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Kerlchens Lern- und Wanderjahre

Felicitas Rose: Kerlchens Lern- und Wanderjahre - Kapitel 4
Quellenangabe
pfad/rose/provinz2/provinz2.xml
typefiction
authorFelicitas Rose
titleKerlchens Lern- und Wanderjahre
publisherVerlag von Rich. Bong
seriesProvinzmädel
volumeBand II
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correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Aus Kerlchens Tagebuch.

Ich muß dich nun mal wieder vorholen, du altes Buch. Du bist ganz zerdrückt und hast eine Menge Eselsohren bekommen, Erich würde sagen, das war schon ein Zeichen, daß du mir gehörst. Ich sitze in meiner Stube und denke. – – – »Wir sind das Land der Denker,« sagte gestern der eklige Doktor Calmus, aber dadrin hat er Recht. Ich denke, daß es ein sehr elendes Loch von Stube ist, was ich habe, aber ich denke, es ist immer besser wie der große Schlafsaal mit den Mächens alle drin; ich denke, Herr Schönwolt hat mirs verschafft, daß ich allein schlafen darf, weil er sah, daß ich so unglücklich drüber war; ich denke, er ist doch immer und allemal der Beste. Ich weiß warraft'ch nich, wen ich lieber habe, den Schlachter Krone, den Erbprinzen, oder Herrn Schönwolt und deshalb hab ich mich gestern wütend gewehrt, wie Fräulein Kleist die Bilder auf meinem Schreibtisch umstellen wollte. Da steht nämlich in der Mitte der Schlachter Krone, weil die Fotografi am größten ist und rechts von ihm der Fürst und links mein Papa und dann davor der Erbprinz und Herr Schönwolt. Über dem Schreibtisch hängen Mama und Erich, aber natürlich nur fotografirt. Und da wollte Fräulein Kleist das Alles umändern, aber ich tobte nicht schlecht und da ließ sie es. Und weil es grade englische Konversationsstunde war, schrie ich sie an »mei Haus is mei Cassel« und da ließ sie mich zufrieden, denn das heißt auf deutsch: »Diese Bude gehört mir«! Dann steht noch mein Bett drin und ein Waschtisch und eine Kommode und ein Kleiderschrank, da muß ich Ordnung halten, denn ab und zu kommt Fräulein und residiert, das ist allemal ein schlimmer Tag, wo viel geheult wird. Über sowas heul ich natürlich nie, nur bei Sehnsucht und sowas. Es war Alles sehr ordentlich bei mir, aber Fräulein Kleist hat ganz andere Begriffe, weil sie so uralt ist, ich meine, dreißig Jahre soll sie sein, eine Greisin denkt natürlich anders, wie'n Kind. Sie wollte nicht, daß die Wichse und die Wichsbürste neben meinem Spitzenkragen lägen und noch mehr so Kleinigkeiten. Dann schimpfte sie einen langen Rebbel, daß ich immer was Besonderes haben müßte, denn die Stiefeln von uns »Pangsionärrinnen« (wie Peter sagt) werden alle vom »Peter« geputzt, das ist ein alter Diener, der schon Fräulein Kleists Vater die Stiefeln gewichst hat, aber er kann es nicht mehr gut, er hat keine Kraft und mit solchen Stiefeln geh ich nicht. Papa sagt, bei Pferden und bei Frauenzimmern sollt man immer zuerst nach den Potentaten kucken und wie die Gangart is, na und da hab ich mir ne Wichsbürste gekauft und Wichse schicken lassen von Prinz Li, der hat auch immer so blanke Stiebeln und er hat auf den Wichstopf geschrieben: »Diese Wichse weiß wie Schnee, schenk ich meiner lieben Fee!«

