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Kerlchens Lern- und Wanderjahre

Felicitas Rose: Kerlchens Lern- und Wanderjahre - Kapitel 9
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleKerlchens Lern- und Wanderjahre
publisherVerlag von Rich. Bong
seriesProvinzmädel
volumeBand II
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correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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»Bist du schon wach?« fragte am andern Morgen Ada schlaftrunken das schon fertig angekleidete Kerlchen, das am Fenster saß und in den Garten hinausschaute. »Es ist ja noch Nacht!«

»Oh, es ist so ein köstlicher Morgen,« rief Kerlchen. »Ich stehe immer um fünf Uhr auf, ich bin vorhin schon nach unten gelaufen und wollte mir den Garten oder die Stadt besehen, aber die Thüren sind alle zu.«

»Na, das war dein Glück,« rief Ada und war mit einem Male hell wach. »Die Mama hätte ja wohl Kopf gestanden, wenn du früh um fünf Uhr durch Berlin gerast wärest. Kerlchen, du bist verrückt, du machst es gerad wie Papa, der sitzt nun auch schon seit fünf Uhr, das thut er immer.«

»Der Onkel? Oh! Ich hab ihn lieb! Hätt ich das gewußt, dann hätt ich mit ihm Kaffee getrunken.«

»Kaffee?« rief Ada und gähnte dann herzhaft. »Wo soll denn Kaffee herkommen? Wir trinken erst um halb neun Uhr in den Ferien Kaffee. Die Mädchen stehen um halb acht auf und bringen dann erst die Zimmer in Ordnung. Sowie dann Mama kommt, wird der Kaffee gebracht. Papa ißt früh um 5 Uhr immer ein Stückchen Chokolade und trinkt dazu ein paar Schlucke Wasser.«

Kerlchen machte wieder seine erstaunten Augen.

»Das finde ich komisch,« erklärte es nachdenklich. »Bei uns ist das ganz anders. Mama sagt immer: »Der Vater verdient das Brot, deshalb muß er zu allererst bedient werden.«

Jetzt war die Reihe, erstaunt zu sein, an Ada.

»Nee, sowat habe ick noch nie jehört,« meinte sie und dehnte sich so recht faul.

»Oh,« rief Kerlchen, »ich hab 'ne Idee, es ist jetzt bald dreiviertel auf sechs, ich wecke schnell die Minna, sie ist so nett zu mir, und sie kocht Kaffee, du stehst fix auf, und wir machen unsre Betten und dann decken wir hier fein den Tisch und rufen den Onkel und Ferdi – oh, es wird so gemütlich.«

Kerlchen strahlte in heller Begeisterung, und das wirkte ansteckend; Ada fuhr mit beiden Füßen zugleich aus dem Bett und zog sich rasch an. Kerlchen lief ins Zimmer der Dienstmädchen und nachdem sie die schlaftrunkene Minna durch Liebkosungen und Püffe völlig aufgeweckt hatte, war diese auch bereit, zum ersten und letzten Male ihren gediegenen Morgenschlaf der Herrschaft zu opfern.

»Nur heute, nur heute! Minna,« drängte Kerlchen begütigend, »Sie sollen uns nur zeigen, wie Kaffee gemacht wird, morgen kochen ihn Ada und ich ganz allein für den Onkel.«

»Na, weil et für den Herrn is, will ick mir opfern,« meinte Minna gähnend, »for die Olle hätt ick euch wat jepustet.«

Kerlchen lief in die Kinderstube zurück, Ada zog sich schon das Kleid über und war bereit, Ferdi zu wecken. In der Zwischenzeit machte Kerlchen die Betten, schön sahen sie ja nicht gerade aus, denn alles, was an Sachen im Zimmer umherlag, wurde von Kerlchen hineingesteckt; aber als die weißen Decken liebevoll darüber gebreitet waren, machten sie sich doch recht schön, wenn auch beide Lagerstätten eher Hochgebirgszügen glichen als ebenmäßigen Ruhelagern. Ferdi war in ganz unglaublich kurzer Zeit fertig. Er begrüßte die Mädchen mit stürmischer Freude. »Ich habe kaum schlafen können,« rief er. »Es ist zu schön, daß du da bist, Kerlchen; du führst lauter herrliche Neuerungen ein. Seit gestern ist's noch mal so hübsch bei uns, als sonst!«

Kerlchen sah ihn dankbar an. Andere Menschen hatten sonst nie diese Anschauung von Kerlchens Dasein und ihrer Thätigkeit.

