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Kilian Menkes Veränderung

Hanns Heinz Ewers: Kilian Menkes Veränderung - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorHanns Heinz Ewers
titleKilian Menkes Veränderung
publisherJ. L. Schrag-Verlag
year1941
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131102
projectidfaf9020b
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XV.

Es währte zehn Tage, bis sich Kilian Menke von dem kräftigen Schlag mit dem Gummiknüttel, der ihn am Ausläufer des Teutoburger Waldes zu Boden gestreckt hatte, soweit wieder erholte, daß er eines einigermaßen klaren Gedankens fähig war. Bis dahin lag er mit grausam aufgeschwollenem Schädel auf seinem Bette in seiner vertrauten Arrestzelle, wohin man den Ohnmächtigen wieder gebracht hatte. Es dauerte Tage, ehe er sich über seinen Zustand überhaupt besinnen konnte und sich erinnerte, wodurch eigentlich diese drückende Benommenheit über ihn gekommen sei. Aber seine Schädeldecke war nicht verletzt worden; die Wirkungen des Schlages beschränkten sich auf eine mittlere Gehirnerschütterung und eine heftige Geschwulst unter der Kopfhaut, verbunden mit einigen Stoffwechselbeschwerden, bei denen häufiger Brechreiz das lästigste Übel war. Als er zum erstenmal in der Lage war, sich örtlich zu orientieren, empfand er seinen Aufenthalt in der mittlerweile ihm gewohnt gewordenen Umgebung als nicht sonderlich auffallend, denn aus seinem Gedächtnis war die ganze Dortmunder Reise mit allen ihren vielen Merkwürdigkeiten vollständig entschwunden. Er merkte nur, daß er elend sei, und empfand es als wohltuend, daß die kleine Elja, seine neue Freundin, ihn sorglich pflegte, seinen schmerzenden Kopf täglich mehrmals in feuchte Verbände hüllte, ihm zu den Mahlzeiten leicht verdauliche Süppchen brachte und sein verrangeltes und in der Sommerhitze oft schwitziges Bett glättete und frisch bezog. Erst nach einer Woche ging ihm die Frage auf, wieso er hier eigentlich so leidend liege und er legte sie bei dem Abendessen seiner Wärterin vor:

»Sag doch mal, kleine Elja, was ist denn mit mir, wieso liege ich hier so geschlagen? Seit wann bin ich denn krank?«

»So, ach noch viel kränker als heute, hat man Sie vor einer Woche von Ihrer Reise zu uns zurückgebracht.«

»Von einer Reise? War ich denn verreist?«

»Aber natürlich, einen Tag lang, vorigen Sonnabend, waren Sie doch weg. Wissen Sie das gar nicht mehr?«

»Weg war ich? Aber wohin denn?«

»Weiß ich's? Mir sagt doch hier niemand was.«

»Alleine war ich weg? Aber wie kam ich dann zurück in mein Gefängnis?«

»Nicht doch allein! Sie fuhren doch mit Herrn Wilster, und mein Vater lenkte den Wagen. Aber, ich sah's, man trug Sie hinaus, Sie waren wohl betäubt, als es von dannen ging. Und ebenso kehrten Sie zurück.«

»Betäubt? Dann war ich wohl während der ganzen Fahrt von Sinnen. Ich weiß nichts mehr davon.«

»Als man Sie forttrug, waren Sie gesund, nur eingeschläfert, doch als ein geschlagener, elender Mann kehrten Sie heim.«

»Wer schlug mich denn?«

»Ich fürchte, Vater hat's getan, doch weiß ich's nicht.«

»Mir schmerzt der Kopf. Was habe ich denn da?«

»Dorthin traf Sie der Schlag. Es war ein böser Brusch, den Sie davongetragen. Doch Sie sind so gesund im Grunde, bei Ihnen heilt es schnell.«

