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Kerlchens Lern- und Wanderjahre

Felicitas Rose: Kerlchens Lern- und Wanderjahre - Kapitel 7
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleKerlchens Lern- und Wanderjahre
publisherVerlag von Rich. Bong
seriesProvinzmädel
volumeBand II
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senderwww.gaga.net
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Aus Kerlchens Tagebuch.

So ein verständiger Brief von einer Mutti ist was sehr Schönes, wenn sie auch verkehrte Ideen über Schulvorsteherinnen hat, die haben ja Mütters immer. Aber mit dem Storch! Ich bin wieder ganz froh. Man weiß doch, woran man ist. Und schließlich kann ich die Sache immer noch mit Herrn Schönwolt mal richtig besprechen, es ist gut, wenn er auch Bescheid weiß, wenn sie ihm mal was Falsches gesagt haben sollten. Und nun soll ich nach Berlin, aber nicht gleich, erst darf ich noch die Hochzeit von Herrn Schönwolt mitmachen. Ich bin noch nie auf einer Hochzeit gewesen und ich denke, ich werde mich mal ordentlich satt essen. Ich fahre dann auch bestimmt nach Schwarzhausen, zu – – – eigentlich zu niemand, aber ich will doch unser liebes Haus mal sehen und Hermanns Grab und Herrn Dr. Karsten und Fräulein Mauritius und Schlachter Krone. Oh ich habe solche Sehnsucht nach allen, aber man darf es nicht zeigen und darf auch nicht heulen, es ist unmännlich.

Auf Berlin freue ich mich auch sehr, es muß furchtbar interessant sein, die Menschen dort sollen so große Münder haben, sagte Johann mal, und die nehmen sie immer sehr voll. Nun, ich werde mir das alles besehen, es muß nicht gerade hübsch aussehen, aber – Gott – wenn ich was hätte, würde ich den Mund auch vollnehmen. Tante Theel – – –, ich meine Tante von Lölhöffel ist toll vornehm, so ähnlich wie Tante Emerenzia. Väterchen sagte mal früher, sie wäre nicht nur adlig besetzt und verbrämt, sondern auch adlig gefüttert und wenn sie sich in den Finger schnitte, dann spritzte das blaue Blut nur so raus. – Muß ich mir alles besehn! Es ist riesig nett, so 'ne Verwandtschaft zu haben, sonst sieht man sowas nur auf Jahrmärkten oder Vogelschießen.

*

Amalienlust, im Juli.