Da hab ich zum erstenmal Fräulein Kleist lächeln sehn. Gelacht soll sie überhaupt noch nie haben von ihrer Geburt an, aber wenn der Kaiser, oder ein Fürst, oder ein Graf, oder ein Baron, oder eine Frau von denen einen Witz macht, dann lächelt sie. Also nu wichs ich mir die Stiebeln allein, und da sagte Fräulein Kleist, es wäre 'ne Kränkung für den armen Peter. Das wollte ich natürlich nicht, und da hab ich ihn zum Vogelschießen mitgenommen und ihn freigehalten, wir waren alle hingegangen und fuhren Karussell. Jeder suchte sich aus, worauf er reiten wollte, ich nahm natürlich ein Pferd, Petern setzte ich daneben in eine Gondel und Fräulein Kleist nahm einen Schwan, trotzdem auch ein Krokodil da war. Sie war so furchtbar anstellerig und setzte sich natürlich verkehrt und wollte als Dame reiten und da mußte sie, um richtig zu sitzen mit dem einen Bein rüber steigen und wie sie das andere nachziehen wollte, da ging das Karussel los und nun saß sie so da und alle lachten furchtbar, aber ihre Strümpfe waren nicht kaput, sie brauchte sich nich so doll zu schämen. Aber dem Peter wurde schlecht in seiner Gondel, und wie wir ausgestiegen waren, konnte er auf keinem Bein stehen und faßte immer Fräulein Kleist unter den Arm, da riß sie sich los und das war doch viel mehr 'ne Kränkung für Peter, wie meine Wichse. Dann kauften sich die andern noch schrecklich viel Bonbons und Riechzeug, Eßpokkee un Odemillflör, es roch prachtvoll, aber Mama leidet nicht, daß ich was anderes wie Odekollonj nehme und auch nur bei Kopfweh, oder wenns sehr heiß is, und Prinz Li schickte mir schon öfters mal »Riviera-Veilchen«. Das riecht aber lang nicht so doll wie die Fläschchen auf dem Vogelschießen und dabei waren die sehr billig, zehn Pfennige eine große Flasche. Na, nachher ging aber bei Helene von Giers der Stöpsel los und dann wollte niemand mehr mit ihr gehen. Ich habe mein Geld beinahe alles verschossen an der Scheibe, das ist so famos, aber man kriecht nichts dafür, es geht bloß um die Ehre. – Und ich hab so oft ins Schwarze getroffen und da stellten sich eine Menge Leute drum rum und sagten, ich wäre »ä Mordskerl«. Aber da stand auf einmal Fräulein Kleist da und zog mich aus der Menge heraus und hielt mir immerlos den Fürsten vor, und was der sagen würde, wenn sein Patenkind »Mordskerl« genannt würde, aber ich sagte ihr, so nennte mich der Fürst immer, da warf sie die Augen so nach dem Himmel, daß man bloß das Weiße sah und das eigentliche Grüne drin fort blieb. Das war das ganze Vogelschießen, ich hatte es mir eigentlich noch netter gedacht, und Herr Schönwolt war garnicht mit, der hatte Stallwache, das heißt, ich nenne das bloß so, wenn er Aufsichtsdienst in der Pension hat. Auf dem Wege nach Haufe begegneten uns noch Zigeuner, es war so intressant, sie sagten uns wahr aus der Hand. Mir sagten sie, ich bekäme einen sehr klugen vornehmen Mann und vierzehn Kinder. Gott sei Dank! Fräulein Kleist sagten sie auch so was ähnliches, aber sie that garnicht, als wenn sie's gehört hätte, sie macht sich auch garnichts aus kleinen Kindern und sie sind doch so süß! – Als wir nach Hause kamen, lief ich gleich nach Herrn Schönwolts Stube und wollte ihm erzählen, wies gewesen war. Aber er sah so blaß aus, so schrecklich blaß und hörte garnicht ordentlich hin. Er wird doch nicht krank sein???

*

Ich hab Herrn Schönwolt vorhin heimlich heißes Zitronenwasser mit Zucker in die Stube gestellt. Den Zucker hab ich mir vom Kaffee aufgespart und das Wasser war nur lauwarm, aber wir dürfen ja nicht in die Küche gehen und etwas verlangen, da mußte ich schon von meinem reinen Waschwasser nehmen und das Glas über die Lampe halten, eins sprang entzwei und die Lampe ging aus und der Cylinder ging kaput, aber eins hielt, aber das Wasser wurde nicht sehr warm. Ein Brennersches Pflaster hab ich auch hingelegt für Herrn Schönwolt, ich hatte kein neues mehr, aber ich hatte noch eins aufkleben, denn wie ich neulich so Sehnsucht nach Papa hatte, glaubte ich, es würde helfen, wenn ich ein Pflaster aufs Herz klebte und das gab ich nun Herrn Schönwolt.