»So, nun noch die Fenster auf!« ordnete Kerlchen an. Wie ein breiter, glänzender Strom flutete die Morgensonne ins Zimmer, ein starker Duft von Jasmin und Jelängerjelieber strömte herein, der Himmel lachte blau und wolkenlos. Mit strahlendem Lächeln sahen sich die drei Kinder an und atmeten alle drei tief auf.

»Macht mal uff,« rief Minna draußen, »ick bringe den Mokka.«

Sie wurde nun mit einem Jubelruf begrüßt und schmunzelte über die begeisterten Danksagungen der Kinder.

»Morjen mach ik det wieder,« versetzte sie großmütig, »man verleppert die schönste Zeit seines Lebens in't Bett.«

Kerlchen hatte noch rasch die auf dem Tische umherliegenden Schulbücher in Adas Bett verstaut, nun wurde ein weißes Tischtuch aufgelegt und Minna deckte die Tafel, sodaß es sehr gemütlich aussah.

»Da!« sagte Ferdi etwas wehmütig und setzte einen kleinen Strauß Gartenblumen auf den Tisch. »Ich hatte ihn von meinem Taschengeld zu Mamas Geburtstag gekauft, aber sie bekam gestern so wunderschöne Rosen in Mengen, da mocht ich ihn garnicht geben.«

Minna sah den Knaben mitleidig an.

»Jungeken, et is der schönste Strauß von alle Sträußer un der Kaffeedisch heite vornehmer, als bei Majestäten.«

Dabei übersah sie mit Kennerblicken das Werk ihrer Hände und fuhr fort:

»Frische Butter is ooch da un der Semmelfritze detjleichen, ik werde sofort mit die Dingers antreten.«

»Raucht Onkel?« fragte Kerlchen plötzlich.

Minna zog langsam die Schultern hoch.

»Roochen dhun dhud der Herr Jeheimrat mit Wonne, un in sein Zimmer is ihm och ab un an en Ziehjarn gestattet, – aber hier??? Det würde sofort uff verschiedene Jeruchsnerven schlagen.«

»Oh, Papa muß heute rauchen,« entschied Ferdi begeistert, »er muß eine lange Pfeife rauchen, das thut er ja nie mehr, aber wir bitten ihn drum.«

»Ihr holt den Onkel,« rief Kerlchen jubelnd »und wenn er aus seinem Zimmer raus is, denn stopf ich ihm seine Pfeife – Hurra!«

»Bsch wsch wsch,« beschwichtigte Minna, »man nich so 'n Radau machen, damit die Luft rein bleibt, ik wer man die Semmeln holen.«

Der Geheimrat war sehr verwundert, als die drei Kinder so morgenfrisch in sein Zimmer kamen und ihn leise in feierlichem Zuge in die Kinderstube führten. Kerlchen aber hatte mit hellem Blick den Tabaksbeutel entdeckt, der auf einem Schränkchen ziemlich verstaubt da lag. Aus einer langen Reihe Pfeifen, die wohl nur noch zum Staat da standen, wählte es mit Sachkenntnis das beste Weichselrohr aus, stopfte den Pfeifenkopf, nachdem es sich überzeugt, daß er beim Durchpusten einen klaren, reinen Ton von sich gab, und nachdem der letzte Daumendruck den Varinas hineinbefördert, wurde noch ein kleines Häufchen extra drauf gestreut, wie sie das beim Papa gewohnt war. Nun noch geschwind ein paar Fidibusse gefaltet und dann hinein in das kaffee- und blumendurchduftete Zimmer, in dem schon alle erwartungsvoll Kerlchens harrten. Der Geheimrat wußte wirklich nicht, wie ihm geschah. Er war so garnicht an Sorgen und Umhegen und hausmütterliches Bedienen gewöhnt, in seinem Gesicht zuckte es seltsam, als er seiner kleinen Nichte dankbar den Lockenkopf streichelte.