»Ich möchte schlafen, mir ist müd.«

In den nächsten Tagen hob sich ein Schleier nach dem anderen von dem gestörten Erinnerungsbilde, und während unmerklich die äußere Gestalt des Schädels zur gesunden Bildung zurückkehrte, fand sich der Geist in den verschütteten Zusammenhängen zurecht. Das erste deutliche Erinnerungsbild kam Kilian Menke, als er am nächsten Morgen nach dem Erwachen seine rechte Hand besah; in ihm dachte es, da müßte doch jetzt noch eine Narbe von einem Schnitte sein! Aber da war keine Spur einer Narbe; und plötzlich sah er sich im »Stadtpark-Restaurant« am Mittagstisch und wußte auch, daß der, mit dem er sprach, Alving hieß, und daß sie beide eine Narbe haben mußten, aber dummerweise bei ihm nichts davon zu sehen war. Die gleiche ärgerliche Befangenheit, ein Gefühl von Beschämung, kam wieder über ihn, wie er da in seinem Bette lag und anständigerweise eine Narbe vorweisen mußte, die ihm aber fehlte. Hierüber schlief er wieder ein und träumte ängstlich verworrene Träume, in denen es ihm oblag, zu wissen, wer Herr Spinell gewesen sei, oder wie die antiken Fassetten beschaffen waren oder wie ein Mann, der aus Essen war und Tanzstunden gab, mit Nachnamen anzureden sei, und schaukelte sich von einer verzwickten Situation in die andere, bis hinter einem Misthaufen die beißende Sonne aufging und alles so mit Licht überschüttete, daß gar nichts mehr zu sehen war. Schreckensbleich fuhr er hoch, als um halb zehn Elja ihm den Morgenkaffee brachte, lieblich und erfreulich anzuschaun, so daß er aus dem Wirrsal gern in diese übersehbare Zelle, die nun seit bald einem Vierteljahr seine Welt war, zurückkehrte.

So wuchs aus Traumgespinsten und Besinnungen allmählich die Erinnerung in ihm, bis er nach zehn Tagen sich auf diese ganze unglückselige Reise, deren Zweck er durch törichte Flucht sinnlos vereitelt hatte, mit allen ihren teils peinlichen, teils amüsanten Einzelheiten besann. Ach, Kilian Menke war wohler zumute gewesen, solange sein geschlagenes Hirn im Bann der Täuschungen gelebt hatte. Denn quälend und erniedrigend waren die Selbstvorwürfe, die er sich wegen seiner Unbesonnenheit machte. Man hatte ihm, aus Hintergründen, die ihm undurchsichtig waren, die Gelegenheit geben wollen, bei dem Attentat auf seine Firma Lengfeldt Söhne irgendwie mitzuwirken, er hatte in kluger Besinnung sich nach reiflichster Überlegung hierfür zur Verfügung gehalten mit dem durchtriebenen Vorsatz, im entscheidenden Augenblick das Netz zu durchreißen, das man nach der Firma ausgeworfen hatte. Dieser merkwürdigste aller Tage in Dortmund – das schien ihm klar – war von den Gewalthabern nur eingelegt, um ihn auf seine Findigkeit und Geistesgegenwart zu prüfen, und besonders schlau dünkte es ihm, daß man diese Prüfung in eine ihm wildfremde Umgebung gelegt hatte, wo besondere Anforderungen an seinen Witz und seine Geistesgegenwart gestellt wurden. Zum Schluß dann aber hatte man ihm eine Falle gelegt, um seine Treue und Zuverlässigkeit zu erproben, nachdem man, wie er sich schmeichelte, mit seiner Schlauheit zufriedengestellt war. Und er, er Tor! hatte diese letzte Prüfung prompt nicht bestanden; die Versuchung, im einzigen unbewachten Moment in die hinter dem Haine lockende Freiheit zu laufen, war zu groß gewesen. Dabei hätte er sich, wenn er nicht damals so abgespannt und frostig-müde gewesen wäre, natürlich sagen müssen, daß diese durchtriebenen Gesellen schon Vorkehrungen getroffen haben dürften, die seinen Fluchtplan vereiteln würden. So hatte er all das Kapital an Vertrauen und Bereitschaft zur Zusammenarbeit mutwillig zur Unzeit, ehe er mit seiner Rettungsaktion überhaupt begonnen hatte, in kindischem Unbedacht zerstört!

