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Kerlchens Mutterglück. Provinzmädel Band IX

Felicitas Rose: Kerlchens Mutterglück. Provinzmädel Band IX - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorFelicitas Rose
titleKerlchens Mutterglück. Provinzmädel Band IX
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
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Briefe der acht Kegel Rumohr an den neunten, z. Z. Obersekundaner am Königlichen Gymnasium in E.

I. von Rose.

»Mein liebster Erni!

Es ist gar nicht auszuhalten ohne Dich, ich habe ganz fürchterliche Sehnsucht nach Dir. Aber, lieber Erni, es ist natürlich nicht ganz wörtlich zu nehmen, nur das von der Sehnsucht ist wahr.

Denn weißt Du, Rotbach ist ja so einzig schön, und es gibt auf der ganzen Welt kein lieberes Fleckchen. Und wer hat wohl solch' ein Mutterchen wie wir und so einen Vater? Alle beneiden uns um die Muusch, Du weißt das ja von Hans-Hugo.

Ich war neulich in einer Kindergesellschaft bei Nata, sie hatte ihre Freundinnen aus Erfurt eingeladen, aber sie reichen alle an mich nicht 'ran, das heißt, ich meine, ich bin ihre beste. Muusch hatte mich begleitet und spielte mit uns und wußte alles und war unvergleichlich nett, viel besser zu gebrauchen, als Fräulein Kornelia, die immer vor lauter Heiligtum nicht »pip« sagen wollte. Der waren unsere Bewegungen alle nicht poesievoll genug, und wir waren doch lauter Kinder von 14 bis 16 Jahren.

Na, aber Muusch brachte Leben in die Bude, d. h, es war keine Bude, sondern wir spielten im Park.

Sogar verkleidet haben wir uns, und Genovefa aufgeführt, und Schmerzensreich war die alte Puppe von Nata. Muusch sagte, das hätte sie früher in Berlin mal gemacht und wurde ordentlich froh und fidel in der Erinnerung.

Onkel Krone fing an zu weinen, der fand das Ganze zu rührend, und hat auch mit dem Bruder Natas, dem Referendar, der den Golo machen mußte, den ganzen Tag kein Wort gesprochen.

Er ist ja zu komisch, aber wir freuten uns alle so, daß er mitkam.

Auch die andern Mädchen fanden ihn »hervorragend«, besonders aber schwärmten sie für Muusch, trotzdem sie uns von vielen Dummheiten, die wir machen wollten, abriet.

Aber gerade, daß sie jede Dummheit schon früher selber gemacht hat, und weiß, wie so was ausgeht, das fanden alle so entzückend.

Erni, ich war selbst stolz, Du würdest gesagt haben »geschwollen«.

Und einen rasenden Respekt hatten alle vor der Muusch, viel mehr, als vor Dame Kornelia, trotzdem die bolzengrade saß und reineweg nichts erlaubte.

Ich sprach zufällig mit Onkel Reymerstal, woher das wohl käme, und der sagte, Muusch hätte »Roentgenaugen«. Du willst nun noch etwas von Franz Körbs hören, lieber Erni?

Er ist ganz anders wie andere Jungens, das kann ich Dir nur sagen. Ich werde nicht recht aus ihm klug, aber er ist eigentlich immer sehr aufmerksam zu mir. Auf »Roses Traumplätzchen« hat er mir ein Zelt gemacht, – reizend, sag' ich Dir.

Die Brüder vertragen sich weniger mit ihm, aber die sind viel schuld, und er selbst ist ganz verändert, wenn er mit ihnen zusammen ist.

Fremde Jungens sind überhaupt eine sehr komische Einrichtung, nur Ihr seid doch alle famos, Ihr Kegel! Nata findet leider Euch auch langweilig, aber ich hoffe, das wird sich alles noch geben, Du mußt mir nur sagen, ob Du immer fest entschlossen bist, sie zu heiraten.

Jedenfalls kannst Du Dich noch umbesinnen, denn sie scheint gar nicht sehr stark darauf zu rechnen, Deine Frau zu werden.

Wenn ich nicht Deine Schwester wäre, liebster Erni, würde ich natürlich Deine Frau.

Es freut mich sehr, wenn Hans-Hugo Eulried zu uns kommen will, wie traurig, daß er ganz verwaist ist, nun sieht man recht, daß vieles Geld doch kein Glück bringt.

Neulich sagte es auch mein Pfarrer. Ach Erni, sind die Konfirmationsstunden schön! Es ist, als wäre es auf einmal eine ganz neue Welt geworden. Aber nun lachst Du, – ich sehe und höre Dich ordentlich.