Ahhh, wie das wohlthat! Wie der Kaffee schmeckte, und die Buttersemmel, von Ada in rührender Ungeschicktheit zurecht gestrichen und – die Pfeife! »Kerlchen, du bist ja ein Hauptkerlchen,« sagte er in herzlichster Anerkennung.

Die sechs Kinderaugen strahlten wieder. Minna hatte die Hände über dem Magen gefaltet und sah gerührt und andächtig auf die Gruppe.

»Soll Minna nicht mittrinken,« fragte Kerlchen, »sie hat den Kaffee gekocht und will es auch jeden Morgen thun.«

Der Geheimrat rückte auf seinem Stuhl hin und her und Ferdi und Ada sahen etwas verlegen drein.

»I wo werd ik,« entschied Minna, – »ik wer doch mir un den Herrn Jeheimrat nich so 'ne »Schäne« ufflegen, ik jehe jetzt, aber det kleene Provinzmädel jefällt mich, det sollte man öfters bei uns kommen!«

Sie schlürfte hinaus.

Um neun Uhr erschien die Geheimrätin. Sie hatte gut geschlafen nach den Anstrengungen und Aufregungen des vergangenen Tages, dazu kam, daß sie noch am gestrigen Abend aus Ernas Munde die Verlobung erfahren hatte, die so ganz nach ihrem Sinne war; Frau von Lölhöffel befand sich in rosigster Laune. Das Eßzimmer war bereits aufgeräumt, ein würziger Kaffeeduft, vermischt mit dem zarten Geruch eben erblühter Hyacinthen durchzog den behaglichen Raum, in welchem bereits der Geheimrat und die Kinder die Herrin des Hauses erwarteten. Mit einem seltsamen Gefühl, fast wie Rührung nahm die Geheimrätin den schönen Strauß entgegen, den ihr der Gatte reichte. »Ich fand gestern keinen rechten Augenblick der Sammlung, um dir von Herzen Glück zu wünschen,« sagte er wie verlegen. Ferdinand kämpfte noch mit zwei Gewalten in seiner Brust. Die eine verlangte gebieterisch, daß er den mühsam ersparten und gestern doch ganz unbeachtet gebliebenen Strauß zum Fenster hinauswerfe, die andere aber, welche ein weiches Lächeln auf sein eckiges Knabengesicht zauberte, behielt die Oberhand.

So reichte Ferdi seiner Mutter das Sträußchen hin, und sie strich ihm über den Kopf, daß er ganz rot wurde und sehr glücklich aussah. Kerlchen war überwältigt von der nachträglichen Geburtstagsfeier und kam sich ordentlich gedemütigt ohne Geschenk vor. Deshalb rief es voll Eifer: »Wünschst du dir vielleicht eine weiße Maus? Es ist das Schönste, was man sich denken kann; sie bekommt täglich Junge, du kannst deinen Freunden immer viel Freude damit machen.«

Die Geheimrätin lehnte ab, aber sie lächelte dabei, es war ein richtiges, ausgesprochenes, nicht zu verkennendes Lächeln; es war wirklich ein hervorragend ungetrübtes Morgenkaffeestündchen.