Was war zu tun? Alles kam darauf an, ob der große Coup gegen seine Firma nicht inzwischen ohne seine Mitwirkung, also unter entsprechender Änderung des Generalplanes, durchgeführt sei; denn in diesem Falle kam er ja überhaupt nicht mehr in Betracht und jede Möglichkeit war ihm genommen, im letzten Augenblick die Katastrophe zu verhindern. Ihm schien Eile geboten; denn allzulange konnte sich sein alter ego da in Lüneburg unmöglich mehr halten, es drohte also die Gefahr, daß man das Abenteuer beendete, auf seine Mitwirkung verzichtete und sich mit einem kleineren, für die Firma aber immer noch unerträglichen Profit begnügte. Es war also an ihm, seinen Herren seine reuige, gute Gesinnung möglichst sofort zu melden und unter Gelobung unbedingten Wohlverhaltens sich für die Fortsetzung der Eskapade zur Verfügung zu stellen. Am Donnerstag der zweiten Woche nach seiner Rückkehr sprach er daher beim Mittagessen so zu Elja:

»Kleines Mädchen, kannst du mir eine Liebe tun?«

»Gewiß doch, wenn's mir nicht verwehrt wird.«

»Siehst du mal einen von den Mächtigen, die uns hier in Banden halten?«

»Kaum je, ich komme ja fast nie ins Herrenhaus.«

»Wer war denn in den letzten vierzehn Tagen da?«

»Einmal, es mag acht Tage her sein, hab ich Herrn Brechert gesehn; auch der Farchau war einmal hier; der Kleine, ich weiß nicht wie er sich nennt, war des öfteren dort, vor zwei Tagen begegnete ich ihm noch.«

»Der Kleine, welcher Kleine?«

»Er gehört doch zu den anderen; er kam mit Ihnen zurück. Sie kennen ihn nicht?«

»Ach so, ich kann mir denken. Nein, ich kenne ihn kaum, ich hab ihn erst ein einziges Mal gesehn, in Hamburg damals. Doch wo ist denn Herr Wilster?«

»Der war nie wieder hier.«

»Das ist doch sonderbar. Wo ist er denn?«

»Weiß ich's? Er war mir noch der freundlichste von allen. Doch sie sind einer wie der andre schlecht.«

»Kannst du wohl einem von ihnen was für mich bestellen?«

»O nein! Das darf ich nicht. Wenn die wüßten, wie ich hier mit Ihnen rede, dann ging's mir schlecht. Ich hab noch nie ein Wort an sie gerichtet.«

»Dann bitt doch diesen grimmen Robert, den du Vater nennst – es tut mir jedesmal weh –, ich müßte ihm was sagen.«

»Das will ich tun. Und hoffentlich willfährt er.«

Es wurde Sonntag mittag, ehe Robert in die Zelle kam. Bärbeißig stellte er die Mahlzeit hin und wollte sich in von früher her gewohnter Weise wortlos wieder entfernen.

