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Kerlchens Lern- und Wanderjahre

Felicitas Rose: Kerlchens Lern- und Wanderjahre - Kapitel 15
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleKerlchens Lern- und Wanderjahre
publisherVerlag von Rich. Bong
seriesProvinzmädel
volumeBand II
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correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Aus Großtante Hermine's Vermächtnis.

»Sorbitten, den 1. May 1825.

Der Fritz von Rumohr ist wieder da, der tolle Fritz! Ich sehe die Fahne seines Herrenhauses flattern.

Still, still! Oh, daß Niemand erfahre, wie ich diesen Zeitpunkt herbeigesehnt, wie sehr ich den Fritz geliebt habe, alle die Jahre hindurch! Wenn sie es wüßten, wie sie wohl lächeln würden über Prinzessin Turandot, über die stolze Hermine! Still, still! Die Mutter trauerte, als ein Freier nach dem andern fortgeschickt wurde, der Vater schalt. Und ich hatte kein Pfand, kein Liebeswort zum Troste; der tolle Fritz war in die Fremde gegangen mit einem gleichgültigen Abschiedswort für seine Jugendgespielin. Was war ich auch damals für ein farbloses Ding, dazu herb und unliebenswürdig, und der reiche, schöne Fritz von Rumohr konnte wählen unter den reichsten und schönsten Töchtern des Landes.

Den 6. May.

Heute kam er zu uns; der Vater war auf den Feldern, die Mutter sah nach dem Rechten in Küche und Haus, so empfing ich ihn. Er erblaßte, als er mich sah, und war unruhig und zerstreut. Ich bezwang mein wildschlagendes Herz und antwortete ruhig und kühl. Da faßte er plötzlich meine Hand und rief: »Wie wunderschön bist du, Hermine!«

Ich lachte ihn aus, da sprang er auf und eilte hinaus.

Den 7. May.

Im Sturme hat er mich genommen, der tolle Fritz, ich bin seine Braut. Es war kein ruhiges, schönes Werben, und die Mutter bangt um mein Glück. – Ich nicht, bei Gott, ich nicht. Ich sehe die Welt in rosafarbenem Schimmer, ich bin trunken vor Glück. Wie ist er doch so einzig und eigenartig, mein Fritz! Zu allem hat er Talent, er spielt meisterlich auf dem Spinett und auf der Geige, er zeichnet und malt weit über den Dilettanten hinaus; ich kann von alledem gar nichts. Zuerst that er mir leid, aber er rief lachend: »Du sollst nichts, als mich lieben und schön sein, Hermine.«

12. May.

Fritz überschüttet mich mit Kostbarkeiten, jeden Tag bringt er mir etwas anderes mit, was er auf seinen Reisen gesammelt hat, und ich muß mich ihm einmal als Odaliske, einmal als spanische Tänzerin und einmal als Rokokodame zeigen. Dann kann er schier in Entzücken geraten und preist meine Schönheit, die mir bis dahin so gleichgültig war. Im Juli soll schon die Hochzeit sein, bis dahin giebt es tüchtig zu schaffen, denn ich soll auf Muttchens Wunsch jedes Stück meiner Aussteuer selbst nähen.

16. May.

Wir bekommen eine Hausgenossin; ein Mühmchen von mir wird bei den Eltern an meiner Stelle bleiben, wenn ich meinem Fritz gefolgt bin. Zwanzig Jahr ist die kleine Paula erst alt, ein verwaistes Mündel meines Vaters, die Tochter seines besten Freundes. Sie soll engelschön sein, erklärt mein Vater, der sie im vorigen Jahre sah, als ihre Mutter beerdigt wurde.

25. May.

Ja, sie ist engelschön, die kleine Paula. Seit gestern weilt sie bei uns. Von dem Augenblicke an, als sie ihr Aschenbrödelfüßchen auf das Trittbrett des Reisewagens setzte, eroberte sie unsere Herzen. Dabei ist sie keck und übermütig, ihrer Schönheit voll bewußt, sie neckt sich mit jedem im Hause, und ihr Lachen klingt wie ein silbernes Glöckchen. Nur meinen Verlobten behandelt sie kühl, ganz von oben herab, und das ärgert ihn, ich merke es wohl. Er ist gewohnt zu siegen, mein Fritz. Heute machte ich ihr ein paar Vorhaltungen, da entgegnete sie:

»Weißt du, wie die Leute deinen Bräutigam nennen? Den Rattenfänger von Hameln.«

Die Mägdelein so groß als klein.
Sie müssen alle hinterdrein!«

»Nun – ich will nicht hinterdrein laufen.«

Sie lachte laut und trällerte das Schelmenlied immerfort ...