*

Der Korvettenkapitän a. D. Liskow bewohnte in der Kleiststraße eine sehr hübsche Villa, die in großem, schattigem Parke lag. Aus dem tiefen Grün der mächtigen Lindenbäume lugte im Hintergründe noch das Dach des Kutscherhäuschens hervor, worin Friedrich mit seiner braven Agathe hauste, die zugleich bei dem Herrn Kapitän die Oberaufsicht in Küche und Haus führte. Liskow war schon früh Witwer geworden, und sein einziges Töchterchen war der Mutter bald gefolgt. Eine Kesselexplosion auf dem Kriegsschiffe, dem er angehörte, hatte seinen rechten Arm zerschmettert, und so nahm damals der allgemein beliebte und hochgeachtete Mann, dem man eine große Zukunft vorhersagte, den Abschied. Er war noch eine Zeitlang im Reichsmarineamt beschäftigt gewesen, aber die Bureauarbeit befriedigte ihn nicht. Sein Vermögen erlaubte ihm ohnedies ein sorgenfreies, behagliches Dasein, er nahm seinen früheren Burschen, der sich in Berlin mit seiner Frau kümmerlich durchschlug, als Kutscher zu sich, hielt einen ziemlich regen Verkehr mit seinem alten Freunde Lölhöffel aufrecht, dessen Gattin er gelegentlich seine Meinung in so »klarem Deutsch« sagte, daß diese ihn ebenso gelegentlich einen »abscheulichen, ungebildeten Seebären« benannte, das heißt, nur gegen ihren Gatten und die Kinder, – ins Gesicht rief sie ihn »lieber Liskow« und zwar durch eine Skala der verschiedensten Empfindungen hindurch, so daß man an der Betonung schon erkennen konnte, auf welchem Punkte das Barometer stand.

Nahe Verwandte hatte der Kapitän in Berlin nicht, seine hochbetagte Mutter war vor kurzem gestorben, nun unterhielt er noch regen Briefwechsel mit seinen Geschwistern, die, in minder glücklichen Verhältnissen als er, die treueste Unterstützung an ihm fanden. Von seinen Freunden hatte er sich ganz zurückgezogen, er, der gesunde, hochgewachsene Mann, den man früher den »Hünen« nannte, war jetzt als »Krüppel«, wie er sich selbst bezeichnete, von krankhafter Empfindlichkeit.

So stieg nur selten ein alter Kamerad das »Fallreep« hinauf, allerdings eine sonderbare Bezeichnung für die breite, teppichbelegte Treppe. Der Kapitän hatte sich sein »Schiff« ganz nach eigenem Geschmack eingerichtet. Das »Achterdeck« war ein wunderschöner, großer Raum nach dem parkartigen Garten zu, auf welchem man köstliche Bowlen trank, welche Kapitän Liskow vortrefflich zu brauen verstand. Nach einigen Gläsern »kalter Ente« wurde nach seiner Meinung selbst die Geheimrätin »menschlich«.

Die »Kabinen« des Kapitäns waren mit auserlesenem Geschmack eingerichtet. Alle Möbel eigentümlich schwer und fest, die Sofas und Stühle teilweise in die Wände eingelassen, als schaukele die Villa auf den chinesischen Gewässern und sollte einem gelegentlichen Taifun Trotz bieten. Schwere dicke Smyrnateppiche lagen durch die ganze Wohnung ausgebreitet und dämpften jeden Schritt, der Kapitän brauchte unbedingte Ruhe, er arbeitete viel für fachwissenschaftliche und schöngeistige Zeitschriften, und hatte sich in dem jungen Sekretär Otto, der ihn auch auf Reisen begleitete, seine »rechte Hand« herangezogen.

Jetzt wanderte er mit großen Schritten und dem eigentümlich wiegenden Gange des alten Seemannes durch seine Kabine und diktierte mit wohlklingender Stimme seinem jungen Sekretär. Der alte Friedrich hatte dafür zu sorgen, daß während dieser Arbeitszeit niemand störend »auf Deck« herumlief, auch »Reinschiff« durfte nicht gemacht werden, zum stillen Ärger der »Schiffsjungen« und des »Maaten«, wie Kapitän Liskow die beiden jungen Dienstmädchen und die Frau seines Kutschers nannte, während Friedrich, der »Obermaat«, schmunzelte und immer auf Seiten seines Herrn stand. Hatte der Kapitän eine gute Nacht gehabt, war das Wetter sonnig und infolgedessen der dumpfe Schmerz, welcher sich ab und zu in seinem verstümmelten Arm bemerkbar machte, einigermaßen erträglich, dann rief er nach dem Frühstück seinem Sekretär ein fröhliches: »Klar zum Ankerlichten« zu, der Anker wurde »gekettet und gefischt«, »Mars- und Bramsegel« füllten sich, und die Phantasie des Seemannes zog in die Weite. Das waren die schönsten Stunden des Kapitäns a.D. Liskow, dem das Leben »außer Dienst« zuerst schier unerträglich gedünkt hatte. Seine kraftvolle, etwas heisere Seemannsstimme drang durch das ganze »Schiff«, während er diktierte und »Frau Agathe« schlich auf den Zehen umher und beschwor »Trine und Dora«, ihre lustigen Kamellen sich »en anner Mal to vertellen,« damit sie nicht »losjuchten« und den Herrn »Käpten« störten. »Wat hebbt wi förn gauden, klooken Herrn!«