Deshalb schließt jetzt den großen Schreibebrief

Dein alter, treuer Verstandskasten

Rose von Rumohr.«

*

II. Von Flitz junior.

»Lieber Ernst! Sie wollte mich den Brief nicht lesen lassen, und das ist nur, weil sie so gewissenhaft ist und es heute nicht war, nämlich, das mit Franz Körbs ist eine ganz verflucht komische Geschichte.

Der tut alles, was die Rose sagt.

Wenn sie z. B. sagt, das Taschentuch wär schwarz, dann sagt er »ja«, – aber nein, dies Gleichnis paßt nicht recht, denn unsere Taschentücher sind ja auch immer schwarz, aber wenn die Rose sagt, – grün ist lila, und gelb ist karmoisinvergnügt, dann sagt er: »Freilich, Fräulein Baronesse.«

So nennt er sie nämlich immer, während er zu uns »Herr Fritz«, »Herr Elimar« usw. sagt, und nur der Vater ist für ihn »Herr Baron«.

In Muusch sagt er natürlich »Frau Baronin«, aber wenn er von ihr spricht, sagt er bloß »Sie«! aber weißt Du: »Sie« groß geschrieben, sehr groß, und so mit Gefühl und 'n Wupptich ausgesprochen, wie manchmal Jungens von 'ner »Flamme« sprechen.

Muusch kann Franz auch alles befehlen, und er tuts, – gegen Vater ist er schon mal widerborstig gewesen, aber natürlich ohne Nutzen.

Rose hat ihn schon oft gebeten, einfach »Fräulein Rose«, oder auch bloß »Rose« zu sagen, und ebenso uns mit dem blanken Vornamen zu nennen, aber – nee. Rose hat 'n bißchen was Demokratisches an sich, – woher, weiß ich nicht. Ich finde, Standesunterschied muß sein. In Gedichten und Balladen natürlich, da lasse ich den König die Gänsemagd heiraten, und sehr hohe und vornehme Leute nehmen sich Mädchen aus dem Volke, aber das ist nur von wegen der Poesie.

Bei Poesie fällt mir ein, ich habe, seit Du fort bist, fünf Balladen gemacht, wirklich packend, und verschiedenes Lyrisches und ein Drama geschrieben. Es ist ein modernes, es kommt aus ganz heiterem Himmel ein Blitz vor, und den bestreitet mir Vater.

Die Muusch versteht ihn schon eher, – es hat mich aber doch recht gekränkt.

Pfarrer Truling hat mir unter meinem letzten Aufsatz eine miserable Nummer gegeben, während ich unter dem vorigen 'ne schlanke »1« hatte.

Er behauptet, ich könne, wenn ich nur wolle, und da mag er ja recht haben, aber es ist doch natürlich, daß der Mensch, wenn er 'n Drama im Kopf hat, nicht an 'n ganz kommunen deutschen Aufsatz denkt.

Das Thema hieß: »Folgen der Überschwemmung im Geratal«, und das is für'n Dichter zu trocken.

Lieber Ernst, das Leben ist für unsereinen schwer, manchmal wünschte ich, ich wäre tot.

Hurra, eben läutet's zum Mittagessen, es gibt rohe Kartoffelklöße und Hammelbraten. Famos!

Dein treuer Bruder Fritz.«

*

III. Von Elimar.

»Mein lieber Erni! Ich hoffe, Du weißt es von alleine, daß alle die Kleckse auf diesem Bogen von Fritz herrühren. Er schreibt immer so fludderig, und wenn ich ihn darauf aufmerksam mache, dann höhnt er laut: »Philister über mir«. Es ist schade, daß die Ferien vorbei sind, und du bist fort, Fritz hat keinen Respekt vor mir, weil ich dreizehn und er vierzehn ist.

Lebewohl! In Treue Dein Li.«

*

IV. Von Paul.

»Lieber Erni! Briefschreiben ist dumm. Ich muß studieren. Bleibe gesund und denke an Deinen Bruder Paul, Dr. in spe.«

*

V. Von Harald.

»Es ist sehr heiß, lieber Bruder, deshalb schreibt Paul so übergeschnappt. Ich schreibe Dir auch ungern, aber die Muusch sagt, wir Brüder müßten Fühlung behalten. Ich habe heute Carlo und Adolf verhaun, sie hatten nichts getan, es war bloß wegen der Fühlung.

Dein Dich liebender Bruder Harald.«

*

VI. Von Carlo.

»Die (Fe), die (Ferichen), die Ferigen sind forbei. und es grüßt Dich in Libe Dein Bruder Carlo.«

*

VII. Von Adolf.

»Auch ich grühse Dich seer. Adolf.«

*

VIII. Von Willy.

»Auch.

