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Kerlchens Lern- und Wanderjahre

Felicitas Rose: Kerlchens Lern- und Wanderjahre - Kapitel 8
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleKerlchens Lern- und Wanderjahre
publisherVerlag von Rich. Bong
seriesProvinzmädel
volumeBand II
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Im Hause des Herrn Geheimen Rates von Lölhöffel, Berlin W., Karlsbad 70, herrschte ein ungemütliches Durcheinander. Es war ein Laufen und Rennen, Fragen und Antworten, daß niemand sein eigen Wort verstand; dabei tönte beinahe ununterbrochen die elektrische Klingel durch die Wohnung, was recht aufregend wirken kann, besonders wenn, wie es in alten Häusern vorkommt, die Herrschaftsklingel nicht von der Dienstbotenglocke zu unterscheiden ist. Auch bei Lölhöffels fragte man nach jedem Klingelton: »Vorne oder hinten?« Stimmenmehrheit entschied, aber es kam doch vor, daß trotzdem die »Meta« wieder nach »hinten« rasen mußte, weil auf dem Vorderflur niemand geschellt hatte. Der Geheimrat nannte deshalb seinen Hausflur: »die Entfettungskur«. Frau Geheime Rat von Lölhöffel war vor allen Dingen in Aufregung. Es war dies durchaus Normalzustand bei ihr; und ihre »Kribbeligkeit« teilte sich dem ganzen Hausstand mit. Außerdem war ihr Geburtstag, ein alljährlich mit großem Trubel ins Werk gesetztes Fest, das wochenlang vor- und nachher die Gemüter in Aufregung hielt zumal da auch noch eine Generalprobe zu den lebenden Bildern abgehalten wurde, die am Abend »steigen« sollten. Zum Überfluß flatterte in all die Aufregung noch ein Telegramm vom Vetter Oberst, der seine Ankunft mit Kerlchen meldete. Die kleine Nichte (»Gott sei Dank, zweiten Grades,« wie Frau von Lölhöffel aufatmend feststellte), war ihr nicht fremd, Tante Emerenzia hatte nie versäumt, Geheimrats durch haarsträubende Berichte gebührend vorzubereiten. Nun, für ein paar Wochen würde es schon auszuhalten sein, außerdem kam der Oberst ja selbst mit und würde seinen Sprößling schon »an die Kandare« nehmen.

Die Unruhe im geheimrätlichen Hause nahm zu. Man wußte, Oberst Schlieden liebte das »Abholen« nicht, er schickte sein Telegramm, traf mit militärischer Pünktlichkeit ein, und ging dann in sein altes Stammhotel, das in der Mittelstraße lag. So war es immer gewesen, aber diesmal sollte wenigstens Kerlchen bei ihnen wohnen.

Die Frau Geheimrätin sah ärgerlich und aufgeregt nach der Uhr. Der Zug mußte längst da sein, und vom Anhalter Bahnhof nach dem Karlsbad war nur eine geringe Entfernung. Eine Menge Droschken hatte man schon vorbeirasseln hören, aber auch nicht eine davon hatte gehalten und seine Insassen an Geheimrats ausgeliefert und jetzt gerade brauchte man Kerlchen doch so notwendig. Der eine Mitspieler Willy von Reymers war plötzlich an den Masern erkrankt und Kerlchen sollte in dessen Rolle einspringen. Auswendig zu lernen hatte sie in dem Märchen »Die heilige Genofeva« nichts, aber gut aufpassen mußte sie. Denn sie sollte die Hinterbeine von Klein-Schmerzenreichs liebevoller Hirschkuh darstellen. Aber Kerlchen kam nicht. –

Man nahm die anderen lebenden Bilder vor »Frauen, Liebe und Leben« von Chamisso. Zwar begriff niemand recht, in welchem Zusammenhang diese Bilder mit dem Geburtstage der Geheimrätin standen. Diese hatte wohl nie in ihrem Leben, auch in den Schwärmerjahren nicht, geseufzt und gesungen: »Seit ich ihn gesehen, glaub ich blind zu sein«, ihre Gedichte – denn gedichtet hatte sie viel – (wie man munkelte), waren mehr »geharnischte Sonette« gewesen. Ihre lange, vornehme Gestalt mit dem wohlerhaltenen, im Ausdrucke unendlich hochmütigen Gesicht und den überaus strengen Augen, war geradezu eine hohnlächelnde Illustration zu dem Worte: »Er soll dein Herr sein.« Aber die Geheimrätin wählte die Sachen, welche zu ihrem Geburtstage aufgeführt wurden, selbst aus und studierte sie auch ein. –

So stand denn der Referendar von Feddern im magisch beleuchteten Hintergrund und sah sieghaft auf das junge Mädchen nieder, das malerisch auf einer länglichen Kiste lag, welche die rätselhafte Inschrift »Macks Doppelstärke« trug; die Kiste sollte erst am Geburtstage selbst mit frischem Grün verkleidet werden. Fräulein von Hassee hatte große, schwarze, feurige Augen, mit denen sie den Referendar von Feddern anblitzte, es war nicht recht glaubhaft, daß sie seinem »Es ist erreicht«-Schnurrbart gegenüber blind war, aber hinter den Kulissen bestätigte es eine ebenso energische wie unmusikalische Sopranstimme: »Seit ich ihn gesehen, glaub ich blind zu sein.«

Frau Geheimrat von Lölhöffel war eine selbständige Natur, sie kehrte sich nicht an Paul Thumanns Darstellungen von Frauen, Liebe und Leben; ihre eigenen Erlebnisse auf diesem Gebiete waren nicht so sentimentaler Natur, deshalb zog sie auch jetzt zu dem dritten Bilde sehr energisch ihren Trauring vom Finger und überreichte ihn einem ältlichen unschönen Mädchen, welches Liebe und Leben im dritten Bild verkörpern sollte. Sie war die Tochter eines sehr »hohen Tieres«, weshalb man sie nicht von den lebenden Bildern ausschließen konnte, Fräulein Adeline von Roland war außerdem als sehr heftig und aufbrausend bekannt; sie bekam Nervenzufälle, sobald ihr etwas »gegen den Strich« ging und hatte deshalb von der schnöden Männerwelt schon den Beinamen »der rasende Roland« bekommen. Jetzt war sie aber ganz zahm, der Trauring übte entschieden einen günstigen Einfluß auf ihr Temperament, und sie drückte ihn wahrhaft fromm an die Lippen und das Herze.

