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Kerlchens Lern- und Wanderjahre

Felicitas Rose: Kerlchens Lern- und Wanderjahre - Kapitel 5
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleKerlchens Lern- und Wanderjahre
publisherVerlag von Rich. Bong
seriesProvinzmädel
volumeBand II
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Kerlchens gesammelte Gedichte.

Meinem lieben Papa mit entsetzlicher Liebe gewidmet.

Lieber Papa, nimm diese Gedichte freundlich an,
Ich weiß, daß ich es noch nicht so wie Schiller kann,
Der liegt in der stillen Fürstengruft
Bis ihn der liebe Gott zu sich ruft.

Dein Kerlchen.

*

Für meinen Lehrer Herrn Christian Schönwolt, früher hier bei uns an dieser fürchterlichen Schule, jetzt in Amalienlust in dem weinumrankten Häuschen.

Ach wie schön war es doch noch,
Als Sie waren in Erfurt doch.
Doch es kam der furchtbare Tag,
Und der brachte das Ungemach.
Ich brachte Sie zu dem Zuge auf die Bahn
Und habe den letzten Abschied empfahn,
Ich sah Ihnen lange weinend nach,
Und Ihre Braut fuhr nach Bieselbach.
K.

*

Für Herrn Schlachter Krone ff. Wurstfabrik.

Sie waren immer gut zu mir,
Daran muß ich denken oft hier,
Hier ist es wie in einer Wüste,
Ich sehne mich nach einer Wurstkiste,
Hier ist mir immer trocken im Hals,
Doch bei Ihnen da giebt es schönes Schmalz.
Es ist gewiß wie das schönste Geschenke,
Wenn ich freundlich an Ihre Würstchen denke.

(Nachschrift: Die beiden letzten Zeilen sind wundervoll, Gretchen Döring sagt es auch und das Stubenmädchen auch; ich meine, wenn ich mich recht übe im Dichten, kann ich es nächstens wie Wasser.)

*

Für Fräulein Kleist, Schulvorsteherin.

Sie waren immer gräßlich zu mir,
Daran muß ich auch immer denken hier,
Aber der Himmel thut strafen und lohne
Das sagte mir auch Herr Schlächter Krone.
O daran denke du alte Maid,
O bete für deine Seligkeit!

*

An meine Stube.

In dir soll ich täglich wohnen und rasten,
Noch du bist nur ein viereck'ger Kasten,
Ja in Schwarzhausen, da war es schön,
Meine Stube konnte sich lassen sehn,
Da summten vorm Fenster die fleißigen Bienen
Und ich guckte durch die Mullgardinen,
Und ich hab mich auf dem Sofa gerekelt,
Diese Gardinen hier hat Fräulein Kleist gehäkelt.
Meine Waschschüssel ist auch zerbrochen,
Noch niemand hat das Unheil gerochen,
O wäre diese Stube gar nicht mehr da
Und ich erst wieder bei Papa und Mama. K.

*

Ich habe Papa meine Gedichte geschickt, damit er eine Freude hätte, aber er schreibt mir, er hätte Leibweh davon gekommen und ich sollte ja nicht mehr dichten, sondern fleißig in unsern großen Dichtern lesen. Das habe ich nun auch gleich gethan. Balladen gefallen mir am Schönsten, ich habe den Grafen von Habsburg gelesen und des Sängers Fluch, – o prachtvoll! Auch eine furchtbar vergnügte Ballade hab ich angefangen, da kam drin vor:

»Und hurre, hurre, hopp, hopp, hopp gings fort im sausenden Galopp.« Oh – da kriegte ich solche Sehnsucht nach meinem Pony. Aber gerade an der Stelle nahm mir Fräulein Kleist das Buch weg. Am Nachmittag in der Deutschen Stunde sagte Fräulein Kleist sehr zornig zu uns Pensionärinnen: »Daß sich niemand von euch untersteht und sich die Gedichte von Bürger anschafft,« deshalb hatten alle an demselben Abend sich diese Gedichte gekauft, nur ich habe sie nicht, erstens weil mein Taschengeld alle war und zweitens, weil Gretchen Döring sagt, sie wären langstielig.