Ich würde nicht in dich hineinschreiben, liebes Buch, wenn ich nicht von Tante Emerenzia eingesperrt wäre. Sie ist gerade noch so, wie früher, und hat sich garnicht gebessert, wie ich .. Ich bin sehr müde, denn ich habe zuerst eine Viertelstunde mit den Füßen aufgestoßen, dann eine Viertelstunde gebrüllt, – nicht geweint, nein nur so planlos – dann habe ich laut gelacht, damit Tante es hören sollte, aber nun schreibe ich, weil ich dann andere Gedanken kriege, ich habe mir nämlich so furchtbare Strafen für Tante Emerenzia ausgedacht, daß ich mich ordentlich ein bißchen fürchte so allein. Es war eine sehr herrliche Hochzeit, sie war schon vorgestern. Beinahe wäre ich garnicht hingekommen, denn Tante Emerenzia fand es nicht »fähr« für mich. »Fähr« ist ein rasend dummes Wort und kommt überall vor. Alles, was nett ist und was mir gefällt, ist nicht »fähr« für mich. Aber schließlich hörten wir, daß der Fürst selbst ein Stündchen auf Herrn Schönwolts Hochzeit gehen wollte und da war es mit einmal »fähr«. Ich habe in der Kirche Blumen gestreut, nun sagt Tante Emerenzia, ich hätte alles verkehrt gemacht, aber warum gab sie mir so'n kleines Körbchen und so wenig Blumen? Da war'n sie natürlich gleich alle, wie das Brautpaar kaum in der Mitte von der Kirche war. Wie die Predigt fertig war, und sie wieder hinausgingen, faßte ich Herrn Schönwolt an der Hand und Fräulein Kolditz auch und marschierte mit ihnen raus, das war wieder nicht recht, und sie lachten alle, was man doch garnicht darf in einer Kirche. Wie wir am Taufstein vorbei kamen, fragte ich Fräulein Kolditz, ob sie da dran ihr kleines Kind taufen ließe und sie möchte es kriegen, so lange ich noch da war, das war den Leuten wieder nicht recht. So geht es nun immerzu, was ich auch anfangen mag. Bei der Hochzeit war ich wirklich sehr satt, eigentlich zu satt, aber sobald ich mich übergeben hatte, war das Zusatte fort, und ich konnte noch weiter essen. Grade während so einer Übergabe kam der Fürst und soll furchtbar nett gewesen sein, es that mir zu leid, daß ich ihn nicht gesehen habe, er hat gleich nach mir gefragt. Dann ist er wieder fortgegangen und wir haben alle auf sein Wohl getrunken und auf den Erbprinzen seins und auch auf die Fürstin. Aber da wurde mir so komisch zu Mute, wie mal ganz früher, als ich mit Onkel Professor eine Reise in den Thüringer Wald machte; der Saal wurde auf einmal ganz groß und dann wieder ganz klein, sie haben mich nachher mitten auf den Tisch gestellt, und ich habe eine Rede gehalten. Sie war gewiß sehr schön, weil alle so laut lachten, ich weiß aber kein Sterbenswörtchen mehr davon. Nachher bin ich an die frische Luft gegangen, und weil ich so schlecht gehen und stehen konnte, habe ich mich in einem Strohdiemen hingelegt. Kann ich nun dafür, daß ich einschlief und sie mich die ganze Nacht gesucht haben? Erst früh um 8 Uhr haben sie mich gefunden, sie sind zuerst nach der verkehrten Seite gelaufen. – Tante Emerenzia hat alle rebellisch gemacht mit ihrer Angst und hat zu dem armen Herrn Schönwolt gesagt, so kalt und spitz, wie sie reden kann: »Von Ihnen fordere ich Felicitas zurück!« Sie selbst hat sich ins Bett gelegt, aber der gute, liebe Herr Schönwolt hat mich die ganze Nacht gesucht, und dann hat er mich auch gefunden. Er ist eben ein zu guter und herrlicher Mensch, er hat sich halb tot gesorgt um mich, das that mir schrecklich leid. Deshalb ging ich auch nicht gleich ins Schloß, sondern blieb bei ihm und Fräulein Kolditz und trank mit ihnen Kaffee, bis Tante Emerenzia mich holen ließ, wie sie endlich ausgeschlafen hatte. Ich will alle die greulichen Wörters garnicht herschreiben, die sie sagte, und dann fand sie es wieder »durchaus unpassend«, daß ich bei Herrn Schönwolt und Fräulein Kolditz geblieben war, sie weiß eben nicht, was sie will. Aber wegen all dem bin ich nicht etwa eingesperrt worden, sondern wegen etwas Gutem, was ich gethan habe. Ich habe meinen Patenfürsten nämlich noch garnicht gesehen und muß ihm doch so viel erzählen und ihm noch so viel danken für all das Gute, was er mir und Herrn Schönwolt und Fräulein Kolditz gethan hat. Sie heißt ja wegen der Lehrerstelle jetzt auch » Frau Schönwolt«. Aber wenn ich mit Tante Emerenzia »zur Audienz« hingehe, dann kann ich dem Fürsten doch nichts erzählen, dann muß ich bloß 'n Knix machen und 'n Handkuß und mich nach dem fürstlichen Befinden erkundigen, was mir alles Wurscht ist, und kann nicht ein einziges Mal sagen: »Mein lieber, guter Pate, wie geht es dir?« Also deshalb horchte ich so ein bißchen bei den Hofleuten herum, und wie der Hofmarschall zum Kammerherrn von Letzlingen sagte: »Seine Durchlaucht wünschen jetzt ungestört zu sein,« da dachte ich – nu ist's Zeit. Und da lief ich schnurstracks zum Fürsten hin, und klopfte garnicht erst an, er saß an seinem Schreibtisch und hatte den Kopf in die Hand gestützt, furchtbar ernst sah er aus. Wie ich aber hereinlief und mich an ihn schmiegte, da fuhr er auf, ich beruhigte ihn gleich und sagte: »Ne, ne, es kommt jetzt niemand, Gott sei Dank, wir können gemütlich zusammen schwatzen, du wolltest ja ungestört sein.«

Da lachte er so herzlich und freundlich, wie früher, als er noch ganz gesund war, aber wie ich so mitten drin war im Erzählen, da wurde er ganz blaß und kriegte sowas wie einen Schwindel und Angst und klingelte, da stürzten alle rein und sahen mich und warfen mich beinahe heraus, und den Fürsten führten sie in sein Schlafzimmer, und Tante Emerenzia erzählten sie eine Mordsgeschichte, nichts ist davon wahr, aber sie sperrte mich ein. – Eben schließt sie auf und nun werde ich wieder wütend, ich kann nicht anders. –

*

Abends.