»Gott soll mich bewahren,« murmelte der äußerst gefühllose Leutnant Dreßler, der zum »Er« gepreßt worden war, »es fehlt jetzt nur noch, daß die Mutter Roland mit gezücktem Segen auf uns los kommt.«

Die Frau »Wirkliche Geheime Rätin, mit dem Range der Rätinnen erster Klasse« von Roland kam auch in der That, wenn auch ohne böse Nebenabsichten auf ihn zu; sie wollte nur sagen, wie »himmlisch« das Bild gewesen sei und wie »entzückend« Adeline ausgesehen habe, so echt »bräutlich«. Dies letzte Wort machte den Leutnant nervös, er verschwand schleunigst im Hintergrunde und das zweite Bild wurde vorbereitet, das vorhin zurückgeschoben war, da der »Herrlichste von allen«, ein junger Regierungsrat, noch »Sitzung« im Oberpräsidium vorgeschützt hatte.

*

Nun war er aber da, »herrlich, milde und gut, holde Lippen, klares Auge, heller Sinn und fester Mut,« den er schon dadurch bekundete, daß er sich zu diesem Bilde hergab. Eben küßte er der Geheimen Rätin die huldvoll ausgestreckte Hand, verneigte sich rings umher nach allen Seiten und begab sich in den magisch erleuchteten Hintergrund, während seine Partnerin, ein junges, üppiges Mädchen ihren Sitz auf »Macks Doppelstärke« so energisch einnahm, daß diese in allen Fugen krachte. Wieder setzte die hohe Sopranstimme hinter den Kulissen möglichst falsch ein: »Er der Herrlichste von allen«, brach aber plötzlich ab, denn ein energisches Klopfen an der Thür meldete einen ungeduldigen Besucher. Die beiden Dienstmädchen von Geheimrats, welche unbefugterweise »zusahen«, liefen erschrocken auf ihren Posten, prallten aber gegen einen Polizisten, welcher dicht vor der Thür stand, und der heftige Stoß, sowie die auf zarte Gemüter immer unheimlich wirkende Uniform entlockte ihnen einen lauten Schrei.

»Seien Sie nicht so albern«, sagte das Auge des Gesetzes, »machen Sie lieber die Korridorthür zu, ich hab noch nie eine so bequeme Gelegenheit zum Diebstahl gesehn.« Er zeigte auf die gesamte Herren- und Damengarderobe, welche im Flur hing, dann wandte er sich rasch an die zur Salzsäule erstarrte Geheimrätin, die in der geöffneten Salonthür stand. »Gehört dies kleine Mädchen zu Ihnen«, fragte er und schob ein fragwürdig aussehendes Persönchen an den Schultern vor. »Felicitas Schlieden giebt vor, sich verlaufen zu haben, als sie vom Anhalter Bahnhof aus hierher wollte. Ich traf das Kind in der Königgrätzer Straße, die es laut pfeifend durchwanderte, sodaß sich alle Leute nach ihm herumdrehten. Als es dann im Begriff war, einer Dame das Taschentuch aus der Jackentasche zu mausen, hielt ich es an.«

Kerlchen drang mit blitzenden Augen auf die Staatsgewalt ein.

»Sie lügen,« schrie es außer sich, »ich habe es Ihnen hundertmal schon gesagt. Sie lügen, o pfui, pfui!«

Kerlchen spuckte energisch und ungeniert aus, dann lief es auf die Geheimrätin zu, die beinahe ohnmächtig vor Scham und Bestürzung war, und umklammerte ihren Arm.

»Bist du Tante Heloise? Hilf mir doch! Ich hatte mich verlaufen, ich fand Herrn und Frau Schmidt nicht wieder, dann kamen so furchtbar viele Menschen, da glaubte ich, es wäre Jahrmarkt irgendwo, oder Vogelschießen und ging mit, und vor mir ging eine dicke, freundliche Dame mit vielen Paketen, die verlor ihr Taschentuch und ich steckte es wieder in ihre Paletottasche, weil sie ja gar keine Hand frei hatte, da schrie sie mörderlich, und dann kam dies Greul und hielt mich fest.«

»Schwindel,« sagte der Schutzmann ungerührt, »das Mädchen pfiff wie ein Schusterjunge so frech, –«

»Weil ich mich fürchtete,« schrie Kerlchen. »Nich gerade doll, aber 'n bißchen, und dann pfeif ich immer, das hilft. –

Das Kind blickte hilfeflehend auf die Geheimrätin und dann auf all die fremden Leute, die es neugierig und erbarmungslos anstarrten, und von denen sich doch niemand seiner annahm.

»Ich nehme doch nix weg,« rief es wieder empört, »ich hab mir doch selbst in Erfurt zwei reine Taschentücher eingesteckt.« Kerlchen griff in die Tasche und zog einen schwarzen Lappen hervor, steckte ihn aber gleich wieder fort.

»Na, damit hab ich das Coupéfenster abgewischt, aber hier –!«

Ein grauweißes Leinengebilde wurde triumphierend von ihr entfaltet und sie suchte nach ihrem Namen, den sie in der vierten Ecke endlich fand.

»F. S.« sagte Kerlchen stolz, »es ist mein neues Dutzend, die beiden hab ich noch davon, die andern zehn hab ich verloren.«

Die Geheimrätin fand ihre Sprache wieder.