*

Herr Schönwolt hat mir heute gesagt, das Zitronenwasser hätte nichts genützt, und das Pflaster hätte nicht mehr kleben wollen, aber gefreut hat er sich doch, er hatte aber immer noch traurige Augen. Nich mal Kamillenthee will er trinken und das ist so was gutes; ich esse immer die ganzen Kamillen mit, man wird satter.

*

Ich hab »Tannhäuser« gesehen oder »der Sängerkrieg auf der Wartburg«. Es war wundervoll, entzückend, famos – einfach doll! Ach es ist eine Erleichterung, wenn ich in meinem Tagebuch so Wörter schreiben kann, Fräulein Kleist erlaubt so etwas in Wirklichkeit nie. Wenn ich mal sage, es ist heute » entsetzlich« heiß, dann sagt sie gleich: »Rede keinen Unsinn, sag', fühlst du wirklich » Entsetzen« in dir?« Und wenn ich »ja« sage, dann sagt sie, es wäre nicht wahr. – Oh, ich muß doch besser wissen, was innewendig in mir ist.

Also wir fuhren nach Weimar ins Hoftheater und da quälte ich so lange, bis wir Nachmittag erst noch in die Fürstengruft gingen. Nich wegen der toten Fürsten, ach Gott, nein, die machen so furchtbar traurig, namentlich die kleinen Kindersärge, und ich muß so doll an Hermann Berg denken, aber wegen Schiller. Ich darf nie richtig in ihm drin lesen, Fräulein Kleist erlaubt es nicht, aber Papa hat ihn mir doch geschenkt, sechs Bücher und ab und zu klapp ich ihn mal auf und lese wie es so prachtvoll klingt:

»Um der Imagination Genüge zu thun, muß die Rede einen materiellen Teil oder Körper haben, und diese machen die Anschauungen aus, von denen der Verstand die einzelnen Merkmale oder Begriffe absondert, denn so abstrakt wir auch denken mögen, so ist es doch immer zuletzt etwas Sinnliches, was unserm Denken zu Grunde liegt.«

Ich weiß ja nich, was Schiller meint, aber es klingt über die Maßen schön. Ich hab es auswendig gelernt und sagte es mal Fräulein Kleist, aber sie schrie gleich, ich sollte keinen Unsinn schwatzen. Phh! Unsinn! Und dabei sagt es Schiller! Und dann gebraucht Schiller auch so Wörter wie ich, und er soll doch unser Vorbild sein. Denn in einem Gedicht von ihm, da steht immerlos, was ich nicht sagen soll: »Liebt ich mein eigen Blut nicht, rasen müßt' ich,

Entsetzlich ist mir's, solches zu beschließen,
Entsetzlich, mich ihm zu entziehn. –«

»Na also! Ich hab es mit roter Tinte angestrichen, sie gehörte mir aber nicht, sie gehörte dem Lehrerzimmer, ich habe schnell mal eingetaucht. Ach, das Schönste, ist aber doch der »Handschuh«, wir haben ihn gelernt und wir haben ihn schon im Schlafsaal aufgeführt, ich war ein Löwe, aber der Schkandal war zu groß und wir kriegten Arrest. Arrest ist noch das beste an der ganzen Pension. Man braucht dann nicht zu Zwein spazieren zu gehen, sondern muß französisch sprechen, oder kann sonst Unsinn machen, wir thun immer das Letzte.«

Es liegt auch noch ein großer Dichter in der Fürstengruft, er heißt Goethe. Er hat das wunderschöne Lied gemacht: »Sah ein Knab' ein Röslein stehn«. Und denn noch was, wodran ich nichts Schönes finde, nämlich als mal Kirmse in Schwarzhausen war, da waren wir zum Tanzzusehen, und da sagte unser Johann zu unserer Dorette: »Schönes Fräulein, darf ich's wagen, Arm und Geleit Ihnen anzutragen«.