»Halt, einen Moment, ich wollte etwas sagen.«

»Was soll?«

»Ich möchte einen von den Herren sprechen, am liebsten Herrn Wilster.«

»Das wird nicht gehn.«

»Warum denn nicht?«

»Weil keiner da ist.«

»So schreiben Sie, daß einer kommen möge.«

»Die haben jetzt keine Zeit.«

»Das hat doch früher immer funktioniert.«

»Jetzt ist nicht mehr früher, das könnten Sie sich auch alleine denken.«

»Ich bitte Sie, auf alle Fälle zu schreiben; teilen Sie mit, daß ich etwas sehr Wichtiges zu besprechen hätte.«

»Wichtig für wen?«

»Für die Herren äußerst wichtig, schreiben Sie das.«

»Wenn Sie sich da nur keine Schwachheiten einbilden! Was sollte es da wohl groß für Wichtigkeiten geben?«

»Das werde ich den Herren schon auseinandersetzen. Werden Sie nun schreiben?«

»Das kann ich ja mal gelegentlich tun.«

»Es ist aber furchtbar eilig!«

»So? Meinen Sie?«

Und damit schritt Roberts breiter Buckel zur Tür hinaus. Kilian Menke fühlte sich durch diese Unterhaltung mit dem unleidlichen Raufbold aufgewühlt, und in den nächsten Tagen machte er Beobachtungen, die seine Unruhe steigerten. Daß vorläufig keiner kam, mit ihm zu sprechen, war nicht das schlimmste; denn darauf mußte er nach dem Gespräch mit Robert ja gefaßt sein. Aber es trat in Erscheinung, daß sich in der Art seiner Haltung unverkennbare Änderungen ergaben. Wenn er in den ersten beiden Wochen darauf nicht sonderlich geachtet hatte, so lag dies daran, daß sein geschwächter körperlicher Zustand Abweichungen von der früheren Versorgung ohne weiteres bedingte und daß seine Merkfähigkeit herabgemindert war. Hinzukam, daß er die tägliche Nähe der kleinen Elja als besondere Wohltat empfand und daher über anderes, Äußerliches gern hinwegsah. Nun aber kam ihm zum Bewußtsein, daß zum Beispiel der Radioapparat nicht mehr in der Zelle war, soviel er wußte, schon seit seiner Rückkehr nicht mehr. Auch das Schreibzeug mitsamt allen von ihm mit Aufzeichnungen versehenen Bögen hatte man entfernt. Am einleuchtendsten aber war die Veränderung bei den Mahlzeiten: das Frühstück war zwar nach wie vor mengenmäßig ausreichend, aber schlicht und ohne jede Opulenz, die anderen Gerichte waren wesentlich einfacher zubereitet, als er es gewohnt geworden war, und bestanden bis auf Sonntags durchweg aus volkstümlich zusammengekochten Eintöpfen ohne die geringste Finesse. Nun, er war von Hause aus nicht anspruchsvoll, ihm mochte es auch so genügen; aber bedrohlich schien ihm, je mehr er darüber nachdachte, die Tatsache an sich, daß man auf die Güte seiner Versorgung, also sein Wohlbefinden, kein Gewicht mehr legte. Das konnte, wie ihm schien, nur den einen Grund haben, daß man auf seine Mitwirkung nunmehr endgültig verzichtet hatte, so daß keine Veranlassung mehr bestand, durch kleine Gefälligkeiten ihn bei Laune zu erhalten.

Um so mehr empfand er es als Wohltat, daß seine persönliche Wartung, außer bei den täglichen Spaziergängen, die allerdings häufig ausfielen und nur noch sporadisch stattfanden, nahezu ausschließlich der kleinen Elja anvertraut war. In den Tagen seines Elends hatte er sich angewöhnt, das Mädchen zu duzen, und behielt diese Übung als Ausdruck seines besonderen Wohlgefallens nun bei, da Elja ersichtlich von dieser vertraulichen Redeweise angenehm berührt war und in ihrer verschlossenen Hörigkeit ihm gegenüber es als nichts als angemessen empfand, daß sie den »Herrn«, an dem sie so inniges Gefallen fand, auch in der Anrede auszeichnete. In diesen Wochen des Abwartens sah sich Kilian Menke häufig versucht, das Mädchen ganz und gar zu seiner Vertrauten zu machen. Aber außer der Sorge, seine Freundin in Konflikte zu bringen, durch die sie ins Unglück gestürzt werden könnte, und der Befürchtung, daß Elja von ihm völlig getrennt werden würde, wenn man von einem solchen Versuch erführe, hielt ihn der Umstand davon ab, daß Elja seine Wärterin nicht nur im Sinne der Betreuung, sondern auch im Sinne der Bewachung war; dies ergab sich rein körperlich daraus, daß stets der scheel blickende Hund Ajax ihr zur Seite war, wenn sie sich ihm näherte, ein mißtrauischer Zerberus, der ihm seine Gefangenschaft jeden Augenblick offenkundig machte.