»Es ist gut,« sagte sie matt zu dem Polizeibeamten, »es ist meine Nichte – –«

Der Mann entfernte sich, und Kerlchen legte beide Arme um den Hals ihrer Tante.

»Mein Name steht auch in meinem Hemd und den andern Sachen, willst du es sehen?« fragte es treuherzig, denn es glaubte, nur dem F. S. seine Anerkennung zu verdanken, aber die Tante schüttelte Kerlchen unwillig ab, faßte dann seine Hand und zog es hastig ins Nebenzimmer.

»In welchem Aufzuge kommst du uns ins Haus,« fuhr die Geheimrätin das Kind an, »tot schämen möchte man sich über dich! Erzähle mir jetzt alles von vorn an, aber rasch, rasch, ich habe keine Zeit.«

»Papa fuhr mit mir,« berichtete Kerlchen trotzig, »aber in Halle bekam er ein Telegramm, daß der Erbprinz ihn haben wolle, und Papa wußte nicht, wohin mit mir. Da waren aber so nette Leute im Coupé, Herr und Frau Schmidt, und Herr Schmidt sagte, er wollte mich gern bemuttern und mich bei euch abliefern. Aber wie wir aus dem Anhalter Bahnhof rauskamen, fürchteten sich Herr und Frau Schmidt schrecklich, da faßte ich sie an und ging mit ihnen los. Dann fragten wir zwei freundliche Herren, wo »Karlsbad« läge, da lachten sie und sagten, wir hätten bis Dresden fahren müssen, wenn wir nach Karlsbad wollten. Wie aber Frau Schmidt anfing zu weinen, sagten die Männer, sie hätten bloß Spaß gemacht und wollten uns herführen, vorher sollten wir aber ein Glas Bier mit ihnen trinken. Das mochte ich nicht und sagte, sie sollten nur allein trinken, ich wollt derweilen mir die Läden besehen. Das habe ich auch gethan, aber Schmidts kamen nicht wieder, und ich fand das Haus nicht mehr, wo sie hineingegangen waren – –«

Kerlchen schwieg. Es war müde und hungrig, niemand hatte ihm einen Stuhl angeboten, oder eine Erfrischung; nicht einmal den Hut hatte es ablegen können, er saß windschief auf dem dunkeln Lockenkopf.

»Es ist mir alles sehr fatal,« seufzte die Geheimrätin, »wie konnte dein Vater dich mit diesen Schwindlern reisen lassen!«

»Es waren keine Schwindler, es waren Hofbesitzer aus Garnsdorf.«

»Ach Unsinn! Das kann jeder sagen. Gleichviel, du bist nun hier und sollst in den lebenden Bildern mitwirken, Willy von Reymers ist krank geworden, und unsere Ada weigert sich, das unartige Ding, Ferdinand aber hat zu viel zu thun. Nun wasche dich aber erst mal ordentlich und zieh dir ein anderes Kleid an. – Minna, führen Sie meine Nichte in ihr Zimmer.«

Minna verzog den Mund zu einem spöttischen Lächeln.

»Et wäre besser, die Jnädige sagten »Loch« anstatt »Zimmer«, bemerkte sie verächtlich, als die Thür hinter ihnen zugefallen war. »Jungeken, du kommst uffn Hängeboden.«

Kerlchen kletterte verwundert die Hühnerleiter hinauf und sah sich erschrocken in dem niedrigen, halbdunkeln Raume um. –

»Was soll ich hier,« fragte es erstaunt.

»Was du sollst? Waschen sollst de dir un kämmen, un en anderen Adam sollste dir anziehn, der da is ja verknutscht un paßt nich vor die feine Jesellschaft da unten. Na, un schlafen sollste och in det Loch, det heißt, wenn dir die »Dusemangmarschees« un de andern braunen Tierchens dazu kommen lassen.«

Kerlchen schüttelte den Kopf, es war alles so unverständlich, was die Minna sagte.

»Da hinein gehe ich nicht,« erklärte es, und seine Augen wurden verdächtig blank, »das ist viel, viel schlechter als der Stall von meinem Pony in Schwarzhausen.«

»Det wird dir nischt helfen, aber recht haste,« sagte Minna ruhig, » que faire, spricht Zeus.«

Kerlchen kletterte die Stiege wieder hinunter und blieb in dem halbdunkeln Flur stehen.

»Ich will wieder nach Hause,« rief es trotzig.

Ein unterdrücktes Gekicher wurde neben ihm hörbar, und ehe es sichs versah, fühlte es sich gepackt und im Sturmschritt fortgezogen bis zur nächsten Thür, die mit großem Krach aufgestoßen wurde. Kerlchen befand sich in einem großen, hellen Kinderzimmer; ein Bett stand darin, ein Arbeitstisch, verschiedene einfache Schränke und Stühle. Die Wände waren hell getüncht, nicht tapeziert und mit Kreidezeichnungen bedeckt, meist Porträts, die mit unverkennbarem Talent direkt auf die Wand übertragen waren. Neben Kerlchen stand ein vielleicht dreizehnjähriger Knabe, ungelenk und lang aufgeschossen, und ein hageres, blasses, unschönes Mädchen in Kerlchens Alter mit klugen, grauen Augen.

»So, nun laß dich erst mal ordentlich betrachten, Cousine Felicitas, es ist ja zum Totlachen, wie du uns ins Haus schneist. Wir nennen dich natürlich »Kerlchen«. Ich bin der Sohn des Hauses, Ferdinand von Lölhöffel, dies meine Schwester Ada, ein Geschöpf, welches zur Plage ihrer Mitmenschen auf die Welt gekommen ist.« –

»So und du?« fragte Ada entrüstet.

»Zum Segen« antwortete der Bruder ruhig.