»Rattenfänger«! Wie häßlich das klingt!

26. May.

Es ist jetzt solch ein anregendes Leben bei uns, die Tage fliegen nur so dahin. Wir reiten viel zusammen aus, Fritz, Paula und ich, und die langen, schönen Sommerabende bleiben der Musik. Paula singt einen glockenhellen Sopran, ich begleite sie mit meiner Altstimme, und dazwischen jubelt und klagt die köstliche Amati meines Fritz. Er selbst sieht jetzt oft recht düster und verstimmt aus, ich kenne ja jeden Zug in dem lieben Gesicht.

1. Juli.

Gott hat mir eine schwere Prüfung geschickt; vier Wochen liege ich nun schon auf dem Siechbett. Wir hatten einen tollkühnen Ritt unternommen; ich wollte hinter Paula nicht zurückstehen und spornte mein Pferd, damit es das Hindernis nehmen sollte. Ich achtete nicht auf den Zuruf meines Verlobten, der gleich mir wußte, daß mein »Jager« nicht springt, ich sah nur, wie seine Augen bewundernd an Paula hingen, da wurde ich trotzig. Oh, wie war die Strafe so hart! Der Arzt sagt, mein Bein sei mehrfach gebrochen, dazu hat sich eine Lähmung eingestellt, die noch nicht wieder gewichen ist. Paula pflegt mich mit aufopfernder Liebe, ihr rundes Gesichtchen ist von den vielen Nachtwachen schmal und blaß geworden. Mein Fritz leidet furchtbar. Zuerst wich er nicht von meinem Lager, und ich mußte ihn anflehen, wenigstens auf Stunden der Ruhe zu pflegen. Jetzt sehe ich erst so recht, wie er mich liebt.

8. Juli.

Ein Hoffnungsstrahl! Ich nehme heilkräftige Bäder, und mir ist, als könnte ich die Füße schon etwas bewegen. Dank! Dank Dir, guter Gott!

20. Juli.

Der Schimmer ist erloschen! Ich bleibe für immer gelähmt. Gott, Du bist hart! Was that ich? Fritz, ach Fritz verlaß mich nicht! Gelähmt, gelähmt! Mein Gott, ich verzweifle!

Sorbitten, im November.

Oh, die wilden Worte, die da oben stehen. Habe ich sie wirklich geschrieben? Wie ruhig und still ist's doch da drinnen im Herzen geworden, und so still lege ich jetzt mein Leid in diese Blätter nieder. Als ich zum ersten Mal wieder nach langer Zeit in den herbstlichen Park gefahren wurde, setzten meine Eltern mit Fritz unsern Hochzeitstag fest. Fritz war liebevoller als je, aber furchtbar ernst; nun es gab ja auch nichts zum Lachen, nichts als unsern Sonnenschein, unsere Paula. Sie war es auch, mit der ich Fritz zum ersten Male wieder scherzen hörte; wie freute ich mich darüber! Sie hatten längst den Fehdehandschuh begraben; meinem Fritz kann ja doch niemand widerstehen. Es war ein Genuß, die beiden schönen Menschenkinder zu sehen, wenn sie nebeneinander durch den Garten schritten – – – –

So saß ich eines Abends im dämmrigen Park unter der großen Tanne; ihre Zweige verdeckten mich ganz, und der harzige Geruch hatte mich beinahe eingeschläfert. Vor dem Hause, ich sah's durch die Zweige, gingen Paula und Fritz im Gespräche auf und ab. Halb hinter meinem Rücken, in geringer Entfernung von mir, schnitten der alte Gärtner und seine Enkelin an den Buchsbaumhecken.