Erst vier Wochen nach seiner Rückkehr – inzwischen war der Juli schon vorgeschritten – erhielt Kilian Menke Gelegenheit zu einer Rücksprache mit einem der »Herren«. Und zwar kam diesmal, eine Pistole griffbereit in der Hand, während draußen hinter der nur angelehnten Zellentür Robert Posten stand, der »Kleine« zu ihm, also jener Mensch, den er einmal in der Feuerbachstraße und dann wieder in seinem Rausche in den »Erossälen« gesehen hatte, und dessen Existenz ihm erst wieder durch Elja neuerdings in das Gedächtnis gerufen war. Sein Erinnerungsbild hatte ihn nicht getäuscht: der Mann war eine sportlich-sehnige Erscheinung mit übrigens durch irgendwelche Leidenschaften etwas verwüsteten Gesichtszügen, an denen dicke schwarze Ringe unter den ein wenig stechenden Augen sofort unangenehm auffielen. Kilian Menke witterte nichts Gutes, daß ausgerechnet dieses Mitglied der Bande, mit dem er überhaupt noch nicht in Berührung gekommen war, ausersehen war, die erbetene Unterhaltung mit ihm zu führen. Jener begann:

»Mein Name ist, Sie werden sich schwerlich mehr erinnern, Paul Stieler. Sie wollten eine Rücksprache haben, bitte.«

»Ich hatte die Absicht, meine Gespräche mit Herrn Brechert oder mit Herrn Wilster fortzusetzen. Ich weiß nicht, wieweit Sie im Bilde sind.«

»Nehmen Sie ruhig an, ich sei bestens im Bilde. Da ich das aber bin, möchte ich darauf hinweisen, daß jene Gespräche, die ja viele Wochen zurückliegen, abgeschlossen und erledigt sind. Wieso soll es da noch eine Fortsetzung geben?«

Der Geselle hatte einen so unangenehm stechenden Blick bei seiner Frage, daß es Kilian Menke schwer fiel, eine passende Antwort zu finden. Er stammelte:

»Man wollte doch mit mir reisen, ich sollte doch ...«

»Sie waren doch verreist, was wollen Sie? Ich selbst habe Sie von Ihrer Reise ja zurückgeschafft, nachdem Sie geglaubt hatten, uns auf dieser Reise davonlaufen zu können.«

»Allerdings, ich räume ein, dieser Versuch war eine Dummheit; wenn ich nicht so furchtbar abgespannt gewesen wäre ...«

»Die Dummheit ist gemacht und damit basta. Von dem Niederschlag haben Sie sich recht gut wieder erholt, wie ich feststelle. Damit ist dieses Kapitel beendet.«

»Aber die Reise sollte doch einen Zweck haben, und ich habe diesen Zweck zerstört.«

»Sie glauben doch hoffentlich nicht, daß ich die Absicht habe, mich mit Ihnen über den Zweck jener Reise zu unterhalten?«

»Aber darüber habe ich doch eingehend mit Ihrem Kameraden Wilster gesprochen, wir waren uns doch einig ...«

»Ach bitte, was hat Ihnen Herr Wilster als Zweck der Reise angegeben?«

»Nun, es waren natürlich mehr Andeutungen, aber sie waren unmißverständlich. Die Reise war doch noch nicht beendet, als ich zu fliehen versuchte. Sie sollte doch am nächsten Tage weitergehen.«