Kerlchen betrachtete die Geschwister erstaunt, dann setzte es sich in wirklicher Erschöpfung auf den nächsten Stuhl, die Augen fielen ihm beinahe zu.

»Da siehst du, Ferdi,« sagte Ada altklug, – »das arme Ding! Sie hat sicher nichts zu essen und zu trinken bekommen, sondern ist nur im Kreuzverhör gewesen. Hast du Königin-Mutter, den Erbprinzen und die Erbprinzessin gesehen?«

Kerlchen schüttelte den Kopf.

»Ada quatscht,« sagte Ferdinand ruhig, »wir nennen Mama und unsere beiden Geschwister so, weil sie so mordsvornehm sind, Papa ist »Prinzgemahl«. Natürlich giebst du uns erst mal dein Ehrenwort, daß du drüben nichts davon erzählst, es ist unser Burggeheimnis.«

Kerlchen reichte ihm sofort die Hand hin, die er kräftig drückte.

»Ihr gefallt mir sehr,« sagte es ernsthaft.

»Du uns auch!«

»Und nun möchte ich etwas schlafen,« bat Kerlchen, »aber natürlich nicht in dem greulichen Burgverließ, in das mich Minna vorhin stecken wollte. Ich bin so müde, und habe gar keine Lust zu den lebenden Bildern.«

»Ha ha ha, du stellst die Hinterbeine von Schmerzensreichs Kuh. Die ganze Chose ist ein verrückter Gedanke von der Erbprinzessin, – Kerlchen – wenn du heute Abend wirklich noch Hinterbeine stellen solltest, denn schlag nur tüchtig aus und zwar »Golo« vor den Magen, das ist ein geborenes Scheusal und der Erbprinzessin ihr Zukünftiger.«

Kerlchen hörte nicht mehr, die Augen waren ihm längst zugefallen, lang ausgestreckt lag es auf Adas Bett und schlief den Schlaf des Gerechten. Im Korridor wurden Stimmen laut.

»Wo steckt sie? Schnell, schnell, holt sie, wir brauchen sie!«

Ferdinand steckte den Kopf zur Thür hinaus. »Wenn Ihr Hinterbeine sucht, da liegen sie,« sagte er, »sie sind todmüde, und ich werde euch dem Tierschutzverein anzeigen.«

»Laß deine Albernheiten,« verwies ihn das junge, schöne Mädchen, in dessen zartem, von rötlichem Haar umgebenem Gesicht kaum eine Ähnlichkeit mit den unschönen Zügen des Knaben zu entdecken war. »Wir müssen noch eine Probe halten, Felicitas weiß ja über nichts Bescheid, sie soll uns wohl heute Abend blamieren?« Erna von Lölhöffel rüttelte Kerlchen energisch, aber dies lag wie ein Totes da, nicht einmal die Augenlider hoben sich. Ferdinand und Ada lachten fröhlich und schlugen sich vor Entzücken auf die Knie, bis Erna bebend vor Zorn das Zimmer verließ. Dann setzte sich das Geschwisterpärchen leise flüsternd an den Tisch, ängstlich bemüht, das fremde, müde Bäschen nicht zu wecken. In den Vorderzimmern hatte inzwischen eine stürmische Beratung über die Unterbringung von Kerlchen stattgefunden.

Der Geheimrat war aus seinem Bureau gekommen und mit sehr sanfter Stimme hatte er leise für das richtige Fremdenzimmer plaidiert, das hoch und luftig war und mit zwei schön gerüsteten Betten bereit stand, Fremde aufzunehmen.

»Das ist für Tante Josepha und ihr Fräulein,« bemerkte die Geheimrätin, scharf.

»Könnte das Fräulein nicht – –?«

»Lölhöffel, soll ich mich aufregen? Ich vertrage keinen Widerspruch!«

Und der Prinzgemahl schwieg.

Um acht Uhr abends wachte Kerlchen von selbst auf. Es wußte zuerst garnicht, wo es war, und wurde erst nach und nach durch das Spottgelächter ihrer jungen Verwandten in die Wirklichkeit versetzt.

Ada war nichts weniger als in full dress, im Gegenteil, Kerlchen sah etwas erstaunt auf ihre Cousine, die ein mehrfach geflicktes, augenscheinlich ganz altes Kleid übergeworfen hatte, dessen Besatz sogar abgerissen herunter hing. Ebenso wunderbar hatte sich Ferdi ausstaffiert mit viel zu kurzen Hosen, die auf dem Knie neben einem Loch einen Flicken zeigten, die Jacke wies an den Ellenbogen schadhafte Stellen zur Genüge auf, und die Halsbinde von fragwürdiger Farbe war ganz und gar ausgefranst. Vor Kerlchen dagegen lag ihr tadellos sauber geplättetes Kleidchen, in das sie zur Feier des Tages schlüpfen sollte.

»Mach nich so erstaunte Augen, Schlafratz,« rief Ada lachend, »schnell, kriech in deinen Staat, alles ist schon versammelt, sie gehen eben zu Tisch.«

»Na und Ihr?« fragte Kerlchen.

Die beiden Kinder machten wütende Gesichter.

»Das ist's ja eben,« rief Ferdi zornig. »Die Erbprinzessin und der Erbprinz haben es durchgesetzt, daß wir nicht mit bei Tisch sitzen sollen, sie gönnen uns nichts, nichts – und es ist doch Mutters Geburtstag – jedes Taglöhnerkind sitzt da mit bei Tisch –«

Ferdi biß die Zähne zusammen und trommelte aufgeregt mit den Fingern auf der Tischplatte.