Pate.«

Brief von Kerlchen an ihren Ältesten.

»Mein Junge!

Nu hast da eine richtige Blütenlese bekommen, tut sie Dir nicht gut?

Du fehlst mir sehr, das kannst Du glauben, fehlst uns allen, wenn es auch Vater nicht ausspricht, und die Brüder es für unmännlich halten, eine derartige weiche Regung zu zeigen. Wie prächtig konnte ich immer alles mit meinem Ältesten besprechen!

Was du aus der Schule schreibst, interessiert uns sehr.

Dein lateinisches Aufsatzthema » per aspera ad astra,« finde ich hervorragend, ich möcht' es gleich mitmachen.

Und in Griechisch hast Du verhaun?

Schade!

Mathematik faul? – Ich kann nicht so böse drüber sein, denn ich habe sie selbst nie kapiert, aber es ist schade, daß Du's nicht vom Vater mitbekommen hast, der ja »doll« in Mathematik gewesen sein muß. Mich hat früher immer der Gedanke getröstet, daß unsere größten Männer auch keine Mathematiker waren, doch steht es leider nicht fest, daß jeder, der darin schlecht ist, ein großer Mann wird.

Die Oberhemden trage bitte ein bißchen genau nach der Reihe, damit sie gleichmäßig aufgebraucht werden, ebenso die Taschentücher. Die ganz guten, feinleinenen, gezeichnet mit E. v. R. und der Krone, lege zu besseren Gelegenheiten zurück, und bitte, stich doch nicht Mittags mit der Gabel durch. Sage lieber der Pensionsmutter, die ja eine einsichtige Frau ist, sie möchte das Hausmädchen kontrollieren, damit es die Gabeln besser säubert.

Hilft das nichts, dann stich wenigstens – – – nein, nein, es ist schon gut, tu, was ich Dir eben gesagt. Daß Du jetzt jeden Tag Dein Flußbad hast, ist mir eine rechte Beruhigung, und im Winter werde ich mit Deiner Pflegemutter wegen des täglichen Wannenbades reden. Ich kenne ja meine kleine Amphibie. Mir geht's gerad so, und ich bin auch froh, daß keiner von den Kegeln wasserscheu ist, aber der liebe Gott hat verschiedene Kostgänger, und ich denke immer noch mit Lachen an die Köchin zurück, die mir direkt kündigte, als ich ihr ein Bad anbot.

›Was denken Frau Baronin von mir? Ich bin nich so'n ›........‹, daß ich's Baden nötig hätte.‹

Ja, siehst Du, solche gibt's auch.

Lieber Junge, den Franz Körbs, unsern neuen Hausgenossen, haben Dir die Kegel nicht ordentlich geschildert, das bleibt Deiner Muusch vorbehalten.

Rose sieht zu hell, und die Jungens, besonders Fritz, zu dunkel.

Franz Körbs ist ein ganz außergewöhnliches Menschenkind, an dem sechzehn Jahre lang so viel gesündigt worden ist, daß es eine unendlich schwere Aufgabe schien, ihn unter die übrigen Menschenkinder wieder einzureihen.

Stelle Dir jemand vor, den nie ein Mensch lieb gehabt hat, als die längst verstorbene Mutter, die ein wahrhaftiger Lichtblick in diesem dunklen Kindesleben gewesen sein muß.

Herumgestoßen, verachtet, mit Mißtrauen beobachtet, so ist dieser Junge aufgewachsen, und die Dörfer rings in der Runde waren denn auch seiner Schandtaten voll.

Und nun kommt das Wunderbare.

Mir und Rosel gehorcht er – – »aufs Wort« ist noch zu wenig gesagt, – auf den Blick.

Er arbeitet wie ein Pferd, sagt Vater, aber sobald ihm von seinen sonstigen Vorgesetzten irgend etwas befohlen wird, sträubt er sich erst mal 'ne Weile gegen den Zwang, ja, er hat wahre Tobsuchtsanfälle gehabt.

Neulich beobachteten sie wieder so einen an ihm, er hat mit den Zähnen geknirscht, und der Schaum soll ihm vorm Munde gestanden haben. Da ist Rosel dazu gekommen und – wie Vater erzählt – hat sie ihn nur mit erschrockenen, traurigen Augen angesehn.