Da fragte ich Prinz Li: »Hat das Johann eben extra gemacht?«

Da sagte Prinz Li: »Nee, Goethe!«

Fräulein Kleist sagt, Goethe wär noch nichts für uns, und Papa sagt, »sie muß es wissen.«

*

Wie ich so bei Schiller stand, hab' ich den großen Sarg gestreichelt, ich war ganz allein, der Führer ging mit den andern und erklärte, aber ich wußte alles schon und besehe mir so was viel lieber ohne die andern. Es war so dämmrig in der Gruft und da kamen auf einmal Herr Schönwolt und Fräulein Kolditz herein, gerade die beiden, die ich am liebsten in der Pension habe. Sie sahen mich aber nicht, und zwischen Schillers und Göthes Sarg gab Herr Schönwolt ihr einen Kuß. Sie sagte immer »nicht hier, nicht hier!« Aber er kehrte sich nicht dran. Es muß aber doch sehr traurig sein, wenn so'n großer Mann so'n altes Mädchen küßt, sie weinen immer dabei, bei Doktor Karsten und Fräulein Mauritius war es ebenso. Nachher sahen sie mich, und Fräulein Kolditz erschrak sehr, sie sieht doch sehr süß aus, wenn sie auch schon dreiundzwanzig Jahre alt ist. Ich fragte sie an Karl Augusts Sarg, ob sie sich heiraten wollten, aber da weinte sie immer döller und dann kamen die andern mit Fräulein Kleist herein und Fräulein Kleist sah furchtbar böse aus.

Abends im Theater war es so schön, daß es einen Hund jammern konnte, aber wir mußten so steif da sitzen, wie Holzklötze, und durften kein Wort fragen, und auch nicht »ah« oder »oh«, »o Gott«, oder »Himmel noch mal zu!« rufen. Fräulein Kleist sah aus wie sieben Tage Regenwetter, Fräulein Kolditz weinte und Herr Schönwolt war blaß und hatte ein finsteres Gesicht. Als ich ihn fragte, ob die Venus nicht fröre, weil sie doch so wenig anhätte, da antwortete er garnicht und Fräulein Kleist sagte leise zu mir, sie würde mich aus dem Theater schicken, wenn ich mich noch einmal unpassend betrüge. Ich habe mich wahrhaftig nicht unpassend betragen, sie sollte das lieber der Venus sagen, – phh – ich hatte ordentliches Zeug an.

Nachher, als wir nach Erfurt zurück kamen, führten wir das Stück wieder auf im Schlafsaal, ich kam nochmal aus meiner Stube wieder heraus, wie ich dachte, nun könnte Fräulein Kleist möglicherweise eingeschlafen sein, und da war ich Theaterdirektor und arranschierte erst alles. Ich litt auch nicht, daß die Venus, die Helene von Giers durchaus sein wollte, bloß einen Schleier umthat, sie mußte sich ordentlich anziehen und bekam noch ein Bettlaken als Schleppe, und von Herrn Schönwolt nahm ich einfach den ganzen Anzug, den er zum Ausklopfen für Peter draußen hingehängt hatte und zog ihn an, denn ich mußte Tannhäuser sein. Die Hosen banden sie mir um den Hals zu, denn sie waren viel zu lang und der Rock schleppte auch, aber es war doch sehr ähnlich wie der richtige Tannhäuser, namentlich als ich kniete. Dann spielte ich ein Lied auf der Waschschüssel, da hatten wir nämlich vier Stricke drüber gebunden, das waren die Saiten und ich sang dazu, was mein Papa früher öfters zu seiner Guitarre sang, wenn er recht lustig war:

»Es hätt geschniet«
Es hätt gefroren,
Min Mann is hüt
Nicht utgefohren.
Min Mann is to Hus
Min Mann is to Hus
Min lewer zucker, zucker, zuckersäuter Mann.«
Slap du, min säutes Kindeken
Slap du in säuter Roh
Un mal du deine Äugelein
Des Abens frühe to.
Bsch, wsch, bsch, wsch, bsch, wsch!!!