Ich hatte gar keine Zeit, wütend zu werden, Tante Emerenzia hatte eine entzückende Puppe in der Hand, die schickte mir der Fürst. Tante war auf einmal sehr lieblich und sagte, es war alles ein Mißverständnis, Seine Durchlaucht hätten geruht es aufzuklären. Ich riß ihr die Puppe aus der Hand, es ist ein süßes Lockenköpfchen und ich nenne sie »Dagmar«. Es giebt doch nichts Schöneres auf der Welt, als Puppen und kleine Kinder und Fürsten. – – – Und Schlachter und Volksschullehrer und Artilleristen!

*

Gestern war ein wunderschöner, fröhlicher, trauriger Tag. Es war so, als wenn man zum lieben Pfingstfest in der Kirche ist, oder auch am Weihnachts-Heiligabend, wenn die Lichtchen am Altar brennen und der Herr Pfarrer vom Christkindchen erzählt. – Ich war in Schwarzhausen! – Ich hab so sehr viel erlebt gestern, in der Stadt und in unserer Villa und auf dem Kirchhof und im Herzen drin. Deshalb ist's mir heute, als wär ich schon ganz groß und alt, so viele Gedanken laufen mir im Kopfe herum. Schwarzhausen ist wunderschön, bloß sie küssen alle dort so viel, das ist kaum zu ertragen. Zuerst bin ich beinahe erdrückt worden, auch von ganz fremden Menschen, und wie ich dann zuletzt Besuche machte, streckte ich nur immer die Hände aus und sagte: »Bitte nicht!«

Dann wußten sie schon Bescheid. Doktor Karsten ist grade noch so nett wie früher, aber garnicht mehr traurig und Fräulein Mauritius auch nicht. Der liebe Gott hat ihnen vor ein paar Tagen ein winziges Kind geschickt, so ein herziges, süßes, liebes und Erni heißt es. Dr. Karsten fragte mich, wie viel Menschenglücker ich wieder befestigt hätte in der Zwischenzeit, und bedankte sich noch vielmals bei mir, aber ich weiß nicht, was er meinte. Wir gingen dann zusammen nach unserer Villa, denn Doktor Karsten hat die Schlüssel dazu, und wie wir durch den Garten gingen und über die Terasse, da wurde mir so ganz schwindlig und das Herz klopfte mir so stark und dann wars, als ob es still stände, und Doktor Karsten trug mich einfach an den Brunnen und ich mußte aus seiner hohlen Hand trinken. »Mir ist so komisch,« sagte ich und er sagte: »Armes Kerlchen!« Seine Augen waren ganz naß, ich sah es wohl. –

Ich glaubte, ich würde mich freuen, ach so sehr freuen drinnen in unserer Villa, aber ich konnte es nicht. Ich stand mitten im Salon, und sah so auf alles hin und ich wollte immer was sagen, aber im Halse da war etwas – –.

Ich lief nachher in mein Stübchen, da war alles verhängt, ich hätte ja die weißen Tücher fortnehmen können, aber ich fürchtete mich. Mit einem Male kam ein Luftzug stark durch die offne Thür, da flogen ein paar Tücher von selbst weg, und ich erschrak sehr. Da stand die alte, braune Staffelei, auf der Muttchen immer früher malte, und darauf lehnte Papas Bild, ganz groß gemalt. – Oh, er sah mich an, mein, mein Papa – und ich nickte ihm zu, und er lachte – – ach – da drückte ich meinen Kopf an das Bild und weinte so ganz ganz stark, es war ja niemand da. – – – – – – –

*

Wer Doktor blieb lange in unserm Wintergarten, endlich kam er ganz leise und fragte: »Bist du fertig, Kerlchen?« und da war ich auch grad' fertig und ging still mit ihm fort. – –

*

Brief von Herrn Schlächtermeister Krone an Herrn Oberst Schlichen.

Hochgeehrter Herr Oberst!

Mit hoher Freude ergreife ich die Feder, da ich Herrn Oberst die Ehre geben darf, mich mit ihm zu unterhalten. Wo ich stets weiß, daß Herr Oberst den Unterschied zwischen Mein und Dein nicht kennen, ich meine mit Respekt zu sagen, den Unterschied zwischen meinem einfachen Stande und Ihrem hohem Range. Und wollte mich in meinem geneigten Schreiben erstens entschuldigen, wenn es zu lang wird und zweitens gütigst bitten, das Strafporto auszulegen, drittens werde ich dann in einem ferneren Schreiben zwei Postmarken retuhr erstatten, weil ich noch niemalen Jemandes Schuldener gewesen bin.