Wir haben uns Blockzucker gekauft und den Erlkönig dazu gelesen, der ist nun wirklich wunderschön und von Goethe. Früher hab ich immer gedacht, es wäre ein sehr lustiges Gedicht, denn wenn Papa mal sagte: »Er hält in den Armen das sechzehnte Kind«, oder »Erreicht den Hof mit Müh und Not«, dann lachten immer alle dabei – und nun ist es so was Trauriges. Große Menschen sind sonderbar. Und wirklich, ich finde die selbstgemachten Balladen immer noch am besten. Ich habe deshalb eine gemacht, sie heißt so:

Der arme Jüngling, der von dem elenden Grafen nachher totgestochen wurde.

Auf hohem Fels, auf hohem Stein
Ein Jüngling lief hinan,
Ihn hemmet nicht das müde Gebein
Stolz klettert er bergan.
Und als er endlich oben ist
Na tritt ein Knecht herfür:
Was wollt Ihr denn, Herr junger Mann,
»Den Weg zum Graf zeigt mir!«
O geht doch ja nicht zum Grafen hin
Sein Töchterlein ist gerade tot,
Und niemand soll ins Schloß hinein
O hört auf mein Gebot!
»Was?« schreit der Jüngling – »sie ist tot?«

Ihn faßt ein kaltes Beben,
Er reißt die Thür auf und springt rein.
Da kommt der Graf soeben.
»Was wollt ihr hier, verflixter Kerl?«
Und wütend zieht er sein Schwert,
Doch nein – ein solcher Himmelhund
Ist meines Hau'ns nicht wert.
»Noch einmal – Kerl, wo kommst du her?«
»Ich komme soeben vom Ritte,
O laßt mich rein und schimpft nich so,
Ich hab 'ne große Bitte:
Laßt mich doch mal Euer Töchterlein sehn.
Ich liebte sie wie mein Leben
Ich wollte sie heiraten, doch hat ihr Gott
Den Todesstoß gegeben.
»Ihr wagt eine solche Bitte zu thun?«
So ruft der Graf wutschnaubend,
Dann sticht er sein blitzendes Schwert in das
Herz des Jünglings, das Leben ihm raubend.
Der Jüngling stirbt und blutet sehr,
Der Graf weint auf ihn nieder.
Ach Gott nun seid ihr beide tot.
Aber im Himmel kriegt Ihr Euch wieder!

*

Ich habe dem Stiefelputzpeter und der Stubenjungfer diese Ballade vorgelesen, sie haben beide beinahe geweint, na sie ist ja auch ergreifend. Minna hat mir ein Wurstbrod dafür gegeben, dick belegt, wie wirs sonst nie bekommen, Peter hatte nichts, aber er borgte mir mal sein Taschentuch, ich verlier meins immer. Sie haben mir auch sehr zugeredet, daß ich noch mehr Balladen machen soll, aber es strengt sehr an. Helene von Giers dichtet auch, sie ist viel älter als ich, jetzt macht sie Gedankensplitter. Die sind sehr nett und leicht zu machen, ich will es auch versuchen.

Gedankensplitter:

  1. Eine Schulvorsteherin, wenn sie eklig ist, ist kaum zu ertragen.
  2. Ranzige Butter schmeckt viel greulicher als frisch ausgelassenes Schmalz.
  3. Hunger ist etwas Grausames für den Leib.
  4. Es giebt so viel Schachteln in der Apotheke und Flaschen und Dosen mit was drin, aber wenn man sich nach seinem Papa sehnt, dann giebt es nichts.
  5. Wenn große Leute herumpiemeln und nöckerig und miesepeterig sind, dann spricht der Doktor eine Stunde lang mit ihnen und tröstet sie und beratschlagt sie, aber wenn Kindern das Herz weh thut, dann wissen die Doktors nichts und lachen.
  6. Es ist schade, daß es so viele Menschen auf der Welt giebt – sonst hätte der liebe Gott mehr Zeit.
  7. Der Storch ist das klügste Tier, was es auf der ganzen Welt giebt.