Da hat er einen richtigen Kampf mit sich selbst geführt, ist aber Sieger geblieben und hat plötzlich ruhig getan, was man ihm aufgetragen. Nur schrecklich mager wird er bei diesen Versuchen, ein braver Kerl zu werden, und soll oft halbe Tage lang nichts zu sich nehmen, bloß um nicht mit dem andern Gesinde, die ihn viel stacheln und hänseln, zusammen zu sitzen. Da sehe ich's denn gern, wenn er mit den Kegeln öfters spielt, denn Rosel weicht nicht von den Brüdern, und so erzieht sie ihn mit, ohne Mühe mit Blick und Wort, und bei uns kann er auch tüchtig essen, – sogar lachen habe ich ihn schon einmal hören, – denk' – ein kaum sechzehnjähriger Jung – und lachte nie. Viele finden ihn unheimlich und wundern sich über mich, – ich hab nur grenzenloses Erbarmen mit ihm und Rose auch, wenn wir es ihm auch nie zeigen.

Verzeih', lieber Junge, wenn ich von diesem sonderbaren, hergelaufenen Fremdling, auf Deinen lieben, prächtigen Hans-Hugo Eulried komme.

Der Junge (er wird mir verzeihen, wenn ich den zwanzigjährigen Einjährig-Mutwilligen »Junge« nenne), gefällt mir ausnehmend. Wie faßt er alles so am rechten Ende an!

Glattes Abiturium, jetzt Freiwilliger bei den Dragonern, Du selbst sagst, er ritte wie der »Deubel«, obgleich ich diesen Herrn nie habe reiten sehen, und Vater, wie Du weißt, keine gewalttätigen Ausdrücke liebt.

Aber das Reiten kann Hans-Hugo brauchen, wenn er Landmann werden will.

Auch daß er sich nicht just auf Eulried hinsetzt und es mit seinem vielen Gelde zu einem Prachtbau umgestaltet, sondern das verfallene Nest in einfacher und doch künstlerischer Weise aufführen läßt, so daß sich seine sämtlichen Ahnen noch im Jenseits freuen werden, – seiner, daß er nicht großprotzig auf ererbtem Gut bleibt und andere für sich wirtschaften läßt, sondern wie jeder andere arme Volontär auf fremdem Boden tätig sein und von der Pike auf dienen will, das macht ihn uns so wert.

Wie denk' ich dabei an »Einst«, als Dein Vater und ich uns unser Nest bauten, – so langsam, unter tausend Schwierigkeiten – – –

Wie rasch Gedanken wandern.

Von den Schwierigkeiten komm' ich auf Onkel Krone; – eigentlich ist's doch kein großer Sprung, denn er war es damals, der die »Schwierigkeiten« hob.

Er ist noch immer unser lieber Gast, denn er soll Großmama als Schützer dienen, wenn sie wieder zur Fürstin-Mutter zurückkehrt.

Gestern machten wir einen köstlichen Spaziergang durch Rotbach und Steinbrücken über den Olgafelsen und die Paulinenhöhe in den tiefen Wald, wo die einsame Klosterruine des wackeren Mönches Carolus stand, die »Brumsumsula«.

Über dem einen Torbogen steht jetzt noch das »Carpe diem« in Stein gehauen zu lesen, und Li, Carlo und Adolf erkundigten sich lebhaft nach der Bedeutung.

Fritz hatte sich irgendwo verkrümelt, er sucht ja immer nach Knochen und grausigen Funden, und ich mochte dem braven Meister nicht in sein Latein hineinpfuschen, wollte aber nun doch, ich hätt' es getan.

Aber er war gar nicht faul.

»Carpe Diem? Carpe Diem?« Hm, Kinners. Der olle Mönch hatte 'ne Restauration, › täglich Karpfen‹ heißt's, natürlich. Das waren immer geriebene Feinschmecker, die Mönche.« – – – –

Und nun sitze ich täglich in Sorge, die Jungens könnten an unpassender Stelle ihre Übersetzung hervorholen und sich auf unsern lieben Meister berufen.

Wie wenige sehen ihn für voll an. Nein, ein Lateiner ist er nicht, aber ein Prachtmensch. Und vom Prachtmenschen komme ich ohne Mühe zu Deinem Vater hin, der Dir auch noch schreiben will. Deshalb mache ich jetzt Schluß, befehle Dich, wie immer, dem lieben Gott und bin allzeit Deine treue Muusch.«

*

Nachschrift von Fritz von Rumohr senior.

»Ja, eine treue Muusch ist sie! Das Wort, welches sie so gern braucht, »Prachtkerl«, paßt am besten auf sie. Halte sie hoch, Ernst, immer und allzeit, auch wenn ich mal nicht mehr bin. Nun, das hat, will's Gott, noch gute Wege.

Die Mutter hat rührend für Dich gesorgt, Junge, das siehst Du an beifolgender Kiste.

Halte die Sachen gut, ich weiß, sie freut sich darüber.