»Pah, und nun rächen wir uns,« fiel Ada ein. »Unser schlechtestes Zeug, das wir im vorigen Jahrhundert mal in der Sommerfrische trugen, haben wir angezogen, sieh – wie scheußlich – und wenn wir dann nach Tisch hereingerufen werden, zum »Zusehen« und »Händchen geben«, dann erscheinen wir so in der feinen Gesellschaft, und die Geschwister ärgern sich tot.«

Kerlchen lachte hell auf. »Ich glaube, es ist nicht sehr recht von euch,« meinte es, »aber es wird ein Hauptspaß.«

*

Die Stühle waren gerückt worden, die feierliche Quertafel, an der alle Verwandten und bevorzugten Freunde des Hauses saßen, wurde aufgehoben und man schüttelte sich umständlich die Hand. An dem »jungen« Tische hielt der Sohn des Hauses in der Uniform der Gardegrenadiere mit etwas näselnder Stimme einen letzten Trinkspruch auf das, » was wir lieben«, blieb aber dabei stecken; seine Gedanken verwirrten sich offenbar, denn sein »Repertoire auf dem Gebiete war zu reichhaltig«, wie ein Kamerad bemerkte. Man saß und stand in zwanglosen Gruppen zusammen und nun wurden die Kinder herein gerufen.

Die Geheimrätin stand, den Rücken nach der Thür gewendet, und unterhielt sich mit einer Excellenz, die als Mitbewohner des Hauses zur Geburtstagsfeier erschienen war. So bemerkte sie die verwunderten, erstaunten und empörten Blicke zuerst garnicht, die ihre in diesem Kreise wohlbekannten Sprößlinge trafen, und erst Ernas halb erstickter Ausruf: »Um Gotteswillen, Mama!« ließ sie nach jener Richtung sehen. Sie traute ihren Augen nicht. Als sei alles ganz in guter Ordnung, so schritten Ferdinand und Ada in ihren zerrissenen und beschmutzten Kleidern durch die vornehm geschmückten Räume und die geputzte Gesellschaft, überall ihre tintenbeklecksten und auch sonst nicht einwandfreien Pfötchen hinreichend, mit ernsthaften Gesichtern. Daneben ging Kerlchen, ziemlich niedergeschlagen, denn die neugierigen Blicke der Geburtstagsgesellschaft peinigten es sehr.

»Ihr geht sofort hinaus,« gebot die Geheimrätin mit zitternder Stimme, und zu Kerlchen sagte sie leise: »Dein Glück, daß du den Unfug nicht mit gemacht hast!«

»Ich hab mein ganzes Zeug durchgesehen, aber ich fand nicht einen so scheußlichen Anzug drunter, wie Ferdi und Ada ihn haben,« bekannte Kerlchen ehrlich, wurde aber nach diesem Bekenntnis sofort Landes verwiesen, mit dem Vermerk, nur zu erscheinen, wenn es zu den lebenden Bildern gerufen würde. In der Kinderstube brach das mühsam verhaltene Lachen bei allen Dreien durch.

»Sahst du unsere Erbprinzessin?« jubelte Ferdinand und krümmte sich höchst ungraziös vor Wonne und Behagen, »sie sah grün aus vor Bosheit und Ärger, und grün steht ihr garnicht.«

»Und der Erbprinz erst!« lachte Ada. »Der hatte ja den Grafen Fink, den Reichsunmittelbaren eingeladen, um ihm unsere schöne Schwester zu zeigen; ich glaub, er hat ihm garnicht erzählt, daß wir Scheusälchen auch noch da sind, – juchhe, ich bin extra zu dem Grafen hingegangen, daß er so recht meinen abgerissenen Besatz sah, und ich lispelte: »Ich bin Karlo's Schwester.« Kerlchen, lach doch mit, du brauchst doch nicht zurückhaltend zu thun, wir kennen dich doch!«

Kerlchen zog die Schultern hoch.

»Es ist mir nicht doll lacherig zu Mute,« sagte es mit einem tiefen Seufzer, »mir thut auch eure Mama leid und der alte Geheimrat. Euer Papa war ganz blaß, es ist nicht schön, wenn andere sich so arg ärgern.«

»Hm, du bist ein ganz vernünftiger Kerl,« bemerkte Ferdi anerkennend, »ich denke dasselbe manchmal auch, wenn ich die Bande geärgert habe, aber du – du bist eben ein Provinzmädel, so was wächst eben anders auf, als wir, die Ada und ich müssen uns Stacheln anschaffen, wie die warraftchen Igels, sonst stößt man nur so mit uns rum.«

Ferdinand stützte seinen Kopf in beide Hände und stöhnte leise, Ada kaute wütend mit tiefverfinstertem Gesicht an ihrer Unterlippe, Kerlchen legte ihre Arme um Ferdi, aber der schüttelte sie mit einem Ruck ab.

*

»Sag mir man bloß nischt Liebes,« fuhr er das Kind an, »soll ich losheulen, wie ein Lutschbaby? Nee, is nich! Du sollst nur nich denken, daß Ada und ich immer solch blödsinniges Zeug im Kopfe haben; du lieber Himmel, das vergeht uns. Aber wir haben kein Vergnügen, keins, weil sich alles »nich schickt«, bloß die beiden Großen kriegen alles, weil sie so hübsch sind und so schöne Reden machen können. Aber ich wollt ja gewiß garnichts haben, wenn ich bloß nicht zu studieren brauchte, – mir wird Latein und Griechisch so furchtbar schwer, – ach, und ich soll Jurist werden, weil das bei den Lölhöffels nun seit Jahrhunderten so üblich ist; der Älteste wird Offizier und der Zweite Jurist. Ach, und ich möcht doch für mein Lebtag gern Maler werden!«

Ferdinand schlug mit der Faust auf den Tannentisch und schluchzte laut auf. Es war ein elementarer Ausbruch des Schmerzes, der den schmächtigen Jungen packte und förmlich schüttelte. Kerlchen öffnete seine Blauaugen schreckhaft weit. Etwas Neues, Fremdes trat heran, was es noch nicht ganz erfassen konnte.