Trotz dieser unendlichen Sorgfalt hatte sie aber doch vergessen, die Hausthür fest zu schließen; wie die wilde Jagd rannten drei Kinder das »Fallreep« hinauf, stürmten über das Achterdeck und auf der andern Seite die Schiffstreppe wieder hinunter, ballerten an Onkel Liskows Kabinenthür und vollführten einen Höllenspuk trotz Agathens beschwörender Zurufe: »Willt Ji woll ruhig sünn! Ji Rackertüg! Um Gottsdausendwillen, wat makt Ji för 'n Spitakel!«

»Es sind Lölhöffels!« sagte drinnen ganz ergebungsvoll und ohne eine Spur von Ärger der Kapitän zu seinem Sekretär, »für heute ist's aus mit der Arbeit.«

Die Thür flog auf. »Onkel Liskow, Onkel Liskow!«

Vier Arme umklammerten ihn, und so mitten drin in den stürmischen Liebkosungen schloß er das kleine, fremde Mädel, das etwas zögernd vor ihm stehen blieb, auch gleich an sein Herz.

»Daß euch der Klabautermann hole, Rasselbande,« lachte vergnüglich der Kapitän. »Ist das eine Art, zu mir zu kommen?«

»Aber Onkel Liskow, so kommen wir doch immer,« entgegnete Ada vorwurfsvoll, und Ferdi lief lebhaft: »Wir wollten dir das Provinzmädel zeigen, unsere Cousine Felicitas Schlieden.«

»Ich heiße Kerlchen!«

Felicitas stellte sich dicht vor Onkel Liskow hin und sah ihm stramm in das Gesicht. Die scharfen Seemannsaugen nahmen gleichfalls das ganze kleine Persönchen aufs Korn, und die gegenseitige Musterung fiel zur vollen Zufriedenheit aus.

Kerlchen atmete hoch auf.

»Das glaub ich schon, daß man dich lieb haben kann, Onkel Liskow,« beteuerte es und streckte dem Kapitän beide Hände hin. Dieser drückte sie in nerviger Faust zusammen, aber Kerlchen »muckste« nicht; die Begrüßung entsprach ganz dem Bilde, das es sich nach der begeisterten Schilderung Ferdis und Adas von dem Kapitän gemacht hatte.

»Himmel, ist es schön bei dir,« rief Kerlchen gleich darauf und lief zu den Schiffsmodellen, die rings an den Wänden auf eichengeschnitzten Regalen standen. »Wie wunderwunderschön! O, wie prachtvoll müssen erst die lebendigen Schiffe aussehen!«

Damit hatte Kerlchen gleich das Herz des Kapitäns gewonnen.

»Die lebendigen Schiffe! Das ist ein schönes Wort, Kerlchen. Komm her, mien lüttge Fregatte! Wenn du ein Jung wärst, du müßtest in die blaue Jacke.«

Kerlchens Augen strahlten.

»Schau dir das Mädel an, Ferdinand,« rief der Kapitän, und dann schäm dich, daß du kein Seemann werden willst.«

»Onkel Liskow!«

»Schon gut, mein Junge, weiß schon! Na, hast du wieder fleißig gezeichnet? Hier liegt Material für dich in Hülle und Fülle, wollte dir schon lang eine Freude machen.«

Mit einem Jubelruf stürzte sich Ferdi auf das große Reißbrett, auf den Zeichenblock mit den vielen festen Bogen, auf den Behälter mit den verschiedensten Stiften, als er aber einen Blechkasten öffnete und silberglänzende Tuben in wohlgeordneter Reihe ihm entgegenlachten, da warf er beide Arme um den Hals des gütigen Gebers.

