenig Vertrauen zu mir hätten!«

»Kind, ich vertraue dir wie meinem guten Stern.«

Die nächsten Tage bis Ende Juli waren voll bebender Erwartung für Kilian Menke; Elja berichtete ihm von allem, was vor sich ging. An einem Morgen war Robert fortgewesen mit dem Motorrad, fünf Minuten weniger als eine Stunde hatte seine Abwesenheit gedauert. Zwei Tage später war der Kleine wieder aufgetaucht, aber nur eine Nacht geblieben, ohne daß Robert fortgewesen wäre. Einmal war er zu Fuß eine halbe Stunde ausgegangen, auf Jagd scheinbar; denn er hatte eine Flinte mitgenommen. Aber in keinem Fall hatte Elja eine auch nur entfernte Möglichkeit zur Flucht gewittert, weil er stets den Stall und die Zelle unter Verschluß gehalten und die Schlüssel mitgenommen hatte.

Da, an einem der ersten Tage des August berichtete Elja, Robert sei sehr aufgeregt gewesen, denn Herr Brechert habe aus Dortmund angerufen. Sie habe aus den gemurmelten Andeutungen Roberts nicht entnehmen können, was eigentlich los sei, aber anscheinend würde Brechert noch am gleichen Tage selbst herkommen. Das sei erstaunlich, weil er seit jenem Besuch zu Anfang Mai erst einmal wieder in Wüstenheck gewesen sei. Wenn »der Chef« – so werde er von allen Bösen stets genannt – selbst herkomme, sei immer etwas Besonderes los, und diesmal ganz gewiß, weil Robert seit dem Ferngespräch ganz verändert und furchtbar aufgeregt sei.

Diesen Bericht erhielt Kilian Menke an einem Donnerstag zu Mittag, und das Unglück oder die Verkettung der Zusammenhänge, die Kilian Menke nicht übersehen konnte, wollte es, daß sowohl das Abendessen an diesem Donnerstag wie sämtliche Mahlzeiten am nächsten Freitag ihm von Robert selbst gebracht wurden, so daß er seine Elja überhaupt nicht sah, geschweige denn mit ihr auch nur eine Silbe sprechen konnte. Daß etwas Besonderes in der Luft lag, konnte man dem Wesen und Gebaren des Schergen anmerken. Der Bärbeißige lief mit ingrimmigen, in sich gekehrten Mienen herum, er richtete kein Wörtchen an seinen Häftling, den er mit unheimlich undurchsichtigen Blicken aus rotunterlaufenen Augen betrachtete, indem er mit kurzen Bewegungen seinen Dienst versah. Am Freitagabend aber entledigte er sich ersichtlich eines ihm von Brechert erteilten Auftrages, indem er in knappem Kommandoton folgendes sagte:

»Wir sind mit Ihrem Betragen verdammt unzufrieden, verstehen Sie?«

»Nein, ich verstehe nicht. Was wirft man mir vor?«

»Lassen Sie gefälligst Ihre Unverschämtheiten und fragen Sie nicht so dumm! Wenn Sie sich im geringsten mausig machen, dann ist hier Schluß!«

»Was soll das heißen: Schluß!«

»Frechheit! Sie wissen genau, was das heißt. Hier wird jetzt nicht länger gefackelt, verstehen Sie, von Dunkelarrest und so ist nun nicht mehr länger die Rede. Bei der kleinsten Aufsässigkeit ist Schluß, was das heißt, ist klar!«

»Ja, allerdings, man braucht Sie nur anzusehen, dann ist es einem klar«, erwiderte Kilian Menke mit zitternder Stimme. Es war unklar, ob dieses Zittern von Empörung oder von Angst herrührte. Auch Robert blieb dies unklar, der sein Opfer mit den stumpfen Augen eines wilden Tieres anguckte, dann aber diese Frage auf sich beruhen ließ und sich mit einem hervorgepreßten »Hüten Sie sich!« hinausbegab.