Es klang wunderschön, aber wir lachten alle so doll, besonders der Landgraf von Thüringen, der ein Nachthemd anhatte und auf einem Koffer ritt, und da kam plötzlich Fräulein Kleist an, wir hörten aber nur an ihrer Stimme, daß sie es war, denn sonst sah sie sehr verändert aus. Die Haare hatte sie über Papier gewickelt, das waren nun lauter Hörner und ihre Zähne hatte sie in der Kommodenschieblade vergessen und im Zeug ging sie beinahe wie die richtige Venus im Theaterstück. Sie hatte auch ihre Brille vergessen und deshalb sah sie nicht, daß ich schnell unter ein Bett kroch. Die andern kriegten nun furchtbare Schimpfe und zum Schluß sagte sie, sie freue sich, daß Felicitas Schlieden nicht mit dabei wäre bei dem Unfug, und wolle ihr gleich morgen ein öffentliches Lob erteilen. Wie sie raus war, lief ich schnell in meine Stube, den Anzug von Herrn Schönwolt mußte ich leider nur so herunterstrampeln und auf der Treppe liegen lassen, die zu seinem Zimmer führt, denn ich konnte nicht an den Nagel langen, um ihn aufzuhängen.

Am andern Morgen schrie der dumme Peter das ganze Haus zusammen, ich meine aber nicht Herrn Schönwolt, sondern den richtigen, dummen Peter, der glaubte, es wären Diebe da gewesen. Der Anzug sah schrecklich aus, weil ich damit doch so unter dem Bett herumgerutscht war und die Stubenjungfer nicht so aufwischt, daß es ordentlich rein ist, aber ich sagte Herrn Schönwolt gleich alles und wollte Papa um einen Anzug von sich selbst bitten, aber Herr Schönwolt meinte, es ginge nicht, daß er in einer abgelegten Oberstenuniform unterrichte.

*

Oh, es kann und kann und kann nicht wahr sein!!! Herr Schönwolt soll fort von dieser Schule!

Es muß etwas Schreckliches passiert sein. Entweder hat Herr Schönwolt Fräulein Kleist die Treppe herunter geworfen, oder Fräulein Kleist Herrn Schönwolt. Man erfährt garnichts richtiges, sie sprechen nur von »überwerfen« und »Zerwürfnis«. Vielleicht haben sie sich auch nur was an den Kopf geworfen. Fräulein Kleist ihre Stimme hörte man bis oben rauf und dann ging ich an Fräulein Kolditzens Zimmer vorüber, da hörte ich sie leise weinen, es klingt schrecklich traurig, wenn so'n altes Mädchen weint; oh, sie soll auch fort aus der Schule, es thut mir zu leid! Ich hab mich besonnen, was ich ihr schenken könnte, aber ich hab nich viel. Endlich nahm ich meine goldene Taschenuhr vom Fürsten, einen kleinen Ring von Papa, meine Ledermappe mit den Oblaten und meine aller-allerliebste Puppe Emmy, die keinen Kopf mehr hat. Ich rüttelte an Fräuleins Thür, aber sie hatte sich eingeschlossen, da ging ich zu Herrn Schönwolt und brachte ihm die Sachen. Er wollte immer sprechen, aber er konnte nicht, er streichelte nur immer mein Haar und ganz zuletzt, da gab er mir die Uhr und den Ring zurück und sagte:

»Die Puppe Emmy behalte ich und auch die Oblaten, sie sind das Schönste, was ich je geschenkt bekommen habe, ich bringe alles meiner Braut.«

Und dann erzählte er mir, daß Fräulein Kolditz zu seiner Mutter ginge nach Vieselbach, denn sie wäre eine Waise und müßte dort bleiben, bis er eine neue Stelle hätte und sie holen könnte, aber das dauerte viele, viele Jahre lang. »Gehn Sie denn fort,« fragte ich ihn und mußte furchtbar weinen, und er nickte so traurig und sagte, vier Wochen bliebe er noch hier. Vier Wochen! Die sausen ja nur so dahin! Vier Wochen! Die sind ja nur wie ein Tag, meinetwegen so lang wie der Donnerstag, wenn wir nur bei Fräulein Kleist Stunde haben.