»Sieh, Großvater, das schöne Paar!«

»Hm! Ja! Ein schönes Paar und liebe, gute Menschen, alle Zwei.«

»Ich mein' immer, Großvater, er hat die Fräulein Paula lieb.« – –

»Kindskopf! Er ist ein Ehrenmann! Man heißt ihn den tollen Fritz, aber wo's aufs Manneswort ankommt« – –

»Großvater, mir thut er leid!«

»Was da, leid thun! Giebt er das Engelchen die Paula auf, kriegt er doch auch einen Engel wieder – das Herminchen. – –«

»Ist doch ein Krüppel, Großvater.«

»Ein Krüppel, ja! Das Leid muß er tragen. Und er wirds tragen, dafür ist er ein Rumohr. Freilich, wenn Fräulein Hermine ihn freigäbe, eine herrliche That wär's, eine Engelsthat, aber – – – –«

*

Oh, die Nacht, die auf diesen Abend folgte! Dieses Kämpfen, dieses Ringen! Oh, über das schwache Herz! Draußen sangen und lachten Burschen und Mädchen, im Dorfe war Tanz, und deutlich tönte es zu mir herüber: »Leute, sagt mir's ganz gewiß, was das für ein Lieben is? Die man liebt, die kriegt man nicht und 'ne andre will ich nicht.«

Andern Tags ließ ich Fritz rufen; er war so gut, so zärtlich und machte mir mein Werk doppelt schwer. – –

Als er mich verlassen, da war er frei, ganz frei, und vor mir lag eine öde, öde, glücksarme Zukunft. – –

Sorbitten, im May.

Mein Büchlein, ich flüchte zu dir. Ist's wirklich erst ein Jahr her, seit ich in deine Blätter schrieb: »Der Fritz ist wieder da!«? Ich bin allein im Herrenhause, sie sind alle in der Kirche, da wird mein junges Mühmchen eben dem Fritz angetraut. Wie sah sie reizend aus im Brautschleier! Sie umschlang mich mit beiden Armen, lachend und weinend zugleich, als sie Abschied nahm.

»O Herminchen,« flüsterte sie mir ins Ohr, »wie bin ich glückselig, und wie war es so gut, daß du den Fritz nicht wolltest.« Ich lächelte, ja wirklich, ich konnte lächeln und konnte auch mit ruhiger Stimme zu Fritz sagen: »Glückauf, lieber Fritz, glückauf!« Dann war ich allein. –

Ein Jahr später.

Wie das Schicksal doch so wunderlich ist! Ich, die ich glaubte, ein armer, verlassener Krüppel zu sein, darf schöne Christenpflicht ausüben und mein Mühmchen pflegen. Mein Bein ist über alles Erwarten gut geheilt, die Lähmung gewichen, freilich einen festen Stock werd' ich nie entbehren können, aber was will das sagen, im Vergleich zu dem Leid, dem ich zuerst entgegensah? Und nun bin ich hier und darf Paula pflegen, die ihr erstes Kindchen im Arme hält. Fritzens Sohn!

O du guter Gott! Zuerst meint' ich, ich müßte zusammenbrechen, als ich das süße, süße Geschöpfchen sah, – sein Kind und nicht das meine! Aber das ging vorüber! Wir Schliedens, ob Weib, ob Mann, sind allezeit tapfer gewesen. Und ich hab an der Wiege des Knaben gelobt mit heiligem Schwur, das Kind nie zu verlassen, für es zu sorgen mein ganzes Leben lang.

Nach Jahren.

Diese traurigen Nachrichten von Fritz und Paula! Immer Krankheit, Siechtum, Unrast. Paula ist fortwährend im Süden, der Junge, der Hans, wächst ohne Mutter auf und soll ein ungeberdiger Bursche sein. Wie gern nähme ich ihn zu mir, aber Fritz erlaubt es nicht, er ist nervös und reizbar geworden und pocht auf sein Vaterrecht, das ich ihm ja gar nicht nehmen will. Aber Hans braucht mütterliche Liebe neben der Strenge des Vaters, von der die Leute ganz unglaubliche Sachen erzählen.

Mehrere Jahre später.

Paula und Fritz sind tot, beide hinweggerafft von der gleichen tückischen Krankheit, und nun gehört Hans mir. Welche Verantwortung! Ich beschied ihn sofort zu mir, aber er kam nicht, der trotzige Junge. Da reiste ich hin und fand ihn mit seinem »Erzieher« rauchend, trinkend, spielend – und äußerst störrisch und verstockt. Oh, wie sieht das prächtige Gut aus! Unerhört verkommen! Herr von Trebnitz ist Vormund von Hans. Er hat mir eigentlich die Thüre gewiesen, ich kann es ruhig so auffassen, wenn er auch überaus aalglatt und höflich war – ich hätte »keine Rechte an sein Mündel«. – Gilt denn das Recht des Herzens nichts?