Am nächsten Sonnabendmorgen erschien Robert schon um sieben Uhr mit dem kärglichen Frühstück, er zerrte seinen Häftling in stummer Verbissenheit auf die Toilette, um ihn nach wenigen Minuten in die unaufgeräumte Zelle wieder einzusperren. Alles ohne jedes Wort. Kilians Instinkt verkündete ihm, daß ein großer und wichtiger Tag anbreche; er lauschte angespannt, ob er von den Vorgängen in der Außenwelt etwas wahrnehmen könnte. Nach zwanzig Minuten glaubte er in mäßiger Entfernung das Geräusch eines davonfahrenden Autos zu erkennen. Eine Viertelstunde später – es war noch vor acht Uhr – hörte er ein lautes Poltern an einer Tür, man schlug mit einem Hammer dagegen, und dann krachte Holz. Elja öffnete die Klappe der Zellentür und sagte in fliegender Hast:

»Sie sind davon. Robert sagte zwar, er wäre in einer Stunde wieder da. Aber das wird nicht sein; denn heute morgen verschloß er zum erstenmal meine Kammertür, so daß ich entlang der Regenrinne aus dem Fenster klettern mußte. Die Zeit ist nun da. Hier ist eine Drahtschere. Zerschneiden Sie den Stacheldraht am Fenster; hier ein Vorschlaghammer, das Fenstergitter zu zertrümmern. Ich selbst geh nach draußen und räum die Fußangeln und die Selbstschüsse beiseite. Wenn ich damit fertig bin, komm ich zurück.«

»Du Prachtkind, du! Gib her, nur rasch!«

Kilian machte sich an das Zerschneiden des Drahts, aber bei der ersten Berührung empfing er einen heftigen elektrischen Schlag. Er rief laut nach Elja, die aber erst nach geraumer Weile sein Rufen vernehmen konnte. Als sie endlich kam, bat er sie, die Hauptleitung abzustellen. Sie erwiderte, die müsse sie erst suchen, da sie damit nicht Bescheid wisse. Es währte eine halbe Stunde, bis sie ihm melden konnte, sie habe da im Keller des Schlosses etwas gefunden, das wie ein Haupthahn aussähe, Kilian möge nochmal sein Heil versuchen. Der Draht – gottlob! – war nun stromlos, und mit dem verständigen Gerät war in zehn Minuten der Stacheldraht beseitigt. Schwieriger und zeitraubender war die Zertrümmerung der starken Eisenstäbe des Fensters, dessen Rahmen fest in Beton gebettet war. Nach einer reichlichen halben Stunde aber war auch dieses Werk geschehen, so daß er durch das verwüstete Gestänge sich hindurchzwängen konnte. Elja stand draußen vor dem Fenster, zwei und einen halben Meter unter ihm. Es war schwierig, sich ohne Unfall hinabzulassen, da man aus der nicht sehr hohen Fensteröffnung, die durch die Eisenreste noch ziemlich verengert war, keinen Absprung nehmen konnte. Elja warnte daher:

»Bitte, nur nicht fallen lassen, ich hole eine Leiter.«

»Ach was, ich schaff es.«

»Nein nicht, um Gottes willen, nur nicht, wenn Sie den Fuß verstauchen, sind wir beide verloren.« Sie stürzte schon davon. Kilian gab ihr in Gedanken recht und wartete die zehn Minuten, bis sie von irgendwoher eine große Trittleiter herbeigeschleppt hatte. Kilian Menke hatte keine Zeit, sich mit offenen Augen den Ort seiner monatelangen Haft von außen näher zu betrachten. Er nahm nur im Vorüberfliegen wahr, daß ein langgestrecktes Betriebsgebäude seine Zelle barg, daß das Fenster auf einen Hofplatz mündete, der nach hinten sich ins Grüne verlor, zur Seite von Holzschuppen und einer Mauer begrenzt wurde, hinter der offenbar der Park sich befand, in dem er so oft mit Wilster gelustwandelt war. Nach vorn zu aber lag das »Schloß«, ein vornehmer Bau im städtischen Stil, ähnlich einer Prunkvilla in einer großstädtischen Vorstadt. Die Flucht ging links an der Villa vorbei durch ein Seitentor zunächst auf die Straße, einen mäßig befestigten Landweg, auf dem eine frische Autospur sich abzeichnete. Der Straße folgte Elja eine kleine Strecke nach rechts hin, immer bänglich um sich blickend, ob nicht irgendwo ein Auto auftauchen könnte. Einen halben Kilometer legte man so im Laufschritt zurück, dann schlug Elja sich nach links hin in das Buschwerk ohne Weg und Steg. Als man so im Geschwindschritt eine gute Weile in westlicher Richtung zurückgelegt und die nächste Bodenwelle hinter sich gebracht hatte, verlangsamte die Führerin das atemberaubende Tempo und begann, ihrem Schützling ihren Fluchtplan zu erläutern.

