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Kerlchens Lern- und Wanderjahre

Felicitas Rose: Kerlchens Lern- und Wanderjahre - Kapitel 6
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleKerlchens Lern- und Wanderjahre
publisherVerlag von Rich. Bong
seriesProvinzmädel
volumeBand II
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correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Antwort von Herrn Schlachter Krone an Kerlchen.

Mein liebes Kerlchen!

Ne, da weiß ich gar nichts von, ich hab da nie recht zugehorcht, wenn die mordsklugen Leute sich von so was erzählen thäten, und die jungen Freileins in der Penßion sollten auch was Besseres thun. Und Du mußt nich so viel sinnieren, mein liebes Kerlchen, das nützt Dich nischt und is Unfug. Ich schick Dir lieber mal wieder ne Wurschtkiste.

Dein treuer Freund
Krone,
jetzt mit Dampfbetrieb.

*

Antwort von Herrn Lehrer Schönwolt an Kerlchen.

Liebes Kerlchen!

Plag Dich doch nicht mit solchen Fragen und Gedanken, mein liebes Kleines! Sieh mal, wie draußen die Sonne lacht und wie Dich alles lockt – hinaus in den Wald! Könnt' ich doch nur bei Dir sein, ich denke so viel an meine kleine, liebe Schülerin, an das Heinzelmännchen und Erzgeneraldümmerchen mit seinem guten Herzen und tollen Köpfchen. Ich will Deinen lieben Papa bitten, daß er Dich in den nächsten Ferien nach Amalienlust schickt, – da kannst Du gleich ein schönes Fest mitmachen, meine Hochzeit mit Fräulein Kolditz; wir wollen sie ganz still und einfach feiern, nur mein Mütterchen kommt dazu her; aber unser Kerlchen darf nicht fehlen, der liebe Papa wird es schon erlauben. Hier ist es ganz herrlich, nur eins bedrückt uns alle sehr, daß unser gütiger Fürst so viel leidend ist. Die besten Menschen werden immer am meisten vom Ungemach heimgesucht, das siehst Du auch an Deinem lieben Muttchen. Bleibe Du nur immer gesund, kleines, liebes Kerlchen, geh recht viel spazieren und schließe Dich nur an gute Kinder an.

Wills Gott, auf baldiges Wiedersehn!

Dein treuer Lehrer und Freund
Christian Schönwolt.

*

Antwort von Oberst Schlieden an Kerlchen.

Mein alter Kerl! Deinen Fragezeichenbrief hab ich an die höchste Instanz, an Deine Mutti nach Pallanza geschickt. Kerlchen, was fragst Du für Zeugs zusammen! Die Frauenzimmer um Dich rum sind ja wohl rein des D– –, ich meine, es sind Dreikäsehochs und sollen Ordre parieren und Dich in Ruh lassen. Kannst ihnen den Brief zeigen! Ich will doch mal nächstens nach Erfurt kommen und ein bißchen bei Euch revidieren; die Vorsteherin schreibt mir, daß Du brav lernst und die Erste werden sollst. Na, ich bin auch zufrieden, wenn Du in der Mitte sitzt und nicht gerade als fünfundzwanzigste von fünfundzwanzig mitläufst. Nicht überanstrengen, mein Kerl! Und keine Balladen mehr machen, hörst Du? Wir haben schon genug. Prinz Li hätte Dir auch schon längst mal wieder geschrieben, aber er ist immer so müde. Gebe Gott, daß es bald besser wird! Mir gehen viele Pläne im Kopfe herum, wie wir es wohl mit Dir während der Ferien machen, es ist aber alles noch nicht spruchreif. Gott mit Dir, mein Kerlchen! Kopf hoch! Schreib mir ja, wenn Du Geld brauchst, oder sonst mal 'n Wunsch hast.

Dein treuer Vater Schlieden.

*

Antwort von Frau Oberst Schlieden an Kerlchen.

Mein teures Kind!

Hätte ich Dich doch jetzt bei mir, mein liebes, armes, kleines Mädchen, – ach wie haben es doch andere Mütter gut, die bei ihren Kindern bleiben können! Vielleicht ist es auch nur die grenzenlose Sehnsucht nach Euch, die meine Heilung so verzögert, Du hast eine ganz arme, schwache Mutter, mein Kerlchen. Deine brennende Frage in dem lieben Briefchen, die Du so dick, und mindestens zehnmal unterstrichen hast, kann ich Dir mit gutem Gewissen so beantworten, daß unser lieber Herrgott uns die Kinderchen schickt. Ich habe da auch nicht weiter drüber nachgegrübelt, ich war froh, als ich Dich im Arme hielt und wurde ordentlich krank vor Freude, ebenso war es, als der liebe Gott uns den Erich schickte. –

Und nun gieb Dich zufrieden und frage keine anderen Menschen, Lehrer oder Mitschülerinnen danach; gelt, ich darf mich auf mein Kerlchen verlassen? Und wenn die wunderschönen Märchen alle, die wir als Kinder hörten, auch nicht volle Wahrheit sind, deshalb behalten wir sie doch lieb, nicht wahr, weil die Dichter sie sich so herrlich ausgedacht haben und weil in jedem der alten Märchen eine tiefe, schöne Wahrheit steckt, die das kleine Kerlchen noch nicht begreift, die aber einst die große Felicitas mit hohem Entzücken empfinden wird.

Mein Kerlchen, der Vater schreibt mir, daß er Dich mit nach Berlin nehmen will zu unseren Verwandten dort; ich bin natürlich recht in Sorge, wie Du Dich mit ihnen stellen wirst. Deine Cousine Ada von Lölhöffel ist so ganz anders erzogen, als Du; nicht wahr, Du wirst recht lieb zu ihr sein und auch Tante Heloise von Lölhöffel nicht »Theelöffel« nennen, wie früher einmal. Präge Dir den richtigen Namen recht ein, Tante liebt solche Scherze nicht. Nimm Dich auch recht auf den Straßen in acht, Berlin ist nicht Schwarzhausen und auch nicht Erfurt, verursache keine Aufläufe und schimpf niemals laut, pfeife auch nicht, sie sperren dort gleich ein. Ach, liebes Kind, mein Herz ist recht schwer, aber ich verlasse mich auf meine verständige Felicitas. Grüße Deine verehrte Schulvorsteherin, Fräulein Kleist, herzlich von mir, sei immer artig und gut, auch wenn Du manchmal meinst, daß Dir Unrecht geschieht, oder wenn Du die Anordnungen der Dame nicht recht begreifen solltest. Sie ist so viel erfahrener und klüger als Du, mein Kerlchen, und meint es gut mit den ihr anvertrauten Kindern. Gott nehme Dich in seinen Schutz, mein Herzenskind. Es küßt Dich herzlich

Deine treue Mama.

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