Nur die »Fressalien« kannst Du nach Herzenslust klein kriegen und Deine Mitpensionäre freihalten.

Für Eure Ausflüge, Bücher usw. folgen durch Postanweisung möhrörere Märkelchen. Du schriebst von einigen, demnächstigen Geburtstagen in Eurer Pension. Beschenke nur ruhig die Jungens, ich weiß, Du verläpperst nichts unnütz, aber kleine Geschenke erhalten die Freundschaft.

Leb wohl! Halt dich brav!

Dein treuer Vater Rumohr.«

*

Brief vom Rat Krone an den Obersekundaner Ernst von Rumohr.

»Mein lieber ältester Sohn!

Dein gegenwärtiger und umstehender Vater hat mir erlaubt, Dir auch ein paar gütige Worte hinten dran zu hängen. Ich bin also noch hier, wie Du nunmehr aus meinem werten Schreiben ersiehst, liege aber keineswegs auf der faulen Haut, daß mir etwa das Maul verbunden werden müßte, wie die Bibel so erhebend sagt, sondern ich dresche auch.

Sehe sozusagen nach dem Rechten, und das Rechte ist immer das Kerlchen.

Und muß mich fortwährend besinnen, daß dies reine Mädchen Mutter von Euch neun ausgesuchten und gewachsenen Kegeln ist.

Deshalb bleibt sie aber doch immer das Kerlchen, wie sich schon Dein hochseliger Großvater unterstand sie zu nennen, und soll Euch dieser und jener holen, wenn Ihr nicht bis an Euer Lebensende dankbar seid.

Verdient habt Ihr sie alle nicht, das weiß der Kuckuck, und grüße ich Dich voll Freundschaft und Respekt

vor Deinem ältesten Gönner
Krone
Fürstlicher Kommissionsrat.«

*

Aus Kerlchens Tagebuch.

's ist doch auch eine liebe, schöne Stunde am Tage, wenn ich mich zu dir retten kann, du liebes Buch!

Retten? Ganz richtig ist der Ausdruck nicht, aber ein klein wenig Berechtigung hat er doch.

Meine Rasselbande läßt die Muusch schier den ganzen Tag nicht los, – ach, und gerade das ist wieder so köstlich.

Wenigstens kenne ich meine Kinder, kenne sie durch und durch, kenne sie von den allerersten Regungen der kleinen Seele an bis auf die schon recht bestimmten Wünsche und Meinungen, die heute in ihnen leben und wachsen.

»Wer ist deine beste Freundin?« hat neulich eine Dame unser Rosel gefragt, und sie soll geantwortet haben: »Meine Muusch.«

Dieses liebe »Bonmot« macht jetzt die Runde in unsern Bekanntenkreisen.

Ich finde nicht so Außergewöhnliches daran, – es ist doch so natürlich bei unserm Miteinanderleben.

Aber ich bin recht sehr stolz, daß unser Erni dieselbe Frage, zur selben Zeit, nur an anderem Ort in gleichem Sinne beantwortet hat.

Ja, ich bin auch sein bester Freund, bin's auch von meinem Herzensmann, und Gott wird geben, daß ich es immer und allzeit auch von den sieben jüngeren Kegeln sein werde. Sie sind alle so verschieden geraten, trotzdem sie denselben guten Kern haben.

Wie oft denke ich über sie nach!

Ob meine Eltern wohl so stark über uns nachgedacht haben?

Närrische Frage! Sie taten es gewiß. Und dann waren wir ja auch nur zwei.

Und Muttchen hatte so eine ruhige Würde, – immer, so lange ich denken kann, war sie so gleichmäßig; ihr wurde es gewiß nie schwer, uns zu erziehen.

Aber ich muß oft mitten in einer Standrede plötzlich innehalten, in mein Zimmer laufen und da nochmal richtig den Fall im stillen überlegen. Oder wenn ich an Erni z. B. schreibe und ärgerlich bin, daß er durch seine besten Taschentücher sticht, um die Gabel der Pension zu reinigen, dann kann es mir passieren, daß ich ihm den guten Rat geben will: »Wenn durchaus gestochen werden muß, so stich wenigstens in die Servietten der Pensionsmutter!«

So was könnte bei meinem Fritz nie vorkommen, er ist viel besser, als ich.

Heute ist Erntedankfest.

Unsere Kinder sind alle ins Dorf gegangen zum »Kinderfest«. Ich war auch schon einmal drunten, mit dem ganzen »Zug«.

Der älteste Knecht und die älteste Magd überreichten uns hier vor dem Herrenhause den Erntekranz, dann mußten Fritz und ich mitmarschieren, voran die »Musikanten«.