*

Ich habe eine Idee! Ich habe oft Ideen, ich meine, sie sind immer wundervoll, aber Papa wünscht immer, ich gewöhnte mir die Ideen ab und Fräulein Kleist sagte schon, meine Ideen wären schlimmer wie 'ne Krankheit. Aber diese Idee ist ganz gewiß wunder, wunder, wundervoll!!! Lieber Gott, du kannst ja alles, mach doch, daß aus dieser Idee wirklich etwas Gutes wird!

*

Lieber Gott, ich komme wieder zu dir! Ich bin so aufgeregt und kann doch mit niemand davon sprechen. Sei doch so gut und laß mich bald Antwort kriegen.

*

Nichts! nichts! Es sind schon vier Tage vergangen! Jeden Morgen renne ich den alten Briefträger über den Haufen, er ist schon ganz verdrießlich, weil ich ihm heute mit der Thürklinke in den Rücken stieß, aber er hat nie was für mich. Lieber Gott, ist es denn nicht möglich – – –?

*

Immer nichts! Ich bin so ffffurchtbar traurig! Ich dachte, es würde mir von Schlagsahne besser werden, und habe mir was aus der Konditorei geholt, aber mir ist nach den fünf gefüllten Windbeuteln ordentlich wie'n bischen übel geworden.

*

Zehn Tage vorbei! Ich habe heute so viel Ausgezanktes von Fräulein Kleist bekommen, daß ich ganz dumm im Kopfe bin. Dann fragte sie mich ganz plötzlich mitten in dem Schimpfen, wann der Vertrag von Verdun wäre, ich wußte es nicht, es ist mir auch ganz Wurscht, wann er war, und dann mußte ich es dreißigmal aufschreiben, aber den Zettel hab ich verloren und weiß die Zahl nun nicht mehr. Ich denke ja auch nie an den Vertrag von Verdun, sondern immer nur an – o lieber Gott, du weißt, woran ich denke!

*

Nun sind drei Wochen vergangen. Fräulein Kleist hat an Papa geschrieben, ich wüchse wohl zu rasch und würde blaß und mager. Ich habe solch einen lieben Brief von Papa, er schreibt, er hätte Angst um mich. I wo, lieber Herzenspapa, ich bin nicht krank, ich muß nur soviel denken und traurig sein.

Lieber Gott, möchtest du mich vielleicht noch einmal ruhig anhören? Ich will dich ja nicht quälen, aber bitte, bitte, bitte, lieber, guter Gott, thue es doch! Denk doch dran, wie furchtbar nett und schön meine Idee ist und ich bin doch von alleine drauf gekommen und du brauchtest dich nicht weiter drum zu bemühen, aber nun bitte, bemühe dich doch und mache uns alle so glücklich! Lieber, lieber Gott, ich habe dich so lieb! Gute Nacht! Hilf mir! Gute Nacht!

*

Es ist nur gut, daß niemand dies Buch zu Gesicht bekommt, so viel Klexe sind drin und so viel Ausgestrichenes. Wenn ich früher einen Klex in meinen Briefen machte, dann zeichnete Papa immer ein Schweinchen aus dem Klex heraus, mit so'n vergnügten Ringelschwänzchen, aber das konnte ich doch bis jetzt nicht thun, ich mußte ja immer so traurig schreiben – heute – ach heute bin ich so, so, so fröhlich, ich hab schon meinen Stuhl und meine Waschschüssel umarmt, weiter hab ich hier nichts. Schad' auch nix. Ach Gott, wie soll ich's nur aufschreiben und erzählen! Es ist ja zu schön! Lieber, guter Gott, ich dank' dir auch vielmals!

Nämlich Herr Schönwolt, (Fräulein Kleist hat mir gesagt, ich sollte nicht immer alle Sätze mit »also« anfangen, nun will ich »nämlich« nehmen) – – – also Herr Schönwolt rief mich heut in sein Zimmer und sah mich an – ganz komisch. Er war ganz furchtbar aufgeregt. Auf einmal sagte er: »Ja, bist du denn eigentlich ein Menschenkind, du kleines Kerlchen, oder eine richtige, kleine Fee?«

Ich guckte ihn nur dumm an, da lachte er.