»Der Chef mit Robert sind mit dem Wagen heute morgen nach Süden davon. Wir haben uns daher zunächst nördlich gehalten. Robert wird glauben, wir sind zum nächsten Dorf nach Krautborstel und uns in dieser Richtung verfolgen. Wenn er uns da nicht findet, wird er glauben, wir seien in Richtung Ülzen unterwegs, von Krautborstel sich also ostwärts wenden. Drum geht unser Weg nach Westen.«

»Mein kluges Mädchen, wie hast du das alles weise bedacht! Und wohin führt uns diese Richtung?«

»Wenn alles gut geht, nach Dechlingen; dort, hat man mir gesagt, gibt's eine Kleinbahn, die über Birkenbüttel nach Soltau fährt, die müssen wir erreichen.«

»Ist Birkenbüttel hier so nah?«

»Zu Fuß? Da ist es weit, doch mit dem Auto auf den Straßen braucht's keine halbe Stunde.«

»So nahe also! Diese aberwitzige Verkettung!«

»Was reden Sie da? Ich versteh das nicht.«

»Laß, Kindchen, ich erklär dir's später. Dem Ahnungslosen mischt das Schicksal seine Lose.« Kilian Menke verlor sich in weiträumige Gedanken, deren Ergebnis aber nichts als ein ratloses Kopfschütteln war. Indem er auf teilweise sumpfigem Boden durch lockeres Buschwerk rüstig dahinstapfte, entfuhr ihm im Sinnen einmal: »Wenn dieser Unglücksmichels den Bösen nun nicht angesprochen hätte, ob's dann passiert wär?«

»Was denn passiert?«

»Ach alles dies, was mich seit Monaten verwirrt und aus der Bahn geworfen hat. Laß nur, es führt im Augenblick zu weit.«

Die Gegend, durch die sie gingen, war weltenfern und so, als habe sie nie eines Wanderers Fuß betreten. Einsamkeit war um sie, niedrige Tannen, weißstämmige Birken und Ellern, die sich am Rande von Tümpeln gruppenweise angesiedelt hatten. Manchmal schrak ein Huhn unter ihren Schritten auf, ein Hase huschte mit seinem weißen Hintern Hals über Kopf davon. Noch war es morgendlich frisch, die Sonne blinzelte durch Nebelschwaden und der Tau tropfte vom Gebüsch. Niemals stießen sie auf Andeutungen eines gebahnten Pfades, geschweige denn auf einen Menschen. Es kam dann und wann vor, daß sie eine kleine Strecke wieder zurückgehen mußten, weil ein Wasserloch oder unwegsames Sumpfland sich ihnen entgegenstellte; aber sie waren nach dem Stande der Sonne bemüht, die westliche Richtung streng beizubehalten, und das Naturkind Elja entwickelte einen Spürsinn, der sie vor allzu ärgerlichen Umwegen bewahrte. Erst allmählich, erst, als sein Blut von der ungewohnten Körperbewegung zu wallen begann, ging Kilian Menke wie eine Offenbarung das unsägliche Gefühl, frei und gerettet zu sein, auf. Und mit diesem Gefühl verband und verstrickte sich das andere, das etwas wie glühender Dank an sein Schicksal war, wobei er aber sein Schicksal nur ganz persönlich und gegenständlich in der lieblichen Mädchengestalt sehen konnte, die als helfende Kameradin glücklich neben ihm dahinschritt.

Nach drei Stunden – nun stand die Sonne in voller Klarheit hoch am Himmel, und Mittagsschwüle legte sich auf die wellig-weite Landschaft – machten sie die erste Rast. Elja hatte für einen Imbiß und Getränke gesorgt; sie saßen am Fuße einer einsamen Eiche und kräftigten sich. Dann ruhten sie zwei Stunden, indem Elja ihren Kopf auf den rechten Arm von Kilian bettete und mit entspannten Zügen schlief. In Kilian aber arbeitete eine solche Flucht unabsehbarer Gedanken, daß er keine Zeit fand, ins Land der Träume zu entschwinden. Immer wieder kam dieses Kopfschütteln über ihn, und seine Ratlosigkeit verdichtete sich zu der erstaunten Frage, ob er das Abenteuer, das ihn aus allem, was ihm gewohnt und selbstverständlich gewesen war, herausgerissen hatte, beklagen oder preisen sollte.

Gegen drei Uhr machten sie sich wieder auf den Weg; endlich nach eineinhalb Stunden stießen sie auf einen Fußpfad, der sie nach einer weiteren Stunde auf eine Höhe führte, von der ein weiter Rundblick auf die im ersten Blühen stehende, weithin gedehnte Heidelandschaft sich herzbewegend auftat. Im Vordergrund aber, zu ihren Füßen, lag der stämmig-gedrungene Kirchturm von Dechlingen.

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