Viertens wollten ich und meine Frau vielmals danken, daß das Kerlchen uns besuchen kam und spreche hiermit so zu sagen im Namen der ganzen Stadt, denn Frieden und innere Ruhe unserer Einwohner sind uns heilig und wer dazu beiträgt, der findet uns als dankbare Gesinnungsgenossen, nämlich Kerlchen.

Was Kerlchen hat in seiner großen und rührenden Dämlichkeit und Unschuld einen Segen in einem Mutterherzen gestiftet, wofür ich Herrn Oberst nicht genug danken kann, weil Sie doch als Vater von dieses Kind an allem Schuld haben. Also ich machte gestern meinen gewöhnlichen Spaziergang und kam bei Sie vorbei und da kam aus Ihre Thüre der Doktor und das Kerlchen, und der Doktor sagte, ich möcht' das Kind unter meinen Schutz nehmen, denn es wollt partuh auf den Kirchhof gehen und er könnt nicht mit, er hätte Sprechstunde. Natürlich that ich das und wir Zweie saßen dann an Hermann Bergs Grab, wo eine kleine, hübsche Bank steht und ich mußt mir ein paar Mal die Augen wischen, denn das Kerlchen erzählte so seine kleinen Verlebnisse in die Penßion und es war nicht so, als ob sie mir erzählte, sondern als ob es für den toten Spielkameraden bestimmt wäre. Nachher standen wir auf und das Kerlchen schlenderte so neben mich her, und wie wir an der Mauer vorbeikamen, zeigte ich so mit dem Stock hin und sagte, ohne mich viel bei zu denken: »Da liegt auch die Minna Fehrs!«

Es ist ja nun wahr, schrecklich sah das Grab aus, es war gar kein richtiger Hügel mehr und ganz eingesunken und Schierling wuchs drauf, wies eben so is, wenn Eins nicht abwartet, bis ihn der Herrgott ruft, sondern sich selbst zu nichte macht. Da legt niemand ein Paar Blumen drauf oder läßt das Grab zurechtmachen, denn wir in so 'ner kleinen Stadt halten noch auf Zucht, un je eher, je besser ist so ein Hügel der Erde gleich gemacht. Wenn freilich die Mutter von der Minna mal zu ihrem Kinde gewandert war, hätt wohl niemand was drin gefunden, eine Mutter is ebend eine Mutter! Aber die Frau Fehrs verzeiht nicht und was das Schlimmste ist, mit keinem Menschen fast hat sie seither gesprochen die Jahre lang und auch mit dem lieben Gotte nicht. Dem hat sie zuerst furchtbare Worte gegeben, und wie die Nachricht kam, daß der Leutnant von Vallian bei 'ner Expedition von die Schwarzen todt gemacht ist, da hat sie gelacht, so schrecklich, daß wir meinten, sie müßte fort in eine Anstalt.

Wie wir nun so vor dem Grab stehen, was eigentlich kein Grab mehr war, da guckt mich das Kerlchen an und ich hab immer gedacht, es hätt' blaue Augen, aber da waren sie ganz schwarz. Und nichts weiter gesagt, – hingelaufen zu Frau Fehrs und mir knallte sie die Thür vor der Nase zu. Warraftig Herr Oberst, mir schlug das Herz, was nun wohl kommen würde, denn vor der Frau Fehrs fürchteten wir uns alle 'n bischen, weil sie das Lachen und das Weinen, das Sprechen und das Beten verlernt hatte. Und unserm guten Herrn Pfarrer hatte sie das Haus verboten.

Dann bin ich still heimgegangen, aber meine Frau und ich haben das Haus immer im Auge behalten und – Herr Oberst, ich denk', ich schlag lang hin, wie das Kerlchen nach 'ner Weile rauskommt und halt die Frau Fehrs bei der Hand und die ganze Schürze hats voll Blumen, die in dem alten Fehrsschen Garten so wucherten. Zum Kirchhof sind sie gegangen und wie ich hinterher naufgemacht bin, ist alles ein Blumengarten gewesen. Und die Frau Fehrs hat Frieden gemacht mit sich und mit dem lieben Herrgott und mit dem Herrn Pfarrer und ordentlich verändert, fröhlich verändert, sieht die Frau aus. »Sie hat neuen Lebensmut von das Kerlchen bekommen,« fügt sie, – aber was nun das Kind ihr alles gesagt hat, das ist ein Geheimnis zwischen die Frauenzimmer, die wahrhaftig auch manchmal schweigen können, aber man selten. Womit ich achtungsvoll verbleibe.

Ew. Wohlgeboren ergebenst Krone.

PS. Bemerke noch einmal wohlwollend, daß das Strafporto meine Sache ist.

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