Viele Rittergutsbesitzer haben diese Sitte schon abgeschafft, aber ich sehe keinen rechten Grund ein.

Die Leute freuen sich, wenn wir dabei sind, und es ist ein Band mehr, das Arbeitgeber und Arbeitnehmer umschlingt, dieses gemeinsame Danken für eine gute Ernte.

Heute abend muß ich noch mit dem Großknecht ein Ehrentänzchen machen.

Ich tu's gern, – wenn sein harmloses Spitzchen, das er sich heute morgen bereits »angedankt« hatte, nicht zu einem soliden Haarbeutel ausmachst.

Sie tanzen alle ausnahmslos brillant, die Thüringer Landleute, und der alte Knecht hat's ganz besonders mit mir vor, denn er kündigte mir an:

»Dusemang marschee wie'n Floh, Frau Baronin.«

Mein Fritz hat bereits dieselbe ruhige Würde, wie Großmama, und wie es sich für einen »leicht angegrauten« Gutsherrn schickt. Er tanzt vorzüglich, macht sich aber gar nichts aus Erntebällen, tanzt seine Pflichttänze ab und setzt sich dann zum gemütlichen Gespräch mit dem Pfarrer und Lehrer, den Gutsnachbarn und Inspektoren zusammen.

Das liebt er, »dabei kann man was lernen«, sagt er.

Ach und ich – rasend gern tanze ich.

Mein strahlendes Gesicht muß ich mühsam in ernste Falten zwingen, wenn ich mich bei miserabelster Musik im Takte wiege, – um dann doch gewärtig zu sein, daß Herr von Reymerstal zu mir sagt: »Warum denn das Leuchten verstecken? Die Leute freuen sich, daß ihre geliebte Herrin sich freut, und wir sparen außerdem ein paar Kerzen.«

Er muß immer Ulk machen, der alte, gute Freund.

Hans-Hugo Eulried ist auch mit bei dem Fest. Das Manöver ist ganz in unserer Nähe, wir haben als Einquartierung den Herrn Major Heinsius, einen elastischen, jugendfrischen Fünfziger, einen himmellangen, cholerischen Oberleutnant von Kilian, der, wenn nicht schon früher, so doch mindestens an der Majorsecke scheitern wird, einen phlegmatischen Rittmeister Dickuß und einen ganz und gar düsteren Leutnant, der die Welt für einen Sündenpfuhl ansieht. – Kurzum, die vier Temperamente. Wie sich der dreiundzwanzigjährige Greis, Leutnant von Kerßen, dauernd in Uniform begeben konnte, ist mir unfaßlich, er selbst murmelte etwas von »verhängnisvoller Tradition«. Für alle diese, beinahe hätte ich gesagt: »Mäuler« soll nun täglich was Gutes da sein, – ist's auch, das ist mein Stolz. Ich bin Soldatenkind vom Scheitel bis zur Zehe.

Wohl fühlen sollen sie sich bei uns, die lieben Kerle im bunten Rock, damit ich mir sagen kann, daß, wenn's mal im Ernstfall losgeht, – ich auch etwas an den Vaterlandsverteidigern mit herumgepflegt habe.

Aber heut hab' ich rein gar nichts zu tun, als meine Gäste und mich zu amüsieren, und sogar Zeit, hier zu sitzen und mit mir selbst zu plaudern, – Fritz hat seit geraumer Zeit die »Spendierhosen« an und hat mir einen »Koch« ans Erfurt verschrieben, der sitzt jetzt wie ein König in der Küche und richtet furchtbare Verheerungen in Keller und Speisekammer, mich mehr aber in den Herzen meiner Mädchen an.

Herzlich lachen mußte ich über das Gesicht von Fräulein Kornelia, als unser alter, dicker Kutscher sie ohne Gnade und Barmherzigkeit fortschleppte.

»Kommen Se her, Freilein,« sagte er gutmütig, »Sie sehen ja aus wie Sauerampfer, – immer allerte mit die Potentaten, daß keine Spinneweben reinkommen.«

Aber ich habe keine Sorge, sie wird schon auftauen in der allgemeinen Fröhlichkeit.

Denn Dame Kornelia ist nicht mehr die alte, und ich verdanke ihre segensreiche Umwandlung (segensreich für mich und die Kegel) einem besonderen Umstände. Wirklich, – ich hatte schon an ein friedlich-unfriedliches Auseinandergehn gedacht, da sie mir gar zu lyrisch – himmelhochjauchzend – zum Tode betrübt wurde.