»Er kann so wunderschön zeichnen,« sagte Ada leise zu Kerlchen, »und seine Lehrer sagen alle, er müßte Maler werden und Onkel Liskow sagt es auch, das ist aber der Einzige von allen Verwandten.«

»Weil er der Vernünftigste ist,« schrie Ferdinand, »und weil er garnicht mit uns verwandt ist, die Lölhöffels find ja alle zu dumm!«

Ada zeigte auf die Wandmalereien des Zimmers.

»Das hat alles Ferdi gezeichnet, und noch viel mehr war da, oh so schön und so komisch, deshalb hat Mama alles übertünchen lassen, bloß oben das blieb stehen, weil Papa so bat. Sieh, der Herr dort, der so gut und so streng aussieht, das ist Onkel Listow, und das ist sein alter Friedrich, und das sind seine beiden Pferde, Hans und Grete, und – und –«

»Und das bist du,« rief Ferdinand und sprang auf, fuhr dann unglaublich rasch mit schwarzem Kreidestift über die Wand, wahrhaftig, da stand schon Kerlchen mit dem wirren Lockenhaar, den trotzigen Augen, der Hut hing im Nacken, die Hände waren auf dem Rücken verschlungen.

»So sahst du heute Nachmittag aus, als du nicht auf dem Hängeboden schlafen wolltest, und das ist die Mama« – – wieder ein paar kühne Striche,– – »und das ist unser Papa,« – – ja, ei war es unverkennbar, der arme, geknechtete Geheimrat, Kerlchen mußte laut auflachen, und da warf Ferdinand die Kreide weit von sich und fing von neuem an bitterlich zu weinen.

In diesem Augenblicke kam Erna zur Thür herein.

»Schnell, Felicitas, das erste Bild wird vorbereitet, laß die beiden Nichtsnutze hier allein sitzen, morgen soll das Strafgericht sie noch viel gründlicher ereilen.«

Ferdinand und Ada schnitten unglaubliche Grimassen, es waren gar keine menschlichen Gesichter mehr, und besonders Ada schielte noch dazu so entsetzlich, daß gar kein Augapfel mehr zu sehen war. Kerlchen wollte noch ein paar liebe, gute Worte sagen, aber Erna zog sie mit, sich fort. Das große Arbeitszimmer des Geheimen Rats war zur Bühne verwandelt und gänzlich ausgeräumt worden. Nur der Diplomatenschreibtisch stand in einer Ecke, und der Geheimrat war den ganzen Nachmittag schier geisterhaft um den Tisch herumgeschwebt, immer in Sorge und Angst, daß bei dem Tohuwabohu einige von seinen wichtigen Zettelchen und Papierchen fortkommen könnten, die er sich für den Vortrag beim Minister zurechtgelegt hatte. Wirklich hatte er auch Minna dabei ertappt, wie sie auf Befehl seiner Gattin auf seinem Schreibtisch »Ordnung« machte, er hatte ihr stöhnend vor innerer Wut einige Papierfetzen abgejagt, mit denen sie zum Ofen wandern wollte, aber ein strenger, befehlender Blick der Geheimrätin verbot ihm schließlich endgültig das Betreten seines eigenen Zimmers, und jetzt saß er müde und abgespannt neben seiner Gattin auf bekränztem Sessel und hörte mit unendlich bitterm Lächeln den Prolog einer jungen Fee an, welche von der »Demut des Weibes, der Treue, dem Gehorsam« sprach. Es war das beste Gedicht, welches die stark poetisch veranlagte Geheimrätin jemals zu ihrem eigenen Geburtstage verfaßt hatte.

Hinter dem Vorhang ging es mehr als lebhaft zu. Der Regisseur, Regierungsassessor von Blankenburg, war bereits im Gewande des bösen Golo und lief wie wahnsinnig umher, ordnete hier an und stellte dort »unglaubliche« Mängel fest, dazwischen rief er aufgeregt: »Pscht, pscht, Ruhe meine Herrschaften, man hört draußen jedes Wort.« Sein willfährigstes Werkzeug war jedenfalls Erna von Lölhöffel, die sich mit unermüdlicher Geduld von einem Platz zum andern jagen ließ, um eine neue Stellung zu probieren, und die so unsagbar reizend als heilige Genofeva aussah. Ihr rotblondes Haar war gelöst und umhüllte wie ein Mantel sie und den kleinen Schmerzenreich, der in Gestalt von Adas großer Wachspuppe still und ruhig in ihren Armen lag.

Weniger still und ruhig verhielt sich die Hirschkuh. Sie sollte eigentlich behaglich wiederkäuend im Walde liegen, der von einigen mageren Oleanderbäumen markiert war; da aber die Vorderbeine von Max von Hellhoff dargestellt wurden, einem lebhaften und verzogenen Bengel, so hüpfte die Hirschkuh höchst nervös umher, und bei jeder Ermahnung, doch endlich still zu liegen, tönte es weinerlich aus ihrem Innern: »Ich kann nich, es juckt so.«

Auch die Hinterbeine hatten schon ein paarmal lebensgefährlich ausgeschlagen, und Kerlchen stöhnte erbärmlich: »Ich habe keine Lust, es ist furchtbar heiß hier drinnen.«

»Ruhe jetzt, oder ich ohrfeige euch alle beide,« schrie der Assessor wütend, denn der Vorhang sollte hochgehen. Da hatte denn auch die Kuh ein Einsehen und legte sich malerisch hin; die dumpfen Klagelaute, welche ab und zu aus ihrer Seele kamen, waren der schmerzlichen Lage, in der sich Genofeva befand, ganz angemessen. Gerade als der Vorhang oben war und das Bild mit »Ah« und »oh« bewundert wurde, kam ein Telegramm an den Geheimrat. »Vom Vetter Schlieden,« sagte er halblaut, aber die Hirschkuh hatte es doch gehört und brüllte in das erstaunte Publikum: »Was schreibt Papa? Wie geht es ihm?«

Der Vorhang mußte fallen.