»Onkel Liskow, ich möchte dich totdrücken oder losheulen.«

»Keins von beiden, Junge. Arbeiten sollst du und ein tüchtiger Maler werden. Das ist der beste Dank.«

»Und nun komm her, Kerlchen. Was für ein schöner Name!«

»Den hat mir mein Papa gegeben.«

»Wie stolz das die kleine Fregatte sagt! Nun, und was macht mein alter Freund und Kupferstecher?«

»Er ist nicht »Kupferstecher«, er ist immer nur noch Oberst, und es geht ihm gut.«

»So, so, na das freut mich,« lachte Liskow, »es war übrigens die höchste Zeit, daß er dich mal herschickte, wolltest du uns denn garnicht kennen lernen?«

»Nein!« gestand Kerlchen ehrlich. – »Aber ich wußte auch nicht, daß du so famos bist,« setzte es rasch hinzu.

»Na, das wußte ich bis jetzt auch nicht,« erwiderte der Kapitän trocken, – »aber nun vor allen Dingen »Backen und Banken«. Otto, ruf die Agathe.«

Der junge Sekretär eilte sofort hinaus, mit einem strahlenden Gesicht, denn er wußte, daß er bei diesen kleinen festlichen Gelagen dabei sein durfte.

»Backen und Banken« ist »Frühstück«, erklärte Ferdi dem Kerlchen, das diese Nachricht mit dem ganzen Entzücken eines Kindes aufnahm, welches immer und allezeit mit einem gesunden Hunger behaftet ist. Aber so schön und reichhaltig das Frühstück auch war, so hinderte es doch nicht die Unterhaltung, die stürmisch wie ein frischer Waldbach dahinschoß. Die Kinder erzählten von Ernas Verlobung mit dem »Scheusal«, und Onkel Listow verfehlte nicht, ihnen in einer kleinen »Pauke« klar zu machen, daß Regierungsassessor von Blankenburg ein heller Kopf, ein strebsamer, junger Beamter sei, der das Herz aus dem rechten Flecke habe, und dessen gerechte Beurteilung über den Horizont der drei lüttgen Gören ginge.

»Mund halten, ordre parieren!« schloß der Kapitän, und Kerlchen rief begeistert:

»So ruft Papa auch immer, nur daß er: » Maul halten« sagt.«

Der Kapitän lachte. »Kinder,« rief er, »ich sehe nicht ein, warum wir heute nicht zusammen bleiben sollen, es ist doch einmal ein angebrochener Vormittag. Ich werde mit Agathe sprechen, ob sie ein anständiges Verlobungsdiner bis 6 Uhr zustande bringt, Huster im »Englischen Hause« kann ihr helfen, ich schicke derweile zu den Eltern und lade sie und das Brautpaar ein. – Euch dreien spendiere ich das Geld zum Zoologischen Garten, um 2 Uhr werde ich hier noch ein kleines Imbißchen bereit halten, wer Hunger hat, – kommt dazu her –«

» Ich!« unterbrach ihn Kerlchen voll Überzeugung.

»Und abends 6 Uhr stellt Ihr euch alle in reinen Gewändern und frisch gewaschenen Pfoten ein,« schloß der Kapitän.

Seine Idee wurde mit wahrem Indianergeheul aufgenommen. Nachdem der Küchenzettel von den drei Kindern aufgestellt war, wobei Ferdi für »Reisbrei mit dick Zucker und Zimmet drüber« gestimmt hatte, während Ada mehr für Stangenspargel und Kaviar war, bat Kerlchen nur um viel Sekt, woran sie die Hoffnung knüpfte, mal die Zunge in den Sekt stecken zu dürfen, die tausend Champagnerperlen »bissen« immer so nett, aber sie bekam stets Schelte.

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