Da meldete sich bei Pfarrer Trulings unser Dichterfreund Friedrich Kerntreu an – – wir hörten es, und mein Fritz lud ihn ein, auch unser Gast zu sein.

Von diesem Augenblicke an wurde der Zustand von Kornelia beinahe beängstigend.

Es muß ja auch komisch sein, wenn die eigene Seele immer bei jemand anderem herumwimmelt und nun plötzlich mit diesem anderen wieder in die Nähe kommt.

Kornelia wurde so sezessionistisch dünn (obgleich Kerntreu nicht der modernen Richtung angehört), daß ich sofort eine Mastkur mit ihr begann, die aber nichts fruchtete.

Abhandengekommene Seelen scheinen sich nicht durch Klöße ersetzen zu lassen.

Und dann kam Er (um mit Kornelia zu sprechen), Trulings brachten ihn uns zum Mittagessen.

Schon die Speisenfolge hierzu hatte Dame Korneliens Mißfallen erregt, »Rippenbraten und rohe Kartoffelklöße« schienen ihr gänzlich unwürdig eines lyrischen Dichters.

Sie ging in die Küche, um die Mamsell zu einer zarteren Auswahl zu bewegen, stieß aber auf energischen Widerstand, die Köchin verstand sich nicht einmal dazu, die Nachspeise nach Korneliens Wahl zu treffen, diese hatte »Mädchenerröten« verlangt, eine unendlich labbrige Himbeergeschichte, die mein Fritz noch dazu höchst unpoetisch: »Blutandrang nach dem Kopf« nennt.

»Es gibt ›Bäberlottchen‹ und damit Bunktum Streusand druff,« erklärte die Köchin energisch, »von Mädchenerröten wird kein Pferd satt.«

Für diese letzte, unbestreitbare Tatsache hatte Kornelia nur ein verächtliches Lächeln, aber sie beschloß, die Kartoffelklöße und das Bäberlottchen wenigstens »lyrisch« abzuschwächen.

So hing denn, aufgespießt auf der Fahne des bronzenen Ritters, der für gewöhnlich die Aufschrift trug: »Genötigt wird nicht«, eine Art Fahne von feinstem Papier, darauf stand:

»Ich wollt', es wär für den Dichter da
Nur Nektar und Ambrosia.«

Und der Dichter kam, – ach, so ein frischer, fröhlicher, herzensheiterer Mensch, – im grauen Reiseanzug, den Rucksack auf dem Rücken, einen nicht einwandfreien, mehrfach vom Regen überraschten Strohhut auf dem Kopf.

Dunkelblond, spitzgeschnittener Vollbart, eine feine Nase, zwei scharfe, kluge Augen unter scharf gezeichneten Brauen: – das ist sein Steckbrief.

Es war uns in der ersten Viertelstunde, als hatten wir uns immer gekannt, und die Kegel liebten ihn einfach vom ersten Blick.

Während aber die Älteren doch verhältnismäßig noch zurückhaltend mit »Herrn Kerntreu« waren, »beonkelten« ihn die Jüngeren frischweg, und Pate sagte gleich:

»Du, Dichter, hör mal, es gibt heut Klöße,« und die Antwort des Dichters lautete:

»Famos, du Stöpsel, ich hab' auch 'n Mordshunger, sechs Stunden Marsch, das will was heißen, lieber Truling, meine Stiebeln müssen gleich zum Schuster.«

Ob Kornelia nun vielleicht gedacht hat, ihr Abgott sei auf dem Pegasus durch die Luft geflogen – ich weiß es nicht, kurz, sie verfärbte sich sichtlich, fiel aber nicht um. Vielleicht sah nur ich es, wie grenzenlos sie enttäuscht war.

Und dann kam eine Überraschung nach der anderen.

Unser Nichter »nippte« nicht, weder am Essen noch am Trinken, er » futterte«, Kornelia aber sah ihn immer scheuer an.

Dann las er den Vers von Nektar und Ambrosia und meinte lachend: »Wer dies geschrieben, hat mich schlecht gekannt.«

Arme Kornelia!

Sie hatte geglaubt, bis in seine tiefsten Tiefen gedrungen zu sein, und nun das!

Zum Überfluß zeigte auch noch Pates dicker Zeigefinger öffentlich auf sie mit der profanen Bemerkung:

»Die war'sch.«

Dann kam »Bäberlottchen«, und wenn Kornelia noch immer gehofft hatte, der Dichter möchte sich entrüstet von dem unpoetischen Namen wegwenden, so brach er ihr beinahe das Herz, als er rief:

»Kinder, das ist ja ›Getätschtes‹, o – wie lange hab' ich kein Getätschtes mehr gegessen!«

Und da der gute Wein meines Fritz uns alle riesig fidel gemacht hatte, mußte er uns den sonderbaren Namen erklären.