Der Geheimrat schickte zu Kerlchens Beruhigung das Telegramm hinter die Kulissen und dort durften die unglücklichen Bewohner der Hirschkuh einmal Luft schnappen und Kerlchen las: »Bitte um sofortige Nachricht, ob mein Töchterchen gut angekommen ist.«

Kerlchen barg das Papier sorglich in ihrer Kleidertasche und ließ sich dann wieder geduldig das Fell über die Ohren ziehn.

Zweites Bild: »Schmerzenreichs Wiederkehr.«

Es war ein zu verfänglicher Name; was Wunder, wenn ein Unstern auch über diesem Bilde schwebte!

Kaum war der Vorhang wieder in die Höhe gegangen und hatte dem erstaunten Publikum den Einzug des Thronerben in das väterliche Stammlokal angedeutet, als sich auf dem Flur hinter der Thüre eine lebhafte Unruhe bemerkbar machte. Laute Stimmen und dazwischen wieder beschwichtigende Rufe ertönten, der Geheimrat, welcher der Thür am nächsten saß, öffnete sie ein wenig, und nun hörte man deutlich eine weinende Frauenstimme: »Um Gotttausend willen, ech will ja nur emal sehn, ob das Gerlichen xund is.«

Mit einem Jubelruf riß die Hirschkuh mitten durch.

»Das sind Schmidts, das sind Schmidts,« schrie Kerlchen, strampelte schnell die Haut der Hinterbeine von sich ab und lief unbekümmert um das, was es zurückließ, durch die helllachenden Zuschauer direkt in die Arme einer einfach gekleideten kleinen, dicken Frau, die neben ihrem ebenso kleinen und dicken Gatten stand. Und nun hatte die vornehme Gesellschaft ein anderes lebendes Bild: »Das Ehepaar Schmidt aus Garnsdorf hielt Kerlchen fest umschlungen, und unter Lachen und Weinen riefen die Beiden immer abwechselnd: »Gott Lob un Dank, daß 'r nischt bassiert is. Ech hatt's nich iberlebt, wenn 'r was bassiert wär!«

Das ganze Intermezzo war so plötzlich gekommen, daß die Geheimrätin garnicht wußte, wie ihr geschah. Am liebsten hätte sie es gesehen, wenn sich die Erde geöffnet und ihre liebe Nichte samt den obskuren Bekannten verschlungen hätte, aber die Erde that ihr diesen Gefallen nicht, im Gegenteil, die Thüre zum Gesellschaftszimmer öffnete sich und neugierige Gesichter schauten der unliebsamen Scene zu. An die lebenden Bilder dachte niemand mehr.

Frau von Lölhöffel kam ein rettender Gedanke. Sie dirigierte mit ihren aristokratischen Händen höchstselbst den braven Hofbesitzer aus Garnsdorf in das Kinderzimmer, Frau Schmidt und Kerlchen folgten und nun, nachdem die Geheimrätin noch die Thür verschlossen und verriegelt hatte, wandte sie sich an das erschrockene Ehepaar.

»Nun sagen Sie mir, was Sie hier wollen zu nachtschlafender Zeit?«

»Nu äbend, mer wollten nach's Kerlchen sähn. Mer hattens dem Herrn Oberscht versprochen, 's kleene Mächen richt'g abzuliefern; där Kuffert is wohl scho längst da, – un wenn där elendigte Schwindler nich gekommen war, där mersch ganze Geld abgeluchst hat, ich wär scho lange dahier.«

Die Nase der Geheimrätin wurde spitz und lang. »So? – Ihr Geld ist fort? Da läuft wohl alles nur auf eine Bettelei hinaus?«

»Madame! Sähn Sie nach Ihren Worten,« rief der kleine Herr Schmidt, und all der Ärger, den er heute wohl schon geschluckt hatte, brach bei ihm los.

»Ech habe noch nie nich einen Menschen angegangen, un den estemier ich nich for was Honettes, der mir so was zutrauen thut, Ech wollt bloß fragen kommen, ob das liebe Dingelchen gut uffgehoben wär, daß mer ruhig schlafen kennten. Un nach 'n Hôtel wollt 'ch auch fragen, weil mer so fremd sin in dän gottverdammten Berlin.«

Nie Geheimrätin drückte mit sehr energischer Hand auf die elektrische Klingel und schloß die Thür wieder auf.

»Bringen Sie die – die Leute sofort nach irgend einem Gasthaus,« herrschte sie die herbeieilende Minna an.

»Nehmen Sie mich mit, oh nehmen Sie mich mit,« flehte Kerlchen und klammerte sich an den kleinen, dicken Herrn, der wieder dunkelrot vor Zorn auf die Geheimrätin los ging.

»Irgend ein Gasthaus? Da muß ich doch sehr bitten, Gott sei Dank, so viel Kredit hat der Hofbesitzer Schmidt aus Garnsdorf auch in Berlin, daß ich ruhig abwarte kann, bis mei Geld kömmt. Ich will in dasselbe Gasthaus, wo der Herr Oberscht immer absteigen,« wandte sich Herr Schmidt an die bereitstehende Minna. »Besorgen Se en Wagen und denn fahr'n mer alle hin, un wenns Kerlchen dahier im Wege is, denn nehme ich's mit.«

»Meine Nichte bleibt hier,« ertönte plötzlich die Stimme des Geheimrats in so ungewohnter Festigkeit und energischem Tonfall, daß seine Frau ihn erschrocken ansah, nicht anders meinend, als er sei plötzlich verwandelt worden und zwar in den ehemaligen schlichten Referendar von Lölhöffel. Das war die einzige Zeit, in der er noch ein flotter, forscher Kerl war, ein mutiger, ehrlicher Mensch, der Liebling seiner Kollegen, der mit großem Talent Karrikaturen zeichnete, bis er selbst eine solche heimführte.