*

Ich mußte aufhören mit den Gedankensplittern, es ist etwas sehr Unerhörtes zu Tage gekommen. Nämlich das soll nicht wahr sein mit dem Storch. Oh ich bin so unglücklich! Gretchen Döring sagte es mir zuerst und die anderen Kinder lachten so laut, daß ich mir die Ohren zuhalten mußte. Nun sitze ich still in meiner schrecklichen Stube und mein Herz thut doll weh. Gretchen Döring klopfte vorhin schon mal an und wollte mich trösten, aber ich rührte mich nicht. Lieber Gott, warum ist nur alles, was so wunderschön ist, nicht wirklich wahr! Warum nehmen sie einem alles fort? Zuerst war es das »Osterhäschen«. Ich weiß noch so genau, wie es die bunten Eier im Garten von der Villa gelegt hatte. Rote und blaue und grüne, ach zu schön, und inwendig waren sie wie richtige Hühnereier. Ich wollte auch nie Chokoladeneier, sondern solche, die der Hase wirklich gelegt hatte. Da kam Minna Berg und sagte mir, es wäre nicht wahr!

– Dann kam's mit Knecht Ruprecht so! – Jedes Jahr war er zu mir gekommen mit dem schönen, weißen Bart und dem großen Sack voll Äpfel und Nüsse, ich hatte so nett Angst vor ihm, denn er wußte alles von meinen Dummheiten, auch wenn sie kein Mensch sonst wußte. Da sagte mir Jule, es gäb keinen Knecht Ruprecht, das war nur unser Johann. Ich fragte ihn gleich und er sagte, Jule wär'n Schaf, aber ich konnte und konnte es nun nicht mehr glauben; mir fiel gleich so viel ein, was unwahrscheinlich war. Und dann kams mit dem Christkindchen! – O das liebe Christkindchen! Es war doch so wunderschön, wie es mir immer den großen Tannenbaum anputzte, und wie das roch!!! So wie lauter Kuchen und ausgeblasene Wachslichtchen, wenn noch ein Fünkchen am Docht hängt! – Ach, und dann war das auch nur 'ne Sage! Das Christkind war gar nie vom Himmel gekommen, es hatte gar nie vorher angefragt, ob ich artig wäre; es war alles blos gelogen und mein Muttchen hatte all das Schöne gethan! – Ach! – –

Und nun der Storch! Wenn ich es nicht so genau wüßte!!! Auf dem Rathaus war doch sein Nest, hundertmal hat mir Väterchen erzählt, wie er geklappert hätte, ehe er mich brachte. Es gäbe stille Störche und laute Störche. Die stillen brächten die ruhigen Kinder und die lauten brächten die Krakehler, und von denen hätten wieder welche Quadratschnäuzchen und einige Kubikschnäuzchen. Und ich war 'ne Kubik!

Ach Gott, ich weiß es ja noch wie heute!

Und nu alles wieder nich wahr! Himmel!

Ich möchte jetzt am liebsten eine Ballade machen, eine furchtbare, aber ich bin zu doll betrübt!

Ich weiß nun auch garnicht, wen ich fragen soll, woher denn nun all die süßen Kinderchen kommen? Ich denk und denk immer los, aber ich werde nur düsig, sonst nix. Vielleicht schreibe ich an Papa, aber der is am End' bös, weil ich nichts glaube und weil ich auf die dummen Gänse gehört hab, oder ich frag am End' bei Herrn Lehrer Schönwolt an, oder bei Schlachter Krone, oder am liebsten bei allen zusammen, aber Erich und den Erbprinzen frage ich nicht, die sind auch beide noch dumm und wissen noch nichts.

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