»Und wohin?«

»Nach Lüneburg, wohin wohl sonst?«

»Gestatten Sie, daß ich mich erst mal tüchtig auslache. In Ihre Heimat, nach Lüneburg? Hahaha! Und das haben Sie Wilster geglaubt? Also, großartig finde ich das! Dagegen ist Ihre Dummheit bei dem Fluchtversuch ja ein Geniestreich! Hahaha!« Der Mann, der sich Stieler nannte, lachte aus vollem Halse, unbeherrscht und so, daß ihm die Tränen in die Augen traten. Er hörte mit jäher Wendung erst auf, als ihn Kilian Menke, indes Robert mit Ajax in der offenen Tür erschien, anbrüllte:

»Hören Sie auf, Sie verdammter Flegel! Greifen Sie nur zu Ihrem Schießprügel, Sie Lump, hetzen Sie Ihren Köter auf mich, lassen Sie Ihren entmenschten Banditen mich niederknütteln, ich bin in Ihre Hand gegeben und ein wehrloses Nichts. Aber hören Sie dies, Sie Schwein: Verlachen lasse ich mich von einem so ehrlosen Wicht wie Ihnen nicht, eher zwinge ich Sie dazu, an mir zum Mörder zu werden, um Ihre verfluchten Verbrechen vollzumachen, ehe ich es noch eine Sekunde dulde, daß Sie Ihr dreckiges Maul aufreißen, um mich auszulachen. Scheren Sie sich hier heraus oder schlagen Sie mich nieder, wenn Ihnen nach meinem Blute dürstet! Mit einem solchen niederträchtigen Spitzbuben wie Ihnen spreche ich kein Wort mehr, es sei denn ein Schimpfwort, das Sie als Hundsfott kennzeichnet. Hinaus, Sie stinkendes Aas!!«

Der andere hatte während dieses Ausbruchs, der ihn völlig überraschte, seine Pistole entsichert und auf Kilian Menke in Anschlag gerichtet. Er erbleichte und begann in den Knien zu zittern, aber er war auf den Fleck gebannt und konnte sich mit einer kurzen Kehrtwendung erst entfernen, als Kilian Menke zu Ende gebrüllt hatte, und mit ausgestrecktem rechten Arm ihm den Weg zur Tür wies. Erschöpft, aber mit dem Gefühl befreiender Erleichterung ließ sich Kilian Menke in den Ohrensessel zurückfallen, als man die Zellentür verriegelt hatte. Er war keines verständigen Gedankens fähig, denn in ihm war nichts als Jubel, daß er diesem minderwertigen Subjekt bis zu Ende seine wilde Wut hatte ins Gesicht schreien können, ein Gefühl aufatmender und beseligender Befriedigung, das ihm auch mit dem Tode nicht zu teuer erkauft dünkte. Es kam, was er erwartet hatte. Nach einer Stunde erschien Robert. Er brummte:

»Sie sind meschugge, was nehmen Sie sich hier heraus. Sie kommen drei Tage in Dunkelarrest. Los dafür!«

Die Pein der Haft wurde Kilian Menke versüßt durch das Bewußtsein, daß er für seinen Sieg zu büßen habe, den er als Ohnmächtiger über einen dieser Banditen davongetragen hatte. Dennoch aber waren es ungeachtet aller Molesten, die er mittlerweile schon gewöhnt war, schlimme zweiundsiebenzig Stunden, die er da bei Wasser und Brot im dunklen Loch auf hartem Lager verbrachte. Aber häufig wurde ihm die Wohltat des Schlafes und fraß ihm die Zeit weg. So kamen ihm die beiden letzten Tage, nachdem der erste im Schneckenschleichen sich unendlich hingedehnt hatte, beinahe kurz vor, und ohne an Leib und Seele Schaden genommen zu haben, begrüßte er das Sonnenlicht in seiner Zelle, als die Qual beendet war.

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