Er hielt seine Rechte dem braven Herrn Schmidt hin und dankte ihm für die Sorge, die er Kerlchen auf der Reise erwiesen.

»Heute bleibt Felicitas unter meinem Dach, morgen darf sie Sie einmal im Hotel aufsuchen.«

Frau Schmidt wollte sich nicht so rasch von Kerlchen trennen, aber ihr Ehegespons schob sie kräftig vor sich her, bis die Hausthür zwischen ihnen und der gastlichen Familie ins Schloß fiel. Den Geheimrat aber traf ein Blick seiner besseren Hälfte, vor dem er ins Gesellschaftszimmer flüchtete und den er sich ins Deutsche übersetzte: »Lölhöffel, wir sind heute auch noch mal allein

Wie das Festprogramm weiter verlief, erfuhr Kerlchen nicht, es rannte aufgeregt in das Kinderzimmer und geberdete sich dort so wild und unbändig, so trotzig und widerspenstig, daß Ferdinand und Ada gar nicht wußten, was sie mit ihm anfangen sollten. So sahen sie denn ganz still, aber mit großer Teilnahme Kerlchens »Anfall« zu und sorgten, daß keine Störung von außen eintrat. Als das Kind sich beruhigt hatte, hielt Ferdi ihm ein Glas Champagner hin.

»Da nimm,« sagte er, »die Schauspieler haben alle Sekt hinter die Kulissen bekommen, deshalb hab ich für dich auch eine Flasche gemaust, denn an uns denkt doch niemand. Trink nur feste, du hast's verdient. Na, nu hör blos, wie sie drinnen »Hoch« rufen, – ach, wer doch mal zusehen könnte.«

»Pah, mach mir gar nichts draus,« sagte Ada wegwerfend, »wenn wir doch bei den Hauptsachen nicht dabei sein dürfen. Erna will sich heute verloben, ich weiß es von Minna; Mama hat den besten Wein herausgegeben und ein paar Flaschen echten, französischen Champagner, dies is blos man deutscher, aber er schmeckt ausgezeichnet, trink nur feste, Kerlchen.«

Kerlchen trank.

»Is es nich gemein von Erna, daß sie sich mit Blankenburg verlobt,« sagte Ferdi nachdenklich, »blos weil sie auf den lieben, guten Herrn von Fischersdorf noch zu lange warten mußte. Mädchen sind alle falsch.«

Ada zuckte die Achseln, aber Kerlchen rief bestimmt: .

»Ich nicht!«

So unkindlich sahen die Geschwister aus, als sie so über die Vorgänge ihres Hauses verhandelten, – dazu die späte Abendstunde, das unordentlich aussehende Zimmer mit der halb geleerten Sektflasche auf dem Tisch; Kerlchen erschien auf einmal ihre kleine Bude in der Erfurter Pension in hellerem Lichte, trotzdem es gar nicht weiter drüber nachdachte, was sie so häßlich und fremdartig berührte.

»Komm, trink,« ermunterte Ferdi, der schon recht rot und heiß war, und nicht mehr ganz fest stand.

»Ich mag nicht,« wehrte Kerlchen, »ich möchte so gern schlafen.«

»Dann hol nur schnell dein Nachtzeug,« rief Ada, »sieh, Ferdi hat deine Matratze und deine Betten vom Hängeboden mit der Minna hergeschleppt, da liegt alles auf der Erde.«

»Guter Ferdi,« bekräftigte Kerlchen.

»Och, kein Ursach, geh jetzt nur leise in den kleinen dunkeln Salon drüben, da ist niemand drin, aber deine Plaidtasche steht drin, sagte Minna, sie hatte keine Zeit, sie herzubringen.«

Kerlchen durchschritt den matterhellten Flur und klinkte leise, ganz leise die Thür zum kleinen Salon auf. Dort war es thatsächlich so dunkel, daß Kerlchen zuerst überhaupt nichts sehen konnte, aber dann sah es doch zwei Personen ganz eng umschlungen auf dem Sopha sitzen. Kerlchen betrachtete sich die beiden sehr ungeniert und trat noch ein paar Schritte vor, wobei seine Stiefelchen vernehmlich knarrten. Mit einem Schrei fuhr Erna von Lölhöffel empor, auch Herr von Blankenburg sah erschreckt auf.

»Immer dieses Unglückswurm,« versetzte er zornig halblaut, »was stehst du da? Mach, daß du wegkommst.«

»Nun, wirds bald?« herrschte Erna sie an. »Was stehst du da? Was guckst du mich so an, dummes Ding?«

Kerlchen wandte sich zum Gehen.

»Ich beseh dich nur mal richtig. Ich find es so schauderhaft, daß Genofeva den Golo lieb hat und nich auf den richtigen Ritter wartet, es ist gar nicht, wie im Märchen!«

»Vorlautes, altkluges, abscheuliches Mädchen!«

Diese Benennungen schlugen noch an Kerlchens Ohr, ohne weiteren Eindruck zu machen; Kerlchen fand endlich seine Plaidtasche und schlug die Thür hinter sich zu. Ihm war recht traurig zu Mute, so als wäre es hier in Berlin wieder ein paar Jahre älter geworden, ohne auch körperlich zu wachsen, so daß es niemals mit reden konnte, wenn große Leute etwas Unrechtes thaten.

In der Kinderstube setzte es sich müde auf einen Stuhl und sah die Geschwister bekümmert an.

»Sie sind nun!« sagte es orakelhaft.

»Was denn?«

»Verheiratet!«

»Wer?«

»Golo und Genofeva.«

»Ach – du meinst wohl verlobt?«

»Es ist dasselbe,« seufzte Kerlchen, »ich habe es nun schon so oft durchgemacht. – – –

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