Nach Jahren.

Das Gut ist unter den Hammer gekommen, das schöne, stattliche Gut! Wieder reiste ich hin, aber ich habe Hans nicht gesprochen, er war schon wieder nach Berlin gereist. Dorthin kann ich ihm nicht folgen, er soll wild und wüst darauf los leben. Die Menschen reden so viel.

Nach Jahren.

Doch einmal ein Lichtstrahl! Hans hat mir einen liebevollen Brief geschrieben, er ist ganz verändert und schier gebrochen, weil er sein junges Weib verloren hat. Ich wußte gar nicht, daß er verheiratet sei; ich hatte ihn, Gott verzeih mirs, aus den Augen verloren, weil er sich nicht finden lassen wollte. Was thut's, daß Hans jetzt plötzlich diese hohe Summe von mir fordert? Ich glaub' es ihm gern, daß die Krankheit seiner Frau unermeßliche Opfer gefordert hat. Und giebt er mir nicht unendlich viel dafür wieder? Ich soll seinen kleinen Sohn aufnehmen, Fritz von Rumohr, den Enkel des Nievergessenen! Hans will auf Reisen gehn. Oh, nun ist Leben auf meinem stillen Gute, Kinderfüßchen trippeln um mich herum, was ist Fritz für ein Prachtjunge! Der schlägt nach dem Großvater, dessen Augen und Nase er hat, dazu den festen, entschlossenen Zug um den Mund. –

Einige Monate später.

Ich hab mich nicht lange des herzigen Knaben erfreuen dürfen, die Großmutter beansprucht ihn, Frau Heinke Tönningsen auf Haus Buchenhagen in der Marsch, in Schleswig-Holstein. Alles muß ich hergeben, was mir lieb ist, alles!

Später.

Hans von Rumohr braucht unendlich viel, seine Reisen verschlingen Unsummen. Ich habe mein Gut verkauft und ziehe nach Schwarzhausen, dort hab ich noch mein »Tannenruh« und die andere Villa, dort hab ich vor allen Dingen meinen braven Neffen Schlieden und seine sanfte Paula. Ernst Schlieden ist solch ein prächtiger, selbstloser Mensch, er beansprucht nichts von meinem Vermögen für sich und die Seinen, er weiß, daß alles, was ich habe, Fritzens Sohn und Enkel gehört. Von dem kleinen Fritz höre ich wenig, er besucht in Kiel das Gymnasium und soll strebsam und fleißig sein.

Nach Jahren.

Ich habe furchtbare Sorgen. Schlieden steht mir mit Rat und That zur Seite, auch Seine Durchlaucht der Fürst ist sehr gütig, aber sie können den Ruin nicht aufhalten, der unaufhaltsam nun über mich, die Greisin hereinbricht. Jetzt, nach all diesen langen Jahren habe ich zum ersten Male selbst Nachricht von der Frau Heinke Tönningsen erhalten, der Großmutter von Fritz. Furchtbare Nachrichten! Sie hat den Gatten ihrer Tochter und Vater ihres Enkels schon lange aus Haus und Herz verstoßen. Auch sie ist arm geworden durch ihres Schwiegersohnes Leichtsinn, aber sie hofft, ihren alten Hof wieder in die Höhe zu bringen, – sie ist eine mutige thatkräftige Frau trotz ihrer 58 Jahre und sie bittet mich, nichts mehr für Hans von Rumohr zu thun. Von ihrem Enkel Fritz erwartet sie, daß er ein Bauer wird, wie die Vorfahren seiner Mutter es waren, – ach, und zu gleicher Zeit schreibt mir der Junge, daß er für sein Leben gern studieren möchte. Aber dazu giebt die Großmutter nie ihre Einwilligung. Und ich besitze nicht mehr genug; guter Gott, die reiche Hermine ist bettelarm geworden! Und wo ist Hans? Wie wird alles enden? Barmherziger, wie anders hab ich mir das Leben geträumt, damals, damals, als ich die Fahne auf dem Herrenhause Rumohr flattern sah und jubelnd ausrief: »Der Fritz ist wieder da!«

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