Er zog einen ganz dicken Brief aus seiner Brusttasche, da war 'ne Menge Gedrucktes drauf und dann noch ein Bogen mit son Krikelkrakel und fürchterlich geschmierten Namen, der war vom Fürsten, der schreibt so, ich kenn' ihn. Ich mußte gleich in der Stube rumtanzen und pfiff dazu und schrie und trampelte und Herr Schönwolt strahlte, aber er sagte immer: »Bsch, wsch!« denn Schreien, Pfeifen und Trampeln ist in der Pension verboten, Fräulein Kleist hat 'ne neue Schulordnung gemacht, seit ich da bin. Also nämlich das entsetzlich Schöne ist nun, daß Herr Schönwolt Lehrer in Amalienlust geworden ist, und das süße Häuschen bekommt, das so ganz weinumrankt auf einer kleinen Anhöhe liegt.

Und dann mußte ich ihm alles erzählen, was ich gethan hatte. Also wie ich die Idee kriegte, da wollte ich an den Fürsten schreiben. Natürlich, wie immer, kam Fräulein Kleist dazu und war ganz aus dem Häuschen und holte mir einen mächtigen Bogen und einen Briefumschlag, so groß, wie ein Kopfkissen und dann diktierte sie mir. Immerlos mit »Durchlaucht« und »Durchlauchtigster« und »gehorsamst« und »ergebenst«, es wurde einem so, wie wenn man sich den Finger in den Hals steckt. Sie brachte den Brief selbst zur Post und war den ganzen Tag mörderlich freundlich mit mir, dann kann ich sie noch weniger leiden, als wenn sie schimpft.

Oh, und ich war wütend. In dem Brief stand ja kein Wort von meiner Idee, nur lauter Quatsch, denn Fräulein Kleist sollte ja nichts davon wissen. Ich mußte deshalb die ganze Nacht durchschreiben, einen neuen Brief; es war aber nicht die ganze Nacht draufgegangen, denn ich lag um 11 Uhr schon im Bett. Also ich hab geschrieben:

Mein lieber Pate!

Entschuldige nur ja, daß ich solchen Blödsinn geschrieben habe, ich habe ihn mir nicht ausgedacht, sondern Fräulein Kleist. Immer wenn ich einen vernünftigen Brief schreiben will, kommt ein Erwachsener drüber und diktiert mir Quatsch. Lieber Pate, Du hast mir früher so oft gesagt, ich möchte mir was von Dir wünschen, aber ich hatte ja so viele Puppen und auch schon ein Brillantkreuz und einen Ring und ein Pony, ich wußte nie, was ich mir wünschen sollte. Aber nu weiß ichs.

Du suchst doch gewiß einen lieben, klugen Lehrer in Amalienlust und nu hab ich einen für Dich, der ist hier rausgeschmissen von Fräulein Kleist, und er möchte doch so gern jemand heiraten, nämlich ein Mädchen. Lieber Pate, Herr Schönwolt ist der nettste Mensch, den ich kenne, er hat mir immer nur Gutes gethan, wenn ich so einsam war. Weißt Du, wie das ist, wenn man so einsam ist und so hungrig dabei, daß es innewendig so kollert? Also, bitte, lieber Pate, nimm Herrn Schönwolt zu Deinem Lehrer nach Amalienlust und gieb ihm das liebe Lehrerhäuschen; aber der Ofen in dem Wohnzimmer, der raucht, das hat mir der frühere tote Lehrer Greßler erzählt, den mußt du rein machen lassen.

Bitte, sage niemanden was davon, auch Deiner Frau nicht, sie könnte was wiedererzählen. Nämlich es weiß niemand was von meiner Idee, als ich und du und der liebe Gott. Den bitte ich immerlos, damit Dus thust.

Wie geht es Deinem Jungen, dem Li? Papa schrieb, er wäre so viel krank, das thut mir furchtbar leid, ich bete jeden Abend für ihn, wenn ich nicht zu müde bin.

Hoffentlich schreibst Du mir bald, bitte, schreib mir dann auch, ob ich Dich noch »Du« nennen darf, Du darfst mich gerne immer »Du« nennen, auch wenn ich mal eine Dame werde.

In der Hoffnung, daß mein liebes Schreiben Dich munter antrifft bin ich Dein Dich liebendes Kerlchen.

P. S. Schreib recht bald!

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