Er tat's mit unendlich viel Humor, erzählte, wie sie als Kinder (er hatte zwölf Geschwister und war Pfarrersohn) mit dieser »nervösen« Speise erst immer allerhand Bubulum gemacht, mit dem Finger Löcher hineingebohrt, kurzum sie getätscht und dann erst mit großem Appetit gegessen hätten.

»Nu, – Dichter, waren da deine Eltern bei?« fragte Pate ernst.

Kerntreu errötete jetzt ein wenig unter dem klaren Kinderblick, was ihm gut stand, dann sagte er: »Nein, mein Jungchen – es war auch unrecht von uns!«

Und zu mir wendete er sich liebenswürdig:

»Verzeihen Sie, meine gnädigste Frau, daß ich so unpädagogisch in Ihre Mustererziehung hineinplatze.«

Ich zeigte stumm auf meine personifizierte Mustererziehung, – Paul, Harald, Carlo und Adolf zogen eben ihre Finger aus ihrer Portion Bäberlottchen und leckten sie voll Genugtuung ab.

Da löste sich alles in fröhliches Lachen.

Und dann folgte ein köstliches Stündchen, in dem wir Einblick in ein herrliches Gemüt taten. Wir saßen beim duftenden Mokka unter der Linde, und Friedrich Kerntreu und mein Fritz sangen mit klangvollen Tenören das Lied von der »Frau Wirtin unter der blühenden Linde«.

Wie ungekünstelt gab sich der »Dichter«. Wie erzählte er packend, mit klangvollem Organ uns einsamen Landbewohnern von den literarischen Fehden in der Großstadt, – von seinen eigenen Kämpfen, von seinem Wollen und Ringen, und wie bescheiden sprach er von seinen Erfolgen.

Wir konnten nichts anderes tun als lauschen, nur ich fragte ab und zu »urdumm« dazwischen, und er belehrte mich mit frohen, guten Worten. Aber je höher wir ihn einschätzten, und je herzlicher wir ihm gut wurden, weil er das »Menschsein« hoch über das »Literatsein« stellte, desto tiefer sank er bei Dame Kornelia.

Sie war einfach »starr«.

Starr über seine Ausdrücke, starr über sein gänzlich natürliches Benehmen und Wesen, über sein herzlich lautes Lachen, das so echt aus der Tiefe kam, – sie mußte sich ein Zerrbild von einem deutschen Dichter gemacht haben, – lange Schmachtlocken, vergißmeinnichtinmilchgekochte Augen und Schnabelschuhe, dazu eine Piepsstimme, anders kann ich's mir nicht denken, kurz, ihr Ideal bekam einen Knacks nach dem andern. Als er dann noch teils ernst, teils humoristisch auf unsere Fragen erzählte, wie groß und umfassend seine Korrespondenz sei, wie viel auch er schon mit anonymen Briefen und Paketen (letztere besonders widerwärtig) geplagt werde und daß er alle diese lästigen Sachen schon lange unbesehen in den »Müllkasten« wandern lasse, – da wandte sich – nicht der Gast, aber unsere Hausgenossin mit Grausen.

Auch abends, als wir noch im Park wie die frohen Kinder mit den Kindern umhertollten, blieb sie abseits sitzen, eine trauernde Königin auf den Trümmern ihrer Luftschlösser.

Der brave Willy wollte sie aufheitern und setzte sich neben sie.

»Du mußt nicht so traurig sein, Fräulein Kornelia. Sieh, da ist ein Hosenknopf von Onkel Kerntreu, er ist ihm abgeplatzt, wie er vorhin Kopf stand.«

Da ging Fräulein Kornelia ins Bett.

*

Nun ist sie eine andere geworden, – sie hat Friedrich Kerntreus Gedichte und Dramen in das Regal der Kinderstube gestellt, wo sie von Rose und Fritz »verschlungen« werden, was ich gern erlaube, weil eine reine, wunderbar klangvolle, edle Sprache darin herrscht, – Kornelia selbst ist mit ihm fertig. Und jedesmal, wenn sie bei ernster Gelegenheit jene Zeit erwähnen muß, sagt sie tragisch: »Es war, als ich damals die Enttäuschung erlebte.«

*

Himmel, ich vergesse ja wohl alles über meinem Tagebuch, Kerlchen, Kerlchen, du bist doch ganz das alte. Da draußen wartet das Erntedankfest, warten mein Fritz, meine Kinder, meine Einquartierung und – mein Großknecht.

Schluß – bim, bim, bim, sag' ich mit dem Fernsprecher.

*

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